Will Schwalbe beschreibt in diesem Buch die letzten knapp zwei Jahre, die er mit seiner Mutter erlebt, nachdem diese die Diagnose: Pankreastumor [1] erhalten hat. Tumore der Bauchspeicheldrüse sind eine schlimme Sache. Sie verlaufen die erste Zeit ohne besondere Schmerzen, die Symptome sind unspezifisch und werden leicht mit anderen Krankheitsbildern verwechselt, wie auch anfänglich bei Mary Anne Schwalbe. Werden sie entdeckt, sind sie oft schon metastasiert, so daß eine operative Entfernung unmöglich ist. Die 5-Jahres-Überlebensrate ist gering, oft bleibt zwischen Diagnose und Tod nur ein Zeitraum im Rahmen weniger Monate. Dies bedeutet letztlich, daß die Diagnose Bauchspeicheldrüse beinhaltet, daß man mit hoher Wahrscheinlichkeit bald sterben wird. Als therapeutische Verfahren kommt bei einem metastasierten Tumor nur noch die Chemotherapie mit all ihren Nebenwirkungen in Frage, die im wesentlichen eine Lebensverlängerung bewirken kann.

Mary Anne Schwalbes Erkrankung entspricht diesem groben Schema. Sie, die äußerst umtriebig und energiegeladen ihre zahlreichen Verpflichtungen und Engagements betreibt und viel reist, kommt wieder krank von einer dieser Reisen nach Hause, das ist die Familie gewohnt. Müde, schlapp, mit Ikterus, wird auf eine Hepatitisinfektion behandelt, was aber nicht hilft. Schließlich führt ein bildgebendes Verfahren auf die richtige Diagnose, ein großer Teil der Leber ist schon mit Metastasen befallen.

Lesen ist das Gegenteil von Sterben

Das in etwa ist die Ausgangssituation, in der Will Schwalbe seine Erinnerungen beginnen läßt. Die Eingangsszene spielt in der Ambulanz des Memorial Sloan Kettering Hospital [2], Will und seine Mutter warten dort und kommen ins Gespräch über Bücher. Bücher sind für beide ein konstituierender Bestandteil des Lebens, es sind für beide nicht nur einfach Geschichten, mit denen man sich unterhalten kann, sondern es sind Beispiele für Schicksale und Lebensentwürfe, an denen man sich orientieren kann, aus denen man lernen kann und die man für das eigene Leben nutzen kann. Die beiden beschliessen, einen privaten Leseclub zu gründen mit nur zwei Mitgliedern, sie wollen viel lesen und darüber diskutieren, denn über Bücher, so hoffen sie, können Dinge angesprochen und diskutiert werden, die jetzt durch Moms Krankheit akut geworden sind.

Das Buch ist in viele kleiner Abschnitte aufgeteilt, die meist einem bestimmten Buch gewidmet sind. Es sollen noch viele Titel werden, Schwalbe gibt am Schluss des Buches eine Liste aller erwähnten Bücher und Autoren [3]. Bemerkenswert für mich war, daß Thomas Mann offensichtlich eine große Rolle als Autor spielte, an “Joseph und seine Brüder” scheitert der Sohn, während die Mutter es in toto liest – die Einnahme des krankheitsbedingt notwendigen Ritalins (ein Amphetamin-Derivat) hat ihr da wohl geholfen, vermutet der Sohn… auch Grass mit seiner Blechtrommel findet Erwähnung, viele europäische Literaten sind vertreten. Vllt sollte ich erwähnen, daß der Autor zu dieser Zeit noch als Lektor und Journalist arbeitet, in der Bücherwelt also zuhause ist.

Immer wieder streut Will Schwalbe Anekdoten und Erlebnisse aus dem Leben seiner Mutter ein, im Lauf des Buches entwickelt sich so ein, denke ich, recht vollständiger Überblick über das Leben von Mary Anne Schwalbe [4], ein Leben, das durch viel Engagement und Arbeit, durch eine unbändige Energie und eine ebenso unbändige Freude, immer neue Menschen kennen zu lernen, geprägt ist. Mary Anne Schwalbe entstammte der ersten Frauengeneration, der es möglich war, unabhängig von Männern Karriere zu machen und sie machte Karriere. In ihren eigenen Worten klingt das so [S. 281/2 u. 284]: “…. als ihr drei Kinder klein wart, und ich versuchte, zu all euren Schulveranstaltungen zu kommen und etwas für den Kuchenverkauf an euren Schulen zu backen und meinen Vollzeitjob zu machen und euch zu pflegen, wenn ihr krank wart, und für euren Vater da zu sein und das Abendessen zu kochen und darauf zu achten, dass der Haushalt funktionierte und alles andere…. und machte einfach weiter, obwohl ich oft enorm erschöpft war. … und egal, wie müde ich bin, lesen kann ich immer. … Hätte ich darauf gewartet, richtig ausgeruht zu sein, dann hätte ich wahrscheinlich nie auch nur eine Zeile gelesen.

Mutter und Sohn lesen, sie diskutieren während der langen Stunden, in denen die Chemo in Mary Annes Venen tropft. Sie, und das finde ich bewundernswert, sieht sich trotz ihrer Krebserkrankung nicht als Sterbende, als Patient, sondern auch diese Zeit ist Leben für sie. In dieser Hinsicht hat sie mich an Noll  erinnert, der in seinem Tagebuch ja auch beschrieben hat, daß er – insofern radikaler noch als Schwalbe – sich völlig einer Therapie verweigert hat, u.a. auch, weil er sich nicht dem Diktat des Patientenseins ausliefern wollte. Mary Anne Schwalbe lebte ihr geliebtes Leben weiter, sie organisierte, traf sich mit ihren Freunden, mit der Familie, bestärkte diese auch darin, ihr eigenes Leben weiter zu führen, auch auf ihre Reisen verzichtete sie nicht, selbst wenn diese zeitweise zu Krisen führten. In ihrer Ärztin [5] hat sie jemanden gefunden, dem sie völlig vertraut und der sie unterstützt in ihren Vorhaben.

Die angewendete Chemo war durchaus erfolgreich, das Tumorwachstum wurde in der ersten Zeit deutlich zurückgedrängt, bevor diese Verbesserung dann wieder stockte und sich ins Gegenteil verkehrte. Die Nebenwirkungen der Therapie ertrug Mary Anne Schwalbe mit viel Mut und Selbstdisziplin, kaum einmal ließ sie sich Schwäche oder Schmerzen anmerken. Infektionen, u.a. mit Krankenhauskeimen machten den einen oder anderen (kurzen) Klinikaufenthalt notwendig. Immer wieder setzte sie sich Ziele, die sie noch erleben wollte: Geburtstage, Thanksgiving-Feiern, Jubiläen….. Schließlich war Mary Anne Schwalbe aber doch an dem Punkt angekommen, an dem sie austherapiert war. Eine experimentelle Therapie, die möglich gewesen wäre, lehnte sie ab. Sie starb am 14. September 2009 im Kreis ihrer Familie, fast zwei Jahre nach der Erstdiagnose und damit einer weit über der Erwartung liegenden Restlebenszeit. Dieser Nachruf von Marina Vaizey [6] würdigt ihr Leben, ich habe ihn hier verlinkt, weil Will Schwalbe ihn auch in seinem Buch erwähnt.

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“An diesem Tage lasen wir nicht weiter” sind die Erinnerungen eines Sohnes an seine Mutter, deren letzten Lebensabschnitt er intensiv begleitet. Die Ruhe und die Kraft, die die Mutter in Kenntnis ihres abzusehenden Todes ausstrahlte, haben sich auf diesen Text übertragen. Dabei muss man anmerken, daß das Buch keine explizite Kranken- oder gar Sterbegeschichte ist, es ist die erinnerte Geschichte eines ausgefüllten, erfüllten Lebens und die Aufzeichnungen darüber, wie Will Schwalbe versucht, die letzte Zeit, die er mit seiner Mutter verleben darf, intensiv zu nutzen.

