schoene-tote

Lothar Schöne, mit dem ich auch schon eine gemeinsame Lesung hatte, ist ein dem Rheingau und den Städten Mainz und Wiesbaden eng verbundener Autor. Dieser kleine Krimi ist im E. Humbert Verlag publiziert worden, einem kleinen Verlag in der Rheinhessischen Schweiz. Hier auf dem Blog finden sich mittlerweile diverse Bücher von Schöne (siehe unten), die zum Teil – wie angedeutet – regionalen Charakter haben. So auch “Tote sterben gesünder”, der in Wiesbaden spielt, aber so manchen Abstecher macht ins gegenüber liegende Mainz und in den Rheingau. Wohnt man, so wie ich, nicht all zu weit von dieser schönen Ecke weg, ist das schon ganz witzig, wenn man bei Ortsnennungen sofort die entsprechenden Bilder im Kopf hat. Und in diesem Fall fällt dem Rezensenten natürlich auch sofort auf, daß der VW Passat von S. 11 die A66 bei Eltville niemals verlassen konnte, weil nämliche da schon lange als B42 firmiert….

Worum geht es in diesem Krimi? Nun, es geht um eine erquickliche Anzahl von Toten, bei denen die Todesursache nicht klar ist, die Umstände jedoch an natürlichen Abläufen zweifeln läßt. Hier weiß der Leser dann aber mehr als die Ermittler, denn diese tappen im Dunkeln und versuchen, sich einen Durchblick zu verschaffen, während wir sozusagen denTätern über die Schulter schauen. Und diese sind irgendwo im Dunstkreis einer kleinen Pharmafirma zu suchen, die im Moment von einem großen Unternehmen aufgekauft wird. Gibt es da einen Zusammenhang? Oder sind die Wettschulden des ersten Toten doch die heißere Spur? Und hat der plötzliche Tod von Claudia Graf, die wegen einer plötzlichen Bronchitis ins Krankenhaus musste, irgendetwas mit dieser Sache zu tun?

Das jedenfalls glaubt Florian Wunder, Kommissar und Mitarbeiter von Julia Held, der Kriminalhauptkommissarin, die diesen Fall bearbeitet und die eine gute Freundin der verstorbenen Claudia Graf war. Diese zwei Ermittlerfiguren sind ein typisches Buddy-Paar, zwei gegensätzliche Figuren, die sich gegenseitig frotzeln, aber doch gut als Team agieren. Julia Held, bei deren leicht dementem Vater sie immer wieder auf neue Fragen stößt, die für diesen Fall wichtig sind/sein könnten, kommentiert die Welt mit Shakespearezitaten, während der Kollege Wunder etwas einfacher gestrickt ist und sich eher Sorgen um seine körperliche Unversehrtheit machen muss, wenn er seiner Freundin mal wieder wegen einer Observation einen Korb geben muss.

So geht es in diesem kleinen Krimi, der sich Betrügereien im Pharmasektor widmet, munter hin und her, er ist sehr dialogisch geschrieben und weist ein hohes Tempo auf. Der Humor kommt nicht zu kurz, wenn der Autor z.B. den besagten Wunder-Mann von seiner Freundin mit Bücher aus eigener Feder bewerfen läßt oder der Vorgesetzte der beiden Ermittler mal wieder als Archetyp des mediengeilen Chefs, der die Lorbeeren für sich abgreifen will, ins Zimmer stürmt und dann infomäßig doch an der eher kurzen Leine gehalten wird…. etwas aufdringlich wirkt dagegen die vielfache Nennung diverser deutscher Automodelle, mit denen die Akteure den Rheingau durchmessen, ein “product placement” der schriftstellerischen Art……

Ganz sicher hat Schöne mit diesem Krimi, der der erste zu sein scheint einer zu erwartenden Reihe mit diesem Ermittlerpaar, das Genre nicht neu erfunden, ich möchte mich auch nicht anheischig machen, dafür zu garantieren, daß alles und jedes der Geschichte logisch unangreifbar gestaltet ist. Aber der Autor hat den kleinen Roman kurzweilig gestaltet, wenn man mag, kann man sogar eine gewisses Mass an Gesellschaftskritik bzw. (Gesundheits)Politikkritik darin finden, letzteres ist ja ein dankbares Objekt für Kritik…. Genau das richtige also, wenn man in Bahn oder Flieger zwei, drei Stunden unterhaltsam und kurzweilig überbrücken will. Und wer das Lokalkolorit des Rheingaus mit seinen zwei Metropolen mag, für den ist das Büchlein eh attraktiv…

Weitere Bücher von Lothar Schöne im Blog:

Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch

Lothar Schöne
Tote sterben gesünder
diese Ausgabe: E. Humbert Verlag, TB, ca. 160 S., 2013

