Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie „der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten“. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

wiewarich

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: „Der Mythos vom perfekten Sex“. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]

Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei „Wünsch dir was“, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feoulleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in „Die Sünderin “ nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie „Wahre Liebe“ oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.

So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..

Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur „Schauspieler“ oder „Darsteller“, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.

Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in „Pimp my body“: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: „Wie sieht der perfekte Sex aus?“, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….

Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der „Vagina“ fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….

Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!

Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)

Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329

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[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: „Jenseits der Scham“ in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: „Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie....] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.“ Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…

[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….

mexiko

„Ich mach´s dir mexikanisch“ ist genau so wenig ein Hinweis auf eine Rezeptsammlung wie der Satz „Ich liebe französisch“ bedeuten muss, daß man auf ein Gespräch aus ist. Und genau darum geht es in diesem Buch: die so phantasievolle Sprache der Erotik, des Sexes und auch der Po.rno.grafie vorzustellen. Und es sind beiliebe ja nicht nur die dritte und vierte Kategorie der Dichter und Denker, die sich literarisch dort tummeln, auch die Koryphäen wie Goethe haben durchaus deftiges auf´s Papier gebracht, dafür bringt Gutknecht einiges an Beispiel. „Alle Menschen werden prüder“: nein, wenn man sich dieses Büchlein durchliest, weiß man, daß das nicht stimmt. Eher hat schon der Schüttelreim „Nicht selten liest die prüde Rosa im Bette heimlich rüde Prosa“ Geltung…..

Zum Inhalt des Buches kann ich hier wenig sagen (außerdem könnt ich es eh nicht besser als der Link weiter unten), weil praktisch ein Rundumschlag geführt wird durch die Literatur, die Etymologie, es werden Synonyma erläutert, historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge erklärt und das alles in einem wunderbar lockeren leichten Ton, der nichts peinlich wirken läßt. So kann man das Büchlein nicht nur als Informationsquelle über das Thema sehen, sondern als sehr unterhaltsame Lektüre für .. zwischendurch… wann immer das auch ist….

Facit: Selten findet man Seriösität und Spaß an der Freude so nah beisammen, denn (um ein Zitat aus dem Buch zu bringen):

Es ist der Menschheit guter Brauch
was sie vermehrt, das freut sie auch
und nicht allein, daß man es tut
schon drüber lesen tut so gut.

(Herman Mostar)

Links:

bei google.books gibt es Auszüge zu lesen:

http://books.google.com/books?id=vK3cSK3hfX8C&pg=PA7&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=0_0

Christoph Gutknecht
Ich mach’s dir mexikanisch
Beck, September 2004, 244 S.
ISBN-10: 340651099X
ISBN-13: 978-3406510991

Eva-Gesine Baur: Dessous

Dezember 23, 2008

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Eva-Gesine Baur, die in München lebt, hat schon eine Menge schöner Bücher geschrieben und sich hier in der kleinen dtv-Reihe über Passionen wohl ihrer eigenen Leidenschaft frönend mit Unterwäsche, bzw (und entschuldigung) Dessous befasst.

Nun ja, spätestens seit Christo als Verpackungskünstler aufgetreten ist und Deutschland mit dem Reichstag für kurze Zeit in eine lebensfrohe, auf sich selbst stolze Republik verwandelt hat oder – die älteren werden es noch wissen – Fassbinder seine Hanna als Maria Braun auf die Leinwand schickte (siehe auch [1]), ist es (fast) jedem geläufig: das Anziehen, die Verpackung des Geschenks, die Aufmachung.. das macht den Reiz aus. Plumpe Nacktheit, die nichts verbirgt, sondern nur nötigt, immer tiefer zu schauen, um entdecken zu können, ist langweilig. Wie interessant jedoch wird auch das schon bekannte dadurch, daß ich es anders drappiere, anders verpacke und darbiete…

Apropos: der Pont neuf ging es ja auch nicht anders, eingepackt und herausgeputzt, geheimnisvoll und verführerisch, sah sie schön und begeh(r)enswert aus wie nie….

