Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

sam

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.

Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….

Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.

Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.

In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.

Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.

Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.

.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….

Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477

Seit langem wieder einmal ein Buch in meine Kategorie „aus.sortiert“: nach dem Lesen von gut der Hälfte habe ich den Rest noch überflogen und das Buch dann weggelegt. Ich will damit nicht sagen, es sei ein schlechtes Buch, nur – für mich eben ein falsches.

Schlafanzug

Worum geht es in diesem Buch, das vom Verlag als „Fabel“ bezeichnet wird (im Grunde hat damit die Irritation bei mir schon angefangen, denn es kommen ja überhaupt keine Tiere drin vor… ;-) [1]) und welches in einer einfachen, in der Tat fast an ein Märchen erinnernden Sprache, also offensichtlich für jüngere Leser, geschrieben ist?

Bruno, ein neunjähriger Junge, lebt mit seiner Schwester Grete, der Mutter und dem Vater in einem wunderschönen, interessanten Haus in Berlin. Eines Tages kommt er nach Hause und sieht, daß alle Sachen gepackt werden und die Familie umzieht.

Das neue Haus ist bei weitem nicht so interessant, es liegt einsam irgendwo bei Aus-Wisch, Bruno hat dort keine Spielkameraden, er kann nirgendswo hin gehen und ist garnicht glücklich. Wenn er aus dem Fenster seines Zimmer schaut, sieht er ein großes Areal, das eingezäunt ist und in dem viele Menschen wohnen, die alles gleich angezogen sind.

Nach einigen Monaten dort will Bruno seine Umgebung erforschen und geht am Zaun entlang. Irgendwann trifft er dort auf einen Jungen auf der anderen Seite der Absperrung, mit dem er sich anfreundet. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, die aber (wir ahnen es) nicht glücklich enden wird, denn auch dieser Junge mit dem seltsamen Namen Schmuel hat diesen gestreiften Anzug an.

So weit, so gut? schlecht?…..

Bruno ist in dem Buch ein neunjähriger Junge, die Erzählung spielt 1943 (in diesem Jahr hat in den Lagern in der Tat der Kommandant gewechselt [2]), mithin hat Bruno seine Kindheit in der „Hochzeit“ des Nationalsozialismus erlebt. Und trotzdem – so will es Boyne – kennt er den Führer (im Buch: den „Furor“) nicht, weiß nicht, wie er aussieht, kann mit dem gelben Davidsstern nichts anfangen, ich glaube, er weiß noch nicht einmal, was Juden sind….. und auch im Handlungsverlauf selbst ist er bemerkenswert lernrestistent, die Situation, die er in Aus-Wisch erlebt, durchschaut er nicht im geringsten. Daß sich in einem Lager, in dem sich Tausende Menschen befinden, die – so kann er beobachten – von Soldaten bewacht und schikaniert werden, irgendwas Schlimmes ereignet – auf die Idee kommt er offensichtlich selbst durch die Gesprächen mit Schmuel nicht….. Das war mir dann doch zu unrealistisch und gekünstelt.

Warum Boyne so wohl geschrieben hat? Ich denke mal, weil er wirklich ein Publikum im Blickwinkel hat, das mit den Vorgängen im Tausendjährigen Reich absolut unvertraut ist, wo er tatsächlich bei Null anfangen muss. Die Leserschaft in Deutschland fällt meiner Meinung nach nicht in diese Gruppe [3], wahrscheinlich zielt Boyne dann doch eher auf den angelsächsische Sprachraum ab.

Was ich für sogar kritisch halte, ist folgendes: wenn ein neunjähriger Junge (es gibt Weltgegenden, in denen Kinder dieses Alters schon für die Familie mitsorgen müssen.. in dem Alter ist ein Kind also schon in der Lage, Situationen zu beurteilen und einzuschätzen), nicht merkt, was im 3. Reich vor seiner Haustür (und nicht nur dort, sondern im Grunde ja sogar in seinem eigenen Haus) geschieht, ja, dann kann es ja nicht so schlimm gewesen sein…. und diesen Eindruck ggf. hervorzurufen, halte ich für gefährlich.

