Martin Bettinger: Ein Galgen für meinen Vater

12. März 2014

Martin Bettinger, Bildquelle [4]

Martin Bettinger,
Bildquelle [6]

Den Autoren Martin Bettinger [1] habe ich hier im Blog schon einmal vorgestellt [2], seinerzeit mit einer leichten Sommerkomödie, einer Beziehungsgeschichte. Auch bei diesem kleinen Büchlein geht es um eine Beziehung, es eine Vater-Sohn Geschichte, aber es ist keine leichte und unterhaltsame Komödie, sondern der traurige und schwere letzte Gang des Vaters, auf dem ihn sein Sohn begleitet.

Der Vater, ein rüstiger Mittachtziger, war Zeit seines Lebens ein praktischer, anpackender Mensch voller Tatendrang, ein Ingenieur. Die Berge, das waren seine Leidenschaft, eine Leidenschaft, die er auf seinen jüngsten Sohn, den Erzähler Tom, vererbt hat. David dagegen, der ältere der beiden Söhne (auch er Ingenieur), verwirklicht seinen Traum in Neuseeland, dort baut er sich in den Ferien ein Haus, will wohl dahin ziehen. Ein Traum, mit dem sich wohl auch der Autor ein wenig in den Roman einbringt.

Die Mutter ist gehbehindert, kann sich mit Gehhilfen noch halbwegs behelfen, eine Hüfte ist künstlich. Die Ehe – mehr schlecht als recht, so werden wir im Lauf des Buches erfahren. Der Vater war dem Weiblichen an sich und auch ganz konkret nicht abgeneigt, die Eifersucht der Mutter mehr wie berechtigt. Zu einer Scheidung konnte sie sich jedoch nicht entschließen, der Schlafzimmer allerdings waren es schon lange zwei.

Ein langes Leben des Vaters also, das sich innerhalb weniger Stunden grundlegend verändert. Es fängt relativ harmlos an, mit einem tauben Fuss, Schmerzen dort, einem Sturz im Bad. Im Krankenhaus wird eine Thrombose festgestellt und behandelt, der Vater wünscht sich für den nächsten Tag eine Illustrierte und was anderes zu trinken als diesen Krankenhaustee.

Am nächsten Tag finden die Kinder den Vater allerdings “verkabelt” vor: Infusionsschläuche, eine Gesichtsmaske, Fesseln an Füßen und Händen. In der Nacht, so die Auskunft, sei etwas aufgetreten, das sie “Durchgangssyndrom” nannten: Aggressivität, Orientierungslosigkeit, Panikattacken. Problematischer sei aber, daß die Untersuchung ergeben habe, daß das Herz allenfalls noch 30 % der Leistung bringe…. Der Vater selbst zeigte in den nächsten Tagen zunehmende Verwirrtheit, neben klaren Augenblicken, aber es wird deutlich, daß der alte Mann langsam in eine Demenz hineinrutscht.

Als dementsprechend schwierig erweist sich die Pflegesituation zu Hause. Besonders die Störung des Tag/Nacht-Rhythmus macht den Söhnen Probleme. Den Söhnen, weil sich zumindest zeitweise die beiden Brüder in die Betreuung teilen, wobei David aber seine eigenen Interessen, sprich: die neuseeländischen Träume, nicht aufgibt. Daher bleibt ein Großteil der Belastung dann doch bei dem jüngeren hängen. Störung des Tag/Nachtrhythmus heißt ganz konkret: alle 30, 40 Minuten ertönen in der Nacht angsterfüllte Rufe des Vaters nach dem Sohne, manchmal verbunden mit der Bitte nach Trinken, einem Umlagern, aber meist einfach nur nach dem Dasein, dem Verscheuchen der Angst, dem Dunkel…. Während der Vater dann tagsüber meist ruhig schläft, hat der Sohn dagegen sein Leben zu organisieren.

