Bei Jürgen Leinemann [JL; 1] wurde am 8. Mai 2007 ein Larynx-Zungen-Karzinom [2] diagnostiziert. JL ist nicht irgendwer, er gehört zu den profiliertesten Journalisten Deutschlands, einer der wenigen, die man mit halbwegs ausgeprägter Allgemeinbildung auch als Laie kennt, der „Leinedingsda oder wie er heißt vom Spiegel“. Die Behandlung seiner Krebserkrankung erfolgte mittels Bestrahlung, der Tumor wurde dadurch erst einmal zerstört, die Nebenwirkungen waren enorm.

ernstfall

Aber JL litt nicht nur unter den Nebenwirkungen, auch andere Erkrankungen, zum Teil auch Folgen der Behandlung, peinigen ihn: Diabetis, Herzinsuffizienz, Lungenentzündung und diverses andere … langweilig ist sein Patientendasein jedenfalls nicht.

Die Erkrankung erschüttert das Leben des erfolgsverwöhnten und mächtigen Journalisten auf das heftigste, bis kurz vor einen Suizidwunsch. Über dieses Buch sagt er selbst: „Von einer schriftlichen Auseinandersetzung mit meiner Krankheit versprach ich mir also einen gewissen selbsttherapeutischen Nutzen.“ [S. 196]. Ein sehr guter, vernünftiger Entschluss, denn nur so konnte die „… Rekonstruktion s[m]einer Identität… “ [S. 205] gelingen, denn JL war „.. noch der, der er [ich] vorher war, und (ich) hatte mich zugleich verändert – die Krankheit und ihre Folgen waren zum Bestandteil s[m]einer Lebensführung geworden.“ [S. 214]. Diese aktive Trauerarbeit, die im den Buch ausführlich dargelegt wird und alles Stufen umfasst (Wut, Zorn, Resignation, Hoffnung, Akzeptanz, Gleichgültigkeit, Optimismus) beschränkt sich nicht nur auf die aktuelle Situation des Autoren, sondern umfasst im Rückblick sein gesamtes Leben, das – wie er beschreibt – durch Brüche gekennzeichnet ist, durch seinen Alkohlismus, den er seit Jahrzehnten überwunden, aber nicht vergessen hat, durch seine Kindheit. Ist Krankheit Schuld, ist der Erkrankte schuld an seiner Krankheit? Eine Frage, die JL anfänglich quält, so seltsam sie auch einem Aussenstehenden erscheinen mag. Ist sein Tumor letztlich eine Folgeerscheinung, eine Rechnung, die sozusagen das Leben ihm schrieb, seines früheren Lebenswandels, geprägt durch Arbeit, Alkohol, Stress und Unruhe? Es ist im Grunde diese vermaledeite Frage „Warum überhaupt, warum gerade ich?“, auf die es oftmals keine Antwort gibt, auch wenn es so aussieht, als sei vieles plausibel und wahrscheinlich.

So zwingt die Krankeit JL dazu, sein gesamtes Leben zu überdenken, in Frage zu stellen und zu bewerten, ja, die Werte neu zu setzen und sich – wie oben schon zitiert – neu zu rekonstruieren. Wobei Rekonstruieren ja eigentlich nicht zutrifft, was JL jetzt schaffen muss, ist ein neues Leben mit neuen Inhalten und einer neuen Sinnsuche.

JL geht in seinem Buch sehr detailliert auf seine Krankheit ein, es ist z.T. ein wahres Martyrium, was er erdulden muss. Und auch die Medizin bzw. einige der Krankenhäuser (die er zur Genüge kennenlernt) kommen nicht gut weg, er macht die Erfahrung, daß es Häuser gibt, in denen Kranke behandelt werden und welche, in denen Krankheiten behandelt werden…. mag sich jetzt jeder selbst überlegen, worin der Unterschied (und ja, er ist wichtig!) liegt….

Halt und Unterstützung findet JL in seiner Familie, auch in seinen Freunden, obwohl in hier die Unsicherheit belastet, inwieweit Freundschaft unter so extremen Bedingungen halten, sich bewähren kann. Vor allem aber seine Frau und seine Tochter stützen ihn, halten und begleiten ihn. Sie sind es, die ihm immer wieder Lebensmut geben, ihm immer wieder vermitteln, du gehörst zu uns, immer und immer….

Wegen des auf Vollständigkeit angelegten Rückblicks auf sein Leben enthält das Buch auch einiges Interessante zur politischen Entwicklung in Deutschland, einige Episoden, die JL mit Politikern erlebt hat und die bislang hinter den Kulissen verborgen waren. Insofern ist das Buch auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik.

Und trotzdem: fast hätte ich das Buch in der Mitte beendet und weggelegt. Warum? Diese Stelle macht es vllt deutlich: auf S. 104 schreibt JL: „Häufig war ich ratlos, verzweifelt und zornig.„. Tja. Davon bin ich auch ohne diesen Satz ausgegangen, schlimm genug spielte ihm das Schicksal ja mit. Interessant wäre es dagegen gewesen, die Gefühle, die hinter dieser nüchternen Beschreibung steckten, zu erfahren: wie äußert sich seine Verzweifelung, was denkt er, welche Bilder sieht er in seinem Kopf, was macht diese Verzweifelung mit ihm…. Aber JL ist Journalist, er hält auch zu sich selbst Abstand, analysiert mehr als das er versucht, Gefühle zu übermitteln. So hat mich das Buch seltsam kalt gelassen, abgesehen vom weitgehend unpersönlichen Mitleid, das ich natürlich ob dieses Schicksals empfinde. Es ist damit ein krasser Gegensatz zum Bericht von Diez über seine sterbende Mutter, welchen ich kürzlich hier vorgestellt [3] habe. In dieser Hinsicht ist das Buch eine Aneinanderreihung der weitgehend analysierenden Beschreibung von Schicksalsschlägen unterbrochen durch Rückblicke auf frühere Lebensepisoden. Aber eben immer mit einem Abstand, die ein tief empfundenes Mitfühlen, Mitleiden bei mir nicht hervorgerufen haben.

Andererseits ist das natürlich auch eine Stärke des Buches: hier hat jemand, der es gewohnt ist, Menschen und ihre Schicksale fair und ausgewogen darzustellen, sein eigenes Fatum analysiert, sich mit ihm auseinandergesetzt und dies intellektuell nachvollziehbar beschrieben.

