aus.gelesen

Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Veröffentlicht in Biographie, Bücher, Erotik by flattersatz am Juli 6th, 2008

Ist schon witzig, was die Feuchtgebiete so alles nach sich ziehen…. *grins*. Beim Wegstellen in mein Regal gehören sie halt thematisch in eine bestimmte Ecke und dort - steht auch die Millet, ein Buch, das zu seinem Erscheinen auch eine Menge Wellen schlug, weil es - zumindest darin den Feuchtgebieten ähnlich - sich um Tabus, gesellschaftliche Konventionen, moralische Kategorien nicht scherte. Und von einer Frau geschrieben war.

Um das Jahr 2000 herum schwappte aus dem französischen Raum eine ganze Welle von Büchern, die sich in verschiedener Art und Weise mit Sexualität befassten und von Frauen geschrieben waren: Baise Moi von Virginie Despentes (auch als Film), “Hure” von Nelly Arcan, von Sarah: Ich bin gekommen, von Annie Ernaux: Sich verlieren oder eben das “Sexuelle Leben” von Catherine Millet. Das sind die Bücher, die mir jetzt so spontan einfallen, ich bin sicher, es gibt noch mehr, die in diese Aufzählung gehören, wie beispielsweise das schon ein paar Jahre früher erschienene Büchlein “Das Unwetter” von Deforges.

Ich erinnere mich noch gut, als ich mir das Buch seinerzeit (aus ähnlichen Motiven wie kürzlich das Werk von Roche) kaufte, las ich ein paar Seiten und das war es dann, das Buch, der Inhalt war einfach uninteressant. Jetzt, ein paar Jahre später, hat mich das Buch ich will nicht sagen, in seinen Bann gezogen, aber doch in gewisser Weise fasziniert (im übrigens finde ich keineswegs, wie Frau Millet sagt, daß dies ein Buch ist, das man mit einer Hand liest…).

Vielleicht ist das schon ein guter Einstieg in meine Eindrücke, dieses Buch betreffend. Nein, mit einer Hand lesend, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Zu nüchtern, distanziert, neutral sind die Schilderungen, zu beobachtend, analysierend und auch zu offen. Die Sachlichkeit, mit der Frau Millet ihre sexuellen Erlebnisse darstellt, läßt automatisch die Frage auftauchen, inwiefern sie überhaupt Lust empfunden hat bei ihren Aktivititäten, selbst die Abschnitte, die sich mir ihrer Lust befassen, sind so analysierend-neutral, daß es schwer fällt, dahinter ein erlebtes Gefühl zu sehen. Millet beschreibt ohne jegliches (zumindest denke ich das) Verschweigen die Entwicklung ihres sexuellen Lebens von früher Jugend an. Ich denke, man kann dieses Sexleben als exzessiv bezeichnen, was Umfang, Intensität und Häufigkeit und welche Randbedingungen man noch nennen wollte, einstufen.

Anonymer Sex mit mehreren, nein vielen Männern, auf Partys, in Clubs, im Park, auf Parkplätzen, auf Ladeflächen von LKWs, an allen möglichen Stellen, stundenlang, und Millet als Hauptperson wie die Spinne im Netz sich darbietend und männerverzehrend. In dieser Rolle, die ihrer natürlichen Schüchternheit entspricht (so schreibt sie, weil sie zu schüchtern war, mit ihrem männlichen Gegenüber zu reden, ergriff sie die sexuelle Initiative), ihrer Ansicht, Nacktheit sei ihr wahres Kleid, scheint sie zu versinken, ihre Erfüllung zu finden. Es gibt einzelne Szenenbeschreibungen in diesem Buch, bei denen ich unwillkürlich den Eindruck hatte, daß sie einen meditativen Akt darstellen, in dem die Hauptperson in der Konzentration auf ihre Körperöffnung und in der stundenlangen rythmischen Bewegung versinkt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Millet ihr Verhalten selbst als Suche nach dem heiligen Gral der Sexualität.

Das Buch hat keine Handlung und auch keinen Fortschritt, es sein denn, man nimmt den zeitlichen Verlauf mit seinen Entwicklungen als solchen. Wie schon erwähnt, ungeheuer distanziert und nüchtern beschreibt Millet ihre Erlebnisse, versucht ihre Beweggründe zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedeutung für ihr Leben einzuordnen. Vom Stil des Geschriebenen geben die Antworten der Autoren, wie sie in den verlinkten Interviews wiedergegeben sind, einen guten Eindruck. Eine einzige Passage des Buches, in der sie ihre Erlebnisse bei Spaziergängen im Süden Frankreichs schildert, vermittelt ansatzweise mehr als die rein deskriptive und analytische Aufzählung von Akten.

