Ljudmila Ulitzkaja: Ergebenst, euer Schurik
7. Juli 2012

Ulitzkajas Roman blättert die Lebensgeschichte eines jungen Russen vor uns auf, dessen Schicksal es zu sein scheint, von den Frauen bzw. einigen Frauen, geliebt zu werden, vllt auch nur begehrt oder gebraucht.. wer weiß das schon? Oft, nicht nur, sind es durch ihr Äußeres benachteiligte Frauen, sie mögen körperlich behindert sein bei sonstiger Schönheit, sie mögen einfach nur unattraktiv sein, irgendetwas zieht sie zu diesem jungen Mann, diesem Jungen, denn früh weist sich die Eigenschaft bei Schurik aus, bei Frauen diesen Instinkt zu wecken und das Begehren.
Schurik ist ein Dienstleister, sagen wir es so deutlich. So ähnlich wie ein Automat, sobald man die entsprechende Taste drückt, Kaffee in kleine Becher oder Tassen auswirft, reagiert Schurik, sobald er weibliche Not, weibliches Leid oder weibliches Begehren wahrnimmt: es weckt das Mitleid in ihm. Und Mitleid ist Ulitzkajas Kürzel, Chiffre für das, was am Manne wirklich hart ist. Geben wir ein Beispiel dafür. Auf einer Hochzeit fordert Shanna unseren Helden zum Tanz auf. Sie ist Liliputanerin, geht ihm gerade bis zum Gürtel [1], kann ihn, den ob der Völlerei magenkrank gewordenen Schurik, zu ihrer Datscha locken, in der sie angeblich sommers über lebt. Dort muss der Held ein Fenster eindrücken (der Schlüssel zur Tür ist abgebrochen), verletzt sich dabei, muss auf die Toilette und danach döst er ermattet auf einer Liege ein. Er erwacht und spürt etwas angenehm warmes, einer Wärmflasche gleich, auf dem Bauch: Shanna ist unter die Decke geschlüpft…:
“… Sie knöpfte seine Jacke auf, drückte sich enger an ihn, und er spürte ihren heißen Atem.
Wie ein kleines Kätzchen, dachte Schurik. In ihm regte sich Mitleid. Allerdings nur schwach. Doch heiße Katzenpfoten waren bereits dabei, sein Mitleid zu beleben. Er langte nach unten und hielt einen winzigen Frauenfuss in der Hand, nackt und warm. Da siegte das Mitleid. …” [2]
In Fällen wie diesen verrichtet unser Held seine Arbeit und er muss es gut machen, denn er hinterläßt die Frauen voller Befriedigung, so daß auch sein Mitleid sich wieder zurückzieht. Und so noch ein Bus fährt oder die Metro auch er sich, zurück nach Hause zu seiner Mutter oder zu einer anderen, der er versprochen hat, ihr aus Mitleid oder auch Gewohnheit diesen oder jenen Gefallen zu tun:
“.. Er tat unweigerlich alles, was von ihm erwartet wurde. Aber warum wollten alle Frauen von ihm nur das eine – ständige sexuelle Befriedigung? Auch er hätte sich gerne mal in ein Mädchen wie Alla verliebt. Oder wie Lilja Laskina. … Warum musste er, Schurik, ohne selbst zu wählen, mit den Muskeln seines Körpers auf jede hartnäckige Bitte reagieren, ob sie nun von der verrückten Swetlana kam von der winzigen Shanna oder selbst von der kleinen Maria?”
Diese Frage, die sich Schurik hier in späteren Jahren stellt, ist nicht unberechtigt, sowenig, wie die Aufzählung der Frauen auch nur annähernd vollständig ist. Man kann im Laufe des Romans eigentlich davon ausgehen, daß jede der Frauenfiguren, die Ulitzkaja einführt, über kurz oder lang selbiges bei sich mit des Helden Mitleidsorgan plant. Nie geht die Initiative vom Helden aus, im Gegenteil, nach getaner Arbeit, nach erfüllter Pflicht neigt er eher dazu, die gerade eben noch beglückte zu vergessen. Pflichterfüllung – eine der Maximen, die ihm im elterlichen Haus beigebracht wurden, einem Haushalt ohne Mann, denn sein Vater starb und erzogen wurde Schurik im wesentlichen von seiner imponierenden und selbstbewussten Oma, während deren Tochter (das bedeutet auch Schuriks Mutter) auf des Reichen der Brust zwecks Stillung säuglingshaften Hungers reduziert worden war.
Lag es an diesen äußeren Umständen, trafen sie auf fruchtbare charakterliche Anlagen beim jungen Schurik? Natürlich ist er ein ansehnlicher Junge, junger Mann, sanft, mit großen Augen, die Matilda an einen Welpen erinnern, als sie ihn, der sich als Schüler in ihr Atelier verirrt, an ihre Brust drückt und nicht nur dorthin… aber was reizt die Frauen an ihm wirklich? Wittern sie den Gefügigen in ihm, der ohne Rücksicht auf ihre Malaisen oder vllt sogar gerade deswegen den Dienst nicht abschlagen wird? Strahlt er etwas Devotes aus, an dem sie, die zum Teil andere Männer gewohnt sind, Gefallen finden und eigene Macht spüren?
