Laura Lay ist bei mir im Blog schon mit einer kleinen erotischen Erzählung vertreten, der “Flamingofrau”. Hier legt sie mit der “Pyromantischen Affäre” eine weitere Kostprobe ihrer erotischen Fantasie vor, auch wenn der Titel nur die halbe Wahrheit ist, denn es sind zwei Geschichten, die Lay parallel erzählt und im letzten Kapitel dann überraschenderweise miteinander verbindet.

Den nicht pyromentischen Teil könnte man “die Gelegenheit bei den Zöpfen packen” nennen, denn hier beschreibt sie ein Rollenspiel zwischen einer jungen Frau, genannt Lila, und einem Mann, über den wir nicht allzuviel erfahren, mit Namen Joe. Lila kleidet sich zu kindlich für ihr Alter, mit Kniestrümpfen, Lackschühchen und eben Zöpfen.. so gewandet holt sie Joe vom Flughafen ab. Leider hat Joe Grund, verärgert zu sein, kam doch ein Brief von der Schule, in der ihm berichtet wird, wie ungezogen Lila ist… Lila entschuldigt sich, doch ein “es tut mir leid” reicht Joe diesmal nicht und er erinnert Lila daran, was er ihr neulich beigebracht hat.

Berit – aus der Parallelgeschichte – dagegen ist Malerin und hat ein Stipendium, sie ist mit anderen Künstlern zusammen auf einem abseits gelegenen Hof einquartiert. Am rätselhaftesten von allen dort ist ihr Yui, die Pyromantikerin, die sich ein wenig abseits der Künstlerkolonie hält und sich auch spröde gibt, als Berit sie anspricht. Aber schließlich fahren sie doch eines Nachtss gemeinsam hinaus an den See, wo Yui ihre Raketen abschießt und Berit den Widerschein der Lichter auf der Oberfläche des Wassers filmen soll. Yui hilft ihr, indem sie ihr die richtige Standposition zeigt, damit die Aufnahmen nicht verwackelt werden. Dazu muss Yiu Berit allerdings berühren….

Von den beiden Geschichten ist besonders die Episode mit Lila und Joe geheimnisvoll, denn die Autorin ist sparsam mit Erklärungen. Sie beschreibt, schildert, aber für den Leser bleibt manches geheimnisvoll bzw. rätselhaft und klärt sich erst im Lauf der Handlung weiter auf. Es ist vllt sogar eine Stärke der Autorin, Fragen nur aufzuwerfen, sie aber nicht zu beantworten: dies hält die Spannung über die gesamte Geschichte aufrecht.

Dabei lebt diese erotische Geschichte nicht vom geschilderten Sex, obwohl Lay zumindest eine prickelnde Szene eingebaut hat. Es ist eher die unterschwellige Spannung, die Visualisierung des Geschriebenen in der eigenen Fantasie, mit der Lay es versteht, das erst einmal sexuell motivierte Rollenspiel zu einem auch erotischen zu gestalten, das trotz der deutlichen Sprache seine eigene Sensibilität bewahrt. Wer also “Ein-Hand-Literatur” sucht, ist bei Lay an der falschen Adresse. Wenn man einen Kritikpunkt an den Geschichten anbringen will, dann ist es der, daß sie zu kurz sind, dieses Lesevergnügen würde man sich länger wünschen….

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Die Bonusgeschichte handelt von “Mr. Wonderful”, einem dem äußeren Anschein nach wenig attraktiven Mann mit krummen Beinen, ohne Taille aber mit Bierbrüsten, auf den dessen ungeachtet die Frauen aber fliegen. Mag dies nun den meisten Männern vielleicht beneidenswert erscheinen, unserem Titelhelden ist eher lästig, denn all die armen Frauen in ihrem Begehren allein zu lassen, das bekommt er auch nicht übers Herz. Eigentlich, so meint, müssten seine Finger schon Hornhaut tragen bei all dem, was sie schon mitgemacht haben…. “Aber ich hab genug! Es reicht! Ich bin nicht verklemmt. Nein, wirklich nicht. Aber was zuviel ist, ist einfach zuviel.” .. wenn er sich da mal nicht täuscht…

Laura Lay läßt ihren “Adonis” sein Leid in einem großen Monolog schildern, er redet sich seinen Kummer von der Seele, schildert seine Erlebnisse und die Qual, die es heißt, Objekt der Begierde zu sein, zumal – wie gesagt – sein mildes, mitleidendes Herz keine Körbe verteilen kann…

“Mr. Wonderful” ist eine nette, kleine überspitzte Satire auf die durchsexualisierte Alltagskultur unserer Gesellschaft. Sind dort in realiter die “schönen” Menschen Projektion (auch) sexueller Sehnsüchte (bzw. definiert sich Schönheit oft erst dadurch, daß bestimmte Menschen oder Typen als Figuren prominent gemacht werden), stellt Lay dieses Prinzip in ihrer Erzählung auf den Kopf: ein völlig unattraktiver Mann (jetzt hätte ich fast geschrieben, jemand wie du und ich, aber mir selbst fehlt ja noch die fehlende Taille…) wird Objekt, denn das ist er, ein Objekt, auf das Frauen fliegen wie Fliegen auf den Klebstreifen. Die Schönen und das Biest…. das der Ausgang der Geschichte letztlich nicht völlig überraschend ist, tut dem Lesespaß keinen Abbruch.