Betrachtet man das Verhältnis von Sohn und Mutter und die Reaktion von beiden auf die infauste Diagnose, stellt man große Unterschiede fest. Der Sohn ist unsicher, weiß nicht richtig wie er sich verhalten soll, muss sich (und richtigerweise macht er dies) über den angemessenen Umgang mit Todkranken informieren, zweifelt häufig, ob er dies oder jenes sagen, machen soll oder darf…. die Mutter gibt ihm im Grunde wenig Hilfestellung oder Ermutigung zum Reden über den eigenen Tod und ihm fehlt ein wenig das Vertrauen in die Stärke seiner Mutter, die auch bei eine evtl (subjektiv) “falschen” Reaktion seinerseits ver”kraften” würde: Will Schwalbe ist sehr bemüht, keinen Fehler zu machen.

Auch für die Mutter ist die eigene Krankheit und der in wenigen Monaten zu erwartende eigene Tod kaum ein “öffentliches” Thema, die beiden sprechen über dieses Faktum fast ausschließlich, indem sie das Medium der Bücher gebrauchen, die sie lesen. Auch hier wieder die Zweifel des Sohnes: hätte er dieses, evtl schwierige, pessimistische, deprimierende Buch überhaupt empfehlenn dürfen, ist jenes Buch jetzt wirklich u.a.m….?

Scheint mir also die Auseinandersetzung des Sohnes mit dem Muttertod zögerlich zu sein, befasst sich die Mutter selbst intensiv damit – aber eben nicht in der Diskussion, dem Gespräch, dem Anvertrauen mit/zu anderen. Es sind Momente wie der, in dem sie ihrem Sohn zum Beispiel unvermittelt einen Entwurf für die Karten gibt, mit denen er sich für die Kondolenzpost bedanken soll, die zeigen, daß sie ganz klar ihren Tod für und mit sich selbst organisiert und durchdenkt: “.. Wenn ich mit dieser Behandlung aufhöre, dann weil es an der Zeit ist, damit aufzuhören.” sagt sie zu Will, als sie über Beckets “Mord im Dom” sprechen [S. 205].

Aus dem Text läßt sich meiner Meinung nach herauslesen, daß Will Schwalbe noch sehr unter dem Einfluss seiner Mutter stand. Explizit will er noch von ihr lernen, die Zeit, die ihm bleibt, dazu nutzen. Es gab beim Lesen Momente, in denen ich dachte, eine Art Hagiographie vor mir zu haben, ich kann nach der Lektüre des Buches nicht eine einzige negative Eigenschaft von Mary Anne Schwalbe benennen… selbst da, wo spontan Kritik entsteht, wird diese wieder zurückgenommen, etwa da, wo sie ihm einen Pullover schenkt, der ihm gar nicht so gut gefällt, heißt es dann ein paar Seiten weiter: “… natürlich hatte sie mit diesem Geschenk goldrichtig gelegen – es ist der mit Abstand hübscheste und am besten sitzende Pullover, den ich besitze. …” [S. 365]. Auch bei der Diskussion der gelesenen Literatur, bei der es oft um grundlegende menschliche Eigenschaften geht wie Mut, Besonnenheit, Güte läßt der Sohn der Mutter meist das letzte Wort, abweichende Ansichten äußert er nur selten – und wenn, ist das schlechte Gewissen spürbar.

Bei einer anderen Gelegenheit schildert er, wie ihn die Frage von Freunden, wie es ihm denn gehe, aus dem Konzept bringt, denn er weiß nicht, was seine Mutter wohl als richtige Antwort ansehe: “… also antwortete ich darauf so, wie ich meinte, dass Mom es sich wünschen würde. ..” [S. 242]. Daß er als Sohn durchaus eigene Gefühle hat und haben darf, akzeptiert er anscheinend nicht bzw es macht ihm ein schlechtes Gewissen: “”… Meistens jedoch wirkte schon die einfachste Unterhaltung zum Thema, wie es mir mit Moms Gesundheitszustand ginge, gezwungen und ängstlich und befangen, weshalb ich von mir aus so schnell wie möglich auf etwas anderes zu sprechen kam…” [S. 245].

Will Schwalbe bemerkt diese Unsicherheit natürlich auch selbst: “Diese Befangenheit hatte viele Ursachen: Sie war todkrank, aber noch nicht tot – erlaubte ich mir also zu große Trauer, dann kam ich mir vor, als würde ich sie vorzeitig bereits im Grab sehen….” [S. 243]. Interessant sind auch die Rationalisierungen, die Will anführt und mit denen er eigene Ansichten begründet. Es gibt mehrere solcher Stellen, ich möchte hier (da sie im selben Zusammenhang beschrieben wird wie die schon zitierten Aussagen) eine anführen. Schwalbe diskutiert die Frage, wie Ärzte ihren Patienten infauste Diagnosen überbringen können oder sollten, ihnen unter Umständen sagen müssen, daß eine weitere Therapie nicht sinnvoll sei. Nun gäbe es zwar Patienten, die ihren Ärzten gegenüber auf Offenheit bestünden, aber gerade diese seien (nach Schwalbe) oft diejenigen, die “…die Wahrheit nicht ertragen könnten und am Ende alles Mögliche auf sich nähmen… um den Tod hinauszuzögern, ...” [S. 206]. Mit dieser (meiner Meinung nach) falschen Behauptung bekundet Will Schwalbe nach meiner Meinung, daß er persönlich eine solche Diagnose eigentlich gar nicht hören möchte, da sie keineswegs dazu angetan sei, zu beruhigen, er im Gegenteil damit überfordert ist.

Zum Abschluss will ich noch eine Stelle aufführen, die mir aufgefallen ist, weil ich sie irgendwie absurd fand. Auf S. 243 redet er von einem “Schulhof-Stigma“, das derjenige trägt, der “zu eng mit seiner Mutter verbandelt ist” und dem er, so lese ich es zwischen den Zeilen, wohl unterworfen war. Für die heutige Zeit leitet der Autor daraus ab, daß es Männern kein Problem macht, zu Büchern zu stehen, in denen Vater-Sohn-Verhältnisse thematisiert werden, dieselben Männer aber “ein wenig beschämt”  seien, gefielen ihnen Bücher wie McBrides “Die Farbe von Wasser“, in denen es um Mutter-Sohn-Verhältnisse geht. “Dieses Thema gilt, offen gesagt, als ein bischen schwul.” Über diesen Gedankengang des (homosexuellen) Autors habe ich mich dann doch gewundert.

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Die obigen Äußerungen mögen bitte nicht als Kritik am Buch verstanden werden. “An diesem Tag lasen wir nicht weiter” ist im Gegenteil eine berührender, sensibler, sehr schön geschriebener Bericht über eine intensive Mutter-Sohn Beziehung, die in den letzten zwei Jahren, im Wissen um den nur allzu wahrscheinlichen Tod der Mutter, noch einmal an Intensität zugenommen hat. Diese Erinnerungen sind voller Liebe und auch Wehmut, sie zeugen davon, wie sehr Will Schwalbe seine Mutter vermisst. Und ebenso ist das Buch Zeugnis einer bemerkenswerten Frau voller Tatendrang, Elan, Kraft und auch Erfolg, die viel in ihrem Leben erreicht hat.

