Rolling Stone: 1000 Cover
Juni 3, 2009

Am 9. November 1967 erschien die erste Ausgabe des nachmalig wohl wichtigsten und einflussreichsten Musikmagazins der USA, des Rolling Stone. Das Titelblatt der damals noch auf Zeitungspapier gedruckten Ausgabe zeigt John Lennon mit einem Foto aus „Wie ich den Krieg gewann“.
Ich habe mir das Buch besorgt, weil ich durch das Lesen der „Stadtgeschichten“ von Maupin wieder so ein wenig auf diese Zeit neugierig geworden bin, der nostalgische Touch eben… und da passte es ganz gut, daß ich diesen umfangreichen Bildband in einem Prospekt gesehen habe.
Natürlich ist das Buch auf den englisch sprechenden Teil dieser Welt konzentriert, vor allem eben die USA und Großbritannien (Claudia Schiffer ist die einzige Deutsche, die ich gefunden habe, in Ausgabe RS 578, 5/90). Die Beatles und die Stones sind oft abgebildet (Mick Jagger hält, wenn ich mich recht erinnere, den Rekord mit 27 Titelbildern) und im Lauf der Jahre kann man wunderschöne „Vorher – Nachher“ Vergleiche anstellen (Bono hatte mal lange Haare und Old Slowhand ist in seinen frühen Jahren kaum zu erkennen….von Iggy Pop ganz zu schweigen…. Jacko). Die ganzen Heroen der Jugend, ob Creedence Clearwater Revival (Oh „Suzi Q„..), Sly and the Family Stone („…higher… “ Gänsehaut pur….). Die Achselbehaarung von (damals noch) Prince ist ebenso zu bewundern wie Alice Cooper in seiner Schrillheit….
Um es abzukürzen: viele, viele bunte Bildchen mit vielen Erinnerungen, auch einiges an interessanten Textauszügen. Ein richtig toller Trip durch 40 Jahre (vorwiegend angelsächsische) (Rock)Kulturgeschichte…
Links:
Homepage des Rolling Stone
Homepage derdeutschen Ausgabe des RS
Kurzer Wiki-Beitrag zum Thema
Rolling Stone
1000 Cover
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Oktober 2006, 567 S
ISBN-10: 3896027360
ISBN-13: 978-3896027368
Nachkriegsdeutschland bis Wirtschaftswunder
Januar 7, 2009
Normalerweise gilt ja bei mir „One book – one entry“, aber heute mach ich doch eine Ausnahme, denn ich will zwei Fotobücher vorstellen, die sich auf´s trefflichste ergänzen.

Zum einen ist dies „Entering Germany“ des amerikanischen Fotografen Tony Vaccaro [3], der schon als GI vor dem Ende des Krieges in Deutschland war und als Soldat fotografierte und der nach Kriegsende bis 1949 im Land blieb, dies kreuz und quer bereiste und dabei Tausende von Bildern schoss. Auch wenn er durch widrige Umstände öfter mal Verluste in seinem Archiv hinnehmen musste, ist die Auswahl der Bilder sehr beeindruckend.
Natürlich kennt man die Bilder des zerstörten Deutschlands, der Städte in Schutt und Asche (ein Anblick, der im übrigen auch den Amerikaner Vaccaro tief betrübte und ihm eine unverhältnismäßige Aktion der Aliierten dünkte), der z.T. in Lumpen gekleideten, kaputten, desillusionierten Menschen. Trotzdem, wenn man diese Anblicke hier vor sich hat, als Bilder, sich darauf konzentrieren kann, auch mal Details schauen (was im Fernsehen kaum möglich ist, da hier das Tempo des Bildwechsels ja von außen vorgegeben wird): es berührt, macht in gewisser Weise auch demütig, denn wir heute haben vieles von dem, was wir haben, auch diesen Menschen damals, unseren Eltern, Großeltern, die in wirklich schwierigsten Zeiten angepackt haben und ohne groß zu lamentieren aufgebaut haben, zu verdanken. Wie leicht vergisst man das! Ich habe mir mal die Zeitung vorgenommen und geschaut, über was heutzutage so gejammert und geklagt wird.. ich muss es nicht hinschreiben, aber im Vergleich zu damals….. es ist wirklich sinnvoll, sich und die eigenen Ansprüche manchmal durch solche Erinnerungen – so lange ist das alles noch nicht her – wieder zu erden.