In der Summe übersteigt, ich muss es zugeben, das Beschriebene ein wenig das, was ich nachvollziehen kann, ich kann es nur glauben und akzeptieren, daß es Menschen gibt, die so fühlen und handeln. Es ist ein enormes, e-normes, also außerhalb der Norm liegendes Verhalten, das Millet mit großer Präzision beschreibt, welches auch, zumindest bei mir, den Impuls einer moralischen Wertung ob seiner Außergewöhnlichkeit und der Art der Darstellung garnicht erst aufkommen ließ.

Facit: “Das sexuelle Leben der Catherine M.” ist kein Buch, das mir im eigentlichen Sinn gefallen hat. Ich bin trotzdem froh, daß ich es jetzt im zweiten Anlauf gelesen habe, denn es eröffnet den Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit und auf Motive, Beweggründe für ein ansonsten wahrscheinlich völlig unverständliches “sexuelles Leben”.

Links:

Ein interessantes Chat-Gespräch mit C. Millet:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/28121/index.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4719&ausgabe=200203

Catherine Millet
Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann, Januar 2001
ISBN-10: 3442309646
ISBN-13: 978-3442309641

Sarah: Ich bin gekommen

Veröffentlicht in Bücher, Erotik, Roman by flattersatz am Mai 26th, 2008

Die 20 jährige Sarah, Philosphiestudentin, ist auf der Suche nach ihrem “la petite mort”, auf den sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht gestoßen ist. Man kann nicht behaupten, sie gäbe sich keine Mühe, im Gegenteil stürzt sie sich voller Entdeckerfreue in das Abenteuer (körperlicher) Liebe hinein. Und den Leser läßt sie daran teilhaben, ohne die Derbheit und Deftigkeit mancher Situationen durch ihre Wortwahl abzuschwächen.

Ihre Suche ist lange vergebens, nun ja, sonst wäre das Buch ja auch schnell zu Ende. Die Gleichaltrigen oder nur wenig älteren Jungs und Männer können ihr (und man kann ihnen mangelnden Einsatz nicht vorwerfen) nicht helfen, die letzte Stufe bleibt für sie, nicht für ihrer Begleiter, unerklommen. Schon fast verzweifelt lernt sie aber irgendwann André kennen, einen älteren Mann, ihren “Alten Lover”, der sie an die Hand nimmt und mit dem sie dann nach vielen Stationen an das Ziel ihrer Wünsche gelangt. Eine Geschichte mit Happy End also, ich denke, soviel darf ich hier schon verraten…

So in etwa der Inhalt des Romans, der mich im Stil unwillkürlich an die alten erotischen Romane wie “Therese philosphique” oder auch “Gamiani” erinnert: die offengelegten Selbstzweifel, die geschilderten Gedankengänge der (fiktiven?) Ich-Erzählerin werden immer wieder unterbrochen von den handfesten Beschreibungen der praktischen Ansätze Sarahs, ihr Problem zu lösen….. Der Verlag findet dafür im Klappentext eine etwas seriöser klingende Formulierungsvariante: “…ein faszinierender Einblick in die zerrissene Seele einer jungen Frau, die sich den Weg freikämpft in ein Leben in ein Leben ohne Konventionen und Tabus.” Nun ja, so kann man es natürlich auch betrachten, aber ganz so tiefgründig wie hier angedroht ist das Werk dann doch nicht….

Natürlich habe ich auch in die Kundenkritiken bei amazon geschaut, die im wesentlichen negativ sind. Das Buch sei ein Fake (nun ja, auf welchen Roman träfe dieser Vorwurf nicht zu…), er bediene im wesentlichen Männerphantasien in der auch Art, in der Sex beschrieben wird (das ist wohl nicht zu leugnen, aber auch ein Allgemeinplatz, denn im Endeffekt richtet sich jedes Buch an ein bestimmtes Publikum, einen bestimmten Personenkreis), “Zielgruppe sind pädophile 60-jährige Männer mit Tochter-Komplex, und nicht Teens oder Twens die etwas über die spannende Entdeckung ihres eingenen und fremder Körper und den manchmal ratlos machenden Weg zum Orgasmus erfahren wollen.” Na hoppla, man kann dem Büchlein ja viel vorwerfen, aber nicht, daß es daher kommt und behauptet, es sei eine soziologische Studie… aber in dieser zitierten Aussage tritt natürlich ein anderes Phänomen zu Tage: der Leser erotischer Literatur ist automatisch jemand, der es nötig hat, der abartig ist oder es sonst sowieso nicht bringt. Ein Vorwurf, den ich übrigens noch kaum einem Krimiliebhaber (zur Erinnerung: in Krimis geht es um Mord, Schlechtigkeit, das “Böse” im Menschen) gegenüber geäußert gehört habe…. aber letztlich muss das jeder mit sich selbst ausmachen, ob er solche Bücher einfach nur “Bähh..” findet oder ob er sie als das nimmt, was sie sind: in Schrift gebrachte Phantasien wie viele andere Geschichten auch.

