Eine Zeitreise.. verglichen mit den Büchern, die ich die letzte Zeit so gelesen habe, etwas völlig anderes. Es wurde 1966 geschrieben, Brautigan bezeichnet es „Historische Romanze“, und so klingt es auch: romantisch, naiv, wie durch einen Blumenteppich gesiebt.

Um was geht es? Der Titel sagt es deutlich: Um eine Abtreibung. Der Ich-Erzähler arbeitet in San Francisco in einer Bibliothek der besonderen Art: Jeder, der ein Buch geschrieben hat, kann es dort hinbringen, es wird katalogisiert und dann darf der Autor es an einen selbstgewählten Platz stellen. Denn, „… Es kommt überhaupt nicht drauf an, wo ein Buch steht, weil nie jemand ein Buch heraussucht und nie jemand zum Lesen kommt. So eine Bibliothek ist das .. nicht. Dies ist eine ganz andere Bibliothek.„. [1] Und in dieser ganz anderen Bibliothek ist der Ich-Erzähler der Bibliothekar, dem die Menschen, die die Bücher zu ihm bringen, genauso wichtig ist wie die Bücher selbst. Nie verläßt er seine Bibliothek, Nahrungsmittel werden ihm unregelmäßig von einem zweiten Mitarbeiter gebracht, die Außenwelt kennt er nur noch aus dem Blick durch die Eingangstür und die Fenster.

Eines Tages kommt eine junge Frau von himmlischer Schönheit, einer Schönheit derart, daß sie zu Staus auf den Freeways führt wenn Männer sie sehen, zu ihm, ihm ein Buch zu bringen, in dem sie von ihrem Unglück erzählt, denn diese Schönheit, meint sie, gehöre nicht zu ihr, sei ihr eine unerträgliche Last. Sie fühlt sich wohl in der Bibliothek, fühlt sich verstanden vom Bibliothekar und bleibt bei ihm.

Sie wird schwanger und der Freund des Bibliothekars vermittelt sie an einen mexikanischen Arzt, der das Kind, für das sich beide noch nicht reif fühlen, abtreiben wird. Sie fahren dorthin, schweren Herzens, dem Bibliothekar ist die Welt fremd geworden, sie ist laut, schnell, hektisch, sie kennt keine Rücksicht mehr.

Doch der Rückweg in die Bibliothek ist ihnen versperrt. Obwohl sie nur einen Tag abwesend waren, ist der Platz am Empfang von einem anderen eingenommen worden, der sie bei ihrer Rückkehr vertreibt und in die Außenwelt zurück schickt.

Ich habe bei dieser Geschichte unwillkürlich an die biblische Schilderung der Vertreibung aus dem Paradies denken müssen (vielleicht weil die Lektüre von Belli: Unendlichkeit…. noch nicht so lange zurück liegt. Das Paradies ist hier die Bibliothek, die ihre Bewohner vor dem Außen schützt, aber mit Vida, dieser engelsgleichen schönen Frau kommt die Verführung und diese zieht nach sich, daß die beiden die Bibliothek, i.e. also das Paradies, verlassen müssen und ihnen die Rückkehr versperrt bleibt. Nun leben sie also in der „richtigen“ Welt und müssen sich da wieder zurecht finden, was sie auch schaffen. Ein klein wenig gelingt es ihnen, sich von der Unschuld zu bewahren, die sie in der Bibliothek hatten, und so scheint es, als ob sie auch in dieser Welt glücklich werden können.

Natürlich kann man die Geschichte auch viel handfester interpretieren, als Kritik am „American Way of Life“, als Verweigerung, diesen einfach nachzuleben und als Suche nach einem Ort, der einem mehr geben kann als nur Geld und Erfolg…. Vida und der Erzähler verweigern der Gesellschaft sogar das Kind, das Vida unter dem Herzen trägt, als ob sie sich noch nicht reif genug fühlten dafür, das Kind vor dieser Gesellschaft zu schützen.

An ein zweites Buch erinnert mich die Geschichte bzw. die Bibliothek, in der der Erzähler arbeitet, nämlich an den Friedhof der vergessenen Bücher von Zafon. Auch dies ein seltsamer Ort, an dem Bücher gesammelt werden, die keiner mehr kennt, die keiner lesen will, die ansonsten keine Heimstatt haben. Es würde mich mal interessieren, inwieweit Zafon Brautigans Idee von so einer Bibliothek gekannt hat….

Und eine Liebesgeschichte ist das Buch auch, eine großartige sogar, denn diese zwei Menschen haben sich gefunden und gehen durch diese Welt, die ihnen fortan einfach nichts mehr anhaben kann. Weder die Abtreibung noch die Flugangst, nicht das laute und agressive Straßenleben in Mexiko oder die Vertreibung aus ihrem Paradies kann sie erschüttern, alles scheint klein und nichtig gegen ihre eigene Geborgenheit und Welt.

Anmerkungen: [1] Gerade habe ich den netten Gedanken gefunden, mit diese Skizze hätte Brautigan irgendwie schon die Grundstruktur des Internets skizziert: jeder schreibe was er wolle und stelle es dorthin, wo er will… http://www.brautigan.de/drb6.htm. Die Verbindung von beidem, die Virtuelle Brautigan Bibliothek im Internet, scheint jedoch nicht zu funktionieren….

