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Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juli 22nd, 2008

Der 15jährige Kevin Khatchadourian (KK) gehört zu der kleinen, aber aufsehenerregenden Gruppe von Jünglingen, die eines Tages beschließen, mit ihrer Handfeuerwaffe in ihre Schule zu gehen, um dort Leben zu vernichten. Mal sind es mehr, mal weniger Tote, durch Kevin starben 11 Menschen. Im Verlauf des Buches erfährt man wieviele solcher, mehr oder weniger blutiger Massaker von Schülern in den USA verübt worden sind (ich gehe einfach davon aus, daß diese Angaben im Buch Fakten sind und keine Fiktion der Autorin)

Diese jungen Menschen vernichten das Leben derjenigen, die sie töten, sie zerstören auch das Leben der Verwandten der Ermordeten, der überlebenden Schüler, ihr eigenes Leben und auch das ihrer Eltern, ihrer eigenen Familie.

KK (Amerikaner tun sich schwer mit komplizierten fremdländischen Namen und lieben Abkürzungen) ist einziger Sohn von Franklin Pratchett und Eva Khatchadourian, die Familie ist gebildet, wohlhabend, Kevin war ein Wunschkind und die Eltern tun alles, um ihrem Kind eine gute Elternhaus zu geben.

In Briefen an ihren Ehemann analysiert Eva ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Sie versucht, Ursachen zu finden, Erklärungen, sie sucht nach einem Grund für die Ereignisse, sie fühlt sich schuldig und verzweifelt daran, daß sie nicht weiß, wieso.

Der Kinderwunsch bei Eva, einer erfolgreichen Unternehmerin (Reisebücher für Globetrotter) ist wenig ausgeprägt, die Schwangerschaft verläuft zwar komplikationslos, aber nicht harmonisch, da sich bei ihr keine Freude auf ihr Kind einstellt und sie es schon vor der Geburt als Beschränkung ihres eigenen Lebens spürt. Und auch ihr Sohn scheint nicht wirklich auf die Welt zu wollen (so reizt es einen, seine 14tägige Verspätung zu interpretieren), die Geburt ist langwierig und schmerzhaft und von der ersten Sekunde an sind Sohn und Mutter verfeindet: Eva empfindet keine Muttergefühle und Kevin weigert sich, an ihr zu trinken.

Es ist nicht so, als ob Eva sich keine Mühe gegeben hätte, eine gute Mutter zu sein, im Gegenteil, aber Kevin verweigert im Grunde alles. Ein völlig apathisches Kind, das weder spielen noch essen will, das boshaft ist (kein Kindermädchen kann auf Dauer gehalten werden, die meisten verlassen die Familie schon am nächsten Tag), das nicht sprechen lernen will und mit 6 Jahren noch in die Hosen macht. Dabei ist Kevin hochintelligent, nach tagelangem Bemühen von Eva, ihm das Zählen beizubringen (”eins, zwei…Kevin?” - “acht”) wird es ihrem Sohn langsam langweilig und er zählt ihr von 1 bis 100 in einem gleichförmigen Geleier alle Zahlen vor.

Für Kevin ist die Welt die materialisierte Sinnlosigkeit. Seine Existenz ist sinnlos, die Existenz der Welt hat keinen Sinn und daraus folgt für ihn, daß keine Handlung einen Sinn hat, kein Mensch - es existiert kein Sinn. Und wenn es keinen Sinn gibt, gibt es auch keine Grenzen, dann ist alles möglich, weil alles in der Sinnlosigkeit gleich ist. Dies ist in etwa Kevins Ansicht. Kevin kann z.B. nicht “bestraft” werden: ein Kind, das stundenlang das weiße Rauschen im TV anschaut (weil es für ihn genauso sinnvoll ist wie irgendein anderes Programm) ist gegen TV-Entzug resistent, das Wort “Lieblings-” (buch, essen, kleidung, freund, fernsehsendung, getränk etc pp) existiert für Kevin nicht, seine Welt wird durch das Wort “egal” definiert.

Je älter Kevin wird, desto schwerwiegender die Folgen des Destruktiven und Bösen in ihm. Derart steuert die Entwicklung von Kevin scheinbar unaufhaltsam auf eine Katastrophe hin. Hätte man diese Entwicklung erkennen können, stoppen können? Dies ist eine der Grundfragen, die sich Eva immer wieder stellt.

