Mirjam Pressler: Golem stiller Bruder

5. März 2014

Dies ist das erste Buch von Mirjam Pressler, mit dem ich sie hier im Blog als Autorin vorstelle, dagegen war sie schon des öfteren als Übersetzerin aus dem Hebräischen hier zu Gast gewesen… [1, 2]. Das ich dieses Buch von ihr heute hier vorstelle, hat auch seinen Grund, denn bald werde ich in meiner Vorleseveranstaltung Geschichten um den Golem vortragen…

“Golem stiller Bruder” ist eine Geschichte, die im Prag um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert angesiedelt ist. Es war eine gute Zeit für Prag [6], als Herrscher auf dem Hradschin residierte Kaiser Rudolf II, ein den Künsten und der Wissenschaft aufgeschlossener Monarch, wenngleich als Herrscher eher schwach [5]. Tycho Brahe war zu dieser Zeit in Prag, auch Kepler arbeitete dort als Astronom (Max Brod hat diese beiden Männer in seinem Roman “Tycho Brahes Weg zu Gott” porträtiert [4]), Astronomie, Astrologie und Alchemie standen in hohem Ansehen.

Der Begriff “Golem” ist alt, er kommt in Psalmen vor und bezeichnet “Unfertiges, Ungeformtes”, steht aber auch für “dumm” oder “hilflos”. Legenden um den Golem als eine aus Lehm geschaffene Figur sind ebenfalls alt, der Golem, wie er uns als Begriff zumeist bekannt sein wird, wird jedoch erst seit dem 18. Jahrhundert benutzt und zwar im Zusammenhang mit der Figur des (historischen) Rabbi Löw. Damit ist die Existenz des Golem auch mit Prag um 1600 verknüpft, ein durchaus logischer Zusammenhang, war die jüdische Gemeinde um diese Zeit in Prag recht groß und genoss unter dem Monarchen viele Freiheiten, die sie anderswo nicht hatte. Auch von Treffen zwischen Rudolf II., der sehr auch an Alchemie interessiert war und dem Rabbi Löw, der als großer Kenner der Kabbala galt, wird berichtet. Eine schöne Zusammenfassung über die Prager Golemsage ist hier [7] zu finden.

Bekannt sein dürfte auch der phantastische Roman von Gustav Meyrink: Der Golem, der zwar wenig mit dem Golem zu tun hat, aber in der Prager Judenstadt [11] spielt. Auch im Computerbereich ist der Golem als Begriff bekannt, sucht man im Internet nach “Golem” findet man News-Dienst für IT, der polnische Autor Lem hat Geschichten geschrieben, in denen er seine futuristischen Rechner Golem nannte, auch die Figur des “The Incredible Hulk” hängt eng mit der des Golem zusammen [8] und auch im Kino ist die Figur aufgegriffen worden [9]. Und last noch least, ist nicht auch die Porzellanherstellung ein Schöpfungsakt, der an die Schaffung des Golems, zumindest äußerlich, erinnert? Diesen Gedanken findet man wenigstens bei Chatwin in seinem entzückenden Roman “Utz” [10]. Und daß die Figur des “Frankenstein” an den Golem erinnert, verwundert ebenfalls nicht…

Die Schaffung des Golem mit Hilfe kabbalistischen Geheimwissens aus Lehm ist auch ein Akt, der dem Schöpfungsakt des Menschen, der Erschaffung des ersten Menschen, Adams, gleicht, er stellt in gewissem Sinn eine Herausforderung Gottes dar. Bei der Schaffung des Golems imitiert der Mensch seinen Gott, bzw. – so läßt Pressler es ihren Rabbi Löw ausführen – ruft er ihn mittels der Geheimlehre zur Hilfe und es entsteht ein Wesen, ein unvollkommenes Wesen: unbesiegbar stark, aber ohne Stimme und Gefühle, nur geschaffen, seinem Schöpfer zu gehorchen und die Juden zu schützen vor den Übergriffen der Christen. Denn auch das ist wahr: mögen die Juden im Prag des Rudolf II. auch offiziell viele Privilegien genossen haben, so bedeutete dies nicht, daß sie im Alltag, im täglichen Leben nicht drangsaliert wurden bis hin zu Hetzjagden und der äußerst gefährlichen und folgenreichen Beschuldigung, Ritualmorde an Christen verübt zu haben, um deren Blut für ihre Zeremonien zu verwenden.

