Thomas Mann: Der Tod in Venedig

18. August 2014

Gustav von Aschenbach ist Literat, Schriftsteller, hochgerühmt im In- und Ausland. Seine Werke sind Exempel klassischer Schriftstellerkunst, dienen bei weitem nicht nur der Erbauung und der sittlichen Reifung des Lesenden, sondern werden ebenso zur moralischen Erziehung der Jugend herangezogen. Er, dem zum Halbhundersten Geburtstag der Adelstitel ob seiner Verdienste verliehen worden war, dem früh die Frau gestorben und der seither in asketischer, selbstdisziplinierter Weise dem Schreiben nachgeht, der in der öffentlichen Wahrnehmung auf dem Höhepunkt seines Ansehens, seiner Schaffenskraft steht, er selbst fühlt sich in einem krisenhaften Zustand der Erschöpfung, ja, gewissermassen ausgelaugt und der Erholung bedürftig.

Nicht der übliche Sommeraufenthalt des jetzt in München ansässigen von Aschenbach in den Bergen ist es, der ihn reizt, sind ihm doch die Berge und die Landschaft mit ihrem Sommergewittern zu schwer und zu eng in seinem gegenwärtigen Zustand, eine Landschaft heiteren Zuschnitts, leichter, beschwingter Atmosphäre, in der sich frei atmen ließe, der Blick ungehindert in die Ferne, die Weite schweifen könnte und ein lauer Wind die trüben Wolken, die das Gemüt umhüllen, verwehe. Eine leichte Meeresbrise, warm und mild, das ist es, was von Aschenbach jetzt benötigt, so bucht er einen Aufenthalt auf einer der adriatischen Inseln… doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm: das Wetter mit seinen Kapriolen konveniert nicht, die Menschen erscheinen unleidlich und schnell stellt sich dem Schriftsteller die Frage, warum er überhaupt hierhin und nicht auf die andere Seite des Meeres, in sein Venedig, gefahren sei.

Kurzentschlossen bucht er eine Schiffspassage, es ist ein schmuddeliger Kahn voll entsprechenden Volkes, welches ihn unter dem wolkenverhangenen Himmel durch das trübgraue Meer gen Venedig bringt. Doch welche Enttäuschung: keinesfalls empfängt ihn sein Sehnsuchtsort mit offenen Armen, vom Gondolieri wird sein Fahrtwunsch ignoriert, der vom Land aufs Meer wehende Wind drückt graue Stimmung in die Stadt und durch die Kanäle und Gassen wabern die Miasmen fauliger Ausdünstungen der Kanäle…

Im Hotel abends beobachtet von Aschenbach die Menschen, eine polnische Familie fällt ihm besonders auf, denn der Knabe neben den vier Schwestern dieser Familie deucht ihm dem Bild vollkommener Schönheit zu entsprechen, einer klassischen Schönheit wie sie die alten Griechen aus parischem Mamor herausmeisselten und uns Heutigen überlieferten. Noch kann er den Namen des vielleicht hablwüchsigen Knaben, der – das muss er zugeben – etwas bläßlich ist, nicht verstehen, nur die langgezogenen Vokale des Namens, mit dem man nach ihm ruft, klingen ihm im Ohr, später wird er hören, daß dieser Schöne “Tadzio” gerufen wird. Und ein wiederholtes, zweites “Noch”: Noch inspiriert der Knabe ihn zu allgemeinen Betrachtungen über die Schönheit, repetiert von Aschenbach den klassischen Text des Platon, Phaidros, der sich in allzeit gültigen Betrachtungen über Geist und Schönheit erschöpft…

Auch wenn der vormittägliche Strandbesuch, bei dem er den Knaben wiederum sah, ihn delektierte, so bekommt doch die Stadt dem Schriftsteller nicht: die glastende Hitze, der austrocknende Wind, der drückende Himmel: er fühlt sich nicht wohl und ist erinnert an einen schon länger zurückliegenden Aufenthalt in Venedig, den er auch der aus den äußeren Bedingungen resultierenden Unwohlseins heraus frühzeitig beenden, ja gerade zu abbrechen musste. Er ist entschlossen, wieder wird er fahren, morgen gleich wird er abreisen, diesen miasmendurchwaberten Flecken fauliger Dünste verlassen.