Nachtrag: heute ist mir der Gedanke gekommen, daß man das übernaive Nichtwahrnehmen wollen von Bruno natürlich auch als Bild sehen kann für den normalen Deutschen, von denen im 3. Reich ja auch keiner was gewusst hat….

Facit: ein sehr zwiespältiger Eindruck: als Erwachsenen hat mich die permanent zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit von Bruno einfach mit der Zeit genervt und Kinder sollten das Buch sicher nicht ohne Begleitung durch Erwachsene lesen, damit nicht falsche Eindrücke entstehen.

John Boyne
Der Junge im gestreiften Pyjama
Fischer (Tb.), Frankfurt, 2009, 269 S.
ISBN-10: 3596806836
ISBN-13: 978-3596806836

[1] Begriffsbestimmung Fabel
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Personal_im_KZ_Auschwitz
[3] Jugend und Holocaust

hedaya

Matti Rosen sitzt mit seiner Frau Mira im Sprech- zimmer eines Arztes, die Frau beschreibt die Leiden des Mannes, jener versucht abzuwiegeln und der Arzt kennt dieses Schauspiel als Teil eines Rituals, das er schon so oft gesehen und mitgemacht hat. Der Mann wird sterben, an seinem Tumor im Kopf. Und die Frau wird bei ihm bleiben und ihn versorgen und begleiten, obwohl sie nicht weiß, wie sie das schaffen soll und obwohl sie weiß, daß es nie Liebe war, die Matti zu ihr trieb.

10 Jahre zuvor, als Dreißigjähriger, hatte Matti sich in eine Fünfzehnjährige, Alona, verliebt. Ein Jahr waren beide zusammen, ehe Alona ihn wortlos verließ. Matti hat dies nicht verwunden. Ein Blind Date hat ihn mir Mira bekannt gemacht, er, in seiner Lebenskrise, benimmt sich unmöglich, und trotzdem ist Mira bereit, ihm die Zuflucht zu geben, die er sucht. Ihre Hoffnung ist, daß die Liebe sich entwickeln wird, wenn sie erst einmal zusammen leben.

Doch sie leben nicht wirklich zusammen, sondern nur in einer Wohnung. Auch die beiden Söhne können dieses getrennt sein, fremd sein, nicht aufheben. Immer und überall glaubt Mira Alonas Schatten zu sehen. Umarmt und liebt Matti sie, spürt sie, daß er in seinen Träumen wieder bei Alona ist…. und Matti trauert seiner Liebe nach. Oder, wie Hedaya es Mira sagen läßt: „Unser Alltag war so banal, daß die Nächte zum Alptraum wurden…. Wir fürchteten uns beide vor dem Augenblick, in dem…. all die Kleinigkeiten, die uns bei Tageslicht beschäftigt hielten und dafür sorgten, daß wir nicht zueinanderkamen, vollbracht wären….

Die Pflege des immer siecheren Matti überfordert Mira, so daß sie ihn in ein Hospiz bringt. Dort, auf dem Flur, trifft sie immer wieder eine junge Frau vor Mattis Zimmer und sie weiß, das ist Alona. Schließlich sprechen sie sich an und Mira erkennt, daß der Hass auf Alona schwindet, daß Alona selbst für sie in ihrer Ehe eine ganz andere Bedeutung hatte als sie bisher glaubte.

Hedaya schreibt dieses Buch aus der Perspektive der drei Hauptpersonen. Abwechselnd läßt sie Mira, Alona und auch Matti erzählen, rollt die Vergangenheit auf und entwickelt aus dieser die Gegenwart. Insbesondere die häusliche Situation mit dem kranken Matti, der im Haus von der Frau versorgt wird, beschreibt sie sehr eindringlich und beklemmend. Dabei gelingt es ihr, in wenigen Sätzen, Wörtern vielleicht nur, darzustellen, wie (im folgenden Beispiel) für z.B. die Kinder alles, was sicher und gewiss schien, zusammenbricht:

[Die Kinder kommen nach Hause und treffen Mira, die Matti versucht, von der Kloschüssel hochzuhieven. Uri ist der ältere der beiden Jungs]: „…Uri .. blieb im Flur stehen und beobachtete, wie ich Matti – mit einer Hand sein Becken stützend, mit der anderen das Gummi seiner Pyjamahose haltend – ins Schlafzimmer führte, während mein Kind dort alleine erwachsen wurde und sich am Riemen seines bunten Ranzens festhielt.„.

