Erich Schaake: Bordeaux, mon amour

4. März 2012

“Vendue à l´ennemi!”
“Putain à boches!”
“Poule à boches.”
“Elle a couché avec les sales boches!”
“Alors, ça baise bien, un boche?”
“Non, je ne regrette rien.”
“Tondez la salope!”

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Erich Schaake schildert in diesem Roman das Schicksal des Marineunteroffiziers Heinz Stahlschmidt, der in der Zeit der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg in Bordeaux stationiert war. Der Roman versucht sich an zweierlei: zum einen erzählt er die Geschichte einer Liebe, die sich zwischen zwei Menschen entwickelt, die durch die Politik zu Feinden gemacht wurden, zum anderen schildert er, wie die Bordeaux durch den deutschen Wehrmachtssoldaten vor großen Zerstörungen bewahrt worden ist.

Am 30. Juni 1940 marschieren deutsche Truppen in Bordeaux ein, die Besetzung sollte über 4 Jahre, bis zum 27. August 1944 dauern. Der bedeutende Atlantikhafen der Stadt wurde zu einem wichtigen Stützpunkt der Marine ausgebaut, die 12. U-Boot Flotte wurde hier stationiert. Mit dieser Besetzung war natürlich auch die Umsetzung der nationalsozialistischen Politik verbunden, wie in anderen besetzten Gebieten wurden auch in Bordeaux strenge polizeiliche Verfügungen erlassen (Ausgangsbeschränkungen, Bezugsscheine, (sexuelle) Kontaktverbote zwischen Soldaten und französischen Frauen etc pp, es gab zusätzliche Schikanen für Juden, die Gestapo führte viele Razzien durch). Auch in Bordeaux wurden Deportationen vorgenommen, auch hier wie in anderen Regionen, von französischen Behörden [1].

Die Franzosen richteten sich mehr oder weniger gut unter dieser Besatzung ein. Die umfangreichen Baumaßnahmen beim Hafenausbau führten dazu, daß viele französische Betriebe für die Deutschen arbeiteten und gutes Geld verdienten, ebenso konnten die vielen Winzer und Weinhandlungen nicht klagen, selten war der Weinabsatz besser. Daß den unwissenden Deutschen auch so mancher Fusel als hochklassiger Mouton Rothschild angedreht wurde, war eine eher sanfte Form des subversiven Widerstands…. der kämpfende Arm des Widerstands dagegen, die Resistance, war offensichtlich in verschiedene Gruppierungen gespalten, zum Teil von Spitzeln durchsetzt und erscheint in der Schilderung Schaakes als wenig effektiv. Aquitanien, der Süden Frankreichs also, war relativ unberührt von Kampfhandlungen, bis zur Invasion der Aliierten wurden nur selten Bombenangriffe gegen die Stadt geflogen. Auch der Widerstand der Zivilbevölkerung war gering, hin und wieder gab es Unmutsäußerungen oder despektierliche Gesten gegen die Deutschen. Attentate oder körperliche Angriffe auf Deutsche wurden von diesen mit äußerster Brutalität durch willkürliche Erschießungen von Menschen ge”rächt”. So hatten die deutschen Soldaten im Gegensatz zu ihren Kameraden an anderen Frontabschnitten ein Leben, das dem des sprichwörtlichen Gottes in Frankreich über lange Zeit ziemlich gerecht wurde.

Aber natürlich konnten all diese Anordnungen nicht verhindern, daß sich die Menschen trafen, sie sich begegneten. Und zwischen Männern und Frauen auch Funken übersprangen. Schließlich waren die deutschen Soldaten zum großen Teil junge, gut gewachsene Männer, die noch nicht allzuviele Entbehrungen des Krieges zu ertragen gehabt hatten. Sie waren als Sieger nach Frankreich gekommen, mit der entsprechenden Aura…. However, Heinz Stahlschmidt traf auf die junge Henriette, die sich im Sperrbezirk am Fluss aufhielt, um die durch die Flut zurücklaufende Wasserwelle der Gironde zu beobachten. Auch wenn zwischen beiden nichts geschah außer einer Begrüßung, beide konnten sich nicht vergessen. Und so entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen beiden, die alle Warnungen der Vernunft in den Wind schlug. Da Stahlschmidt zwar Soldat, aber keineswegs ein verbohrter Nazi war und recht gut französisch sprach, akzeptierten auch Henriettes Eltern (mit großer Angst um ihre Tochter) diese Verbindung.

Spätestens mit der Invasion (“D-Day“, “Operation Overlord“) der aliierten Streitkräfte war es mit der relativen Ruhe der Deutschen auch im Süden Frankreichs vorbei, Rückzugsszenarien wurden geplant. So wurde auch festgelegt, daß bei einem Rückzug die Hafenanlagen gesprengt werden sollten. Die dazu eingesetzte Sprengstoffmenge würde aber auch große Teile der angrenzenden Stadt zerstören und tausende Franzosen töten. Die Resistance, die von diesen Plänen erfuhr, nahm Kontakt zum Sprengmeister, jenem Heinz Stahlschmidt, auf, den sie als den Franzosen freundlich gesinnt einstufte, um von ihm Pläne und Schlüssel zum Munitionslager zu bekommen. Der ursprüngliche Sabotageplan zerschlug sich aber und so musste Stahlschmidt selber die Sprengung des Munitionsdepots durchführen.

