facebook.gruppe: die Bücher des Jahres 2011
Dezember 25, 2011
ihr lieben da draußen,
allenthalben findet man auf vielen bücherblogs rückblicke über das vergangene jahr, die schönsten, besten, interessantesten oder auch enttäuschendsten bücher, die ihr 2011 gelesen/besprochen habt. wäre es nicht schön, etwas ähnliches als gesamtübersicht von uns allen zu machen? ich versuche es einfach mal über facebook, dort habe ich eine gruppe gegründet, in der jeder (nach freischaltung durch mich als admin) sich austoben kann….
.. wobei austoben relativ ist: ich will es uns ja auch nicht zu einfach machen: jeder darf nur drei bücher dort einstellen, muss sich also genau überlegen, welche drei für ihn – aus welchen gründen auch immer – besonders bemerkenswert sind. es ist so ählich, wie die die berühmten 10 bücher für die insel…
ich würde mich freuen, wenn ihr euch zahlreich beteiligt, so daß wir dann am ende eine interessante und aussagekräftige sammlung aus den im letzten jahr besprochenen büchern bekommen…
.. was es sonst noch zu sagen gibt, ist in der gruppenbeschreibung zu sehen, aber soviel kommt da glaube ich garnicht noch dazu….
hier noch mal der link zur gruppe „Bücher 2011“ und nun viel spaß beim mitmachen und bücherauswählen…. und klar, wenn ihr ein wenig „reklame“ macht für diese gruppe, wird es noch spannender….
Otfried Preußler: Das kleine Gespenst
Dezember 24, 2011

Auf Burg Eulenstein wohnt das kleine Gespenst, das so weiß ist, weißer als eine Wolke aus Schneestaub.. Es schläft in einer alten Eichentruhe und wird jede Mitternacht von der Rathausuhr des kleinen Städtchens geweckt. Dann steht es auf, muss „Hatzi“ machen, weil der Staub und die Spinnweben auf dem Speicher so dicht sind und es in der Nase kitzeln. Es geht dann ins Schloss und spielt mit den Kanonenkugeln, unterhält sich mit den Menschen auf den Bildern, die an der Wand hängen… manchmal schwebt es auch zu seinem Freund, dem Herrn Uhu Schuhu, der trotz aller Freundschaft darauf besteht, mit „Sie“ angeredet zu werden. Dann sitzen die beiden auf einem Ast und erzählen sich Geschichten, vor allem auch die, in der das Gespenst erzählt, wie es vor 324.. nein, 325 Jahren, den gefürchteten Schwedengeneral Torsten Torstenson, der die Stadt Eulenberg belagert hatte, verjagte….
Einen großen Wunsch hat das kleine Gespenst bei allem Glücklichsein: es möchte so gerne mal den Tag sehen, wie die Welt bei Tag aussieht. Und obwohl der Herr Uhu Schuhu im abrät, weil er selbst dereinst schlechte Erfahrungen mit dem Tag gemacht hatte, versucht das kleine Gespenst alles mögliche, um einmal, einmal nur, am Tage wach zu werden. Aber nichts gelingt, immer schläft es und wacht zur Mitternachtsstunde auf…
Doch dann eines Tages fällt, als es wieder von dem 12 Glockenschlägen geweckt wird, goldenes Mondlicht auf seinen Speicher. Goldenes Mondlicht? Was hat das zu bedeuten? Und es ist so hell auf dem Speicher…. Das kleine Gespenst schwebt schnell zum Fenster und sieht hinaus und so ganz anders sieht alles aus nach dem ersten Schrecken, mit dem das Licht im Auge wehtat….
Mehr will ich jetzt nicht verraten von der wunderbaren Geschichte Preußlers, in der das kleine Gespenst die Welt, die es jetzt bei Licht sieht, erkundet, welche Abenteuer es erlebt, wie es in den Brunnen kommt und warum im Rathaus alle Bilder mit schwarzer Farbe bemalt sind (apropos schwarz…. das kann das kleine weiße Gespenst auch eine ganze Menge zu sagen…), wieso es im „Eulenburger Anzeiger“ immer zornigere Artikel gibt und warum die Polizei den großen Unbekannten doch nicht fangen kann und last not least das große Abenteuer, als das kleine Gespenst seinen alten Gegner, den General Torsten Torstenson wieder trifft. So ist die Zeit des Tages für das Gespenst eine sehr aufregende, aber es bekommt auch Heimweh nach dem Mondlicht, möchte den Herrn Uhu Schuhu so gerne wiedersehen, den Staub in der Nase kitzeln spüren… aber wie kann es zurück in die Nacht? Es ist ja nun ein Taggespenst für die Zeit zwischen Mittag und 1 Uhr….Ja, das ist die Frage und was da Herbert, Kurt und Jutta mit zu tun haben und ob der Herr Uhu Schuhu da vielleicht Hilfe weiß, das verrate ich hier erst recht nicht….
Ein wunderschönes Buch zum sich noch einmal als Kind fühlen… und das man auch sehr gut vorlesen kann, was ich dieses Jahr beim Adventslesen mit „meiner“ Klasse ausprobiert habe. Die kannten das Buch zwar fast alle (mit einigen hatte ich gerechnet, aber fast alle??? da fiel mir erst einmal der Herz in die Hose…), aber beim Vorlesen waren sie alle gebannt…. hat viel Spaß gemacht!
Otfried Preußler
Das kleine Gespenst
Thienemann Verlag, HC, 135 S.
Gina Mayer: Die Wildnis in mir
Dezember 21, 2011

Kurz vor 1900 in Elberfeld, Wuppertal. Die 17 jährige Henrietta, genannt Jette, lebt mit ihrer Mutter mehr schlecht als recht in einer Siedlung. Der Vater ist verstorben, die vom Leben verhärmte Mutter versucht, sich und die Tochter mit Näharbeiten über Wasser zu halten. Natürlich packt auch Jette mit an, ihre größte Hoffnung ist aber das Geld, das der Vater für ihre Ausbildung zur Lehrerin zurückgelegt hat. Doch eines Tages muss die Mutter ihr gestehen, daß sie dieses Geld zum Überleben brauchte und daß Jette auf Anraten des Pastors als Dienstmädchen auf einen Hof gehen sollte, wo sie schon immer mal für ein paar Groschen geholfen hat.