Sind die ersten unmittelbaren Jahre nach dem Krieg durch Not und Zerstörung geprägt, auch durch die Besatzung durch die Siegermächte, sieht man gegen Ende der Zeitspanne in Vaccaros Buch, daß es aufwärts geht: die Kohleförderung läuft wieder an, es wird wieder an Hochöfen gearbeitet, Stoffe werden in kleinen Fabriken zugeschnitten, mit vorsintflutlichem Gerät werden Straßen repariert, in Stand gesetzt, gebaut und auch das private Leben nimmt wieder Konturen an, die Freizeit wird gestaltet mit Tanzveranstaltungen, Rummelplätzen. Erste Modenschauen finden statt, 1948 wird schon im Bikini gebadet…. Insbesondere die Luftbrücke um Berlin trägt dazu bei, die Gräben zwischen Besatzern und Besiegten zu überbrücken
1949 verläßt Vaccaro Deutschland, kehrt voller Optimismus die Zukunft Deutschlands betreffend in die Staaten zurück. Dies ist (cum grano salis) der Zeitpunkt, in dem das zweite Fotobuch „Wirtschaftswunder“ [1], von Darchinger [2], das ich mir heute angeschaut habe, einsetzt:

1952, also 3 Jahre nachdem das Buch von Vaccaro endet, ist die Zeit, in der in den Städten schon wieder Werbung zu sehen ist, wo es wieder Betriebe gibt und Firmen (die Produkionshalle von Porsche ist ja sowas von Puppenstube, so niedlich… wenn man das mit den heutigen Anlagen vergleicht…..). Die Straßen sind voller Kinder, der Verkehr nimmt stetig zu, es wird wieder gekauft, noch ist das Radio eine der Hauptverbindungen zur Welt, aber das Fernsehen steht schon auf der Matte. Die Autobahnen haben noch keine Mittelleitplanke und formal ist der Mann der Herr im Haus und Gleichberechtigung noch ein Wort des Teufels. In ausgebombten Hauseingängen machen sich kleine Läden breit, die das Notwendigste verkaufen und aus denen sich später große Läden entwickeln. Der Lohn wird noch bar ausgezahlt und die Vergügungen sind züchtig. Kurz darauf werden Versandhäuser wie Neckermann und Quelle zu wahren Kaufparadiesen, die großen Ketten wie Karstadt bieten den Menschen all das was sie wollen, tragen aber auch zum Untergang der kleinen Läden in den Städten bei. Über dem Land liegt Adenauer mit seiner CDU, andererseits beschert uns Erhard mit seiner sozialen Marktwirtschaft den Grundstock dessen, von dem wir heute noch zehren. Der soziale Wohnungsbau setzt ein (noch ist nicht klar, welche sozialen Probleme die Siedlungen vor den Städten in Zukunft machen werden), aber auch der Boom nach Bausparverträgen und dem Häuschen im Grünen, erste Urlaubsreisen werden gemacht, in das Land, wo die Zitronen blühen…. Deutschland, ein Land im Aufbruch, voller Schwung und Optimismus.
Die politische Einbindung an den Westen wird zementiert, die Bundeswehr ins Leben gerufen. 1963 wird dann die Mauer durch Berlin gebaut, der Eiserne Vorhang dichtgemacht. Die CDU feiert ihre große Zeit, die dann gegen Ende der 60er Jahre zu Ende geht (und 1969 in eine erste Große Koalition mündet). 1967 dann kommt der Schah zu Besuch, Benno Ohnesorg wird bei den Demonstrationen erschossen und für die Bundesrepublik fangen stürmische Zeiten an….