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Website der Autorin: http://laura-lay.jimdo.com/. Über diese Seite kann das ebook auch erworben werden. Ferner bedanke ich mich bei Frau Lay für die Überlassung eines Rezensionsdateinfiles.

Mehr erotische Literatur ist im Themenblog zu finden.

Laura Lay
Eine pyromantische Affäre
Kindle-Edition, 42 S. (print)

d-100_bearbeitet-1er Ursprung der Welt” (L’Origine du monde) ist ein mythenumwogtes Gemälde des französichen Malers Courbet, das dieser 1866 im Auftrage des türkischen Diplomaten und Kunstsammler Halil Şerif Paşa, (Khalil Bey) gemalt hat. Im Gegensatz zu anderen Aktmalereien, die dieser Sammler von Courbet gemalt bekam, zeigte Khalil Bey diese naturgetreue Wiedergabe des dichtbehaarten Geschlechts einer Frau, deren Gesicht und Körper ansonsten teilweise verdeckt ist, nicht in der Öffentlichkeit. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, provozierend durch Motiv und Art der Malerei war das Gemälde schnell skandalumwittert und ein Objekt von Spekulationen und Gerüchten.

Interpretationen und Deutungen des Bildes finden sich natürlich zuhauf, unter anderen hier online in der Wiki [1], dort ist natürlich auch das Bild selbst wiedergegeben… als Bücherliebhaber greift man selbstverständlich lieber zu gedruckten Werken, die sich über den Ursprung der Welt auslassen und in denen es auch in Zusammenhang mit anderen Werken Courbets gesetzt wird [2].

Courbet, das möchte ich noch vorausschicken, hat sich ein besonderer Realismus in die Malerei eingeführt. Waren weibliche Figuren, Akte, seit alters her wohl ein beliebtes Motive, wurden sie jedoch fast immer in idealisierter Form, stilisiert oder ikonenhaft dargestellt. Der Franzose jedoch zeigte auch – um dem Sinne nach die Dame in Blau zu zitieren – “die Problemzonen” des weiblichen Körpers, Unreinheiten der Haut, Proportionen, die nicht dem klassischen Ideal entsprechen und was es da im wirklichen Körper sonst noch geben mag [3]…. hinter der “Dame in Blau” ist übrigens ein Bild zu sehen, auf dem eine Frau wallendem roten Haar zu sehen ist, die schöne Irländerin Joanna Hiffernan, die der Vermutung nach Modell gelegen hat für Courbets Ursprung.

Wie auch immer die Geschichte des Bildes nun weitergelaufen ist (Khalil Bey musste es zwei Jahre nach dem Erwerb aus finanziellen Gründen abgeben), es läßt sich in den angegebenen Quellen nachlesen. Jedenfalls, und damit nähere ich mich dem Buch (der gute Jorge Edwards wird ob meiner ausschweifenden Einleitung schon ungeduldig mit den Hufen scharren…), denn seit 1995 hängt das Bild Courbet-origine-monde museum im Musée d’Orsay. Dorthin gekommen ist es durch einen Erbschaftssteuerhandel, den Silvia Bataille [4] die Witwe des letzten Besitzers Psychoanalytiker Jacques Lacan nach dem Tod ihres Mannes mit den Behörden einging…

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In jenem Museum jetzt treffen wir nämlich itzo auf Dr. Patricio Illanes, einen noch gut erhaltenen 70jährigen Arzt, der zusammen mit seiner ungefähr 20 Jahre jüngeren Frau Silvia (sic!) in Paris im Exil lebt und sich dort gut eingerichtet hat. In Paris existiert eine kleine Gemeinde von exilierten chilenischen Intellektuellen, die nach dem Militärputsch das Land verlassen mussten und die sich hier niedergelassen haben. Ihm also, Patricio, genannt Patitio, kommt beim Betrachten, dem Studieren des Gemäldes die Ähnlichkeit der Formen, der Gestalt mit seiner Frau, mit Silvia, ins Auge. Er sagt ihr, die ihn begleitet, dies (“Das ist deine guatita!”) und erwähnt, daß ein gemeinsamer Freund, der ein paar Jahre jünger ist als er, Felipe Diaz, ein Don Juan wie er im Bilderbuch steht, es liebt, obszöne Fotografien von seinen Eroberungen zu machen.

Das Bild, dieser Gedanke, diese Ähnlichkeit der Schenkel, der Haare… sie werden zur Manie des Patitio, der seine Frau in dieser Nacht diese Pose einzunehmen bat, mit bedecktem Gesicht, geöffneten Beinen. Ein Foto müsse er machen, neckte er Silvia, wie es vllt Felipe Diaz gemacht hätte an seiner statt. Silvia ist empört, bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen, sie sei müde…

Patitio und Felipe treffen sich, Felipe, der alternde Lüstling, der dem Alkohol zuspricht, erzählt von seiner neuesten Eroberung, bei der er zu seinem Kummer als Mann völlig versagt, die aber gerade deswegen bei ihm bleiben will. Das Motiv bleibt unklar, ist es das Versagen als Mann? Jedenfalls findet Patitio Felipe, der entgegen seiner Gewohnheit kurze Zeit später eine Verabredung nicht eingehalten hatte, mit einer Überdosis Schlaftabletten in seiner Wohnung tot auf. Und noch jemand taucht plötzlich in Felipes Wohnung auf und ist zu Tode erschrocken: Silvia.