Aber aus diesem Buch läßt sich eben auch viel Lernen für das eigene Leben, betrachtet man es durch die Erfahrungen des Autoren. Jeder von uns kann von heute auf morgen in diese Situation kommen, daß ein guter Freund, ein naher Verwandter, ein geliebter Mensch todkrank wird oder einen Unfall hat. Dann sehen wir nolens volens vor ähnliche Fragen gestellt wie der Autor: was sage ich wie, kann ich dies und jenes machen…

So war das Lesen dieser Geschichte über Bücher, über einen besonderen Leseclub, in dem sich das Schicksal zweier Menschen spiegelte, ein großer Gewinn und ganz sicher hat dieses Buch noch viel mehr Leser verdient. Schließen möchte ich meine Buchvorstellung mit den zwei Zeilen aus Masha Kalekos bekannten Gedicht, die so gut zu der Geschichte der zwei Schwalben passt:

Bedenkt den eigenen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Pankreastumor
[2] Diese private Einrichtung gehört wohl zu den besten Krebskliniken weltweit, sie begegnet einem immer wieder, wenn man Bücher über Krebs(kranke) liest, die in NYC spielen:
http://www.mskcc.org/

[3] ich selbst habe davon folgende hier im blog vorgestellt:
- Khaled Hosseini: – Drachenläufer und – Tausend strahlende Sonnen [S. 53/4]
- Ian McEwan: Am Strand [S. 28]
- James McBride: Die Farbe von Wasser [S. 243]
- Erica Jong: Die Angst vorm Fliegen [S. 52]
- Geraldine Brooks: Die Hochzeitsgabe [S. 129/30]
- Iréne Némirovsky: Suite francaise [S. 287]
- Stieg Larsson: Verblendung [S. 320]
Daneben gibt es noch eine ganze Menge von Titeln, die (noch) nicht oder schon vor langer Zeit gelesen habe und die sowohl bei Schwalbe als auch bei mir im Regal stehen…. es war ein schönes Gefühl, zu sehen, daß bei all den vielen -zig Tausenden von Titeln, die auf beiden Seiten des Atlantiks (und Pazifiks) erscheinen, so viel Übereinstimmung zu finden war.
[4] Erstaunlicherweise scheint es keinen Eintrag in der Wikipedia zu geben, was bei den vielen beruflichen und ehrenamtlichen Aktivitäten durchaus bemerkenswert ist. Unter anderem war sie Gründungsvorsitzende der “Women’s Refugee Commission”, sie besuchte und arbeitete in vielen Flüchtlingscamps, zu der Zeit des Buches war sie damit befasst, in Afghanistan eine Bibliothek aufzubauen.
[5] Wenn die google-Bildersuche mich  nicht in die Irre geführt hat, macht diese einen sehr sympathischen Eindruck, ich kann sehr gut nachvollziehen, daß Mary Anne Schwalbe viel Vertrauen zu Dr. O´Reilly gefasst hatte.
[6] Nachruf von Marina Vaizey: Mary Anne Schwalbe obituary, The Guardian, Sunday 25 October 2009

Mehr Buchvorstellungen zum Thema “Sterben, Tod, Trauer” im Themenblog

Will Schwalbe
An diesem Tage lasen wir nicht weiter
Das letzte Jahr mit meiner Mutter
Aus dem Englischen übersetzt von Henriette Zeltner
diese Ausgabe: List, HC, ca. 380 S., 2012

abschied-nehmenMan liest es so häufig, daß “Sterben” und “Tod” ein Tabuthema unserer Zeit seien, daß man schon fast der Meinung sein möchte, daß diese Aussage eher zur Eingangsfloskel geworden ist, mit dem man sich eine Art Rechtfertigung schaffen will, daß man sich gerade genau mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Sollte es aber tatsächlich so sein, daß diese Themen (noch) ein Tabu darstellen, ist dieses Heft aus der Spiegel-Reihe “Wissen” sicher geeignet, sich dieser Frage zu nähern.

Es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht auf einmal (oder auch absehbar) mit Sterben und Tod konfrontiert werden kann, in vielerlei Rollen, in die man auf einmal gestellt ist. Eine ärztliche Diagnose oder ein schwerer Unfall und man ist vllt gezwungen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – unabhängig vom Alter. Nahe Verwandte, geliebte Menschen, gute Bekannte können betroffen sein und wir, die wir ihnen nahe stehen, mit ihnen. Mag sein, daß wir gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen, weil wir Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben… vllt sind wir “nur” als Begleiter von Sterbenden oder Trauernden gefragt, eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, die aber oft nicht angenommen wird.

Sterben ist ein Teil des Lebens ist, wenn auch der letzte (folgerichtig geht man zum Beispiel nicht in ein Hospiz, um zu sterben, sondern um bis zum Tod dort zu leben). Um ihn herum gibt es eine Reihe von Themen, Fragen, Problemen, mit denen man sich einmal frühzeitig befassen sollte, bevor sie dann in einer Stresssituation, womöglich in Eile und dringlich, entschieden werden müssen. Patienentverfügung und Betreuungsvollmachten gehören dazu, natürlich auch Testamente oder Festlegungen (möglicht unter allen Beteiligten), was die äußere Form des Begräbnisses angeht.

“Abschied nehmen” widmet sich vielen einzelnen Fragen (vgl. das Inhaltsverzeichnis), es sind jeweils kurze, zwei- bis dreiseitge Aufsätze, die das Thema natürlich nicht in Gänze oder in der Tiefe behandeln können. Aber sie bieten einen guten Einstieg, mit dem man sich, da auch weiterführendes angegeben wird, bei Interesse tiefer in ein Thema einarbeiten kann.

Folgende Kapitel enthält das Heft:

  1. Am Ende des Lebens: Ausätze über das Sterben, das Begleiten Sterbender und auch über Trauer
  2. Tod als Beruf: hier wird z.B. die Arbeit des Bestatters beschrieben, aber auch von Notare (Testamente) und Sterbebegleitern. Da ich dies ehrenamtlich selbst mache, ist natürlich die Frage wichtig: wie sage ich einem Menschen, daß jemand, der ihm sehr nahe stand, gestorben ist….
  3. Krankheit und Sterblichkeit: hier sind Stichworte: Hospize, Palliativmedizin, Kinder und Tod, wann ist man überhaupt tot?
  4. Suizid und Sterbehilfe: man muss sich vor Augen halten, daß durch (“erfolgreiche”) Suizide in Deutschland mehr Menschen sterben als durch AIDS, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen, ungeachtet der versuchten Suizide oder nicht als Suizide erkannten Todesfälle…
  5. Kultur und Rituale: Beiträge rund ums den Komplex “Umgang mit dem Verstorbenen und eigene Trauerarbeit”

Für besonders interessant halte ich die Interviews z.B. mit dem bekannten Palliativmediziner Gian Borasio über Sinn (und auch Unsinn) medizinischer und pflegerischer Massnahmen am Lebensende, einen schwierigen Punkt, über den mit einer etwas anderen Perspektive, nämlich der Durchsetzung von in Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen, der Medizinrechtler Wolfgang Putz befragt wird: “Sterben lassen ist kein Töten”.

Insgesamt denke ich, daß das Heft den gesamten Themenkomplex rund um “Sterben und Tod” gut abdeckt und auch – oder gerade? – wenn man sich momentan ganz weit weg davon sieht, eine gute Gelegenheit ist, sich ihm unbefangen zu nähern.