Dies ist die Grundthese von Baurs wunderbar leichtem Buch über Dessous, das sie ironisch, kenntnisreich und mit vielen persönlichen Anekdoten gewürzt, geschrieben hat. Ob nun Strümpfe, Strapse, BHs, Korseletts in schwarz, rot oder weiß: sie weiß alles zu deuten und in den Zusammenhang zu stellen, der da lautet: schau, wie begehrenswert ich bin und das nur für dich! Erober mich, ich warte drauf, sing die Melodie, die meine Dessous dir sagen, einfach weiter…. Natürlich ist auch manches Faktische dabei, auch Männer kommen vor, wenngleich hier die Möglichkeiten der Ausgestaltung doch geringer sind, aber sie sind auch bei ihnen da…..

Hier ist übrigens eine kleine Leseprobe.

Facit: ein wunderbar leichtes Buch, das bei mir immer irgendwo auf einem Regal liegt. Im Vorbeigehen mal zwei, drei Seiten gelesen.. herrlich „erfrischend“, anregend.. wie ein Glas Sekt am Morgen… ;-)

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[1] Szenenfotos aus dem Film, passend zum Thema…

Eva-Gesine Baur
Dessous
dtv, Kleine Philosophie der Passionen (1999)
ISBN-10: 3423202653
ISBN-13: 978-3423202657

Der Kuss

November 1, 2008

Eine Spielerei unter Verwendung eines Bildes nicht nachvollziehbarer Herkunft und Zeilen eines Gedichtes von E. Kunkel/J. Lautenschläger (in: Mein heimliches Auge XXIII, Konkursbuchverlag 2008)

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Ein wunderschönes Fotobuch von Blumen und Blüten, die erst auf den zweiten Blick ihr Geheimnis, ihr wunderschönes Geheimnis preisgeben. Frauen und Blumen, Blüten werden oft in Verbingung gebracht, eine Frau erblüht, verblüht auch, sie strahlt, duftet und betört wie die schönsten Blüten es kaum können…… Farben, Formen, Zartheit führen zu diesen Vergleichen, es liegt eine Poesie in beiden….

Eine Poesie, die Försterling in diesem Bildband einfängt und hervorhebt. Ein wunderschönes, sinnliches Buch….

Links:

zum Buch
zum Fotografen

Hermann Försterling
FloraMagica
Atelier Försterling, Eppingen
ISBN-10: 30000193421

Erotische Ex-Libris

Februar 9, 2008

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Vor einiger Zeit bin ich durch Zufall auf einen Blogeintrag gestoßen, der sich mit „erotischen ExLibris“ befasste (wie ich feststellen musste, ist der mittlerweile gelöscht) Ich kann mich erinnern, daß ich vor vielen, vielen Jahren (wirklich vielen) mir auch einmal ein erotisches ExLibri machen wollte oder besser machen lassen wollte, was ich dann aber doch natürlich nicht getan habe. Aber vielleicht wäre die Zeit jetzt reif dafür?

Jedenfalls hat mich das Thema im Hinterkopf nicht verlassen und irgendwann neulich habe ich einfach noch mal gegoogelt und natürlich auch Bücher zum Thema gefunden. Im normalen Buchhandel wohl nicht erhältlich weil schon vergriffen oder von Liebhabern herausgegeben, habe ich bei der ZVAB gesucht und bin in vielfacher Weise fündig geworden. (An dieser Stelle im übrigen ein Lob, wie extrem gut und schnell die Bestellung über die ZVAB abgewickelt wurde).

Bestellt habe ich mir erst einmal (zum Test sozusagen) den äußerlich nicht sonderlich attraktiven Band 13 der „Geschichte der Erotischen Kunst“ von D.M. Klinger, der 1983 in Nürnberg, offensichtlich auch als Auktionskatalog konzipiert, herausgegeben wurde. Das Buch enthält 241 Ex-Libris unterschiedlicher Künstler, ein paar Beispiele habe ich hier einfach mal reinkopiert. Jetzt warte ich einfach mal ab, was die anderen Büchlein, die ich noch geordert habe, mir bieten werden.

