Anne B. Ragde: Die Liebesangst

20. März 2012

Die Autorin Anne B. Ragde bezeichnet ihren Roman Die Liebesangst als Liebesroman [1] und jetzt hätte ich fast geschrieben, sie muss es ja wissen… denn mit den Vorstellungen, die man üblicherweise mit dem Begriff “Liebesroman” verbindet, hat dieses Buch für mich relativ wenig zu tun, in weiten Teilen geht es schlicht und einfach um Sex und Liebe, ein Gefühl wie Liebe nämlich ist genau das, was Ingunn fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

Liebe nämlich führt in Ingunns Weltsicht zu Kontrollverlust, frau verliert die Eigenständigkeit und gerät unter unter den Einfluss und die Abhängigket eines anderen. Und das führt dazu, daß man als Frau sitzengelassen wird, daß der Mann, der Freund, der Liebhaber die Frau mit dem Makel: “irgendwas an ihr kann nicht stimmen, sonst wäre doch nicht…” zurücklassen würde.

Die Kontrolle zu behalten ist für Ingunn, die 38/39jährige [2] Musikredakteurin das oberste Ziel ihres Handelns. Sie ist gut in ihrem Job, sie ist ein Profi, egal, wie es ihr privat geht, sie kann dies von ihrer Arbeit trennen. Kontrolle allerorten: wenn sie auf Reisen geht, bereitet sie ihre Wohnung schon auf die Rückkehr vor, die passende Musik-CD wird eingelegt, die Zutaten für den Drink bereit gestellt. In einem Zimmer der Wohnung liegen die üblichen Reiseutensilien bereit, so daß Ingunn bei Bedarf praktisch in minutenschnelle reisefertig ist und für jede gefühlsmäßige Situation, jede Stimmung hat sie die passende Musik parat.

Ingunns Lebensinhalt wird durch Musik und Sex ganz gut beschrieben. Musik ist kein Problem, Sex als solcher auch nicht, und wenn sie das Gefühl hat, es würde sich irgendwas wie Liebe einschleichen (bei ihr oder dem Mann), beendet sie diese Beziehung stante pede, eine Art übertragener coitus interruptus. Trost ob der Trauer (sie leidet auch unter der Trennung) findet sie über das Internet. Sie ist in den diversen einschlägigen Foren und Börsen registriert und bestellt sich junge Beschäler, mit denen sie sich die Trübsal aus dem Leib vögelt.

Sie ist nicht wirklich schön, aber das ist egal: im Gegensatz zu anderen Frauen hat sie durchschaut, daß Männer nicht auf körperliche Perfektion stehen, sondern schlicht und einfach auf Geilheit. Männer wollen nicht hören, daß sie “süß” sind, Männer wollen einfach nur f***n, und ganz genau das will Ingunn auch… passt.

.. und Radge hat keine Probleme, das Freizeitverhalten Ingunns in Worte zu fassen. Sie läßt uns teilhaben am Spiel der feuchten Leiber, der heißen Küssen und der wilden Ausritte… So ist der Text in weiten Teilen sehr sexbetont, eher ein erotisches Schriftwerk denn ein Liebesroman. wobei man aber keine Sorge haben muss, daß man ausser dem deutlichen Vokabular, das Radge verwendet, besondere Exzesse geschildert bekommt. Die einzige Abweichung Ingunns von der “Hauptlinie” sexueller Übungen, der Kontakt mit einen S/M-Mann, endet mit einem ziemlichen Frust und einem schmerzendem, blau angelaufenen Körper.

Aber das kann nicht alles sein, und richtig: eines Tages rührt die kleine Zauberfee Emma Ingunn mit einem Glücksstern an… und nun passiert das, was in Liebesromanen halt passiert… Ingunn, sicherlich, muss erst einmal realisieren, warum sie plötzlich ganz andere Gedanken hat, sie versucht auch gemäß ihrer Grundeinstellung diese mit Hilfe eines jungen Mannes zu vertreiben (ein Exorzismus der befriegenden Art…), aber aber aber.. er wirkt nicht… und mit Tränenströmen schwemmt sie alle inneren Abwehrmauern hinweg und schließlich und endlich.. stand er da. “Und niemals würde sie das Leuchten in seinen Augen vergessen, als er erkannte, daß sie es war.Coldplay sei dank. Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie noch heute…. Interessant ist, daß Ingunn in dieser Situation zum Mann fährt, während sie sich vorher die Männer ja im Grunde nach Katalog zu sich bestellt hat, also auch im rein “praktischen” Verhalten eine Umkehrung ihrer Gewohnheiten….