Links:

http://www.amazon.de/Abtreibung-Eine-historische-Romanze-1966/dp/3936054061

http://www.brautigan.net/abortion.html

Facit: Als Buch wunderschön, zumindest in der alten Eichborn-Ausgabe, die ich habe. Und auch eine schöne Romanze und daß mir die Idee mit der Bibliothek gefällt, versteht sich von selbst…

Richard Brautigan
Die Abtreibung
Eine historische Romanze
Eichborn, 1985, 206 S.
ISBN 3-8218-0150-6

es gibt aber mittlerweile Neuauflagen des Buches…

Da lag es nun einige Monate in meinen Regal, das zweite der beiden Bücher, die mir Breuer seinerzeit mit der Bitte um Vorstellung zusandte. Und da das Rotkäppchen meine Meinung durchaus teilte, war mir zugegeben etwas bang vor diesem Werk. Doch (wie der Chinese sagen würde): Übellaschung! Ja, das Buch hat mir gefallen, ich habe es in einem Schwung durchgelesen und ich freue mich auf die weiteren Bände dieser Reihe, die uns Breuer ja verspricht.

Die Handlung spielt im Herbst/Winter 1788, sie setzt in Polen ein. Die fiktive Figur des Gelehrten Aleksander Mickiewicz verliebt sich in die schöne Tochter eines polnischen Aristokratengeschlechts und erfährt en passant, daß er selbst verheimlichter Sproß eines alten Königsgeschlechts ist, zudem noch der letzte dieses Geschlechts, dessen Reichtümer und Besitzungen mittlerweile aufgeteilt sind unter alle anderen Geschlechter. Denkbar ungünstige Voraussetzungen für ein Outing. Mickiewicz wird kurzerhand vom Marquis d´Angelique, der von der verstorbenen Mutter M´s zur Sorge verpflichtet wurde, unter die Fittiche genommen und als Sekretär eingestellt. Ursprünglich an englischer Geschichte interessiert, schwenkt er nun naheliegend auf die französiche um, denn zusammen mit dem Marquis reist man zurück nach Frankreich, wo sich politische Vorgänge anbahnen, deren Tragweite man noch nicht absehen kann.

Sicher, in manchen Passagen kommt einem das Büchlein vor wie ein Geschichtsunterricht, etwa, wenn ausführlichst Mirabeu zitiert wird, der Untertitelgeber dieses Büchleins. Aber was solls, es ist flüssig geschrieben, liest sich gut und ist zudem meist auch noch ganz interessant… Sowieso erfährt man eine Menge Klatsch und Tratsch über das vorrevolutionäre Frankreich, in dem Hagelstürme große Ernteausfälle verursacht haben, eine kalter Winter ein übriges tut, die Not zu verschärfen. Dazu noch Freigeister, die Unruhe säen, heißen sie nun Voltaire, Rousseau oder de Sade (obwohl dessen Elaborate offensichtlich nur sehr wenigen zugänglich sind. Auch hier haben sich die Zeiten geändert… ) und zu allem Überfluss knappt das Land am Geld.

Das Buch lebt von Dialog, von den Unterhaltungen der Akteure, die sich sowohl um politisches als auch um privates drehen, denn immerhin hat Mickiewicz, der unerfahrene, ja sein Herz in Polen verloren …. Handlung, Aktion kommt nur sporadisch vor, und dort, wo sie geschieht, soll sie im wesentlichen das gesprochene Wort verstärken, dessen Inhalt verdeutlichen. Der Ton, die Wortwahl, deren sich Breuer befleissigt, scheinen mir stimmig in dieses Zeiten zu passen, sie schaffen die Atmosphäre, in der die Handlung spielt, sind aber nicht so übertrieben, als daß man den Text nicht gut lesen könnte. Ich denke mir, der Autor hat vor dem Schreiben eine Menge zu lesen gehabt….

Das Büchlein selbst: mit viel Liebe gestaltet, man sieht ihm an, das Herzblut daran hängt. Eine passende Typographie, ein schönes, stimmiges Cover, ein Prelude, ein Vorwort und eine Overtüre, Anmerkungen, Hinweise auf Quellen und Literatur und ein Nachwort. Hätte ich doch fast noch die Danksagung am Schluss vergessen… und: ja, auch Text, zwischen Overtüre und Anmerkungen. Zu letzteren noch eine von mir: Wollte ich doch höchstpersönlich mal nachschauen, ob Casanova zu Rousseau nicht vielleicht doch ein wenig mehr gesagt hat als es Breuer zitiert, nur.. wenn als Quelle für die zwei Zeilen pauschal der gesamte Band 3 der Erinnerungen (in meiner Ausgabe immerhin gut 380 S. stark) genannt wird, ist das etwas schwierig.. a bisserl genauer dürfte es dann doch sein, das mit den Quellenangaben…

Und wie schon beim Rotkäppchen, vermarktet Breuer sein Buch mit viel Schwung und Elan, wie gesagt, man merkt, wie sehr ihm sein Werk doch am Herzen liegt…

Link: zur Internetseite der „Tiret„-Reihe. Der 2.Band „Brouillé“ – ein Kriminalstück im (wie der Autor sagt) „Agatha-Christie-Stil“ – wird
voraussichtlich Anfang des Jahres 2010 erscheinen. Eine Leseprobe gibt es bereits zum Herunterladen:
http://1668cc.wordpress.com/brouille/.

Facit: ein hübsches, kleines Büchlein, das sich dem Atmosphärischen am Vorabend der französischen Revolution widmet und zum Schluss noch mit einer netten Volte aufwartet.