Dieses jedenfalls hat mir gefallen, und ganz nebenbei, bin ich wohl nicht der einzige, dem erotische ExLibris zusagen. Schaut man sich ein wenig im i-net um, findet man doch einiges zum Thema, angefangen von Privatsammlern/-sammlungen über Ausstellungsberichte bis hin zu Publikationen. Und daß Franz von Bayros einer der wichtigsten Künstler war, habe ich nebenbei auch gelernt….

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Kleine Kunstwerke sind sie, individuell, verspielt und charakteristisch für den Eigner und den Künstler, denn in den meisten Fällen dürften es sich ja um Auftragsarbeiten gehandelt haben, die zwischen den beiden ausführlich besprochen wurden und daher auf Rückschlüsse auf die privaten Vorlieben zulassen. Heute, wo das Auge langsam übersättigt ist von nackter Haut, tun diese mit viel Sorgfalt gestalteten Bildchen mit ihren dekorreichen Ausschmückungen gut, sie verlangsamen den Blick, der sich konzentriert, um wahrzunehmen und zu erkennen.

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Heute morgen bin ich beim ziellosen, die Zeit totschlagenden Surfen bei der Bildersuche auf dieses Bild gestoßen, das mir ausnehmend gut gefällt. Es hat mich an ein kleines Büchlein erinnert, ein Taschenbuch, das ich vor einiger Zeit bei ebay für den Mindestpreis erstanden hatte, anscheinend ist das Thema so anrüchig oder ein Taschenbuch ein Gebot nicht wert, jedenfalls steht das Büchlein jetzt in meinem Regal und behandelt das Thema in aller Ausführlichkeit und durchaus mit gewisser Seriösität.
Ob dies alles wirklich so war, sei dahin gestellt, vielleicht spielt auch eine Art romantischer Phantasie über fremde Sitten und Gebräuche eine Rolle, ich weiß es nicht. Bezeichnet der Begriff Odaliske in dieser Beschreibung auf jeden Fall noch eine bestimmte Frau bzw. die Frauen einer bestimmten gesellschaftlichen Position, wird der Begriff später, z.B. in der europäischen Malerei auf ein bestimmtes Motiv angewandt: die leicht oder unbekleidete Frau auf einem Sofa, Diwan oder einem Chaisselonge liegend, entweder mit dem Rücken oder auch mit dem Gesicht zum Betrachter, der derart zum Voyeur in diesem intimen Arrangement wird.
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Damit hätte ich dann auch den Bogen zu Hennig mit seinem Buch geschlossen, denn dort widmet er der Odaliske ein ganzes Kapitel, angefangen von Mrs Murphy, die von Francoise Boucher [2]gemalt wurde über Ingres, Delacroix bis zu den moderneren Malern wie Trouille, dessen gemalter Hintern in züchtigerer Form Pate stand für das bekannte Musical „Oh Calcutta!“, eine Verballhorung des französischen „oh quel cul t’as“ .Das Motiv wurde wohl zum ersten Mal von Velasquez in die Malerei eingeführt, Venus und Cupido, um 1650. Als Modell für die Frau, dies ein pikanter Gedanke, diente ein Hermaphrodit und keineswegs eine Frau. Der recht schmale Hintern, der in der Darstellung spätere Jahrhunderten üppiger wurde, vermittelt einen jugendhaften Eindruck von Frische und Unbekümmertheit, der später dann dem von Reife und Erfahrung weicht.
delacroix-odalisque-1825.jpgBei Ingres, so ist zu erfahren, wird die Frau deformiert, zählt man nach, so sieht man, daß die Große Odaliske offensichtlich 5 Wirbel zuviel hat und der gesamte Körper also in die Länge gezogen wird. Der Po verschwindet in der Länge der  Gestalt, seiner natürlichen Schwere verlustig. Wie anders als dieses ätherische Wesen wirkt dagegen die Odaliske, die Delacroix 1825 malte mit ihren betonten Hüften, ihrer sinnlichen Schwere.

