Leon de Winter: Sokolows Universum

12. April 2012

Sie sind unzertrennliche Freunde, die getrennt wurden, weil sich ein unerklärliches Unglück zwischen sie geschoben hat. Sascha Sokolow und Lew Lesjawa kennen sich seit Schulzeiten, in denen beide Überflieger waren, hehre Träume über ihre Zukunft schmiedeten und sie sich ewige Freundschaft schworen. Und ein geheimes Schicksal eint sie: sie haben jüdische Wurzeln, was sich in der Sowjetunion seinerzeit keineswegs positiv auf das Leben der Betroffenen auswirkte. Beiden Familien aber war es gelungen, sich in den Wirren der Nachkriegszeit russische Dokumente zu besorgen, nur Saschas Mutter verwahrte in einem Versteck die jüdische Heiratsurkunde ihrer Eltern auf. So war es Zufall, daß Sascha von seiner Herkunft erfuhr,  als er auf diese stieß.

Oh ja, nach der Schule und der Universität machten sie Karriere, beide, Sascha und Lew arbeiteten in der zivilen Raumfahrtindustrie der UdSSR. Unter Lews Leitung wurde ein neuer Antrieb für eine Raumfahrtmission entwickelt und Sascha war einer seiner wichtigsten Mitarbeiter. Doch nun treffen wir den gut 40jährigen Sokolow als alkoholkranken Straßenkehrer in Tel Aviv wieder, der mit Hilfe von Vodka der Marke “Gold” als Treibstoff allnächtlich andere Universen besucht, Universen, in denen Zeit und Raum aufgehoben sind, in denen er Erinnerungen trifft und die Klarheit der Sterne seit Anbeginn der Zeiten. Aber wie oft beim Fliegen ist bei Sokolows allnächtlicher Reise nicht so sehr der Start, sondern die Landung ein Problem, der vom Alkohol mittlerweile zermürbte Körper erlaubt es ihm kaum noch, sich morgens zu erheben und zur Arbeit zu gehen… und diesen einen Tag, als er es dann doch wieder mal geschafft hatte sich zu von der Matratze zu quälen, sieht er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Mann und einen zweiten Mann, der schnell auf ersten zugeht, eine Pistole in der Hand hat und diesen erschießt. Und der Mörder hat ihn, Sokolow, gesehen, kommt mit vorgehaltener Waffe auf ihn zu und Sokolow hat Angst und ruft ihm etwas auf Russisch zu und der Mann fängt an zu zittern und wendet sich ab. Er sah, das erkannte Sascha Sokolow, seinem lange vermissten Freund Lew sehr ähnlich.

Was war passiert? Die Rakete, an der die beiden Freunde arbeiteten, explodierte nach dem Start, die beiden Kosmonauten verbrannten. In der nachfolgenden Untersuchung konnte der genaue Fehler nicht gefunden werden, aber auf Leswaja fiel ein Verdacht, weil dieser sich einer Frau wegen kurz vorher mit einem der Kosmonaten prügelte, eine Tatsache, die der KGB über Irina, Saschas Frau, erfuhr. Und Irina hatte das Wissen von Sascha, ohne Absicht, so wie man manchmal miteinander spricht, hatte er ihr von Lews Prügelei erzählt.. Nach der Untersuchung des Unglücks wurde Sascha nach Sibirien “deportiert”, seine Ehe mit Irina wurde geschieden. Was mit Lew geschehen war, wusste Sascha nicht. Und nach fünf schrecklichen, vodkagetränkten Jahren in Tomsk bekam Sokolow die Erlaubnis, als Jude nach Israel zu emigrieren.

Doch das Land empfing ihn nicht mit offenen Armen, er war einer von vielen und aus den verschiedensten Gründen fand er keinen geeigneten und seiner Qualifikation angemessenen Arbeitsplatz, erst ein goldkettenbehangener jemenitischer Jude konnte ihn als Straßenkehrer gebrauchen, zumindest bis zu dem Tag, an der auch dort rausgeschmissen wurde.

Und in diesem düsteren Universum, in dem Sokolow inmitten leerer Vodkaflaschen, dreckiger Wäsche, ungewaschenen Geschirrs sich aus dem Leben saufen wollte, ging ein neuer Stern auf: Tanja, die neu in die Nachbarwohnung eingewiesene junge Witwe aus Russland. Der erste Mensch seit Jahren, der etwas in ihm anrührte… und aus lauter Verzweifelung darüber, so einer Frau nie genügen zu können, soff er sich wie noch nie in eine Delirium, vegetierte tagelang in seinem Erbrochenen vor sich hin und als er irgendwann die Augen wieder öffnete und das Licht ertragen musste – saß Lew an seinem Bett. Lew, den er seit Jahren vermisste, nicht gesehen hatte, von dem er nichts wusste, Lew, sauber, gut gekleidet, reich aussehend …