Alles ist gesagt in diesem kleinen Satz, mit dem für Uri die Kindheit zu Ende geht, in dem Moment, in dem er seinen bewunderten Papi so hilflos und auch ohne Würde vom Klo hochgezerrt sieht und er von der Mutter mehr oder weniger geschickt zurück auf Sofa gebracht wird. Die heile Kinderwelt zerbricht und gibt den Blick auf Elend und auch auf den Tod frei.

Die Geschichte steuert auf das Treffen der beiden Frauen im Hospiz vor dem Zimmer von Matti zu. Dort endlich haben sie den Mut, sich anzusprechen und bauen Vorurteile und Hassgefühle ab. Sie kommen sich in ihrem gemeinsamen Schicksal näher und erkennen, daß auch sie einer Täuschung aufgesessen sind, sich was vorgemacht haben.

Facit: eine kleine, aber feine Erzählung. Die Stärke liegt für mich in der Person Miras und ihrer Darstellung der Ereignisse, Matti selbst und auch Alona sind bei weitem nicht so intensiv geschildert. Über allem aber liegt die Frage, was Glück ist, wie man es erringen kann, bewahren und erkennen…..

Yael Hedaya
Die Sache mit dem Glück
Diogenes Tb; Oktober 2008, 158 S.
ISBN-10: 3257237294
ISBN-13: 978-3257237290

mann

„Der illustrierte Mann“ [3] von Bradbury [1] ist eine Sammlung von 17 Erzählungen, die sehr locker in die titelgebende Rahmenhandlung untergebracht sind, die im Lauf des Buches aber schnell in den Hintergrund tritt bzw. erst ganz am Ende wieder aufgenommen wird. Aber alleine wenn man die Idee, die hinter dem Titel steht, für sich nimmt, taucht die Frage auf, woher ein Mensch soviel Phantasie nehmen kann…

Die Erstveröffentlichung des Buches geschah 1951 und folgerichtig spiegelt sich in den Erzählungen der Geist der USA in dieser Zeit direkt nach dem Krieg: die Angst vor (bzw. die Lust auf) den Krieg, die Angst vor dem Atomkrieg und Atomwaffen, die Scheu und Abwehr vor allem Fremden und nicht zuletzt der Geist der McCarthy-Area [2]. So sind Bücherverbrennungen und -vernichtungen und die Tatsache, daß man mit Büchern immer viel mehr vernichtet als einfach nur bedrucktes Papier ein immer wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen.

Natürlich spiegelt sich der technische Entwicklungsstand der Fünfziger Jahre in den Geschichten wieder, Roboter (ja, ganze Städte, die er als organisch unbelebt, aber als Roboter beschreibt) funktionieren noch mit Hebeln und Federn, Computer, Elektronik kommen bei ihm noch nicht vor, bzw. haben damals noch nicht existiert.

So sind seine Geschichten keine Fortschreibung der damaligen Welt in eine immer weiter technisierte Zukunft. Bei ihm ist die Technik nur ein Vehikel, seine (Kultur)kritik zu formulieren und darzustellen: seine Warnung, sich der Technik blind auszuliefern (gleich der Auftrag der Erzählungen mit der herrlichen Geschichte vom Kinderzimmer), die Entartungen des Alltagslebens in den Vereinigten Staaten, die Warnung vor Intoleranz und der Verteufelung allen Fremden sowie seine Mahnung vor der blinden Fortschrittsgläubigkeit:

