Joel ben Izzy: Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.
Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft “hallo”. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: “Was willst du hier?” - “Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?” - “Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!”.
Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: “Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!”

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.
Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.
Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.
Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine “richtige” Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.
Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.
Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.
Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.
Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973
Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Ist schon witzig, was die Feuchtgebiete so alles nach sich ziehen…. *grins*. Beim Wegstellen in mein Regal gehören sie halt thematisch in eine bestimmte Ecke und dort - steht auch die Millet, ein Buch, das zu seinem Erscheinen auch eine Menge Wellen schlug, weil es - zumindest darin den Feuchtgebieten ähnlich - sich um Tabus, gesellschaftliche Konventionen, moralische Kategorien nicht scherte. Und von einer Frau geschrieben war.
Um das Jahr 2000 herum schwappte aus dem französischen Raum eine ganze Welle von Büchern, die sich in verschiedener Art und Weise mit Sexualität befassten und von Frauen geschrieben waren: Baise Moi von Virginie Despentes (auch als Film), “Hure” von Nelly Arcan, von Sarah: “Ich bin gekommen“, von Annie Ernaux: “Sich verlieren“ oder eben das “Sexuelle Leben” von Catherine Millet. Das sind die Bücher, die mir jetzt so spontan einfallen, ich bin sicher, es gibt noch mehr, die in diese Aufzählung gehören, wie beispielsweise das schon ein paar Jahre früher erschienene Büchlein “Das Unwetter” von Deforges.
Ich erinnere mich noch gut, als ich mir das Buch seinerzeit (aus ähnlichen Motiven wie kürzlich das Werk von Roche) kaufte, las ich ein paar Seiten und das war es dann, das Buch, der Inhalt war einfach uninteressant. Jetzt, ein paar Jahre später, hat mich das Buch ich will nicht sagen, in seinen Bann gezogen, aber doch in gewisser Weise fasziniert (im übrigens finde ich keineswegs, wie Frau Millet sagt, daß dies ein Buch ist, das man mit einer Hand liest…).
Vielleicht ist das schon ein guter Einstieg in meine Eindrücke, dieses Buch betreffend. Nein, mit einer Hand lesend, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Zu nüchtern, distanziert, neutral sind die Schilderungen, zu beobachtend, analysierend und auch zu offen. Die Sachlichkeit, mit der Frau Millet ihre sexuellen Erlebnisse darstellt, läßt automatisch die Frage auftauchen, inwiefern sie überhaupt Lust empfunden hat bei ihren Aktivititäten, selbst die Abschnitte, die sich mir ihrer Lust befassen, sind so analysierend-neutral, daß es schwer fällt, dahinter ein erlebtes Gefühl zu sehen. Millet beschreibt ohne jegliches (zumindest denke ich das) Verschweigen die Entwicklung ihres sexuellen Lebens von früher Jugend an. Ich denke, man kann dieses Sexleben als exzessiv bezeichnen, was Umfang, Intensität und Häufigkeit und welche Randbedingungen man noch nennen wollte, einstufen.
Anonymer Sex mit mehreren, nein vielen Männern, auf Partys, in Clubs, im Park, auf Parkplätzen, auf Ladeflächen von LKWs, an allen möglichen Stellen, stundenlang, und Millet als Hauptperson wie die Spinne im Netz sich darbietend und männerverzehrend. In dieser Rolle, die ihrer natürlichen Schüchternheit entspricht (so schreibt sie, weil sie zu schüchtern war, mit ihrem männlichen Gegenüber zu reden, ergriff sie die sexuelle Initiative), ihrer Ansicht, Nacktheit sei ihr wahres Kleid, scheint sie zu versinken, ihre Erfüllung zu finden. Es gibt einzelne Szenenbeschreibungen in diesem Buch, bei denen ich unwillkürlich den Eindruck hatte, daß sie einen meditativen Akt darstellen, in dem die Hauptperson in der Konzentration auf ihre Körperöffnung und in der stundenlangen rythmischen Bewegung versinkt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Millet ihr Verhalten selbst als Suche nach dem heiligen Gral der Sexualität.