Richard K. Breuer
Die Liebesnacht des Dichters Tiret
Eigenverlag, 230 S.
ISBN 978-3-9502498-1-1

Der letzte Weynfeldt, Adrian mit Vornamen, ist sozusagen von Beruf Erbe. Als letzter Sproß einer ehemals reichen Industriellenfamilie, jetzt selber wohl eher wohlhabend, lebt er sein Leben in geregelten Bahnen. Seine Leidenschaft, die Kunst, konnte er zu seinem Beruf machen, er bewertet und begutachtet Kunstgegenstände für ein Auktionshaus, verhandelt mit Künstlern und Klienten, erstellt die Kataloge und organisiert die Auktionen.

Weynfeldts Lebensphilosophie ist die Regelmäßigkeit, er glaubt an diese „..als lebensverlängernde Maßnahme.“ Eine Woche in Weynfeldts Leben kennen, heißt sein gesamtes Leben kennen, seine Treffen, seine Veranstaltungen wiederholen sich gleichmäßiger als die Jahreszeiten… Sein Leben verläuft unauffällig, irgendwo mittendrin. Er, der Mittfünfziger, hat zwei streng voneinander separierte Bekanntenkreise (ich scheue mich, das Wort „Freund-“ zu wählen), eine Gruppe teilzeitparasitär von ihm lebender Möchtegernkünstler in den Enddreißigern und den Kreis um die von seinen Eltern ererbten Freunde, der aber, so die natürlichen Zeitläufte, vor sich hin schmilzt.

Adrian hat Geld und er gibt es gerne aus. Fast hat man den Eindruck, er betrachtet seine finanziellen Möglichkeiten als Makel und wolle sich seinen „Freunden“ gegenüber freikaufen. Er übernimmt die Rechnungen, still und diskret, damit nur keiner seiner Gäste in Verlegenheit kommt. Bei Verabredungen trifft er frühzeitig ein, damit seine Verabredung, falls sie selber zu früh kommen sollte, nicht warten muss. Am Tisch in seinem Donnerstagslokal ist immer ein Gedeck mehr, es könnte ja ein unverhoffter Besuch auftauchen. So unauffällig ist er, daß noch nicht einmal jemand Notiz davon nimmt, wenn er ausnahmsweise mal früher geht.

In dieses Leben bricht nun Lorena ein, die er in einer Bar kennenlernt (in der er aus seinem Martini nur die Olive verzehrt…), mit nach Hause nimmt (ohne, daß dort etwas intimeres geschieht) und die er am nächsten Morgen am Balkongeländer findet, bereit zum Sprung. Daß sie nicht springt liegt vor allem am Mitleid, das Weynfeldt in ihr auslöst, weil er zwar nichts sagen kann, die Sprache verloren hat, aber er weint….
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„Das Bild zeigt eine nackte Frau, die auf einem gelben Kelim vor einem Kamin kniete. Darin stand ein Salamander, ein gusseiserner Ofen mit verglaster Front, in dem ein Feuer glühte. Die Frau hatte dem Betrachter den Rücken zugewandt. Die letzte Hülle, die sie hatte fallen lassen, ein leichtes lila Unterkleid, lag um sie herum drapiert auf dem Teppich. In einigem Abstand zu ihr, achtlos hingeworfen, gelb und mauve ihr Kleid und Unterrock. Sie hielt den Kopf in andächtiger oder demütiger Haltung leicht geneigt. Ihr rotbraunes Haar war hochgesteckt. Ihre Taille sehr schmal, ihr Becken breit, Gesäß und Oberschenkel massig. Über dem Kamin hing ein Spiegel, in dem man einen kleinen Streifen des Zimmers sah. Von rechts ragte ein Stück eines roten Fauteuils ins Bild, links vom Kamin stand die Tür eines in die Tapete eingelassenen Schrankes halboffen.“
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Die Verbindung zwischen Lorena und Weynfeldt ist locker, sie erinnert ihn an seine ehemalige Geliebte, er ist für sie erst einmal ein reicher Siegelringträger, den man um den Finger wickeln kann. Und das soll auch in großem Stil geschehen, Weynfeldt soll überredet werden, auf einer Auktion ein Gemälde zu versteigern, daß nicht echt ist. Ob und wie Weynfeldt dies in den Griff bekommt, nun, das verrat ich nicht, ein wenig Spannung soll ja bleiben…..

Und, ja, natürlich: es ist auch eine Liebesgeschichte, die Entwicklung einer unmöglichen Beziehung zwischen einer Frau, die vom Leben hie und da gezeichnet ihre Vorteile sucht und ihren Gewinn, die misstrauisch ist und berechnend und einem Mann, der sich erst mit dem Gedanken vertraut machen muss, daß das durch die Regelmäßigkeit verlängerte Leben sich vielleicht garnicht lohnt, wenn in diesem Leben nichts passiert. Und so baut Lorena ihre Vorurteile ab und für Adrian verblasst die ihre Ähnlichkeit mit Daphne, seiner Jugendliebe immer mehr und im gleichen Maße gewinnt Lorena für ihn ihre eigene Persönlichkeit.