Aber, als sei er geprägt, kann er nur zwei Frauen Gefühle entgegen bringen, seiner abgöttisch geliebten Mutter und der ebenso verehrten Großmutter. Bei allen anderen ist es Pflicht, das Unvermögen, Bitten abschlagen zu können, die ihn antreiben und in zum Teil skurriler Hetze durch Moskau jagen. Wegen dieser Gefühlsarmut steht er auch familiären Problemen im Freundeskreis, die auf Eifersucht gründen oder vergangener Liebe, verständnislos gegenüber. Wo ist das Problem, eine Geliebte zu haben und trotzdem noch mit der eigenen Frau zu schlafen, auch wenn man diese nicht mehr liebt oder mittlerweile für häßlich hält? Für Schurik ist es keins, für seinen Freund schon und so wundert es kaum, daß er wieder mal Mitleid mit der verlassenen Frau empfindet…..
Ulitzkaja hat in diesem Roman, der hauptsächlich in der Breschnew-Ära spielt, einen weiten Kosmos von Figuren aufgebaut und mit ihnen den sowjetischen Alltag Moskaus bevölkert. Es ist ein unpolitischer Roman, Aussagen über politische Verhältnisse sind kaum zu finden und allenfalls zwischen den Zeilen versteckt, der allgegenwärtige Zwang zur größeren oder kleineren Bestechung, um etwas zusätzliches zu erreichen sind noch die offenste Äußerung. Das Alltagsleben ist – vllt mit etwas Mühe – organisierbar, Mangel herrscht nicht, Improvisationen sind Trumpf und einen Vergleich mit westlichen Standards kaum möglich. Wenn, so erscheint die Wohnsituation mangelhaft, oft stehen nur Zimmer zur Verfügung, es ist eng und im Winter oft kalt. So deucht das geschilderte Leben dieser gesellschaftlichen Klasse, in der sich Schurik und seine Bekannten bewegen, fast romantisch, man muss sich etwas anstrengen, manchmal etwas zurücknehmen, aber letztlich ist alles organisierbar.
“Ergebenst, euer Schurik” ist ein liebenswerter, sehr unterhaltsamer Roman mit einem Helden, der traurig stimmt, weil er nichts eigenes hat, bis auf seinen Kosakenzipfel [3]. So bleibt er im Grund auch über den gesamten Roman hinweg farblos, erst ganz zum Schluss erfahren wir, wie er, dann 30jährig, aussieht und die Frage ist noch drängender: Was nur sehen die Frauen alle in ihm? Die Frauen, denen die Autorin unterschiedlich viel Raum in ihrem Buch gibt und sie damit wichtet. Matilda und Valerija begleiten Schurik sehr lange, Alla und Shanna dagegen sind kurze Episoden, Alja findet allein den Absprung von Schurik, Swetlana trennt sich auf ihre Weise von ihm .. sie beschreibt Ulitzkaja mit viel Liebe, ihnen widmet sie ihre Aufmerksamkeit. Besonders sorgfältig nimmt sie sich Vera an, der Mutter (und anfänglich, bis zu ihrem Ableben, auch der Oma). Überhaupt ist die Passage, in der sie die gemeinsame Zeit von Schurik mit seiner Mutter und Maria, der Tochter Lenas, die Schurik seinerzeit heiratete, damit das Kind, welches sie von einem Kubaner erwaretete, nicht unehelich sei, mit eine der schönsten im Buch…
In der zweiten Hälfte des Romans geht Ulitzkaja sogar mehr auf die Frauenschicksale ein als auf das Schuriks, er wird eher zum verbindenden Element der einzelnen Lebenslinien und rückt erst gegen Ende wieder ins Zentrum, als die Autorin ihn nämlich noch einmal mit seiner ersten Freundin, seiner damaligen Liebe, zusammen treffen läßt…
Und so endet die Schuriksche Perforcejagd durch die Betten mitleidserregender Frauen mit all ihren skurrilen, teilweise slapstickartigen Einlagen, dem “running gag” des immer wiederkehrenden Sylvesterfestes, das nie so abläuft, wie geplant für Schurik mit einem neuen Lebensabschnitt und einem Wort, das er neu gelernt hat: “Nein!” und die Erkenntnis, daß er nicht für alles verantwortlich ist.
Zum Buch selbst: es ist witzig geschrieben, mit hohem Tempo, gut lesbar durch die Einteilung in kleine Kapitel, die zwar aufeinander aufbauen, aber in sich geschlossen sind. Die vielen Figuren mit den fremd klingenden Namen verwirren anfänglich etwas, aber man gewinnt bald den Überblick darüber. Was manchmal etwas arg übertrieben scheint, ist das stets absehbare Ende, wenn Schurik einer Frau begegnet: ihr geht´s mies und er zeigt ihr sein Mitleid…. aber da Ulitzkaja auch für diese guten Tat ebenso blumige Worte findet (z.B. das von der kasaschischen Rose, die vor Schurik aufblüht… hach… ), ist das jetzt auch kein allzugroßes Manko…. also summa summarum: ein schöner Roman mit Unterhaltungswert und doch mit einigem Tiefgang. Und über russisches Leben erfährt man auch noch was. Wenn das nichts ist…..
(nicht ganz erst gemeinte) Anmerkungen:
[1] wer jetzt seine Fantasie geweckt sieht, ist auf dem Irrweg.
[2] ok, das ist jetzt wahnsinnig platt, völlig unter Niveau: aber mir fällt gerade der Begriff “Mitleid crisis” ein…. wär´ doch auch ´ne nette Umschreibung….
[3] ..mit diesem etwas kruden Wortspiel ist mir ganz elegant ein Brückenschlag zu meinem geliebten Loriot bzw. Frau Hamann gelungen, obwohl das zugegebenermassen überhaupt nichts mit dem Buch zu tun hat….
Ljudmila Ulitzkaja
Ergebenst, euer Schurik
aus dem Russischen übersetzt von Ganna-Maria Braungardt
dtv, 496 S., 2008
Originalausgabe: Moskau, 2004