***********

Ich habe mir diesen Roman gekauft, weil ich vom Lügenhaus der Autorin seinerzeit sehr angetan war. Insofern kann ich nicht verleugnen, daß mich dieses Buch enttäuscht hat. Obwohl es ein Thema anpackt, das sicherlich sehr interessante Facetten hat, nämlich die Angst des Menschen, hier der Frau im Besonderen, verlassen zu werden und danach mit einem Makel dazustehen, die Auswirkungen übersteigerter Kontrollsucht (obwohl Ingunn in ihren vielen Orgasmen, die zu bekommen oder sich selbst zu bereiten sie keine Probleme hat, für diese Momente ja auch die Kontrolle verliert, was ihr irgendwann auch auffällt…) auf (zwischen)menschliches Verhalten, bleibt Radge doch sehr an der Oberfläche. Nue wenige Ansätze gibt es, wenn Ingunn z.B. mit Kolleginnen spricht, in denen Beziehungs-/Paarprobleme/-modelle thematisiert werden, in denen ansatzweise nachdenkenswertes zu lesen ist. Die meiste Zeit jedoch beschränkt sich Radge darauf, der geschichtslosen Ingunn bei ihren diversen Aufreissaktivitäten über die Schulter bzw. zwischen die Schenkel zu schauen. Geschichtslos, denn als Leser erfahren wir von Ingunn wenig mehr als daß sie im Lauf des Romans ihren 39. Geburtstag feiert [2] (und sie dabei eine Verknüpfung zwischen dem Österreicher Falco und der ganz persönlichen Art, diesen Geburtstag zu zweit zu begehen schafft) und daß ihre Eltern tot sind. Das ist wenig, zu wenig, um Ingunn als Person zu erfassen, sie retardiert bzw. stagniert über den gesamten Roman hin eigentlich zu einer Figur, deren wesentliches Bestreben es über fast den ganzen Roman ist, sich lustvoll und ohne Verpflichtungen einzugehen mit Sperma füllen zu lassen.

Die abschließende Liebesbeziehung, in die sie gegen ihren Willen hineinrutscht und die ihr Weltbild gehörig durcheinander wirbelt, auch diese Geschichte ist nicht sonderlich originell und sehr vorhersehbar: Witwer mit süßem Kind trifft emanzipierte Frau, die ihrer Midlife-crisis entgegensteuert….

So bleibt “Die Liebesangst” ein schnell zu lesender Roman, von dem nicht viel hängen bleiben wird. Schade. Und ehrlicherweise kategorisiere ich ihn auch mal unter “erotische Literatur”…

Links und Anmerkungen:

[1] Die Autorin stellt ihr Buch in einem kleinen Clip vor
[2] so wird es im Buch beschrieben. In [1] dagegen spricht die Autorin von dem 40. Geburtstag, den Ingunn im Verlauf des Romans erlebt. Diese Diskrepanz spricht wohl eher gegen eine sorgfältige Lektorierung.
btw: auf dem Cover ist eine Dogge abgebildet. Da in der Romanhandlung aber ein Dobermann (“Kalle”) eine gewisse Rolle spielt als Gefühlsableiter für Ingunn, wäre es sicherlich kein Fehler gewesen, einen solchen Hund auf´s Sofa zu legen.
Apropos Dobermann: im Text werden Kalle 62 kg angedichtet [S. 247 der TB-Ausgabe], Dobermänner haben jedoch (es sind zwar große, aber recht zierliche Hunde, keineswegs “Bullen”) rassestandardmäßig ein Gewicht von “nur” 40 – 45 kg…. nun ja, vllt schlägt er aus der Art…..
.. und wenn ich jetzt schon mal am Mecker bin: immer wenn ich lesen musste, daß Ingunn ihren Wein aus Kartons trinkt, hat es mich als Mensch und Weinfreund vom Mittelrhein geschüttelt….

Anne R. Radge
Die Liebesangst
aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
btb-Verlag, diese Ausgabe: TB-Ausgabe 2012
Erstveröffentlichung: Oslo, 2009

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2 Responses to “Anne B. Ragde: Die Liebesangst”

  1. atalante Says:

    Danke für Deine ausführliche Rezension. Für mich erledigt sich das Buch damit. Die Autorin kenne auch ich durch “Lügenhaus”. Diesen Roman hatten wir in unserem Lesekreis diskutiert und er erhielt von mir den Titel “Voyeuristisches Putzen”. Das Putzen wurde dort ja sehr exzessiv betrieben. Vielleicht eine Vorstufe zu dem exzessiven Verhalten in “Liebesangst”?

    • flattersatz Says:

      ich muss jetzt ehrlich sagen, daß ich mit dem begriff “putzen” nicht so viel anfangen kann. meiner buchvorstellung nach hat mir der roman damals ganz gut gefallen, natürlich hat sich radge recht extreme charaktere ausgesucht und die in eine familie geschmissen.. ich habe mir jetzt den zweiten band der trilogie bestellt, falls ich auch zum lesen komme, bin ich mal sehr gespannt, wie die geschichte weitergeht. mittlerweile weiß man ja, worauf man achten muss…


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