Maarten’t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Januar 21, 2012

Die Niederlande kurz nach dem Weltkrieg, die Region um Leiden herum [siehe 1]. Der Ich-Erzähler Alexander Goudevyl erinnert sich an seine Kindheit und Jugend in dieser engen, feindlichen Welt. Er ist als Kind eines Lumpenhändlers in einem Viertel aufgewachsen, dessen Bewohner nicht über die Gleise auf der einen und das Wasser auf der anderen Seite hinauskamen. Schlecht angesehen waren sie in dem Viertel, den Lumpenhandel hatten die Eltern im Krieg übernommen von einem verschleppten jüdischen Händler… insbesondere wächst der kleine Alexander in einer von Angst geprägten Atmosphäre auf: die übrigen Kinder des Viertels haben ihn zu ihrem Objekt gemacht, das sie hänseln, triezen und quälen können, bis hin fast zum Tod. Und von Gott fühlt sich der Junge verfolgt, denn heißt es nicht in der Bibel: “Unterwegs aber, da wo er übernachtete, trat ihm der Herr entgegen und suchte ihn zu töten.” [2 Moses 4,24]. “Er suchte ihn zu töten…” und wenn Gott sogar Moses zu töten suchte, warum nicht auch ihn? Der Junge verzweifelt an diesem Bibelwort, zumal es am Nachmittag im Schwimmbad wahr zu werden droht durch die Nachbarkinder, die ihn unter Wasser drücken…. noch viele Jahre soll ihn dieser Bibelspruch verfolgen.

Das Elternhaus ist durchaus liebevoll, aber von einer Atmosphäre exzessiver Sparsamkeit verbunden mit tiefer Religiosität geprägt. Noch immer trauern die Eltern dem Verlust der “Erneuerten” nach, der kirchlichen Richtung, der sie bis zu ihrem Umzug in die neue Stadt angehörten, nach. Hier gibt es sie nicht und sie müssen sich mit anderen Anschauungen abfinden, was sie (insbesondere der Vater) immer wieder wortreich bedauern.. Die höchste Freude der Eltern ist es, sich am Abend zu erzählen, was sie tagsüber alles gespart haben, wo sie kein Geld für ausgegeben haben. So kleiden sie den Jungen konsequenterweise mit noch tragfähigen und ausgebesserten Lumpen, die sie eingesammelt haben, dieser jedoch ist immer in der Sorge, irgendeiner seiner Quälgeister könne darin ein von ihm selbst dereinst weggeschmissenes Kleidungsstück erkennen. Zum großen Glück des jungen Alexander wird die Musik, die er entdeckt. In der Lagerhalle seines Vaters steht ein altes Klavier, das Spielen bringt sich der Junge selbst bei anhand eines Buches, das er dort findet und in dem alles erklärt wird.

So spielte er auch an jenem bewussten Tag, als die Missionskampagne lief und vor der Halle gepredigt wurde vom Kreuz (denn das war das wichtigste…) und er spielte laut und hielt den Knall für den üblichen Scherz seines Vaters, der ihn beim Spielen immer zu erschrecken versuchte, in dem er Tüten aufblies und zerschlug. Doch dann sah er Vroombout am Boden liegen, den Polizisten, von dem er im Sommer, wenn er am Fluss angelte, Geld dafür bekam, sich vor ihm die Hosen und die Unterhosen auszuziehen. Und einen Mann im Hut und Mantel und einem Schal vor dem Gesicht, mit brennenden Augen und auf ihn gedeuteten Fingern sah er wegrennen und er spürte die Drohung, die die Finger bedeuteten: dich erwisch ich auch!

… und suchte ihn zu töten!

Ermittlungen werden aufgenommen, natürlich. Die pädophilen Neigungen des Ermordeten geben ein erstes Motiv, aber das führt nicht weiter, die Suche nach dem Täter verläuft im Sande. Nur bei Alexander bleibt dieses Angstgefühl, das Hochschrecken des Nachts, dieser unlöschbare Wunsch, den Täter zu kennen, denn dann, so seine Hoffnung, würde seine Furcht verschwinden.

Ist ein Roman – wie groß angekündigt – schon dadurch ein Kriminalroman, daß er eine Leiche enthält, einen Mord schildert? Für mich nicht, dieses Buch Harts ist eher ein Entwicklungsroman, der das Leben (die ersten Lebensabschnitte) seines Protagonisten zum Thema hat. Dieser spürt durch seine Liebe zur Musik, daß er nicht in diese engstirnige, verbohrte Welt gehört, in die er als Kind hineingeboren wurde. Und zielsicher eröffnen sich Chancen für ihn, lernt er Menschen kennen, die sich seiner annehmen, die ihn ausbilden, fördern, unter ihre Fittiche nehmen. Die Musik hilft ihm, er lernt später bei einer Klavierlehrerin richtig spielen, und zwar richtig gut und so lernt er auch viele Menschen kennen, letztlich auch nach vielen Jahren seine Frau, die er kennenlernte als Klavierbegleiter und deren Stimme ihn überwältigte.

