Arno Schmidt: Tina oder über die Unsterblichkeit

23. August 2014

Sollte Arno Schmidt Recht gehabt haben, so laden wir alle, die wir über Bücher schreiben, große “Schuld” auf uns. Dereinst, wenn unser oberirdisches Leben geendet haben wird und wir – die wir ja auch unter die schreibende Kaste fallen – ins Untergeschoss wandern werden, wird man uns jagen, werden Horden rezensierter und besprochener Autoren, Schriftsteller und Dichter uns dicht auf den Fersen sein, um ihren Zorn an uns auszulassen. Eine Schreckensvision? Ja, vielleicht – aber eine, die nach Schmidt Hand und Fuss hat….

Nachdem Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas [1] erschienen war und er wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtigen Schrifttums angeklagt wurde, zog er 1956 in das protestantische, d.h. liberalere Darmstadt um, der Grafiker Eberhard Schlotter, mit dem er sich befreundete (Schlotter beschreibt diese besondere Freundschaft hier in seinem Nachwort zu Tina und …) war ihm dabei behilflich. Aus dieser Zeit stammt das vorliegende Stück, in dem sich Schmidt der Unsterblichkeit des Dichters und seines Ruhms auf besondere Art und Weise nähert.

Aufs Dorf ziehen.
Doof sein.
Rammeln.
Maul halten.
Kirche gehen.
Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht,
in n Stall verschwinden :
dahin kommt er kaum nach !
Gegen Schreib= und Leseunterricht stimmen;
für die Wiederaufrüstung :
Atombomben !

Schmidts bestes Rezept für ein Erdenleben, so wie er es in Tina…. festhält: verhindert es doch auf bestmögliche Art und Weise, daß der Name irgendwo schriftlich fixiert wird. Denn der Name eines Menschen muss erst getilgt sein, bevor der Mensch endgültig verschwinden kann, sich in Nichts auflösen.. Bis dahin…

Der Autor, der in der Erzählung als Ich-Erzähler auftaucht, scheint vom Fenster seiner Wohnung in Darmstadt Blick gehabt zu haben auf eine Litfasssäule und einen Zeitungskiosk mit Zeitungsfrau. Beides Tarnexistenzen, wie der verblüffte Erzähler feststellt. Wurde er doch von einem ihm Unbekannten in der Apotheke (nachdem er Spitzbrüstigen auf ihr wurmpaarumschlängeltes Lächelloch geschaut hatte) schräg angelabert, vollgesülzt und neugierig gemacht, man ging zu zweit zu dem Kiosk, die Frau (nicht unsympathisch, so lang er wollte ihr Verweilen der Hand in seiner bei der Begrüßung) schloß den Kiosk, öffnete die Säule und zu dritt, recht eng, aber nicht unangenehm, so nah der Frau: Brust an Brust, und mit dem Fahrstuhl ging´s ab in die Unterwelt.

Was den Katholiken das Purgatorium scheint anderen das unterirdische Elysium zu sein: dort jedenfalls befand man sich jetzt und dem Besucher ward Aufklärung zuteil: Jeder Mensch kommt nach seinem phsischen Tod dorthin, bis alles schriftlichen Zeugnisse seiner Existenz von der Erde verschwunden sind. Bei Normalsterblichen, die ausser Kirchenbüchern und Taufregistern nicht allzuviele Spuren hinterlassen, kann dies recht schnell passieren, ein kleines Krieglein, Brände und der Wartende kann freudig seiner Auflösung entgegensehen. Schwieriger der Fall beim Dichter, insbesonderer derjenigen, die auf dem Olymp leben (und nicht sterben können). Geradezu tragisch wird es, wenn einer der Elysiasten kurz vor der Auflösung noch einmal Erwähnung findet in irgendeiner Anthologie, einer Sammlung von Gedichten, einem lexikalischen Beitrag gar über sonstnochwas…. der Urheber dieser Erwähnung kann sich auf eine wilde Hatz gefasst machen, wenn er das Elysium einst betreten wird..