Facit: leichte Literatur, schnell zu lesen, kurzweilig. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gewarnt sei nur der, der eine sexualwissenschaftliche Studie über das Gefühlsleben einer 20jährigen erwartet.

Sarah
Ich bin gekommen
Goldmann 2002
ISBN-10: 3442309980
ISBN-13: 978-3442309986

Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara

Veröffentlicht in Bücher, Erotik, Tagebuch by flattersatz am April 28th, 2008

Um 1916 wird in Irland die Sally Mara geboren, die 1934, kurz vor der Volljährigkeit in ihrem Tagebuch von sich feststellen muss: “Ich bin ein jungfräuliches Wesen, das heißt, ich bin noch nie beackert worden”. Wie sie zu ergründen versucht, worin das Wesen des “Ackerns” liegt, und wie sie selbst diesem Zustand der Jungfräulichkeit entkommen kann, davon erzählt das Büchlein.

Sally kommt aus armen Verhältnissen, ihr Vater ist verloren gegangen, als er Streichhölzer holen wollte, ihr Bruder ist ein Säufer vor dem Herrn, schafft es aber trotzdem, der Haushälterin ein Kind zu machen. Im Haushalt Mara ersetzt Whiskey das Wasser und entsprechend feucht-fröhlich verläuft dort das Leben.

Mara isst gerne Hering in Ingwer, gekochten Lauch und Rollmöpse, bevorzugt sehr kurze Röcke, unter denen sie eine Slip trägt und schlägt auch gerne die Beine übereinander, was in Straßenbahnen dazu führt, daß die gegenüber sitzenden Herren die Zeitung sinken lassen, wie sie aufmerksam feststellt. Sie betreibt Sprachstudien und übt verschiedene Sportarten aus, unter anderem Kraftsport. In ihrer Freizeit besucht sie liebend gerne das Museum, um dort an den wunderschön glatten Alabasterwaden der Herkulesstatuen zu… lecken und im Anschluss den Museumswärter, der sie verjagen will, zu verprügeln. Dem Geheimnis der Liebe will sie mit einer Freundin durch Tierbeobachtung auf die Spur kommen, was ihr dann nach vielen Irrwegen auch gelingt.

Ein nettes Büchlein (wenn man sich nicht daran stört, daß es vielleicht etwas unglaubwürdig ist, daß eine 18jährige mit dieser Herkunft noch nicht weiß, was es mit der “Liebe” auf sich hat), witzig und amüsant geschrieben. Mara, die immer knapp daneben liegt, nimmt gegenüber ihrem Tagebuch kein Blatt vor den Mund und stolpert von einer in die andere pikante Situation, die sie aber nie als solche erkennt, selbst wenn sie deftig und durchaus derbe sind. “Immer bei der Stange bleiben” ist ihr Motto, und damit fängt auch das Buch an, mit der trotz winterlich kaltem Wetter so wunderbar warmen Stange, die der hinter ihr gehende Gentleman ihr als Halt in die Hand gibt, damit sie den schwankenden Steg am Hafen sicher überqueren kann….. am Hafen, wo sie ihren Französischlehrer Monsieur Presle verabschiedete, der sie nie berührte, nur ab und zu als Akt der reinen Höflichkeit ihren Popo tätschelte….

Facit: ein kurzweiliges, schön “altmodisch” geschriebenes, amüsant-frivoles Buch.

Raymond Queneau
Intimes Tagebuch der Sally Mara
Wagenbach 2000)
ISBN-10: 3803123941
ISBN-13: 978-3803123947

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Veröffentlicht in Bücher, Erotik, Roman by flattersatz am April 6th, 2008

Ein 18jähriges Mädchen, Scheidungskind, muss in ein Krankenhaus zu einer Operation. Während sie nach der OP gelangweilt und schmerzgeplagt im Krankenzimmer liegt, kommt ihr die Idee, ihre geschiedenen Eltern an ihrem Krankenbett wieder zusammenzuführen und zu versöhnen. Die langen Stunden, die sie liegend und mit Beschwerden im Bett verbringen muss, läßt sie in ihren Gedanken ihr bisheriges Leben vorüberziehen.