Das Buch hat keine Handlung und auch keinen Fortschritt, es sein denn, man nimmt den zeitlichen Verlauf mit seinen Entwicklungen als solchen. Wie schon erwähnt, ungeheuer distanziert und nüchtern beschreibt Millet ihre Erlebnisse, versucht ihre Beweggründe zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedeutung für ihr Leben einzuordnen. Vom Stil des Geschriebenen geben die Antworten der Autoren, wie sie in den verlinkten Interviews wiedergegeben sind, einen guten Eindruck. Eine einzige Passage des Buches, in der sie ihre Erlebnisse bei Spaziergängen im Süden Frankreichs schildert, vermittelt ansatzweise mehr als die rein deskriptive und analytische Aufzählung von Akten.
In der Summe übersteigt, ich muss es zugeben, das Beschriebene ein wenig das, was ich nachvollziehen kann, ich kann es nur glauben und akzeptieren, daß es Menschen gibt, die so fühlen und handeln. Es ist ein enormes, e-normes, also außerhalb der Norm liegendes Verhalten, das Millet mit großer Präzision beschreibt, welches auch, zumindest bei mir, den Impuls einer moralischen Wertung ob seiner Außergewöhnlichkeit und der Art der Darstellung garnicht erst aufkommen ließ.
Facit: “Das sexuelle Leben der Catherine M.” ist kein Buch, das mir im eigentlichen Sinn gefallen hat. Ich bin trotzdem froh, daß ich es jetzt im zweiten Anlauf gelesen habe, denn es eröffnet den Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit und auf Motive, Beweggründe für ein ansonsten wahrscheinlich völlig unverständliches “sexuelles Leben”.
Links:
Ein interessantes Chat-Gespräch mit C. Millet:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/28121/index.html
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4719&ausgabe=200203
Catherine Millet
Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann, Januar 2001
ISBN-10: 3442309646
ISBN-13: 978-3442309641
Dietmar Dath: Höhenrausch

Im Nachgang sozusagen zu den Primzahlen habe ich mir das Büchlein von Dath gegriffen, denn einige der bei du Sautoy genannten Namen tauchen dort auch auf und insofern interessierten mich die Geschichte, die Dath zu den betreffenden Mathematikern schreibt.
Wie soll man das Buch einordnen? Sicher ist es kein Buch über Mathematik, die spielt eine nur untergeordnete Rolle in dem Buch. Ebenso wenig ist es eine Sammlung von Biographien, denn Dath stellt die Personen in fiktiven Situationen vor. Emmy Noether zum Beispiel trifft im Lauf ihres Lebens immer wieder auf einen symmetrisch gezeichneten Schmetterling, der ihr Hinweise gibt auf ihre Zukunft, auf das, was sie mal erreichen wird. Kolmogorow hingegen wird uns vorgestellt in einem fiktiven Gespräch mit Stalin und auch Dracula spielt hier seine Rolle. In ähnlich erdachte Situationen werden alle der 20 Mathematiker gestellt.
Was hier in den Texten zu den 20 Mathematikern zu finden ist, sind also Fantasien, mit denen Dath uns - tja, was? .. vielleicht seine Eindrücke von den Denkweisen, den Umständen, vom Charakter der derart Porträtierten näher bringen will. Ein literarisches Experiment also, das ich auch als solches auffasse, es bringt wenig greifbares, weckt aber an manchen Stellen (wie zum Beispiel in der oben erwähnten schönen Geschichte von E. Noether) die Neugier, genaueres zu erlesen. Und das ist ja auch nicht wenig.
Facit: Kein unbedingtes Muss, aber auch keine verlorene Zeit.
Dietmar Dath
Höhenrausch
Rowohlt Tb. 2005
ISBN-10: 3499619466
ISBN-13: 978-3499619465
G. Aly/M. Sontheimer: Fromms
Eine Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945)

Redet man von Gummis, Kondomen, Präservativen, fällt einem immer auch der Begriff “Fromms” ein, ohne, daß man jetzt auf Anhieb genauer sagen könnte, was oder wer hinter dem Namen steht. Nun, dem hilft dieses Büchlein, die Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945), ab.