„Narr!“, rief Bramante erregt, „… Diese Welt ist nur für die Reichen geschaffen.“ … „Als ich jung war schrieben sie mit feurigen Lettern: `Die Welt von morgen! Wissen, Wohlstand und Luxus für alle!´ .. Achtzig Jahre sind seitdem vergangen…. wir wohnen weiter in elenden Hütten wie unsere Väter und Großväter“… „..nur ihre [i.e. die Reichen] Träume werden wahr!“ [S. 318]

Bradbury nimmt in den Erzählungen auch oft Motive seiner ein Jahr früher erschienen Marschroniken [4] auf. Immer wieder spielen Geschichten auf dem Mars (den er als eine Art anderer Erde beschreibt, meist als Fluchtziel von Menschen, die der richtigen Erde entkommen wollen). Überhaupt ist die Raumfahrt ein durchgängiges Motive, auch wenn die Raumschiffe noch wie Raketen aussehen und das Starten und Landen einfacher scheint als heute das Einparken in einem Parkhaus. Technische Details interessieren Bradbury nicht, er erzählt seine Geschichten, um seine Botschaft zu verdeutlichen.

Facit: Kurze Erzählungen, die eine deutliche Kritik an den Verhältnissen und Einstellungen der USA kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges üben. Lesenswert und in vielerlei Hinsicht immer noch aktuell.

Links:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ray_Bradbury
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-Ära
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Der_illustrierte_Mann
[4] http://radiergummi.wordpress.com/2009/04/13/ray-bradbury-die-mars-chroniken/

Ray Bradbury
Der illustrierte Mann
Diogenes Tb, 13. Auflage 2008
ISBN-10: 3257203659
ISBN-13: 978-3257203653

mars

Die Mars-Chroniken umfassen den Zeitraum der Kolonisierung des Mars durch den Menschen, die mit der ersten Expedition 2030 einsetzt und es endet mit der Flucht der letzten übriggebliebenen Menschen von der Erde auf den Mars um 2057. Insofern tatsächlich ein SF-Roman (ein Klassiker der SF, wie es oft zu lesen ist [1]), ein Roman, der in der Zukunft spielt und auf einem fremden Planeten.

In Wirklichkeit ist es ein sehr irdischer Roman: er beschreibt in den ersten Szenen, Erzählungen, aus denen er aufgebaut ist, das Aufeinandertreffen zweier Kulturen, das mit dem Ende der … eigentlich garnicht mal friedfertigeren oder unterlegenen Kultur endet, um dann zu erzählen, wie mit der eigentlichen Kolonisation nicht nur die Menschen von der Erde zum Mars kommen, in verschiedenen Schüben mit unterschiedlicher Motivation, sondern diese genau das an Regeln, Fehlentwicklungen etc wieder mitbringen, dem sie eigentlich entfliehen wollen.

Zum Inhalt brauche ich nur wenig zu sagen, die Wiki [1] bietet da einen guten Überblick, auch wenn dort die Zeitskala etwas anders aussieht. Daß Bradbury Autor des Buches Fahrenheit 451 ist, merkt man sehr in dem wunderbaren Abschnitt über das Haus Usher, das William Stendahl gegen alle Verbote auf dem Mars errichtet und das zum Schluss alle, die die Zensur ausüben, die Bücher verbieten und verbrennen wollen, unter sich begräbt.

Mir haben besonders die ersten Kapitel gut gefallen. Sie beschreiben die Marsianer und ihr Leben, eine telepathische Rasse, die Halluzinationen und Gedanken materialisieren kann. Diese Abschnitte sind voller Poesie, wunderbare Bilder beschreibt Bradbury hier, er erfindet eine Welt auf dem Mars, in die man (es lebe Thursday Next) einfach nur eintauchen will.. blaue Phiolen, aus den sich Schals materialisieren, die gegen die Kühle der Nacht schützen, die weißen Zwillingsmonde am schwarzen Nachthimmel… die metallenen Bücher, die bei der Berührung mit den Fingern mit alter und sanfter Stimme von den Zeiten erzählen, als das Meer noch rote Dämpfe an seine Ufer warf und längst vergessenen Helden mit Metallinsekten und elektrischen Spinnen in die Schlacht gezogen waren….