Downtown L.A. ist wirklich nicht der Vorhof zum Paradies, gestern nicht und heute auch nicht, wo Vic Cattolini in seinem Aussenbüro sitzt, der Hitze trotzt und dem Durst mit gepimpter Cola zu Leibe rückt. Sein Aussenbüro, die Kneipe von Wanaya, wird normalerweise nicht von solchen Typen besucht, wie er an diesem Tag reinschneit und von Johnny mit einem Nicken an Vic verwiesen wird: geschniegelt und gebügelt, glatt rasiertes Gesicht, die rosige Haut eines Typen, der seine Arsch mit Dollarscheinen abwischen kann. So sehen Anwälte aus. Nur daß Cattolini von denen normalerweise keine Schecks über 17 Mille (in US-Dollar) ´rübergeschoben bekommt…. als Erbanteil von Porky, diesem versoffenen Penner mit dem Dachschaden, der vor jedem Geldautomaten salutierte, weil er das Wirken höherer Mächte in ihm vermutete. Aber in der Welt des Geldes, aus der Porky offensichtlich stammte, hieß er wohl anders, irgendein Earl der Dritte, aber was nutzte es ihm, er war mit Bleivergiftung unfreiwillig abgetreten und hatte Downtown verlassen. Auf ewig. Nur sein Geld war noch da.

Cattolini ist Schnüffler, Privatdetektiv in L.A., der sich nicht durch übermäßigen Geschäftserfolg auszeichnet, was nicht an seinen Fähigkeit liegt, eher an seiner dem Schicksal geschuldeten Trägheit und den Flachmännern, mit denen er so im Lauf des Tages den Zustand tauscht: voll und leer…. ein wenig entspricht er dem Stereotyp dieser Kategorie von Schnüfflern: der ehemalige GI, der nach der Rückkehr aus dem Iraq `91 zu den Bullen ging, sich dort Feinde machte und irgendwann gelinkt und wegen Korruption rausgeschmissen wurde. Einen Tag später war er auch die Alte los, die ihrerseits für die Sitte als Lockvogel am Bordstein stand und die armen Freier abgriff, die für eine schnelle Nummer ein paar Dollar hinlegen wollten….

Na ja, jedenfalls war Vic mit diesem Scheck in der Lage, ein paar seiner Schulden zu bezahlen, sich einen Wagen zu besorgen und auf den ehemaligen Cop in sich zu hören: Who the fuck is Alice? … und was steckt dahinter, daß dieser Penner, den ich ausser von ein paar gemeinsam durchzechten Nächten kaum kenne, den ich nur einmal nach einer üblen Schlägerei ins Krankenhaus gefahren habe, mir Geld ´rüberwachsen läßt… aber auch ansonsten schien mit dem Anwalt eine kleine Glücksträhen bei ihm einen Stop gemacht zu haben, es kamen Aufträge rein, die nicht allzu schwierig schienen und einen weiteren Dollarsegen mit sich brachten. Sterntaler sozusagen.

So fängt Vic also an, seine Aufträge abzuarbeiten, er versucht, ein paar alte Kontakte bei den Bullen wieder zu beleben, auch mit seiner Ex läßt es sich mehr oder weniger gut wieder reden, zumal es sich herausstellt, daß sie einen gemeinsamen Freund haben, den sie nur zu gerne aus dem Verkehr ziehen wollen, nämlich Sanchez, der den bösen Cop nicht nur spielt, sondern der auch einer ist. Dumm nur, daß die wenigen Nadelstiche, die Cattolini mit seinen Fragen setzt, offenbar mitten ins Schwarze treffen, denn ohne daß er weiß, wie ihm geschieht, sitzt er auf einmal im Knast, wegen Mordes, weil der Typ, den er beschatten sollte, auf einmal nur noch Zimmertemperatur hat und sein Auftraggeber die Bullen auf ihn angesetzt hat. Es sollte nicht der einzige bleiben, der sich im Dunstkreis Cattolinis in den nächsten Tagen ins Nirwana absetzte, bzw. unfreiwillig dorthin befördert wurde… und auch Vic selbst kommt nur knapp davon. So sucht er sein Heil lieber in der Flucht, raus aus L.A., irgendwo hin in die nähere Umgebung, wo er sich eine Weile bedeckt halten kann…