Das ist jetzt ein Plot, der nicht unbedingt einen Bestseller verspricht. Daß es trotzdem einer geworden ist, ist wohl im wesentlichen auch folgenden Randbedingungen zu verdanken:

- Frau Roche betont immer wieder in ihren Interviews, daß sie es liebt, in Bereiche, die der Normalbürger gerne hinter Zäunen versteckt, das volle Licht zu halten. Damit umschreibt sie schlicht und einfach, daß sie den Tabubruch liebt und welche Tabus sind größer als die, die sich um Sex und Körperausscheidungen ranken, möglichst vielleicht sogar noch in Kombination.

- last not least wähnt sich die Autorin als Kämpferin wider den Hygienezwang, was sich in diesem Werk durch explizite Darstellungen möglichst unhygienischer Vorlieben und Praktiken äußert.

Das Buch beschäftigt sich im wesentlichen mit Körperausscheidungen, was man mit ihnen machen kann und wie man sie in Sexspiele autoerotischer und anderer Natur einbauen kann. Nur haben Tabubrücke leider einen Nachteil, sie wirken nur das erste Mal, danach wird es langweilig. Sind also erst einmal alle Körpersekrete, -ausscheidungen und -flüssigkeiten, angefangen von (Menstruations)Blut, Eiter, Mitessern, Erbrochenem über Wundschorf, Smegma und selbstverständlich auch Urin und Kot von der Hauptperson bzw deren Sexualpartner wieder inkorporiert worden, fängt man kopfschüttelnd an zu gähnen und fragt sich: “Was soll das?”. Muss man, um als moderner, aufgeklärter Mensch dazu stehen, solches gut finden? Oder gar mutig, wie R. Willemsen auf dem Cover zitiert wird?

Natürlich ist die Übertreibung immer auch ein Stilmittel, um Missstände oder Fehlentwicklungen (hier meint Roche durchaus nachvollziehbar die ihrer Ansicht nach übertriebenen Hygieneansprüche unserer Zeit) anzuprangern und zu verdeutlichen. Aber die Übertreibung, die ein einen Exzess umschlägt, und das geschieht in der Geschichte, die sie hier erzählt, ist kontraproduktiv, sie ruft ein: “bevor ich jede Bahnhofsklobrille mit der Muschi abwische, dusch ich doch lieber zweimal täglich…” hervor…. und verfehlt damit das Ziel.

Die gedanklichen Rückblenden der Heldin in die Sphären ihrer Körperselbsterfahrung werden locker durch eine Rahmenhandlung verbunden, den Bemühungen um eine Wiederversöhnung der Eltern einerseits und eine sich anbahnende Beziehung zwischen ihr und ihrem Pfleger Robin. Letztere schildert Roche hoffnungsvoll, während die Familienzusammenführung scheitert.

Geschrieben ist das Buch zwar flott und gut lesbar, aber die Sprache orientiert sich sehr am gesprochenen Wort bzw am Schreibstil, wie man ihn in vielen Foren, Blogs oder Chats findet. Für die Entwicklung von halbwegs fundierten Gedankengängen ist diese Art zu Schreiben, kaum geeignet.

Welche Botschaft übermittelt das Buch, will es übermitteln? Ich weiß es nicht. Ich gebe auch zu, daß der reine Unterhaltungswert des Buches für mich gering war, geschweige denn, das es in irgendeiner Art und Weise einen “erotischen” Kitzel auf mich ausübte.

Mein Facit also: die 14,90 € nehmen, die das Buch kostet, die Partnerin/den Partner schnappen und ab in die Eisdiele (oder, um die Buchhändlerin meines Vertrauens nicht zu verärgern, ein anderes Buch mitnehmen…..)

Charlotte Roche
Feuchtgebiete
Dumont, 2008
978-3832180577

Eine (willkürliche) Auswahl von Interviews mit Frau Roche zum Buch:

http://www.gq-magazin.de/articles/unterhaltung/buch/Charlotte+Roche/2008/03/06/07562
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E7BE1D30BD6184D68BD8B373CD6E02080~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.swr.de/kultur/buch/charlotte-roche/-/id=3260/nid=3260/did=3313770/rfofyw/index.html

…. und noch ein paar Anmerkungen von mir…