Wunderschöne Erzählungen, Halluziniertes und Reales gehen ineinander über, sind nicht mehr zu unterscheiden, die Marswelt passt sich ihren Bewohnern an und die menschlichen Expeditionen, die auf dem Mars eine nach der anderen eintreffen, fallen ihnen zum Opfer. Besiegt schließlich werden die Marsianer durch (und hier wird die Analogie zur Geschichte der Kolonisation irdischer Kontinente sehr deutlich) durch die kleinsten der möglichen Feinde: eine irdische Krankheit, die Windpocken….

Die Marsianer fungieren im Buch als Projektionsfläche menschlicher Gedanken, Wünsche und Vorstellungen. Sie nehmen die Gestalt derjenigen an, an die der Mensch denkt, um die er trauert, die in seinen Gedanken wohnen und führen ihn in dieser Gestalt ins Unglück. Insofern zeigt Bradbury auch, daß die Erfüllung menschlicher Träume keineswegs nur Gutes bedeuten muss, denn Träume zerschellen nur zu oft an der Realität…… materialisierte erst recht.

Am Ende des Buches ist der Mars wieder von Marsianer bevölkert: die Menschen auf der Erde haben sich durch einen Atomkrieg selbst zerstört (das Buch wurde kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben), nur einige Flüchtlinge sind zum Mars entkommen und leben jetzt dort… für immer und ewig…

Links:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Mars-Chroniken

Facit:

Ray Bradbury
Die Mars-Chroniken
Diogenes Verlag; Neuauflage, Juni 2008, 372 S.
ISBN-10: 3257208634
ISBN-13: 978-3257208634

Ich besitze nicht viel von Hemingway, als Typ, was ich so gehört und gelesen habe, war er mit unsympathisch. Genau genommen steht in meinem Bücherschrank nur ein kleines Büchlein aus der Fischer-Bibliothek von 1983, das zwei Erzählungen enthält, den „Schnee auf dem Kilimanscharo“ und „Das kurze glückliche Leben des Francis Mocamber“. Warum ich das Buch genommen habe – ich weiß es nicht. Ich kann mich auch nicht erinnern, ob ich die Storys überhaupt schon mal gelesen habe. Ich vermute, eher nicht, es scheint mir zu den Büchern zu gehören, die ich mir wegen des „Aussehens“ gekauft habe, weil sie mir gefielen, zu anderen passten….. lang, lang ist´s her.

Warum ich diese Geschichte vor kurzem gelesen habe? Das ist schnell erzählt: gleich auf der ersten Seite taucht das Wort „Glast“ auf, an dem ich meinen Narren gefressen habe, wobei ich selber nicht weiß, warum. Vielleicht weil das Hesse-lastige Bild, das vor meinem geistigen Auge auftaucht, mich als junger Mann beeindruckt hat? Who knows…..

Zum Buch: Harry ist Schriftsteller mit einem Faible für Afrika. Dort hat er sich an einem Dorn verletzt und die Wunde führt zu einer Blutvergiftung. Zusammen mit seiner Frau und einigen Dienern campieren sie in der Wildnis, warten auf das Flugzeug, das Harry zum Arzt bringen soll. Harry jedoch weiß, daß er sterben wird und Leben wandert an seinem geistigen Auge vorbei. Es ist ein Leben der verpassten Gelegenheiten, er hat all das gesammelt, was er mal schreiben will, aber er hat es nie geschrieben. Er hat sich selbst aufgegeben, hat die Bequemlichkeit des Lebens genossen, es fällt ihm auf, daß jede der Frauen, mit denen er zusammenlebt, reicher ist als ihre Vorgängerin…

Kurz nur unterbricht Harry seine Innenschau, um sich mit seiner Frau zu zanken, belanglose Worte mit ihr auszutauschen. Sie hat keine Bedeutung mehr für ihn.

In seiner Todesminute meint er im Flugzeug seines Freundes zu sein, der ihn vom Lager wegbringt. Er sieht den flachen Gipfel des Kilimanscharo mit seiner leuchtenden Schneekappe und fühlt, daß dies sein Ziel ist.