Das Buch kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen:
- erstaunlich und verblüffend ist die darstellung der hygienischen Verhältnisse besonders in den Kriegen, in denen Geschlechtskrankheiten eine Vielzahl von Opfern unter den Soldaten forderten. Es bestand von Seiten der Armeeführung ein ganz dringender Bedarf an einer Verbesserung der Hygiene in den Feld- und Soldatenbordellen, die ja sogar von Armeeseite betrieben wurden. So wurden die ersten Kondomautomaten mit dem Slogan: “Männer, schützt eure Gesundheit!” aufgestellt. Die Werbung mit dem verhütenden Aspekt war lange Zeit verboten (lief schließlich der offiziellen Staatsdoktrin entgegen) und erst 1932 wagte Fromm die Bewerbung seiner Kondome in Fachblättern, obwohl die Produktion auf kleinster Basis schon 1914 anlief.
- natürlich ist auch die Lebensgeschichte von Julius Fromm, der sich aus ärmlichen Verhältnissen kommend hochgearbeitet hat und dann mit Weitsicht und Mut eine herausragende Markstellung im Sektor “Gummiwaren” erreichte, sehr interessant. Die Entwicklung der Familie, das Auseinanderreissen im Dritten Reich, die einzelnen z.T. tragischen Schicksale… Was mich aber noch mehr faszinierte, ist die
- z.T. minutiöse Darstellung der Art und Weise der Arisierung jüdischen Vermögens im Dritten Reich, insbesonder nach der Reichskristallnacht, wobei Fromm natürlich nur exemplarisch ist für die Gesamtheit aller Juden, denen nach 1939 ihr Vermögen von Staats wegen gestohlen wurde.
Eine umfangreiche bürokratische Maschine entwickelte sich um diese Enteignung, die formal und gesetzlich im Dritten Reich abgesegnet war. Nachdem ein Teil des jüdischen Vermögens durch Extrasteuern (Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Graf-Helldorf-Spende, Zwangsabgabe an die jüdische Gemeinde, Auswanderungssteuer etc pp) abgeschöpft wurde, Zwangsverkäufe von z.B. Immobilien gegen lächerliche Preise erpresst wurden, bedienten sich die Privilegierten direkt an den nach Vertreibung oder Deportation zurückgebliebenen Wertgegenständen, der Rest wurde über Auktionen in die breite Masse der Bevölkerung verramscht. Bei Fromm und seinen Fabriken bediente sich insbesondere Hermann Göring, wie im Buch im Einzelnen ausgeführt wird. Zum Schluss blieb vielen nur noch das sprichwörtliche Hemd am Leib….
Nach dem 2. Weltkrieg (Der Firmengründer selbst war 3 Tage nach der großen Siegesfeier in London verstorben) wurde die Firma durch die Deutsche Treuhandverwaltung zugunsten des DDR-Volkes sozialisiert, u.a. mit der (falschen) Begründung, Fromm hätte seine Arbeiter ausgenutzt, “um die jüdische Firma beim nazistischen Regime beliebt zu machen.” Tatsache war jedoch, daß Fromm seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, Sozialräume, Duschräume vorhanden waren, die äußeren Arbeitsbedingungen gut waren und er seinen Arbeitern auch verbilligtes Essen anbot.
Facit: Ein kleines Büchlein, das man nicht unbedingt wegen der biographischen Daten lesen muss (ich bin selbst kein so großer Fan von Biographien), das aber einen sehr anschaulichen Blick auf den Vorgang der Arisierung im Dritten Reich bietet.
Götz Aly, Michael Sontheimer
Fromms
Fischer, Frankfurt; 2007
ISBN-10: 3100004221
ISBN-13: 978-3100004222
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Zwei etwas schrullige alte Herren treffen sich in Berlin. Der eine muss aus der Provinz anreisen, es ist die einzige auswärtige Übernachtung, die er in den letzten 27 Jahren seines Lebens tätigt. Hypochondrisch und schlecht gelaunt ob der Umstände der Fahrt, ist ihm der Aufenthalt in Berlin sichtlich kein Vergnügen. Sein Name ist Carl Friedrich Gauss, der “größte Mathematiker der Welt” (so Laplace als Antwort auf eine Frage von Humboldt). Der andere, in Berlin wohnhaft bei Hof, ist Alexander von Humboldt, der berühmte Naturforscher und Reisende.