Wobei er noch Glück hat, daß er sozusagen freiberuflich als Bergführer arbeitet. Die frühe Leidenschaft, die er so sehr mit dem Vater teilt(e), hat er zu seinem Beruf gemacht. Wie viele der längst bewältigten Touren geht er jetzt in der Erinnerung, in vorweg genommenen Abschied noch einmal durch, erwandert sie noch einmal mit dem Vater.. in ihnen memoriert er den Mann, den Vater, den er kannte: den starken Mann, der ihm Sicherheit bot, den Vater mit den kräftigen, schützenden Händen, den Vater, dem so oft der Schalk im Nacken saß, der ihm alles beibrachte, der ihn behütete, aber auch forderte…. vergangen, nicht mehr erkennbar in dem jämmerlichen Bündel Mensch, der sich unentwegt den Verband vom eiternden Zeh reißt, um die Wunde ein ums andere mal wieder aufzukratzen….

Fast schon slapstickartig wird die Episode der Pflegekraft aus dem östlichen Europa, die Tom einstellt, geschildert. Pflegekraft: es ging nicht mehr für den Bruder, der so erschöpft war, daß er tagsüber immer öfter mit torkelndem Gang in der Wohnung an Wänden und Schränken anstieß …. an die Buchung neuer Bergtouren für die kommende Saison ist überhaupt nicht zu denken…. Aber auch Nijole, die Pflegerin, hatte sich ihre Aufgabe wohl anders vorgestellt, nach einigen Wochen war Tom wieder allein auf sich gestellt….

Die Spirale nach unten dreht sich beim Vater immer schneller. Immer schwieriger die Ernährung, immer angstvoller die nächtlichen Rufe, kaum noch eine Phase von Klarheit. Das Zuhause kommt abhanden, der Vater erkennt es nicht mehr, immer deutlicher driftet sein Geist in die Vergangenheit ab, in den Krieg, den er überlebte und in dem Lager, in dem er sich jetzt wähnt. So kriecht er durch die Wohnung, eine Blutspur hinter sich her ziehend, versucht, durch den Abwurfschacht zu entkommen, denn sein Geist ist weit zurück gewandert, ist wieder im Lager, in Russland….

Und irgendwann ist der schreckliche, der verständliche Gedanke da, der Gedanke, daß der Tod gnädiger wäre für den Vater als dieses Leben und auch selbst könnte man in das eigene Leben zurückkehren…

Noch einmal wird der Vater in ein Krankenhaus eingeliefert, als psychiatrischer Notfall wegen seiner Aggressivität. Sein körperlicher Gesamtzustand ist katastrophal, er wird bald wieder nach Hause entlassen. Zu Hause erlöst ihn ein paar Tage später der Tod vom Leben.

************

Bettingers Buch ist ein schmales, kleines Bändchen, es ist in kurzer Zeit gelesen, es innerlich zu verarbeiten, nimmt mehr Zeit in Anspruch. Ähnlich wie es Geiger erzählt [4], erlebt auch hier ein Sohn, wie sein Vater in die Demenz abgleitet. Dieses Abgleiten entfremdet den Vater, es ist nicht der Vater, der ein Vorbild war, der erzogen hat, der stark war und beschützte, der voran ging. Jetzt, als Dementer, haben sich die Rollen vertauscht, der Vater braucht einen Beschützer, einen, der ihn bei der Hand nimmt und führt. In dieser Diskrepanz zwischen dem “Jetzt” und dem “Damals” spielen die Erinnerungen eine große Rolle und mit diesen Erinnerungen entsteht ein neues Gefühl der, ja, der Liebe zu diesem Menschen, den man – verglichen mit früher – nicht wieder zu erkennen mag. Es ist ein wenig auch eine Liebe wie zu einem Kind, das noch der Hilfe bedarf, es ist auch die Art von Liebe, die man braucht, wenn man einen Menschen in so einer problematischen Situation (die ja zusätzlich immer auch die eigene Lebenssituation definiert) begleitet, betreut, beschützt.

Sehr deutlich und ungeschminkt schildert Bettinger die Problematik der häuslichen Pflege. Diese ist meiner Meinung nach (und das deckt sich mit den Erfahrungen, die Bettinger seinem Tom zuschreibt) im Falle eine Schwerpflegebedürftigen kaum zu bewältigen, ohne massiv die eigenen Bedürfnisse nach Schlaf, nach Ruhepausen, nach einem halbwegs geordneten Leben zu beeinträchtigen. Eine Pflegesituation, die zum Ergebnis führt, daß irgendwann der Pflegende selbst an seiner Überlastung erkrankt (ob seelisch und/oder körperlich ist dabei egal), ist falsch organisiert worden. Daß auch die externe Pflegekraft aus Osteuropa nicht das Allheilmittel ist, auch das deutet Bettinger (mit einer gewissen Situationskomik) an – wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob er da nicht auch ein paar Vorurteile bedient, denn das kann ich auch anders….

