Harold Brodkey: Die Geschichte meines Todes

11. Januar 2012

I have AIDS. I am surprised that I do. … ….. ….. I have AIDS and must die. There it is. …. Really, I can say nothing further at this point. Pray for me.. [1]

Im Frühsommer 1993 leidet der amerikanische Schriftsteller und Journalist Harold Brodkey unter einer schweren Bronchitis, die er lange verschleppt. Schließlich erleidet er einen Zusammenbruch und wird durch die Ambulanz in ein Krankenhaus eingeliefert: “So endete mein Leben. Und mein Sterben begann.” [7] Die Tests im Krankenhaus ergaben, daß Brodkey unter eine Aids-typischen Form der Lungenentzündung litt; die Diagnose war, daß er an Aids leidet.

Harold Brodkey verstarb im Herbst 1995. In der Zeit zwischen Diagnose und seinem Tod führte er ein Tagebuch, das posthum unter dem Titel “Die Geschichte meines Todes” publiziert wurde. Diese Aufzeichnungen sind sehr genau, analysierend, sezierend vielleicht sogar, es ist der Versuch, sein Leben auch in der Rückschau dem Wesen nach, auch den Ursachen und Wirkungen nach, zu erfassen.

Ich habe dieser Buchvorstellung diesen Satz Brodkeys: “Ich habe Aids. Ich bin erstaunt darüber.”, mit dem auch das Buch beginnt, vorausgestellt. Er gibt meiner Ansicht nach zweierlei gut wieder: Zum einen ist es ein wirklich grandioses Understatement, 1993 war die Bekämpfung von Aids ja bei weitem noch nicht so weit vorangeschritten wie heutzutage und die Diagnose ein sicheres Urteil darüber, daß der Tod in nicht allzu ferner Zukunft eintreten wird. Wahrlich ein Grund, erstaunt zu sein. Zum anderen deutet der Satz schon daraufhin, daß Brodkey versucht, sich herauszunehmen, alles aus einer gewissen Distanziertheit heraus zu betrachten und zu erleben. Soweit dies möglich ist, denn die Beschwerden, die Symptomatik, unter der der Autor leidet, muss enorm gewesen sein, körperliche Schwäche bis hin zur Auszehrung, absolute Atemnot gehören zu den Begleitumständen dieser opportunistischen Infektion [4].

Die Infektion selbst liegt wohl viele Jahre zurück, Brodkey terminiert sie auf die 60er und 70er Jahre, jedenfalls vor 1977, einer Periode, in der er zeitweilig homosexuelle Beziehungen hatte, bevor er 1978 dann die Schriftstellerin Ellen Schwamm heiratete (die er aber nicht infizierte) und mit der er eine Tochter hatte. Ellen pflegt ihn die Zeit bis zum Tod aufopferungsvoll, obwohl man manchmal aus dem Beschriebenen nicht erkennt, inwieweit dies dem Kranken recht ist, sieht er sich doch als Sterbenden, der einen Gesunden Menschen an sich bindet und vom Leben abschneidet. Sterben und Tod sind wie eine Scheidung, so in etwa steht es an einer Stelle im Buch. Aber Ellen ist und wird im Lauf der Zeit immer mehr sein Bindeglied in die Welt der Lebenden.

Die Diagnose Aids stößt Brodkey in ein Zwischenreich, der sicher eintretende Tod, vllt nach noch zwei, drei guten Jahren ist so etwas wie ein “Alleinstellungsmerkmal”, daß ihn aus der Menge der Bekannten und Verwandten heraushebt. Ist der Kampf gegen das Sterben sinnvoll, ist der Tod eventuell sogar ein Freund, der manchen Stunden eine überwältligende Schönheit verleiht? Oder ist er der große Langweiler, der Schritt für Schritt näher kommt, unspektakulär, einfach so…? Die Einstellung zum Tod wechselt, ist stimmungsabhängig, abhängig vom körperlichen Befinden.