Liest man das Buch und vergegenwärtigt man sich die Lebensstationen von Hemingway selbst, so kommt man nicht umhin, der kurzen Erzählung auch autobiographische Züge zuzubilligen, die Jagd gehörte zu seinen Passionen und zwei Jahre bevor er diese Story schrieb, war er in Kenia.

Es gibt keine Verzierungen in der Sprache Hemingways, schnörkellos erzählt er seine Geschichte, geradeheraus, ohne Umwege. Er sagt, was er zu sagen hat und redet nicht drumherum, deutet nichts an. Das hat mich ein wenig auf Abstand gehalten, ich habe die Erzählung so distanziert gelesen wie sie geschrieben worden ist. Manchmal gebrauche ich ja das Bild von der Geschichte als einem Fluss, der einen mitnimmt, diese Story macht das nicht, um im Bild zu bleiben: man steht am Ufer und schaut, wie sich das Gewässer ins Tal arbeitet…

Facit: in wenigen Sentenzen zieht ein Leben an einem Sterbenden vorbei. Wie sähe es aus, wenn man selbst in dieser Situation wäre, das eigene Leben so an sich vorüberziehen lassen müsste…..?

Wer die Gelegenheit hat, die knapp 40 Seiten starke Erzählung zu lesen, sollte dies tun!

Links:

zur Biographie Hemingways
Daten zum Titel
Der Film

Ernest Hemingway
Schnee auf dem Kilimandscharo
Fischer Bibliothek, 3. Aufl. 1983
ISBN 3100309022

greene

In der Grabbelkiste gefunden, ein paar Meter vor dem Wartezimmer, in das ich mich gleich setzen würde. Vom Umfang her nicht so stark, vom Titel her bekannt, vom Preis her tragbar… also gab es keinen Grund, das Büchlein nicht mitzunehmen….

„Der dritte Mann“ [1] wurde 1949 mit Orson Welles, Joseph Cotten und Alida Valli in den Hauptrollen gedreht. Auch wenn der Film wohl bekannter ist als das Buch, liegt ihm eben jenes zugrunde. Dem Vorwort Greenes zufolge (und er muss es ja wissen), ist seine Erzählung sogar nur entstanden, weil er kein Drehbuch schreiben kann, ohne den Stoff vorher als Erzählung formuliert zu haben, da jeder Stoff Charaktere braucht, Stimmungen und Atmosphäre, die sich in dürren Drehbuchzeilen nicht gestalten lassen. So wurde dieses Buch „….nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden.

Die Handlung ist nicht allzu kompliziert: Harry Lime lädt seinen alten Schulfreund Rollo Martins ins vom Krieg verwüstete und von den 4 Besatzungsmächten verwaltete Wien der Nachkriegszeit ein. Es ist Winter und Rollo kann bei seiner Ankunft nur noch dem Begräbnis von Harry Lime zuschauen. Die Polizei konfrontiert ihn damit, daß Lime Dreck am Stecken gehabt haben soll. Rollo Martin kann sich dies nicht vorstellen und klappert der Reihe nach die Freunde und Bekannten von Harry ab, von denen er weiß oder erfährt. Im Lauf dieser Suche kommen starke Zweifel in ihm auf, ob der vorgebliche Unfall Harrys sich wirklich wie dargestellt abgespielt hat. Insbesondere verstört ihn der ominöse „dritte Mann“, von dem ihm Harrys Hausmeister erzählt. Als dieser dann kurz danach tot aufgefunden wird, gerät Rollo in Panik, zumal Rollo des Nachts einen Schatten vor sich fliehen sieht, in dem er den toten Harry zu erkennen glaubt.

Die Polizei klärt Rollo jetzt über die Schiebereien Limes auf, der üble Sachen mit dem damals völlig neuen Penicillin anstellt, das offiziell nicht erhältlich war [5]. Daraufhin stellt sich Rollo als Lockvogel zur Verfügung, um Harry Lime aus seinem Versteck zu locken und zu fassen. Bei dieser Jagd wird Lime dann erschossen und das Buch endet wie es angefangen hat: mit der Beerdigung von Harry Lime.