Warum? Ein Verdacht taucht auf bei Patitio und wie es ist mit solchem Verdacht: er nährt sich selbst, zieht Kraft und Stärke aus der Eifersucht, die er weckt… und so geht Patitio heimlich noch einmal in des Verstorbenen Wohnung und durchwühlt sie. Und er findet, was er sucht: das Foto einer Frau wie auf besagtem Gemälde und ein Passfoto Silvias und von nun an kann ihn nichts mehr von der Überzeugung abbringen, seine Frau hätte eine Affäre gehabt mit seinem alten Freund….

Patitio sucht die Bestätigung des Verdachts und befragt alle Bekannten und Freunde, die unter Umständen von dem Verhältnis gewusst haben könnten. Und je mehr diese ihn einen Idioten schimpfen und wie absurd der Gedanke allein sei, desto mehr ist er von dessen Richtigkeit überzeugt. Er macht sich zum Narren, merkt es selbst, kann sich aber nicht dagegen wehren und schließlich bleibt ihm nur noch eine, die er fragen kann, die er in seinen Verdacht einweihen muss, da er spürt, wie ihn die Unsicherheit, das Nichtwissen (lieber noch, viel lieber als dieses wäre ihm sogar die Gewissheit, daß die Frau auf dem Foto seine wäre, damit könnte er leben…) langsam aber sich verrückt macht: Silvia selbst…

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Das Büchlein läßt sich grob in zwei Teile gliedern. Im ersten Teil, den ich bis zum Auffinden der Leiche des Felipe und dem Auftauchen von Silvia ansiedele, wird uns die Situation im allgemeinen vorgestellt. Wir erfahren einiges über das Ehepaar Illanes, über Felipe Diaz, über die Situation, auch über die verschiedenen Gruppen der Exilanten mit ihren jeweiligen Animositäten, die Eigenheiten der Exilchilenen in Paris. Im zweiten Teil übernimmt die Schilderung des grotesken Fragelaufes Patitios die Regie und damit die Eifersucht bzw. die zerstörerische Kraft der Nicht-Gewissheit, des Verdachts. Mit den Nebenfiguren des Romans, die Edwards hier einführt, deckt er ein Spektrum teilweise skurriler Gestalten ab: die Figur der Concierge taucht auf, ein die freie Liebe predigendes Intellektuellenehepaar, eine hexenartige Kupplerin….

Erzählt wird dies alles aus wechselnden Perspektiven, wenngleich das meiste in Form einer Ich-Erzählung wiedergegeben wird. Interessant ist das letzte Kapitel des Büchleins, das Silvia zur Erzählerin hat, der Patitio alles gebeichtet hat, seinen Verdacht, seine Eifersucht, seine Qualen. Und Silvia antwortet ihm und sie spürt mit der Intuition, welches die richtige Antwort ist, die Antwort, die sie geben muss und die richtige Antwort muss hier nicht unbedingt auch die Wahrheit sein und sie spürt es am eigenen Leib und am Leib ihres Mannes, daß sie die genau die Antwort gegeben hat, die Patitio brauchte.

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“Der Ursprung der Welt” ist ein kleiner, feiner Roman über die menschlichen Schwächen.. nein, über die der Männer eher, über die Eifersucht, die sich selbst erhält und nährt und so großartig zu wachsen versteht, die ihren Träger zum Narren macht und an den Abgrund führt. Mit leichter Hand geschrieben begleitet Edwards seinen Helden durchaus wohlwollend auf dessen Leidensweg, den er mit einem einzigen elementaren Akt enden läßt. Er zeigt aber auch, welche Kraft zur Erneuerung in dieser Eifersucht liegen kann, sie muss nicht zerstören wie sie es so oft tut, sie kann auch die Leidenschaft anfachen, das Auge, den Sinn für den/die Geliebte wieder öffnen… und nebenbei porträtiert der Autor in groben Strichen (es ist ein schmaler Roman) auch die chilenische Exilgesellschaft in Paris, die von der Heimat träumt, vom realen Kommunismus geheilt (?) ist und die sich der Emphase ihrer Jugend mit einer gewissen Gelassenheit erinnert.

Ob es ein “großer” Roman ist, vermag ich nicht zu urteilen, ein langer ist es jedenfalls nicht. Es ist ein Buch für ein paar unterhaltsame Stunden, eine spritzige Studie über eine menschliche Schwäche, mit Humor und Sympathie für die Protagonisten geschrieben. Und es ist eine Hommage an ein wunderschönes, aufregendes Gemälde….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Bild, auch Quelle der Abbildung
[2] z.B. diesem hier, welches in meinem Regal zu finden ist: Metken G: Der Ursprung der Welt, Prestel 1997
[3] Courbet: Ein Traum von der Moderne, Ausstellung im Schirn, Ffm, 2011
[4] auf den Vornamen “Silvia” werden wir übrigens noch einmal treffen im Lauf der Geschichten…

Jorge Edwards
Der Ursprung der Welt
Übersetzt aus dem chilenischen Spanisch von Sabine Giersberg
diese Ausgabe: Klaus Wagenbach Verlag, HC, ca. 162 S., 2005
Erstausgabe: El Origen del mundo, Barcelona, 1996