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Mirjam Pressler macht in ihrem Jugendbuch “Golem…” zweierlei. Sie bettet einige Legenden und Sagen um diese Figur [3] in eine Rahmenhandlung ein. Durch diesen Kunstgriff werden diese alten Geschichten nicht einfach erzählt, sondern sie sind integraler Bestandteil der Handlung. Jankele, der Held der Geschichte, erlebt dies alles mit eigenen Augen. Und zum zweiten vermittelt die Autorin mit ihrer Geschichte viel über jüdisches Leben, jüdisches Denken in dieser Zeit, über die stetige Gefahr, in der die Juden schwebten, selbst wenn sie offiziell vom Kaiser mit Schutzbriefen ausgestattet wurden.

In der Rahmenhandlung spielt – wie schon erwähnt – der junge Jankele die Hauptrolle. Er kommt mit seiner jüngeren Schwester Roschele nach Prag. Die Tante, die die beiden Kinder nach dem Tod der Mutter und während der Reisen des Vaters (eines fahrenden Buchverkäufers) aufzieht, ist erkrankt und schickt sie nach Prag zum Großonkel, dem berühmten Rabbi Löw. Die Stadt und der Rabbi sind einschüchternd, doch langsam gewöhnt sich Jankele ein, nur der tumbe, stumme Bursche Josef, der morgens mit seelenlosem Blick das Haus des Rabbis verläßt und der des Abends wiederkommt und auf den Speicher stapft, verstört und ängstigt ihn. Eines Nachts hält er die Neugier nicht mehr aus und schleicht dem Josef nach.. und was er entdeckt, jagt ihm Schauer der Angst über den Rücken: Josef liegt wie tot auf dem Speicher… doch am nächsten Morgen stapft er wie jeden Morgen durch das Haus und geht nach draußen… schließlich erfährt Jankele von Schmulik, seinem Freund, das Josef ein Golem ist, der geschaffen wurde, die Juden zu beschützen.

Eines Tages kommen Soldaten in die Judenstadt und dringen in das Haus Reb Maisls, des reichsten Mannes in der Judenstadt, ein. Dort schlagen sie alles kaputt, reißen die Schränke auf, zerren alles heraus.. und dann geschieht das Schlimmste, was geschehen kann: im Keller finden sie die Leiche eines christlichen Mädchens! Und sie haben zwei Augenzeugen, die bezeugen können, der Jude hätte das Mädchen umgebracht, um an ihr Blut zu kommen!

Die Hilfe muss schnell kommen, denn schon bald wird die Gerichtsverhandlung sein und wer wird einem Juden schon glauben, wenn zwei Christen gegen ihn Zeugnis ablegen? Also schickt Rabbi Löw den Golem los, der alles kann und weiß, was zum Schutz der Juden notwendig ist und Jankele soll ihn begleiten, da der Golem stumm ist und einen Sprecher braucht….. es wird ein aufsehenerregender Prozess und Reb Maisl wird freigesprochen und der Kaiser wird auf die Sache aufmerksam und lädt den Rabbi mit seinen beiden Helfern auf seine Burg ein.

Der Kaiser ist beeindruckt und er erläßt einen Schutzbrief für die Prager Juden: niemand darf sie mehr des Ritualmordes beschuldigen! Welch ein Jubel in der Judenstadt, welche eine Freude, welch eine Erleichterung der Seelen. Doch allein – des Kaisers Schutzbrief ist das eine, hetzende Mönche das andere…. und so rottet sich die Menge doch wieder zusammen und zieht plündernd und mordend in das Judenviertel ein. Viele Tote sind zu beklagen und wäre der Golem nicht, wären es noch mehr geworden, bis endlich des Kaisers Garden den Mob zurückdrängen können…. aber o weh! in das Aufräumen hinein dringt Kunde von neuem Unglück: der Golem, der Beschützer, er ist es jetzt, der alles zerschlägt, der eine Spur der Verwüstung auf seinem Gang durch die Gassen nach sich zieht… Nur auf eine Weise kann er gestoppt werden und Schmulik wagt es, wohl wissend, daß er keine Chance hat…

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“Golem stiller Bruder” ist ein Jugendbuch, dessen Handlung ganz aus der Perspektive der Juden geschildert ist. Ein Erzähler schildert das Geschehen, und fast unmerklich streut Pressler in diese Schilderungen Abschnitte ein, in denen sie ihre Hauptperson Jankele selbst erzählen läßt. Dadurch schafft sie Identifikationspotential mit ihrem Protagonisten. Im Lauf der Geschichte wandelt sich das Verhältnis zwischen Jankele und dem Golem. Hat der Junge anfangs noch Angst vor dem riesigen Wesen, gewinnt er spätestens bei der Suche nach Rettung für Reb Maisl Vertrauen zum Golem – und erstaunlicherweise läßt Pressler auch ihren Golem Gefühle zeigen, zum Beispiel winkt er zurück, wenn Jankele ihm zuwinkt. Und auch sein Blick scheint an Seelenlosigkeit einzubüßen… um so überraschender und rätselhafter der Amoklauf des Golems, der letztlich dazu führt, daß er wieder vernichtet wird.