Es ist schnell klar, daß das Geld, das der versoffene Porky so unvermuteter- und reichlicherweise besaß (und das von einem Bostoner Anwalt verwaltet wurde und jetzt in einer dubiosen Stiftung steckt, in der irgendwie auch Surfalone drin hängt, der örtliche Obermafioso), eine entscheidende Rolle im Geschehen spielt. Aber Bewegung ins Spiel kommt erst, als er über den mittlerweile auch heruntergekühlten Bostoner Anwalt Porkys Lanini kennen lernt, den mit allen Wasser gewaschen Chef der dortigen Mordkommission. Der hört sich nämlich die ganze Geschichte von Vic an und seltsamerweise kann Cattolini ihm auch alles erzählen, auch die Sachen, für die er keine Medaille bekommen würde, sein Saufen, sein `rumhängen, sein Selbstmitleid… Die beiden Männer sind wohl so eine Art Seelenverwandte, sie tun sich zusammen und Lanini findet so seinen eigenen Dreh, aus der Geschichte etwas heraus zu schlagen, für sich und für Vic. … so, mehr gibt´s nicht zum Inhalt, man soll ja nicht alles verraten…

Das L.A., in das uns Kraus führt, ist das L.A. Bukowskis, heruntergekommen, versoffen, verhurt, bevölkert von Losern. Vic ist einer von ihnen, der Unterschied ist, daß Charles/Hank seinerzeit Teil dieses Milieus war, während Cattolini eher ein Gestrandeter ist, der hart an den Felsen schrammt, aber dort nicht untergeht. Wo bei Bukowski die 17 Mille an der Rennbahn investiert würden, mit Schnaps und Frauen für ein paar lustige Tage und Nächte reichen würden, gibt Vic das Geld aus (na ja, ein paar Flachmänner sind auch drin),  um sich selbst wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen mit einer neuen Frisur, einem Auto, mit Hotelzimmern, in denen die grunzende Geräuschkulisse vögelnder Pärchen nicht durch papierdünne Wände dringt… Vic nutzt die Chance, die ihm das Geld, das ihm zur Verfügung steht, bietet und er weiß die Annehmlichkeiten durchaus zu schätzen, so sehr, daß er nicht wieder zurück will in die Gosse, in der er eine zeitlang war.

Kraus scheut sich auch nicht, Nachdenkliches über die Region, in der er seinen Krimi spielen läßt, anzumerken. Ob es die Selektivität der (oftmals korrupten) Polizei ist, mit der bestimmte Delikte verfolgt oder auch nicht verfolgt werden, die Bedenkenlosigkeit, mit der Smog und Autoverkehr die Umwelt verpesten, die Untätigkeit bzw. das Unvermögen, den Drogenhandel einzudämmen….  hier und da ein Satz, ein eingestreuter Absatz, der darauf hinweist…

Der Krimi selbst liest sich sehr unterhaltsam und flüssig, das kann man nicht anders sagen. Er ist voll mit Typen und Charakteren. Man merkt es dem Text an, daß Kraus [3] weiß, wovon er spricht: er hat lange in Kalifornien gelebt und gearbeitet (eine Station, an der Vic auf seiner “Flucht” untertaucht, ist seine ehemalige Stadt Santa Barbara und vllt hat ja sogar “Mamie” ihre reale Entsprechung…. ), hat als Redakteur ein offenes Auge auch für die Schattenseiten des (nicht nur) kalifornischen Lebens, was der Story gut tut und sie erdet… der Mittelteil des Buches ist etwas ruhiger, da der untergetauchte und die Küste entlang stromernde Cattolini die Angewohnheit hat, des nachts viel unter den Piers an den Stränden des Pazifik nachzudenken, zu trinken und irgendwann einzuschlafen bevor er dann morgens frierend und mit nassen Schuhen wieder aufwacht. Obwohl relativ viele Tote im Verlauf der Handlung zu beklagen (?) sind, kann man nicht sagen, die Story sei übertrieben actiongeladen. Am Ende läuft sie dann auf eine Art Show-Down hinaus, man schaut sich in die Augen, sieht auf der einen Seite die Panik und muss andererseits kalkulieren, ob geblufft wird oder nicht…

Mit anderen Worten: “Cattolini erbt” ist ein kurzweilige Lesespaß mit kritischen Seitenhieben auf reale Gegebenheiten, mit farbig gezeichneten Charakteren, zwar einer etwas fragwürdigen (aber den real existierenden Umständen angepassten) Moral am Schluss, aber trotzdem freut man sich am Ende mit den beiden kleinen Italienern….

Links und Anmerkungen:

[1] facebook-fanseite von Cattolini
[2] mehr von Kraus: P.J. Kraus: Joint Adventure, Buchbesprechung hier im blog
[3] Homepage des Autoren

Peter J. Kraus
Cattolini erbt
Conte-Verlag, brosch., 250 S., 2012

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

Es ist dies mit “Schattengesicht” innerhalb kurzer Zeit nach “Unland” [2] der zweite Roman der Autorin, den ich hier vorstelle [1]. Dies hat seinen Grund: die Bücher sind einfach spannend geschrieben, die Autorin versteht es, ihre Geschichten so zu konstruieren, daß das Geheimnisvolle dahinter allzeit spürbar ist, ohne daß man es greifen kann. So auch in diesem Roman. Dies macht es andererseits schwierig, den Inhalt des Buches wiederzugeben, zu groß die Gefahr, voreilig eins der Geheimnisse zu lüften und dem Buch damit die Spannung zu nehmen.

