Anya Ulinich: Petropolis

28. März 2012

Sascha Goldberg ist in zweiter Generation die sichtbare Frucht der 6. Inter- nationalen Jugendfestspiele, mit denen Chruschtschow 1957 die Weltoffenheit seines Regimes demonstrieren und die Isolation der Stalinära überwinden wollte. Neun Monate später wurde dann offensichtlich, daß sich nicht nur die UdSSR der Welt, sondern auch junge Moskauer Damen ihren Gästen gegenüber geöffnet hatten und auf den Entbindungsstationen in Moskau erblickten auch Kinder das Licht der Welt, die sich farblich deutlich unterschieden von den üblicherweise dort geborenen, schließlich waren ein paar Monate vorher auch viele Gäste aus Afrika beherbergt worden…. unter diesen andersfarbenen Neugeborenen befand sich auch Victor, dessen leibliche Mutter es aber vorzog, nach dem Akt des Gebärens das Krankenhaus ohne ihren Sohn zu verlassen. Der Knabe wurde dann von den Goldbergs adoptiert (“Wir haben dich genommen, weil du das hellste Baby warst, Kätzchen!“), einem kinderlosen Ehepaar der Intelligentija. Viktor durchlebte daher eine behütete Kindheit in relativem Wohlstand, in der seine Liebe zur Literatur geboren wurde. Seine Kindheit wurde aber abrupt durch einen LKW beendet, der das Auto der Eltern plättete. Von nun an ging´s bergab… denn ohne Eltern kam Victor in ein Heim und unschwer zu erraten ist es, auf wen sich in diesem Biotop des reinen Überlebenswillens aller Drang zum Schikanieren konzentrierte… Beim Militär später setzte sich das fort und Victor versuchte dem durch eine ultimative Flucht zu entgehen, die ihm dann auch gelang, anders als er sich das zwar dachte, aber immerhin und sie brachte ihm dank seiner ihm fast ausgetriebenen und vergessenen Liebe zur Literatur Bekanntschaft von Ljubow und damit ist dann endlich auch der Weg bereitet für unsere krausköpfige, dunkelhäutige und etwas mollige Hauptperson, Sascha.

Die Goldbergs (Ljubow, Viktor und Sascha) leben im sibirischen (N)irgendwo, einer Stadt mit dem verräterischen Namen “Asbest 2″. Beziehungsweise, eigentlich auch nicht, denn Viktor ist gegangen, rein körperlich nach Amerika, vor einigen Jahren schon und auch ansonsten ist wenig von ihm verblieben in Asbest 2, Ljubow hat die Erinnerung an ihn bis auf die Tatsache der Existenz ihrer Tochter Sascha völlig getilgt… Sich immer noch der Intelligentija zugehörig fühlend sucht die Mutter für die Tochter eine adäquate Freizeitbeschäftigung, das Totschlagen der Zeit ist mehr was für die Idioten unter den Menschen. Aus diversen Gründen bleibt letztlich nur noch das Malen als Alternative für die 14jährige Sascha übrig und Ljubow schafft es (durch kleine Aufmerksamkeiten, die sie verteilt, unterstützt), Sascha an der örtlichen Malerschule unterzubringen. Damit setzt sie eine Ereigniskette in Gang, die nach der langen Vorrede, die ich hier geleistet habe, den Inhalt des Buches darstellt.

Ich will sie nur in den wichtigsten Stationen hier anreissen:

Durch eine Freundin an der Malschule (einer Einrichtung, die der “pädagogischen Philosophie des erbarmungslosen akademischen Sadismus” anhängt…. )macht sie die Bekanntschaft von Alexei, einem Jungen, der sehr geschickt ist mit den Händen, weniger mit dem Kopf. Aber wohl nicht nur mit den Händen, denn bald keimt Leben in Sascha heran und sie bekommt eine kleine Tochter, Nadja. Noch immer aber will Ljubow aber ihrer eigenen Tochter die Zukunft gestalten, sie sorgt dafür, daß Sascha trotz minderen Talents an einer renommierten Moskauer Kunstschule als Schülerin angenommen wird und nimmt ihr Enkelkind zu sich. Sascha kommt mit ihren Gefühlen nicht klar und als sie merkt, daß sie und die kleine Nadja schon völlig entfremdet sind, altert sie im Pass um ein paar Jahre, läßt sich bei einer Partnervermittlung registrieren und kommt auch schnell unter – nach Arizona, zu Neal. Dreimal die Woche Geschlechtsverkehr, auch wenn Neal und Sascha das anders nennen, putzen, kochen – Ehe auf Probe im gelobten Land auf Dienstbotenniveau.

Saschas Gemütszustand schwankt zwischen Resignation und der plötzlichen Erkenntnis, daß es “das” doch auch nicht sein kann… Wie im Rausch bricht sie das Zimmer auf, in dem Neal ihren Pass versteckt hat und flieht zu einer Freundin, die sie weiter vermittelt an eine russische Emmigrantenfamilie in Chicago. Von dort aus, wo sie ein Himmel empfängt, der aussieht wie ein Bluterguss, geht es dann ein paar Wochen später weiter ins große, labyrinthähnliche Haus der Familie Tarakan, das ausserhalb der Stadt liegt. Dort soll sie als Hausmädchen arbeiten, in Wirklichkeit, so entpuppt es sich später, befriedigt sie nur den Sammeltrieb von Mrs Tarakan, die zusammen mit ihrem Mann großangelegte Spendensammlung zugunsten jüdischer Ex-Russen veranstaltet.