Lew holt Sascha aus seinem Elend heraus, nimmt sich seiner an. Gegen das Versprechen, keinen Alkohol mehr anzurühren, macht er ihn in seinem Unternehmen zu seinem Partner. Das ist für Sascha nicht ganz leicht, denn im Gegensatz zu Lew ist sein Wesen enger eingebunden in Grenzen dessen, was er als sein Tun vertreten kann. Jedoch der Luxus, in dem er plötzlich lebt und die Aussicht auf die Liebe zu Tanja verführen ihn zum Grenzübertritt…

… denn Sascha ist Moralist (als solchen stellt Lew ihn einem Geschäftspartner vor), ein Mensch, der “Gut” und “Böse” kennt, nicht als Pole einer Skala, sondern als absolute Werte. Sascha ist jemand, der als Schüler eine Wetter verliert und diese auch nach Jahren noch einlöst. Die Erkenntnis, daß er seinerzeit einem Streich aufgesessen ist, bringt sein Weltbild noch Jahre später zum Wanken und zerstört fast eine Freundschaft. Lew dagegen kennt “Gut” und “Böse” nicht, er kennt nur die Möglichkeiten zum Handeln, die ihm das Leben bietet. Daher kennt er auch keine Grenzen und keine Grenzüberschreitungen, Leben heißt für ihn, danach zu suchen. wo es nicht mehr weiter geht, auch für ihn. So betrachtet er das Leben als Spiel und seine Mitmenschen als Figuren in diesem Spiel, welches er spielt mit und in diesem Leben. Und so zieht Lew seinen alten Freund Sascha langsam, aber sicher hinein in sein, Lews, Universum und erst als er ihn tief genug hinein gelockt hat, legt er seinen letzten Köder aus….

Man könnte versucht sein, diese beiden Figuren auch als Aspekte der Persönlichkeit von Sascha zu sehen. Sascha braucht die Grenzen, die ihm seine Moral setzt, um überleben zu können. Ohne diese Grenzen, das hat er in seiner Zeit in Tomsk erfahren müssen, wird er masslos, haltlos, verkommt er. Und so hält er sie instinktiv aufrecht, solange es geht. Der Lew in ihm sagt ihm jedoch, daß er mit dieser strikten Moralvorstellung in der Welt scheitern wird, da diese anders funktioniert, sie einen Kompromiss darstellt und von den Menschen einen Kompromiss erwartet. Letztendlich geht er einen solchen ein, er läßt sich verführen und wird dadurch bereit auch für den letzten, ultimativen Schritt, den er gehen muss, um zu überleben. Und – nehmen wir das voraus – er landet weich, ohne Gewissensbisse und mit den Menschen um ihn herum, die er liebt.

de Winters Roman, der vor dem Hintergrund des Iraq-Krieges angesiedelt ist, führt in den Rückblenden und Erinnerungen Sokolows zurück bis in die 50er Jahre der UdSSR. Er schildert dort ein relativ privilegiertes Leben zweier Schüler, deren Genie es ihnen ermöglicht, an herausragender Stelle in der Entwicklung der bemannten Raumfahrt zu arbeiten. Beide haben jüdische Wurzeln, und so spielt die Auseinandersetzung mit dem Judentum durch den gesamten Roman hindurch eine wichtige Rolle, insbesondere natürlich in der zweiten Hälfte des Buches, die mehr in der Gegenwart Israels spielt. Sascha und Lew, die beiden Hauptfiguren, sind völlig anderer Natur, Lew ist der geniale Spieler, der ausprobiert und austestet, Sascha ist derjenige, der eine Mission zu erfüllen hat. Sie ergänzen sich beide, aber wo Sascha seinen Freund Lew liebt, hat dieser keinen Skupel ihn zu hintergehen, einfach, weil es möglich ist….

Sascha scheitert in der Welt, man muss es so deutlich sagen. Der geniale Ingenieur verkommt zum verdreckten Alkoholiker. Aber auch Lew scheitert letztendlich, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist, da er sich dem Anschein nach in allen Lebenslagen gut, sehr gut, einrichten kann. Erst die moderate “Mischung” der beiden Lebensprinzipien, so suggeriert de Winter, macht ein auskömmliches Leben möglich…..

Sokolows Universum gehört zu den Büchern, bei denen man keine Angst vor der Seitenzahl, vor dem Umfang haben muss. Es ist einfach spannend mit einer gut aufgebauten und konstruierten Geschichte, es ist unterhaltsam, es ist intelligent, es wirft Fragen auf (vor allem auch die, warum ich nicht so schreiben kann… ;-) ) und es bringt einen zum Nachdenken…. ja, genauso isses.

Leon de Winter
Sokolows Universum
übersetzt von Sibylle Mulot
diogenes tb, 448 S., 2001

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