Wenn nur nicht diese Angst wäre… immer wieder taucht sie auf und Hart drapiert um ihn herum einen kleinen Kosmos von Menschen (das ist die Freiheit des Autoren), die alle mit dem Mord zu tun haben und deren Rolle Alexander im Lauf der Jahre (auch hier spielt der Zufall eine große Rolle) aufdeckt. Schließlich kommt er auch dahinter, was diese Menschen verbindet, untereinander und mit Vroombout, etwas, was Hart dem Leser dagegen schon in seinem Eingangkapitel erzählt. Und wie einen Showdown inszeniert Hart das Treffen zwischen Alexander und dem letzten, bis dato noch nie getroffenen Teilnehmer der Gruppe, der – so ist sich Alexander sicher, da er alle anderen ausschließen konnte – der Täter sein muss. Und auch wenn man als Leser ahnt, daß es letztlich so “einfach” nicht sein kann, ist die Auflösung, die Hart bietet, überraschend und verschlägt einem ein wenig die Sprache, denn hinterher ist eigentlich nichts einfacher geworden….

Das Buch ist eine wunderbar einfühlsame Studie über die Entwicklung eines Menschen, über den Einfluss der Musik darauf und die Kraft, die durch sie zu schöpfen ist. Mit einer gewissen Bitterkeit widmet sich Hart dagegen der geistigen Enge in den Köpfen der Menschen, ihres religiösen Eifers, der mit der Abwertung dessen, der auf andere Art glaubt, verbunden ist, der Skepsis gegenüber allem Neuen oder Fremden. Die Handlung des Buches beginnt ja noch im Krieg und Hart beschreibt, daß es auch unter den Holländern schwarze Schafe, daß es auch hier Verrat und Korruption gab und daß die Kriegsfolgen keineswegs ausgestanden sind, wenn der Krieg vorbei ist.

Durch das ganze Buch zieht sich die Musik, verschiedenste Komponisten prägen Phasen im Leben von Alexander Goudevyl. Im Anhang gibt es eine Aufzählung der erwähnten Musikstücke, es ist sogar eine entsprechende Audio-CD auf den Markt gebracht worden. Gut, die habe ich jetzt nicht gehört, aber auch ohne ist “Das Wüten der ganzen Welt” (jetzt schreib ich es doch: der Titel ist nicht der Kantate 80 von Bach entnommen, sondern nur an eine Textzeile angelehnt) ein sehr lesenswertes und fesselndes Stück Literatur.

mehr von Maarten´t Hart auf aus.gelesen: Der Schneeflockenbaum

Links:

[1] http://helmholtz-bi.de/projekte/deutsch/maarten/unten.htm
[2] Wiki-Artikel zum Buch (Vorsicht: explizite Inhaltsangabe)
[3] Das Buch als Predigt

Maarten’t Hart
Das Wüten der ganzen Welt
übersetzt von Marianne Holberg
diese Ausgabe: Piper TB, 416 S., 1999

6 Responses to “Maarten’t Hart: Das Wüten der ganzen Welt”

  1. Gina Mayer Says:

    Was für eine schöne Besprechung. “Das Wüten der ganzen Welt” ist eines meiner Lieblingsbücher, ich freue mich, dass es dir auch gefallen hat. Ich bin ja ein großer von Fan von Maarten t´Hart!

    • flattersatz Says:

      danke für den lieben kommentar, liebe gina, das freut mich. ja, hart ist ein toller geschichtenerzähler, ich habe noch 2 (oder 3?) ungelesene büchlein im regal, auf dich ich mich sehr freue! vor monaten habe ich ja schon den schneeflockenbaum hier vorgestellt! auch so ein schönes buch, obwohl mir da offensichtlich am ende was gefehlt hat…


  2. Ich muss gestehen, dass ich mir dieses Buch gekauft habe, weil ich mich in sein Aussehen verguckt habe. Beim Stöbern in einer Buchhandlung konnte ich an dieser Ausgabe (http://www.weltbild.de/media/ab/2/032/064/032.064.935.jpg) einfach nicht vorbeigehen. Da mir der Name des Autors bekannt vorkam, habe ich nicht lange überlegt, mir das Buch gekauft und es schließlich nicht nur angeschmachtet, sondern auch gelesen. Meistens habe ich – bevor ich die erste Seite aufschlage – schon eine Idee davon, was mich erwarten könnte. Gern lasse ich mich durch Freunde, Rezensionen etc. inspirieren. Nicht so hier. Wie schön und überraschend war es dann, diese Geschichte zu entdecken, zu erhören und sich Seite für Seite auch noch in den Inhalt zu verlieben.

    • flattersatz Says:

      liebe franziska, das freut mich, daß dich die geschichte des buches so für sich eingenommen hat. maarten´t hart ist ein wunderbarer erzähler, ich freu mich schon sehr auf seine nächste geschichte, ich habe es bei gina schon erwähnt, ich habe noch lesevorrat von ihm.
      die ausgabe, die du hast, ist in der tat sehr individuell aufgemacht, obwohl es mir schwerfällt, jetzt einen bezug der covergestaltung zum inhalt zu bekommen. aber egal. .. an irgendwas erinnert mich diese art des designs… früher gab es mal so eine buchreihe mit ähnlichen cover.. na ja, vllt fällt es mir noch ein!

      ach ja, lieben dank für deinen besuch!

  3. veeins Says:

    Das Buch ist wirklich toll und die Besprechung hält gut die Stimmung dieser wunderbar umschriebenen Geschichte fest.


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