Brodkey kann kaum atmen, kaum Luft holen. Nur langsam bessert sich sein Zustand, nimmt er wieder etwas zu. Er läßt sich aus dem Krankenhaus entlassen, will unbedingt nach Hause. Barry, sein Arzt, rät ihm ob der Schwäche ab, kann sich aber auf Dauer diesem existentiellen Wunsch nicht verschließen. Entgegen dem Rat Barrys geht Brodkey offensiv mit seiner Aids-Erkrankung um [1] und gibt im New Yorker, für den er oft schreibt, Eindrücke und Berichte über sich wieder. Natürlich erfährt er die Stigmatisierung eines Aids-Kranken (damals war schließlich noch der Begriff “Schwulenseuche” geläufig…), nicht jeder kann mit dieser Offenheit umgehen.

Die Gärtnerarbeit im Landhaus macht ihm Spaß, mit Ellen verbringt er dort viel Zeit. Fernsehen wird wichtig für ihn, die Ablenkung… Er schreibt sein Tagebuch, reist damit zurück in sein Leben, das in diesem Buch veröffentlich ist. Wir erfahren von seiner Kindheit, der Verkauf des kleinen Harold an die Cousine seines Vater, Doris und ihrem Mann Joe Brodkey, die den Kleinen adoptieren. Von Joe Brodkey wird er sexuell bedrängt und misshandelt, die Kindheit kann nicht sehr harmonisch verlaufen sein, zumal beide Adoptiveltern oft krank waren. Er schildert seine homosexuellen Beziehungen, die von seiner Seite aus eher eine Art Geschäft auf Gegenseitigkeit zu sein schienen als wirkliches Schwulsein. Mit Ellen traf er dann seine große Liebe (über seine erste Ehe hat er nichts berichtet), die für ihn den großen Sprung aus ihrem bisherigen Leben wagte. Der Schriftsteller Brodkey – natürlich läßt er auch einiges an Anmerkungen zu seinen Kollegen, zum Beruf, fallen, für uns in Deutschland ist seine Reise nach Venedig (1994, schon sehr geschwächt) interessant, auf der er seinen deutschen Verleger trifft sowie Kritiker und Übersetzer [5]. Am Ende merkt er, wie ihm das Leben langsam aus den Händen rinnt, er immer mehr abgeben muss, weil er zu immer weniger imstande ist.. so kann er irgendwann Ellen nur noch zuschauen beim Pflanzen der Blumen, beim Graben .. beim Zusammenrechen des Laubes…. nicht erst der Tod, schon das Sterbern löscht das aus, was ihn ausmachte, seine Identität.

Trotz all dieser Details stellte sich beim Lesen kaum tiefgehende Anteilnahme für Brodkey ein. Der Abstand, den er durch seine sehr intellektuelle Art des Umgangs schafft, verhindert persönliche Gefühle. Manches, was er schreibt, wirkt eingebildet bis arrogant, manche Abschnitte müsste man wohl zwei- bis dreimal Lesen, bis man versteht, was er meint. Oft meint man, Widersprüche in seinen Aussagen zu entdecken, vllt spiegeln sich hier die emotionalen Berg- und Talfahrten angesichts der ausweglosen Situation, die durch nichts zu beschönigen ist und die ihm täglich, stündlich durch seine körperlichen Einschränkungen bewusst gemacht wird.

Brodkey schreibt wenige Wochen vor seinem Tod folgende Zeilen:

“… Die Welt erscheint mir noch immer wie in großer Ferne. Und jeden dahingleitenden Moment höre ich wispiern. Und doch bin ich glücklich, sogar überdreht, richtig närrisch. Aber glücklich. Welch sonderbare Vorstellung, daß man den eigenen Tod genießen könnte! Ellen hat begonnen, über dieses Phänomen zu lachen. Wir sind grotesk, das wissen wir, aber was können wir schon tun? wir sind glücklich.”