Versuchen wir es aber trotzdem.

Wir lernen im ersten, kurzen Abschnitt des Buches die 23jährige [3] Milana Helmholz bei der Kleiderausgabe im Gefängnis kennen, sie hat, so sagt sie den anderen, einen Menschen umgebracht. Von dieser Situation ausgehend, die automatisch die Frage in den Raum stellt, was passiert ist und wie und aus welchen Gründen, läßt Wagner ihre Protagonistin ihr Leben in Rückblenden erzählen und zoomt so zurück auf die Lebenssituationen von Mila, in denen die entscheidenden Weichenstellungen stattfanden.

Die Kindheit von Mila war glücklich. Zwar waren ihre Eltern wirklich alt, aber sie zogen sie mit viel Liebe auf und ließen ihr viel Freiheit. Dies sollte sich mit dem Tod ihres Vaters ändern. Völlig unvermittelt taucht Ina, ihre Schwester, von der sie bis zu diesem Tag nichts wusste, mit Carsten vor dem alten, jetzt, nachdem der Vater tot ist geschlossenen Gasthof der Helmholzens auf. Anfänglich noch als Abwechselung des täglichen Lebens empfunden treten bald Spannungen zwischen Mila und Ina auf, da letztere durch Verbote, Verhängung von Stubenarrest etc. immer stärker in das Leben von Mila eingreift. Nur gut, daß Mila Polly kennen gelernt hat, eine Stromerin, die eines Tages plötzlich in ihrem geheimen Versteck am Weiher auftauchte. Zwar verschwand sie dann wieder für einige Zeit, aber gerade im richtigen Moment, als es Mila schlecht ging, kehrt sie wieder zurück und konnte das Mädchen trösten. Von da ab waren die beiden unzertrennlich.

Wieder ein Zeitsprung…. ein paar Jahre später, nachdem Mila (die jetzt im Haushalt von Ina und Carsten lebt) ihr Abitur gemacht hatte, fahren die beiden zusammen für einen Ferienjob nach Schweden. Dort sollten sie für ein paar Wochen auf ein Haus in einem kleinen Dorf aufpassen. Hier lernte Polly dann Ole Jansson kennen – obwohl, kennenlernen ist der falsche Ausdruck, eher muss man sagen, sie traf auf ihn….

Noch ein paar Jahre später ist Mila mit ihrem Studium fertig. Von Berlin aus geht sie mit Polly nach Mannheim, eine Stelle als Lehrerin antreten. Sie ziehen in eine Wohnung in einem herunter gekommenen Viertel, nehmen Vincent, den Polly aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet hat, zu sich in die Wohnung. Die beiden, bzw. es sind ja jetzt drei, haben auch hier keine Ruhe, es gibt aber mit dem Nachbarn, den/die sie lange Zeit nicht kennengelernt haben, Ärger und so müssen sie diese Wohnung fluchtartig verlassen….

Die letzte Station, auf die uns Wagner die beiden jungen Frauen begleiten läßt, ist ein Hotel, in dem Mila als Zimmermädchen arbeitet. Die Lebensumstände der beiden sind mies, sie hausen in einer abbruchreifen Wohnung, die Fenster sind verhangen, damit kein Licht nach aussen tritt. Im Hotel wird Mila von ihrer Chefin gemobbt, nichts kann sie dieser domina-haften Frau recht machen, eine Schikane nach der anderen muss sie erdulden. Dies ändert sich erst, als Rosa, so heißt diese Frau, auf der Fensteraussenseite im neunten Stock nach Dreckspuren sucht, mit dem sie Mila vorführen kann….

Wie gesagt, dies beschreibt die Autorin in Rückblenden. Je weiter wir darin in die Vergangenheit gelangen, desto näher kommen wir dem Geheimnis von Milana und Polly, die seit damals, der ersten Umarmung, als Polly zu der kranken Mila ins Bett schlüpft und sie warm hält, alles zusammen machen. Und es muss ein dunkles Geheimnis sein, denn um sie herum ist der Tod nicht weit, das Sterben, das Vergehen, das immer tiefgreifender auch auf das eigene Leben übergreift, welches mehr und mehr von Dunkelheit und Einsamkeit geprägt wird. Exemplarisch dafür die vielen Umwege, die Mila auf sich nehmen muss, um von ihrer Arbeit im Hotel in die dunkle Wohnung zu kommen, die Wohnung (das Haus) immer ja auch ein Bild für das eigene Innere. Das einzig warme, tröstende in dieser Existenz/Wohung ist die Anwesenheit von Polly….