Das Büchlein erzählt das Leben der beiden anhand ausgewählter Stationen und Abschnitte. Beide Forscher/Wissenschaftler sind auf ihrem Gebiet Genies, leisten unsterbliches bei der Vermessung der Welt. Gauss neben seinen mathematischen Genie auch ganz praktisch als Geodät, der die Wissenschaft von der Erdvermessung weitertreibt, Humboldt, der auf seinen Reisen alles misst und protokolliert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und selbst das ist nicht sicher vor ihm.
Die Erlebnisse Humboldts speziell hier auf seinen Reisen durch Südamerika (und später noch mal auf Einladung des Zaren durch Russland) bieten dem Erzähler mehr Stoff für seinen Roman als das eher ruhige und beschauliche Leben von Gauss, dessen Dramatik mehr durch private Ereignisse (den Tod seiner ersten Frau Johanna, die Enttäuschung über die eigenen Kinder) denn durch seine Arbeit geprägt ist. Das nach aussen hin aufregendste Moment bei Gauss ist fast noch die Entdeckung seines mathematischen Talents in der Schule seines prügelverliebten Lehrers Büttners, als er innerhalb kürzester Zeit das Ergebnis der Aufsummierung der ersten 100 Zahlen präsentieren konnte. In diesem Moment macht Büttner seine Vergehen an all seinen Schülern wett, indem er erkennt, daß hier jemand vor ihm steht, der in der Mathematik höchstes leisten kann, er Gauss seinen Möglichkeiten entsprechend fördert.
Humboldt, wie gesagt, führt die farbigeren Erlebnisse ins Feld. Ob nun im Selbstversuch die Wirkung von Zitteraalen erforschend (was sind schon drei Tage Lahm- und Taubheit in den Gliedmassen) oder der Versuch, welche Wirkung ein Schluck Curare hat, ob er sich an Seilen in Vulkankrater hängen läßt (..und nach Stunden grün im Gesicht, leicht verwirrt, ansonsten aber bei guter Laune wieder mit unzähligen Messwerten bereichert herausgezogen wird) oder vor Schiffsbuge, um die Wellenhöhe zu bestimmen (von dort dann aber nach Stunden eher rötlich gefärbt ins Schiff zurückgezogen wird), Humboldt scheint auf seiner Reise ein schier unfassbares Mass an körperlichen Unbilligkeiten ertragen zu können all dies verwebt Kehlmann zu einer gut lesbaren, kurzweiligen Reisebeschreibung. (Interessant ist es, so Gelegenheit ist, Episoden, die Kehlmann erzählt mit den Aufzeichnungen von Humboldt selbst zu vergleichen, wie man sie z.B. in seinem Büchlein “Ansichten der Natur” findet. Dazu ein Beispiel weiter unten.)
Gauss kommt in dem Büchlein etwas kurz davon, das mathematische Genie wird im Grunde nur unzureichend gewürdigt, eher scheint (fälschlicherweise) anzuklingen, als hätte er nach dem Erscheinen seiner “Disquisitiones Arithmethicae” (Gauss war knapp 20 zu diesem Zeitpunkt) der Mathematik nicht mehr allzuviel beigesteuert. Intensiver noch wird auf seine astronomischen Arbeiten eingegangen, die ihm - zugegeben - in Lohn und Brot setzen und damit zu leben ermöglichen. In Ansätzen werden seine Beiträge zur Theorie des Elektromagnetismus und Erdmagnetismus gewürdigt, letzteres ein Gebiet, auf dem er mit Humboldt zusammenarbeitet und Deutschland mit einem Netz von Messstationen überzog. Auch als Erfinder war er hochbegabt, mit einem Mitarbeiter kommunizierte er bei der Vermssung des Erdmagnetfeldes (mit selbstentwickelten Apparaturen) über einen von ihm selbst entwickelten elektrischen Telegraphen.
Beide genialen Forscher sind im täglichen Leben eher schrullig und skurril, ihre Erfüllung finden sie an ihrem Arbeitsplatz, Gauss an seinem Schreibtisch und Humboldt draußen, in der Natur. Aber im Alter fällt alles schwerer, und besonders Humboldt - in der Darstellung der Russlandreise durch Kehlmann - droht, eine leicht tragische Figur zu werden, deren Erkenntnisse von den Nachrückenden jungen Forschern überholt werden.