Es ist unglaublich, wie Greene in seinem sehr nüchtern und weitgehend emotionslos geschilderten Erzählung innerhalb weniger Absätze, Zeilen sogar, die düstere Stimmung eines von einer leichten Schneedecke überzogenen, durch den Krieg verwüsteten, leidenden, frierenden Wien zeichnet. Der Friedhofsboden muss mit Presslufthämmern aufgebrochen werden, um ein Grab auszuheben, ein wunderbar starkes Sinnbild dafür, wie hart das Leben in der Stadt gewesen sein muss. Ebenso einfach und anschaulich stellt sich bei ihm dar, wie in der besetzten Stadt Engländer, Franzosen und Amis auf der einen, die Russen auf der anderen Seite immer direkter gegeneinander agierten, sozusagen die Geburtswehen des Kalten Krieges, die er uns hier mit auf den Weg gibt.

Hunger und Not herrschen in der Stadt, in den schummerigen Bars sitzen die Gäste im Wintermantel, da zum Heizen die Kohlen fehlen. Außer diesen Bars scheint einzig das Riesenrad im Prater noch als Freizeitvergnügen für die Menschen vorhanden zu sein. Aus der Not heraus wird verschoben und getrickst, mit Lebensmitteln, Autoreifen, allem möglichen – und eben auch mit Medikamenten. Und was heute aus der Drogenszene bekannt ist, hat Lime damals schon praktiziert: den „Stoff“ gestreckt, verschnitten, verwässert, mit grausamen Folgen…..

Facit: Eine atmosphärisch sehr dichte, spannende Erzählung.

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[1] Link zur Filmbeschreibung in der Wiki
[2] die berühmt Zithermelodie, das Harry-Lime-Thema: http://www.youtube.com/watch?v=IesHp1qZbc8
[3] die original Filmmusik gibt es hier als mp3: http://www.lupi.ch/ (unter Filmmusik)
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Penicillin
[5] Penicillin wurde zwar schon Ende der 20er Jahre von Fleming entdeckt, ein einsatzfähiges Medikament wurde jedoch erst gegen Ende des 2. Weltkrieges in den USA entwickelt. [4] Geliefert wurde es für die Militärangehörigen, zivile Stellen hatten keinen offiziellen Zugriff auf Penicillin.

Graham Greene
Der dritte Mann
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek 2004
ISBN-10: 3937793305
ISBN-13: 978-3937793306

Das Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan mit seinen weiten Steppen, den Bergen im Hintergrund, dem Himmel, der nur durch den Horizont begrenzt ist…. Am Beginn des Großen Vaterländischen Krieges spielt diese Geschichte, die Männer sind zum größten Teil an der Front, in den Siedlungen sind die Frauen zurückgeblieben, die Alten und die Jungen.

Dshamilja, eine der Hauptpersonen in Zaimoglus „Liebesbrand“ hieß so und mir kam der Name bekannt vor. Dann, als ein paar Tage nach dem Lesen des Buches im Fernsehen die Nachricht vom Tode Aitmatows kam, war es dann natürlich klar, woher ich den Namen kannte, auch wenn ich das Buch noch nicht gelesen hatte. Aber das kann man ja schließlich ändern….

In Zentralasien also spielt die Geschichte, in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Clanstrukturen, vom strikten Rollenverständnis der Menschen. Diese Ordnung ist durcheinander geworfen worden durch den Krieg, die Frauen müssen Männeraufgaben erfüllen, die Jungen ebenso. Von den Männern an der Front dringen nur spärliche Nachrichten nach Hause, während die zuhause Gebliebenen angehalten werden, für die Front, für das Vaterland zu arbeiten.

Dshamilja ist eine dieser jungen Frauen, der Mann im Lazarett liegt. Selten nur schreibt er einen Brief und wenn, läßt er seine Frau an letzter Stelle nur grüßen, diese Ehe ist nicht von Liebe geprägt. Da kommt eines Tages ein verwundetet Soldat, ein Aussenseiter in die Siedlung, der als leichte Zielscheibe für den Spott auch Dshamiljas dient.