Es ist schon ein Kunststück, wie Suter es versteht, die im Grunde langweilige Existenz Weynfeldts, der ja erklärtermassen aller Abwechselung aus dem Wege geht, mitsamt seinem Design-Mobiliar so darzustellen, daß man weiterliest, obwohl kaum was passiert. Die Sprache ist es, seine präzisen Beschreibungen, die nichts Unnötiges enthalten, aber das Wesentliche erfassen. Oben als Beispiel die Beschreibung des Bildes von Vallotton: „Femme nue devant une salamandre“, um das sich ein Großteil des Buches dreht. Er recherchiert gründlich (nach der Lektüre des Buches fühlt man sich fast als Experte für schweizerische Designmöbel der 50er und 60er Jahre und auch einige Facetten des internationalen Kunsthandels scheinen einem vertraut geworden zu sein….), beschreibt exakt, aber nicht ohne daß man eine gewisse Verbundenheit zum Gegenstand oder zur Person spürt und geleitet den Leser damit auch über die durchaus vorhandenen inhaltlichen Längen der Handlung.

Facit: eine intelligente Geschichte um zwei Menschen, die, aus diametralen Ecken kommend, sich trauen und die sich dann irgendwo in der Mitte treffen….

Martin Suter
Der letzte Weynfeldt
Diogenes, September 2009, Tb 313 S.
ISBN-10: 3257239335
ISBN-13: 978-3257239331

Annika Bengtzon ist Journalistin und soll über die Feierlichkeiten zur Verleihung der Nobelpreise in Stockholm berichten. Doch erstens kommt es anders…. Als sie auf der Tanzfläche steht, wird sie von einem Gast angerempelt, kurz danach knickt einer der Tänzer neben ihr in die Knie und seine Partner schaut Annika an. Annika sieht, wie aus einer kleinen Öffnung in der Brust der Tänzerin Blut herausspritzt und danach bricht auf der Veranstaltung das Chaos aus.

Annika ist Augenzeugin des Mordes an Caroline von Behring, der Vorsitzenden des Preiskomitees geworden, deren Tanzpartner einer der Preisträger des Medizinnobelpreises war und dem die Attentäterin in das Bein geschossen hatte.

Wenig überraschend handelt die Geschichte nun davon, den Fall aufzuklären, d.h., den Täter zu finden und dessen Hintermänner, aber und gerade auch das Motiv für diesen Anschlag. Marklung reisst dabei eine ganze Menge von Themen an, die zum Teil nicht nur für Schweden spezifisch sind:

(i) übereilt werden Verbrechen zu einem terroristischen Anschlag erklärt
(ii) der Verdacht eines terroristischen Anschlags rechtfertigt rechtsstaatlich zweifelhafte Methoden bei der Suche nach Verdächtigen und erst recht bei der Behandlung (siehe z.B. hier)
(iii) terroristische Anschläge werden benutzt, um durch Gesetzesinitiativen demokratische Grundrechte auszuhöhlen („Lauschangriff“)

(iv) der Konkurrenzdruck im Wissenschaftsbetrieb
(v) (Ver)Fälschen von Forschungsergebnissen

(vi) Grenzen und Probleme im Familienleben, wenn beide Partner berufstätig und ehrgeizig sind

… um nur einige zu nennen.

Die Handlung der Geschichte wird im Wesentlichen aus der Sicht von Annika Bengtzon dargestellt, die gleich an mehreren Fronten herausgefordert wird: als wichtigste Zeugin hat ihr die Polizei Redeverbot auferlegt. Dadurch bekommt sie berufliche Schwierigkeiten und wird auf unbestimmte Zeit aus der Redaktion verbannt. Sie kann die Zeit zwar nutzen, um den Umzug in das neue Haus der Familie zu organisieren, aber in ihrer neuen Nachbarschaft sind sie nur bedingt willkommen. Die Dreifachbelastung Beruf/Kinder/Haushalt kostet sie viel Kraft und auch ihre Ehe mit Thomas kriselt heftig, während sie selbst vor einem Seitensprung zurückscheut. Kein einfaches Leben also und zu allem Überfluss quälen sie Albträume, in denen sie die sterbende Caroline vor Augen hat, die ihr, Annika, im Augenblick des Sterbens noch etwas zuruft…. So fängt sie an, auf eigene Faust zu recherchieren, und langsam, sehr langsam tastet sie sich an die Hintergründe dieses Tat (und weiterer, die im Zuge der Geschichte noch geschehen) heran.

Was kann man sonst noch sagen über diesen Krimi, ohne zu viel zu verraten? Nun, dieses Bild der Beatrice Cenci spielt eine gewissen Rolle, das Messer auf dem Cover des Buches täuscht und an manchen Stellen scheint mir Marklund etwas dick aufgetragen zu haben. Oder geht es im Nobelpreiskomitee wirklich so turbulent zu? Na ja, vielleicht doch… und dann die Nachbarn und die leidige Kindererziehung, bei der man offensichtlich nur noch alles falsch machen kann….

Geschrieben jedenfalls ist das Buch gut lesbar, über weite Passagen hin sogar spannend und kurzweilig. Die Darstellung des Kätzchens erscheint mir etwas schablonenhaft, und warum sie keine Kontaktlinsen trägt, ist mir ehrlich gesagt, schleierhaft… dagegen sind die Dialoge und Zusammentreffen mit Q an manchen Stellen direkt witzig und einer Art verdeckter Sympathie zwischen beiden angemessen…

Facit: gute Unterhaltung, die den angerissenen Themenkreis über die eigentliche Krimihandlung hinaus ausdehnt, in weiten Teilen läßt sich das Buch auch als Geschichte einer scheiternden Beziehung lesen.