Links und Anmerkungen:

- das Bild ist nicht dem Heft entnommen, sondern stammt aus dem eigenen Bestand
- mehr zum Thema “Krankheit, Sterben und Tod” im themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Der Spiegel (Hrsg)
Abschied nehmen
Vom Umgang mit dem Sterben
aus der Reihe: Wissen, Heft 4/12

Achtundvierzig Tage nach dem Tod ihres Mannes Hans von Mierlo beginnt die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen damit, Notizen über ihre Existenz nach diesem Verlust festzuhalten. Obwohl sie das Genre des “Tagebuch”schreibens nicht liebt, ist es für sie in dieser Situation die einzige Möglichkeit, sich zu artikulieren. Zu der gedanklichen Strenge und Konsequenz, nach der ein Roman mit seiner Struktur, seinem inhaltlichen und konzeptionellen Gerüst verlangt, ist sie nach diesem Schicksalsschlag nicht fähig. Im Gegenteil sollen ihr die Aufzeichnungen, die sie bewusst “Logbuch” nennt, ihrerseits eine Struktur zur Hand geben, ein Log sein durch ihre Trauerzeit.

“Es gibt nur noch Wörter, die mit “Un-” und “Ent-” anfangen, als Wörter, die sich von etwas zu lösen, die etwas nicht zu sagen versuchen.”

entnervt, entartet, entgeistert, ungeheuerlich, entortet……

Wie Grossmann ist Connie Palmen aus der Zeit gefallen, aus der Welt gefallen, steht sie kurz davor, auch aus dem Leben zu fallen. Sie erlebt zum zweiten Mal in ihrem Leben den Verlust eines Menschen, den sie mit einer Intensität liebt, die auf dem Umschlagtext als symbiotisch bezeichnet wird. Das “Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” ist ein “Witwenbuch” (diesen Term gebraucht sie selbst), ihr zweites nach “I.M.”, in dem sie das Leben und auf wenigen Seiten auch die Trauerzeit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Ischa Meijer beschreibt [1]. Im Gegensatz zu Ischa Meijer starb der deutlich ältere als sie Hans von Mierlo nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, bei dem sich durch die stete Verschlechterung seines Zustandes der Tod als zu erwartend abzeichnete – auch wenn seine Einlieferung ursprünglich nur einer Untersuchung seines Gesundheitszustandes galt. Um so schwerer fiel die Annahme dieser Tatsache natürlich,  zumal es noch eine kurze Periode der Besserung Hoffnung gab, die wiederum nach kurzer Zeit aufgegeben werden musste.

Hans von Mierlo, einer der beliebtesten Politiker der Niederlande, der in vielen Funktionen auch Ministerverantwortung getragen hatte, hatte sich in den achtziger Jahren durch eine Bluttransfusion mit Hepatits C infiziert, was zu einem Leberkrebs bei ihm führte. Im Jahr 2000, zu diesem Zeitpunkt waren Connie und er schon ca. anderthalb Jahre ein Paar, wurde ihm eine “neue” Leber transplantiert. Die Transplantation gelang zwar, aber die Immunsuppressiva, die er einnehmen musste, riefen langfristig ein Leberlymphom hervor. Hans von Mierlo starb am 11. März 2010, nachdem Connie Palmen (die nachfolgend kaum fassen konnte, daß sie diese Entscheidung getroffen hatte) weitere Untersuchungen und Behandlungen ihres Mannes abgelehnt hatte. Wenige Monate zuvor, am 11. November 2009, hatten die beiden geheiratet.

2010 war das annus horibilis der Familie Mierlo/Palmen, im näheren und weiteren Umfeld, auch in der Familie häuften sich die Todesfälle, Dieter Wunderlich hat sie akribisch zu einer erschreckenden Liste zusammengefasst [2]. Wer hält so etwas aus, jeder Trauerfall, jeder Verlust ein erneutes Einstürzen der eigenen Welt, eine zu ertragende Verletzung der Seele und des eigenen Willens zum Leben? Auf fast makabre Art und Weise dokumentiert Palmen am Ende des Buches die um ein Jahr versetzte Sterbephasen von Vater und Tochter, von Hans und Marie, der sie sehr nahe stand, die beide am Non-Hodgkin-Lymphom starben, in dem sie ihre Aufzeichnungen für jeweils das gleiche Datum parallel wiedergibt…

Neununddreißig Kilo, Kiefersperre, Mund in Fetzen, Rachen in Brand, Magen greint, Darm jammert laut vor Leere, Herz rast, klopft, pumpt wie verrückt. Innen durch und durch kalt, außen perlt der Schweiß…

Beim Anlesen des Buches, auf der ersten Textseite dachte ich, es wäre die erschütternde Beschreibung Hans von Mierlos in seinem Sterben. Erst beim Lesen habe ich gemerkt, daß es sich bei dieser Beschreibung um die von Connie Palmen handelt. Der Seelenschmerz ist körperlich geworden, hat sich eingenistet in allen Winkeln, ist dabei, das eigene Sein zu zerstören. Wie kann ein Leben weitergehen ohne den geliebten Menschen: es scheint unmöglich. Und von Tag zu Tag, unmerklich vllt zuerst, aber unabänderbar schwindet die Erinnung an ihn. Connie Palmen sammelt fast manisch alles, was an Notizen, Aufzeichnungen, Bemerkungen ihres Mannes zu finden ist, seine Tagebücher, Zettel, Bilder…. jedes Stück Papier, das er einmal in den Händen hatte, ist ihr wertvoll, weil es eine Spur von ihm ist, die ihr erhalten geblieben ist… und doch… im Lauf der Wochen, der Monate verblasst Erinnerung, wird unpräzise, konzentriert sich auf besondere Momente, vermischt sich mit erzählten Erinnerungen anderer, ändert sich… Das Buch Palmens ist auch ein Versuch, gegen dieses Vergessen anzuschreiben, es zu überlisten [3]. Wählt sie in I.M. das romanhafte als Genre, also die Fiktionierung, versucht sie hier – auch weil nur dies ihr möglich ist – durch den Tagebuchcharakter die “Wahrheit” festzuhalten.

So sehr Palmen mit ihrem Logbuch auch die Erinnerung aufrecht halten will, so flieht sie sie andererseits auch. Ihren Anmerkungen nach scheint sie viel zu trinken, zu viel, teilweise hat sie sich nicht mehr im Griff, fällt auf, wacht des Morgens auf der Couch in ihrer Wohnung auf, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist. Sucht als Flucht, der Zustand des Betrunkenseins auch als Zustand eines kleinen Todes, eines Vergessens, einer Isolation von der Welt und damit einer “Nähe” zum Geliebten, der der Welt auch entrissen ist…. Dies ist Palmen bewusst, sie fügt den Text einen Essays von ihr zum Thema “Süchte” in den Buchtext ein, in dem sie auch eigenes Suchtverhalten analysiert: “Süchte sind bezahlte Freundschaft“, ein Johnny Walker verläßt dich nie.

Im Umschlagtext zum Buch wird die Beziehung zwischen Palmen und von Mielo als “symbiotische Liebe” bezeichnet, womit die wechselseitige Nähe, u.U. sogar Abhängigkeit der beiden voneinander charakterisiert wird. Ganz abgesehen davon, daß man dies natürlich im Grunde auch aus der Sicht des Verstorbenen beurteilen müsste, ist mir persönlich das Wesen der Liebe, wie sie Connie Palmen erfährt und lebt, noch ein paar Bemerkungen wert.

Dass es [1.e. der Tod des geliebten Menschen] so desaströs für dich selbst ist, kommt daher, dass du ohne einen anderen kein Selbst hast und, in der Liebe, dein schönstes Selbst in seinen Händen liegt.”