Phoebe Müller: Gejagte

17. Januar 2013

gejagte

Sie ist gutsituiert, trotzdem ist es ihr schal geworden, das Leben, das sie führt. Eingebunden in einen Bekanntenkreis, der sich ohne materielle Sorgen zwischen Weinverkostung, Designermöbeln und Paarproblemen bewegt, ist sie mit Rich liiert, einem eloquenten, gut aussehenden, fesselnden Mann. Man wohnt in einem angenehmen Viertel mit entsprechender Lebensqualität, trifft sich in den passenden Lokalitäten, besucht sich auch gegenseitig, begegnet sich auf Veranstaltungen, gleiche Hobbys verbinden, man möbliert das Heim nicht mehr vom schwedischen Massenhersteller inspiriert, sondern orientiert sich mehr am Katalog der Möblisten, die gerade “in” sind… kurz, der Schein ist wichtig und überdeckt das Sein.

Unsere Heldin ist nicht hineingeboren in diesen Kreis. Eher der Melancholie zuneigend und still muss sie lernen, sich in diesem Zirkel zwischen Angesagtem und “Geht gar nicht!” zu bewegen, das richtige Vokubular bei der Degustation zu verwenden und die Künstler zu benennen, die im Moment den Geschmack bestimmen. Sie ist von Rich in diesen Kreis eingeführt worden, die wenigen Versuche, ihrerseits alte Bekannte vorzustellen, endeten mehr in gegenseitiger Irritation, sie unterließ sie daraufhin.

Rich, wie gesagt, ist ein fesselnder Mann und sie geniesst es, sich von ihm fesseln zu lassen, sich fallen zu lassen in die Bewegungslosigkeit, das Ausgeliefertsein. Es macht ihr nichts aus, daß andere zuschauen, daß sie zum Schauobjekt der Kunstfertigkeit ihres Freundes wird. Aber irgendwann wird auch dies schal und abgenutzt und sie fängt an, nachts neben ihm zu liegen und nicht zu wissen, was ihr fehlt an diesem Leben, mit diesem Mann.

Eines Tages trifft sie “Sie”, eine medusenhäuptige, herbe Frau. Sie wissen es beide sofort, im gleichen Augenblick… Es kümmert Rich nicht, wenn sie ihm sagt, daß sie übers Wochenende zu einer alten Freundin fährt, daß sie dort übernachten wird, weil sie alkoholisiert nicht mehr zurückfahren will… wurde sie von Rich gefesselt, liefert sie sich hier selbst aus, findet sie ihre Befriedigung darin, Spielzeug zu sein für Sie…

Cut. Schluss. Reset.

Von einem Tag auf den anderen koppelt sie sich ab von allem, bricht sämtliche Verbindungen ab. Liest sie auf der Arbeit in einem kleinen Verlag tagsüber erotische Romane Korrektur, verliert sie sich nachts im anderen Extrem: immer tiefer gerät sie in den Sog einer “Ekellust”, die sie zuhauf auf den entsprechenden Internetseiten findet. Um das Abartige dessen wissend, an was sie sich aufgeilt, befriedigt sie ihren Körper nächtelang damit, ihre unbenannte Sehnsucht dagegen nach dem, was ihr fehlt, bleibt ihr…

Eines Nachts poltert es gegen ihre Tür, sie öffnet angstvoll, sieht einem vermummten Mann ins .. nein, nicht ins Gesicht, in eine Maske, einen Helm: ein groß gewachsener Polizist in voller Montur steht vor ihr: eine Razzia findet im Haus statt…. am nächsten Tag kommt er wieder, zur Zeugenbefragung. Nach dem Öffnen der Tür geht er einfach in die Wohnung, sagt nichts, legt sein Koppel ab mit allem was dran hängt, greift sie und nimmt sie. Grob und heftig, mehrmals. Es ist nicht das “Brennender Docht trifft auf Wachsdöschen”-Geschwurbel der erotischen Machwerke, die sie tagsüber lesen muss, hier wird ihr einfach ohne viel Federlesen ein harter Knüppel zwischen die Beine gerammt. Mehrfach. Und das kommt gut so.

“Mein Alltag oder was davon übrig war, schien eine Aneinanderreihung von Seltsamkeiten zu sein. Manchmal stand ich mit der Zahnbürste in der Küche und fragte mich, was ich dort überhaupt wollte. … Die Nachbarn sahen mich seltsam an, wenn sie mir im Hausflur begegneten. …”

Er besucht sie, wie er will, wie es ihm in seinen Dienstplan passt und sie steht ihm zur Verfügung. Immer tiefer gerät sie in den Strudel dieser Beziehung, der sie aus derart ihren Lebensgewohnheiten wirft, daß sie den Bezug zum “normalen” Leben zu verlieren scheint. Sie liebt den Körper ihres persönlichen Sondereinsatzkommandos, seine Art, sie zu nehmen, sie seinem Willen unterzuordnen und ihr dadurch Sicherheit und Lust zu bereiten. Es wird nicht allzu viel geredet, das ist nicht das, was sie suchen. Ihre Spiele gehen immer weiter, sie fahren an die nahen Seen, baden dort, treiben es im Freien, ihre aufgescheuerten Knie sind voller Sand, ihr Mund auch, er lädt notgeile Spanner ein, zuzuschauen, es macht ihr nichts aus…

Müller läßt das Ende offen. Wir verlassen die Protagonisten dieses Romans an einem beginnenden Wochenende, das sie – so ist zu vermuten – alleine verleben wird. Allein, aber zufrieden. Einfach weiter atmen, das ist ihr Geheimnis. Ob dies ausreicht, ihr Leben zu leben, bleibt die Frage.