JL begreift seine Erkrankung auch als Chance für ihn, sein Leben zu überdenken und neu zu orientieren, er zeigt, wie er trotz aller Rückschläge mit der Begleitung durch seine Familie den Krankheits- und Trauerprozess erlebt und sich ihm stellt, wie sich nach den Phasen, in denen er sich ein Sterben wünschte, langsam aber sicher der Lebenswille wieder hervorkam. Würde man sich die Mühe machen, könnte man sicher wie im Lehrbuch die Trauerphasen z.B. nach Kast [5] herausarbeiten.

Facit: In der Summe ein sehr offenes, persönliches, beeindruckendes Buch über ein schweres Schicksal.

Links:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Leinemann
[2] http://www.meb.uni-bonn.de/cancernet/deutsch/201519.html
[3] http://radiergummi.wordpress.com/2009/09/02/georg-diez-der-tod-meiner-mutter/
[4] ein interessanter Artikel in der ZEIT, der sich auch des Buches von JL annimmt.
[5] http://www.lacrima-muenchen.de/service-wissen/hintergrundwissen/trauerphasen-nach-verena-kast.html

Jürgen Leinemann
Das Leben ist der Ernstfall
Hoffmann und Campe, 2009, HC, 240 S.
ISBN-10: 3455501222
ISBN-13: 978-3455501223

mitter

Der Tod, dieses unausweichliche Ende jeglichen Lebens, dieses geradezu definitorische Element des Lebens (den nur dadurch, daß individuelles Leben endlich ist, kann überhaupt „Leben“ sein) ergreift den Einzelnen ohne erkennbaren Plan und Sinn und stürzt ihn und seine Nächsten in eine der größten Krisen, die denkbar ist, denn die Endgültigkeit des Todes zwingt uns, wollen wir nicht daran verzweifeln, zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben vor dem Tod.

Georg Diez arbeitet in seinem Buch das Verhältnis zu seiner Mutter auf. Bei dieser wurde von 12 Jahren Krebs diagnostiziert, 2005/6 tritt die Krankheit immer stärker in das Leben von Hannelore Diez ein und fängt an, es zu beherrschen. In dieser Phase, in der seine Mutter immer mehr an Selbstbestimmung verliert und den Bedingungen, die die Krankheit definiert, unterworfen ist, beginnt Georg Diez, sich intensiv um seine Mutter zu kümmern, sie zu begleiten. Da Hannelore Diez in München wohnt und ihr Sohn in Berlin arbeitet, kann dies nicht kontinuierlich geschehen, Georg fliegt oft von Berlin nach München.

Das Buch ist nicht parallel in der Zeit entstanden, die es beschreibt, sondern in der Nachschau auf die Ereignisse. Entsprechend wenig „authentisch“ ist es, vielmehr ist es sehr analytisch-reflektierend. Diez leistet mit der Niederschrift eigene Trauerbewältigung, er arbeitet sein, des Sohnes, Verhältnis zu seiner Mutter auf, er sieht, ruft sich ins Gedächtnis die Mutter mit all ihren Eigenschaften, den Brüchen in ihrem Leben, der Art und Weise dieses Leben in aller Konsequenz zu leben, mit der Bereitschaft, einen hohen Preis zu zahlen, Einsamkeit….

„… Und so hatte sie gelernt, Schritte zu gehen, die für sie stimmten, die für sie richtig waren, die konsequent waren und die manchen weh taten, manchmal auch ihr selbst, vielleicht mehr, als sie zeigte. Aber sie wusste, daß alles ander falsch war.

Sie sah die Krankheit als einen weiteren neuen Abschnitt ih ihrem Leben, und sie wollte auch diesen Teil so weit selbst bestimmen, wie es ging. … Sie fand eine neue Rolle, sie fand die Kraft, Abstand zu nehmen von ihrem alten Leben udn ein neues zu beginnen“ [S.69]

Diez läßt in seinem Buch zwei Ebenen erscheinen: im Rückblick auf seine Kindheit, das frühere Leben seiner Mutter beschreibt er die 60/70er Jahre mit ihrem kleinbürgerlichen Ambiente, dem Muff, der herrschte und dem Aufbruch, der Rebellion der Jugend dagegen. Neue Lebensformen, Emanzipation, Möglichkeiten, Chancen: all dies entdeckte Hannelore Diez für sich und lebte es konsequent aus. Anders dagegen ist schon wieder das Leben ihres Sohnes (wieso eigentlich Adidas-Generation? ist die Generation Golf schon wieder abgelöst oder soll mal jemand anderes von der garnicht so unterschwelligen Werbung profitieren??) strukturiert: die bürgerliche Kleinfamilie hat sich zurück gemeldet, die Karriere, die berufliche Sicherheit hat die Risikofreude abgelöst…

Mich haben aber mehr als dieser zeitgeschichtliche Hintergrund die Vorgänge um die sterbende Mutter und den sie begleitenden Sohn interessiert. Wie schon gesagt, war für die Mutter die Krebsdiagnose ein Moment, ihr Leben noch einmal neu zu gestalten, die Krankheit in das Leben zu integrieren. Jetzt, im Endstadium übernimmt jedoch die Krankheit in ihr das Regiment, ihr Körper wendet sich gegen sie, raubt ihr die Möglichkeiten, sich zu entfalten, die sie ein Leben lang so intensiv nutzte. Sie ist wütend auf diese Einschränkung, zornig… sie muss fremden Menschen den Schlüssel zu ihrer Wohnung geben, um sich versorgen zu lassen, ist von anderen abhängig geworden. Immer weiter weicht (ohne daß sie im „klassichen“ Sinnn verwirrt ist) ihre Realität, ihre Wahrnehmung der Welt von der der anderen ab. Dann die Erniedrigung, sich von der Pflegekasse in eine bestimmte Pflegeversicherung beurteilen und einstufen zu lassen. Natürlich strengt sie sich an und will sich keine Blöße geben….

Der Tod macht ihr Angst, sie hat nichts, was ihr Trost spenden kann. Ihren Zorn läßt sie an den Menschen aus, die ihr helfen wollen. Ein, so schreibt Diez, falscher Satz und sie trennt sich von ihnen, kompromisslos.

„Ihre Wut steigerte sich, je näher der Tod rückte. Ihre Wut kam und ging, mit den Tagen. .. Ihre Wut zeigte, daß sie noch da war, daß sie kämpfte, daß sie nicht gehen wollte. .. Sie war wütend auf Freunde, auf mich, auf sich, auf das Leben, auf die Krankheit. [S.172]„

… und nach der Wut die Resignation….

