Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie “der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten”. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

wiewarich

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: “Der Mythos vom perfekten Sex”. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]

Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei “Wünsch dir was”, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feuilleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in “Die Sünderin ” nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie “Wahre Liebe” oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.

So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..

Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur “Schauspieler” oder “Darsteller”, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.

Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in “Pimp my body”: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: “Wie sieht der perfekte Sex aus?”, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….

Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der “Vagina” fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….

Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!

Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)

Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329

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[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: “Jenseits der Scham” in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: “Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie....] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.” Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…

[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….

mexiko

“Ich mach´s dir mexikanisch” ist genau so wenig ein Hinweis auf eine Rezeptsammlung wie der Satz “Ich liebe französisch” bedeuten muss, daß man auf ein Gespräch aus ist. Und genau darum geht es in diesem Buch: die so phantasievolle Sprache der Erotik, des Sexes und auch der Po.rno.grafie vorzustellen. Und es sind beiliebe ja nicht nur die dritte und vierte Kategorie der Dichter und Denker, die sich literarisch dort tummeln, auch die Koryphäen wie Goethe haben durchaus deftiges auf´s Papier gebracht, dafür bringt Gutknecht einiges an Beispiel. “Alle Menschen werden prüder”: nein, wenn man sich dieses Büchlein durchliest, weiß man, daß das nicht stimmt. Eher hat schon der Schüttelreim “Nicht selten liest die prüde Rosa im Bette heimlich rüde Prosa” Geltung…..

Zum Inhalt des Buches kann ich hier wenig sagen (außerdem könnt ich es eh nicht besser als der Link weiter unten), weil praktisch ein Rundumschlag geführt wird durch die Literatur, die Etymologie, es werden Synonyma erläutert, historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge erklärt und das alles in einem wunderbar lockeren leichten Ton, der nichts peinlich wirken läßt. So kann man das Büchlein nicht nur als Informationsquelle über das Thema sehen, sondern als sehr unterhaltsame Lektüre für .. zwischendurch… wann immer das auch ist….

Facit: Selten findet man Seriösität und Spaß an der Freude so nah beisammen, denn (um ein Zitat aus dem Buch zu bringen):

Es ist der Menschheit guter Brauch
was sie vermehrt, das freut sie auch
und nicht allein, daß man es tut
schon drüber lesen tut so gut.

(Herman Mostar)

Links:

bei google.books gibt es Auszüge zu lesen:

http://books.google.com/books?id=vK3cSK3hfX8C&pg=PA7&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=0_0

Christoph Gutknecht
Ich mach’s dir mexikanisch
Beck, September 2004, 244 S.
ISBN-10: 340651099X
ISBN-13: 978-3406510991

Eva-Gesine Baur: Dessous

23. Dezember 2008

baur

Eva-Gesine Baur, die in München lebt, hat schon eine Menge schöner Bücher geschrieben und sich hier in der kleinen dtv-Reihe über Passionen wohl ihrer eigenen Leidenschaft frönend mit Unterwäsche, bzw (und entschuldigung) Dessous befasst.

Nun ja, spätestens seit Christo als Verpackungskünstler aufgetreten ist und Deutschland mit dem Reichstag für kurze Zeit in eine lebensfrohe, auf sich selbst stolze Republik verwandelt hat oder – die älteren werden es noch wissen – Fassbinder seine Hanna als Maria Braun auf die Leinwand schickte (siehe auch [1]), ist es (fast) jedem geläufig: das Anziehen, die Verpackung des Geschenks, die Aufmachung.. das macht den Reiz aus. Plumpe Nacktheit, die nichts verbirgt, sondern nur nötigt, immer tiefer zu schauen, um entdecken zu können, ist langweilig. Wie interessant jedoch wird auch das schon bekannte dadurch, daß ich es anders drappiere, anders verpacke und darbiete…

Apropos: der Pont neuf ging es ja auch nicht anders, eingepackt und herausgeputzt, geheimnisvoll und verführerisch, sah sie schön und begeh(r)enswert aus wie nie….

Dies ist die Grundthese von Baurs wunderbar leichtem Buch über Dessous, das sie ironisch, kenntnisreich und mit vielen persönlichen Anekdoten gewürzt, geschrieben hat. Ob nun Strümpfe, Strapse, BHs, Korseletts in schwarz, rot oder weiß: sie weiß alles zu deuten und in den Zusammenhang zu stellen, der da lautet: schau, wie begehrenswert ich bin und das nur für dich! Erober mich, ich warte drauf, sing die Melodie, die meine Dessous dir sagen, einfach weiter…. Natürlich ist auch manches Faktische dabei, auch Männer kommen vor, wenngleich hier die Möglichkeiten der Ausgestaltung doch geringer sind, aber sie sind auch bei ihnen da…..

Hier ist übrigens eine kleine Leseprobe.

Facit: ein wunderbar leichtes Buch, das bei mir immer irgendwo auf einem Regal liegt. Im Vorbeigehen mal zwei, drei Seiten gelesen.. herrlich “erfrischend”, anregend.. wie ein Glas Sekt am Morgen… ;-)

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[1] Szenenfotos aus dem Film, passend zum Thema…

Eva-Gesine Baur
Dessous
dtv, Kleine Philosophie der Passionen (1999)
ISBN-10: 3423202653
ISBN-13: 978-3423202657

Der Kuss

1. November 2008

Eine Spielerei unter Verwendung eines Bildes nicht nachvollziehbarer Herkunft und Zeilen eines Gedichtes von E. Kunkel/J. Lautenschläger (in: Mein heimliches Auge XXIII, Konkursbuchverlag 2008)

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Ein wunderschönes Fotobuch von Blumen und Blüten, die erst auf den zweiten Blick ihr Geheimnis, ihr wunderschönes Geheimnis preisgeben. Frauen und Blumen, Blüten werden oft in Verbingung gebracht, eine Frau erblüht, verblüht auch, sie strahlt, duftet und betört wie die schönsten Blüten es kaum können…… Farben, Formen, Zartheit führen zu diesen Vergleichen, es liegt eine Poesie in beiden….

Eine Poesie, die Försterling in diesem Bildband einfängt und hervorhebt. Ein wunderschönes, sinnliches Buch….

Links:

zum Buch
zum Fotografen

Hermann Försterling
FloraMagica
Atelier Försterling, Eppingen
ISBN-10: 30000193421

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