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Müllers “Gejagte” wird als erotischer Roman vertrieben. Natürlich, Erotik und Sex spielen eine große Rolle in diesem Buch, es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, darin erschöpfe sich der Inhalt: es ist beileibe kein “Einhandbuch”. Wenngleich, auch das ist einfach so, so manches Setting Müllers die eigene Fantasie durchaus anzuheizen versteht. Worüber Müller aber eigentlich schreibt, ist die Leere im Menschen, das Loch im Inneren, das auch und gerade materielle Sorglosigkeit nicht auszufüllen vermag. Denn genau das geschieht ihrer Protagonisten: sie hat alles und ist mit allem unzufrieden, weil sie darin ihre Mitte nicht findet.

Derart an Körper und Seele unbefriedigt kann sie sich zwar aus ihrem “alten” Leben lösen, gerät aber in den Bann frei verfügbare Sexualität, wie sie das Internet bietet. Sie erlebt das Phänomen, daß sie beim Anblick der geölten, makellosen (?) Körper und dem, was zwischen ihnen arrangiert wird, zwar Ekel empfindet, ihr eigener Körper aber reagiert und sie am Ende der Nacht, wenn sie mal wieder die Zeit vergessen hat, ausgelaugt und erschöpft ist. Dem Bann dieser pornographischen Exzesse (frei nach dem Motto: “Der Muskel wird so lang gedehnt, bis er reisst”) entkommt sie zwar durch die Bekanntschaft mit “ihm”, ob dies aber für sie eine wirkliche Erlösung ist, bleibt offen…

Müller verteilt so manchen Seitenhieb. Ihre Protagonistin hat sie als Lektorin in einem Verlag für erotische Literatur angesiedelt, dort amüsiert sie sich über die vielen verschwurbelten Texte, die in dieser Gattung existieren und durchaus ein Publikum haben. Sie selbst liebt eher die klare Sprache, die aber nie peinlich oder bemüht wirkt, die auch nie herabwürdigend ist. Es gibt auch einige Stellen, an denen einem ein spontanes Lachen entweicht: wenn sie zum Beispiel im SM-Club die Männlichkeit im vollem Ornat mit Schmerbauch und Peitschenset vor dem Büfe stehen, über Vor- und Nachteile der Riester-Rente diskutieren und nach mehr Spätzle rufen läßt….

Überhaupt die Männer.. sind sie wirklich so, empfinden Frauen sie als so triebgesteuert, wie es zwischen den Zeilen Müllers hindurch schimmert? Letztlich scheint sich alles nur um Sex zu drehen und wenn der mit der eigenen Frau nicht mehr hinhaut, setzt Mann sich eben vor den Rechner und onaniert zu den passend herausgesuchten Bildvorlagen…

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Als eigentlich einziger Kritikpunkt fällt mir der Titel ein, denn als “Gejagte” kann ich die Protagonisten nicht sehen, sie ist eine “Getriebene”, eine von der eigenen Unruhe, der Suche nach dem, was sie sucht und braucht in die Haltlosigkeit getriebene. Aber wie dem auch sei, “Gejagte” ist ein gelungener Roman, ein erotisches Buch, das man ohne Gewissensbisse empfehlen kann, verstörend zwar, aber hochinteressant, gut geschrieben mit dem gewissen “Kick” und nicht ohne Humor und auch einem Schuss Kulturkritik. So häufig findet man diese Kombination nicht…

Phoebe Müller
Gejagte
Konkursbuchverlag, broschur, 218 S., 2012

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen.

Antje Wagner [1] gehört zu den jungen deutschen Autorinnen, von denen man vllt in Zukunft mehr lesen wird. Immerhin wird sie schon vom Feuilleton wahrgenommen (falls das ein Wert an sich sein sollte) und erscheint in Listen, die die zukunftsträchtigen unter den Schreiberling/-innen aufführen – auch wenn man sich bekanntlicherweise über solche Listen, die ja immer auch Bewertungen und Auswahl sind, streiten kann und soll.. Vom ihrem Verlag Bloomsbury wird sie anscheinend als Jugendbuchautorin aufgebaut, ihre letzten Romane, die ich auch hier schon im Blog vorgestellt habe [2], sind auf diese Zielgruppe hin ausgerichtet. Andererseits ist es unwahrscheinlich, daß damit Ehrgeiz und Vermögen Wagners ausgeschöpft sind, es bleibt also abzuwarten, womit sie uns in Zukunft überraschen wird.