Eine Welt bricht zusammen für Jette, alle Hoffnungen auf ein besseres Leben schwinden, und sie will einfach nicht als Dienstmagd arbeiten und enden. So greift sie in ihrer Not zu einer Lüge, einer häßlichen Lüge, einer Verleumdung…. und sie erreicht ihr Ziel, die Mutter besteht nicht mehr darauf, daß Jette auf dem Hof arbeitet, und mehr noch: die Mutter nimmt den Heiratsantrag des Missionars Freudenreich aus Südwest-Afrika an, dessen Frau gestorben war und zu dem ihr heimischer Pastor den Kontakt vermittelt hatte.
Und so kommt es, daß sich Jette und ihre Mutter in Hamburg wiederfinden, auf ein Schiff gehen und lange Tage Richtung Süden dampfen, in die Wärme, in die Sonne. Sie wissen praktisch nichts von Afrika, ein wenig, was man so aus Büchern aufschnappen kann oder in der Schule gehört hat. Viel ist es nicht und ob das wenige hilft, wenn die beiden unten sind, in der Missionsstation Bethanien, das weiß man auch nicht…..
Afrika ist anders. Ganz anders als sie es sich vorgestellt haben. Heiß, trocken, staubig. Die Entfernungen zwischen den Orten gigantisch. Die beiden werden mit einem Ochsengespann abgeholt, das von Einheimischen gefahren wird. Tagelang sind sie unterwegs, bis sie in die Missionsstation kommen…. Schon bald zeigt sich, daß sie hier nicht glücklich werden können. Jettes Mutter stirbt nach kurzer Zeit und damit hält das Mädchen es nicht mehr aus auf der Station, auf der sie nicht besser lebt als eine Magd in Deutschland. So sinnt sie auf Flucht und sie findet einen Helfer…
Gina Mayer hat sich für ihren Jugendroman ein exotisches Kapitel deutscher Geschichte ausgesucht. Nachdem die großen Kolonialmächte wie England, Frankreich oder Portugal den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt hatten, blieb für Deutschland, das sich auch in diesen Club hieven wollte, nicht mehr allzuviel übrig. Deutsch-Südwest, das heutige Namibia, wurde eine ihrer beiden Kolonien, die sie genauso ausbeuten wollten wie die anderen europäischen Mächte es mit den ihren vorführten. Die dort lebenden Menschen, die Neger, Kaffer oder Hottentotten, wie sie abwertend hießen, taugten allenfalls als Sklaven oder sklavenähnlich Lebende bzw. zum Missionieren, aber nur nicht zuviel Bildung, das verdirbt den Charakter. Dieser Herrschaftsanspruch, diese Diskriminierung wurde als quasi-göttlicher Auftrag aufgefasst, hatte doch Noah Ham und seine Nachkommen seinerzeit verflucht [1] und die ursprünglichen Bewohner von Deutsch-Südwest sind ja Hamiten….
Das Buch gliedert sich in zwei Teile, der erste schildet das Leben der Mutter und Jette in Deutschland, die Überfahrt (auf der sich Jette mit der Familie Cordes, die später noch eine Rolle spielen wird, anfreundet) und die Ankunft in Afrika. Das Leben auf der Mission in Bethanien ist bis zum Tod der Mutter als Übergang zu sehen zum Flucht Jettes, die ausführlich beschrieben wird und auf der das Mädchen sehr viel erlebt und lernt. Sie lernt, Hunger zu ertragen und Durst, Hitze und Kälte bedrängen sie, sie wandern über staubigen, steinigen Boden vorbei an dornigen Pflanzen, werden von Tieren bedroht und sie muss essen, was die Natur ihr bietet. Ohne ihren Begleiter wäre sie verloren, er kann ihr zeigen, welche Pflanzen den Durst stillen und die Müdigkeit bannen, er jagt, er kann Feuer machen … und auch das Herz der 17jährigen entflammt….
Die Geschichte hat wenig zu tun mit Romantik, die Wanderung über Hunderte von Kilometern zu den Cordes, von denen sich Jette Hilfe verspricht, ist hart und lebensgefährlich. Aber Jette lernt auch das Land kennen, die Siedler dort und die Händler und sie merkt schnell, daß sich nicht die sanften und gutmütigen unter ihnen durchgesetzt haben. Im Gegenteil, es herrscht das Gesetz des Stärkeren, das viele Träume unter sich begräbt…. aber trotz aller enttäuschten Hoffnungen findet Jette schließlich ihren Weg…
Die Hauptperson Henrietta reift durch diese Wanderung, überhaupt ist ja die Zeit in der Wüste, der Gang in/durch die Wüste immer auch ein Bild für eine innere Leuterung und Reifung. Trotzdem kann man als Leser nicht vergessen, daß das Mädchen die ganzen Ereignisse, die die Geschichte beschreibt, durch eine wirklich häßliche Lüge in Gang gesetzt hat, eine Lüge, die nicht zu rechtfertigen ist, ich denke, auch unter den damaligen Verhältnissen nicht. Das wirft einen Schatten auf ihr Bild, zumal sie gegen Ende der Geschichte noch einmal zu einer heftigen Unwahrheit greift, unnötigerweise und diesmal wohl ohne negative Folgen.
Zum Buch selbst möchte ich „nur“ anmerken, daß es sehr schön und flüssig geschrieben ist, es liest sich gut und sehr anschaulich werden die Bilder, die Mayer zeichnet, in der eigenen Fantasie lebendig. Hitze, Kälte, Staub, all das meint man zu spüren und wahrzunehmen. Und auch dürften sich viele junge Leserinnen in der Gefühlswelt der 17jährigen Henrietta wiederfinden, einem Mädchen noch mit Widersprüchen, einem großen Ziel vor Augen und der ersten wirklichen Liebe im Herzen. Und aussserdem wird noch eine Menge an Wissen über die deutsche Kolonialzeit in Afrika vermittelt, über das Leben der dortigen Bevölkerung unter der ausbeuterischen Fremdherrschaft, eine Zeit, die sich übrigens deutlich auch im deutschen Sprachschatz niedergeschlagen hat [2], unabhängig von diesem Buch übrigens auch ein interessantes Kapitel.. (btw: Mayer verwendet in ihrem Buch der historischen Authentizität wegen solche rassistischen Termini wie Neger, Kaffer etc, erläutert diese diskriminierenden Ausdrücke aber in kurzen Anmerkungen.)