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Es ist müßig, alle die Odalisken, die im Laufe der letzten Jahrhundert gemalt worden sind, zu beschreiben, eine Vielzahl von ihnen sind hier auf diesem weblog zu sehen. Es war eine Zeit der europäischen Begeisterung für die Geheimnisse des Orients, seine Kultur und faszinierende Fremdartigkeit. In der reinen Zahl der gemalten Odalisken sticht dabei Henri Matisse hervor, der insbesondere in seiner Zeit in Nizza dieses lebensfrohe Motiv immer wieder darstellte. Matisse selbst sagt zu seinen Bildern:

„Die Odalisken waren die zahlreichen Früchte einer glücklichen Sehnsucht, eines schönen, lebendigen Traumes und einer fast in der Ekstase von Tag und Nacht, im Zauber eines Klimas durchlebten Erfahrung“ [1, S. 52]

An anderer Stelle führt er als Erwiderung auf die Vorwürfe einer scheinbaren Konventionalität seiner Odalisken aus: „Betrachten Sie aufmerksam diese Odalisken: Das Sonnenlicht herrscht hier in seinem triumphalen Glanz und saugt Farben und Formen in sich auf. Die orientalische Dekoration der Interieurs, der Prunk der Wandbehänge und Teppiche, die üppigen Kostüme, die Sinnlichkeit der schweren, schlummernden Körper, die selige Dumpfheit der Blicke in Erwartung der Lust, all diese Pracht der Siesta, wobei Arabeske und Farbe auf´s höchste gesteigert sind, darf nicht täuschen: Das bloß Anekdotenhafte habe ich immer abgelehnt. Unter dieser Stimmung schmachtender Entspanntheit und der Sonnendumpfheit, in die Menschen und Dinge getaucht sind, schwelt eine große Spannung, die rein malerisch ist und auf dem Spiel und den Beziehungen zwischen den Elementen beruht“ [a.a.O. S, 60].

Nun ja, wenn der Meister selbst es so sieht.. Jedenfalls ist es eine Freude, diese farbenprächtigen Gemälde anzuschauen:

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Eine Auswahl von Odalisken, die Matisse so häufig dargestellt hat.

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Natürlich hat auch das Medium der Fotographie das Sujet „Odaliske“ aufgegriffen, ohne sich jedoch in der überwiegenden Zahl der Bilder dem Zauber des Themas zu widmen. Die Liegestatt ist nur Dekorationsgegenstand für die mehr oder weniger aggressive Darstellung der Frau, wie sie hier als Beispiel zu sehen ist. Diese Bilder ziehen ihren Reiz eher aus anderen Aspekten. Jedoch gibt es – und damit bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt – auch fotographische Beispiele, die dem Zauber der Phantasie nachspüren, der Darstellung des unbekannten, erotischen und unnahbaren Wesens namens Odaliske……

Ein schönes Beispiel für dieses immer noch reizvolle Motiv ist das Portrait, das Lord Snowdon von Emma Thompson geschossen hat [3], ganz in klassischer Pose wie z.B. bei dem weiter oben verlinkten Gemälde „Venus und Cupido“ von Velasquez (nur ohne Cupido…) und auch Farbe, ein wunderschönes Bild einer von mir sehr geschätzten Schauspielerin:

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[1] Essers V: Matisse, Taschen-Verlag, Köln 1986
[2] Wer die Geschichte dieses Bildes, genauer: die der dargestellten, erst 15jährigen Helene Morphii genauer nachlesen möchte, dem sei das Buch: Meisterwerke der erotischen Kunst, Köln, 1995 von Eva Gesine Baur empfohlen. Dort finden sich ein paar interessante Details, die Dame (oder sollte man sagen, das Mädchen?) spielt auch bei Casanova eine Rolle…
[3] zu finden im Stern Portfolio 52 über Lord Snowdon (ISBN 3570197735)

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Nachtrag am 15.02.2008

Die Odaliske

Es harrt auf weichem Purpursammt
Die jüngste Sclavin ihres Herrn,
Und unter dunkler Braue flammt
Ihr Auge, wie ein irrer Stern.

Sei stammt aus jenem Lande nicht,
Wo ehrbar-blond der Weizen reift,
Und stachligt-keuch die Gerste sticht,
Wenn man sie noch so leise streift.

Sie ist der Feuerzone Kind,
Wo jede Frucht von selber fällt,
Weil sie der Baum, der zu geschwind
Die zweite zeitigt, gar nicht hält.