Ich habe mir hier einen ihrer älteren Erzählbände herausgegriffen, der schon 2003 im Berliner Querverlag erschienen ist. Er enthält 15 kleine Geschichten, auf die ich jetzt nicht im Einzelnen eingehen will. Fast allen sind gewisse Elemente eigen, sie handeln von der Liebe zweier Menschen (fast immer der zwischen Frauen), die jedoch immer unerfüllt bleibt. Kennzeichnend für diese Beziehungen ist der Abstand zwischen den Frauen, den sie nicht aus eigener Kraft überwinden können. Wagners Figuren haben Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit, auch nach Berührung – sie wird nicht erfüllt, die Gegenüber scheint eher verschreckt, zieht sich zurück, läßt die Suchende allein.. dabei gelingen Wagner melancholisch-anrührende Sätze wie “.. Hauchzarte Fäden im Raum, an denen Seufzer pendeln. …”, “Ich hatte nicht gewusst, daß zarte Blüten nur hinter geschlossenen Lippen aufgehen. … Und meine Worte fielen und zersprangen in zausend Stücke. ..” oder auch (als letztes Beispiel): “Nachdem du gegangen warst, rankte sich das Schweigen die Wände empor. Die Stille wuchs in mir. Sie schlug Wurzeln in den nicht gefallenen Worten. ..”. Das Buch ist voll von solchen Bildern, immer wieder herrscht lautes Schweigen und Stille zwischen ihren Protagonisten, das nicht aufgelöst wird. Solche Sätze, die hier im Zitat vllt kitschig klingen, muss man im Zusammenhang der Geschichte lesen, dort passen sie und erzeugen sofort die Atmosphäre des geheimnisvoll Zerbrechlichen einer Seele. Da dieses Stilelement jedoch häufig auftritt, verliert es in den “hinteren” Erzählungen ein wenig von seinem Zauber, wirkt routiniert, eben als Mittel der Autorin, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Um diesem Gewöhungseffekt zu entgehgen ist es daher ratsam, dieses Büchlein nicht auf einmal durchzulesen.

Was in den “späteren” Jugendromanen Wagners konstituierendes Element ist, deutet sich auch hier schon an. Die Geschichten schweben im Irgendwo, sie sind nicht verortet in Zeit und Raum, im Gegenteil enthalten sie fast immer ein mystisches, geheimnisvolles Element, das in den Ablauf der Geschichte eingreift. Dabei scheut sich Wagner nicht, solches Unerklärliches einfach unerklärt stehen zu lassen. Dadurch regt sie die Fantasie beim Lesen an und vermeidet, daß sie durch gekünstelte Erklärungen eventuell den Fluss der Geschichte beim Leser unterbricht.

Schon die erste der Erzählungen reißt den Leser derart aus seinen gewohnten Denkbahnen: eine junge Frau ist auf der Flucht, schreckliches muss sie getan haben, schuldlos, wie sie sich beteuert. Verliebt war sie sowohl in Antonia als auch in Isabelle, mit beiden teilte sie ihre Woche. Doch als sie diesen Rhythmus mal durchbrach, konnte sie vom Garten aus Antonia im Gespräch mit einer anderen Frau beobachten und diese andere Frau kannte sie – sie war es selbst, dort in der Stube und sie war es hier im Garten, die sich selbst zusah….

Überhaupt ist es das “Haus”, das als Motiv immer wieder auftaucht (“Auf der Flucht”, “Der Riss” oder “Hol´ mich”, um drei Beispiel zu nennen), das Haus, das immer ja auch ein Bild ist für das Selbst, in dem die Seele wohnt. Das Unbekannte nähert sich ihm von außen, langsam, oft im Verborgenen, bedroht die Bewohner, ihren Frieden… ist Gefahr für Leib und Seele… bekämpft man das Unbekannte oder öffnet man sich ihm?

Noch eine zweite Geschichte will ich exemplarisch anführen, weil sie ein klein wenig ein anderes Element mit einbringt, nämlich: wie gut kenn ich einen anderen Menschen, wie gut kann ich ihn kennen…. und wie reagiere ich, wenn ich merke, daß er anders geworden ist, als ich ihn kannte. So geschieht es Jacki nach der angenehm erschöpfenden Hochzeitsnacht mit Forentine, als sie unter die Dusche hüpfen will und einen blauen Drachen im Bad findet, der sich begeistert nach ihr umdreht und sie liebevoll anschaut…. “Ein Reptil! Ein Reptil!” Schon ein etwas seltsamer Gedanke, die Transformation einer Geliebten in einen blauen, sanften (wenngleich auch etwas tapsigen), liebenden Drachen, der immer noch ein Mädchen ist, auch wenn er die besondere Form aschigen Mundgeruchs nicht verbergen kann…. aber auch eine schöne Geschichte, in der wir erfahren, daß Drache garnicht so schlecht ist, manche werden ja auch zum schüchternen Reh oder zum häßlichen Nacktmull… Recht hat Wagner, jeder ist auf seine Art und Weise eine “Wundertüte”, man kann nie sicher sein, was alles drin verborgen ist…

“Die Gärten bist du” ist eine Sammlung teilweise skurriler, seltsamer, auch verstörender Geschichten, die mit dem Unbekannten spielen, mit der Gefahr, mit der Sehnsucht, mit der Einsamkeit der Menschen und ihrem Unvermögen, auch in und mit der Liebe die Distanz zum anderen wirklich zu überwinden: ein Rest Fremdheit bleibt… es sind kleine Geschichten, zum Vorlesen, zum Nachsinnieren, Geschichten, die nachdenklich machen oder auch märchenhaft verzaubern (“Der Riss”)….