Links:
[1] eine interessante Diskussion zu der entsprechenden Bibelstelle
[2] Susan Arndt, Antje Hornscheid (Hrsg): Afrika und die deutsche Sprache, Unrast-Verlag, Münster, 2004
[3] Wiki-Artikel zu Deutsch-Südwestafrika
Gina Mayer
Die Wildnis in mir
Thienemann Verlag, HC, 336 S., 2011
Christa Wolf/Günther Uecker: Störfall Aschebilder
Dezember 18, 2011
Ein Zufall, natürlich, aber ein makabrer. Seit vielen Jahrzehnten lese ich mal wieder ein Buch von Christa Wolf, wenn ich ehrlich bin, ausser Kassandra kenn ich nichts von ihr und das ist schon lange her. Aber dieses hier hat mir gefallen von Ansehen her und der Aufmachung. Ausgerechnet aus einem Nachlass habe ich es neulich als Erinnerung mitgebracht, jetzt las ich es und während des Lesens höre ich die Nachricht vom Tode Christa Wolfs….. möge sie in Frieden ruhen!

Am 26. April 1986 kommt es im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat zum GAU, zum größten anzunehmenden Unfall: es tritt eine Kernschmelze ein, in deren Folge der Reaktorkern durchbrennt und die Umhüllung des Reaktors gesprengt wird, so daß riesige Mengen radioaktiven Materials in die Atmosphäre geblasen werden. Es ist der bis dato schwerste Katastrophenfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie, das Ereignis in TMI einige Jahre zuvor sollte nicht vergessen werden, war aber von den direkten Auswirkungen her eher lokal.
Am gleichen Tag wurde der Bruder Christa Wolfs am Gehirn operiert, offenbar wurde eine Geschwulst entfernt. Die Doppelköpfigkeit der Radioaktivität tritt in diesen beiden Ereignissen deutlich hervor: zum einen der lebenstötende Aspekt in der Reaktorkatastophe, zum anderen der lebensrettende in Bestrahlungen bei Krebserkrankungen.
Christa Wolf schildert in ihrem Buch „Störfall“ diesen Tag, wo wie sie ihn in der doppelten Sorge um ihren Bruder und um die Folgen der Katastrophe in der Ukraine erlebt. Das vorherrschende Gefühl ist natürlich die Angst, die ganz konkrete, daß die Operation am offenen Hirn keine (gravierenden) Folgeschäden für ihren Bruder hat, z.B. der Sehnerv geschädigt wird. Die andere Angst ist unbestimmter, ungreifbarer, diffuser. Die „Wolke“ wird zum Sinnbild dafür, die Wolke aus radioaktivem Material, die vom Wind angetrieben nach — ja, das ist die Frage, wohin getrieben wird. Denn auf die Landschaften, über die sie treibt, läßt sie Staub regnen, radioaktiven Staub, Hunderte, Tausende von Jahren strahlend..
Wolf konstatiert dem Menschen einen Trieb zur Zerstörung, zur Selbstzerstörung. Wie anders könnte man es ihrer Meinung nach sonst erklären, daß sich die besten, intelligentesten Köpfe der Menschheit immer wieder auf Projekte stürzen, die so große immanente Gefahren beinhalten oder sogar direkt zur Zerstörung, zum Töten gedacht sind? Ihrer Meinung nach ist diese Tatsache ursächlich mit der Menschwerdung, der Abzweigung vom gemeinsamen Stammbaum mit den Affen, verbunden: mit der schnellen Entwicklung unseres Hirns, unseres Intellekts, der sich ausgebildet hat, der das Denken, die Sprache hervorgerufen hat, der die emotionale, unbewusste Seite unseres Hirns unterdrückt. Wir denken, aber wir fühlen nicht mehr.
„Der Forscherdrang hat sich immer weiter in diese eine Richtung entwickelt: Was machbar ist, wird gemacht. Und wenn ein Land aus moralischen Gründen etwas nicht macht, macht es das andere. Und weil beide das voneinander wissen, machen sie weiter. Wir schaffen es einfach nicht, diese Entwicklung, die wir „Fortschritt“ nennen, zu bremsen.“
aus dem Interview in der ZEIT (s.u.)
„Störfall“ ist auch ein sehr direktes Buch, ein persönliches: es beschreibt in der Tat den Tag, den die Autorin verlebt. Besuche der Nachbarn, Erinnerungen an frühere Zeiten, den Krieg, die Typhus-Erkrankungen von ihr und ihrem Bruder… Die Gartenarbeit, die jetzt besser in Handschuhen zu verrichten wäre und die auftauchende Frage: kann das Grün, das jetzt endlich nach dem Winter zu spriessen beginnt, noch gegessen werden? Die Diskussionen im Fernsehen, die Meldungen über zwei Tote in der Ukraine und daß Mütter und Großmütter anfangen, die Stadt zu verlassen. Dies erinnert an die eigenen Fluchteindrücke, damals…. Anrufe der Schwägerin, die OP dauert länger als gedacht, doch schließlich Erleichterung, gute Nachrichten aus dem Krankenhaus….
Angst und Sorge sind die Hauptmotive, die sich durch das Buch ziehen. Und die Frage: muss das alles sein, ist das nötig? Was treibt uns an, so zu handeln, wider besseren Wissens, denn wir kennen die Risiken, wir wissen um die Gefahren und die ungelösten Fragen….? Das Buch hilft nicht weiter, weil es – natürlich – keine Antworten liefern kann, zumindest keine, die Rezepte für die Zukunft beherbergen. Es rüttelt auf und macht nachdenklich – das ist nicht wenig. Gerade jetzt, da es ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl angeahnt aktuell geworden ist.