Es muss ein ärmliches Leben gewesen sein mit viel Arbeit und wenig Höhepunkten, wenngleich es auch reiche Bewohner in der Judenstadt gab. Aber in den meisten Familien waren viele Mäuler zu stopfen und es wurden leicht mehr und der Hunger war ein steter Gast am Tisch. Aber es gab auch Mildtätigkeit und Unterstützung und dies alles in der immerwährenden Gefahr, von den Christen heimgesucht zu werden. Sind die Juden im Roman also im wesentlich zwar arm, aber herzlich, hilfsbereit und gut, so gibt es im Buch nur einen einzigen Christen, der den Juden freundlich gesinnt ist, ihnen auch aktiv hilft. Praktisch alle Christen sind marktschreierisch, dumm, aggressiv und hassen die Juden, bestenfalls sind es einige wenige, die ihnen wenigstens neutral gegenüber stehen, weil sie z.B. das Gesetz vertreten und dazu “gezwungen” sind. Diese Darstellung der Menschen erscheint schon ein wenig einseitig. Aber aus der Perspektive der Juden mag es tatsächlich so gewesen sein, wer mag das von heute aus schon beurteilen….

Es ist ein düsterer Roman voller Armut und Gewalt, es wird eine Menge Blut vergossen. Die Freundschaften zwischen Jankel und Schmulik und auch die zarte Beziehung zwischen Jankel und Golem sind ein positiver emotionaler Effekt, ansonsten bildet die mütterliche Sorge und Liebe der Frauen zu ihren Kindern das Gegengewicht zur dunklen Atmosphäre der Geschichte. Zu jung sollte der Leser nicht sein und ein nachbereitendes Gespräch sollte auch geführt werden, manches von dem vielen, welches Pressler an jüdischem beschreibt und schildert, wird der Nachbereitung bedürfen… jedenfalls hat es die Autorin geschafft, einen nicht nur für Jugendliche lesenswerten, atmosphärisch dichten, auch lehrreichen Roman über jüdische Sitten und Gebräuche, über das städtische Leben der Juden im Prag um 1600 zu verfassen…

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.mirjampressler.de/about/
[2] Mirjam Pressler als Übersetzerin hier im Blog:
– Karlijn Stoffels: Mojsche und Rejsele
– Lizzy Doron: Das Schweigen der Mutter
– Zeruya Shalev: Mann und Frau
– Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen
[3] Eduard Petiška: Der Golem; Besprechung hier im Blog
[4] Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott; Besprechung hier im Blog
[5] Wiki-Artikel zu Rudolf II.: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_II._(HRR)
[6] vgl. zum Beispiel hier: PRAG UM 1600: Zweite Ausstellung der Kulturstiftung Ruhr in der Reihe EUROPÄISCHE METROPOLEN, http://www.villahuegel.de/prag.htm
[7] Klaus Davidowicz: Die Prager Golemsage; http://david.juden.at/kulturzeitschrift/66-70/66-Davidowicz2.htm
[8] .. wie hier ausgeführt wird: http://www.dw.de/berlin-exhibition-traces-supermans-cultural-roots/a-5546516. Ob nun Superman eher mit Moses zu vergleichen ist oder auch mit dem Golem, nun ja… http://www.examiner.com/article/the-jewish-golem-as-the-model-for-superheroes-1
[9] Golem movie review: German Expressionism in Golem; http://www.examiner.com/article/golem-movie-review-german-expressionism-golem
der Film bei youtube: http://www.youtube.com/watch?v=a3sgCaPJtzY
[10] Bruce Chatwin: Utz; Besprechung hier im Blog
[11] ein paar Infoseiten zur Prager Judenstadt (aber selbstverständlich gibt es viel mehr davon):
http://www.digital-guide.cz/de/realie/die-stadtviertel-der-hauptstadt/die-judenstadt—josefov-1/
http://www.praguewelcome.cz/de/sehenswertes/sehenswurdigkeiten/top-sehenswurdigkeiten/71-prager-judenstadt.shtml
eine etwas ältere Darstellung von Julius Max Schottky in: “Prag, wie es war und wie es ist: nach Aktenstücken und den besten …, Band 1″ (link zu google.books)

Mirjam Pressler
Golem stiller Bruder
diese Ausgabe: Beltz, HC, ca. 372 S., 2007

One Response to “Mirjam Pressler: Golem stiller Bruder”


  1. […] uns die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler näher; “Golem stiller Bruder” heisst das besprochene Werk, das im Prag des 16./17. Jahrhunderts spielt. Es ist ein Jugendbuch für […]


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