Diez beschreibt, wie diese Stimmungen auch schnell wechselten, wie sie Dankbarkeit für die Hilfe, die ihr angediehen wurde, zeigte und er vermutete, daß seine Mutter mehr wusste, als sie zeigte.

„Es war das, was es war, und dann war es vorbei.
Am Ende flachte ihre Wut ab.
Am Ende war sie nur noch einsam.
Und irgendwann hat sie sich aufgegeben.
Sie hatte entschieden, nicht mehr zu kämpfen.
Dann ging es sehr schnell. [S. 173]„
[ vgl. 1]

Georg Diez beschreibt in seinem Buch natürlich auch seine eigene Rolle in diesem Sterbeprozess seiner Mutter. Sie ist vor allem geprägt von Unsicherheit, von Angst, auch von den äußeren Bedingungen, da er diese Begleitung der Mutter in seinen „normales“ Alltag zwischen Beruf (er muss viel reisen) und Familie (das Kind, das er und seine Frau erwarten, die rosa Prinzessin, wie sie die Mutter nennt….) integrieren muss. Er erlebt, wie die Welt seiner Mutter immer kleiner wird, schrumpft auf ihr Zimmer mit dem Bett und dem Bild an der Wand, wie Dinge, die ihr früher wichtig waren, unwichtig geworden sind, sie nicht mehr interessieren. Im Gegensatz dazu all die vielen „das-letzte-Mal“ ganz bewusst wahrzunehmen, denn alles, was er mit der Mutter macht, wenn er sie im Rollstuhl durch die Straßen schiebt, kann das letzte Mal sein: der Besuch in der Konditorei, das Treffen mit Freunden, das Anschauen von dies und jenem.

So richtig, scheint mir, hat er keinen Zugang zu seiner sterbenden Mutter mehr gefunden. Gespräche, eventuell Aussprachen, klärende, helfende Gespräche – von denen erzählt er nicht. Viel wird geschwiegen zwischen beiden, aber es scheint mir nicht das Schweigen zu sein, das Menschen noch einmal verbindet. Er schreibt ja auch, wie einsam es um seine Mutter wird, ist wohl selbst nicht in der Lage, diese Einsamkeit durch seine Nähe zu durchbrechen. In einer Szene berichtet er, daß eine Freundin der Mutter in den letzten Tagen deren Hand hält und streichelt. Als die Mutter, die dabei schlief, aufwachte, entzog sie der Freundin ihre Hand sofort…. und selbst im Tod… ihr ehemaliger Mann, der Vater von Georg Diez hätte so gerne von der Verstorbenen Abschied genommen, doch der Sohn untersagte es ihm im Namen der Mutter, sie hätte es nicht gewollt. Wie unendlich grausam diesem Mann gegenüber….

Das Buch endet mit der Trauerfeier um Hannelore Diez. Nach der Feier wird noch einmal in die alte Wohnung gefahren und – erst zögerlich, dann immer entspannter – jeder nimmt sich aus der Wohnung Sachen, die er haben möchte, gebrauchen kann, mit nach Hause. Das fand ich schön, denn, wenn man gestorben ist, lebt man nur noch in der Erinnerung, aber Erinnerung braucht etwas, an das sie sich heften kann…. und in dem jeder etwas mitgenommen hat, hat auch jeder Erinnerungen an Hannelore Diez mitgenommen.

Facit: ein sehr intensives Buch, dem man Zeit widmen muss, das diese Zeit aber lohnt!

Links:

[1] Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[2] Besprechung in der taz

Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch; August 2009, geb., 199 S.
ISBN-10: 3462041428
ISBN-13: 978-3462041422

Jahr

Vor ein paar Monaten las ich irgendwo eine Kritik dieses Buches, das beschreibt, wie ein Vater seinem pubertierenden Sohn erlaubt, die Schule zu schmeissen und ihn stattdessen mit Filmen füttert, in der Hoffnung, daß sein Filius daraus für´s Leben lernen kann. Was ein Schmarrn, dachte ich…

Dann bekam ich das Buch geschenkt, habe es etwas ablagern lassen und jetzt am Wochenende doch mal reingeschaut und ich muss sagen: so schlimm ist es garnicht….

Den Grundplot habe ich ja schon preisgegeben: der 16jährige Jesse kommt mit der Schule nicht zurecht, er hasst sie förmlich. Sein Vater, der als Journalist und Filmkritiker beim Fernsehen arbeitet, macht ihm (da alle anderen Maßnahmen nichts bewirkt haben) als letztes Mittel ein ungewöhnliches Angebot: Jesse darf von der Schule abgehen und bei ihm leben, wenn er mit diesem regelmäßig die Filme schaut, die David (der Vater, ich nenn ihn mal so, denn das Buch ist ja autobiographisch) aussucht. Ein ganz privater Filmclub (so der Originaltitel) also.

Es ist ein Experiment, was David da startet und er hat große Zweifel, ob es wirklich ein guter Gedanke ist… und spätestens in der Szene, als Jesse seinen Vater fragt, wo Florida denn liege und wie man da hinkäme (Gilmour lebt in Toronto), teilt man auch als Leser diese Zweifel…. David selbst hat berufliche Probleme und wird arbeitslos. So hat er viel Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern. Dieser durchlebt in den drei Jahren (der deutsche Titel trügt etwas) die üblichen Krisen, die man als junger Mensch zu durchleben hat, die ersten (hoffnungslosen) Lieben oder die beginnende Abnabelung von den Eltern, in dem man sich Freiräume erobert.

Insbesondere die Freundschaften und Lieben von Jesse nehmen einen wichtigen Teil seiner Diskussion mit David ein. Zwischen Vater und Sohn herrscht hier eine weitreichende (das übliche Maß wohl überschreitende) Offenheit und David durchlebt in gewissem Sinn in diesen Gesprächen seine eigenen, verflossenen Liebschaften, an die er sonst wohl nie mehr gedacht hätte. Wirklich helfen kann David seinem Sohn nicht, Erfahrungen kann man nicht weitergeben, die muss jeder Mensch selbst machen und verarbeiten. So leidet David (in der typischen Manier des europäisch angehauchten Intellektuellen) hilflos mit seinem Sohn mit, schleicht ihm nach, wenn er ausgeht.. ab und an frage ich mich, wer muss sich hier eigentlich von wem abnabeln?