So wird unser Erzähler von seinen beiden Begleitern durch die unterirdische Stadt geführt. Mit Tina, in der er ebenfalls eine Schreiberin entdeckt, entspinnt sich ein Techtelmechtel, sie hat ihm ihre Adresse gegeben und er besucht sie — und ganz offensichtlich trinkt er nicht nur seinen Kaffee dort… sie erklärt ihm zwischendurch, wie das Leben dort funktioniert, es ist garnicht so anders wie oberhalb auf der Erde, eine erquickliche Bürokratie hält den Laden am Laufen. Verschiedene dieser unterirdischen Städte sind per U-Bahn verbunden, man sortiert ein wenig nach Sprachen…. das Wetter wird von einer Kommission gestaltet und die Währung, mit der alles gezahlt wird, ist eher virtuell…. jedenfalls ist diese unterirdische Elysium die Erklärung für all die vielen Geschichten von Gnomen und Hohlen Bergen, von Hephaistos und Orpheus (und sicher auch von der Reise zum Mittelpunkt der Erde…)…..

Ja, Mann, haben Sie denn immer noch nicht gemerkt, dass Sie im Elysium sind?


Die Geschichte ist ein Spaß, man hat die wenigen -zig Seiten schnell, vielleicht in einem Stündchen genossen. Schmidt macht sich wunderbar fantasievoll lustig über seine Schriftstellerkollegen, die nach Unsterblichkeit sich sehnen, er malt sich aus, wie das sein könnte, wenn man sich das ganz real vorstellt: passenderweise in der Darmstädter Kanalisation (als ob eh alles für den A*** sei), denn oberirdisch sterben sie ja auch, die Goethes, die Schmidts, die Althings… ist die Unsterblichkeit für den Dichter also garnicht das Erstrebenswerte? Sollte er – dies die formulierte Quintessenz (sieh oben das Zitat) – im Leben einfach nur ein wenig rumrammeln (das übliche eben) und ansonsten gefälligst das Maul halten, weil er vllt eh nichts zu sagen hat? Oder drückt sich eine Art Todessehnsucht in dieser quälenden Vorstellung aus, eben nicht sterben zu können, zu dürfen?

An einer Stelle ist mir freilich das Lachen etwas im Hals stecken geblieben. Schmidt läßt seinen Althing [3]: jener, der den Erzähler mit in´s Elysium führt, der Tina drei Bücher geben, mit der diese am nächsten Tag ihren Kanonenofen im kalten Kiosk anheizen will. Und das wenige Jahre nachdem in Deutschland die Bücher brannten und viele, viele Schriftsteller, eine ganze Generation, mundtot:tot gemacht worden waren…..


Abgerundet durch die Erinnerungen des Grafikers Eberhard Schlotter [2] an seine Freundschaft mit Schmidt und dessen 25 Radierungen ist das Inselbüchlein zum Hundersten Geburtstag des Dichters ein schönes, kleines Geschenk, das man sich auch getrost selbst machen darf!

Links und Anmerkungen

[1] Weitere Buchvorstellungen von Arno Schmidt hier im blog:
Leviathan
Seelandschaft mit Pocahontas
[2] zur Webseite der Eberhard-Schlotter-Stiftung mit Infos über den Künstler: http://eberhard-schlotter-stiftung.celle.de/Home
[3]… der z.B. jenes hier verfasst hat: Gustchen oder Geschichte dreier Hochzeitsnächte; http://erotischebuecher.wordpress.com/2014/11/07/christian-althing-gustchen-oder-geschichte-dreier-hochzeitsnachte/

Zur Webseite der Arno-Schmidt-Stiftung: http://www.arno-schmidt-stiftung.de/home.html und natürlich auch ein Leckerbissen für alle Tina-Fans: http://www.inselstrasse42.de (ein herzliches Dankeschön an Jochen für den Hinweis!: http://radiergummi.wordpress.com/2014/08/23/arno.….)

