Jean-Claude Gautrand: Paris Mon Amour

8. Januar 2012

Paris… jeder verbindet wohl was mit dieser Stadt, die für so vieles steht. Ich persönlich habe recht wenig Bezug zu dieser Stadt. Vor vielen Jahren, sehr vielen, als Student noch, war ich mal für ein paar Tage dort mit Kommilitonen, wir unternahmen zusammen eine Busreise. Immer noch habe ich das kleine irdene Schälchen mit dem passenden Kännchen zusammen, aus dem ich jahrelang mein Müsli löffelte und das mir jetzt noch als Topf dient, in dem ich mein Münzgeld sammele. Wo ich es gekauft habe – ich weiß es nicht mehr. Kein Bild erscheint in meiner Vorstellung, nicht vom Geschäft, nicht von Sehenswürdigkeiten, die wir sicherlich geschaut haben, einfach nichts. Ausgelöscht, die Erinnerung. Nur an die junge Frau kann ich mich erinnern, die dabei war, in sie hatte ich mich sofort verliebt. Ich weiß noch, wir schliefen in einem Mehrbettzimmer, sie zog sich abends aus und ich sah sie… sie war vergeben, gebunden. Ein oder zwei Abende hatten wir zusammen, ohne daß etwas geschah, was wir bereut hätten. Ob ich bereut habe, das nichts geschehen war? Auch das weiß ich nicht mehr, genausowenig wie ihren Namen.

Wieso erzähl ich das hier? Ganz einfach, es kam mir sofort in den Sinn, als mir dieser Bildband (nicht den ganz großen, sondern die abgespeckte Version der Hardcover-Ausgabe) wieder mal in die Hände fiel. Parisbilder aus knapp zwei Jahrhunderten, 1839 – so der dreisprachige Text – entspann sich eine Liaison zwischen dieser Stadt und der Fotographie….

Auf den alten Bildern noch die unbefestigen Straßen mit den Pferdekutschen, im Hintergrund Kuppeln und Säulen, es gibt noch Tiere in der Stadt, Ziegen spenden frische Milch, die sich ein Kunde genüsslich schmecken läßt. Bilder von Artisten, die ihre Kunst auf der Straße zeigen, von Geschäften, Läden, die misstrauisch dreinschauende Concierge. Es regnet in Paris, an den Ecken stehen Menschen, denen man ansieht, daß das Leben nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen ist. Spuren im Schnee und dann der Frühling in den Gärten, in den Parks. Zeitunglesen, ein Picknick, ein Nickerchen auf der Bank, Runde um Runde mit dem Karussel… überhaupt, diese Stimmung.. der berühmte Kuss vor dem Rathaus. Pärchen in ihrer Zweisamkeit, sich aneinanderlehnend, in die Augen schauen, sich haltend, sich durch die Absperrung der Kabine hindurch küssend ….Bistros, Lokale, Restaurants.. wartende, beobachtende, unbeobachtete Menschen, lesende, suchende, seiende… es sind schöne, stimmungsvolle Bilder aus einer Stadt, die voller Atmosphäre ist und voller Menschen, die diese speisen, bis hin zu den starken Frauen Newtons… mir fällt die Stelle bei Miller ein (“Stille Tage in Clichy“), in der er Montmatre beschreibt: “…verbraucht, verblichen, verwahrlost, nacktes Laster, käuflich, vulgär. Es ist eher abstoßend als anziehend, aber so verführerisch abstoßend wie das Laster selbst….. Dieser hinterhältige Zauber ist… zum größten Teil dem Sex zuzuschreiben, der hier unverblümt gehandelt wird. …. viel betörender und viel verführerischer als der strahlend illuminierte Broadway“. Schau ich mir diese bilder hier an, denke icdh, diese Tatsache gilt nicht nur den Sex, für Montmatre: diese Bilder zeigen keine sterile Hochglanzstadt, im Gegenteil. Sie zeigen ein Paris, auch ein vergangenes Paris, in der Menschen wohnen, einfache, arme, reiche, gepflegte und ungepflegte, Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen oder ihrem Laster… Menschen, die sich ihres Lebens freuen, die stolz sind – oder die traurig sind, verzweifeln. Menschen, die einsam sind oder zu zweit, die in der Masse verloren scheinen oder geborgen sind.. Menschen wie sie das richtige Leben für uns bereithält……

… kurz gesagt: es war einfach schön, diesen Fotoband durchzublättern….

Jean-Claude Gautrand
Paris Mon Amour
übersetzt von Chris Miller und Verena Vannahme
Taschen-Verlag, TB, 239 S., 2007

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4 Responses to “Jean-Claude Gautrand: Paris Mon Amour”


  1. Lieber flattersatz,

    wenn Dir dieser Bildband so gut gefällt dann musst Du unbedingt auch den “Paris”- Band von Brasaï anschauen bzw. kaufen. Ich versprechen Dir ein ähnliches, genussvolles Blättern. Des weiteren auch dieses Buch: http://glasperlenspiel13.blogspot.com/2011/04/fotografinnen-der-20er-und-30er-jahre.html

    LG


  2. Verehrter flattersatz,

    ein wunderschöner Beitrag, der mich beglückt und gleich an meinen Taschen-Kalender von 2005 erinnert. Der Titel lautet “Paris” und zeigt wunderschöne schwarz-weiß Fotografien von Robert Doisneau, die sich an deinen Bildband anlehnen… Nein, ich habe es bis heute nicht fertiggebracht, diesen Kalender in den Müll zu werfen, ist er doch ein liebenswerter Fotoband.

    Am Montag bin ich übrigens in der SZ auf eine Rezension über ein Buch gestolpert, das dich vielleicht interessieren könnte: “Montparnasse und Montmartre: Künstler und Literaten in Paris zu Beginn des 20.Jahrhunderts” von Dan Franck.

    Ich habs mir schon auf meinen Wunschzettel geschrieben. Hach, da hüpft doch gleich das Cœur de Paris ein bisschen schneller, nicht wahr?

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    • flattersatz Says:

      ach ja, hochgeschätzte texterin, ich habe, glaube ich, alle meine (wand)kalender und die postkartenkalender und die tagebuchkalender noch…. wieso sollte ich die wegschmeissen, da gibt es keinen grund für! ;-)

      danke für den hinweis, ich sag meiner druckfee an der münzpresse mal bescheid… auf meine wunschliste habe ich es auch mal geschrieben…

      in der tat, diese alten, nostalgischen bilder vermitteln ein gefühl, einen eindruck, den ich bei den meisten der modernen neuzeitlichen fotokünstlern oft nicht habe (natürlich gibt es auch hier ausnahmen..). wärme strahlen die bilder aus, sie sind nicht so scharf und gestochen.. vllt befriedigen sie aber auch nur die sehnsucht nach einer guten, alten zeit, die es so nie gab… ich weiß nicht. anyway, es ist sie schön, sie zu anzuschauen….

      mit wieder mal stürmischen grüßen nach fast frühlingshaften tagen
      flattersatz


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