Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

18. April 2012

Dieser wirklich zauberhafte Roman des jetzt in Frankreich lebenden chinesischen Schriftstellers Sijie greift auf Erfahrungen zurück, die er selbst als junger Mann in der “Kulturrevolution” gemacht hat. So wie seine beiden männlichen Protagonisten war auch er als 17jähriger zur Umerziehung in ein Bergdorf verbannt worden, ein Bergdorf irgendwo am Ende der (chinesischen) Welt mit dem poetischen Namen “Phönix des Himmels”. Sie waren Söhne von Ärzten, der Erzähler der eines Lungenspezialisten und sein Freund der eines Zahnarztes, der sich dummerweise rühmte, die Zähne des Großen Vorsitzenden behandelt zu haben, als ob diese ungeachtet ihrer enormen Gelbe einer Behandlung überhaupt bedurft hätten [1], welch Blasphemie! Aber ungeachtet dessen waren sie als Kinder Intellektueller sowieso Hauptanwärter für einen der zahlreichen, aber wenig attraktiven Umerziehungsplätze, die es seinerzeit in China gab.

So zogen die beiden also ein in dieses Bergdorf, wurden vom örtlichen Laoban begutachtet und verhört (insbesondere die Wai-o-lin [2] wurde misstrauisch beäugt und erst nach einer Hörprobe des bekannten Stückes: “Mozart ist in den Gedanken beim Großen Vorsitzenden” für die weitere Verwendung freigegeben). Sie bekamen einen dreckigen, als Schweinekoben verwendeten Pfahlbau etwas ausserhalb des Dorfes zugewiesen, in dem sie ihr spartanisches, aber arbeitsreiches Leben in Empfang nehmen konnten.

Sie sind nicht alleine in dieser Region, einer ihrer Leidensgenossen ist Brillenschang, ein junger Mann, Sohn von schriftstellernden Eltern, der nicht nur einer Brille bedarf, sondern der auch einen schweren, geheimnisvollen Koffer mit sich führt. Zu diesem, Gegenstand vieler Spekulationen unserer beiden Helden und vermutetes Behältnis von Büchern, verbotenen, westlichen Büchern [3], eröffnet sich ein unerwarteter Zugang: als Gegenleistung für die Hilfe, die sie dem nach dem Verlust seiner Brille praktisch handlungsunfähigen Jungen, geleistet haben, verlangen sie ein Buch aus dem Koffer. Nach langem Zögern und Sich-winden Brillenschangs gibt dieser ihnen einen Roman von Balzac.

Nun ist nichts mehr wie es war, denn jetzt ist das Fenster aufgestoßen zu einer Welt, die den beiden so unbekannt war wie die Rückseite des Mondes, die sie fasziniert und in ihren Bann schlägt und die ihnen ihr eigenes Elend vor Augen führt, ihnen aber gleichzeitig einen Ort bietet, in denen sie sich zumindest in ihrer Fantasie zurückziehen können.

Sie, unsere Heldin, ist die Tochter des Schneiders in einem Nachbardorf. Der Schneider selbst tourt durch die Region, macht in den einzelnen Orten Station mit seiner mobilen Nähmaschine und fertigt die gewünschten Kleidungsstücke. In diesen Tagen seiner Anwesenheit ist er der König im Dorf…. Derweil sitzt zu Hause die Tochter an ihrer Maschine und auch sie schneidet zu und näht. Bezaubernd ist sie, etwas berglerisch vielleicht, aber bezaubernd, reizend, lieblich, zum Verlieben. Und genau das macht Luo, er verliebt sich in die kleine Schneiderin, und er liebt sie, nein, sie lieben sich im klaren Wasser des Teichs, in den sie aus großer Anhöhe barfuss bis zum Hals hineinspringt und er ihr beim Tauchen zusieht, bang ums Herz, bis sie wieder auftaucht….. sie lesen ihr vor aus dem Buch, und aus anderen Büchern, die sie aus dem Koffer haben, der jetzt bei ihnen ist, sie verschlingen die Geschichten von Balzac, von Dumas, von Dickens und Dafoe von all diesen fremden Welten, in die sie sich hineinziehen lassen…. Und so “erziehen” sie die etwas berglerische Prinzessin um, sie geben ihr Bildung, auch eine Sehnsucht aber für das städtische und dann, eines Tages, geht sie, verläßt sie ihren Vater und die beiden Jungs. Sie sagte (und das waren ihre letzten Worte an Luo), sie hätte durch Balzac begriffen, daß die Schönheit einer Frau ein unbezahlbarer Schatz sei…