Ein schnell gefasster Entschluss des Mannes, den er am nächsten Morgen schon fast als übereilt ansieht und bereut. Und dankbar beinahe schon nimmt er die Tatsache, daß sein Koffer am Bahnhof in den falschen Zug gegeben wurde, zum Anlass, wieder ins Hotel zurückzukehren, wo ihm, dem am Fenster Hinausschauenden, Tadzio unter die Augen kommt und alle Trübsal aus seinem Gemüt verschwindet, ja, sich sogar Freude einstellt, Gewissheit, sich richtig entschieden zu haben.

Fortan gibt er sich der Beobachtung des Schönen hin und des Sinnierens über das Verhältnis von Geist und Schönheit. Beim Abendbrot, zu dem er sich mit Sorgfalt kleidet, speist Tadzios Familie in einer anderen Ecke des Saales, so daß er ihn nur aus der Ferne sieht. Doch am Strand, zu dem die Hotelgäste des Vormittags pilgern, der bunt fröhlich ist von allerlei Gegenständen, sieht er Tadzio, dessen Familie sich in seiner Nähe eingerichtet hat. Tadzio spielt im Sand mit den Kameraden, er geht ans Meer, wo kleine, drollig rollende Wellen ihm Fuß und Wade netzen, derweil der Knabe in anmutiger Haltung in die Ferne schaut…


Es gibt dann diesen einen Augenblick, in dem dieses noch distanzierte, aus dem Hintergrund erfolgende Beobachten des Gustav von Aschenbach umschlägt in direkteres, auf Heimlichkeit weniger Rücksicht nehmendes Verhalten. Es ist der Wendepunkt, es ist der Moment, in dem das Verhängnis seinen Lauf nimmt, ein Verhängnis, versteckt hinter dem Glück erwachter und gefühlter Liebe. Denn Tadzio und er begegnen sich eines Abends unverhofft im Park und der Knabe von appolonischer Schönheit lächelt von Aschenbach an: …. sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Lächeln erst langsam öffneten. Dieses Lächeln dringt unvermitteld und direkt hinein in von Aschenbachs Innerstes:: … Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen Schönheit die Arme streckt. Tadzio ahnt, weiß um das Interesse des Älteren an ihm und von Aschenbach ist ihm der Spiegel für sein Lächeln, dessen Wirken einer Erschütterung gleich die Potemkinsche Fassade distanzierten Interesses an allgemeiner Schönheit zum Einsturz bringend ihm seine Schönheit, seinen Glanz, sein Götterähneln zurückwirft wie ein Sonnenstrahl sich auf glatter Wasseroberfläche reflektiert. Der Ältere weiß um dies, weiß, daß er besiegt ist, daß Gegenwehr nicht mehr möglich: Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln! und er wird durchströmt von heil´gem Gefühl, das flüsternd sich nach außen bringt: * Ich liebe dich!*

So brechen alle Dämme beim Verliebten, der vor sich selbst seine Liebe eingesteht: So wusste und wollte der Verwirrte nichts anderes mehr, als den Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Selten nur durchbrach ein Innehalten diesen Strom süßer Verwirrung, um bald darauf wieder zu versiegen und Befremdlichsten Gedanken und unfassbar die Vernunft überschreitend Platz zu machen.

Und so wie sich diese Gedanken immer mehr in das Begehren von Aschenbachs hineinfraßen, ihn zu exotischem Verhalten nötigten wie dem Besuch des Friseurs, der ihm die Haare in der Farbe seiner Jugend färbte und gleichzeitig die Spuren des Alters in der Haut mit Schminke überdeckte, um derart nicht mehr vorhandene, längst verlorene Jugendlichkeit und Frische vorzutäuschen (merkte von Aschenbach nicht, wie er sich dem verachteten Gecken anglich, dem Trunkenen, den er auf der Überfahrt nach Venedig auf dem Schiff sah und kopfschüttelnd beobachtete – oder war es ihm egal?), so täuschte auch Venedig Gesundheit und Wohlbefinden vor, legte eine Maske auf, die Menschen, die Fremden vor allem, die sich hier aufhielten, zu täuschen. Doch hinter dieser Maske lauerte der Tod, der, nachdem er seinen Tanz schon in so vielen Ländern aufgeführt hatte, jetzt in Vendig angelandet war mit der Cholera im Gepäck und er spielte auf in der Stadt mit lauter Melodie und viele, viele folgten ihm….