Die beiden schauen sich viele Filme an, die David manchmal der Gemütslage seines Sohnes entsprechend aussucht, manchmal machen sie Themenreihen durch, diskutieren über die Eigenarten der Regisseure und Darsteller (Brando ist der Beste… ) und diese Abschnitte des Buches, obwohl sie die einzelnen Filme ja nur anreissen, sind interessant. Ein paar Details sind es, als Appetithappen, die neugierig machen würden auf mehr Infos zu den Filmen….

Es ist ein Reifungsprozess, den das Buch beschreibt, von beiden. Sowohl Jesse als auch David machen ihn durch, beide verändern sich, verarbeiten ihre Probleme und Krisen und am Ende der drei Jahre, nachdem Jesse dann zu seiner Mutter gezogen ist und wieder mit der Schule angefangen hat. Nach dieser Zeit war Jesse „… nicht mehr das Kind seines Vaters…“, sondern ein eigenständiger, erwachsener Mensch geworden. Und David selbst? Er erkennt mit Wehmut, daß Jesse sein eigenes Leben gefunden hat…

Facit: eine sehr gut lesbare Vater/Sohn-Geschichte über ein ungewöhnliches Erziehungsexperiment, das sicher nicht zur Nachahmung geeignet ist.

David Gilmour
Unser allerbestes Jahr
S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2009, 256 S.
ISBN-10: 3100278194
ISBN-13: 978-3100278197

akjuen

Ich bin zu deutsch, um Türkin zu sein, und zu türkisch, mich eine Deutsche zu nennen.

So charakterisiert sich die Journalistin Akyün in ihrem kleinen Büchlein. Geboren in Anatolien ist sie in Duisburg aufgewachsen und lebt jetzt in Berlin. Sie war nie die folgsame türkische Tochter, sondern sie hat früh und konsequent die Lebensgewohnheiten ihrer neuen Heimat angenommen, ohne jedoch ihre türkischen Wurzeln zu kappen. Und so kann sie problemlos zwischen beiden Welten wechseln, und daß es zwei Welten sind, in denen Türken und Deutsche leben, beschreibt sie in ihrem Buch sehr plastisch und amüsant.

Sie zeigt uns, und ihr Bruder Mustafa ist das Paradebeispiel dafür, daß alle Vorurteile über die Türken in Deutschland zutreffen – und sie zeigt gleichzeitig, daß sie falsch sind. Es gibt eben nicht den Türken schlechthin, sondern viele, viele einzelne, die jeweils auf ihre persönliche Art integriert – oder auch nicht integriert sind. Besonders interessant sind aber die Passagen, in denen Akyün uns Deutsche den Spiegel aus der Sicht einer Türkin vorhält (insbesondere natürlich den Männern, die im Vergleich zum türkischen Mann erst einmal nicht so gut wegkommen, zumindest aus türkisch-weiblicher Sicht…), denn diese Sicht kennt man als Deutscher gewöhnlich nicht. Und sofort merkt man, daß Integration ja nicht nur heißt, neue Verhaltensweisen zu adaptieren, sondern auch, alte, liebgewonnene unter Umständen aufzugeben, was ja (seien wir ehrlich) garnicht so einfach ist.

Thema des Buches ist das tägliche Leben, angefangen von den Esssitten, der unterschiedlichen Art die Wohung einzurichten und auszustaffieren, dem Rollenverständnis von Mann und Frau bis hin zum Verhältnis der Familienmitglieder untereinander. Ein Schwerpunkt sind aber zweifellos ihre dem Verhältnis von Männern und Frauen gewidmeten Ausführungen oder (wie es der Klappentext plakativ ankündigt:) kurzgesagt: dem unterschiedlichen Balzverhalten von Türken und Deutschen. Wer da an manchen Stellen nicht grinsen muss, … na ja, der muss eben nicht grinsen. Aber ich habe schon…

Kann man sich als Mädchen bzw Frau gegen die Zwänge tief verwurzelter gesellschaftlicher Traditionen wie gerade der türkischen, zur Wehr setzen, setzt dies ein starkes Selbstbewusstsein und einen starken Willen voraus. Mit beidem scheint Frau Akyün ausgestattet zu sein, bei allem Amusement beim Lesen muss man festhalten, daß Selbstzweifel bei ihr nur selten zu spüren sind. Gerade auch auf ihre erotische Ausstrahlung, unterstützt durch tiefe Dekolletes und High Heels, mit der sie die deutsche Männerwelt in Verlegenheit bringt, ist sie stolz und trägt sie wie ein Banner vor sich her. Die erste Faltencreme als Geschenk zum 30. Geburtstag bereitet ihr nur wenig Freude….

Was man von dem Buch nicht erwarten darf (dies wird in Besprechungen des öfteren kritisiert), ist eine tiefgründige soziologische Studie. Natürlich ist hier alles subjektiv erzählt und mit Blick auf Effekt geschrieben, man darf sicher nicht alles verallgemeinern. Von 192 Taschenbuchseiten kann man nicht die Erklärung aller Phänomene verlangen. Aber ist es deswegen schlecht? Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Werken wird das Buch von Akyün gelesen, der Inhalt prägt sich ein und gerade was die Aussagen der Autorin über uns Deutsche betrifft, hat man so manches Aha-Erlebnis. Wer tiefgründiges nachschieben will, nur zu, es sei empfohlen… man wird fündig werden. Aber ob das dann für uns normale Leser so unterhaltend und einprägsam ist, bezweifel ich, schon ein Buch wie die Untersuchung von Kelek über die Erziehung türkischer Jungen ist, obschon fundierter in den Aussagen, schwieriger zu lesen und leichter wieder zu vergessen….

Facit: kurzweilig, amüsant, erhellend und Verständnis weckend. Sowie mit manchen Aha-Erlebnissen, wie wir so in den Augen der Türken erscheinen….

Hatice Akyün
Einmal Hans mit scharfer Soße
Goldmann Tb, 2007, 192 S.
ISBN-10: 3442154391
ISBN-13: 978-3442154395

Orhan Pamuk: Istanbul

Dezember 28, 2008

istanbul

Vor einigen Wochen begann ich diese „Erinnerungen an eine Stadt“ (so der Untertitel) von Pamuk zu lesen und habe seinerzeit ein wenig aus meiner eigenen Erinnerung über meine Zeit in Istanbul erzählt. Heute habe ich nun das Buch selbst fertig gelesen, aus der Zeit, die mittlerweile vergangen ist, kann man ersehen, daß das Buch sich nicht unbedingt wie ein Thriller liest. Aber das soll es ja auch nicht, es sind Erinnerungen des Autors an sich, seine Kindheit, seine Jugend, die er allesamt in seiner Stadt, seinem Istanbul verbracht hat, die Stadt, in der er noch heute lebt.