Eva Khatchadourians Einstellung zu Amerika ist infolge ihrer armenischen Abstammung kritischer als die ihres Mannes Franklin, der im realen Amerika immer die dahinter stehende Idee von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sieht. In gleicher Weise entschuldigt, verdrängt und rationalisiert er auch jede der Taten seines Sohnes, der ihn - auf seine ganz eigene Art und Weise - sein Leben lang zum Narren hält. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die ihn durchschaut, täuscht er seinen Vater perfekt. Indem Shriver diese gegensätzliche Einstellung von Eva und Franklin an vielen Stellen herausarbeitet, weist sie deutlich die Bruchstellen der amerikanischen Realität hin. Dabei ist Evas Einstellung zu Amerika, die sie immer wieder durch ihre Erfahrungen in anderen Ländern überprüfen konnte, keineswegs durch Hass oder Abneigung geprägt, einzig dort wo ihr Mann einen naiven Idealismus zeigt, sitzt bei ihr ein kritischer Realismus.

KK sitzt zum Zeitpunkt des Briefeschreibens im Jugendgefängnis, Eva besucht ihr regelmäßig. Eine Annäherung der beiden bei diesen 14tägigen Terminen ist nicht zu sehen, im Gegenteil, Kevin scheint seine Berühmtheit zu geniessen, er nimmt in der Hierarchie unter all den gefangenen Jugendlichen eine hohe Rang ein. So enden die Gespräche zwischen ihm und seiner Mutter regelmäßig mit großer Frustration von Eva.

Das Buch ist kein einfaches, so fesselnd es zum Lesen ist, braucht man viele Pausen, um das Gelesene zu verarbeiten, zu verdauen. Es ist spannend geschrieben, wird keine Sekunde langweilig, dabei zeigt Shriver an manchen Stellen einen Sarkasmus, der einem das Lachen im Hals steckenbleiben läßt. Die Geschichte steuert für den Lesen unabänderlich auf ihr schreckliches Ende hin und auf den letzten Seiten, wenn Eva ihrem Mann in ihren Briefen dieses Ende schildert, ahnt man nicht, daß das Schlimmste für Eva noch aussteht - sofern das Grauen eines systematischen, planvollen Ermordens von Mitschülern noch zu “übertreffen” ist.

Wenn ich eine Kritik an dem Buch hätte, dann die, daß ich einfach nicht in der Lage bin, zu glauben, daß es ein Kind wie Kevin, das von der ersten Sekunde an sein Leben und seine Umwelt aktiv bekämpft, geben kann. So extrem ist Kevin, das personifizierte Böse, ich mußte an mehr als einer Stelle des Buches unwillkürlich an das von Linda Blair dargestellte Kind denken… es ist im Buch nicht erkennbar, ob die Figur des Kevin auf einer realen Gestalt beruht oder ob sie einfach Charakteristika solcher Attentäter unter einer Figur subsummiert, was ich abe eher vermute.

Facit: Ich wüsste nicht, wann mich das letzte Buch, das ich gelesen habe, so gepackt hätte wie dieses. Absolut empfehlenswert.

Lionel Shriver
Wir müssen über Kevin reden
List, Juli 2007
ISBN-10: 354860742X
ISBN-13: 978-3548607429

Andrea Maria Schenkel: Kalteis

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am Juli 14th, 2008

Die Handlung des “Romans” (mit ca. 150 Seiten scheint mir diese Bezeichnung etwas hoch gegriffen) spielt in München in den späten 30er Jahren. Ein Serienmörder bringt junge Frauen um, bestialisch, roh und grausam.

Das München dieser Zeit ist ein Sammelbecken junger Frauen vom Land, die dort der Enge und Armut des dörflichen Lebens entkommen wollen. Oft ohne Arbeit, Geld und Schlafplatz rutschen sie gegen eine Suppe, eine Brotzeit und ein Bett unmerklich in die Prostitution ab. Dies zeigt Schenkel am Beispiel der jungen Kathie Hertl symptomatisch auf.

