Erik Larson: Marconis magische Maschine

Januar 23, 2012

Zwei Bücher zum Preis von einem… Erik Larson führt in seinem Buch (er bemerkt ausdrücklich, daß es sich nicht um einen Roman handelt) zwei parallele Handlungsstränge, die er erst ganz zum Schluss zusammenführt. Beide Handlungen werden minutiös geschildert, mit vielen exakten Angaben, was Tag und Ort betrifft, bis hin zum Preis von Namensstempeln. So ähnelt das Buch in der Tat eher einer ausführlichen (Hintergrund)Reportage als einem Roman.

Titelgebend ist die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie, des Übermittelns von Nachrichten mittels elektromagnetischer Strahlung, also ohne Drähte oder (in der technischen Ausführung) ohne Kabel. [1, 2]. Der Autor führt uns zurück in die Endepoche des viktorianischen Zeitalters, die Jahre um den Wechsel vom 19. in das 20. Jahrhundert. Wissenschaft und Technik haben in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. In der Physik hatte der Schotte Maxwell durch seine Gleichungen ein überaus elegantes Formelsystem zur Beschreibung des Elektromagnetismus gefunden. Die Existenz elektromagnetischer Wellen wurden dann 1888 von Heinrich Hertz nachgewiesen. Wenige Jahre später gelang es erstmalig, mit solchen elektromagnetischen Wellen Informationen zu übertragen. Zwischen zwei Apparaten wurde eine unsichtbare Verbindung geknüpft, die den zweiten Apparat (“Empfänger”) etwas tun ließ, z.B. klingeln, sobald man den ersten Apparat (“Sender”) betätigte. Larson stellt uns eingangs den englischen Physiker Lodge vor, der schon 1894 in Vorträgen solches demonstrierte. Aber wir sind in England, in dieser Zeit, in der auch Phänomene wie Spiritismus mit Ernst behandelt werden, in denen “Medien” auftauchen, die Verbindungen herstellen zu Verstorbenen. Und Lodge ist jemand, den dies interessiert, der sich dadurch ablenken läßt vom eigentlichen Feld, auf dem er Ruhm hätte einstreichen können. Sehr viel ziel- und ergebnisorientierter betätigt sich im Gegensatz zu ihm der junge Italiener Guglielmo Marconi [4] auf dem Gebiet. Schon 1895 gelang diesem ein Durchbruch: er konnte ein Signal über weit mehr als einen Kilometer übertragen und zwar an einen Empfänger, zu dem kein Sichtkontakt bestand.

Erst 21 Jahre alt, war Marconi jedoch schon sehr gewieft. Er wusste, daß andere Forscher, z.B. Lodge, auch an dieser Technik arbeiteten. Wollte er seinen Erfolg und seinen Vorsprung sichern, um ihn auch wirtschaftlich nutzen zu können, musste er ihn schützen. Und dazu musste er nach England gehen, denn dort gab es eine ausgefeiltes Patentwesen. Durch familiäre Verbindungen fiel es ihm nicht schwer, einflussreiche Kontakte zu knüpfen, zum Beispiel mit William Preece, dem Chefingenieur der englischen Post, der selber schon Versuche zur drahtlosen Telegraphie gemacht hatte. Die Demonstation seiner Apparatur gelang Marconi überaus überzeugend, so daß Preece den jungen Mann unter seine Fittiche nahm.

Sehr detailliert beschreibt Larson nun die Entwicklung der Marconischen Technik in den nächsten Jahren. Sie ist geprägt von visionären Plänen und von technischen Rückschlägen, von Streitigkeiten mit Konkurrenten und wirtschaftlichen Problemen. Marconi war kein Wissenschaftler, im Grunde wusste er nie, was er tat. Ein Tüftler, ein Bastler ohne theoretische Grundlage, aber mit dem Genius, trotzdem das zu tun, was notwendig war. Fortschritte wurden durch Probieren gewonnen, durch endloses Justieren aller möglichen Parameter, bis sich ein Erfolg einstellte.

Marconi war kein einfacher Mensch, er hatte Defizite im zwischenmenschlichen Bereich. Er vergrätzte Freunde, die zu Gegner wurden, er heiratete zwar, beachtete seine Frau jedoch nicht, weil er lieber arbeitete. Auch seine zweite Ehe war trotz der Kinder, die es gab, nicht glücklich. Er übertrieb und beschönigte Ergebnisse seiner Versuche, um Konkurrenten abzuschütteln und sich seinen wirtschaftlichen Erfolg zu sichern.

Seine große Vision war der Funkverkehr über den Atlantik, eine Vision, die von den Wissenschaftlern als abwegig abgetan wurde. Insofern war es gut, daß Marconi kein Wissenschaftler war, sondern daß er nur an diese Aufgabe dachte. Mit einer solchen Funkverbindung wäre es möglich, von praktisch jedem Ort aus über den Ozean zu funken und insbesondere auch einen ozeanweiten Funkverkehr mit den großen Schiffen und Ozeanriesen (sowie zwischen ihnen) einzurichten.

Die Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens leuchtete damals nicht jedem unbedingt ein, gab es doch schon die nicht ausgelasteten Unterseekabel zwischen Amerika und Europa. Es fehlte also etwas, was die “Massen” entzündete, begeisterte: eine Killerapplikation sozusagen.

Und damit sind wir bei der zweiten Geschichte des Buches.