Den Inhalt des Buches zu beschreiben ist müßig. Er behandelt praktisch die gesamte Geschichte und Entwicklung der Stadt, besonders die kritische Übergangszeit Istanbuls nach dem Ende des osmanischen Reiches, da die Stadt seit dieser Zeit im Zwiespalt lebt zwischen Orient und Okzident. Die westlichen Einflüsse auf die Bewohner nehmen zu und zeigen eine (vorgebliche) Unterlegenheit des Ursprünglichen. „Hüzün“ nennt Pamuk dieses Gefühl, eine Art kollektiver Melancholie, Tristesse, Depremation und Niedergeschlagenheit der Einwohner Istanbuls, die sich als dämpfendes, sich unterlegen fühlendes Lebensgefühl über die Stadt legt:

„Wie alt hier alles ist! Nicht alt, altehrwürdig, antik oder altmodisch, nur veraltet!“ so zitiert Pamuk Joseph Brodsky (1985 [1]). … „Er hatte recht. Da das Osmanische Reich zusammengebrochen war und die Türkische Republik ausser ihrem Türkentum, das sie nicht recht zu definieren wusste, kaum mehr etwas anderes wahrnahm und sich somit von der Welt abkapselte, ging es mit der Vielsprachigkeit und den glorreichen alten Tagen dahin und Istanbul verkam zu einem langsam vor sich hin alternden, verödenden, schwarzweißen, monotonen und einsprachigen Ort.“ (S. 276)… „So habe ich denn auch Istanbul in meiner Kindheit nicht als große Weltstadt, sonders als großflächige, heruntergekommene Provinz erlebt. “ (S. 282)

So schildert der Autor nicht nur seine umfangreichen Studien zur Geschichte der Stadt in allen möglichen Archiven und Reiseberichten, auch seine eigenen Erfahrungen zeigen das Leben in Istanbul von seiner Alltagsseite. Pamuk wächst in einer Familie auf, der Wohlstand durch die Unternehmungen des Vaters stetig gemindert wird, Religion spielt keine große Rolle, das Leben wird nach westlichen Massstäben eingerichtet. Auch seine eigenes Leben, Aufwachsen schildert Pamuk in teilweise recht intimen Details, ob man als Leser jetzt alles so genau über „Bibi“ wissen will, ist natürlich eine andere Frage, aber ich vermute mal, dass Pamuk dieses Buch im wesentlichen für sich selbst geschrieben hat, wider das Vergessen, als Zusammenfassung und Exzerpt seiner eigenen Studien über Istanbul und das stetige Wechselspiel, das ihn zusammen mit dieser Stadt hat sich entwickeln lassen.

Es ist ein langwierig zu lesendes Buch, das sich in vielen Details verliert, mit vielen, meist unbekannten Namen, die man liest und wieder vergisst. Andererseits enthüllt es, gerade wenn man Istanbul vielleicht sogar etwas kennt, viele Detail und Fakten, die man in seinen eigenen kurzen Besuchen natürlich nicht kennenlernen kann. Bei manchen Buchpassagen meint man, mit dem Autor durch die engen Gassen alter Viertel zu gehen, den alten Häusern auf die windschiefen Wände zu schauen, im Hintergrund den Bosporus und Asien am Horizont zu erahnen. Man riecht die dunstige Wärme förmlich, voller Aromen nach Früchten und Verderbnis, nach Verlockung und Unrat. Alles ist zu finden hier in dieser Stadt und läßt man sich als Leser auf die langatmigen Schilderungen ein, kann man es sogar beim Lesen ahnen….

Facit: ein sehr gemächliches, ins Detail gehendes Buch über Istanbul, geschrieben von einem Istanbuler, der seine Liebe zur Stadt nicht verheimlicht. Ach ja, das Buch gibt einige sehr schöne alte Fotos aus Istanbul wieder.

Links:

[1] zu Joseph Brodsky

Orhan Pamuk
Istanbul
Fischer TB, Oktober 2008, 432 S.
ISBN-10: 3596177677
ISBN-13: 978-3596177677

Das Buch berührt mich auf eine sehr eigene Art. Sultan Khan, aus dessen Familiengeschichte hier erzählt wird, ist ein Büchernarr, der sich schon in den 70er Jahren seinen Traum von einer Buchhandlung wahrgemacht hatte. In genau dieser Zeit, 1974/5 bin ich aber als junger Mann mehrfach durch Kabul gereist, habe dort Aufenthalt gehabt, bin durch die Straßen geschlendert, über die Bazare, durch die Parks gegangen, habe in Geschäften, Teestuben und Restaurants gesessen, geschaut und mich unterhalten. Garnicht ausgeschlossen, daß ich seinerzeit an der Buchhandlung von Sultan Khan vorbeigekommen bin, und wenn ich dies bin, habe ich sicher einen Blick hinein geworfen…..

Leider habe ich damals nur wenige Bilder gemacht. Die Digitalfotografie gab es noch nicht, und die Menge an Filmmaterial war beschränkt. So ist meine Auswahl an Fotos aus Afghanistan sehr klein, aber trotzdem.. ein paar digitalisierte Dias habe ich…. wer noch ein paar andere meiner wenigen Fotos aus Afghanistan sehen möchte, kann dies auf meinen Fotoblog tun.

……………..

(von li nach re): ein junger Tuchhändler vor seinem Geschäft / ein typisches Straßenbild Kabuls aus dieser Zeit Mitte der 70er mit den kleinen (Handwerker)Läden im Erdgeschoss / eine Teestube an der Überlandstraße, über die praktisch der gesamte Verkehr verlief.

Zum Buch:

Sultan Khan gehörte mit seiner Familie in gewisser Weise dem afghanischen Mittelstand an – wenn es so etwas in diesem geschundenen Land gäbe. Jedenfalls geht es ihm mit seinen Buchhandlungen besser als den meisten seiner Landsleute, er kann lesen, nach dem Fall der Taliban kann er seiner Berufung, den Büchern und dem Bewahren afghanischer Kultur, ohne größere Einschränkungen nachgehen. Die zurückliegenden Zeiten waren nicht einfach für ihn: mehrfach im Gefängnis wurden seine Bücher zensiert (z.B. alle Bilder von Lebenwesen übermalt) oder gar verbrannt, als Buchhändler war er quasi per def. potentieller Regimefeind.