Es ist dieses Bild Platons vom Kugelmenschen, auf das Palmen in I.M. selbst bezogen hat [1], das mir auch hier wieder in den Sinn kommt: zwei Individuen, die ihre Individualität in gewissem Sinn in der Vereinigung aufgeben und sich durch die Beziehung zu dem jeweils anderen definieren. Liebe ist, Palmen sagt dies so, Selbstaufgabe: “Tas [i.e. ihr Analytiker] gegenüber gestehe ich, dass ich nie gedacht hätte, jemals wieder einen Mann so lieben zu können, und daß ich nun erneut auf meine Selbstständigkeit pfeife.” Das christliche (und wunderbare) Gebot: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!” ignoriert Palmen, sie liebt sich nicht mehr selbst, sondern nur noch in  ihrer Liebe zu diesem einen Menschen. So kommt auf Palmen ausser der katastrophalen Verlusterfahrung durch den Tod des Geliebten auch die Tatsache zu, daß sie, die sie ihr Glück, sich selbst über diesen Menschen definiert hat, jetzt ohne eigenes Selbst – und damit einen eigenen Sinn – in die Welt geworfen ist: “Eines Abends bitte ich ihn [i.e. den Bruder, der auf sie aufpasst] um die Erlaubnis, sterben zu dürfen. Er verweigert sie mir. Okay, sage ich, dann nicht.” Dieses sich “so sehr an etwas zu hängen“, sich abhängig zu machen von etwas, ist ein Wesenzug Palmens, vor dem schon die Mutter das Kind Connie warnte….

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Das Logbuch hat als Tagebuch natürlich keine Handlung, aber im Verlauf des beschriebenen Jahres zeigt sich die Entwicklung des Seelenzustandes von Connie Palmen. Sie lernt, sehr schmerzhaft und mühsam, wieder zurück ins Leben zu kommen, das Haus wieder zu verlassen, Kontakte mit Menschen aufzunehmen, auch wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, ihren Alkoholkonsum zu drosseln. Und immer wieder die Tode anderer, naher Menschen, obwohl man das Gefühl hat, daß dieser eine Tod so gewaltig für Palmen ist, daß die anderen den Schmerz kaum noch vermehren können. Aber das mag ich auch falsch aus den Aufzeichnungen heraus interpretieren.. der Tod der geliebten Stieftochter Marie jedenfalls, ein gutes Jahr nach ihrem Vater, also in einer Zeit, in der Palmen wieder ins Leben zurückgekehrt war, war noch einmal ein großer, tiefer Verlust, die zu erdulden war….

Trost und Verständnig findet Palmen in Büchern, Aufzeichnungen, Protokollen anderer, vornehmlich Schriftsteller [5], die ihrerseits Tode von nahen Menschen in ihr Leben integrieren mussten. Jetzt, selbst in dieser Situation, versteht sie die Gedanken, die sie dort findet, die Seelen- und Zustandsbeschreibungen, die Bekenntnisse der Unfähigkeit zu diesem und jenem, dem Schreiben zum Beispiel… was Palmen nie verliert, ist ihre Fähigkeit zur Reflexion, zur Analyse des eigenen Verhaltens, der eigenen Situation. Das Wesen der Trauer, des Verlustes, der Liebe… im Verlauf der Zeit, d.h. des Buches nehmen Erinnerungen an das frühere gemeinsame Leben mit von Mierlo mehr Raum ein, man merkt, daß Palmen immer besser in der Lage ist, den Schmerz, den diese Erinnerungen hervorrufen, zu ertragen und durch das Niederschreiben zu bewältigen. Auf diese Weise teilt sie mit uns als Lesern wichtige Stationen in ihrem gemeinsamen Leben mit ihrem Mann, oft knüpft sie dies an das gleiche Tagesdatum des Logbuchschreibens an.

Beim Lesen des Buches taucht unwillkürlich die Frage auf: Musste es in dieser Offenheit und ungeschönten Realität geschrieben, veröffentlich werden? Connie Palmen gibt darauf selbst eine Antwort, daß dieses Buch über ihre Trauer geschrieben musste, weil das Thema – ungesagt – sonst immer zwischen ihr und jedem anderen Text gestanden hätte, den sie hätte schreiben wollen. Dieses Buch ist die Last auf ihrer Seele, die sie jetzt mit uns Lesern zusammen getragen weiß. In diesem Zusammenhang reflektiert sie ebenfalls generell über die Frage der Öffentlichmachung eines derart intimen, privaten Ereignisses wie des Todes eine geliebten Menschen, seiner Beerdigung, der Trauer der Zurückbleibenden… in einem Essay, der als Einleitung für ein Fotobuch gedacht war, gibt sie ihre Gedanken über die (auch wechselseitige) Beziehung zwischen Fotographen und Fotographierten wieder. Sie knüpft dies u.a. an die seinerzeitig kontroverse Diskussion um das Bild an, welches Annie Leibowitz von ihrer verstorbenen Lebensgefährten Susan Sonntag veröffentlich hat [6]. Ihr selbst sind die Schnappschüsse, die von ihr und den Ihren in ihrer Trauer gemacht wurden, wichtig, sind es doch zum Teil die letzten bildhaft fixierten Erinnerungen, die es gibt….

Palmen erwähnt an einer Stelle in ihrem Buch die “archaischen” Trauerriten, die in manchen Kulturen noch praktiziert werden: das Schreien, das Sich-die-Haare-raufen, das hemmungslose Weinen, das sich – in unserem Verständnis oft als ein sich gehen lassen empfundene – nach außen hin offenbaren [7]: in diesen Momenten spürt man keinen Schmerz, man ist Schmerz, der Schmerz ist nichts mehr, was von außerhalb auf einen einwirkt, er ist in den tiefsten Winkel der eigenen Seele gewandert und hat sich mit ihr vereinigt… man kann diesen Schmerz nicht mehr lokalisieren, er ist allgegenwärtig geworden, hat die Kontrolle über Körper und Seele übernommen… Vielleicht ist das Öffentlichmachen eines solchen sehr privaten, teilweise intimen Textes für einen “Literaten” das Pendant zu diesem Herausschreien des Schmerzes, man muss ihn nicht nur für sich niederschreiben – damit bleibt er ja immer noch in der eigenen Sphäre -, nein: er muss hinausgeschrieen werden in die Welt, er muss entlassen, verscheucht, vertrieben werden, in dem ich ihm ein Ventil gebe, durch das er entweichen kann: schreien oder schreiben….

“Das Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” ist beides: ein erschütterndes Dokument dessen, was ein Mensch an Verlusten erleiden kann, wie nahe Trauer einen Menschen an die eigene Vernichtung führen kann. Es ist aber auch ein Zeugnis dafür, daß man dies überlebt, daß man ins Leben zurückfinden kann, daß man lernen kann, mit dem Schmerz, der immer da sein wird, wenngleich es im Lauf der Zeit anders weh tun wird, zu leben, ihn als Bestandteil des eigenen Lebens zu akzeptieren.

Wer dieses Buch liest (hoffentlich viele), muss sich bewusst sein, daß es eine schwierige Lektüre ist, die auch den Leser selbst mit einbezieht. Denn selbstverständlich kann man solches nicht lesen ohne auf Gedanken zu kommen, wie ginge es dir selbst, wie würdest du reagieren, handeln oder auch nicht handeln, wie würdest du fühlen, was würdest du machen: wie sähe deine eigene Trauer aus, wenn ….

Links und Anmerkungen:

[1] Connie Palmen, I.M., Diogenes, Buchbesprechung hier im Blog
[2] http://www.dieterwunderlich.de/Palmen-logbuch-unbarmherzigen-jahres.htm#inhaltsangabe
[3] Video-Interview mit Connie Palmen im SRF: Connie Palmens erschütternde Abschiede von ihren Lebenspartnern, Kulturplatz, 23.01.2013
[4] Kurzbiographie von Hans von Mierlo aus der Wiki
[5] hier kann man das Logbuch fast als Sammlung von Literaturhinweisen zum Thema nutzen….
[6] vgl. David Rieff: Tod einer Untröstlichen, Buchvorstellung hier im blog
[7] ich habe dies einmal erlebt, als ich einer türkischen Familie die Nachricht vom Unfalltod ihres Sohnes (mit)überbringen musste: man wird von dieser Wucht des Schmerzes, der Trauer, der Verzweiflung, die sich vor einem ausbreitet, schier überwältigt und es ist nicht ganz einfach, damit umzugehen, wenn man plötzlich (als Bote) Teil dieses Geschehens geworden ist….