Facit: Zwei Fotobücher, die sich wunderbar ergänzen und einen sehr eindrucksvollen Rückblick auf die Zeit in den ersten 2 Jahrzehnten nach dem Krieg bieten. Einiges, was auf den späteren Bildern zu sehen war, habe ich selbst noch in Wirklichkeit so erlebt, ein zusätzlicher Anreiz natürlich für mich persönlich.
Links:
[1] Eine Auswahl von Bildern findet man hier im Spiegel: einestages
[2] Biographische Angaben zu Darchingeraus der Wiki
[3] Biographische Angaben zu Vaccaro aus der Wiki
Tony Vaccaro
Entering Germany
Taschen Verlag, 2001, 192 S.
ISBN-10: 3822859087
ISBN-13: 978-3822859087
Josef Heinrich Darchinger
Wirtschaftswunder
Taschen Verlag; 2008, 288 S.
ISBN-10: 3836500191
ISBN-13: 978-3836500197
Romeyn Beck Hough: The Wood Book
Dezember 17, 2008

Ein Buch, an dem man praktisch nicht vorbeigehen kann, ohne begeistert zu sein. Das Original dieses Werkes erschien um die vorletzte Jahrhundertwende in den USA und verzeichnet alle amerikanischen Hölzer mit Abbildungen ihrer Furniere, aus denen Farbe, Maserung und Textur hervorgeht. Angegeben werden immer der Radialschnitt (ein Schnitt entlang der Achse), dann ein Tangentialschnitt (also ein Schnitt parallel, aber ausserhalb der Achse) und natürlich den Schnitt senkrecht zur Achse. Dazu werden die Bäume beschrieben, die Nutzung des Holzes aufgeführt…
..
.
Es ist einfach nur schön, dieses Buch durchzublättern, selbst wenn es sich um „amerikanische“ Bäume handelt, aber eine Menge davon gibt es ja auch bei uns. Ich habe jedenfalls schon einige Zeit mit Blättern verbracht. Und mich manches Mal dabei erwischt, wie ich mit den Fingern über die Bilder strich, als ob ich das Holz fühlen wollte……
Romeyn Beck Hough
The Wood Book
Taschen Verlag; Jubiläumsausgabe: 25 Jahre TASCHEN, Oktober 2007,
ca. 800 Seiten
ISBN-10: 3822838187
ISBN-13: 978-3822838181
Isolde Ohlbaum: Denn alle Lust will Ewigkeit
Dezember 11, 2008

Mir kam der Tag nicht, der mich sagen ließ
Du könntest anders nicht als irdisch sein.
Du gleichst ihm allzusehr, dem Paradies,
Und dem, was man als ewig glaubt allein!
- Doch heute abend, in der Luft, die strich
Feucht durch den leeren Park, hab ichs gespürt:
Den erdgen Duft der Astern, der entwich
Und an die welken Chrysanthemen rührt…..
Wie! Du kannst sterben! – und ich liebe dich!
Comtesse Anne de Noailles
Lebenshunger und Todessehnsucht, Eros und Thanatos sind die Antipoden, die unsere Existenz bestimmen. Nirgends wird dies deutlicher als auf Friedhöfen. Hier hat Thanatos, der griechische Gott des Todes, den Lebenskreis vollendet, die Erde holt sich den Menschen wieder zurück, der für kurze Zeit, dank Eros, hervortrat in seine Existenz, lebte – und liebte und so den Kreis des Lebens ewig hielt.
Friedhöfe sind Orte der Ruhe, der Besinnung, der Erinnerung und der Einkehr. Leider sorgen, so Ohlbaum, Friedhofsordnungen und behördliche Vorschriften immer mehr dafür, daß diese Oasen der Seele gleichförmiger und neutraler werden, Wie schön dagegen alte Friedhöfe wie St. Marx in Wien, den ich leider nur von (wunderschönen) Bildern und als Buch kenne…..
