Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner

29. Januar 2012

Ein Treffen von 3 Frauen und einem Mann in Weimar, am Fuss des Ettelberg. Die vier haben sich verabredet, den 100. Geburtstag von Joschi zu feiern, den Mann, der das verbindende Glied zwischen ihnen ist.

Was wissen sie von Joschi, bzw. Jószef Molnár?

Sicher können sie sein, daß er lebte und 1908 geboren worden war. Sicher können sie auch sein, daß er ihr Vater (bzw. der Opa von Lily, der Tochter Marikas) ist, auch wenn alle Kinder Joschis verschiedene Mütter haben, ferner, daß sein erstes Kind aus seiner ersten Ehe zusammen mit seiner zweiten Frau und deren gemeinsamen Kind in Auschwitz ermordet wurden. Höchstwahrscheinlich ist, daß Joschi in Buchenwald interniert war, auch wenn die Zeit dort nicht sicher bekannt ist. Sehr sicher sind die Nachkommen sich aber, daß Joschi Jude war, obwohl es nicht bewiesen ist und rein prinzipiell die Möglichkeit besteht, daß er auch “nur” ein kleiner Gewerkschaftler war, der nach dem Ende des Krieges eine höhere Entschädigung schnorren wollte. Absolut sicher sind sich alle, daß Joschi ein begnadeter Geschichtenerzähler war, der sogar aus der Lache mit der Buchstabennudelsuppe, die seine Tochter wieder von sich gegeben hatte, eine Geschichte lesen konnte, mit Fortsetzungen… richtig, sicher ist auch noch der Suizidversuch Joschis aus dem Jahr 1959 belegt, den er aber sowohl seiner Frau als auch seiner Ex-Frau und seiner Geliebten per Brief ankündigte, so daß sich diese (zwei davon hochschwanger mit seinen beiden letzten Kindern, die dritte Mutter eines 12jährigen Sohnes von Joschi) an seinem Krankenbett trafen und kennenlernten. Hat irgendjemand behauptet, Familienverhältnisse müssen einfach sein? Hier sind/waren sie es sicherlich nicht….

2008 in Weimar sind die damals noch ungeborenen Kinder dieser Begegnung zusammen gekommen, Marika, die Mutter der 16jährigen Lily, Hannah und dazu noch Gabor, der ältere Halbbruder. Dieser ist seinem Vater am reserviertesten gegenüber, da er sich von ihm buchstäblich verkauft gefühlt hat. Er ist auch am skeptischsten und es ist immer eine latente Spannung zu spüren zwischen ihm und den Schwestern. Diese kennen sich schon lange, seit dem 14. Lebensjahr, obwohl unterschiedlich, verstehen sie sich gut.

Pásztor läßt die Geschichte durch Marikas Tochter Lily erzählen, die gerade ihrer ersten unglücklichen Liebe entgegengeht (was aber nichts zur Sache tut). Mit diesem Kunstgriff kann sie den Ton des Buches locker halten, unterhaltsam, frei von Betroffenheitsprosa, denn für Lily als Angehörige der dritten Generation ist ihr Abstand zum Holocaust genügend groß, um sich nicht als direkt Betroffene zu fühlen. Dadurch wird das Buch gut lesbar, hat sogar an vielen Stellen witziges bzw. skurriles zu bieten (schon die Eingangszene, in der der versuchte Suizid Joschis geschildert wird, hat ihre makabren Seiten…), andererseits gelingt es der Autorin damit nicht, ein tiefgründiges Buch zu schreiben (so sie es versucht haben sollte…). An manchen Stellen schillert aber dann doch substantielleres durch: für Hannah etwas, die ihr Leben darauf aufgebaut hat, daß sie (zumindest Vater)jüdin ist, die in ihrer Kindheit schon von der Mutter mit Informationen über KZs und ermordete Juden gefüttert worden ist und die kein einziges Gesicht der Ermordeten vergessen kann, würde das gesamte Lebensbild zusammenbrechen, wenn ihr Vater kein Jude wäre. All die Qual der Kindheit, all die nicht vergessbaren Gesichter haben nur dann einen Sinn, wenn sie auch Teil dieses Volkes ist. Lily erliegt ab und an der Versuchung, ihre Herkunft als Abkömmling eines jüdischen KZ-Insassen zu funktionalisieren, in dem sie mit einem Hinweis darauf Vorteile in der Schule erlangen will….

Die Schilderung des Besuches von Buchenwald ist ergreifend, besonders, wenn man den Gang Lilys im Geist mitmachen kann, den Appellplatz vor sich sieht, die Gebäude, die Blutstraße, das Krematorium, die Bäume ganz hinten am Horizont, die Drahtverhaue… das schmerzt in der Seele….