Zwar versuchte die Stadtverwaltung mit allen Mitteln, den Ausbruch der Krankheit geheim zu halten, doch langsam sickerte das Wissen um sie doch durch und viele der Fremden reisten schnell ab. Von Aschenbach blieb, denn auch Tadzio mit seiner Familie blieb im Hotel wohnen, bis auch sie dann nach einigem Tagen sich zur Abreise bereit machten. Ein letztes Mal spielte Tadzio mit seinen Freunden am Strand, ein Ringen vor allem mit demjenigen der Kameranden, der jetzt, am letzten Tag nach den vielen, an denen der Schöne ihm Anweisungen gegeben, seine Gelegenheit nutzte, ihn zu demütigen und der Tadzio in den Sand zwang, den Kopf in den Sand drückte bis der Knabe heftig nach Luft schnappen musste – all das beobachtete von Aschenbach, selbst von Unwohlsein geplagt am Rand des Meeres sitzend. Und er sah Tadzio, aus dem klammernden Griff entlassen, an den Rand des Wassers gehen, sich dort anmutig zu drehen und in die Ferne zu deuten… in die Ferne und von Aschenbach folgte diesem Deuten, wie so oft, diesem Deuten ins Verheißungsvoll-Ungeheure…..

Er sank auf seinem Stuhl zusammen und brachte ihn noch auf sein Zimmer. Die Nachricht von seinem Ableben erschütterte noch am gleichen Tag die Welt.


Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912, 99 Seiten; Erstveröffentlichung "Der Tod in Venedig" in einer Auflage von 100 Exemplaren  Bildquelle: [B]

Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912, 99 Seiten; Erstveröffentlichung “Der Tod in Venedig” in einer Auflage von 100 Exemplaren
Bildquelle: [B]

1940 schrieb Thomas Mann: Alles stimmte auf eine besondere Weise, und wie im jugendlichen Tonio Kröger ist auch im Tod in Venedig kein Zug erfunden …. alles war durch die Wirklichkeit gegeben, war nur einzusetzen. …” [2]. Die Novelle als kühnes Werk der Selbsterkundung [2] des Schriftstellers enthält starke autobiografische Bezüge [1], im Internet sind leicht Bilder zu finden von Jungen, die Vorbild von Tadzio zu sein behaupten [z.B. 1]. Manns homoerotische Neigung ist mittlerweile bekannt, auch wenn Der Tod in Venedig des Alters Tadzios wegen (der “reale” Tadzio war noch jünger) wohl eher als pädophiles Gedankenabenteuer einzustufen ist. Sucht man dagegen das homoerotische Element, so tritt dies vllt im phallischen Traum von Aschenbachs gegen Ende der Novelle, diesem Höhepunkt einer dionysischen Ausschweifung, am deutlichsten zutage. Es ist ganz natürlich, daß ein solches Werk zur Deutung mannnigfaltigen Anreiz gibt…. [3]

Aber nicht nur diese hoffnungslose Liebe ist Gegenstand der Novelle, in von Aschenbach dürfte sich auch viel des Schriftstellers Mann wiederfinden, viele seiner inneren Monologe und Grübeleien befassen sich mit der Rolle der Kunst, der Schriftstellerei und ihrem Verhältnis zur Kultur, zur Erziehung, die Antike spielt eine große Rolle, immer wieder kommt von Aschenbach auf Platon zurück und dessen Gedanken zur Schönheit auch. Schriftstellerei ist, dies zur Belehrung des Lesers, nicht das einfache Herniederschreiben dessen, was die Muse dem Geiste des Schreibenden eingibt, es ist vielmehr diszipliniertes, asketisches Arbeiten, eine Art Kampf mit dem Wort, mit dem Gedanken, kommt doch dem Autoren hohe Verantwortung zu: als Übermittler hehren Gedankenguts, als Erzieher der Jugend, als Leitbild für alle. Leichte Unterhaltungsliteratur scheint Manns Sache nicht gewesen zu sein….