Eingebettet in das Buch sind die „Aschebilder“ Günther Ueckers. Diese großformatigen Werke, bei denen sich der Künstler auf die Leinwand legte und mit Asche bestreuen ließ, hinterlassen den Eindruck von Schatten, wie man sie auf Bilder aus Hiroshima kennt: verglühte Menschen als Schattenbilder auf dem Untergrund…. graue, braune Bilder (wie sie hier auf dem Cover eines Buches von Uecker zu sehen sind), düster, ein wenig an Fellmenschen erinnernd, Affenmenschen.. vllt passt auch das, vllt entwickeln wir uns mit unserer Technik ja irgendwann zurück auf diese Stufe…..
Links und Anmerkungen:
- Interview in der ZEIT
- Inhaltsangabe und Analyse des Buches
- Renate Rechtien: ‘Prinzip Hoffnung’ oder ‘Herz der Finsternis’: Die Schilderung der Realität in Christa Wolf’s ‘Störfall’ (nur als Hinweis, online nicht verfügbar (?))
- zu Günther Uecker und seinen Aschebildern:
– http://www.neues-deutschland.de/artikel/173852.abschied-von-dieser-erde.html
– http://www.fiftyfifty-galerie.de/galerie/22/biografie
Christa Wolf/Günther Uecker
Störfall Aschebilder
Projekte-Verlag Cornelius, geb., 149 S., 2010
Hanns-Josef Ortheil: Die geheimen Stunden der Nacht
Dezember 14, 2011

Köln am Rhein. Ortheil hat diesen Roman in seiner Heimatstadt angesiedelt, in der Nähe des Doms, der Domplatte, in den Vororten, den vornehmen und den weniger vornehmen, am Rhein, auf den man schauen kann, von dem aus der Nebel und die Feuchtigkeit des Nachts in die Stadt ziehen. Seine Hauptperson ist Georg von Heucken, der 50jährige Sohn des alten Verlegerpatriarchen Reinhard von Heucken, der bis zu diesem Tag, an dem die Handlung einsetzt, alles im eisernen Griff seiner Verlagsführung hatte. Der Alte lebt allein mit seiner Haushälterin Liesel in dem großen Haus der Familie. Die Frau, von der er sich – ohne daß man wüsste, warum (vllt seiner vielen Frauengeschichten wegen, schließlich verweigerte er sich in dieser Beziehung nur selten, wenn sich Gelegenheiten boten) – getrennt hatte, ist schon vor längerer Zeit verstorben, die drei Kinder Georg, Christoph und Ursula sind natürlich schon längst eigenständig, vom Vater mit der Leitung eigener Verlage betraut. Reinhard von Heucken ist wohlhabend, nach dem Krieg, in der allgemeinen Aufbruchsstimmung, im herrschenden Bedürfnis, die Entwicklung, die die Welt genommen hat, während Deutschland im Dunkel der Diktatur vor sich hindämmerte und faulte, nachzuholen, verlegte er amerikanische Literatur und deutsche Schriftsteller, die ins Exil getrieben worden waren und machte damit viel Geld.
Georg von Heucken wird davon informiert, daß sein Vater mit einem schweren Herzanfall ins Krankenhaus gebracht werden musste. Diesen Herzinfarkt hat er in seiner Suite im Dom-Hotel erlitten, von der der erstaunte Sohn nichts wusste. So taucht neben der Sorge um den Vater auch die Frage auf, warum der Vater offensichtlich diese auf Dauer gebuchte Suite in der Stadt bewohnt, ob sich dahinter ein Doppelleben, von dem er nichts ahnt, verbirgt. Ist dies eher eine Sache der Neugier, weckt der Zustand des Vaters ernsteste Bedenken, der Tod des Alten steht im Raum und daher unausweichlich auch die Frage nach der Nachfolge im Verlag, die der Patriarch, wie wir später erfahren, in einer Art Trotzreaktion in geradezu haarsträubender Art und Weise testamentarisch verfügt hat und an die die drei Kinder sich jetzt halten (obwohl der Vater ja noch lebt…). Und so verfolgen wir die Bemühungen Georg von Heuckens, zum einen die ihm der Sache nach zustehende Rechtsnachfolge des Vaters zu erlangen und andererseits sein Eintauchen in das Zweitleben des Vaters, an dem er recht schnell in für ihn unerwarteter Weise teilhaben soll.
Es ist nicht alles direkt eingängig an Ortheils Roman. Georg ist verheiratet mit Clara, hat zwei Kinder, über die wir aber kaum etwas mehr als das Alter erfahren. Die Ehe der beiden ist, nachden die Kinder mit ca 15 Jahren aus dem Gröbsten heraus sind, abgeflacht. So kann Ortheil die Frau, eine Lektorin, auf eine lange Reise schicken, die beiden Kinder werden von einem etwas eigenen jungen Hausmädchen versorgt und Georg selbst zieht in die Suite seines Vaters ein, die er mit einem Koffer in der Hand übernimmt. So löst der Autor diese Familie sozusagen en passant auf, denn Georgs Herz (von dem der Frau erfahren wir nichts) ist offen und empfangsbereit und in der Tat, es gibt jemanden, von dem er Signale wahrnimmt…. Auch die schon erwähnte Tatsache, daß die testamentarischen Festlegungen schon befolgt werden, obwohl der Vater noch lebt, ist nicht unbedingt verständlich. Und zum Schluss.. tja, da fügt sich alles zu einem schnellen harmonischen Ende, obwohl vom Autor eigentlich eine sehr konfliktträchtige Situation heraufbeschworen wurde.
Merken wir uns dies als Punkte, die uns stutzen lassen. Was hat der Roman sonst zu bieten? Natürlich sehr detaillierte Zeichnungen der zentralen Personen, die Absatz für Absatz in der Vorstellung zum Leben erwachen: Georg von Heucken, der Lektor Bayermann, der mit dem Patriarchen gealterte Schriftsteller Hanggarten, das Zugpferd des Verlags, der von Heuckens erste Bewährungsprobe ist, als dieser beschließt, des Vaters Termine wahrzunehmen. Liesl vllt noch, die liebeswerte, lebenserfahrende Haushälterin des Alten. Gröber gezeichnet sind die Geschwister von Heuckens, die auch nur (obschon für die Geschichte wichtig) einen marginalen Raum einnehmen.