Asne Seierstad, eine junge norwegische Journalisten, lernte ihn kennen und auf die Frage, ob sie eine zeitlang in seiner Familie leben könne und dieses Leben kennen zu lernen und zu beschreiben, stimmte er zu. So konnte Seierstadt insgesamt 5 Monate in dieser afghanischen Familie verbringen, als Art Zwitterwesen zwischen Mann und Frau, denn als westliche Frau war sie den Grenzen, die eng um das Leben der afghanischen Frauen gezogen sind, nicht unterworfen.

Das Leben in Afghanistan ist, um es mit einem Wort zu sagen, wie weite Teile der Landschaft, wüst und voller Steine, die im Weg liegen. Trostlos. Die Menschen resignieren in dieser erstarrten Gesellschaft. Selbst in einem Haushalt wie dem Sultans, den man durchaus als gebildet und gemäßigt religiös einschätzen kann, gilt nur eins: nämlich sein Wort. Und ist er nicht anwesend, übernimmt sein ältester Sohn diese Rolle. Die Frauen sind wort- und weitgehend rechtlos, eine gewisse Wertschätzung erfahren sie nur, wenn sie gerade putzen, kochen oder im Rahmen ihrer biologischen Möglichkeiten von Nutzen sind…. Einzig die Lieblingsfrau Sultans (die er seiner bisherigen einzigen Frau eines Tages vor die Nase setzt) nimmt eine gewisse Sonderstellung ein, die aber auch einzig und allein von der Willkür Sultans abhängig ist – und der Tatsache, ob sie ihm einen Sohn gebiert oder nicht…..

Doch auch die jungen Menschen sind der Willkür des Familienoberhauptes ausgesetzt, er kann sie (soweit sie als Mädchen überhaupt eine Schule besuchen) von dort jederzeit wegholen, wenn sie – wie bei Sultan – z.B. in einem Buchladen arbeiten sollen. Aber auch die Jungen leiden: unter der Langeweile, dem Frust ihres fremdbestimmten Lebens, den fehlenden Perspektiven – nicht zuletzt auch darunter, daß die Möglichkeiten, das andere Geschlecht kennen zu lernen, nur knapp über Null liegen. Zwar gibt es Möglichkeiten, bestimmte Mädchen oder Frauen (z.B. Bettlerin, Witwen mit Kindern) auszunutzen und gegen Geld zum Sex zu erpressen, aber das treibt junge Männer oft noch tiefer in die Frustration….

Liebe als Bestandteil des Lebens spielt in Afghanistan praktisch keine Rolle. „Bei jungen Frauen handelt es sich vor allem um Tausch- oder Handelsware“, Hochzeiten werden als Geschäft betrachtet und zwischen den Eltern ausgehandelt, die Betroffenen werden weder gefragt noch haben sie die Möglichkeit, „Nein“ zu sagen, ohne Schande über die Familie zu bringen, was insbesondere für die Mädchen gilt.

Die Bhurka, die es in Afghanistan noch garnicht so lange gibt, ist Pflicht für Frauen, die das Haus verlassen – andererseits ist es auch die einzige Möglichkeit für die Frauen, sich gegen „Angriffe“ zu schützen. Auch Seierstadt hat sich derart ab und an der Bhurka bedient, wie sie schreibt. Symptomatisch, wie Seierstadt die Frauen außerhalb des Hauses bezeichnet, wenn sie z.B. einkaufen gehen: sie sind „Bhurkas“….. Bhurkas unter vielen Bhurkas….. anonym, austauschbar, bar jeder Individualität….

In ihrem Buch beschreibt Seierstadt dieses Leben der Frauen mit nüchterner, ernüchternder Distanz, diese Distanz macht die Trostlosigkeit des Eindrucks um so eindringlicher. Nur wenige Freuden unterbrechen das Leben der Frauen, z.B. der Besuch in einem Hamam. Blickkontakte (von anderen Kontakten ganz zu schweigen) zu anderen Männern dagegen sind praktisch eine Gefahr für jede Frau, denn sie bringen Schande über sie und die Familie. Zwar sind viele der Einschränkungen, die z.B. den Schulbesuch oder die Arbeit betreffen, mittlerweile aufgehoben, doch bestehen die Verbote in den Menschen fort. Für Frauen, die nie gelernt haben, „ja, ich will“ oder „nein, ich will nicht“ zu sagen, eine eigene Meinung zu haben, eigene Ansichten, die es nicht gewöhnt sind, überhaupt gefragt zu werden – denen nutzt es auch nichts, wenn offizielle Einschränkungen und Diskriminierungen fallen.

Den Jungen geht es zwar besser als den Mädchen, aber auch sie sind völlig der Willkür des Familienoberhauptes ausgeliefert, der sie jederzeit nach Gutdünken für seine Zwecke einsetzen kann, und das bedeutet meist, einen 10 – 12 stündigen Arbeitstag für Sultan Khan. Schule ist unwichtig, Ausbildung ist unwichtig, wenn der Vater dies sagt.

Liest man dieses Buch, fragt man sich unwillkürlich, wie man einem solchen Land helfen soll. Diese Verhaltensweisen sind offensichtlich dermaßen verinnerlicht, daß die Menschen trotz aller Unzufriedenheit nicht davon ablassen. Die afghanische Gesellschaft fesselt sich selbst in ihrer kulturellen Zwangsjacke…

Facit: ein sehr lesenswertes Buch mit intensiven Einblicken in eine fremde Gesellschaft.

Asne Seierstad
Der Buchhändler aus Kabul
List, März 2004, Tb.
ISBN-10: 3548604307
ISBN-13: 978-3548604305

Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.

Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft „hallo“. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: „Was willst du hier?“ – „Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?“ – „Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!“.

Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: „Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!“

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.

Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.

Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.

Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine „richtige“ Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.

Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.

Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.

Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.

Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973

Ist schon witzig, was die Feuchtgebiete so alles nach sich ziehen…. *grins*. Beim Wegstellen in mein Regal gehören sie halt thematisch in eine bestimmte Ecke und dort – steht auch die Millet, ein Buch, das zu seinem Erscheinen auch eine Menge Wellen schlug, weil es – zumindest darin den Feuchtgebieten ähnlich – sich um Tabus, gesellschaftliche Konventionen, moralische Kategorien nicht scherte. Und von einer Frau geschrieben war.

Um das Jahr 2000 herum schwappte aus dem französischen Raum eine ganze Welle von Büchern, die sich in verschiedener Art und Weise mit Sexualität befassten und von Frauen geschrieben waren: Baise Moi von Virginie Despentes (auch als Film), „Hure“ von Nelly Arcan, von Sarah: Ich bin gekommen, von Annie Ernaux: Sich verlieren oder eben das „Sexuelle Leben“ von Catherine Millet. Das sind die Bücher, die mir jetzt so spontan einfallen, ich bin sicher, es gibt noch mehr, die in diese Aufzählung gehören, wie beispielsweise das schon ein paar Jahre früher erschienene Büchlein „Das Unwetter“ von Deforges.

Ich erinnere mich noch gut, als ich mir das Buch seinerzeit (aus ähnlichen Motiven wie kürzlich das Werk von Roche) kaufte, las ich ein paar Seiten und das war es dann, das Buch, der Inhalt war einfach uninteressant. Jetzt, ein paar Jahre später, hat mich das Buch ich will nicht sagen, in seinen Bann gezogen, aber doch in gewisser Weise fasziniert (im übrigens finde ich keineswegs, wie Frau Millet sagt, daß dies ein Buch ist, das man mit einer Hand liest…).

Vielleicht ist das schon ein guter Einstieg in meine Eindrücke, dieses Buch betreffend. Nein, mit einer Hand lesend, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Zu nüchtern, distanziert, neutral sind die Schilderungen, zu beobachtend, analysierend und auch zu offen. Die Sachlichkeit, mit der Frau Millet ihre sexuellen Erlebnisse darstellt, läßt automatisch die Frage auftauchen, inwiefern sie überhaupt Lust empfunden hat bei ihren Aktivititäten, selbst die Abschnitte, die sich mir ihrer Lust befassen, sind so analysierend-neutral, daß es schwer fällt, dahinter ein erlebtes Gefühl zu sehen. Millet beschreibt ohne jegliches (zumindest denke ich das) Verschweigen die Entwicklung ihres sexuellen Lebens von früher Jugend an. Ich denke, man kann dieses Sexleben als exzessiv bezeichnen, was Umfang, Intensität und Häufigkeit und welche Randbedingungen man noch nennen wollte, einstufen.

Anonymer Sex mit mehreren, nein vielen Männern, auf Partys, in Clubs, im Park, auf Parkplätzen, auf Ladeflächen von LKWs, an allen möglichen Stellen, stundenlang, und Millet als Hauptperson wie die Spinne im Netz sich darbietend und männerverzehrend. In dieser Rolle, die ihrer natürlichen Schüchternheit entspricht (so schreibt sie, weil sie zu schüchtern war, mit ihrem männlichen Gegenüber zu reden, ergriff sie die sexuelle Initiative), ihrer Ansicht, Nacktheit sei ihr wahres Kleid, scheint sie zu versinken, ihre Erfüllung zu finden. Es gibt einzelne Szenenbeschreibungen in diesem Buch, bei denen ich unwillkürlich den Eindruck hatte, daß sie einen meditativen Akt darstellen, in dem die Hauptperson in der Konzentration auf ihre Körperöffnung und in der stundenlangen rythmischen Bewegung versinkt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Millet ihr Verhalten selbst als Suche nach dem heiligen Gral der Sexualität.

Das Buch hat keine Handlung und auch keinen Fortschritt, es sein denn, man nimmt den zeitlichen Verlauf mit seinen Entwicklungen als solchen. Wie schon erwähnt, ungeheuer distanziert und nüchtern beschreibt Millet ihre Erlebnisse, versucht ihre Beweggründe zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedeutung für ihr Leben einzuordnen. Vom Stil des Geschriebenen geben die Antworten der Autoren, wie sie in den verlinkten Interviews wiedergegeben sind, einen guten Eindruck. Eine einzige Passage des Buches, in der sie ihre Erlebnisse bei Spaziergängen im Süden Frankreichs schildert, vermittelt ansatzweise mehr als die rein deskriptive und analytische Aufzählung von Akten.

In der Summe übersteigt, ich muss es zugeben, das Beschriebene ein wenig das, was ich nachvollziehen kann, ich kann es nur glauben und akzeptieren, daß es Menschen gibt, die so fühlen und handeln. Es ist ein enormes, e-normes, also außerhalb der Norm liegendes Verhalten, das Millet mit großer Präzision beschreibt, welches auch, zumindest bei mir, den Impuls einer moralischen Wertung ob seiner Außergewöhnlichkeit und der Art der Darstellung garnicht erst aufkommen ließ.

Facit: „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ ist kein Buch, das mir im eigentlichen Sinn gefallen hat. Ich bin trotzdem froh, daß ich es jetzt im zweiten Anlauf gelesen habe, denn es eröffnet den Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit und auf Motive, Beweggründe für ein ansonsten wahrscheinlich völlig unverständliches „sexuelles Leben“.

Nachtrag vom 06. Januar 2009:

Eine sehr interessante Analyse des Buches ist bei Döpp (s.u.) nachzulesen:

Anhand vieler Textbeispiele und Zitate aus dem Buch attestiert er Millet eine durch Leere, Langeweile und Einsamkeit geprägte Beziehungsphobie, alle Kontakte sind auf der Körperliche reduziert, das sie ohne eigene Initiative erträgt. Sexualität sei ihr eine Quelle der Selbst- und Seinsvergewisserung, ein Sieg über ihre Lebensangst, ein Mittel durch die Berührung von außen zur realen Selbstwahrnehmung zu kommen. Einiege wenige Äußerungen von Millet lassen Döpp vermuten, daß sie in früher Kindheit in eine Missbrauchssituation gekommen sein könnte: „Es waren die sie missbrauchenden Erwachsenen, die, ohne sie nach ihrem Einverständnis zu fragen, die Initiative ergriffen. Und immer wieder rekonstruiert sie, ein Leben lang, die gleiche Situation, liefert sich ihr aus, um im Triumpf des Orgasmus sich zu retten, zu heilen, zusammenzufügen, was vorher zerbrochen war.
„Das sexuelle Leben der Catherine M.“ schildert die Sexualität eines missbrauchten Kindes, das einen Weg gefunden hat, durch eine exzessive Sexualität sich über ein früh erlittenes Trauma hinwegzuretten. …“

Hans-Jürgen Döpp: Sexuelle Freiheit als Ideologie (Von der Erodisierung des Erotischen) in: Der erotische Blick, konkursbuch 47, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Dez. 2008, S. 163 ff

Links:

Ein interessantes Chat-Gespräch mit C. Millet:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/28121/index.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4719&ausgabe=200203

Catherine Millet
Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann, Januar 2001
ISBN-10: 3442309646
ISBN-13: 978-3442309641

Im Nachgang sozusagen zu den Primzahlen habe ich mir das Büchlein von Dath gegriffen, denn einige der bei du Sautoy genannten Namen tauchen dort auch auf und insofern interessierten mich die Geschichte, die Dath zu den betreffenden Mathematikern schreibt.