Facit: Ein nettes, gut lesbares Büchlein, das einem zwei Genies näherbringt. Weswegen es offensichtlich so ein Welterfolg ist, das verschliesst sich mir aber leider. Nichtsdestotrotz eine lohnende Lektüre dessen, wie es vielleicht gewesen sein könnte…
Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Rowohlt 2008 (TB-Ausgabe)
ISBN-10: 3499241005
ISBN-13: 978-3499241000
Im Buch findet sich ab S. 120 Kehlmanns Ausschmückung des Humboldt´schen Versuchs, aus einer Grabhöhle im Regenwald einige Skelette zu bergen und nachher nach Europa mitzunehmen. Dies führt zu Disputen, den Missionaren gegenüber behauptet Humboldt, es seien Knochen von Seekühen… des öfteren tauchen diese Skelette im weiteren Verlauf des Buches auf.
Wie Humboldt selbst diese Aktion darstellt, ist hier niedergeschrieben, ein Auszug, der auch die Art der Humboldt´schen Prosa, die - so sagt er in seinem Vorwort - leicht in einen dichterischen Stil abgleitet…
Links:
zur Biographie von Gauss: http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Friedrich_Gauß
zur Biographie von Humboldt: http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt
Ornela Vorpsi: Das ewige Leben der Albaner

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch episodenhaft ihre Kindheit und ihre Jugend in Albanien, einem Land, in dem die Männer beschlossen haben, davon auszugehen, daß Gott das Leben geschaffen hat, um die Zeit so angenehm wie möglich zu verbringen. Und dies heißt, den Tag im Café zu verbringen und den Frauen nachzustarren. Und das Thema Frauen gründet sich auf eine einzige Annahme: “Ein hübsches Mädchen ist eine Hure, ein hässliches - die Ärmste! - ist keine”.
In diesem Land gibt es einen Spruch, einen weisen Spruch: “Solange du lebst, hasse ich dich, sobald du tot bist, trauere ich um dich!
Was ein Büchlein - gemessem am Umfang. Was ein Buch, gemessen an der Kraft, an der Intensität, an der Wucht, die in ihm steckt!
Manche der Episonden sind wie kleine Rätsel aufgebaut. Zwei Beispiele:
Der Vater kommt, da er behauptete, die Kartoffelernte würde dieses Jahr schlecht, als politischer Gefangener ins Gefängnis. Eines Tages dürfen Mutter und Tochter ihn besuchen. Die Tochter, die ihren Vater kaum wieder erkennt, findet sein Gesicht sehr seltsam. Ein paar Absätze später stöbert die Tochter in einem kleinen Säckchen herum und findet dort echte Zähne und Zähne aus Gold. Die Zähne, die man ihrem Vater ausgeschlagen hatte: “Das also fehlte im Gesicht meines Vaters.”
Die Ich-Erzählerin spielt mit ihrem Cousin Ritterspiele und beide brauche ein Schwert. In einer Amphore im hintersten Teil des großmütterlichen Gartens finden sie etwas, was sie als Schwerter verwenden. Als die Großmutter sie damit spielen sieht, bricht sie zusammen. Langsam kommt das Geheimnis zutage: es sind die Oberschenkelknochen des Onkels, mit denen die beiden gespielt hatten. Dieser war im Alter von 17 Jahren erschossen worden. Als politischer Fall dürfte er nicht begraben werden, sondern musste im Freien verwesen. Heimlich hatte die Familie den Leichnam nach einigen Tagen gerettet und versteckt.
Praktisch jeder Absatz dieses Buches ist mit solchen lakonisch, unaufgeregt geschilderten Anekdoten voll. Ob es um die Schule geht, den See in der Nähe Tiranas, in dem sich vor allem in Unehre gefallenen Frauen ertränken, immer sind es die dunklen Seiten des Lebens, die hervortreten. In der Summe ergeben sie ein Bild von einem Land, einem politischen System, das einen erschaudern läßt.
Ich habe das Büchlein in einem Schwung durchgelesen, es hat mich nicht losgelassen….
Facit:Kein ganz einfaches Buch. Aber ein lohnendes.
Ornela Vorpsi
Das ewige Leben der Albaner
Zsolay, 2007
ISBN: 978-3552054035