Natürlich enthalten die „…. Stunden der Nacht“ viel Interna aus dem Verlagswesen, ich denke, ein Insider dürfte kein Problem haben, die Vorbilder Ortheils zu identifizieren. Mir gelingt dies natürlich (und leider) nicht, auch wenn ich z.B. bei Hanggarten instinktiv das Bild eines bestimmten Schriftstellers vor Augen habe…. Ortheil verteilt zahlreiche kulturkritische Seitenhiebe, ob nun gegen das Fernsehen, den Kaffee bei Starbucks oder die Relevanz der heutigen Themen von Jungautoren, denen „.. ihr erstes Nutella-Brot ein Erlebnis und deshalb allen Ernstes ein Thema“ ist…. Auch Köln bekommt sein Fett weg, nach der Lektüre des Buches kann man getrost davon ausgehen, daß zum Beispiel die Domplatte kein Lieblingsort des Autoren ist…. Das alles (und mehr) ist sehr amüsant zu lesen, sehr unterhaltsam, leider (aber das kann man Ortheil ja nicht ankreiden, sondern muss auf die eigene Kappe genommen werden) kann man als Leser auf der inhaltlichen Ebene nicht alles einordnen….
Der Roman enthält ganz wunderschöne, teilweise nur kurze Szenen. So z.B. als Minna Zech, die Sekretärin, dem ungeduldigen Georg klarzumachen versucht, daß man Menschen (hier Hanggarten), die den Verlust eines Freundes erleiden, Zeit lassen muss, sie nicht drängen darf. Oder die leise, aber eindringliche Erklärung Liesls, daß für den Vater jetzt, nach seinem Herzinfarkt, auf der Schippe des Todes sozusagen, ganz andere Dinge wichtig sind als er, Georg, ihm jetzt vermittelt. Für den Vater ist der Verlag unwichtig geworden, Vergangenheit. Reinhard von Heucken will nach Hause, will nicht im Krankenhaus sterben, will noch einmal barfuss durch das regennasse Gras laufen…. Georg muss dies akzeptieren, und er muss die Kraft finden, die Verantwortung zu übernehmen, den Vater gegen den Rat der (profilierungssüchtigen) Ärzte nach Hause zu holen….
So schildert der Roman das verspätete Erwachsen- und Selbstständigwerden eines Mannes, der bis dato im Schatten seines Vaters stand und jetzt, wo er von einem Augenblick zum anderen in die Verantwortung gezogen wurde, zum einen eben diese spürt, als Last, zum anderen er aber auch die Freiheit wahrnimmt, die diese ihm bietet und damit auch die Selbstbestätigung, dazu fähig zu sein. Es ist also kein sonderliches spoilen meinerseits, wenn ich andeute, daß es relativ klar ist, wer die Nachfolge des Patriarchen antreten wird, zumal Ortheil auf den durchaus möglichen Machtkampf der Geschwister kaum eingeht, die Geschwister sowieso nur als Randfiguren auftauchen.
Ortheil sagt (an anderer Stelle), ein Romancier wäre so etwas wie ein Schöpfer, ein Schöpfer einer eigenen, kleinen Welt, in der er alles festlegen kann und muss, und wenn es nur die Tatsache ist, daß seine Personen Wasser trinken anstatt Wein… Hier also tauchen wir in die Welt des Georg von Heuckens ein, der an einer Schaltstelle seines Lebens zwar den Rückblick auf dessen bisheriges Verlauf bedenkt, der aber ansonsten seine Chance sieht und nur nach vorne schaut, sein bisheriges Leben garnicht mal entsorgt, sondern einfach nicht mehr wahrnimmt. Keinen Gedanken verschwendet er an Frau und Kinder, er streift die Nachfolge seines Vaters (in jeder Beziehung) über wie einen passenden Anzug, auf den er schon lange gewartet hat. Dabei kann man ihm garnicht einmal vorwerfen, daß er als skrupelloser Karrierist auftritt, in der von der Ortheil geschaffenen Welt erscheinen alle Personen, die von Heucken jun. zurückläßt, so farblos und schwach, daß man sie eigentlich fast nicht wahrgenommen hat und man beim Lesen das Verhalten des Protagonisten ganz natürlich und normal findet.
„Die geheimen Stunden der Nacht“ ist ein sehr schöner Roman, der sich wunderbar liest mit sehr dataillierten Schilderungen, manchen amüsierenden Seitenhieben und gesellschaftiche Umstände. Vielleicht liest er sich sogar etwas zu glatt, denn im Nachgang taucht dann schon die eine oder andere Frage zu den Personen auf, Erklärungen, die man vermisst so wie fehlende Schicksale, an denen man interessiert wäre….
Hanns-Josef Ortheil
Die geheimen Stunden der Nacht
Luchterhand, gebunden, 380 S., 2005
Charles Bukowski: Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel
Dezember 10, 2011

Zwölf Kurzgeschichten, Stories, von Bukowski, geschrieben zwischen 1968 und 1972. Es sind typische Bukowskis, von der Bandbreite, die das Leben zu bieten hat, widmet er sich dem Teil, der beim Normalbürger ein eher defensives Zurückweichen hervorruft. Die Junkies, die Huren, Penner, die sich auf der Wettbahn herumtreiben und ein paar Dollar setzen mit der Hoffnung auf ein paar Dollar mehr für die nächste Flasche, Typen, denen kein Essen mehr vertragen, aber einen Drink immer, und fällt er noch so oft wieder aus dem Gesicht. Gelegenheitsjobs, die bei der ersten Gelegenheit wieder hingeschmissen werden, Beziehungen, die nur dazu dienen, zu zweit anstatt allein unterzugehen und die zu Ende sind, wenn etwas vermeintlich besseres an der nächsten Kreuzung steht. Reduktion des Lebens auf eine pure Triebbefriedigung, Fressen (eher weniger), Saufen, Vögeln. Kotzen, um Platz zu schaffen für eine neue Runde.