Das Buch ist eher eine Dokumentation sozialer Umstände und der kriminellen Entwicklung eines Mörders denn ein Krimi. Der Schreibstil ist kurz und nüchtern, Wertungen werden unterlassen. Schilderungen von Vorgängen werden aus verschiedenen Gesichtspunkten wiedergegeben, zum Teil auch aus (fiktiven?) Polizeiprotokollen zitiert (Im Anhang ist ein kurzes Qellenverzeichnis zu finden). Die Sprache bemüht sich um Lokalkolorit, der Satzbau von Schenkel ist einfach, die Sätze durchweg sehr kurz und knapp, dadurch liest sich der Text manchmal etwas unrund. Ein Beispiel:

Kathie richtes sich auf in ihrem Bett. Sie sieht die Kleider über dem Stuhl. Den grünen Mantel und darüber das blaue Kleid, die Strümpfe. Alles, wie sie es am Vortag hingelegt hat, ehe sie in das klamme Bett schlüpfte. Reibt sich die Augen, gähnt. Weiß wieder, wo sie ist und wie sie herkam, am gestrigen Tag.

Das Buch läßt zwar keine Spannung aufkommen, der als Mörder verurteilte wird schon im einleitenden Kapitel hingerichtet. Daß es der titelgebende Josef Kalteisen ist, legt Schenkel in ihrem Buch nahe, gleichzeitig läßt sie aber auch einige andere Männer auftreten, die auch verdächtig sein könnten. Auch daß das (Haupt)Opfer Kathie Hertl ist, ist früh klar, unklar ist nur, wann und wie die Tat geschehen wird. Durch den neutralen, distanzierten und nicht wertenden Schreibstil der Autorin bleibt man als Leser immer in der Rolle des Beobachters, der nicht mitfühlt, sondern nur registriert.

Trotz dieser fehlenden Spannung ist das Buch aber nicht langweilig, aus der Distanz, in die Schenkel den Leser setzt, sieht man an vielen Stellen die Unausweichlichkeit von Entwicklungen und wie wenig Einfluss die Personen im Grunde auf ihr Schicksal haben, sofern sie erst mal - meist ohen groß zu überlegen - eine Entscheidung gefällt haben.

Facit: Mir hat die Art und Weise, wie Schenkel den Stoff aufgearbeitet hat, gut gefallen. Man darf halt nur keinen spannenden Krimi erwarten. Dafür ist es Schenkel aber m.E. gelungen, ein bischen von der Atmosphäre des Milieus, in dem die Handlung spielt, einzufangen.

Andrea Maria Schenkel
Kalteis
Edition Nautilus 2007
ISBN-10: 3894015497
ISBN-13: 978-3894015497

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Joel ben Izzy: Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Biographie, Bücher by flattersatz am Juli 11th, 2008

Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.

Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft “hallo”. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: “Was willst du hier?” - “Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?” - “Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!”.

Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: “Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!”

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.

Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.

Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.

Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine “richtige” Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.

Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.

Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.

Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.

Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973

Bücherleben: Hase und Igel

Veröffentlicht in Bücher, bücherleben by flattersatz am Juli 10th, 2008

Der Leser, also ich, auf der einen Seite, die Buchhandlung, die Bücher auf der anderen - wie kommen sie/wir zusammen?

Am einfachsten ist die Frage zu beantworten, wenn ich in der Buchhandlung bin. Es kommt vor, daß die Buchhändlerin meines Vertrauens mit einem Buch in der Hand auf mich zukommt und sagt: “Herr F., ich glaube, das hier ist was für Sie, schauen Sie es sich doch mal an!” Bei diesen Büchern bin ich eigentlich noch nie enttäuscht worden, da meine Buchhändlerin meinen Geschmack mittlerweile schon recht gut kennt…

Oft richte ich mich auch nach Kritiken, sowohl in Zeitungen, aber auch im Fernsehen, Radio und selbstverständlich auch hier bei wordpress oder im I-net allgemein. Es ist seltsam, oft weiß ich schon nach wenigen Zeilen, daß ich das Buch kaufen und lesen werde, Enttäuschungen habe ich da auch noch wenige erlebt, im Gegenteil, einige Bücher, die zu meinen Lieblingen gehören, habe ich auf diese Art und Weise kennengelert, z.B. das Albaner-Buch von Vorpsi oder von Güngör das Buch über ihre Familiengeschichte.. Heute sind mir aus dem Literaturteil der ZEIT auch wieder zwei Titel ins Auge gesprungen… ;)

Manchmal kennt man den Autor und mag ihn, immer ein guter Grund, ein neues Buch von ihm zu kaufen. Klönne, in gewissem Sinn Boyle oder auf jeden Fall Giovinazzo (gestern 2 bestellt….), die ich hier ja schon vorgestellt habe, gehören auf jeden Fall dazu.