Die langen Jahre zwischen den Zeitsprüngen läßt Wagner im Dunkeln. Wir erfahren nicht, was in diesen Zeiträumen passiert, dieser Kunstgriff ermöglicht es ihr, die einzelnen Episoden weitgehend isoliert zu schildern, ohne auf eine kongruente Story achten zu müssen. Aber dies schadet nichts, es sind die Schlüsselszenen eines Lebens, die Wagner schildert, eines Lebens, das – obwohl zu zweit geführt – immer einsamer und trostloser wird. Es ist erstaunlich, wie es Wagner gelingt, die Spannung, die sie von der ersten Seite an erzeugt, durch geschicktes Spiel mit der Sprache, durch Doppelbödigkeit und Weglassungen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zwar ahnt man irgendwann, worauf die Geschichte hinausläuft, aber wirklich sicher sein kann man sich nie, daß Wagner nicht noch eine erneute Wende in petto hat.

“Schattengesicht” ist ein kurzer Roman, aber ein intensiver, sehr spannender. Er hat Momente, in denen man förmlich in die Geschichte hineingesogen wird und die Umwelt vergisst. Mila (und in geringerem Masse auch Polly) nehmen vor dem geistigen Auge Gestalt an, man meint, beim Lesen den Weiher zu sehen, die unerträgliche Hitze des Sommers zu spüren oder auch ein die kalte Mimik Rosas zu schauen, die sich an Milas Angst weidet…

So, würde ich das jetzt noch so machen wie früher und ein Facit schreiben, könnte da nur stehen: spannend, hintergründig, fesselnd, empfehlenswert!

Links und Anmerkungen:

[1] ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Buchexemplars
[2] zur Buchvorstellung hier im blog: Antje Wagner: Unland
[3] ich halte mich bei dieser Altersangabe einfach mal an den Text der Autorin [S. 82] und nicht an die dem Buch vorgeschaltete Inhaltsangabe, in der Mila drei Jahre älter gemacht wird
[4] über eine Sache bin ich gestolpert: der/die Nachbar/in in der Mannheimer Wohnung wird zwar nie gesehen, aber als man sich dann auf der Straße plötzlich über den Weg läuft, wird er/sie sofort mit Namen angeredet. Oder habe ich das was überlesen? Genauso wird der Besuch bei diesem/r Nachbarn/in durch den Türspion beobachtet, aber nicht erkannt, obwohl….

Antje Wagner
Schattengesicht
bloomsbury taschenbuch, 190 S., 2012
Erstveröffentlichung: Berlin, 2010

Lothar Schöne, von dem ich hier bei “aus.gelesen” schon zwei Romane vorgestellt habe [1], hat mit dem vorliegenden Werk something completely different vorgelegt. “Die unsichtbare Bruderschaft” ist ein historischer Roman, dessen im Winter 1779 spielende Handlung in den heimischen Gefilden des Autoren angesiedelt ist, die auch nicht allzuweit weg sind von meinem Wohnstatt. Im “scheenen Meenz” (schönen Mainz) also spielt die Handlung, auch ein wenig “dribbedebach” (auf der anderen Seite des Rheins) und es geht um eine wilde Verschwörung gegen einen der bekanntesten deutschen Wissenschaftler dieser Zeit, nämlich Georg Forster, der seinerzeit als Jüngling mit Vater und Captain Cook 3 Jahre um die Welt segelte, seine Beobachtungen in Worte fasste und in Buchform unter die Leute brachte und der so zu einiger Prominenz gelangte.

Dieser junge, mit seinem Vater in London ansässige Mann wird von eben jenem mit einem Dokument nach Mainz geschickt, um es eben daselbst für viel Geld an den Kurfürst-Erzbischof Erthal zu übergeben. So weit, so gut. Wäre da nicht der Inhalt des Dokuments offensichtlich so brisant, daß dem jungen Forster, kaum ist er angekommen, schon massiv aufgelauert wird, immer mit dem Ziel, ihm jenes Schriftstück zu entwenden. Und so herrscht bald ein munteres Treiben rund um unseren Helden, den wir lesend vorwiegend auf der Flucht vor einem unbekannten Schwarzumbehangten begleiten. Langweilig ist er nicht, der Roman Schönes: es wird geheuchelt und gemeuchelt, geteert und gefedert, so mancher verliert sein Auge und es begegnet uns sogar eine Autofellatio der besonderen Art. Natürlich ist jeder verdächtig, da die Bösen als Mitglieder in einem der Geheimbünde vermutet werden, den Freimaurern, den Rosenkreuzern, den Illuminaten oder gar dem geheimsten der Geheimbünde, dem weißen… schließlich kommt es zum Showdown in den Mauern des ehrwürdigen Klosters Eberbach, dort endlich wird auch gelüftet, was es mit dem so heiß begehrten Dokument auf sich hat….