Sie hat von dem Johannisstrauch
Die karge Beere nie gepflückt,
Die, ohne Kraft und ohne Hauch,
Zur Abwehr gar den Dorn noch zückt.

Doch ward sie oft vom Wein bespritzt,
Weil himmelan die Rebe drang
Und dann, vom Sonnenstral zerschlitzt,
Die Traube in der Luft zersprang.

Drum sitzt sie auch nicht seufzend da,
Nun ihre eig’ne Stunde naht,
Sie denkt der Rosen, fern und nah’,
Die sie schon selbst gebrochen hat.

Und sieh, der Pascha tritt herein,
war ernst und düster, doch nicht alt,
Und vor ihm her den Becher Wein
Trägt eines Mohren Nachtgestalt.

Er sieht das Mägdlein lange an,
Mißt Zug für Zug, und nickt nur still,
Zum goldnen Becher greift er dann
Und fragt, ob sie nicht trinken will.

Ihr aber schwillt schon jetzt das Blut
Bis an der Adern letzten Rand,
Drum fürchtet sie des Weines Glut,
Und stößt ihn weg mit ihrer Hand.

Nun weis’t er stumm den Mohren fort,
Dem wild das Auge glüht vor Lust, [⇐188]
Und setzt sich an den weichsten Ort
Und küßt ihr langsam Mund und Brust.

Doch plötzlich dringt ein jäher Schrei
Von außen ihr in’s bange Ohr;
Sie ruft verstört, was das denn sei?
Und er versetzt: es starb der Mohr!

Er trank den Wein, den ich dir bot,
Und wird der Sünde nimmer froh,
Denn beigemischt war ihm der Tod! –
Ich prüfe jede Sclavin so!

(von Friedrich Hebbel)

eine moderne Odaliske, die zeigt, daß das Thema auch noch heute noch seine Liebhaber findet….
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Quelle

Sammlung von Odalisken in der Malerei

eine hübsche Sammlung diverser fotographischer Variationen zum Thema findet man auch bei Stephan Lallemand

Es ist ein wenig wie mit den Geschenken zu Weihnachten. Natürlich freut man sich auch über ein Geschenk, das einen ohne in Papier gehüllt zu sein, erwartet, aber schöner ist es doch, wenn die Neugier sich an der Frage entzünden kann: Was ist unter dem Papier verborgen? Ein schönes Geschenkpapier, geschickt gefaltet, eine schöne Schleife, ein Kärtchen.. man drückt, um die Festigkeit festzustellen, schüttelt vielleicht vorsichtig und beginnt dann mit Achtsamkeit, das Papier möglichst unversehrt zu entfernen. Dieses Entfernen, Enthüllen, bringt mich zu meinen eigentlich Thema…

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Wie sehr die Verhüllung das Interesse wecken kann, zur Sensation werden kann, haben auf unnachahmliche Art und Weise Jean und Claude Christo gezeigt, egal, ob am Reichstag in Berlin oder bei der Pont Neuf in Paris. Was waren diese beiden (und andere) Bauwerke so aufgewertet worden, so interessant geworden durch – das Verhüllen.. die Liebe, die Sorgfalt, die in diesen Akt gesteckt worden ist, die Freude am Ansehen, die Vorfreude auf das Enthüllen…..

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„Enthüllen“ ist das Stichwort, bin ich doch beim Durchwandern meiner Regale wieder mal auf das wunderschöne Büchlein von Eva Gesine Baur gestoßen, mit dem sie aus weiblicher Sicht sehr kenntnisreich über die Freuden des Anziehens, Verhüllens, Entdeckens und Enthüllens schreibt….

Das Thema ist also die Kleidung, die früher die „Unausprechliche“ war, die Unterwäsche, oder in filigranerer Weise, die Reizwäsche, die Dessous, die Lingerie.