In ihrem kleinen Bildband sucht Ohlbaum Friedhöfe in ganz Europa auf und porträtiert dort erotische Skulpturen, „verführerische, laszive, aufreizende“ Figuren, die sie dort zu ihrerem Erstaunen fand. Es ist ein wunderschönes Buch daraus entstanden, sehr stimmungsvoll, mit Gedichten und Texten zum Thema Tod, Liebe und Verlust versehen. Vielleicht, so schreibt sie, hat es „…den Schmerz des Verlustes erträglicher gemacht, glauben zu können, daß man sich einst wiedersehen wird, wieder lieben wird: denn alle Lust will Ewigkeit…“
… in einem anderen Leben….
Isolde Ohlbaum
Denn alle Lust will Ewigkeit
Knesebeck, 2000
ISBN-10: 3896600680
ISBN-13: 978-3896600684
Hermann Försterling: FloraMagica
Oktober 1, 2008
Ein wunderschönes Fotobuch von Blumen und Blüten, die erst auf den zweiten Blick ihr Geheimnis, ihr wunderschönes Geheimnis preisgeben. Frauen und Blumen, Blüten werden oft in Verbingung gebracht, eine Frau erblüht, verblüht auch, sie strahlt, duftet und betört wie die schönsten Blüten es kaum können…… Farben, Formen, Zartheit führen zu diesen Vergleichen, es liegt eine Poesie in beiden….
Eine Poesie, die Försterling in diesem Bildband einfängt und hervorhebt. Ein wunderschönes, sinnliches Buch….
Links:
Hermann Försterling
FloraMagica
Atelier Försterling, Eppingen
ISBN-10: 30000193421
Verzückung… und andere Aktofotographien im Edeldruck
März 31, 2008
Nimmt man die Digitalfotographie mal beiseite, dann wird der weitaus überwiegende Teil aller Fotographien mit dem normalen Silberhalogenidverfahren hergestellt. Ab und an findet man jedoch auch Bücher, die Bilder zeigen, die mit sogenannten Edeldruckverfahren produziert wurden. Bei mir im Schrank sind dies zwei Bände, einer, von Püschel, mit Bildern nach dem Bromöl-Verfahren, ein anderes Bändchen von Fauville, mit Bilder, die mit dem Palladium-Verfahren hergestellt wurden.
Auf die technischen Details dieser fotographischen Verfahren will ich nicht eingehen, wer da Interesse hat, kann ja mal die Links am Ende des Beitrages anschauen.
„Bromoil“ von Püschel habe ich günstig bei ebay ersteigert. Ich weiß noch, wie zögerlich ich damals steigerte, weil dieses Buch kaum nachgefragt wurde und das auch erst, nachdem es zum x-ten Mal im Angebot war. Aber da das Risiko angesichts des Preises gering war, habe ich es dann doch irgendwann im Bücherschrank gehabt.
Als es dann bei mir eintraf, war ich sehr überrascht, positiv überrascht. Eine ganz andere Art von Bildern, ein ganz anderer Eindruck. Mit ihren grauen Blau- und Grüntönen, sehr körnig, machen die Bilder einen Eindruck, als schaue man durch Nebel hindurch, sie sind geheimnisvoll (auch wenn die Modelle durchaus alle Geheimnisse preisgeben…), verführerisch und wecken die Phantasie….. was kann man schöneres erwarten von einem Buch?
Claude Fauville hat 1996 einen Fotoband publiziert („Die Schönheit der Verzückung“, Apex/In Focus, ISBN 3928386077), in dem er eine Auswahl seiner Palladium-Drucke zeigt. Im Gegensatz zu den grünlichen oder bläulichen Grautönen, die Püschel in seinen Bromöl-Drücken zeigt, liegt über Palladiumdrucken oft ein „wärmender“ Gold- bzw. Sepiaton (wie er hier sehr schön zu sehen ist).
