Mayra Montero: Bolero der Leidenschaft

4. April 2012

Fernando und Celia sind schon lange verheiratet. Jetzt, nach der Hochzeit ihrer Tochter Elena haben sie beschlossen, sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Eine Kreuzfahrt durch die Karibik unternehmen sie, in das schwülwarme Klima, mit der besonderen Atmosphäre eines Schiffes, in dem bei aller örtlichen Umgrenzung Grenzen aufgehoben scheinen: “… Auf einem Schiff gehen die meisten Frauen durch wie Pferde… Männer ist es zu eigen, sich von den Abenteuern anderer anregen zu lassen, …”, so bekam es Fernando von einem Freund gesagt.

Celia rollt sich nach einem letzten Streicheln, das kein Begehren erkennen ließ, auf dem Bett neben Fernando ein, so wie es immer macht, auch wenn die beiden sich schon lange nicht mehr so nackt gesehen haben wie in dieser Nacht auf dem Schiff. Sie haben miteinander geschlafen, in der Routine eines lange verheirateten Paares, so routiniert und abgeklärt wie man einen Koffer packt.. der Bolero, den sie auf Deck hörten, weckte ihr Verlangen, rief durch das Beispiel der anderen Paare Verhalten hervor, das sie sonst nicht zeigten und so animierten sie wiederum ihre Nachbarn…. Fernando liegt da, wach neben seiner Frau und läßt seine Gedanken reisen in ihre gemeinsame Vergangenheit und auch die Zeit davor….

War er, der er Frauen bevorzugt, die älter sind als er (und Celia übertrifft ihn nur um drei Jahre, was ihn immer noch wundert) ihr treu in dieser gemeinsamen Zeit? An wenige, sehr wenige Seitensprünge erinnert er sich, die geschahen, wenn Celia mal ausser Haus bei ihrem kranken Vater war, allesamt hatten sie am nächsten Morgen eine Art Kater zur Folge, nichts, was sich zu beichten gelohnt hätte, und trotzdem machten sie ein schlechtes Gewissen. Merkte Celia etwas, wenn sie wieder ins Haus kam mit Elena, ihrer Tochter, die sie begleitete? Nein, sie merkte nichts, obwohl sie jeden Winkel des Hauses abging als ob sie Witterung aufnehmen wollte einer fremden Frau… aber Fernando, er bemerkte diesen Fleck unter ihrer Achsel, einen alten Knutschfleck vielleicht, wenige Tage alt, fast am vergehen, Marianito? Sollte er ihn ihr gemacht haben, sie ihn mit dem Vetter ihres Vaters betrügen? Celia winkte ab, ein alter Bluterguss durch den scheuernden Träger des BHs….

Das Buch ist in wechselnden Perspektiven erzählt, und so konfrontiert uns die Autorin im zweiten Kapitel mit den Erinnerungen von Celia, und zwar zum selben Vorgang. Sie war seinerzeit mit Elena bei ihrem Vater, um sich zusammen mit dessen Vetter in der Pflege des kranken Mannes abzuwechseln. Es ging dem Vater sehr schlecht, sie wurde nachts vom Vetter geweckt, um zu ihm zu kommen, bevor er wahrscheinlich sterben würde. Doch liegt sie nicht allein im Bett und derjenige, mit dem sie es teilt, erwacht als sie sich hinausschleichen will, und er reißt sie mit seinen Pranken zurück in seine Arme und er nimmt sich, was er will und sie kann sich gegen seine Kraft nicht wehren. Seiner Lust ausgeliefert zu sein, erregt sie, sie stöhnt unter ihm und in Gedanken sieht sie auf ihrem Vater im Nebenzimmer, dessen Atem stockt und dessen Lippen sich verfärben und Marianato wird wieder an die Tür pochen: Celia, bitte mach die Tür auf und hinter sich, an ihrem Rücken hört sie ihn flüstern: das beste kommt noch, du Schlampe, ich habe ihn noch nicht ganz hineingesteckt und sie spürt den Schmerz und die Lust und in dem Moment, als sie ihren kleinen Tod erlebt, nimmt der richtige den Vater zu sich.

Es ist nicht Marianito, dem sie verfallen ist, es ist ein anderer, dessen tierische Ausstrahlung sie gefangen hält. Sie hat ihn im Krankenhaus getroffen, dort ist er Pfleger, und schon bei der ersten Begegnung zerrte er sie in einen kleinen Verschlag neben dem Krankenzimmer und drückte ihr seine Männlichkeit ins Gesicht und sie nahm diese willig auf, es gefiel ihr und die Gefahr, entdeckt zu werden reizte sie. Und als der Vater nach Hause kam, um dort zu sterben, nahm sie ihn einfach mit, diesen behaarten Agustin Conejo. Denn er berührte das in ihr, was sonst niemand anrührte, die dunkle Seite, die mit Macht verbundene Seite, die rauschhafte, die sie ihre Grenzen überwinden läßt. Uns so ruft sie sich jetzt die Erinnerung hervor an den letzten, intimsten Wunsch ihres Liebhabers, den, den er äußert, als sie alles schon gemacht haben, den, den zu erfüllen sie sich voller Ekel ablehnt, den, der wider Erwarten auch ihr Lust bereitet, den, der ihr Macht gibt über ihn, den, der ihn schreien läßt und sich winden läßt unter ihr, den, der ihn explodieren läßt in ihrem Mund so sehr wie noch nie….