Manchmal habe ich Bücher auch nur gekauft, weil sie mir gefallen haben, äußerlich. Insbesondere zu Studententagen die alten dtv-Bände, bei denen Celestino Piatti die Umschläge gestaltete, waren meine Lieblinge, manches Büchlein habe ich wirklich nur gekauft, weil mir der Einband so gut gefallen hat. Beim letzten Boyle-Buch “Talk Talk” ist mir wieder mal aufgefallen, wie gesichtslos und beliebig die dtv-Büchlein geworden sind…. Schade..

Das Thema/Genre spielt eine Rolle. Habe ich Lust auf z.B. einen Historienroman (was zugegebenermaßen selten vorkommt), werden eben verschiedene angelesen und der mitgenommen, der am besten gefällt. Autor und andere Kriterien sind dann relativ egal, allenfalls wird dann noch die Buchhändlerin gefragt. Ist mir auch schon häufiger vorgekommen, daß andere Kunden sich einge”mischt” haben und ihr Urteil beisteuerten, ich find das schön, wenn sich derart ein kurzes Gespräch unter Bücherfreunden ergibt.

Was habe ich vergessen? Ach ja, A. leiht mir ab und an Bücher, ich vermute ganz leise, auch mit einer gewissen “erzieherischen” Absicht.. hihi…. nein, es sind Bücher ganz anderer Art (z.B. Oskar), die ich immer sehr gerne lese, und die mich auch immer nachdenklich machen. Im Moment lese ich wieder eins von ihr mir geliehenes, ich freue mich schon riesig darauf, es hier beschreiben zu können. Es handelt von einem Geschichtenerzähler, der .. nein, ich warte, bis ich es aufgelesen habe… ;).

Und dann gibt es last not least die geschenkten Bücher, für die man garnix kann. Das können 100%ige Treffer sein, Wunschbücher oder sie können auch voll daneben liegen, alles ist möglich….

Jedenfalls, und damit bin ich am Schluss, es ist wie beim Hase und dem Igel: der Leser ist der Igel, der immer zu spät kommt, denn der Hase Buch ist immer im Vorteil: es gibt so viele Bücher, die interessant sind, gelesen werden möchten, unbedingt und überhaupt, daß man als Leser nie nachkommt. Meine Kiste wird immer voller, obwohl ich fleissig bin, aber es macht nichts, Bücher sind wie Blumen, die irgendwann erblühen und bis dahin schlafen sie…..

In diesem Sinne….

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T.C. Boyle: Talk Talk

Veröffentlicht in Bücher, Krimi, Roman by flattersatz am Juli 9th, 2008

Bislang kannte ich von Boyle ja nur zwei Bände mit Kurzgeschichten, die mir zum Teil sehr gut, zum Teil auch etwas weniger sehr gut gefallen hatten. Immer jedoch waren die Stories ausgefallen, skurril und fielen aus dem Rahmen des Üblichen (was mir immer gefällt), so daß ich auf diesen Roman von ihm doch gespannt war.

Die Handlung ist recht einfach: Dana Halter, eine gehörlose junge Frau, wird nach dem Überfahren eines Stopschildes von der Polizei angehalten und nach der Personenkontrolle ins Gefängnis gebracht. Dort kommt heraus, daß unter ihrem Namen eine Vielzahl von Vergehen und Verbrechen begangen worden sind. Der polizeiliche Irrtum klärt sich auf, aber die in ihrem Stolz und Selbstbewusstsein tief gekränkte Dana begibt sich zusammen mit ihrem Freund Bridger, einem Spieleentwickler, auf die Suche nach dem “Dieb” ihrer Identität. Nach den ersten zwei Teilen läuft der Rest des Buches auf das Zusammentreffen der Gegner hinaus. Mehr will ich vom Inhalt jetzt aber nicht verraten.

Gottseidank widersteht Boyle der Versuchung, die Aufklärung der Personenverwechselung im Gefängnis länger hinauszuschieben. So sitzt Dana von Freitag bis Montag ein, unter Alkoholikerinnen und Prostituierten, die sie nicht versteht und gegen die sie sich nicht wehren kann. Diese wenigen Tage reichen aber völlig, um sie zutiefst zu demütigen, ihr ihre Würde zu nehmen und sie hasserfüllt in die Welt zurück zu schicken.