Aber wenn sie dort nicht hingekommen wäre, hätte sie Jake nicht getroffen, den verbitterten, an Kinderlähmung leidenden Insassen eines Rollstuhls. Irgendetwas fesselt die beiden jungen Menschen aneinander, vielleicht fühlen sie, die beide durch ihre Kindheit traumatisiert sind, jeweils des anderen Schmerz und Einsamkeit. Zwar schaffen sie es nicht, sich zu vertrauen, zu oft ist vor allem Jake schon enttäuscht worden, der alle Gefälligkeiten, die ihm zuteil wurden bisher nur als Tauschgeschäft erfahren hat. Das jemand etwas für ihn aus einem echten Gefühl heraus macht, das ist ihm unbekannt.

Sascha hat einen Traum: ihren Vater zu finden, von dem sie nur weiß, daß er in Amerika ist. Jake kann ihr dabei helfen, übers Internet findet er eine vielversprechende Adresse in NY heraus. Er hilft ihr auch, wiederum einem “Gefängnis” zu entkommen und weiterzuziehen, diesmal nach Brooklyn… Hier scheint sich das Schicksal endlich zu wenden, sie findet Arbeit, verdient eigenes Geld, soviel, daß sie sogar daran denken kann, ihre Mutter in Asbest 2 zu besuchen – und ihre Tochter, die jetzt die Tochter ihrer Mutter ist…

Ulinich führt den Leser in einer Art literarischer Perforcejagd durch zwei Welten, die gegensätzlicher nicht sein können. Das sich auflösende Russland mit seinen unbeschreiblichen Zuständen, seiner menschenverachtenden und – zerstörenden Art zu leben, mit der sich aber fast alle auf die eine oder andere Art arrangieren und das oberflächliche, auf Glitzerkram ausgelegte Amerika des Fastfoods und der ewigen TV-Berieselung. Und trotzdem, Sascha kann sich gefühlsmäßig von Russland nicht trennen, es ist ihre Heimat, in Russland kennt sie sich aus, weiß sie, wie die Dinge laufen. In Amerika ist es schon die Sprache, die sie zwar lernt, in der sie aber fremdelt, die ihr als etwas scheint, das nicht zu ihr gehört. Und dann ist da natürlich die Tochter, Nadja, die sie zurückgelassen hat, zurücklassen musste… Ihr erzählt sie in imaginären Briefen von ihrem Leben, in Briefen, die sie nicht abschickt..

Wieviel Verluste hat Sascha erlitten.. den Vater, dessen Verschwinden sie nie verstand und der auch von der Mutter aus der Erinnerung getilgt wurde, Alexei, ihre Tochter natürlich und die Heimat, die Umgebung, in der sie aufgewachsen war. Wundert es, wenn sie sich ihrer Gefühle nicht sicher ist, wundert es, wenn sie Schuld empfindet beim Gedanken, ihre Tochter verlassen zu haben?  Und wundert es, daß sie ausgerechnet in Jake jemanden findet, zu dem sie sich hingezogen fühlt? Zwei verwundete und in ihrer Verwundung verwandte Seelen, die sich füreinander öffnen..

Was in meiner Beschreibung klingt, als sei es eine deprimierende Studie über die Belastbarkeit einer Menschenseele wurde von Ulinich als flotter, mit teilweise bitterbösem Humor gewürzter Roman verfasst. Damit entspricht sie stilmäßig voll und ganz dem durchaus robusten Naturell ihrer Protagonisten. Ulinich scheut sich nicht, die Eigenheiten sowohl der Russen als auch der Amerikaner aufzuzeigen, ohne dabei aber zu verletzen. die sehr farbigen Schilderungen lassen automatisch die Filme im Kopf mitlaufen, so daß man sich hin und wieder wie auf einem Logenplatz im Kopfkino fühlt… So geht es mit hohem Tempo durch die Handlung, Langeweile kommt beim Lesen nicht auf und die eingeschobenen Rückblicke und Erinnerungen bringen wertvolle Ergänzungen zum Schicksal der Personen, ein Schicksal das die Autorin, die selbst Emmigrantin ist, aus eigenem Erleben kennt.

Der Titel übrigens ist einem Gedicht des russischen Dichters Ossip Mandelstam (1891-1938),  entnommen, in ungeheurer Höhe – ein irrer Schein….

ach ja, fast hätt ich´s vergessen: womit ich ein kleines Problem habe, ist die Tatsache, daß Sascha als Jüdin beschrieben wird, obwohl die Eltern des Vaters ja unbekannt sind und Mutter Goldberg aus alter russischer Intelligentija stammt, jedenfalls ist von jüdisch da keine Rede….

Anya Ulinich
Petropolis
Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg
aus dem Englischen von Pieke Biermann
dtv, 420 S., 2008
Originalausgabe erschienen 2007 bei Viking, Penguin-Group, USA

 

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2 Responses to “Anya Ulinich: Petropolis”


  1. Verehrter flattersatz,

    ich freue mich sehr, dass du durch das Buch gerauscht bist und dich hast mitreißen lassen.

    Herzlichst,

    Klappentexterin


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