Eine Lebens- bzw. Sterbensgeschichte mit dieser Prämisse: “Du wirst noch zwei, drei Jahre leben und dann sterben” bringt einen automatisch dazu, sich selbst in diese Situation zu versetzen, wie würde man selbst auf so eine Ankündigung reagieren? Es ist keine unmögliche Situation, völlig unabhängig vom Alter kann das Schicksal den eigenen Lebensfaden jederzeit kürzen, stark kürzen. Sobald man geboren wird (in Wirklichkeit noch früher) ist man alt genug zum Sterben. Findet man bei alten Menschen oft eine gewisse Lebenssattheit (die nichts mir Verzweifelung oder ähnlichem zu tun hat), die einfach sagt, ich war jetzt 80, 90 Jahre auf der Welt, ich habe hier nichts mehr zu erwarten, es wird Zeit, daß der liebe Gott mich holt, ist das bei jüngeren Menschen kaum der Fall. Auch Brodkey hatte sich als “Minimalziel” das Erleben des neuen Jahrtausends gesetzt, er wäre erst siebzig gewesen…. Was also würde man selber fühlen? Panik? Sicher, allein der Gedanke an all die Menschen, die Dinge, die einem viel bedeuten und die man zurückläßt, schnüren das Herz zu… auf wen würde sich der Zorn, die Wut, die unbändige Wut richtigen, daß man sterben muss? Und wie würde sie sich wieder mäßigen, könnte man sich selbst abfinden mit seinem Schicksal, den “..eigenen Tod geniessen..” lernen, glücklich sein gar? Niemand weiß das und niemand kann das im Vornherein sagen….

Brodkeys Aufzeichnungen sind auch ein Versuch, den Sinn, die Essenz [6] des Todes, des eigenen Todes aufzuspüren. Es ist ein Buch, das man auf sich wirken lassen und wahrscheinlich mehr wie einmal lesen muss, um all das, was es enthält, zu erfassen. Beim ersten Lesen hält Brodkey uns auf Abstand, seine die eigenen Befindlichkeiten und die Ereignisse mit großer sprachlicher Genauigkeit erfassende Art zu berichten, lässt mehr (.. ließ für mich mehr…) nicht zu. Trotz dieser Einschränkung ist es ein absolut interessantes, lesens- und nachdenkenswertes Dokument eines Menschen, der sich selbst beim Sterben beobachtet.

Links und Anmerkungen:

[1] Harold Brodkey: To my Readers, The New Yorker, June 21, 1993
[2] Wiki-Artikel zu Harold Brodkey
[3] Autorenseite seines deutschen Verlages
[4] http://www.hivbuch.de/opportunistische-infektionen-oi.html
[5] Abstract des Berichts im New Yorker
interessanter Text zum Thema “Angst vor dem Tod
[6] Verena Lueken im FAZ Feuilleton

[7] Nachtrag: ich lese gerade noch einmal den artikel und stolpere über das erste zitat: “So endete mein Leben. Und mein Sterben begann.” eine durchaus plakative feststellung, aber ein irrtum… sterben ist ein teil des lebens und es hilft sehr, es als solchen zu begreifen. (16.1.2012)

Harold Brodkey

Die Geschichte meines Todes
übersetzt von Angela Praesent
Rowohlt, HC, 192 S., 1997

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4 Responses to “Harold Brodkey: Die Geschichte meines Todes”

  1. janina Says:

    Alle Achtung, wer traut sich schon sich überhaupt mit dem Tod auseinandersetzen. Der Tod wird doch wie ein Tabu Thema behandelt und nur die wenigsten fragen sich, was kommt danach.

    • flattersatz Says:

      tja, oft ist das so.. es heißt aber auch, man solle jeden tag so leben, als würde man morgen sterben, sich also seines lebens jeden tag bewusst sein. und das kann man nur, wenn man um seine endlichkeit weiß….

  2. Mariki Says:

    Da schnürt es mir alles zu, das Herz, den Hals …


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