Boyle läßt des öfteren den Zufall spielen, wenn er seine Geschichte fortsetzen will, einiges ist für mich schlicht und einfach etwas arg weit hergeholt: der notorische Identitätsräuber will ausgerechnet an den Ort zurück, an dem er vor seiner Karriere lebte (und wo er im Grunde sicher damit rechnen muss, früher oder später erkannt zu werden). Auch das Dana und Bridger nie ernsthaft erwägen, die Polizei einzuschalten, obwohl sie wissen, wie gefährlich ihr Feind ist, ist meiner Meinung nach nicht besonders glaubhaft. Stattdessen verfolgen sie ihn über mehrere Wochen durch die gesamte USA.

Von den dargestellten Personen zeichnet Boyle den “Dieb” William Peck am plastischsten, seine beiden Verfolger sind deutlich weniger strukturiert. Warum Boyle mit Dana eine Gehörlose schildert, ist mir nicht klar, zum Gang der Handlung trägt die Taubheit Danas nichts bei und die Darstellung der Schwierigkeiten Gehörloser in der Öffentlichkeit beschränken sich im Grunde auf die Schilderung der zurückschreckenden Reaktion der Mitmenschen: “Huch, was ist denn mit der los, die ist ja komisch”. Vielleicht war es sogar eher sein Anliegen, zu zeigen, daß Dana selbst ihr Leben als Gehörlose annimmt und diese Taubheit nicht als Behinderung oder Verlust sieht.

So plätschert der Roman dahin, unterbrochen von einzelnen Episoden, an denen sich die beiden Parteien mal (räumlich) nahe kommen, bis dann gegen Schluss der lang erwartete Show-Down stattfindet, der nur Verlierer zurückläßt. Am stärksten, um das auch zu sagen, fand ich persönlich den ersten Teil, der die Verhaftung Danas und ihre Zeit im Gefängnis schildert. Aber das ist ja nun auch bezeichnenderweise eine Konstellation, die gut in einer seiner Kurzgeschichten gepasst hätte…

Facit: Diesem Buch Boyles fehlen die skurrilen Einfälle, die seine Kurzgeschichten so lesenwert machen. So ist es ein “normaler” Roman (Krimi), nicht besser oder schlechter als viele andere, die zwischen Buchdeckel gepresst sind. Ein schnell zu lesendes Sommerbuch…..

T.C. Boyle
Talk Talk
dtv 2008
ISBN-10: 3423210605
ISBN-13: 978-3423210607

Zur Information über das Rechtsproblem “Identitätsdiebstahl” in Deutschland ist hier ein interessanter Link:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/091/1609160.pdf

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Bücherleben: Heißhunger

Veröffentlicht in Bücher, bücherleben by flattersatz am Juli 7th, 2008

Eine Freundin aus früheren (Blog)Tagen hat mich hier besucht und einen sehr lieben Kommentar hinterlassen, in dem sie sich auch ein wenig über die Bücher, die ich hier vorstelle, äußert. So ein kleiner Einwurf von draußen ist ja immer ein willkommener Anlass, mal über sich selbst nachzudenken, über das, was man tut, macht und so treibt. Zudem habe ich jetzt so rund 50 Einträge hier im Blog, auch dies ist vielleicht eine kleine Zwischenbilanz wert, habe ich doch ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, daß es mal soviele werden. Und es werden ja noch mehr, versprochen!

Ein wildes Sammelsurium an Büchern, die ich in den letzten sagen wir mal knapp 9 Monaten gelesen habe, angefangen vom Krimi (ich finde, Krimis sind mit am leichtesten zu lesen) über Romane, Biographien, selbst Bücher über Mathematik sind darunter. Bücher, die mich eigentlich nicht interessieren, die ich nur der Neugier und um mitreden zu können, las, Bücher, bei denen es sich einfach nur ergeben hatte…

Eine große Linie ist nicht, noch nicht darunter. Lange Jahre hatte ich das Lesen sehr reduziert, unter anderem hatte mir das Internet zu viel der Tageszeit geraubt als daß nach dem normalen Tageswerk noch Zeit und Muße blieb, ein Buch zu nehmen und zu lesen. Nun ist das Internet doch sehr reduziert, dieser Blog, noch ein, zwei andere Sachen, alle nicht zeitaufwendig oder (letztere zumindest) anspruchsvoll. Und ich bin zufrieden damit, wenngleich ich manchmal die Community, in der ich Mitglied war, vermisse.