Dieses kleine Büchlein „Verzückung…“, das offensichtlich weder im Buchhandel noch (online) im antiquarischen Buchhandel erhältlich ist (auch das habe ich über ebay ersteigert), ist voll von wunderbaren Bildern. Im Gegensatz zu Püschel, der vom Motiv her „moderne“ Aktfotographie zeigt mit der entsprechenden Offenlegung des weiblichen Körpers wirken die Fauville´schen Bilder wie Gemälde, der Körper der Frauen ist voller Zärtlichkeit als Landschaft dargestellt mit fliessenden Linien, mit Erhebungen und Einbuchtungen, mit Hügel, Tälern und Höhlen.. voller Poesie eben. (Natürlich gefällt es mir besonders, daß auch eines meiner Lieblingsmotive, die auf dem Sofa dahingestreckte Frau, die Odaliske, zu finden ist, öfter zu sehen ist….)
In beide Bücher muss man sich erst ein“sehen“, zu groß ist auf den ersten Blick der Unterschied zur Mainstream-Aktfotographie. Aber wenn man sich eingesehen hat auf diese Art der Darbietung des weiblichen Körpers, dann ist sie ein Genuss….
Links zur Technik der Edeldruckverfahren
Bromöl-Druck:
http://www.edeldruck.org/index.php?option=com_content&task=view&id=18&Itemid=36
http://www.maus-edeldruck.de/bromoeldruckpraxis.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Bromöldruck
http://www.photoinfos.com/Fotoliteratur/Dr.Vogels/Vogel0028.htm
Platin-/Palladiumdruck:
Vom Reiz des Verhüllens…
Januar 2, 2008
Es ist ein wenig wie mit den Geschenken zu Weihnachten. Natürlich freut man sich auch über ein Geschenk, das einen ohne in Papier gehüllt zu sein, erwartet, aber schöner ist es doch, wenn die Neugier sich an der Frage entzünden kann: Was ist unter dem Papier verborgen? Ein schönes Geschenkpapier, geschickt gefaltet, eine schöne Schleife, ein Kärtchen.. man drückt, um die Festigkeit festzustellen, schüttelt vielleicht vorsichtig und beginnt dann mit Achtsamkeit, das Papier möglichst unversehrt zu entfernen. Dieses Entfernen, Enthüllen, bringt mich zu meinen eigentlich Thema…

Wie sehr die Verhüllung das Interesse wecken kann, zur Sensation werden kann, haben auf unnachahmliche Art und Weise Jean und Claude Christo gezeigt, egal, ob am Reichstag in Berlin oder bei der Pont Neuf in Paris. Was waren diese beiden (und andere) Bauwerke so aufgewertet worden, so interessant geworden durch – das Verhüllen.. die Liebe, die Sorgfalt, die in diesen Akt gesteckt worden ist, die Freude am Ansehen, die Vorfreude auf das Enthüllen…..
„Enthüllen“ ist das Stichwort, bin ich doch beim Durchwandern meiner Regale wieder mal auf das wunderschöne Büchlein von Eva Gesine Baur gestoßen, mit dem sie aus weiblicher Sicht sehr kenntnisreich über die Freuden des Anziehens, Verhüllens, Entdeckens und Enthüllens schreibt….
Das Thema ist also die Kleidung, die früher die „Unausprechliche“ war, die Unterwäsche, oder in filigranerer Weise, die Reizwäsche, die Dessous, die Lingerie.
Welcher Mann würde so er ehrlich ist, abstreiten, daß eine Frau, die ihren Körper, und sei es nur zum Teil, durch Kleidung verdeckt, an Reiz gewinnt. Es ist das Geheimnis, das gelüftet, entdeckt, enthüllt werden will, das Geheimnis, was „unten drunter“ ist, die Freude daran, es zu entdecken, und sei es auch das -zigste mal. Verständlich also das von Baur oft gebrauchte Bild, mit dem sie Parallelen zieht zwischen einer Dessous und einem Kriminalroman: beide verbergen Geheimnisse, die gelüftet werden wollen, bis sich zum Schluss die Auflösung ergibt, jeder Roman weckt wiederum aufs neue diese Lust genau wie jede Gelegenheit, sich an der dessousbekleideten Frau zu erfreuen. Und keinesfalls, wirklich keinesfalls ist es erlaubt, einfach die letzten Seiten des Romans zu lesen, um zu erfahren, wie es ausgeht…..