Stahlschmidt wurde danach von der Resistance versteckt und mit falschen Papieren ausgestattet. Ein paar Tage später zogen die Deutschen aus Bordeaux ab, aber bis zum Schluss rollten die Deportationszüge… Henriette und Heinz heirateten 1949, Stahlschmidt blieb in Frankreich, arbeitete als Bombenentschärfer. Seine Tat wurde ihm erst sehr spät anerkannt, der Erfolg hat viele Väter und lange Jahre waren das französische Resistancekämpfer.

Dieser Sabotageakt war eine Gewissensentscheidung gegen die eigenen Leute. Insgesamt kamen ca. 15 Wachleute bei der Explosion des Depots ums Leben. Wie Schaake im Nachspann, der die Begegnung mit dem Heinz und Henriette schildert, andeutet, wurde Heinz Stahlschmidt sein Leben lang durch den durch ihn verursachten Tod seiner Kamerade belastet.

Zum Buch selbst: Die Schilderung Bordeaux, der deutschen Besatzung dort, des Lebens dort sind interessant und gut geschrieben. Konzentriert sich Schaake dagegen auf die Liebesgeschichte, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, in einen seichten Liebesroman, ein Heft, geraten zu sein. Da hüpft in guten Momenten schon mal das Herz in der Brust, da wird sich angeschmiegt und den gleichmäßigen Atemzügen gelauscht.. diese Stellen fallen gegen den Rest des Textes doch ab. Informativ sind die “Infoseiten”, die Schaake vor einzelne Kapitel setzt und in denen er journalistisch (Schaake ist gelernter Journalist) aufbereitet Infos über die allgemeine Situation gibt.

Ich habe meiner Besprechung französische Stellen aus dem Eingangsabschnitt des Buches vorangestellt. Der Autor schildert dort eine Art Hexenprozess, mit dem die Franzosen nach dem Abzug der Deutschen gegen viele Frauen vorgehen, die ein Verhältnis mit einem “boche” hatten. Aller Frust, aller Ärger, aller Zorn und aller Hass, der sich über Jahre angestaut hat, entlud sich auf den armen Frauen, von denen -zig Tausende mit kahlgeschorenen Köpfen von einer Meute durch die Straßen gejagt wurden…. aber wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf  Odil Kennel, bei der dieser Aspekt des Frankreichfeldzuges deutlich tiefgründiger dargestellt ist als Schaake.

Was Stahlschmidt 1944 gemacht hat, erscheint uns eine heldenhafte Gewissensentscheidung. Es ist aber eine schwere Entscheidung, an der man lange trägt. Es ist die Entscheidung, ob ich ein Leben gegen das andere aufwiegen kann. Darf ich ein Leben opfern, um ein anderes, zehn andere, tausend andere zu retten? Darf ich einen Attentäter foltern, um zu erfahren, wo er die Bombe im Flugzeug versteckt hat? Darf ich einen Kindesentführer Folter androhen, um zu erfahren, wo das entführte Kind ist? Gibt es ein höheres Ziel, um dessen Willen der Tod eines Menschen in Kauf genommen werden kann? Und setzt der Krieg tatsächlich Moral ausser Kraft, die in Friedenszeiten gilt? Wer wollte auf diese Fragen eine Antwort geben…. Heutzutage jedenfalls gilt das “Verbot der Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung” (Art 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention) absolut, wie z.B. bei der Verhandlung gegen den Frankfurter Polizeipräsidenten Daschner wieder festgestellt wurde. Spontan mag es Konstellationen geben, bei denen man anders empfindet….

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß “Bordeaux …” eine interessante und bis dato wohl weitgehend unbekannte Geschichte aus dem 2. Weltkrieg erzählt, mit der ein Mann geehrt wird, dessen Wirken erst spät anerkannt worden ist. In weiten Teilen gibt es auch einen Einblick in das Leben im Krieg an einer Ecke der Front, an der Kampfhandlungen erst sehr spät stattfanden.

Links und Anmerkungen:

[1] Jochen v. Lang: Das Eichmann-Protokoll, Berlin 1982, S. 117: “… Erst als die SS in Frankreich an Boden gewann konnten Danneker als Beauftragter für die Judenfrage und sein Vorgesetzter Eichmann die französische Polizei auf “Judenjagd” schicken, und als die Gestapo Polizeikommandos aus französischen Antisemiten und Faschisten aufstellte, stiegen die Deportationszahlen. 1940 fuhren nur drei Judenzüge nach dem Osten, 1941 waren es neunzehn, 1942 einhundertvier und 1943 zweihundertsiebenundfünfzig Transporte.” vgl auch: Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel

Erich Schaake
Bordeaux, mon amour
Eine Liebe zwischen Wehrmacht und Résistance
List Taschenbuch, 240 S., 2011

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3 Responses to “Erich Schaake: Bordeaux, mon amour”

  1. atalante Says:

    Deine Rezension hat meine Leseliste wieder um ein Buch verlängert. Ich werde nicht mehr hier vorbei schauen dürfen. ;)

    Zum Thema “Wein und Krieg” ist vor einigen Jahren ein Buch von Kladstrup erschienen, daß historisches und legendenhaftes zu dieser Epoche im Bordeaux aufgreift.

  2. Erich Schaake Says:

    Der Autor bedankt sich für den Hinweis auf sein Buch und die positive Rezension. Mit freundlichen Grüssen – Erich Schaake


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