Wie schon gesagt, es ist ein munteres Büchlein, kurzweilig und mit seinen Ausflügen ins Bodenständige zumindest für Ansässige sicher auch ein Vergnügen zu lesen. “Worscht, Weck unn Woi” zusammen mit der im meenzer Dialekt präsentierten Weltschau des Bürgermeisters: hübsch, hübsch. So hübsch wie des Bürgermeisters Töchterlein, die Lisa, zu der wir noch kommen werden. Überschüssige Gedanken an die Logik all dessen, was er schreibt, hat Schöne wohl nicht verwendet. Es gibt eine ganze Menge Tote im Verlauf des Buches, aber ehrlich gesagt, mir ist nicht klar geworden, was das mit dem Handlungsfaden zu tun hat. In brenzligen Situationen gibt es immer einen Retter wie der Deus ex machina, und wenn es eine unvermutet in Wirtshaus eilende behoste Dame ist, die für einen eiligen Aufbruch sorgt, um den Häschern zu entwischen….

Rund um den jungen Forster, der selbst eher nachtblind durch die Geschichte getrieben wird – entweder von seinen Feinden oder auch von seinen Freunden – drapiert Schöne einige bekannte (oder auch nicht mehr bekannte und damit der Vergessenheit entrissene) Persönlichkeiten [2]. Zu nennen wäre hier der verwachsene Dichter Wilhelm Heinse, der mit  leicht erotomaner Zwangsvorstellung die Idee vertritt, der Mensch solle im Leben zuvörderst Lust und Freude suchen. Seinen Laidion [3] zu erwähnen wird Schöne nicht müde. Zu ihm gesellt sich die erste deutsche Romanschriftstellerin Sophie von La Roche, hier in äußerst emanzipierter Form. Deren Freundin, die ihr der Autor an die Seite stellt, ist zwar sprach- und mundfaul, agiert aber in einer Art und Weise, die Jet Li zu Anerkennung nötigen würde. Dann gibt es da noch einen hünenhaften Alchemisten, der vorwiegend als Lenker einer im Schneetreiben geisterhaft wirkenden Kutsche agiert und.. ach ja, Tommy, den gleichaltrigen Freund Forsters, unerschrockener Mediziner der autopsierenden Art.

1779, das sind unruhige Zeiten, 10 Jahre später sollte in Frankreich die Revolution ausbrechen und die althergebrachten Strukturen wegfegen. Natürlich spürt man diese Entwicklung auch in deutschen Landen, nicht zuletzt die genannten Geheimbünde waren z.B. der Kirche ein Dorn im Auge, da sie deren Alleinvertretungsanspruch auf die Erziehung des Menschen bestritten. Die beharrenden Kräfte setzen alles dran, alle Zeichen der Aufklärung, alle als Angriff auf die göttliche Ordnung gedeuteten Aktivitäten auszumerzen. Wissen und Glauben geraten immer mehr in Konflikt, die katholische Kirche sieht sich angegriffen und zögert nicht, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, diese Angriffe anzuwehren und den status quo aufrecht zu behalten. Der “wahre” Gegenpol zu diesen restaurativen Kräften ist in dieser Geschichte eigentlich der oben erwähnte Heinse mit seiner Ansicht, daß das Leben eben nicht nur Schweiß und Tränen bereit halten sollte. Während Forster (und die Wissenschaft allgemein) Erkenntniszuwachs sucht und er/sie damit eher passiv in Widerspruch zur Kirche gerät, propagiert Heinse ja das Führen eines freudvollen Lebens, im Gegensatz zur Kirche, die das Erdensein des Menschen als Schule sieht, in der sie den den Menschen zum perfekten/vollkommenen erziehen soll. Hier liegt, soviel sei verraten, auch das Geheimnis des Dokuments, dem alle nachjagen…. Lisa, was war mit Lisa? Ich hatte sie oben erwähnt und versprochen, auf sie zurück zu kommen.. also: sie … ach, greifen wir nicht voraus, lese es jeder selbst, ein Frauenzimmer jedenfalls, das sich in Situationen, in denen es darauf ankommt, zu helfen weiß!