Die drei Halbgeschwister nähern sich aneinander an, die Wahrheit über Joschi können sie nicht erreichen, zu fabulierlustig war ihr Vater, zu viel erfunden, zu wenig hinterlassen. Wahrscheinlich gibt es die Wahrheit auch garnicht, jeder Mensch, der mit Joschi zusammen war, wird seine eigene Wahrheit haben…… aber es ist nicht wenig, sich anzunähern, den anderen zu akzeptieren und sich zu öffnen, für gemeinsame Abenteuer empfänglich zu sein. Dies gelingt dem Trio und die junge Lily hat viel Anteil daran…. auch wenn dies noch zu einem nächtlichen Kurzaufenthalt im Weimarer Polizeipräsidium führt…..

Mariki, die mich auf das Buch neugierig gemacht hat, hat dem Buch angekreidet, es sei zu platt und eher ein Jugendbuch. Ich drehe diese Feststellung hier einfach um: es ist ein Buch, das einen leichten und unterhaltsamen, dabei aber nicht trivialisierenden Einstieg bietet in die schwierige Thematik der zerbrochenen Lebensläufe im Dritten Reich, der versuchten Auslöschung eines ganzes Volkes (einer ganzen Religion) und dem Problem, sein Leben überhaupt in den Griff zu bekommen, denn die Wirrnis des Joschi´schen Lebensstiles findet sich durchaus wieder in den Lebensläufen seiner Kinder….

btw: andere Bücher mit Mohnblumen auf dem Cover bei aus.gelesen:

Noelle Chatelet: Die Klatschmohnfrau
Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer

Susann Pásztor
Ein fabelhafter Lügner
Kiepenheuer & Witsch, 204 S., HC, 2010

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7 Responses to “Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner”

  1. caterina Says:

    “Absolut sicher sind sich alle, daß Joschi ein begnadeter Geschichtenerzähler war, der sogar aus der Lache mit der Buchstabennudelsuppe, die seine Tochter wieder von sich gegeben hatte, eine Geschichte lesen konnte, mit Fortsetzungen…”.
    Unterhaltsam und leichtfüßig scheint der Text – trotz des schwierigen Themas – zu sein, ohne Witz, wie der oben zititerte Satz sehr schön zeigt… oder geht das Bild der Buchstabensuppe auf deine Kappe?
    Sehr amüsant und ungewöhnlich auch deine btw-Anmerkungen, ganz nach dem Motto: “Wenn Ihnen dieses Buch mit Mohnblumen auf dem Cover gefällt, wird ihnen auch … gefallen” :)

    • flattersatz Says:

      hallo caterina!

      das bild mit der buchstabensuppe ist aus dem buch, ich habe es nur nicht als wörtliches zitat übernommen, deswegen ist es nicht gekennzeichnet. so ein einfall kommt einem eigentlich immer erst nach dem zweiten oder dritten glas wein… *gg* – und zu den mohnblumen: jakob hat auch eine…

      • caterina Says:

        Tja, hätte ich Jakob schon bei mir, wäre mir das auch aufgefallen. Aber nö, der lungert immer noch auf der Post herum, und ich muss wohl meinen Hintern hochkriegen und ihn abholen… Immer diese unselbstständigen Burschen…

  2. Mariki Says:

    Ja, das ist schön mit dem Hinweis auf die anderen Mohnblumen-Cover!

    Du konntest dem Buch eindeutig mehr abgewinnen als ich. Vielleicht bist du freundlicher. Oder du warst durch meine Rezi schon auf den flapsig-jugendlichen Ton vorbereitet! Schlecht ist das Buch ja nicht, ich mochte es auch. Nur begeistert war ich nicht, aber regelrechte Begeisterungsstürme vermeine ich bei dir auch nicht herauszulesen …

    • flattersatz Says:

      du sprichst einen “wunden” punkt an bei mir: ich bin zu gut für diese (bücher)welt… zu freundlich, zu duldsam, zu nett. ;-) das mein ich sogar recht ernst. mir fällt es oft schwer, was negatives über ein buch zu sagen, nur wenn mir wirklich was aufstößt, dann… in diesem buch hier hat die autorin eben einer 16jährigen eine geschichte in den mund gelegt, und das meiner meinung nach recht gut und als “einstieg” in die problematik (lt umfrage wissen 20 % der jüngeren mit dem wort “Auschwitz” nichts mehr anzufangen) halte ich das buch daher für geeignet. denen kann man eben noch nicht mit den elenden von lodz kommen… begeisterung, nein, das nicht, aber wohlwollen. :-)

      • Mariki Says:

        Das verstehe ich! Und wenn man von deinem Ansatz eines “Einstiegs” ausgeht, gibt das ja wiederum mir recht, dass sich das Buch an jüngere Leser richtet. Ich fand das für mich persönlich zu banal, habe dem Buch gegenüber aber auch genug Wohlwollen.


  3. [...] weitere lesenwerte Rezensionen findet ihr im Bücherwurmloch und bei aus.gelesen. Teilen macht reich!Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser Artikel gefällt. von [...]


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