Ja, es treten Gedanken auf: “Tu uns den Gefallen und stirb endlich!” und diese Gedanken sind nicht schön und man erschrickt vor ihnen, aber sie verdeutlichen nur die eigene Belastung und den verständlichen Hilferuf: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich will zurück in mein eigenes Leben! Dieser Gedanke ist auch ein Ventil, mit dem sich Angestautes einen Weg nach außen bahnt, deswegen sollte man ihn auch nicht verdrängen und verleugnen…. situationsbedingt mögen sogar aggressive Handlungen auftreten, die man wirklich nicht will, aber man weiß sich im Moment einfach nicht zu helfen, der Vater klammert sich an dieses Rohr, ausgerechnet jetzt, wo ich es demontiere, weil er es nie anfasste, ausgerechnet jetzt, wo ich die Nacht kaum geschlafen habe und gleich noch weg muss, lass los, lass doch endlich los.. ja, mit Kraft, mit Gewalt, einer kleinen Gewalttätigkeit geht es auf einmal… und man ist erschrocken über sich und kann es nicht fassen… [5].

Es wird im Buch nicht klar, in welcher Zeit die Handlung angesiedelt ist. Begriffe wie Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht tauchen nicht auf, weder, daß sie vorhanden sind, noch daß Ärzte nach ihnen fragen. Der Hausarzt scheint noch, wie der Vater (84-jährig), den Krieg zu kennen, zumindest legt der Autor ihm Aussagen in den Mund, nach denen man dies vermuten muss, auch dies verwirrt ein wenig…. wie alt die Söhne sind, ist nicht ganz klar, aber vom Alter des Vaters her, auch nicht mehr jung. Um so belastender dann die Pflegesituation natürlich in körperlicher Hinsicht…. obwohl: Tom hat mit Lena eine 10jährige Tochter, die Art, wie sein Leben geschildert wird: man vermutet ihn jünger…

Letzteres ist mir nur aufgefallen, es tut der Eindringlichkeit des Büchleins keinen Abbruch, das eine Erzählung ist von der zerstörerischen Kraft der Demenz als auch vom Sterben. Manche Situation, die Bettinger schildert, kam mir bekannt vor, vor nicht allzu langer Zeit habe ich selbst ähnliches erlebt… Wer sich auf (und auch das ist dem Autoren gelungen) durchaus kurzweilige Art mit diesem schweren Thema befassen möchte, wer vielleicht auch einen literarischen Einstieg in diese Thematik sucht, ist mit “Ein Galgen für meinen Vater” gut beraten.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.martin-bettinger.de
Martin Bettinger auf Facebook: https://www.facebook.com/martin.bettinger.autor
]2] Martin Bettinger: Die Liebhaber meiner Frau; https://radiergummi.wordpress.com/2010/07/12/martin-bettinger-die-liebhaber-meiner-frau/
[3] gestrichen
[4] man muss hier einfach auf das bekannte Buch von Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil hinweisen, weil sie die beiden Texte doch mit sehr analogen Situationen befassen:  https://radiergummi.wordpress.com/2011/03/13/arno-geiger-der-alte-konig-in-seinem-exil/
[5] Gewalt in der häuslichen Pflege ist kein exotisches Thema, wie eine Recherche sofort zeigt.. hier zwei kurze Übersichten: http://www.ppm-online.org/verlag/artikel-lesen/artikel/gewalt-in-der-pflege-bei-demenz/ und http://www.magazin66.de/2012/10/tabu-gewalt/
[6] Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Bettinger, Foto by Anja Klam (Anja Klam) [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Mehr Bücher zum Themenkreis: “Sterben, Tod, Trauer” im Themenblog: http://mynfs.wordpress.com

Martin Bettinger
Ein Galgen für meinen Vater
diese Ausgabe: Conte-Verlag, HC, ca. 122 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

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2 Responses to “Martin Bettinger: Ein Galgen für meinen Vater”

  1. Xeniana Says:

    Danke für diese Besprechung.Ich fürchte nun doch mein Buchkauffasten unterbrechen zu müssen.


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