Und parallel zu dieser Reduktion des “Internet” habe ich wieder mit dem Lesen angefangen, mit einem Heißhunger (wird Zeit, daß ich die Kurve zu meinem Beitragstitel finde), der mich kaum wählen ließ. Ähnlich wie man sich zum Beispiel im Urlaub die ersten zwei, drei Tage auf das abendliche Essenbuffet stürzt und vor lauter Hunger und Neugier alles in viel zu großen Mengen in sich hineinschlingt (oder kennt ihr das nicht), so ähnlich habe ich mich auch auf Lesbares gestürzt. Wobei hier im Blog ja auch nur das zwischen Buchdeckeln gebundene Einzug hält…

Andererseits bin ich aber auch vielseitiger interessiert - ähnlich, wie man beim Essen ja auch nicht immer nur Pizza will oder ein Chateaubriand, und so lese ich eben nicht nur Krimis oder Biographien, der “Geschichte der O” bringe ich genausoviel Interesse entgegen wie der “Geschichte der 0″. So wird es dann vielleicht doch so bleiben, wie es bisher hier im Blog war: bunt durcheinander gewürfelt, je nach Stimmungslage und momenter Laune, Triviales in direkter Nachbarschaft zu Anspruchsvollerem, Seltsameres neben Seriöserem. So, wie das Leben eben manchmal spielt. Und der Appetit, wenn der Heisshunger mal gestillt ist.

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Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Veröffentlicht in Biographie, Bücher, Erotik by flattersatz am Juli 6th, 2008

Ist schon witzig, was die Feuchtgebiete so alles nach sich ziehen…. *grins*. Beim Wegstellen in mein Regal gehören sie halt thematisch in eine bestimmte Ecke und dort - steht auch die Millet, ein Buch, das zu seinem Erscheinen auch eine Menge Wellen schlug, weil es - zumindest darin den Feuchtgebieten ähnlich - sich um Tabus, gesellschaftliche Konventionen, moralische Kategorien nicht scherte. Und von einer Frau geschrieben war.

Um das Jahr 2000 herum schwappte aus dem französischen Raum eine ganze Welle von Büchern, die sich in verschiedener Art und Weise mit Sexualität befassten und von Frauen geschrieben waren: Baise Moi von Virginie Despentes (auch als Film), “Hure” von Nelly Arcan, von Sarah: Ich bin gekommen, von Annie Ernaux: Sich verlieren oder eben das “Sexuelle Leben” von Catherine Millet. Das sind die Bücher, die mir jetzt so spontan einfallen, ich bin sicher, es gibt noch mehr, die in diese Aufzählung gehören, wie beispielsweise das schon ein paar Jahre früher erschienene Büchlein “Das Unwetter” von Deforges.

Ich erinnere mich noch gut, als ich mir das Buch seinerzeit (aus ähnlichen Motiven wie kürzlich das Werk von Roche) kaufte, las ich ein paar Seiten und das war es dann, das Buch, der Inhalt war einfach uninteressant. Jetzt, ein paar Jahre später, hat mich das Buch ich will nicht sagen, in seinen Bann gezogen, aber doch in gewisser Weise fasziniert (im übrigens finde ich keineswegs, wie Frau Millet sagt, daß dies ein Buch ist, das man mit einer Hand liest…).

Vielleicht ist das schon ein guter Einstieg in meine Eindrücke, dieses Buch betreffend. Nein, mit einer Hand lesend, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Zu nüchtern, distanziert, neutral sind die Schilderungen, zu beobachtend, analysierend und auch zu offen. Die Sachlichkeit, mit der Frau Millet ihre sexuellen Erlebnisse darstellt, läßt automatisch die Frage auftauchen, inwiefern sie überhaupt Lust empfunden hat bei ihren Aktivititäten, selbst die Abschnitte, die sich mir ihrer Lust befassen, sind so analysierend-neutral, daß es schwer fällt, dahinter ein erlebtes Gefühl zu sehen. Millet beschreibt ohne jegliches (zumindest denke ich das) Verschweigen die Entwicklung ihres sexuellen Lebens von früher Jugend an. Ich denke, man kann dieses Sexleben als exzessiv bezeichnen, was Umfang, Intensität und Häufigkeit und welche Randbedingungen man noch nennen wollte, einstufen.