Links und Anmerkungen:

[1] hier eine Übersicht bei buzzaldrin
[2] Antje Wagner hier im blog:
- Unland
- Schattengesicht
- Vakuum

Antje Wagner
Die Gärten bist du
Querverlag GmbH, Berlin, brosch., 183 S., 2003

Dagmar Fedderke: Couchette

14. November 2012

Angesichts der Hype, die sich um die “Shades of Grey” entwickelt hatte, habe ich mal wieder bei mir im Regal unter “F” nachgeschaut, “F” wie Fedderke: Die Geschichte mit A., auch eine Beziehung, die submissiv ist, welche, so wie ich denke, das neuere Werk qualitative weit übertreffen dürfte. Wie dem auch sei, ich habe mir bei dieser Gelegenheit ein anderes Büchlein der Autorin herausgesucht, daß ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte, trotz des durchaus ansprechenden Covers….

In “Couchette” versammelt Fedderke 12 Geschichten, Episoden, bei denen es um die Liebe geht, um Momente, Augenblicke des großen oder auch kleinen Gefühls, das einen für eine zeitlang sprachlos mit Glück oder auch nur für einen Wimpernschlag mit Lust füllen kann. Es ist aber weniger der Sex, der hier im Vordergrund steht, es ist mehr die Erotik, das Knistern zwischen Mann und Frau, die Wechselwirkung und – last not least – sind es Reflexionen über das weibliche Selbstbewusstsein, das Frausein.

In ihrer Titelerzählung reist die erzählende Malerin im Nachtzug, sie sinniert über den Anblick der Aussenwelt in ihrer Unwirklichkeit, in der sie im vorbeihuschenden Zugfenster erscheint, lautlos, still, irgendwie irreal… Von den sechs Schlafplätzen sind nur drei belegt, sie geht nachts noch einmal auf den Gang, eine Zigarette rauchen, allein sein mit ihrem Gedanken. Sie ist nicht die einzige, die aufgewacht ist, ein junger Mann aus ihrem Abteil kommt ebenfalls auf den Gang, sucht die Toilette auf und bleibt dann im Abstand von ihr draußen. Sie flieht diese Gesellschaft, die sie stört und geht wieder in ihr Abteil, in ihre Nische, wartet, daß der Gang frei wird… dann hört sie, daß der junge Mann wieder in das Abteil kommt und sie spürt sich beobachtet, betrachtet, bestaunt, bewundert. Sie fühlt sich wie eine Frau auf einem Gemälde, hingestreckt auf einer Liege und von den Besuchern der Ausstellung ob ihrer Schönheit bewundert. Es wird zum körperlichen Gefühl, er erfüllt sie, streckt ihren Körper, sie streicht über ihn, über ihre Brüste, ihren Leib, ihre Beine… sie fühlt sich schön, begehrt von dem unbekannten Betrachter, den sie nicht sehen kann, der sie nicht sehen kann. Eine erregende Situation, der sie sich hingibt….

Am Ziel angekommen kommt sie mit dem jungen Mann aus ihrem Abteil ins Gespräch, gibt ihm ihre Karte und lädt ihn in ihr Atelier ein. Er kommt auch zu Besuch, eindeutig ist die Aufforderung der Frau, aber der Zauber dieses nächtlichen Moments im Couchette, den bringt er nicht mit… und so endet dieses Treffen mit einer Enttäuschung, der besondere Moment, der Zipfel des Glücks, der einen streift, wenn alles bereit ist, dieses Berührtwerden zu empfangen, ist nicht wiederholbar…

Gibt es diesen Blitzeinschlag, der durch einen einzigen Augenkontakt hergestellt wird, der einen Menschen stante pede aus seinem Universum herauskatapultiert und ihn die Verheißung, das Verlangen nachgehen läßt, ohne Reue, weil kein schlechtes Gewissen existiert? Unserer weiblichen Hauptperson, nicht mehr ganz jung, in glücklicher Ehe auf der -zigsten Honeymoon-Reise unterwegs, scheint dies zu passieren, im Eurostar, unter dem Wasser des Kanals entstehen auch andere Strömungen…

Das Fernsehen will ein Portraits mit ihr machen, Thema ist natürlich ihr Buch. Für diese Sendung, die sie in ihre eigene Vergangenheit zurückführt, soll sich die Autorin für eingestreute Clips noch einmal zurück verwandeln in die Frau von damals… sie sucht in ihren Schränken nach der  Wäsche, die sie damals trug, dem Corsett, den bestrapsten Strümpen, den Handschuhen.. und mit dieser Hülle kommt auch ein wenig das Gefühl wieder zurück… Beim Dreh kommt es mit dem Kameramann, der sie (es ist sein Beruf) sehr intensiv anschaut und wahrnimmt, zu einem sehr subtilen Spiel, sie wälzt sich, räkelt sich, geniesst das Gesehenwerden: “..Mir ist, als schmuse er, vereinige sich mit seiner Kamera über mir, meinen lasziven Leib….

Erotik, Sex ist das natürliche Bedürfnis des Körpers und damit auch des Menschen, es läßt sich nicht trennen. Es wird unterstützt durch Jahrtausende Kultur, die sich äußert in der Art sich zu kleiden, sich zu geben, sich zu benehmen. Gerade die Kleidung, die äußere Hülle ist ein wichtiges Requisit, das Sicherheit verleiht, Männer zu Bewunderung animiert: “.. Vous êtes ravissante, Madame….” , Sie sehen fabelhaft aus, sie sind hinreissend…. Natürlich sein bedeutet, sich wieder zurück zu bewegen in der Zeit, Tausende Jahre Kultur zu ignorieren… “Am liebsten habe ich dich, wenn du noch ungeschminkt und nicht zurecht gemacht bist!” Frau sollte dem nicht glauben….