Beim Lesen kommt man an Stellen, bei denen man auf einmal “Hoppla!” sagt, weil man über das Geschriebene stolpert. So zum Beispiel soll schon 1779 etwas abgegangen sein wie Schmidts Katze.. ist dieser Spruch wirklich schon so alt? Auch der Stil, in dem Heinses erotisches Elaborat vom Laidion wiedergegeben wird (der Dichter und Denker ist Vorleser beim Kurfürst-Erzbischof und amüsiert jenen mit seinem freizügigen Text) läßt eher vermuten, jemand wie Laura Lay hätte ihre Finger im Spiel als daß es dem schwülstigen Geschwurbel des originalen Textes entspricht…. sei´s drum….

Was also bleibt nach dem Lesen von diesem Roman? Jedenfalls ein kurzweiliges Stück Unterhaltungsliteratur, in kleinen Häppchen (sprich: Kapiteln) dargeboten, mit viel Tempo, einigem Witz, vielen Volten und Kapriolen, einem gehörigen Schuss lokaler Bezüge, das nicht zuletzt daraus auch einiges an Spannung zieht. Die Substanz, die ich in den schon erwähnten Romanen Schönes [1] bisher gefunden habe, habe ich ein wenig vermisst. Natürlich gibt es Gedankenansätze, die sich mit dem Verhältnis von Kirche und Welt, Religion und Mensch befassen, natürlich spielt Schöne auf die Konfliktsituation zwischen Kirche und beginnender Aufklärung an, aber alles ist etwas zu kurz gehalten, als daß sie in die Tiefe gehen könnten, das ist ein wenig schade. So bleibt letztendlich ein unterhaltsamer, zum Schmunzeln anregender historischer Verschwörungsroman – aber auch das ist ja nicht wenig.

Links und Anmerkungen:

[1] Lothar Schöne: “Das Labyrinth des Schattens” und “Das jüdische Begräbnis
[2] Wiki-Artikel zu den genannten historischen Persönlichkeiten:
Georg Forster
Wilhelm Heinse
Sophie von La Roche
Friedrich Karl Joseph von Erthal
Samuel Thomas von Soemmerring

Bei der Autorenlesung Schönes am 5. Juni war gerade auch (vllt sogar bedingt durch meine Anwesenheit und Frage) der historische Hintergrund des Romans ein Diskussionpunkt. (btw, weil dies auch angesprochen wurde: das erste Fleischwurstrezept gab es wohl schon im 16. Jhdt: “Im Kochbuch des Dominikanerklosters St. Pauli bei Leipzig wurde 1560 das erste Lyonerrezept abgedruckt.” Quelle). Dies wirklich in historischer Exaktheit zu ermitteln ist nicht einfach, an manchen Stellen ist dann auch aus anderen Gründen moderneres in den Text eingeflossen. Andererseits, so Schöne, verwundern bei solcher Recherche gerade die Fragen nach dem Selbstverständlichen: wie z.B. werden 1779 Räume beleuchtet, wie zündet man Kerzen und Talglichter an….

Es zeigte sich mal wieder, daß ein Text unterschiedlich wirkt, je nachdem, ob er selbst gelesen wird oder man ihn vorgelesen bekommt. Schöne verstand es beim Vorlesen durch seine Stimme den Personen Individualität zu geben und Situationen bzw. deren Stimmungen darzustellen. Eine gelungene Lesung, ein schöner Abend, die Stunde, die der Autor liest, war schnell vorüber und die anschließende Diskussion hat Schöne mit viel Humor geführt.

Lothar Schöne
Die unsichtbare Bruderschaft
E. Humbert Verlag, HC, 286 S., 2012

Was macht man, wenn einen die Erkältung gepackt hat, die Nase trieft, der Kopf wie in Watte gepackt scheint und auch ansonsten nicht viel los mit einem ist? Man greift zu einem Buch, das einen nicht allzusehr fordert und kurzweilige Unterhaltung verspricht, das man auch gut aus der Hand legen kann, um eine Lesepause zu machen, zudem ist es eine gute Gelegenheit, die Regalmeter, die sich im prae-SuB-Zustand befinden, zu entlasten… also muss nach langer Zeit mal wieder etwas aus der Krimi-Ecke herhalten: voilá, die Dominanten Damen (aus der Reihe “Die Frau in der Gesellschaft“, die ab 1975 im Taschenbuch-Verlag erschien) lassen bitten!