Anonymer Sex mit mehreren, nein vielen Männern, auf Partys, in Clubs, im Park, auf Parkplätzen, auf Ladeflächen von LKWs, an allen möglichen Stellen, stundenlang, und Millet als Hauptperson wie die Spinne im Netz sich darbietend und männerverzehrend. In dieser Rolle, die ihrer natürlichen Schüchternheit entspricht (so schreibt sie, weil sie zu schüchtern war, mit ihrem männlichen Gegenüber zu reden, ergriff sie die sexuelle Initiative), ihrer Ansicht, Nacktheit sei ihr wahres Kleid, scheint sie zu versinken, ihre Erfüllung zu finden. Es gibt einzelne Szenenbeschreibungen in diesem Buch, bei denen ich unwillkürlich den Eindruck hatte, daß sie einen meditativen Akt darstellen, in dem die Hauptperson in der Konzentration auf ihre Körperöffnung und in der stundenlangen rythmischen Bewegung versinkt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Millet ihr Verhalten selbst als Suche nach dem heiligen Gral der Sexualität.

Das Buch hat keine Handlung und auch keinen Fortschritt, es sein denn, man nimmt den zeitlichen Verlauf mit seinen Entwicklungen als solchen. Wie schon erwähnt, ungeheuer distanziert und nüchtern beschreibt Millet ihre Erlebnisse, versucht ihre Beweggründe zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedeutung für ihr Leben einzuordnen. Vom Stil des Geschriebenen geben die Antworten der Autoren, wie sie in den verlinkten Interviews wiedergegeben sind, einen guten Eindruck. Eine einzige Passage des Buches, in der sie ihre Erlebnisse bei Spaziergängen im Süden Frankreichs schildert, vermittelt ansatzweise mehr als die rein deskriptive und analytische Aufzählung von Akten.

In der Summe übersteigt, ich muss es zugeben, das Beschriebene ein wenig das, was ich nachvollziehen kann, ich kann es nur glauben und akzeptieren, daß es Menschen gibt, die so fühlen und handeln. Es ist ein enormes, e-normes, also außerhalb der Norm liegendes Verhalten, das Millet mit großer Präzision beschreibt, welches auch, zumindest bei mir, den Impuls einer moralischen Wertung ob seiner Außergewöhnlichkeit und der Art der Darstellung garnicht erst aufkommen ließ.

Facit: “Das sexuelle Leben der Catherine M.” ist kein Buch, das mir im eigentlichen Sinn gefallen hat. Ich bin trotzdem froh, daß ich es jetzt im zweiten Anlauf gelesen habe, denn es eröffnet den Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit und auf Motive, Beweggründe für ein ansonsten wahrscheinlich völlig unverständliches “sexuelles Leben”.

Links:

Ein interessantes Chat-Gespräch mit C. Millet:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/28121/index.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4719&ausgabe=200203

Catherine Millet
Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann, Januar 2001
ISBN-10: 3442309646
ISBN-13: 978-3442309641

Bücherleben: ein kleines bloginternes Jubiläum

Veröffentlicht in Bücher, bücherleben by flattersatz am Juli 6th, 2008

Tatsächlich, am 6. Juli hat sich der 1000.ste Besucher auf meine Seite verirrt, gleichzeitig ist dieser Tag an sich mit insgesamt 30 Besuchern “busiest day”. Und das alles nur dank des kleinen Kobolds und der weiblichen Feuchtwiesen. Sex sells, besser könnte man es nicht zeigen. ;) .

Aber ich freu mich, denn der Blog (immer noch maskulin..) ist für mich ein Experiment und wenn außer mir der ein oder andere noch was mitnimmt, denke ich, ist es vorerst gelungen.

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Bücherleben: schwerere Literatur… Sommerbücher….

Veröffentlicht in Bücher, bücherleben by flattersatz am Juli 4th, 2008

… na ja, vielleicht nicht schwer, aber doch anspruchsvoller als andere… was les ich im Moment? “Wir müssen über Kevin reden”, ein Buch, von dem man immer nur ein paar Seiten wirklich lesen kann, weil hier jede Zeile wichtig ist und des Lesens mit voller Aufmerksamkeit bedarf. Dabei ist es doch so umfangreich…. Der “Drachenläufer” liegt auch noch auf dem Nachtschrank, aber hier muss ich glaube ich, noch mal von vorne anfangen. Gut, so viel hatte ich auch noch nicht… ;-)

Miranda July mit ihren “Zehn Wahrheiten” ist irgendwie untergegangen. Hat mir eigentlich ganz gut gefallen, das Büchlein von Diogenes, trotzdem weiß ich kaum was zu sagen darüber. Fraglich, ob ich es hier überhaupt vorstelle….