Es muss noch nicht einmal sublime Lingerie sein, die diese Verlangen herruft, auch einfache Unterwäsche kann sehr erotisierend wirken. Eine nur bestrumpfte Frau, eine Frau, nur mit Unterhemd bekleidet, mit einer offenen Bluse, ein enges Kleid… das Begehren ist sofort geweckt.
Wenngleich praktisch die meisten Fotobücher über Aktfotographie das Element „Kleidung“ in ihr Thema einbeziehen, gibt es doch eine Vielzahl von Fotobüchern, die Dessous zum Thema haben. Seien es nun die etwas, sagen wir direkteren Bildbände, die sich dem Thema Lack und Leder nähern und damit sich auf die Grenze zum leichten Fetischismus hin bewegen, seien es die Bücher, die Geschichte der Dessous aufarbeiten, angefangen von den Korsetts, deren Ursprung bis ins 14. Jhdt zurückverfolgt werden kann …
…..bis hin zum raffinierten Hauch eines Nichts, das keinerlei Funktion mehr hat ausser dem, enthüllt zu werden. Selbstverständlich nutzen auch die großen Hersteller von Dessous die Möglichkeit, ihre Werke durch Bildbände zu präsentieren, mein Lieblingsbuch unter all diesen schönen ist der Band von Aubade, gestaltet von Hervé, mit Bildern, die Träume sind. Nun ist Hervé sowieso ein begnadeter Fotograph (Eine gute Freundin von mir hat solche Fotographen immer „ein Gott hinter der Kamera“ genannt), so daß es nicht verwundert, daß er zu diesem Thema außergewöhnlich schöne Bilder geschaffen hat.
Bücher über Unterwäsche bei Männer findet man deutlich weniger, aus zwei Gründen wohl nicht verwunderlich: zum einen interessieren sich Männer, die Hauptabnehmer solcher Bücher, wohl weniger für ihre Unterhosen und zum zweiten.. nun ja, das Thema fällt gegen die weibliche Variante doch deutlich ab. Aber immerhin, es gibt sie, solche Bücher, die sich mehr auf die geschichtliche Seite und praktische Aspekte konzentrieren, die bei der Herrenunterhose ja auch immer im Vordergrund standen, bis .. ja, bis Calvin Klein die unscheinbare Unterbekleidung mit durchschlagendem Erfolg in ein sexuell attraktives Kleidungsstück verwandelte. Mark Wahlberg sei Dank. Obwohl – wie ich neulich als Scherzfrage las – wer will eigentlich eine Unterhose tragen, auf der „Klein“ steht?
Der Schluss von Baur Buch gefällt mir so gut (wie überhaupt die Formulierung „angeheirateter Geliebter“ einfach wunderbar ist), daß ich ihn auch für diesen kleinen Beitrag ans Ende stellen will:
„Meine wunderbare Mutter zum Beispiel liest bei einem Kriminalroman, wenn sie schon mal einen in die Hand nimmt, zuerst den Schluss.
Wenn mir ein Mann verriete, daß er es genauso hält, wüsste ich sofort, daß er von Dessous nichts versteht. Jeder Krimiliebhaber geniesst es, daß ihm die Hintergründe erst langsam enthüllt werden und des Rätsels Lösung erst ganz am Ende.
Natürlich kennt mein angeheirateter Geliebter meinen Körper längst auswendig.
Aber mit den richtigen Dessous wird es eben immer wieder so spannend, daß er zu lesen anfängt.“