Buchvorstellungen hier im blog zum Thema Verlusterfahrung und Trauer

- David Grossman: Aus der Zeit fallen
- Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende
- David Rieff: Tod einer Untröstlichen
-Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst
- Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser
- Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
- Connie Palmen: I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam

sowie allgemein in der Kategorie: Krankheit/Sterben/Tod/Trauer

Connie Palmen
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 265 S, 2013
Erstausgabe: Amsterdam, 2011

Da die ursprünglich kugelförmigen Menschen … schnellster Bewegung fähig und mit großer Kraft ausgestattet waren, wurden sie selbst den Göttern gefährlich. Um nun ihren Übermut zu schwächen, zerschnitt der Göttervater Zeus einen jeden von ihnen in zwei Hälften. Seitdem ging jede Hälfte aufrecht auf zwei Beinen und trat mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen ihre Arme umeinander und hielten sich umfasst, voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen. [Platon, nach 2]

Ich stelle diese kurze Textstelle über Platons Idee von den Kugelmenschen und ihr Unglück meiner Besprechung voran, weil sie auch von Connie Palmen in ihrem Buch erwähnt wird. Denn genau dies schien mit diesen beiden Menschen, mit Connie Palmen und mit Ischa Meijer zu geschehen: sie schlingen ihre Arme umeinander und halten sich gefasst, voller Begierde, nie mehr auseinander zu gehen…. dies ist durchaus wörtlich gemeint, Connie Palmen umschlingt genau in dieser Art ihren “Mann” (dieser Ausdruck wird im folgenden in einem viel tieferen, ursprünglicherem Sinn verwendet als nur juristischen, denn die beiden waren nie verheiratet). So ist die Einordnung des größten Teil dieses Buches nicht schwer: es ist die Geschichte einer Liebe, eines Gefühls zwischen zwei Menschen, so groß, daß es fast nicht zum Aushalten war, so groß, daß es fast schon in Schmerz überging….

Connie Palmen ist eine junge niederländische Autorin, die 1991 mit ihrem Erstling: “Die Gesetze” Aufsehen erregt und begehrter Interviewgast wird. Unter anderem auch in der Radiosendung von Ischa Meijer, einem bekannten Journalisten und Entertainer, einem Frauenheld und einer Person des öffentlichen Lebens in den Niederlanden. Sie lehnt die Einladung zu diesem Interview spontan ab, genauso intuitiv, wie sie eine Minute später zurückruft und zusagt: “Als ich den Hörer auflegte, wusste ich, daß es mir leid tun würde, nein gesagt zu haben.

Die Begegnung der beiden scheint ein Blitzeinschlag gewesen zu sein, ein momentanes Erkennen des Zueinandergehörens, des Wissens um die einfache Tatsache: das ist mein Mann, das ist meine Frau. Ein Gefühl, das auch sehr körperlich war, das die Körperfunktionen für einen Moment ausser Kraft setzt, im wahrsten Sinn des Wortes.

Connie Palmen wird in diesem Erinnerungsbuch nicht müde, von der fast unerträglichen Intensität des Glücks, dieser Liebe zu erzählen. Sie empfindet die Heftigkeit der Gefühle zeitweise als Schmerz, sie verliert ihre Eigenständigkeit, die Freiheit ihres Willens: nur noch die Nähe zu Ischa zählt, sein Anblick, sein Geruch, seine Worte, sein Da-Sein. Und auf seiner Seite herrschen entsprechende chaotische Gefühlszustände, auch wenn Ischa immer wieder in alte Verhaltensmuster zurückfällt, irgendetwas bei anderen Frauen sucht – oder vllt auch nur aus Gewohnheit. Palmen offenbart sich uns, ihren Lesern völlig, diese Geschichte zu lesen bringt uns dem Paar in fast erschreckender Weise nahe, so nahe, wie Worte Fremde an eine solche Situation heranbringen können.

Es ist klar, daß so eine aussergewöhliche Gefühlssituation auch zu Worten, Handlungen etc führt, die für die zwei Liebenden Ausdruck ihrer Emotionen sind, die in dieser Ausnahmesituation, eingehüllt in ihren Liebeskokon, auch völlig ok sind, die aber für Aussenstehende leicht in den Randbereich der Peinlichkeit führen können. Wenn Ischa spontane Vierzeiler auf seine Connie dichtet, in den sich “Palmen” auf “qualmen” reimt… ist das von aussen gesehen schon fast so rührend albern, daß man sich selbst in die Stimmung wünscht, so etwas von sich geben zu wollen…. “Home, home!” tun sie E.T. gleich, mit gekrümmten Zeigefinger vollziehen sie ihr Ritual der Entschuldigung, der Versöhnung, des Verzeihens…

Palmen hat zwei Werkzeuge, den schmalen Grat des Erzählten, der ihn vor dem Abrutschen zum Kitsch bewahrt, zu meistern. Zum einen nimmt die Ehrlichkeit, mit der sie berichtet, beim Lesen einfach für dieses Paar ein, man verzeiht alles. Zum zweiten umfasst dieses mit knapp 400 Seiten doch recht umfangreiche Werk nicht nur die Gefühlsebene der beiden, sondern auch die intellektuelle Ebene.

Ich erschrecke mich. Ich habe mich noch nie so glücklich gesehen.

Sowohl Palmen als auch Meijer [4] sind – obschon im Temperament und der Herangehensweise an Probleme sehr unterschiedlich – Intellektuelle, die bis dato offensichtlich noch nie “gleichwertige” Partner gefunden hatten. In ihrer Beziehung jedoch beflügeln sie sich gegenseitig, die äußeren Randbedingungen lassen es zu: Ischa kann als Journalist seine täglichen Kolumnen auch per Fax absetzen, Connie an ihrem neuen Buch auch auf Reisen arbeiten. Und sie reisen viel [5], vor allem die USA haben es ihnen angetan, Schreiben, Reisen, Einkaufen, Essen, Kochen, Diskutieren.. das sind die Hauptbeschäftigungen der beiden, körperlich-manuelle Arbeiten, die sie erledigen, werden praktisch nicht genannt. Für den Leser bedeutet dies, daß er so manchen philosphischen Exkurs mitmacht, nicht in erschöpfender Tiefe, aber in kurzen Randbemerkungen, Bonmots, Feststellungen, die zu weiterem, eigenen Nachdenken anregen. Immer wieder ist das Verhältnis von Fiktion zu Wahrheit ein Thema, für eine Schriftsteller eine wahrlich fundamentale Frage… immer wieder werfen sie die besuchten Orte wie Las Vegas, Graceland oder Hollywood auf diese Frage als auch auf sich selbst zurück.

Im Lauf der Jahre (Palmen geht chronologisch vor) wird deutlich, daß Meijer sehr geprägt ist durch sein Elternhaus. 1943 geboren hat er zusammen mit seinen Eltern Bergen-Belsen überlebt, sein Elternhaus kann jedoch beim besten Willen nicht als liebevoll bezeichnet werden. Der Vater vergräbt sich in historischen Studien zum Judentum, die Mutter assistiert, die Kinder stören, werden später sogar des Hauses verwiesen. Die Biographie Meijers wäre, was Bindungsfähigkeit, Liebesfähigkeit, Hass- bzw. Rachegefühle angeht, eine Fundgrube für Therapeuten… konsequenterweise ist sein eigener Therapeut für ihn auch die nach Palmen zweitwichtigste Bezugsperson.