“.. die kleine Schneiderin…” ist, und vllt habe ich dies andeuten können, trotz der deprimierenden “Großwetterlage”, der Kulturrevolution, in der er angesiedelt ist, kein trauriger, deprimierender oder düsterer Roman. Nein, ganz im Gegenteil, Sijie hat es verstanden, den damaligen Irrwitz, die Absurdität, ja, auch den Schrecken in einer Art “Schelmenroman” zu erfassen. Sicher, er verschweigt nicht die Arbeit, die die beiden Jungs zu erledigen haben, den ekelerregenden Transport der überschwappenden Fäkalienkübel zu Feldern, das lebensgefährliche Kohlemachen in den fürchterlichen “Bergwerken” der Region, die Arbeit mit den Ochsenpflügen in den überschwemmten Reisfeldern, aber prägender für den Roman sind die Szenen und der durchgängige Stil der Erzählung, in denen er den herrschenden Umstände mit Satire, Ironie und Sarkasmus begegnet. Besonders Luo ist unerbittlich in seiner Art, das System (im Dorf vor allem durch den Laoban repräsentiert) ad absurdum zu führen, die Eingangszene mit der Geige ist ein wunderbares Beispiel dafür. Zwei andere Szenen will ich noch beschreiben, weil sie einfach köstlich sind. So leidet der Laoban eines Tages unter heftigem Zahnschmerz, den er in der zwei Tagesreisen entfernten Provinzstadt ausmerzen will. Der revolutionäre Barfussarzt zieht ihm jedoch den benachbarten, gesunden Zahn… und so fällt ihm im heimischen Dorf nichts anderes ein, als den Sohn des berühmten Zahnarztes, der ja schon den GV unter seinen Fittischen hatte, zu einer Zahnbehandlung zu erpressen… oh ja, Zahnarztbesuche können schmerzhaft sein, sehr schmerzhaft, vor allem, wenn sie mit soviel tief empfundener emotionaler Beteiligung durchgeführt werden…. Die zweite Episode handelt vom alten Schneider. In neun Nächten bekommt er den gesamten “Graf von Monte Christo” vorgelesen und dies bleibt nicht ohne Folgen: seine nachfolgenden Zuschnitte für Röcke, Blusen etc weisen alle  unverkennbare Charakteristika von Matrosenanzügen auf, zum Wohlgefallen der Frauen, die davon begeistert sind. So werden Trends gesetzt…

Natürlich ist das Buch auch die Geschichte einer zarten Liebe, die unter unmöglichen Voraussetzungen wächst und Er”füllung” findet, in einem ganz wörtlichen Sinn. Es sind die Bücher und diese romantischen Dreierbeziehung, die Luo und den Ich-Erzähler ihre Lage durchstehen läßt und sie endet unglücklich, denn – wie schon gesagt – das Mädchen, die kleine Schneiderin, die garnicht mehr so klein, sondern gewachsen ist durch das Lesen, gewachsen in ihrem Ansichten, ihrer Meinung, ihrer Weltsicht, weiß, daß die enge Welt der Bergler, in der sie bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hat, zu eng geworden ist für sie. Sie ist sich – auch wenn es nur äußerlich ist – des Schatzes, den ihre Schönheit darstellt [4], bewusst geworden und sie weiß, daß sie diesen Schatz hüten muss und heben muss. Mit welchem Ende, denn ein Weg für sie, der nach oben führt ist ebenso denkbar wie einer, der sie abwärts gleiten läßt, läßt Sijie offen…..

.. und selbstverständlich ist dieser Roman auch eine Liebeserklärung, und zwar eine ganz große, an die Macht der Bücher, an ihren Einfluss, ihre Schönheit, ihre Wirkung. Bücher sind eine Welt und ein Buch aufzuschlagen ist wie ein Fenster zu öffnen in ein anderes Universum, das der Autor geschaffen hat, für uns, den Leser. Uns fällt dies oft nicht mehr auf, es ist selbstverständlich für uns, aber in der extremen Zeit der Kulturrevolution, in der praktisch alles Schriftliche verboten war wenn es nicht vom GV selbst kam, wird es deutlich: plötzlich liegt den beiden jungen Männern eine neue Welt offen vor den Augen, die Welt, in der sie leben, wird noch kleiner und ärmlicher und der Wunsch zu lesen, mehr und mehr, läßt sie nicht los.

Ausser daß es eine Freude war, der kleinen Schneiderin und den beiden jungen Männern ein Stück ihres Lebensweges zu begleiten und daß ich jedem ohne Einschränkung empfehlen kann, dies mir gleich zu tun, habe ich auch eine Menge neuer Worte kennen gelernt:

zaddrig, giepig, busper, Chaise (dieses Wort ist mir im Zusammenhang mit Chaiselongue zumindest schon mal untergekommen) und Palankin, mag sein, daß ich noch das eine oder andere überlesen habe….