Wie soll man das Buch einordnen? Sicher ist es kein Buch über Mathematik, die spielt eine nur untergeordnete Rolle in dem Buch. Ebenso wenig ist es eine Sammlung von Biographien, denn Dath stellt die Personen in fiktiven Situationen vor. Emmy Noether zum Beispiel trifft im Lauf ihres Lebens immer wieder auf einen symmetrisch gezeichneten Schmetterling, der ihr Hinweise gibt auf ihre Zukunft, auf das, was sie mal erreichen wird. Kolmogorow hingegen wird uns vorgestellt in einem fiktiven Gespräch mit Stalin und auch Dracula spielt hier seine Rolle. In ähnlich erdachte Situationen werden alle der 20 Mathematiker gestellt.

Was hier in den Texten zu den 20 Mathematikern zu finden ist, sind also Fantasien, mit denen Dath uns – tja, was? .. vielleicht seine Eindrücke von den Denkweisen, den Umständen, vom Charakter der derart Porträtierten näher bringen will. Ein literarisches Experiment also, das ich auch als solches auffasse, es bringt wenig greifbares, weckt aber an manchen Stellen (wie zum Beispiel in der oben erwähnten schönen Geschichte von E. Noether) die Neugier, genaueres zu erlesen. Und das ist ja auch nicht wenig.

Facit: Kein unbedingtes Muss, aber auch keine verlorene Zeit.

Dietmar Dath
Höhenrausch
Rowohlt Tb. 2005
ISBN-10: 3499619466
ISBN-13: 978-3499619465

Eine Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945)

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Redet man von Gummis, Kondomen, Präservativen, fällt einem immer auch der Begriff „Fromms“ ein, ohne, daß man jetzt auf Anhieb genauer sagen könnte, was oder wer hinter dem Namen steht. Nun, dem hilft dieses Büchlein, die Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945), ab.

Das Buch kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen:

- erstaunlich und verblüffend ist die darstellung der hygienischen Verhältnisse besonders in den Kriegen, in denen Geschlechtskrankheiten eine Vielzahl von Opfern unter den Soldaten forderten. Es bestand von Seiten der Armeeführung ein ganz dringender Bedarf an einer Verbesserung der Hygiene in den Feld- und Soldatenbordellen, die ja sogar von Armeeseite betrieben wurden. So wurden die ersten Kondomautomaten mit dem Slogan: „Männer, schützt eure Gesundheit!“ aufgestellt. Die Werbung mit dem verhütenden Aspekt war lange Zeit verboten (lief schließlich der offiziellen Staatsdoktrin entgegen) und erst 1932 wagte Fromm die Bewerbung seiner Kondome in Fachblättern, obwohl die Produktion auf kleinster Basis schon 1914 anlief.

- natürlich ist auch die Lebensgeschichte von Julius Fromm, der sich aus ärmlichen Verhältnissen kommend hochgearbeitet hat und dann mit Weitsicht und Mut eine herausragende Markstellung im Sektor „Gummiwaren“ erreichte, sehr interessant. Die Entwicklung der Familie, das Auseinanderreissen im Dritten Reich, die einzelnen z.T. tragischen Schicksale… Was mich aber noch mehr faszinierte, ist die

- z.T. minutiöse Darstellung der Art und Weise der Arisierung jüdischen Vermögens im Dritten Reich, insbesonder nach der Reichskristallnacht, wobei Fromm natürlich nur exemplarisch ist für die Gesamtheit aller Juden, denen nach 1939 ihr Vermögen von Staats wegen gestohlen wurde.

Eine umfangreiche bürokratische Maschine entwickelte sich um diese Enteignung, die formal und gesetzlich im Dritten Reich abgesegnet war. Nachdem ein Teil des jüdischen Vermögens durch Extrasteuern (Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Graf-Helldorf-Spende, Zwangsabgabe an die jüdische Gemeinde, Auswanderungssteuer etc pp) abgeschöpft wurde, Zwangsverkäufe von z.B. Immobilien gegen lächerliche Preise erpresst wurden, bedienten sich die Privilegierten direkt an den nach Vertreibung oder Deportation zurückgebliebenen Wertgegenständen, der Rest wurde über Auktionen in die breite Masse der Bevölkerung verramscht. Bei Fromm und seinen Fabriken bediente sich insbesondere Hermann Göring, wie im Buch im Einzelnen ausgeführt wird. Zum Schluss blieb vielen nur noch das sprichwörtliche Hemd am Leib….

Nach dem 2. Weltkrieg (Der Firmengründer selbst war 3 Tage nach der großen Siegesfeier in London verstorben) wurde die Firma durch die Deutsche Treuhandverwaltung zugunsten des DDR-Volkes sozialisiert, u.a. mit der (falschen) Begründung, Fromm hätte seine Arbeiter ausgenutzt, „um die jüdische Firma beim nazistischen Regime beliebt zu machen.“ Tatsache war jedoch, daß Fromm seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, Sozialräume, Duschräume vorhanden waren, die äußeren Arbeitsbedingungen gut waren und er seinen Arbeitern auch verbilligtes Essen anbot.

Facit: Ein kleines Büchlein, das man nicht unbedingt wegen der biographischen Daten lesen muss (ich bin selbst kein so großer Fan von Biographien), das aber einen sehr anschaulichen Blick auf den Vorgang der Arisierung im Dritten Reich bietet.

Götz Aly, Michael Sontheimer
Fromms
Fischer, Frankfurt; 2007
ISBN-10: 3100004221
ISBN-13: 978-3100004222