Nach den unbeschwerten ersten Jahren dieser Beziehung, die 1991 begann, treten Schicksalsschläge im Leben der beiden auf. Erst noch in einiger Entfernung… Palmen erfährt beispielsweise, daß Harold Brodkey, der von ihr verehrte Schriftsteller, den sie bei einem ihrer NY-Aufenthalte besuchen will, an AIDS erkrankt ist [3]. Aber dann trifft es sie unmittelbar, erst stirbt die Mutter von Ischa, was jenen mit großer Trauer erfüllt, während der bald darauf ebenfalls eintretende Tod des Vaters eher eine Befreiung für den Sohn darstellt.

Am Valentinstag 1995 fährt Connie zu der Beerdigung der Mutter ihrer zukünftigen Schwägerin in ihre alte Heimatstadt Limburg. Ischa, der schon seit ein paar Tagen krank im Bett liebt, kann sie nicht begleiten. Am Morgen macht er ihr noch das Frühstück, schaut ihr beim Duschen zu und berührt sie. “Ich liebe dich, Con” – “Ich liebe dich, Is”. Während sie unterwegs ist, stirbt er an einem Herzinfarkt.

War schon das Glücksgefühl für Palmen zeitweise kaum zu ertragen, ist dieser Verlust ihres Mannes für sie selber fast der Tod. Er ist nahe daran, sie zu zerstören, ihr Körper droht zu versagen, sie erkrankt, sie schreit, sie ertrinkt in Tränen und Träumen, sie klammert sich an ihren toten Mann, hebt das von ihm gekochte Essen auf, wühlt sich in seine Wäsche, wenigstens den Geruch noch…. Palmen hat Freunde, die auf sie aufpassen, sonst wäre sie völlig schutzlos allem ausgeliefert…. trotzdem dauert es Tage, bis sie wieder etwas Nahrung zu sich nehmen kann, sie ist ein gebrochener Mensch, wenn der Ausdruck “todtraurig” berechtigt ist, dann bei ihr…. [6]

“Du setzt alles sofort in Fiktion um, sogar dein eigenes Leben”, sagte Ischa, “das ist deine Methode, die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen.”

Es ist erschütternd, dies zu lesen und dies geschrieben zu haben, war der einzige Weg für Palmen, ihr Leben wieder zu finden, ins Leben zurückzufinden. Ein Jahr dauert es, bis sie die Kraft findet, wieder nach Worten zu suchen, ihren Schmerz, ihre Trauer, den Verlust zu artikulieren und sich damit von der Seele zu reden. In ihrem Buch entsteht so ein Ischa der Erinnerung, eine Fiktion, die ihr hilft, die Wahrheit zu ertragen….

“Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam” ist ein sehr intensives Buch, es ist anregend, es ist unterhaltsam und kurzweilig geschrieben und trotz der Nähe, zu der Palmen uns einlädt, hat man als Leser nie das Gefühl, aufdringlich zu sein, wenn man dieser Einladung folgt. Vielleicht liegt es auch daran, daß die Physis im Buch praktisch keine Rolle spielt, die Tür zum Zimmer “Körperlichkeit” bleibt uns verschlossen, und das ist gut so.

Es fällt mir schwer, meine Eindrücke von diesem Buch zusammenzufassen zu einer abschließenden Beurteilung. Es ist extrem in der Liebe, die sie schildert, es ist extrem in der Trauer, in dem Schmerz, den sie aushält. Aber sie hält ihn aus, sie überlebt ihn. Und das gibt Mut. Wovor ich jedoch ein wenig Angst habe, ist das nächste Buch (aus meiner Sammlung) von ihr, das ich lesen werde. Denn dort wird alles ganz anders sein – und doch genauso. Und das muss man auch beim Lesen erst einmal aushalten….

Links und Anmerkungen:

[1] Thomas Kastura: Aus der Fiktion für´s Leben lernen, literaturkritik.de, Nr. 5, Mai 2000
[2] Gerhard J. Bellinger: “Im Himmel wie auf Erden – Sexualität in den Religionen der Welt“, Droemer Knaur, 1993, zitiert nach:
http://www.lesbenstern.de/aufgelesen/kugelmenschen.html

[3] Harold Brodkey: Die Geschichte meines Todes, hier im blog aus.gelesen
[4] Ein Bild des Paares, aufgenommen Oktober 1992
[5] Was diesen Eindruck angeht schreibt Palmen in ihrem “Logbuch eines unbarmherzigen Jahres”: “Es [i.e. I.M.] ist ein Liebesroman, für den ich das Genre der Road Novel ausschöpfte… In den Niederlanden gehörte er [i.e. Ischa] auch den Niederlanden, auaf den Reisen hatte ich ihn für mich. Den auswärtigen Mann, den ich beschrieb, würde niemand so gesehen haben können.” Palmen nennt “I.M.” dort ein “Witwenbuch“.
[6] Dieses buchstäbliche “aus dem Leben fallen” in ein Zwischenreich hinein, das vom Tod beherrscht wird aber noch dem Leben zuzurechnen ist auch wenn dieses kaum noch gemeistert werden kann, haben auf andere Art und Weise u.a. auch David Grossman beschrieben: Aus der Zeit fallen und Wolfgang Hermann mit seinem “Abschied ohne Ende“, in dem Hermann sich nach dem Tod seines Sohnes als ebenso lebensunfähig wie hier Palmen schildert

Connie Palmen:
I. M.
Ischa Meijer
In Margine
In Memoriam

Diogenes Verlag, HC, 399 S., 1999

Um das Leben zu verstehen, muss man den Tod begreifen.

I-180-blau.
ch habe neulich zu diesem Sachbuch eine Rezension [1] gelesen, die garnicht mal so schlecht klang. Da der Tod in gewisser Weise ja eins meiner Themen [2] ist, habe ich mir das Buch dann auch sofort gekauft. Und den Kauf nach dem Öffnen des Buches genauso spontan bereut, was dazu führte, daß ich dieses Buch mehr oder weniger oberflächlich durchblätterte. In diesem Sinn stellt meine Besprechung auch keine in die Tiefe gehende Vorstellung des Buches dar, es ist vielmehr eine Sammlung von Eindrücken, die mir bei diesem Blättern auffiel.

“Auch wenn jeder, der das Leben liebt, unweigerlich Angst vor dem Tode hat, …”

So einen “All-Satz” (“jeder”), wie hier im vorliegenden Buch auf S. 19 geschehen, zu formulieren, ist immer ein Risiko, logisch gesehen reicht ja ein Gegenbeispiel, um ihn zu widerlegen. So auch hier. Am selben Tag, als ich auf dem Rückweg von “meiner” Palliativstation in der Buchhandlung das Buch kaufte, hatte ich eine bemerkenswerte Dame im Krankenhaus kennengelernt. In großer innerer Ruhe und ebensolchem Frieden mit sich und der Umwelt wartet sie ohne Furcht auf den Tod, der einzige Wunsch, den sie hat, lautet, daß sie nicht so lange warten muss. Meine eigene Mutter wartet auf den Tod… warum sollte ein gläubiger Christ, für den nach dem Tod die Auferstehung im Ewigen Leben an der Seite Gottes wartet, den Tod fürchten? Nein, es sind bei weitem nicht alle Menschen, die den Tod fürchten! Pikanterweise stellen die Autoren ihrem Kapitel “Ein schleichender Tod” das Bonmot Oscar Wildes, welcher es dem Dorian Gray in den Mund legte, voran: “Ich habe keine Angst vor dem Tod, das Sterben ist´s wovor ich mich ängstige“… eine nette Selbstwiderlegung der Autoren

Abgesehen von diesen eher rationalen Argumenten habe ich mich persönlich über diese Verallgemeinerung sehr geärgert und empfinde diesen Satz als nahezu schon diskriminierend, denn im Umkehrschluss würde er aussagen, daß Menschen, die vor dem Tod keine Angst haben, das Leben nicht lieben. Und zu dieser Absurdität braucht man wohl nichts weiter zu sagen.