Auf den langen Fahrten zur Verladestation für den Weizen fängt Danijar eines Abends an zu singen und mit diesem Gesang senkt sich ein Zauber über die Landschaft, dem sich seine Begleiter nicht entziehen können….

Das Buch ist wie die Landschaft, in der es spielt. Wehmütig, langsam erzählt der 15jährige Ich-Erzähler seine Geschichte von Dshamilja und Danijar, die sich lieben, so sehr lieben, daß Dshamilja am Ende alles aufgibt, ihr gesamte Leben in die Waagschale wirft und mit ihrem Geliebten davonläuft. Sie bricht aus aus ihren Rollen, ihrer Verantwortung, ihrer Familie, lehnt sich gegen die alten Sitten auf, weil die Liebe einfach stärker ist… die Liebe zwischen Dshamilja und Danijar entwickelt sich langsam, unmerklich und doch unvermeidlich, beide wehren sich dagegen und können doch nicht gewinnen, bis sie dann bereit sind, ihre Liebe zu leben….

Es ist ein unspektakuläres Buch, das von (Wort)Bilder lebt, von Andeutungen, von Reflektionen. Es malt, beschreibt, nimmt den Leser mit auf die Reisen… auf die Reisen in der Landschaft und auf die in die Menschen.

Facit: Läßt man sich auf die Erzählung ein, folgt den Worten des Erzählers, findet man sich in einer Liebesgeschichte wieder, die ob ihrer Bedingungslosigkeit anrührt. Läßt man sich nicht forttragen von dem Erzählten, dürfte die Geschichte etwas altbacken und langweilig sein. Man hat es also in der Hand…

Tschingis Aitmatow
Dshamilja
Unionsverlag, 23. Aufl., 1990
ISBN-10: 329320001X
ISBN-13: 978-3293200012

Der 10jährige Oskar liegt mit Krebs im Krankenhaus. Er ist „austherapiert“ und weiß, daß er sterben muss. Aber mehr noch als dieses Wissen macht ihm zu schaffen, daß niemand mit ihm darüber redet, weder seine Eltern noch die Ärzte. Nur die „Dame in Rosa“, einer der Frauen, die in rosa Kitteln gekleidet in das Krankenhaus kommen, um sich um die Patienten zu kümmern, nimmt ihn ernst und redet mit ihm über seinen Tod.

Sie gibt ihm den Rat, über alles nachzudenken und es dem lieben Gott zu schreiben, ihm sein Herz auszuschütten. Und sie rät ihm, sein gesamtes Leben in den wenigen Tagen zu durchleben, die ihm bleiben. So wird für Oskar jeder Tag zu einem Jahrzehnt, er verliebt sich, heiratet, erlebt seine midlife-crisis, er wird alt und müde und dann stirbt er.

Schmitt erzählt diese Geschichte von Oskar ohne ins Sentimentale zu verfallen. Auch wenn man sagen kann, ein Zehnjähriger hätte noch keine richtige Vorstellung vom Tod, macht er sehr deutlich, daß das verdruckste Drumherumreden der Erwachsenen viel Schlimmer ist, als das Darüberreden, denn es nimmt dem Sterbenden die Chance, sich auf den Tod vorzubereiten, ihn als das anzunehmen, was er ist: nämlich unausweichlich.

Oskar stirbt, aber bevor er stirbt, gelingt es ihm mit Hilfe von Oma Rosa auch seine Eltern mit auf diesen letzten Abschnitt seines kurzen Lebens mitzunehmen und sich so mit seinem Leben zu versöhnen.

Facit: ein wunderschön geschriebenes Büchlein über ein sehr trauriges, wichtiges Thema, das sehr nachdenklich macht, sehr ergreifend ist, ein Büchlein, das bei aller Tragig auch die komische Situationen des Lebens nicht vergisst.

Eric-Emmanuel Schmitt
Oskar und die Dame in Rosa
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 2005
ISBN-10: 3596161312
ISBN-13: 978-3596161317