Links und Anmerkungen:

[1] in der Wiki wird ein Biograph des GV angeführt, bei dem es heißt “Mao’s teeth were coated with a green-colored film, and when Li touched Mao’s gums, pus oozed out”. Ich erinnere mich auch an entsprechende Artikel im Spiegel, die anläßlich des Tods des GV erschienen sind, aber vllt nährten die sich ja auch aus dieser Quelle…. ich kann es nicht mehr reproduzieren
[2] lautsprachlich für Violine….
[3] da während der Kulturrevolution praktisch alle Bücher, bis auf wenige Ausnahmen, verboten waren, ist allein das Verbot eines Buches kein Alleinstellungsmerkmal gewesen…
[4] um an dieser rätselhaften Stelle weiter zu kommen, müsste man eigentlich die Bücher Balzacs kennen, was ich nicht tue….

Der Roman wurde auch verfilmt, hier ist eine der vielen Kritiken zu lesen: chinafokus.de

ferner vom Autor bei aus.gelesen: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht

Dai Sijie
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
aus dem Französischen übersetzt von Giò Waeckerlin Induni
diese Ausgabe: Piper, 200 S., 2001
Erstveröffentlichung: Gallimard, Paris, 2000

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8 Responses to “Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin”

  1. scarlett Says:

    Das Buch habe ich leider (noch) nicht gelesen, aber die Verfilmung ist auch toll!

    Besonders tragisch finde ich, dass der Autor, als sein Buch ins Chinesische übersetzt wurde, anscheinend überlegte, nach China zurückzukehren – bis er das Nachwort zum Buch las und feststellte, dass sich sowohl Übersetzer als auch Verlag ausdrücklich von ihm distanzieren. In den chinesischen Medien wurde er auch ziemlich verunglimpft.

    • flattersatz Says:

      herzlichen dank für deinen schönen kommentar, libe scarlett. dein hinweis auf den film habe ich im beitrag ergänzt.

      daß das buch in china ohne große begeisterung aufgenommen worden ist, kann ich mir vorstellen. eher erstaunt es mich, daß es überhaupt ins chinesische übertragen worden ist. ehrlich gesagt, kommt es mir schon etwas schizophren vor, ein buch zu veröffentlichen, von dem sich im nachwort alle distanzieren. na ja, vllt ist es der einzige weg gewesen, es überhaupt zu veröffentlichen….

  2. Tanja Says:

    Hallo Flattersatz,
    mir wurde ganz warm ums Herz, als ich deine schönen Zeilen las:

    “.. und selbstverständlich ist dieser Roman auch eine Liebeserklärung, und zwar eine ganz große, an die Macht der Bücher, an ihren Einfluss, ihre Schönheit, ihre Wirkung. Bücher sind eine Welt und ein Buch aufzuschlagen ist wie ein Fenster zu öffnen in ein anderes Universum, das der Autor geschaffen hat, für uns, den Leser.”

    Wenn ich deine Rezensionen lese, bin ich wie verzaubert. Ich habe bisher noch keinen Roman von Dai Sijie gelesen. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Es gibt zur Zeit so viele Bücher, die ich unbedingt lesen möchte und immerzu gesellen sich Neue dazu.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • flattersatz Says:

      ja, das ist unser schicksal. sissifoss war nix dagegen! wir lesen hoffnunslos und doch glücklich gegen die flut der lesenswerten, ach so lesenwerten bücher an und geben nicht auf. jeder SuB ist ein lebenszeichen von uns, eine art freiheitsstatue aus büchern, eine ewige verlockung ins paradies, unser baum der erkenntnis!

      (.. .und das mit dem verzaubert ist unheimlich lieb, das tut der seele richtig gut…. aber übertreib nicht so masslos! ;-) )

    • flattersatz Says:

      p.s.: wenn du mit dem gedanken spielst, sijie zu lesen, würde ich mit der schneiderin anfangen, nicht so sehr mit dem wanderer…

  3. Tanja Says:

    “Meine chinesische Schneiderin” wäre auch die erste Wahl gewesen. Wenn die Statue abgebaut ist, und ich sie wieder aufbauen muss, dann weiß ich bescheid. Danke für deinen Tipp! :)


  4. Ich gebe Scarlett Recht, Die Verfilmung ist wirklich sehr sehr gut. Die Bilder sind überwältigend und zum ersten Mal würde ich sagen, dass mir der Film besser als das Buch gefallen hat. Also unbedingt sehen!!


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