“Es gibt eine psychologische Erklärung dafür: … die Nähe zum Tod – dem Tod eines anderen, versteht sich – verstärkt bei vielen Menschen das sexuelle Verlangen.”.

Nach dieser Nacht sieht Celia Conejo nicht wieder. Aber er hat diese Seite in ihr aufgeblättert, ihr den Zugang zu ihrer dunklen Seite eröffnet. In ihrer Phantasie lebt sie sie jetzt, in Szenen, die auch von Bataille hätten geschrieben sein können… Eine dieser Szenen projeziert sie in die Realität der Kreuzfahrt. Julieta, die auf dieser Fahrt allein reist und die ein Auge auf Fernando geworfen zu haben scheint, könnte sie nicht wie Frau aus ihrer Fantasie, die inkognito unterwegs ist und sich mit einem Mann zusammentut um sich mit ihm zusammen über alle Grenzen zu vereinen, könnte sie nicht auch so sein, auf diese Art reisen?

Die Kreuzfahrt unserer Protagonisten ist ein “ehrgeiziges Unterfangen”, bei dem sie Inseln besuchen wollen, die niemals jemand betraetten hatte. Ein schönes Bild für die eigentliche Reise der beiden in die unausgeloteten Tiefen der eigenen Lüste, in die sie beide sich im Lauf der Reise versenken. Die Ehe der beiden, die – so kann man vermuten – durch die Tochter, die Gewohnheit und die Sicherheit zusammengehalten worden ist, entpuppt sich immer mehr als Fata Morgana, als etwas, was nur scheinbar existiert. Fernando umwirbt Julieta immer offensiver, Celia läßt die beiden gewähren, in ihrer Verachtung für deren schwülbrünstiges Gefummel geht sie ihre eigenen Wege und die kann man nur wirklich nicht mehr mit dem Packen von Koffern vergleichen….. Sie gehen alle an ihre jeweiligen Grenzen, Fieberträumen gleich erleben sie Rausch und Ekstase, entgrenzt begegnen sie dem Unbekannten Ich, das tief in ihnen verborgen war und im besonderen Klima – so wie es der Freund von Fernando ankündigte – dampft und dunstet es aus ihnen heraus.

Es gibt für mich zwei Pole im Spektrum der erotischen Literatur. Den einen Pol bilden die (meist kürzeren) Geschichten, in denen erotische Szenen im Mittelpunkt stehen, um die herum (und das merkt man manchmal [1,2]) eine Handlung konstruiert wird, die aber kaum einmal wesentlich zum Inhalt beiträgt. Auf der anderen Seite, und Monteros “Bolero” ist dafür ein sehr gutes Beispiel, findet man die Literatur, die zwar wie im hier besprochenen Buch die sexuelle Komponente der Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und sie auch explizit beschreibt, wobei dies aber kein Übergewicht bekommt, sondern integraler Teil der Romanhandlung bleibt, der Roman als solcher also nicht um die erotischen Stellen herum geschrieben ist. Und es ist die Kunst des Schriftstellers bzw. der Schriftstellerin, nicht nur einfach Vorstellungen mit Worten abzubilden, sondern diese Abbildungen so zu erweitern, daß sie eine psychologische Komponente erhalten und derart seelische und psychische Vorgänge der Handelnden ausloten.

In jedem Menschen existieren zu jeder Stunde gleichzeitig zwei Strebungen:
die eine zu Gott, die andere zu Satan
. [3]

Monteros Protagonisten üben sich nicht mehr in unschuldigem Blümchen- und Kuschelsex, sie haben gemerkt, daß sie damit nur eine Seite ihres Verlangens befriedigen können. Authentisch zu sein, heißt, auch die andere Strebung wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Und so ist das Leben der drei Menschen, die uns die Autorin näher bringt, ein Tanz leidenschaftlicher Gefühle, ein Tanz auf Messers Schneide, ein erotischer Reigen in neuem Gewand, ein Bolero [4] eben, ein Bolero der Leidenschaft. Am Ende des Romans ist nichts mehr so wie am Anfang, in vielerlei Hinsicht hat sich das Leben der Personen entwickelt: so wie man ein Papierfoto entwickelt, machte diese Reise unbekannte Tiefen der eigenen Triebe sichtbar, so wie man ineinanderverknäuelte Garne ent-wickelt, befreien sich die drei voneinander und können jetzt ihre eigenen Lebenswege unabhängig gehen und so wie sich ein Keimling entwickelt, entwickeln sich auch die Persönlichkeiten von Celia, Fernando und Julieta weiter und fort….

Links und Anmerkungen:

[1] So postete z.B die Autorin A* in ihrem facebook-Profil [3. März] z.B.: “Warum nur fallen mir die erotischen S..szenen so viel leichter als die Geschichte drumherum? Wie schon mein Coach sagte: A* in deinen S..szenen bist du in time. Das musst du noch für die Geschichten lernen.
[2] Diese Unterscheidung ist nicht als Wertung gemeint, schließlich hat ein jedes Ding seine Zeit…
[3] Baudelaire, zitiert nach: Roswitha Hecke: Liebesleben: Bilder mit Irene, Rowohl 1987
[4]  Bolero, ein südamerikanischer Tanz, hier eine sehr schöne Demonstration

Mayra Montero
Bolero der Leidenschaft
übersetzt aus dem Spanischen von Marion Lütke
diese Ausgabe: Verlag am Galgenberg, HC, 141 s:, 1992
Erstveröffentlichung 1991

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