Liza Marklund
Nobels Testament
Rowohlt TB-Verlag, September 2008, 444 S.
ISBN-10: 3499232995
ISBN-13: 978-3499232992

Platz 1 – 3

wiewarichwellenstamm

Platz 4 – 10

1000s..ross…..zille3…..belliverbegungblauvolo

… in der Liste nichts Neues.. Nein, stimmt so nicht, mein Lieblingsbuch der letzten Zeit ist vertreten, „Die Unendlichkeit…“ von Belli. Dem freut mir sehr! Ansonsten frag ich mich tatsächlich langsam, was an diesen Büchern (und ich habe ja außer diesen nun auch das eine oder andere in meinem blog vorgestellt) so besonderes ist, daß sie einfach nicht zu verdrängen sind…. (andererseits sind tatsächlich auch einige darunter, die ich persönlich zu meinen Favoriten zähle…)

Die alten Listen findet man übrigens hier. Wenn es interessieren sollte….

Was ein wunderschönes Cover, so geheimnisvoll, die junge Frau, die die chinesischen Schriftzeichen betrachtet…

Das Buch ist komplex, spielt auf vielen Ebenen, sein Inhalt ist daher nur schwierige wiederzugeben.

Sozusagen vorausgeschickt wird die Geschichte von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China, der ein ziemlich exzentrischer Mann gewesen sein muss und der seine ganze Energie daran verwendete, eine äußerst wertvolle, in einer unbekannten Sprache kalligraphierte Querrolle zu übersetzen. Genau diese Rolle zerreisst er in einem Anfall, als er von den japanischen Eroberern in einem Flugzeug aus Peking ausgeflogen wird. Die beiden Hälften fallen aus dem Flugzeug zu Boden….

Und hier setzt die eigentliche Geschichte ein. Peking, 1979. Eine französische Sinologiestudentin lernt einen chinesischen Gemüsehändler kennen und lieben. Im Lauf der Zeit erzählt er ihr seine Geschichte, die vor allem auch die Geschichte von Paul d´Ampere ist, einem französischen Orientalisten, der den Spuren Marco Polos nachwandert, dabei alte Völker und Staaten entlang der Seidenstraße der Vergessenheit entreisst und deren Sprachen entziffert. Und auch eine der Hälften der von Pu Yi zerrissenen Sutrarolle entziffert er: „Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht….“

Tumschuk, der Gemüsehändler, ist der Sohn von Paul d´Ampere, der mittlerweile in einem Straflager gehalten wird. Er besucht seinen Vater regelmäßig, doch eines Tages findet er ihn im Sterben liegen, von Mithäftlingen erschlagen. Er begräbt ihn und schwört, niemals wieder als Chinese zu leben. Noch immer ist die zweite Hälfte der Rolle verschollen, obwohl d´Ampere so sehr nach ihr gesucht hat und nun macht es sich Tumschuk zu seiner Aufgabe, diese zu finden.

Der Ich-Erzählerin schreibt er einen Brief, ohne zu ahnen, daß diese mittlerweile ein Kind von ihm erwartet. Und auch die Geliebte sucht lange Jahre nach der Rolle, bis sie sich entschließt, diesen Teil ihres Lebens loszulassen.

Und doch.. Jahre später reist sie nach Birma, trifft dort auf die Spuren ihres ehemaligen Geliebten und in der Folge der Ereignisse durch einen schieren Zufall einen wertvollen Hinweis zur Existenz und zum Verbleib der lange Jahre so gesuchten Schriftrolle……

Es ist schier unglaublich, was diese drei Hauptpersonen an Mühen, Entbehrungen und Opfer auf sich nehmen, um ihrem Ziel näher zu kommen. Und gleichzeitig dringen sie auf ihren Reisen, mit ihren Anstrengungen immer tiefer in die Geheimnisse Chinas, seiner Kultur und seiner Seele ein. Ausser dieser sehr komplexen Geschichte, die Sijie mit großer Leichtigkeit ausbreitet, die zu lesen aber nichtsdestotrotz hohe Aufmerksamkeit erfordert ist dieses Buch auch eine Huldigung an die Sprache, die Macht der Sprache und auch an deren Schönheit und Harmonie, die die Seelen der Menschen zu rühren vermag…… Denn all das Beschriebene geschieht, um letztlich einige wenige Zeilen einer unbekannten Sutra zu finden. Aber es sind eben Worte des Erhabenen und bei der Geschichte musste ich unwillkürlich an die Suche nach dem Heiligen Gral denken, obschon dieser ein Mythos ist, die abgängige Sutrenhälfte dagegen nicht.

Bringt diese den Menschen, die sie suchen, die erhoffte Erlösung? Oder ist deren Suche irgendwann im Lauf der Jahre zu einem Selbstzweck geworden, hat sich losgelöst vom konkreten, nimmt die Sutra nur noch als „Vorwand“ für das, was im Grunde nicht erreichbar ist? Tumschuk, sein Vater und die Erzählerin sind nicht nur Suchende, sie sind auch Getriebene, die (auch wenn sie sich wie die Frau zum Teil für Jahre befreien konnten) einfach nicht anders können….. sie versuchen, das Zerrissene wieder zu vereinen, die zerstörte Perfektion der Seidenrolle wieder herzustellen, Zusammenzufügen, was zusammen gehört. Und so les ich die Geschichte der drei Menschen als Geschichte einer unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und folgerichtig endet das Buch auch mit den letzten, so lange gesuchten Zeilen der Worte des Erhabenen, die Suche ist zu Ende .. satori….

