Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod

8. Februar 2012

Stärker werdende Nierenschmerzen und beginnende Schwierigkeiten beim Wasserlassen veranlassen den 54jährigen Schweizer Strafrechtsprofessor Peter Noll im Dezember 1981, sich untersuchen zu lassen. Das Röntgen ergibt einen unklaren Befund, in der anschließenden Zystoskopie erkennt man ein kleines, grobgewebiges (also wahrscheinlich bösartiges) Geschwür in der Blase, welches den Harnleiter fast zudeckt. Der Urologe erläutert die verschiedenen Varianten, in denen die Krankheit, er geht von Blasenkrebs aus, auftritt. Die Überlebenswahrscheinlichkeit läge bei 50%, das Leben könne, bis auf die Tatsache, daß keine Erektion mehr möglich sei, im wesentlichen ohne große Einschränkungen weiter geführt werden.

Peter Noll erklärt daraufhin, einer Operation auf keinen Fall zustimmen zu wollen, Noll “… wählt die Metastase statt der apparativen Hinauszögerung des Todes“:

… ich erkläre, dass ich einer solchen Operation unter keinen Umständen zustimmen würde. … Ich stosse wieder auf eine von meinen Eigenschaften, die mir eigentlich längst vertraut sein sollte. Obwohl eher Zweifler und Zögerer von Natur aus, neige ich zu brüsken, schnellen und radikalen Entschlüssen in Krisensituationen, die mich selber betreffen.

Ich habe hier vor einigen Tagen Brodkeys “Die Geschichte meines Todes“, bei der eine analoge Ausgangslage herrscht: die relativ unvermutete Konfrontation eines Menschen mit einer schweren Erkrankung und in der Folge seinem in absehbarer Zeit eintretenden Tod. Beide Erkrankten führen ein Tagebuch, Aufzeichnungen über ihr Leben, bis ihr Zustand dies nicht mehr erlaubt. Und doch sind beide Lebensberichte völlig unterschiedlich.

Habe ich schon bei Brodkey angemerkt, daß er immer eine gewisse Distanz einhält zum Leser, so daß sich Mitgefühl kaum einstellt, ist dieser Aspekt bei Noll meines Erachtens noch viel stärker ausgeprägt. In weiten Passagen ähnelt das Buch eher einer Gedankensammlung über die Rolle und die Aufgabe der Justiz, der Macht, auch des Todes im Umfeld von Staat und Mensch, ganz allgemein über die Stellung des Menschen in der modernen Gesellschaft [siehe Link 1]. Gedanken über Tod und Sterben, Noll reflektiert, belesen und gebildet wie er ist, auf hohem Niveau darüber. Selten nur scheint der Mensch Noll im Buch über das Beschreiben seiner Tätigkeiten hinaus (Sitzungen in der Uni, das Aufrechthalten der Normalität, das Erfüllen von Pflichten, Besuche und Gespräche mit seinem Freund Max Frisch u.a.m.) aufzutauchen … er geniesst die Natur, den Stand der Sonne, kann die Vögel an ihrem Gesang unterscheiden und erfreut sich dran. Mit der Neutralität eines ärztlichen Bulletins hält er die Schmerzen fest, die er hat, merkt er an, daß sein Urin blutrot ist…. Es kommt der Zeitpunkt, an dem nicht der Krebs, sondern die durch ihn verursachten Begleitschädigungen sein Leben beeinträchtigen… Eine Reise nach Ägypten, zu der Frisch ihn einlädt, endet mit einem Zusammenbruch, das Klima, die Umstände sind zu anstrengend für den geschwächten Körper. Morphium hilft, die Schmerzen in den Griff zu bekommen….

Noll plant seine Totenfeier, die Musik, um die Totenrede bittet er Max Frisch, der den Wunsch selbstverständlich erfüllen wird. Seinen Lebenslauf, wie er ihn sich für die Nachwelt vorstellt, schreibt er selbst, ebenso wie er sich die Musik aussucht, die für ihn die adequate Form der Äußerung ist. Viel denkt Noll nach über die Frage nach Gott, nach dem Tod und nach dem Sinn des Lebens….

Die bedingungslose Entscheidung Nolls, seinen baldigen Tod zu akzeptieren, ihn “kampflos” zu akzeptieren, befremdet, hat mir zu schaffen gemacht [2]. Sogar zu weiteren diagnostischen Abklärungen musste er überredet werden, letztlich sah er in ihnen einen gewissen Sinn, da sie Aussagen über den weiteren, zu erwartenden Verlauf seiner Krankheit ermöglichten.