Die Spanische Grippe

Diese wird im Kapitel über den “Tod durch Infektionen” erwähnt als Seuchenzug, der in seiner Heftigkeit und Stärke wohl als einziger mit dem der Pest vergleichbar ist. Auf S. 158 wird sie in das Jahr 1918 gelegt, eine Seite später dann in das Jahr 1919. Zudem wird auch noch der Zeitraum von 1918-1920 (wie dies auch sonst in der Literatur gemacht wird) für den Ausbruch dieser Epidemie, die in drei “Wellen” um die Erde zog, angegeben. Diese vielen unterschiedlichen Jahreszahlen sind verwirrend und es ist zumindest erklärungsbedürftig, warum die Autoren dies so different gehandhabt haben.

tja, und dann erkläre mir mal jemand diesen Satz [S. 43]….

Es geht um die Befruchtung der weiblichen Eizelle durch ein männliches Spermium und die dadurch erfolgende “Mischung” der Erbanlagen:

Bei der Entstehung der Keimzellen werden die 23 Chromosomen, auf denen unsere Gene liegen, zufällig verteilt. Von jedem Chromosomenpaar wird eines an eine Eizelle bei der Frau und an ein Spermium beim Mann übertragen. Statistisch gesehen gedeutet diese Verteilung, dass 2 hoch 23 (8 388 608) verschiedene Keimzellen produziert werden können. Denn bei der Befruchtung verschmilzt eines der 8 388 608 möglichen Spermien (??) des Vaters mit einer der 8 388 608 möglichen Eizellen (??) der Mutter zu einem Embryo, das heißt, ein einziges Paar kann 70 000 Milliarden unterschiedliche Kinder zeugen.” Respekt, das nenn ich eine Großfamilie…. dem Satz hätte sicherlich eine Überarbeitung und Umformulierung gut getan, ist das denn keinem aufgefallen?

… und an dieser Stelle habe ich dann das Buch dann zugeschlagen…:

Im Abschnitt “Post-mortem Prozesse” werden u.a. biochemische Vorgänge nach dem Eintritt des Todes erläutert. Auf S. 230 wird gesagt, einer der Bestandteile der im Verwesungsprozess auftretenden extrem übel riechenden Gase sei Schwefelwasserstoff (H2N). Also wirklich, Leute.. ist jetzt Ammoniak gemeint, dann wäre die Formel NH3 richtig gewesen oder doch Schwefelwasserstoff, dann müsste es aber H2S heißen…… hier ist einfach schlampig und oberflächlich gearbeitet worden, anders kann ich das nicht nennen.

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“Der Tod”, dieses Buch der beiden französischen Autoren ist kein Buch über den Tod. Es ist ein Buch über die “technische” Seite des Sterbens, über die vielfältigen Möglichkeiten oder Arten, zu Tode zu kommen. Man kann aber nicht allen Ernstes behaupten, dem Thema “Tod” auch nur annähernd gerecht zu werden, wenn man so wie hier die spirituelle, die philosophische und auch die ganz pragmatische Komponente konsequent ausspart. Die Angst vor dem Tod, den eigenen gar, läßt sich nicht überwinden, nur weil ich weiß, daß es Fugu-Köche gibt, den den Giftfisch so zubereiten können, daß geringe verbleibende Giftdosen im Fleisch ein angenehmes Bizzeln beim Verzehr hervorrufen….

Begriffe wie “ars moriendi” oder “ars vivendi” habe ich im Buch beim Durchblätter nicht gefunden, ein Sachwortverzeichnis gibt es nicht. Dafür erfährt man sehr praxisnah etwas über Zombies und Voodoo-Praktiken… Namen wie Kübler-Ross tauchen nicht auf, selbst wenn man von solchen Phasenmodellen im Sterbeprozeß mittlerweile abkommt, sind sie in der Praxis für den Begleitenden immer noch hilfreich, weil sie Erklärungen bieten, an die er sich halten kann. Wo sind die Abschnitte, die sich mit Verlusterfahrungen, mit Trauer und Trauerprozessen befassen, wo wird dem Begleitendem Hilfe an die Hand gegeben, geschweige denn dem selbst Betroffenen oder auch “nur” einem Wissensdurstigen, der so zumindest erfahren könnte, wo er sich intensiver umschauen könnte? In diesem Buch jedenfalls nicht…

So hat man letztlich ein Druckwerk in der Hand, das (etwas polemisch gesagt) zwischen dem Guiness Buch der Rekorde und Trivial Pursuit zum Thema “Sterben und Gestorben werden” angesiedelt ist. Nach der Lektüre kann man problemlos die drei Foltermethoden angeben, deren Tod am greuslichsten ist (welch eine makabres Ranking, abgesehen davon, daß ich die angeführten Methoden nicht als Folter- sondern als Hinrichtungsmethoden ansehen würde, unabhängig davon, daß das an der Grausamkeit nichts ändern würde); die Frage zu beantworten, von welchem Schlangengift 20000 Mäuse stürben, fiele leicht ebenso wie die Aufzählung von Persönlichkeiten, die der Gabe von Arsenik oder Zyankali zum Opfer fielen. Haben Projektilwaffen wirklich die im Film oft so dramatisch dargestellte “man stopping power” und sind vier Pferde tatsächlich in der Lage, einem Mann beim Vierteilen die Extremitäten abzureißen? Bunt bebildert bis hin zum Stealth-Bomber und dem Blick in einen Revolverlauf, viele Tierfotos von giftigen Schlangen und Fröschen, alles was das Herz, das nach Spektakel lechzt, verlangt… weder sexuell motivierter Kannibalismus noch der “Tanz der Erhängten” wird ausgelassen…. Daß es neben diesen Abschnitten auch solche gibt, die sich mit Physiologischen Fakten befassen, den evolutionären Sinn des Todes erläutern oder die auf den allgemeinen Lebensprozess eingehen, der mit dem Tod dann endet, sei erwähnt.

So kann ich für meinen Teil zusammenfassen, daß dieses Buch allenfalls für solche Leser geeignet ist, die sich überhaupt mal getrauen wollen, das Thema Tod anzuschauen oder für Leser, die ihre Allgemeinbildung zum Thema “Todesursachen” auffrischen wollen.

Wer Rat und Begleitung braucht, weil er entweder selbst durch z.B. eine entsprechende Diagnose mit dem eigenen Tod konfrontiert wird, oder weil er nahestehende Menschen begleiten will (oder muss) oder wer sich ernsthaft mit dem Gesamtkomplex “Sterben und Tod” auseinandersetzen will im Sinne einer “Ars moriendi”, der sollte sich ein anderes Buch kaufen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wolfgang Schlott, Nüchterner Blick auf das Ende des Lebens, Spektrum der Wissenschaft April 2013, S. 102, vgl auch hier in der online-Ausgabe
[2] andere Bücher zum Themenkomplex: Sterben/Tod/Trauer hier im blog aus.gelesen

Richard Béliveau, Denis Gingras
Der Tod
Aus dem Französischen übersetzt von Hanna van Laak
Erstausgabe: Montreal, 2010
diese Ausgabe: Kösel-Verlag, 264 S., 2012

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