Link: – ein Interview mit dem Autor
- eine ausführliche Inhaltsangabe zum Buch

Facit: Faszinierend und sehr vielschichtig. Wahrscheinlich muss man das Buch mindestens zweimal lesen, um es in Gänze zu erfassen….

Dai Sijie
Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht
Piper, 2009, HC, 310 S.
ISBN-10: 3492050816
ISBN-13: 978-3492050814

„Bin gespannt, wie Ihnen das Buch hier gefällt!“ Mit diesen Worten drückte mir meine Buchhändlerin vorige Tage „Die Hütte“ von W.P. Young in die Hand. Heute, ein paar Tage später, nach dem Lesen, kann ich die Frage im Grunde immer noch nicht beantworten und mehr als „..es ist ein seltsames Buch, ich muss da noch ein wenig drüber nachdenken…“ habe ich nicht erwidern können. In der Tat, ein etwas ungewöhnliches Buch.

huette

Fangen wir vorne an, erst einmal die Grundgeschichte. Mack(enzies) lebt mit seiner Frau und seinen Kindern ein normales Leben mit Höhen und Tiefen. Am Ende der Ferien beschließt er, mit dreien seiner Kinder noch ein paar Tage an einen Bergsee zu fahren und dort zu campen. Es sind wunderschöne Tage, auf dem Platz lernt er nette Menschen kennen und alles ist beinahe perfekt. Doch am letzten Tag kippt das Kanu, mit dem zwei seiner Kinder am Ufer unterwegs waren um und nach der aufregenden Rettung ist die Jüngste Tochter, Missy, nicht mehr da.

Die Suche nach ihr ist vergeblich und bald müssen Mack, seine Familie und seine Freunde mit der zur Gewissheit werdenden Vermutung leben, daß Missy einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Es ist eine schwere Zeit für Mack, etwas, was er die „Große Traurigkeit“ nennt, senkt sich grau und schwer über ihn. Sein Glauben an Gott, durch seine schwere Kindheit trotz religiöser Ausbildung schon angeschlagen, gerät endgültig ins Wanken. Dann findet er eines Tages im Briefkasten eine Aufforderung zu einem Treffen an „Der Hütte“, der Hütte, in der seinerzeit die letzten Spuren von Missy gefunden wurden, unterschrieben von „Papa“. Und Papa, das ist der Name, mit dem Nan, Macks Frau mit Gott redet. Itzo sind wir hier an dem Punkt, an dem es etwas ungewöhnlich wird…..

Denn in der Hütte trifft Mack tatsächlich Gott in seiner Dreifaltigkeit, eine rundliche Afroamerikanerin als Vater, einen hakennasigen Jüngling als Sohn und ein nicht zu fassendes, irisierendes Wesen als Heiliger Geist. Mithin eine Konstellation, die dem üblichen Klischee nicht entspricht….

Diese 2 oder 4, je nachdem, wie man zählt, verbringen nun das Wochenende in dieser Hütte miteinander. Gott geben sich viel Mühe, Mack ihr Wesen und ihre Eigenschaften zu verdeutlichen, ihm klar zu machen, was diese Schöpfung und speziell der Mensch für Gott bedeuten. Und auch und gerade warum Gott alles so geschehen läßt, das Gute wie das Böse, wie es geschieht. Langsam versteht Mack, was Gott mit seiner Schöpfung bezweckt, welche Absichten er verfolgt und daß letztlich alles einem höheren Zweck dient….

Es sind, daß muss ich zugeben, zum Teil sehr, sehr schöne Gedankengänge in dem Buch beschrieben. Einer der Kernbegriffe sind die Liebe und das unbedingte Vertrauen in Gott, durch die jeder Mensch Erlösung erfahren kann. Und das große Unglück für die Menschen war (und auch für Gott war das eine schwierige Situation….) die Ungehorsamkeit des Menschen, sein Übertreten des Gebotes, vom Baum der Erkenntnis seine Finger zu lassen. Damit hat er sich seine Unabhängigkeit von Gott ertrotzt und mit dieser Unabhängigkeit ist auch das Böse in die Welt gekommen. … Nun ja, es sind viele Seiten, in denen Gott versucht, die Fragen von Mack zu beantworten, und es sind (wie gesagt) einge sehr schöne Gedanken dabei. Und wenn man genügend glaubt und Vertrauen in Gott hat, kann man sogar übers Wasser gehen…..

An manchen Stellen des Buches ist eine ganze Menge Zuckerguss über die Inhalt gegossen worden, man stellt sich die Szenerie unwillkürlich als Disney-Film vor. Mack, kurzzeitig von Gott mit einer besonderen Sehgabe bedacht, sieht, wie die Menschen bunte Lichter ausstrahlen, mit denen sie kommunizieren… und ähnliches mehr. Das Übers-Wasser-Gehen rechne ich auch mal mit zu diesem süßlichen Gebrabbel…

So weiß ich immer noch nicht, ob mir das Buch gefällt oder nicht. Hätte Young nicht ausgerechnet Gott himself auftreten lassen, sondern eine Schublade niedriger gegriffen, wäre es vllt leichter, sich nur auf den Inhalt zu konzentrieren. Andererseits: vllt brauchen die Amerikaner so was, das Buch war ja drüben ein Riesenerfolg. Und da Gott sowieso seit gut 2000 Jahren schweigt und alles den Exegeten seiner alten Schriften überläßt (seltsam, das Verstummen, die Jahrhunderte vorher war er ja recht mitteilsam…), ist es zumindest mal ein netter Gedanke, ihn mal wieder zu Wort kommen zu lassen. Und wenn es nur via in den Mund gelegter Worte ist.