Eros und Thanatos, sie geben sich in dieser Novelle die Hand, tanzen gemeinsam ihren Reigen und nehmen von Aschenbach in ihre Mitte. Er, der hart arbeitende Schriftsteller (er vergleicht die Schriftstellerei an einer Stelle mit Krieg, den Schreiber bezeichnet er als Kämpfer), wird von beiden gepackt, die Liebe bringt ihn zur Unvernunft, er läßt sich zu Dingen hinreissen, die ihm vorher undenkbar gewesen wären und sie treibt ihn dem Tod in die Arme, denn des Gefühls wegen bleibt der Mann in der Stadt, die Tanzplatz auch des Todes geworden ist und erliegt ihm… in einem Moment, so dürfen wir annehmen, in dem er glücklich ist: im Anblick des Geliebten, der ihm die Richtung deutet, schwinden ihm die Sinne, er fällt in Ohnmacht und wacht nicht mehr auf: in seinem Sterben vereinigen sich Liebe und Tod….

Die Ausdünstungen der Kanäle, das belastende Glast der Sonne, die drückend Hitze, der dörrende Wind: all das sind die Zeichen des Todes in der Stadt, die parallel sich einfinden zum betörenden Glücksrausch, den süßen Gedanken und Vorstellungen, dem schrankenlosen Spiel der Fantasie des Verliebten, den Zeichen der Liebe.

Abschließend möchte ich noch meine persönlichen Eindruck wiedergeben. Thomas Mann, das waren für mich bis jetzt mehrere abgebrochene Leseversuche der Buddenbrocks, des Felix Krull ebenso wie des Tonio Kröger, das war eine Lesekreis-“erzwungene” Lektüre der Lotte in Weimar [4] und dann jetzt “Der Tod in Venedig”. Ein paar Seiten am Anfang waren Durststrecke – aber dann habe ich richtig Freude gehabt am Text. Diese Satzkonstruktionen, diese Worte, diese Kunst! Zum Schluss wurde es sogar richtig spannend… aus dieser, meiner Erfahrung heraus kann ich allen Mann-Skeptikern diese Novelle mit gutem Gewissen als vllt gelingbaren Einstieg empfehlen!

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel zum “Tod in Venedig”: http://de.wikipedia.org/…
[2] Thomas Mann, Über mich selbst, 1940; zitiert nach: Barbara Sichtermann/Joachim Scholl: 50 Klassiker der Erotischen Literatur, Hildesheim, 2011, S. 178
[3] zumindest in Auszügen ist zu diesem Thema bei google.books eine Zusammenstellung von Susanne Widmaier-Haag einzusehen: Es war das Lächeln des Narziss: die Theorien der Psychoanalyse im Spiegel der literatur-psychologischen Interpretation des “Tod in Venedig”; in: http://books.google.de/books?…..

[B]ildquelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Death_in_Venice; «Wikimedia: Foto H.-P.Haack» [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons. Unter dem Link zum Bild findet sich eine ausführliche Darstellung dieser Erstausgabe.

Thomas Mann
Der Tod in Venedig
Originalausgabe: Hyperion, 1912
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 140 S., 2010

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4 Responses to “Thomas Mann: Der Tod in Venedig”

  1. Karin Braun Says:

    Mir hat dieses Buch so wenig gefallen. Während ich andere Werke Mann´s durchaus schätze, fand ich dieses hier irgendwie ärgerlich.

    • flattersatz Says:

      liebe karin, jetzt hätte ich es fast verschwitzt (und das bei der momentanen kälte!), dir zu antworten. es würde mich natürlich interessieren, woran sich dein “ärgerlich” entzündet! liegt es an der art, in der mann geschrieben hat oder am inhalt? ich würde mich über eine antwort freuen!

      • Karin Braun Says:

        Eigentlich lag es an beiden. Die Geschichte fand ich einfach langweilig. So melodramatisch. Dieser egoistische, alte Trottel. Dazu diese sehr gestelzte Sprache. Irgendwie war mir die Geschichte widerlich. Alles Liebe Karin


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