Der Titel täuscht nicht, genausowenig wie das Coverbild: genau darum dreht es sich, oder exakter formuliert: einer der beiden Erzählstränge. Aber der Reihe nach…

Frank wird an erhöhter Warte gefunden: baumelnd von der Decke seiner Garage, hübsch geschmückt mit einem Schleifchen um sein bestes Teil. Da er schon etwas länger seiner Entdeckung harrt, das Schleifchen etwas fest gebunden ist, sieht er bei Ankunft des Ermittlerpaares Beate Stein und Weber nicht mehr ganz so lecker aus. Aber  auch das ist Geschmackssache, die dicken, fetten Fliegen sind ganz anderer Meinung…. ok, der ganz normale Ermittleralltag setzt ein, Befragungen, Berichte, Überlegungen…

Auf der anderen Seite lernen wir Vera kennen, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich auch noch um die eigene Mutter kümmern muss. Der Erzeuger der Kleinen, wer weiß schon, wo er abgeblieben ist… Vera jedenfalls spielt den Kindern (und auch ihrer Umgebung) heile Welt vor, die fingierten Briefe ihres Vaters kommen von weit her und reden von Sehnsucht und Heimweh… Wie gesagt, Vera muss die Restfamilie finanzieren und das macht sie in und mit ihrem Studio, in dem zahlungswillige und -fähige Männer sich die Peitsche geben oder auch mal ans Kreuz hängen lassen können… zusammen mit einer Kollegin, die in den nichtbelegten Arbeitsstunden gerne handarbeitet, betreibt sie ein S/M-Studio der etwas niveauvolleren Sorte. Die beiden suchen sich noch eine dritte Kraft für ihren Betrieb und finden sie in Tina, die vom Straßenstrich kommt und dort weg will.

.. und über Tina führt Deitmar die beiden Handlungsstränge zusammen, denn schnell finden Stein und Weber heraus, daß Tina die Freundin des jetzt in der Pathologie liegenden Frank ist.. ähh.. war bzw. andersherum gesehen, er ihr Zuhälter war. Versteckt sich dahinter ein Motiv? Und warum fuchtelt Tina während der Arbeit auf einmal mit Rasierklingen herum und vertreibt die Kundschaft? Und kann ihr in der Psychatrie wirklich geholfen werden?

Männer kommen nicht gut weg in diesem Krimi. Angefangen von Frank, der mit seinem schwärenden, schwarz geschwollenen schleifen-geschmückten Schwanz schwerelos schwebend am Schparren baumelt über die unfähigen Kollegen des Ermittlerteams bis hin zu den Männern im Allgemeinen, die in ihrer Vorliebe für abartige Sexpraktiken vor nichts halt machen (Das Motto “Alle machen es, aber niemand redet drüber.” ist nach Weber das Überlebensprinzip des käuflichen Sexes), auch vor Vergewaltigung nicht. Selbst der männliche Part des Buddy-Teams Stein/Weber ist eine eher traurige Figur, die mit Eheproblemen zu kämpfen hat und der mit seiner Partnerin die verschiedenen Ansichten über diesen speziellen Bereich männlicher Bedürfnisse (?) erst mühsam in Einklang bringen muss.

Mit viel Verständnis dagegen werden die beteiligten Frauen dargestellt. Vera ist kühl kalkulierende Geschäftsfrau, die sich auf die besonderen Bedürfnisse ihres Klientels eingestellt hat, sie erledigt ihr Metier selbstbewusst und als Vollprofi. Tina ist das Opfer, intelligent aber aus schlechtem Elternhaus ist sie Frank verfallen, der sie skrupellos ausnutzt und verkauft. Im Grunde ist sie ungeeignet für das Geschäft mit Sex, aber sie kann den Ausstieg schaffen. Davon zumindest ist Vera überzeugt und sie will ihr dabei helfen…

Noch ein letztes Wort über Beate Stein. Selbstverständlich auch eine vollemanzipierte, höchst selbstbewusste junge Dame, die sich von keinem, insbesondere nicht von ihrem Vorgesetzten und den Kollegen die Butter vom Brot nehmen läßt. Nicht auf den Mund gefallen bleibt sie angesichts dessen, was sie so als Hintergrund in diesem Fall erfährt, doch manchmal sprachlos. Trotzdem ist die Geschichte stark von Dialogen geprägt, sehr szenisch, schnell und abwechslungsreich geschrieben, ein Stück gute Unterhaltungsliteratur. Ob der gebotene Blick auf das Geschäft mit dem Sex der Realität gerecht wird oder ob er doch etwas differenziert werden müsste, mag dahin gestellt sein. Angesichts des Publikationsdatums des Romans ist vllt allein der Versuch höher einzustufen, dieses Geschäft als sicher nicht schönen, aber auch nicht zu leugnenden Bereich der Gesellschaft darzustellen.

Jedenfalls war der Krimi ein kurzweiliger Zeitvertreib und das es die Mörderischen Schwestern gibt, habe ich dabei auch noch gelernt… meine Erwartungen wurden also erfüllt, oder um es mit anderen Worten zu sagen: mission accomplished.

Links und Anmerkungen:

- Über die Autorin
– Pressemitteilung über die Verleihung eines Literaturpreises an Deitmer

Sabine Deitmer
Dominante Damen
Fischer TB, 1994, xyv S.

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