Welcher Mann würde so er ehrlich ist, abstreiten, daß eine Frau, die ihren Körper, und sei es nur zum Teil, durch Kleidung verdeckt, an Reiz gewinnt. Es ist das Geheimnis, das gelüftet, entdeckt, enthüllt werden will, das Geheimnis, was „unten drunter“ ist, die Freude daran, es zu entdecken, und sei es auch das -zigste mal. Verständlich also das von Baur oft gebrauchte Bild, mit dem sie Parallelen zieht zwischen einer Dessous und einem Kriminalroman: beide verbergen Geheimnisse, die gelüftet werden wollen, bis sich zum Schluss die Auflösung ergibt, jeder Roman weckt wiederum aufs neue diese Lust genau wie jede Gelegenheit, sich an der dessousbekleideten Frau zu erfreuen. Und keinesfalls, wirklich keinesfalls ist es erlaubt, einfach die letzten Seiten des Romans zu lesen, um zu erfahren, wie es ausgeht…..

Es muss noch nicht einmal sublime Lingerie sein, die diese Verlangen herruft, auch einfache Unterwäsche kann sehr erotisierend wirken. Eine nur bestrumpfte Frau, eine Frau, nur mit Unterhemd bekleidet, mit einer offenen Bluse, ein enges Kleid… das Begehren ist sofort geweckt.

Wenngleich praktisch die meisten Fotobücher über Aktfotographie das Element „Kleidung“ in ihr Thema einbeziehen, gibt es doch eine Vielzahl von Fotobüchern, die Dessous zum Thema haben. Seien es nun die etwas, sagen wir direkteren Bildbände, die sich dem Thema Lack und Leder nähern und damit sich auf die Grenze zum leichten Fetischismus hin bewegen, seien es die Bücher, die Geschichte der Dessous aufarbeiten, angefangen von den Korsetts, deren Ursprung bis ins 14. Jhdt zurückverfolgt werden kann …

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…..bis hin zum raffinierten Hauch eines Nichts, das keinerlei Funktion mehr hat ausser dem, enthüllt zu werden. Selbstverständlich nutzen auch die großen Hersteller von Dessous die Möglichkeit, ihre Werke durch Bildbände zu präsentieren, mein Lieblingsbuch unter all diesen schönen ist der Band von Aubade, gestaltet von Hervé, mit Bildern, die Träume sind. Nun ist Hervé sowieso ein begnadeter Fotograph (Eine gute Freundin von mir hat solche Fotographen immer „ein Gott hinter der Kamera“ genannt), so daß es nicht verwundert, daß er zu diesem Thema außergewöhnlich schöne Bilder geschaffen hat.

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Bücher über Unterwäsche bei Männer findet man deutlich weniger, aus zwei Gründen wohl nicht verwunderlich: zum einen interessieren sich Männer, die Hauptabnehmer solcher Bücher, wohl weniger für ihre Unterhosen und zum zweiten.. nun ja, das Thema fällt gegen die weibliche Variante doch deutlich ab. Aber immerhin, es gibt sie, solche Bücher, die sich mehr auf die geschichtliche Seite und praktische Aspekte konzentrieren, die bei der Herrenunterhose ja auch immer im Vordergrund standen, bis .. ja, bis Calvin Klein die unscheinbare Unterbekleidung mit durchschlagendem Erfolg in ein sexuell attraktives Kleidungsstück verwandelte. Mark Wahlberg sei Dank. Obwohl – wie ich neulich als Scherzfrage las – wer will eigentlich eine Unterhose tragen, auf der „Klein“ steht?

Der Schluss von Baur Buch gefällt mir so gut (wie überhaupt die Formulierung „angeheirateter Geliebter“ einfach wunderbar ist), daß ich ihn auch für diesen kleinen Beitrag ans Ende stellen will:

„Meine wunderbare Mutter zum Beispiel liest bei einem Kriminalroman, wenn sie schon mal einen in die Hand nimmt, zuerst den Schluss.
Wenn mir ein Mann verriete, daß er es genauso hält, wüsste ich sofort, daß er von Dessous nichts versteht. Jeder Krimiliebhaber geniesst es, daß ihm die Hintergründe erst langsam enthüllt werden und des Rätsels Lösung erst ganz am Ende.
Natürlich kennt mein angeheirateter Geliebter meinen Körper längst auswendig.
Aber mit den richtigen Dessous wird es eben immer wieder so spannend, daß er zu lesen anfängt.“