Mitleid, auch Selbstmitleid fehlt in den Stories. Bukowski ist ein guter Beobachter und guter Erzähler, er weiß die Pointen zu setzen, daß man – und wenn die Situation noch so tragisch ist – unwillkürlich lachen muss. Er sitzt mit Linda in irgendeinem billigen Hotel, schaut aus dem Fenster und ein Typ fliegt an ihm vorbei, auf der Straße zerplatzt er wie eine Tomate…. „.. Ich setzte mich hin und trank meinen Wein. Bald danach hörte ich den Krankenwagen. Was die da unten wirklich brauchten, war die Stadtreinigung. Naja, zum Teufel damit, wir hatten alle unsere Probleme. …„
Bukowskis Welt ist eine Gegenwelt, ein Sammelbecken für die, die aus der Welt der Normalbürger ausgesondert worden sind oder sich ausgekoppelt haben. Es ist aber auch ein Spiegel, den Bukowski uns vorhält, ein Bild, wie wir selbst auch wären, würden wir uns der Konventionen entledigen, der gesellschaftlichen Zwänge und dem Ehrgeiz, „etwas erreichen“ zu wollen, wenn es nur noch ums überleben, den nächsten Tag ginge. Was erreichen zu wollen, vllt eine Chance nutzen, wenn sie sich bietet … das haben die Protagonisten der Stories längst aufgegeben, ihre Erfahrungen haben sie nicht ermutigt und so haben sie ihren Zeithorizont auf das Warten bis zum nächsten Suff, den nächsten F*ck oder die nächste Wette zurückgeschraubt.
Der Autor, der sich gegen seinen eigenen Erfolg letztlich garnicht wehren konnte (wie er es selbst so schön in seinem Buch „Hollywood“ beschreibt … und der als Künstler natürlich auch immer eine gewisse Narrenfreiheit hatte) kennt die Schicksale, von denen er schreibt, aus eigenem Erleben. Daher wirft er niemandem etwas vor, die Dinge sind so, wie sie sind, er schildert sie mit einer Art poetischer Zärtlichkeit und Sympathie, er läßt seinen Figuren, mag ihr Schicksal noch so brutal auf sie einknüppeln, immer auch einen Rest von Selbstbestimmtheit und Würde.
Mehr von Bukowski bei aus.gelesen:
- Das Liebesleben der Hyäne
- Hollywood
Charles Bukowski
Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel
Fischer TB, 128 S., 2009
Erstausgabe: 1990
Wolfgang Bergmann: Sterben lernen
Dezember 6, 2011

„Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin es Liebe hatte, Sinn und Not.“
Der Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann erfährt im Alter von 67 Jahren, daß ein metastasierender Krebs in seinen Knochen wütet. Eine curative Behandlung ist nicht mehr möglich, so daß er auf eine Palliativstation eingewiesen wird. Dort fängt er an, seine Gedanken, seine Auseinandersetzung mit dem, was auf ihn zukommt, mit seinem baldigen Tod und dem Weg dorthin, dem Sterben, in dreiundzwanzig, zum Teil sehr kurzen Kapiteln aufzuschreiben. So wird das, was wir erleben, wenn wir diese Zeilen lesen, eine Art Sterbebegleitung, bei der wir, ausschließlich wir, vom Sterbenden lernen, indem er uns mit seinen Gedanken, seinen Grübeleien, seinen Eindrücken, seinen Ängsten und Hoffnungen mitnimmt auf den Weg zu seinem Tod, uns mitfühlen/ahnen läßt, wie es sein mag wissenden Kopfes, fühlenden Herzes alles zu verlieren.
Das Buch setzt ein mit der Zerstörung der Hoffnung auf eine weniger gravierende Diagnose, diese Mitteilung können die Ärzte dem Kranken nicht machen. Beginnend von diesem Moment der Endgültigkeit an kann man auch in den Bergmannschen Gedanken den prozessualen Charakter erkennen, den die Gewissheit des eigenen Sterbens, das begonnen hat, innewohnt, kann man Phasen erkennen, die über ein „Ich will nicht sterben, nicht vergehen..“ hingehen bis zu einem „Etwas wartet auf mich…“ und einer Frage: „Warum bin ich nicht trauriger?“
Aber natürlich ist dieses schmale Büchlein kein Praxisbeispiel für eine Durchleuchtung eines Sterbeprozesses. Es ist vielmehr der mutige, verzweifelte Versuch, die unfassbare Dimension des eigenen Todes herunterzubrechen auf ein Maß, das es möglich werden läßt, mit der Verzweifelung, der Angst, der ungeheuren Trauer ob all des Verlustes, den man schon erlitten hat und den man in absolutester Form unentrinnbar erleiden wird, umzugehen.
„Der Tod ist das Nichts, die reine Negation, es ist lächerlich, in ihm nach Sinn zu suchen.“
„Der Tod ist das Böse.“„
Als ich diesen Satz las, habe ich mich auch gefragt, was ist das eigentlich genau, der Tod? Was muss ich mir darunter vorstellen? Ist es ein Zustand, ein Prozess, eine Eigenschaft? Oder bezeichnet er einfach den übergang von lebenden in den nicht-lebenden, den toten, Zustand? Denke ich an das Mittelalter, die bildlichen Darstellungen des Totentanzes (bzw. danse macabre) zum Beispiel, so scheint mir dieser Gedanke nicht falsch, der Tod als Skelettfigur personifiziert, führt den Lebenden über die Grenze, holt ihn ab in das Totenreich bzw. im christlichen Glauben in das Reich Gottes *. Vielleicht ist der Ausdruck vom „Eintreten des Todes“ in einem tieferen Sinn so zu deuten: der Tod tritt in den Menschen ein und das Leben verläßt den Menschen, ob in ein Nichts oder in eine wie auch immer geartete Welt, das ist die Frage, die in dieser Welt von niemandem beantwortet werden kann, die Sache ist des Glaubens und der Überzeugung.