 

Arno Schmidt
Tina oder über die Unsterblichkeit
mit einem Nachwort von Eberhard Schlotter
sowie 25 Radierungen desselben
Ersterscheinung: Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1958
diese Ausgabe: Insel Bücherei 1387, HC, 87 S., 2013

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10 Responses to “Arno Schmidt: Tina oder über die Unsterblichkeit”

  1. J. Kienbaum Says:

    Wenn Ihnen das kurze Nachwort von Eberhard Schlotter gefallen hat, dann sollten Sie sich unbedingt (wenn nicht schon geschehen) den Band mit dem Briefwechsel Schlotter/Schmidt besorgen. Dort tauschen (neben einigem Privaten) beide auch viel aus über ihre jeweils sehr verschiedenen Kunstfelder – und praktiken. Wirklich lesenswert. Zum zweiten: Sie wissen, daß es die Litfaßsäule immer noch gibt in Darmstadt?! Sie wird im Jubiläumsjahr von Studenten des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstad und der AS-Stiftung wechselnd bespielt. Mehr unter: http://www.inselstrasse42.de
    Auch eine schöne Comic/Graphic Novel-Version der Tina ist so entstanden; man kann sie (wenn nicht schon vergriffen) über die Uni bestellen. Genaue Bestelladressen etc. müssten über die Webseite zu erfahren sein. lg_jochen

    • J. Kienbaum Says:

      Oh, habe gerade erfahren, das schöne und schön gestaltete Tina-Comic ist leider restlos ausverkauft.

    • flattersatz Says:

      oh gott, jetzt sagen sie bitte nicht, der fahrstuhl wäre auch noch in betrieb!!!! das wäre dann fast zuviel der überraschungen….
      herzlichen dank für ihren ausführlichen kommentar. mit dem schlotter/schmidt-briefwexel schau ich mal, ich taste mich ja erst an den guten schmidt heran, immer mal wieder was kleines. sozusagen.
      mit der inselstrasse42.de ist “ärgerlich”, da schau ich schon immer so im umfeld eines buches herum und dann überseh ich das naheliegendste. tztztztz… ich ergänz den link natürlich gleich auch im beitrag.
      danke auch für die betrübliche nachricht vom ausverkauf des tina-comics. wollte mich gerade an die bestellung machen.. :-( andererseits wäre es auch ein ziemliche überraschung gewesen, hätte es noch unverkaufte exemplare gegeben…

      herzliche grüße und wünsche für ein schönes restwochenende!
      fs

  2. fraupixel Says:

    TINA fand ich großartig. Es war mein erster Schmidt, jetzt will ich mich an die umfangreicheren Werke wagen. Zettel liegt aber nicht auf meinem SuB :-)

    • flattersatz Says:

      hallo und ´tschuldigung für die späte reaktion, aber irgendwie ist der kommentar in den spam-ordner sortiert worden….

      ok, mit zettel waren wir noch ein weilchen, ansonsten bin ich bei meiner erkundung von schmidt mit den kürzeren stücken bislang gut gefahren… aber: kommt zeit, kommt sicher längeres auch noch zum zuge…
      lg
      fs


  3. Lieber Flattersatz,
    um Arno Schmidt habe ich mich seit Jahrzehnten immer drumrumgedrückt. Jetzt hast Du mich erwischt mit dieser tollen und sehr unterhaltsamen Besprechung – und die Tina ist soeben bestellt und morgen werde ich sie in der Buchhandlung meines Vertrauens auslösen und heimführen ins Regal für demnäxtixst zu lesende Bücher.
    Übrigens: Kann es sein, dass der Schmidt-Stil auf Deinen Schreibstil in dieser Besprechung abgefärbt hat? Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren und habe mich gelegentlich sehr amüsiert.
    Liebe Grüsse und danke für dieses sehr gelungene Stück
    Kai

    • flattersatz Says:

      du wirst sicher deinen spaß haben mit der tina, lieber kai, es ist ein richtig amüsantes schelmenstück. solltest du tatsächlich geschmack an arno schmidt finden, wäre die kleine gesamtausgabe von suhrkamp, auch wegen des preis/leistungsverhältnisses (sieh unten bei meiner pocahontas-besprechung) zu empfehlen. und schön ist sie:obendrein. ja, ja der schreibstil, ist schon was besonderes, wie der gute die normalsprache manchmal durch den wolfdreht.
      auch dir liebe grüße
      fs


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