Facit: Interessante Gedanken in einer seltsamen Verpackung

William P. Young
Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott
ALLEGRIA, Juni 2009; geb. 304 S.
ISBN-10: 379342166X
ISBN-13: 978-3793421665

Die Hauptpersonen Alice und Mattia sind zwei in ihrer Kindheit durch Unglücksfälle schwer traumatisierte Menschen, die Schwierigkeiten haben, im Leben zurecht zu kommen. Giordano schildert ihr Leben angefangen von den Unglücken, die sie prägten über das Sichkennenlernen in der Schule und die sich auseinander entwickelnde Zeit des Erwachsenseins.

Traumatisiert entwickeln beide ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt und insbesondere zu sich und ihrem Körper. Latent suizidal versucht Alice sich magerer und magerer zu fasten während sich Mattia nur im Schmerz, den er beim Aufschneiden seines Körpers mit allen möglichen scharfen Gegenständen empfindet, noch lebend fühlt. (Nicht zu verstehen natürlich die Eltern, die in unfassbarer Vogel-Strauß-Manier nichts davon wahrhaben wollen und alles geschehen lassen… aber sei es drum, das ist ja nicht das Thema des Romans).

primzahlen

Während Alice als Schülerin und auch später immer noch versucht, sich in ein Leben einzufügen, sei es durch ihren Wunsch, DER Mädchenclique an ihrer Schule anzugehören, oder später durch ihre Arbeit als Fotographin und letztlich auch als Frau von Fabio, setzt Mattia allen Ehrgeiz hinein, ungesehen und unbemerkt durch den Alltag zu gehen. Er gewöhnt sich an, lautlos zu gehen, hat keine Freunde, praktisch nicht eigenes. Das Leben auch Freude heißt, versteht er nicht. Einzig die Mathematik, für die er eine besondere Begabung hat, gibt ihm einen Lebensinhalt.

Diese beiden Kinder also lernen sich in der Schule kennen und sie spüren eine Geistesverwandtschaft, begründet in ihrem vergleichbaren Schicksal. Ohne daß sich nun eine Freundschaft zwischen beiden entwickelt, wie man sie üblicherweise versteht, verbringen sie doch viel Zeit miteinander, denn nur sie, die sie sich in den anderen hineinversetzen können, bringen es fertig, mit dem anderen zusammen zu sein. So bilden ihre Traumata, ihre seelischen Verletzungen, das Zentrum einer Beziehung, die näher nicht werden kann, die nur in Respektieren der Grenzen Bestand haben kann. Ich musste beim Lesen unwillkürlich an Atome denken, die stabil sind, weil die Elektronen auf definierten Bahnen um das Zentrum kreisen, an Fermionen, Teilchen die sich immer in irgendeiner der sie charakterisierenden Quantenzahlen unterscheiden müssen, nie denselben Zustand einnehmen können (die Physiker mögen mir diese Formulierungen verzeihen….). Oder eben an die titelgebenden Primzahlzwillinge, nah aber immer mit Abstand….

Das Buch, das Erstlingswerk des Autoren, hat in Italien den renommiertesten Literaturpreis erhalten, zweifelsohne verdient. Es ist ein gutes Buch, eine sensible, einfühlsame, bilderreiche Sprache, die sich in die verquere Gefühlswelt ihrer Protagonisten hineintastet, nicht wertend, neutral, aber mit Sympathie. Sie erfasst die Probleme Heranwachsender, sich als Individuen zu definieren wo sich sich doch im Übergang befinden und zeigt die Unerbittlichkeit, mit der das Leben Wunden schlagen kann.

Und doch: eine Sache stört mich: Giordano beschreibt ja nicht zwei Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Schwächen oder Stärken oder allgemein, ihrer individuellen Eigenschaften, von anderen absetzen, nein, er wählt sich zwei Kranke, seelisch auf Äußerste Verletzte zu seinen Protagonisten. Und über einen Zeitraum von 24 Jahren soll wirklich jeder, der mit ihnen zu tun hatte, die Augen zugemacht haben, kein einziger Versuch, ihnen zu helfen? Alice baut jahrelang zu Hause vor ihren Teller eine optische Wand aus Flaschen, Gewürzstreuern und ähnlichem auf, um dahinter unbemerkt (?) das Essen in ihre Serviette schaufeln zu können, um es dann im Klo zu entsorgen. Und in ihrer Ehe mit einem Arzt (!) führt sie das fort. Und niemand nimmt Anstoß daran, versucht ihr – wie auch immer – zu helfen?? Nein, das ist mir zu dick aufgetragen, das stört mich. Ähnlich bei Mattia, der sich dauern aufschlitzt. Nun ja, Verband drauf und das war es dann…. Nein, auch wenn das nicht das Thema des Buches ist, das kann ich mir so nicht vorstellen. Giordano erzählt hier ein Krankengeschichte und niemand merkt es. In gewissem Sinne missbraucht er seine Hauptpersonen, um ein Bild zu finden für die Einsamkeit des Menschen in seiner Welt, in der er anderen nahe kommen, sie aber nicht erreichen kann. Es ist aber nicht Einsamkeit, die er beschreibt, sondern Krankheit, seelische Verletzung zweier Menschen, die die Unfähigkeit nach sich zieht, wirkliche Nähe zu anderen zu finden. Und daß Alice und Mattia selbst sich zueinander gezogen fühlen, liegt einfach daran, daß sie sich so ähnlich sind und sie sich daher verwandt fühlen in in der Menge der Menschen um sie herum, die ihnen fremd ist. So ähnlich wie man es manchmal erlebt, wenn man weit weg von zu Hause auf Menschen trifft, die (relativ gesehen) aus der Nähe kommen: man hat sofort einen Bezug zu ihnen, mehr jedenfalls als zu den Fremden, unter denen man sich aufhält…..