„Der Tod ist die Bedingung unseres Existierens.“
Kreisen die Gedanken Bergmanns anfänglich vor allem auch um die Sinnlosigkeit des Todes, wo noch so viel zu machen gewesen wäre für ihn (das hat mich an die Klagen und Vorwürfe des Ackermanns erinnert….), so tritt doch irgendwann (die – ich nehme an chronologisch angeordneten – Gedanken sind leider nicht datierbar) die Umwertung der Werte ein, das, was wichtig war für ihn, verliert an Bedeutung, die Freude und Bestätigung, die er früher mit diesen Tätigkeiten spürte, erfährt er nun nicht mehr. Andere Dinge werden wichtig für ihn und schenken ihm Lebensfreude, mitunter spürt er spontan als ob ihn ein Traum streife, unerklärliche Lebensfreude in sich. Die Tochter ist ihm wichtig, in allen Dingen, die ihn erfreuen, ist ihr Bild enthalten….
Es fällt ihm auf, wie sich die Menschen ihm gegenüber verändern, wie er sich durch seine Krankheit und deren Folgen, durch sein resultierendes „Anderssein“ aus diesem Lebenskreis verabschiedet, aus ihm wegdriftet, er, der jetzt Humpelnde mit dem Krückstock, sich isoliert. Auch wird ihm bewusst, daß seine Handlungskompetenz schwindet, immer mehr geschieht ihm ohne sein Zutun, er wird immer mehr Objekt seiner Umwelt.
Das bewusste, reflektierende Erleben seines eigenen Verfalls, seines Sterbens gibt ihm Freiheiten: was kann ihm, auf den der Tod wartet, schon passieren? Nichts.. und trotzdem herrscht der Alltag auch in seinem Leben, die Routine, der tägliche Ablauf der Dinge. Für ihn liegt die Freiheit, die ihm die Gewissheit des Todes gibt, auf einer anderen Ebene: ihm gelingt der Zugang zu mystischen Texten, sein Geist, sein Intellekt versperrt seiner Seele, seiner Intuition nicht mehr das Erfühlen deren Bedeutung. Insbesondere die Texte der Begine Mechthild von Magdeburg werden ihm wichtig, es sind ihm Texte mit der elementaren Wucht des Glaubens. Ein Spalt hat sich geöffnet, so formuliert es Bergmann selbst, ein Spalt durch den das göttlich fließende Licht der Mechthild zu ihm gelangt. Nein, gläubig geworden ist er nicht, natürlich nicht, so betont er.
„“Wenn alles Reden endet und alles Erkennen und sogar alles Zungenreden endet, die Liebe höret nimmer auf!“ Was bindet mich an diesen Satz und hält mich fest? … Wie mächtig sie [i.e. Klänge und diese Sätze] sind. Eine weiche, fließende Realität. Aber sie trägt. Nur wohin? … mein Gott… Wohin?“
Links:
Ich sterbe, also bin ich: Essay in der „Die WELT“ vom 23.07.2010
Rezension auf buchtips.net
Wiki-Artikel zu Wolfgang Bergmann
* Kyrilla Spiecker schreibt dazu in ihrem kleinen Büchlein: Leben und Sterben (Echter-Verlag, Würzburg, 1989): „Mag der Tod in der Literatur und der Malerei auch oft in der Gestalt des Sensenmannes und als „Bruder Hein“ auftreten – ein Gerippe ist keine Person, sondern ein Leichnam. Der Tod ist ohne personale Existenz, ohne Herz und ohne Gesicht. Er ist ein Ereignis – mehr nicht.“
Wolfgang Bergmann
Sterben lernen
mit Illustrationen von Oliver Weiss
Notierungen zu Krebs und Not und Tod
Kösel-Verlag, geb., 80 S. 2011
Pierre Loti: Islandfischer
Dezember 3, 2011

Dieser Roman hat ein Thema, ein einziges, um das sich die Schicksale aller anderen reihen: das Meer… jenes um Paimpol an der Nordküste der Bretagne und jenes vor Island, zu dem jedes Jahr eine Flotte von Fischerbooten ausläuft, um dort den Dorsch zu fangen. Wir tauchen ein in eine Zeit, die vor über Hundert Jahren liegt, noch weit entfernt von Fangflotten und modernen Fischereibooten, von Echoloten und Radar, mit dem die Fischschwärme ausgemacht und verfolgt werden.
Es ist eine harte Arbeit, Handarbeit alles. Die Fische werden geangelt von den Männern, Stunde um Stunde stehen sie an der Bordwand, werfen die Angel aus und holen die Fische ein, schmeissen sie hinter sich, wo andere Fischer stehen, die sie töten und ausnehmen und salzen. Stunde um Stunde, im Nebel wie im Schein der nicht untergehenden Sonne, im Regen, in der Gischt, im Sturm wie in der Windstille. Es ist eine mythische Landschaft, nein, Seeschaft dort oben vor Island.. das Meer und der Himmel, das Wasser und die Wolken, die Sonne mit ihrem Licht verbinden sich zu einer Einheit, die die Grenzen aufhebt. Nicht zu unterscheiden ist der Himmel vom Meer schauen die Fischer auf den Horizont, der nicht mehr zu erkennen ist, nur zu erahnen unterhalb der Sonne, die kaum noch darüber steigt, ihn manchmal berührt und aber für lange Wochen nie unter ihn sinkt. So verschwimmt in einer ewigen Dämmerung das Nahe mit dem Fernen und die Männer auf ihren Nussschalen sind den Gewalten ausgeliefert und alle Gewalt geht vom Meer aus…. das Meer ist es, das sie umtost mit seiner Gischt, das sie nässt mit seinem Regen und peitscht mit den Winden, das Meer nährt sie, es ist das große blaue Nichts ebenso wie das große Grab, wenn es sich den Fischer zur Hochzeit holt……
Loti erzählt und die Geschichte von Yann und Gaud. Yann ist ein junger Mann gewachsen wie ein Bär, er ist einer der besten Fischer Paimpols an der bretonischen Küste, von wo die Schiffe jeden Sommer auslaufen. Zwar kennt er die Frauen, er geniesst sie in den Häfen, in denen er landet und auch zu Hause. Doch verspricht er sich keiner, sein Versprechen zur Hochzeit hat er dem Meer gegeben, das er mit jeder Faser seines Seins liebt. Zusammen mit seinem Schwager Sylvestre, fast einem Jungen noch, befischt er das Meer vor Island. Doch zu Hause, als die Saison beendet ist und die Fischer wieder in der Heimat eintreffen, in der die Familien, die Eltern, die Bräute, die Kinder.. die Frauen auf sie warten, sehnsüchtig auf sie warten, trifft er Gaud, die junge Frau, die lange in der Stadt gelebt hat und jetzt wieder zurückgekehrt ist und er versteht sich mit ihr, den ganzen Abend und die Nacht tanzen die beiden zusammen, erhitzen sich und ihre Seelen berühren sich. Aber in dem gleichen Masse, wie sich Gaud danach sehnt, Yann wiederzusehen meidet dieser sie nach diesem Abend, der alles versprach, die Schranke zwischen ihm, dem armen Fischer und ihr, der sie in der Stadt gelebt hat und man ihr und ihrem Äußeren das Bessersein ansieht, deucht ihm zu groß in seiner Einbildung und Sturheit. So geht er Gaud aus dem Weg und für sie schickt es sich nicht, ihn anzusprechen, ihn aufzusuchen, obschon sie dies versucht mit Vorwänden, um den Schein zu wahren….