Quel Malheur! Die zwei Kugeln, als Handschmeichler von der Freundin geschenkt bekommen, erinnern und rufen ins Gedächtnis zurück diese fernöstlichen Kugeln, nicht für die Hand gedacht…. eine nimmt ihr Körper in seine feuchte Höhlung auf, die zweite verweigert er genauso wie die erhoffte Wirkung der ersten… doch auch hergeben will er sie nicht mehr… Quel Malheur!, denn am nächsten Tag will sie doch mit ihrem Mann in Urlaub fahren, seit langem wieder mal Urlaub und – natürlich – die Blockade muss weg und der Mann, ihr Mann, soll davon auch nichts erfahren… ihrer Ärztin gelingt die Hilfe nicht, sie muss sie ins Krankenhaus, der Eile wegen in die Notaufnahme schicken, auch dort Probleme, eine richtige OP mit Narkose wird fällig, Komplikationen treten auf, starke Blutungen, ihr Körper, der nie Kinder auf die Welt brachte, will die Kugel nicht hergeben… und auch für sie, die nicht mehr ganz junge Frau, wird diese Kugel zu mehr, erinnert sie an ihre Abtreibung in frühen Jahren, gewinnt so Bedeutung für sie…

Fedderke beherrscht die Kunst, erotische Spannung aufzubauen, ohne daß sie dies verbal deutlich machen muss. Vergeblich wird man nach den üblichen Begriffen suchen, die normalerweise geschlechtliches und seine Werkzeuge bezeichnen, in diesen Geschichten sind Erotik und Sex integraler Bestandteil des Lebens. Fedderke reflektiert über diese Momente, über weibliches Selbstbewusstsein, über das Verhältnis der Geschlechter, über ihre eigene Rolle: “Wo bin ich zu Hause? In der Bügelfalte? Im Zug? Auf dem abgesoffenen Besenstiel im Katastrophenwasser?

Die Erzählungen dieses Büchleins sind in der Ich/Wir-Form geschrieben. Inwieweit sie autobiographische Elemente enthalten, wird die Autorin wissen.. jedenfalls ist die Erzählerin wie auch Fedderke Künstlerin, sie schreibt und malt wie diese…  ein häufiger Begleiter/Geliebter/”mon homme” der Hauptperson ist ein gewisser “Jack”, der ihr bei aller auch körperlichen Vertrautheit immer auch ein wenig fremd ist und bliebt, so wie auch sie, die Künstlerin, ihm.  Ihre Bilder z.b., die sie in ihrer Wohnung aufhängt, um ihm etwas von sich zu zeigen, nimmt er praktisch nicht zur Kenntnis… (was eine Freundin, bei der sie sich beklagt, in etwa so kommentiert: “Was ein kluger Mann! Er schweigt zu Dingen, von denen er nichts versteht…”). Ordnet sie sich ihm unter im täglichen Leben, nimmt sie bei aller Reflektiertheit auch die Rolle der Hausfrau an? Der Band enthält eine Geschichte, in der Fedderke die Vorbereitungen für eine Reise schildert. Ihr organisierter Jack widmet sich der seiner morgendlichen Hygiene und packt dann seinen Koffer mit den ausgewählten Sachen, während sie hetzt und eilt, um die Zutaten für das gemeinsame Frühstück zu besorgen, in einer genau ausgetüftelten Reihenfolge der Geschäfte, alles nach Hause schleppt, das Frühstück zurecht macht, versucht, die Sachen für den eigenen Koffer auszuwählen, zum Schluss noch Abräumen, Abwaschen, die Blumen in den Vasen entsorgen, während ihr Geliebter sich seinem Koffer widmet… Eine “verstörende” Szenerie (“Reisefieber”), die – obwohl sie keine sexuelle ist – in ihrem Rollenverständnis eher zu A. passen würde…

“.. fremd ist und bleibt” habe ich oben geschrieben. Es ist ein Element, das sich immer wieder findet in den Geschichten: trotz aller Nähe, trotz zusammen leben und – schlafen, es bleibt immer eine Restdistanz, eine Fremdheit bestehen… “…Wir sind uns sieben Jahre lang vertraut und fremd geblieben.” schreibt sie als letzten Satz einer ihrer Geschichten (“Schöner fremder Mann”)…. ist diese Fremde unvermeidlich zwischen Mann und Frau, wird immer irgendwo ein Bereich sein, den der andere nicht verstehen kann, in den er sich nicht einfühlen kann – und der vllt gerade deswegen einen immerwährenden Reiz, Anreiz bietet, an dem man sich reiben kann, um wieder zu entflammen? Wer weiß dies schon so genau….

Lassen wir an dieser Stelle, zum Schluss, der Autorin noch einmal das Wort oder die Antwort…..

Ich glaube, es ist das Element der Sehnsucht, die unerfüllt
bleiben muß. Vielleicht ist es das Rätsel, das Geheimnis, das
uns liebesfähig macht. Nicht der Erfolg. Nicht der Orgasmus.
Nicht das glühende Glück.

Dagmar Fedderke
Couchette
Konkursbuchverlag, HC, 192 S., 1998
Abbildungen im Text von Alexandre Dupoux und Berndt Milde

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