Facit: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist ganz sicher ein gutes, lesenswertes, nachdenkenswertes Buch, das für mich aber diesen einen, erwähnten Schönheitsfehler hat, der die Gültigkeit dessen, was Giordano uns sagen will, doch stark relativiert.

Links:
- eine Buchvorstellung im NDR mit Audio
- Wenn jemand ein wenig mehr über Primzahlen erfahren will….

Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
Karl Blessing Verlag, August 2009, HC, 368 S.
ISBN-10: 3896673971
ISBN-13: 978-3896673978

Helene Wesendahl kann Realität und Traum nicht mehr unterscheiden, sie ist orientierungslos in Zeit und Raum. Sie hatte ein Aneurysma im Gehirn, die schwere Operation überlebt sie, aber nach dem Aufwachen befindet sie sich in einer Art Zwischenreich ohne Kontrolle über sich, ihren Körper, ihre Erinnerung und ihre Sprache. Sie dämmert oft vor sich hin, muss gepflegt werden und nur ganz allmählich gelingen erste kleine Schritte auf dem Weg zurück in ihre Selbstständigkeit.

nicht sterben

Schmidt schildert in ihrem Buch sehr intensiv, mit einer stark ausdifferenzierten Sprache den Weg Helenes zurück ins Leben. Es ist eine Entdeckungsreise in Helenes Vergangenheit, die sich ihr nur ganz allmählich bruchstückhaft wieder enthüllt, ihr oft urplötzlich beim Anblick von Gegenständen oder ähnlichen Gelegenheiten wieder einfällt.

Matthes, ihr Mann besucht sie regelmäßig und treu. Aber es war was mit ihnen…. wollte sie ihn nicht verlassen, hatten sich nicht ihre Wege getrennt? Und welche Rolle spielte die Transsexuelle Viola für sie? In den langen Stunden im Krankenhaus, in der Klinik versucht sie, ihr Leben zu rekonstruieren, einen Stein nach dem anderen wieder zusammenzusetzen zu einem kompletten Lebenslauf. Doch immer wieder bleiben Lücken, die zu schließen ihr nicht gelingt.

Mühsam ist der Weg zurück, sie kann sich nicht konzentrieren, und auch, als es mit dem Sprechen wieder besser geht, kann sie nur ein, zwei Sätze im Voraus denken, ihr „Kapazitätsproblem“. So läßt sie oft die anderen reden, deren Worte plätschern an ihr vorbei, während sie die Gedanken schweifen läßt oder einfach nur leer, erschöpft ist. Schriftstellerin ist sie, in der Klinik erfährt sie, daß ihr zweites Buch gerade erschienen ist. Ihr zweites Buch und jetzt ist sie sprachlos, muss der Bedeutung der Worte mühsam nachgehen…

Ihr altes Leben – zum Teil ist es ihr fremd. Die Wichtungen haben sich verschoben, auch ihr Verhalten ist nicht mehr das vermittelnde, besänftigende der alten Helene Wesendahl. Selbstbewusster ist sie geworden, auch entschiedener, was ihre eigenen Interessen angeht. Ist sie das noch, deren Leben in der Erinnerung jetzt wieder aufersteht, von ihr seziert wird in seiner Bedeutung?

Den Leser führt Schmidt ganz konsequent und eng durch dieses rekonstuierte Leben, ohne Schnörkel und Umwege, klar und sehr differenziert breitet sie aus, wie ein Mensch, dessen Einheit durch eine Krankheit zerstört wurde, wieder alles lernen muss, essen, laufen genauso wie denken. Nicht Mitleid zu erregen ist ihr Anliegen, sondern einen mitzunehmen, das Geschehen mit“denk“bar zu machen, nachfühlbar. Und so beschreibt sie einfach mit zum Teil wunderschönen Wortbildern, reflektiert und analysiert ohne zu werten.

Aus vielen Augenblicken, die derart erscheinen, setzt sich so langsam der Lebenslauf der alten Helene Wesendahl zusammen, in dem Maße, in dem diese auch ihr neues Leben immer besser meistert, immer selbstständiger wird. Es ist der Prozess einer körperlichen Wiederherstellung und einer seelischen Reifung, den Helene durchläuft und besteht, der angefangen hatte mit diesem komischen Schnippen im Kopf und der Gewissheit, die sie hatte und die sie nicht sonderlich aufregte, daß sie stirbt. Aber sie starb nicht.

Facit: kein einfaches Buch, das man so nebenbei runterlesen kann. Aber ein sehr lohnendes.

Link: Ein Interview mit der Autorin

Kathrin Schmidt
Du stirbst nicht
Kiepenheuer & Witsch; Februar 2009, HC, 347 S.
ISBN-10: 3462040987
ISBN-13: 978-3462040982

Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

sam

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.

Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….

Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.

Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.

In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.

Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.

Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.

.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….

Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477