Ach ja, die Milllet beende ich noch, das Buch über ihr “sexuelles Leben”, das ich vor Jahren nur ätzend fand, hat mich, nachdem ich durch Zufall mal wieder drauf gestoßen bin, diesmal doch interessiert und ich war positiv überrascht. Nun ja, vielleicht waren die Erwartungen auch anders…

Und von T.C.Boyle habe ich mir heute einen Roman mitgebracht (”Talk, Talk”), nachdem ich ja bis jetzt nur Kurzgeschichten von ihm gelesen habe. Bin mal gespannt…

Sodele, dann will ich mal…..

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Tschingis Aitmatow: Dshamilja

Veröffentlicht in Bücher, Erzählung by flattersatz am Juni 24th, 2008

Das Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan mit seinen weiten Steppen, den Bergen im Hintergrund, dem Himmel, der nur durch den Horizont begrenzt ist…. Am Beginn des Großen Vaterländischen Krieges spielt diese Geschichte, die Männer sind zum größten Teil an der Front, in den Siedlungen sind die Frauen zurückgeblieben, die Alten und die Jungen.

Dshamilja, eine der Hauptpersonen in Zaimoglus “Liebesbrand” hieß so und mir kam der Name bekannt vor. Dann, als ein paar Tage nach dem Lesen des Buches im Fernsehen die Nachricht vom Tode Aitmatows kam, war es dann natürlich klar, woher ich den Namen kannte, auch wenn ich das Buch noch nicht gelesen hatte. Aber das kann man ja schließlich ändern….

In Zentralasien also spielt die Geschichte, in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Clanstrukturen, vom strikten Rollenverständnis der Menschen. Diese Ordnung ist durcheinander geworfen worden durch den Krieg, die Frauen müssen Männeraufgaben erfüllen, die Jungen ebenso. Von den Männern an der Front dringen nur spärliche Nachrichten nach Hause, während die zuhause Gebliebenen angehalten werden, für die Front, für das Vaterland zu arbeiten.

Dshamilja ist eine dieser jungen Frauen, der Mann im Lazarett liegt. Selten nur schreibt er einen Brief und wenn, läßt er seine Frau an letzter Stelle nur grüßen, diese Ehe ist nicht von Liebe geprägt. Da kommt eines Tages ein verwundetet Soldat, ein Aussenseiter in die Siedlung, der als leichte Zielscheibe für den Spott auch Dshamiljas dient.

Auf den langen Fahrten zur Verladestation für den Weizen fängt Danijar eines Abends an zu singen und mit diesem Gesang senkt sich ein Zauber über die Landschaft, dem sich seine Begleiter nicht entziehen können….

Das Buch ist wie die Landschaft, in der es spielt. Wehmütig, langsam erzählt der 15jährige Ich-Erzähler seine Geschichte von Dshamilja und Danijar, die sich lieben, so sehr lieben, daß Dshamilja am Ende alles aufgibt, ihr gesamte Leben in die Waagschale wirft und mit ihrem Geliebten davonläuft. Sie bricht aus aus ihren Rollen, ihrer Verantwortung, ihrer Familie, lehnt sich gegen die alten Sitten auf, weil die Liebe einfach stärker ist… die Liebe zwischen Dshamilja und Danijar entwickelt sich langsam, unmerklich und doch unvermeidlich, beide wehren sich dagegen und können doch nicht gewinnen, bis sie dann bereit sind, ihre Liebe zu leben….

Es ist ein unspektakuläres Buch, das von (Wort)Bilder lebt, von Andeutungen, von Reflektionen. Es malt, beschreibt, nimmt den Leser mit auf die Reisen… auf die Reisen in der Landschaft und auf die in die Menschen.

Facit: Läßt man sich auf die Erzählung ein, folgt den Worten des Erzählers, findet man sich in einer Liebesgeschichte wieder, die ob ihrer Bedingungslosigkeit anrührt. Läßt man sich nicht forttragen von dem Erzählten, dürfte die Geschichte etwas altbacken und langweilig sein. Man hat es also in der Hand…

Tschingis Aitmatow
Dshamilja
Unionsverlag, 23. Aufl., 1990
ISBN-10: 329320001X
ISBN-13: 978-3293200012

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