Wie würde ich handeln? Diese Frage ging mir nicht aus dem Kopf. Jede Entscheidung von solcher Tragweite, auch wenn sie so spontan getroffen wurde wie bei Noll, durchdenkt man später, in den dunklen Nächten, wenn man wach im Bett liegt und auf den Morgen wartet… Jedes Entscheiden ist auch ein Bewerten der Optionen.. ein künstlicher Ausgang, keine Erektion mehr und dafür die Chance auf ein paar Jahre relativ normales Leben, ist das so wenig? Was hält Noll dagegen? Seine Selbstständigkeit, seine Selbstbestimmtheit, auch seine Individualität. Auch das nicht wenig. Nie war Noll Patient, nie lag er im Krankenhaus und war dem medizinischen Kauderwelsch mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, war fremdbestimmt (“Wir müssen jetzt noch dies und das .. und wenn wir, dann…”) und hilflos. Er fürchtet seine Entmündigung. Immer ist es ihm wichtig, “.. dem Automatismus der medizinischen Technologie zu entrinnen. Dazu gehörte aber auch die Aufklärung darüber, dass Sterben und Tod immer nahe sind und dass man sich schon früh darauf vorbereiten soll.”” Noll hat auch als Erkrankter ein weitgehend normales Leben geführt, war eingebunden in seinen Freundeskreis, so wie er ihn noch haben wollte, fuhr in Urlaub, machte Besuche, erfüllte an der Uni seine Pflichten, solange es ging.

Ab September 1982 werden die Beschwerden stärker, nimmt die Schwäche Peter Nolls weiter zu. Die Dosierung des Morphiums muss erhöht werden, fiebrige Tage muss er überstehen. Am 30. September 1982 fährt Noll mit seinem Freund Frisch noch einmal zum Pilzessen in ein Restaurant. Als sie “.. zurückfuhren, regnete es und wir spürten, dass mit dem milden Wetter auch der Sommer gegangen war, definitiv.” So lautet am Abend die letzte Tagebucheintragung von Noll.

Seine Tochter Rebecca fasst die letzten Tage im Leben Peter Nolls zusammen: “Mitte September fängt das Sterben wirklich an, vom Intellekt nicht mehr zu verarbeiten.“. In diesen gut drei Buchseiten kommt Noll dem Leser als Mensch näher als in seinen eigenen Ausführungen. Er leidet, quält sich. Die Schmerzen bedingen erhöhte Morphiumgaben… nach einer “Horrornacht” findet er zu Ruhe und Ergebenheit, mit der er seine Würde wieder gewinnt. Zwei Tage später stirbt Peter Noll.

Das Buch und ich – wir sind dieses Mal kein Paar geworden, meine Erwartungen waren andere als Noll erfüllen wollte. Es ist aber ohne jeden Zweifel ein sehr interessantes und auch wichtiges Buch, aber Noll hat dem Leser anderes zu erzählen als seine eigene Krankengeschichte. Das ist auch nicht verwunderlich, gerade als Kranken im Sinne von Patienten wollte er sich ja nicht sehen, er sah sich weiterhin als Mensch, der eben krank war und in absehbarer Zeit daran sterben wird. So ist das Verfassen eines “Krebsbüchleins”, das Schildern der Gefühle, des Weggleitens des Lebens und die meist von Hilflosigkeit geprägte Reaktion der anderen seine Sache nicht gewesen, er hat uns gezeigt, daß das bedingungslose Akzeptieren der eigenen Endlichkeit es uns ermöglicht, bis in die letzten Stunden selbstbestimmt zu leben.

Dieses Beispiel ist ein wichtiges, denn – wir wissen es wahrscheinlich aus eigener Erfahrung – der Ruf nach dem Krankenhaus, der Behandlung, dem Versuch, nichts unversucht zu lassen, ist oft übermächtig und wird nur selten hinterfragt. Es besteht aber nie der Zwang, in ein Krankenhaus zu gehen bzw. sich behandeln zu lassen, es ist eher ein Automatismus, daß dies geschieht. Genauso besteht immer die Möglichkeit, das Krankenhaus (auf eigene Verantwortung) zu verlassen. Beides mag in der Realität schwierig durchzusetzen (und sollte in seinen Konsequenzen wohlüberlegt) sein, denn man wird meist die Phalanx der Ärzte und des Personals gegen sich haben, aber jeder sollte wissen, daß man letztlendlich nicht gezwungen werden kann, sich gegen seinen Willen behandeln zu lassen. Dazu ist das Leben Peter Nolls beispielhaft.

Links und Anmerkungen:

[1] ausführliche Analyse des Buches: Matthias Bormuth: Das Individuum in der verwalteten Welt
[2] Dagegen sagte mir eine Bekannte, mit der ich über diesen Punkt sprach: das könne sie gut verstehen, das hätte sie genauso gemacht….

Peter Noll
Diktate über Sterben und Tod
Piper, 2009, brosch., 374 S.
ISBN-10: 3492257232
ISBN-13: 978-3492257237

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2 Responses to “Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod”

  1. brigitte kummer Says:

    diese buch ist sehr beeindruckend! bewunderswert wie er mit seiner krankeit umgeht. mein mann ist schwer erkrankt und ist genau in die spitalmaschineri geraten. und ich frage mich – wie lange er das noch mitmachen soll! es macht mutig sich zu wehren! danke für die anregung!

    • flattersatz Says:

      ich bedanke mich sehr für ihren kommentar und ich freue mich, daß dieses beeindruckende schicksal peter nolls ihnen mut gibt, ihren eigenen weg, der so unendlich viel kraft braucht, gehen zu wollen! falls es für sie hilfreich ist, ich habe hier im blog noch mehr bücher vorgestellt, die sich auf die eine oder andere art und weise mit krankheit, sterben und tod befassen.
      ich wünsche ihnen die kraft, die sie jetzt offensichtlich brauchen und menschen, die sie begleiten und stützen.


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