Der amerikanische Arzt Hawley Crippen hat sich auf die seinerzeit in den Staaten sehr populäre Homöopathielehre des deutschen Samuel Hahnemann spezialisiert. Es ist die große Zeit von Arzneifirmen, die mit Mittelchen und Rezepturen für alle möglichen Leiden viel Geld verdienen. Für solche Firmen arbeitet Dr. Crippen. Verheiratet ist er schon in Amerika mit der Deutsch-Polin Kunigunde Mackamotzki, die sich Cora Turner nennt und die eine Karriere als Sängerin plant. Als es Dr. Crippen beruflich nach England verschlägt, nimmt Cora den Künstlernamen Belle Elmore an und wird weiter von ihrem Mann gefördert. Mangels Talent macht sie jedoch nie Karriere. Nach außen scheint die Ehe des ungleichen Paares harmonisch und ausgeglichen, sind sie alleine, drangsaliert und schikaniert Belle ihren Mann ohne Ende. So hat sie auch Affären mit anderen Männern, zumindest das Bild von einem läßt sie als stete Drohung für ihren Mann in der Wohnung stehen.

Im Büro Dr. Crippens fängt eine junge Frau als Sekretärin an, Ethel le Neve. Zwischen den beiden entspinnt sich eine tiefe Liebesbeziehung, die sie nur in Heimlichkeit leben können.

Nach einer Einladung der Crippens an ein befreundetes Ehepaar verabschiedet sich dieses in der Nacht nach Hause. Dies ist das letzte Mal, daß Belle lebend gesehen wird. Dr. Crippen erfindet nach außen die Geschichte, seine Frau wäre überraschend und überstürtzt in Familienangelegenheiten in die Staaten gereist. Mit dieser Lüge will er den Skandal, daß er von seiner Frau verlassen worden ist, vertuschen.

Trotzdem wird die Polizei misstrauisch und befragt ihn. Bei der wiederholten Durchsuchung des Hauses werden Teile der letzten Überreste eines Menschen gefunden, ein äußerst grausiger Fund. Dr. Crippen hat sich jedoch, bevor er festgenommen werden konnte, mit seiner als junger Mann verkleideten Geliebten auf ein Schiff Richtung Amerika geflüchtet.

Hier nun verbinden sich die beiden Geschichten des Buches. Ohne daß Crippen oder Ethel es ahnen, werden sie zu Hauptpersonen eines Dramas, das sich vor Millionen von Menschen abspielt: per Funk fiebern diese Menschen mit, ob und wie der auf einem schnelleren Schiff nachreisende Inspektor das flüchtige Paar überholen kann, um es in Amerika festzunehmen. Eine Nachricht jagt die nächste und die Menschen sind zum ersten Mal fasziniert von den Möglichkeiten der drahtlosen Telegraphie.

Was im Buch auch recht ausführlich und sehr interessant geschildert wird, sind die Lebensumstände im London ausgangs des 19. Jahrhunderts. Die Vielzahl der technischen Entwicklungen wurden schon genannt, das aufkommende Automobil verändert die Lebensumstände genauso wie der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, der es vielen Bessergestellten erlaubt, ihre Wohnungen weiter ausserhalb zu nehmen. In der Folge verarmen die inneren Bezirke der Stadt, die Bevölkerungsstruktur ändert sich. Am Horizont wird immer wieder das Augenmerk auf Deutschland gerichtet, das Anstrengungen unternimmt, als Großmacht wahrgenommen zu werden. Das Wort “Krieg” liegt manchem auf der Zunge. Königin Viktoria stirbt, mit ihrem Tod geht eine ganze Epoche zu Ende….

“Marconis magische Maschine” ist ein sehr interessanter Bericht über die Entwicklung einer Technik, deren Nutznießer wird heutzutage in seinerzeit ungeahntem Ausmass sind, vom Handy über den drahtlosen Internetzugang bis hin zu Funkverbindungen zu Satelliten, die wir ins Sonnensystem schicken. Dieser interessante, aber doch auch etwas langatmige dargestellte Stoff wird durch die Verknüpfung mit diesem einzigartigen Kriminalfall und die Schilderung des Menschen Marconi aufgelockert und gewinnt an Spannung. Dazu trägt natürlich auch die teilweise minutiöse Schilderung der Lebensumstände im damaligen London bei. Für mich war es eine lohnende Lektüre, aber man sollte schon ein Grundinteresse haben an technischer Historie, um das Buch geniessen zu können.

Links und Anmerkungen:

[1] Der deutsche Wortbestandteil “..funk..” hält die Erinnerung an diese frühen Stadien der Entwicklung, war doch die Entladung der großen Induktionsapparate, mit denen die elektromagnetischen Wellen erzeugt wurden, mit einer (energieabhängig) starken Funkenentwicklung verbunden
[2] Dazu sollte man im Hinterkopf behalten, daß Amerika und Europa seit XXXX durch unterseeisch verlegte Kabel verbunden waren, drahtgebundene Telegraphie also schon seit Jahrzehnten möglich war. Stefan Zweig schildert die Bewältigung dieser technischen Herausforderung der Verlegung eines Kabels quer durch den Atlantik in seinen “Sternstunden der Menschheit” sehr anschaulich und intensiv. Sicherlich wäre es sehr interessant, hier mal Parallelen und Unterschiede der beiden Projekte herauszuarbeiten….
[3] ein sehr interessantes online-Archiv zum Thema ist unter MarconiCalling zu erreichen…
[4] Biographie Marconis
[5] Wiki-Artikel über Dr. Crippen

Erik Larson
Marconis magische Maschine
Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation
übersetzt von
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Originalausgabe

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