Es ist eine Liebe, die langsam wie eine Kerze zu ihrem Ende brennt, keine Wärme mehr empfindet, wenn man dem anderen ansichtig wird, vermeintlich. Denn dann ändert sich auf einmal alles und eines Tages steht Yann in ihrer ärmlichen Hütte und fragt sie die Frage, die zu hören sie aufgegeben hatte…. wenige Tage nur bleiben den Liebenden, Yann muss wieder aufbrechen zu seiner anderen Geliebten, der, der er schon vor langer Zeit die Hochzeit versprochen hatte und es ist eine wütende Geliebte, eine, die nicht verzeiht, die sich holt, was ihr versprochen war….
Der ehemalige Marineoffizier Loti hat mit diesem Roman ein sehr eindrucksvolles Bild einer mittlerweile vergangenen Zeit geschaffen. Es muss eine unheimlich harte Arbeit gewesen sein, das Fischen im kalten, eisigen Nordmeer vor Island, getrennt von den Familien und den Lieben daheim, die monatelang warten mussten auf die Rückkehr. Selten nur war die Möglichkeit gegeben, sich Briefe zu schreiben, die Postzustellung über Militärschiffe naturgemäß unregelmäßig. Die Sorge der Frauen und Kinder um ihre Männer und Väter, immer blieben welche zurück, entweder im großen blauen Grab oder auf einsamen Grabstätten an der Küste. Das Meer beherrscht alles und jeden, auch die Küste, diesen Zipfel Land in Frankreich, der am südlichen Ausgang des Kanals hineinragt, schmal und den Gewalten ausgeliefert. Die Boten des Meeres, Wind und Regen, prägen die Landschaft, die Küste. Grau und gebückt die Häuser, niedrig die Dächer, nass die Böden, wenn das meergeborene Wasser durch den Regen auf sie herniederplatschen… Büsche wachsen, windgebeugt wie die Bäume, die den Schutz der Nischen brauchen, der Gräben, um schütter zu gedeihen…
So ist das Leben in dieser Epoche zweigeteilt: eine Zeit des Wartens auf die Rückkehr der Fischer mit einem hoffentlich guten Fang, der die Familie ernähren kann und eine Zeit, in der alles andere, was zum Leben gehört, stattfinden kann und muss… es ist die Zeit der Feste, des Feiern, der Hochzeiten und der Nächte, in denen Männer und Frauen zusammenkommen. Sie können feiern, sie müssen es können, denn sie wissen um das Sterben, den Tod, die grausame Geliebte, denen sich die Fischer im Sommer wieder ausliefern… ihnen bleibt nur die Zwischenzeit, ihr eigenes Recht einzufordern..
Der Roman enthält wunderbare Beschreibungen vor allem des Meeres, der Stimmungen, die durch das kalte Licht der Sonne im Norden hervorgerufen werden, durch den Nebel, die Auflösung des Horizonts, die alles verschwimmen und ineinander übergehen läßt und im Betrachter (und Leser) ein Gefühl des Ausgeliefertseins, aber auch des Eingehülltseins in eine höhere Macht hervorruft. Etwas unbekannte, mythisches geht vom Meer aus und vom Himmel, etwas, was stärker ist als der Mensch, ein Gefühl, das an etwas seit Urzeiten tief in uns Verborgenes rührt… beim Lesen musste ich öfter an Pinol denken, der bei mir mit seinem Roman „Im Rausch der Stille“ ein ähnliches Gefühl der Unheimlichkeit hervorgerufen hatte….
„Islandfischer“ ist ein poetisches Denkmal einer vergangenen Zeit, das die sehr entbehrungsreiche, harte Realitität des Lebens der Fischerfamilien in der Bretagne mit einer Art höherer Wirklichkeit, mythischer Verklärung überdeckt. Kann man sich aus dieser Stimmung, die Loti so trefflich hervorzurufen imstande ist, lösen, schaudert einen vor dem Alltagsleben dieser armen Leute: feuchte, kalte Hütten, in denen der Regen den gestampften Boden nässt, in denen große Familien wohnen, leben müssen auf engstem Raum, die Frauen lange Zeit im Jahr allein auf sich gestellt und mit der Sorge um ihren Mann…..
Links:
- Die Islandfischer von Paimpol
- noch einige Bilder aus Paimpol
- Wiki-Artikel zum modernen Paimpol
- eine schöne Besprechung im Deutschland-Radio kultur, die das Büchlein auch literaturhistorisch einordnet
Pierre Loti
Islandfischer
übersetzt von Dirk Hemjeoltmanns und Otfried Schulze
Erstveröffentlichung Paris, 1886
hier besprochen die dtv-Ausgabe 2011, 220 S.
mit einem Nachwort von Susanne und Michael Farin








