Erich Maria Remarque: Der Weg zurück

12. November 2011

Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans “Im Westen nichts Neues” wurde dieser vom inhaltlichen her zeitlich anschließende Roman publiziert. Ernst Birkholz, der Ich-Erzähler, liegt mit seinen Kameraden noch in Frankreich auf dem Gefechtsfeld, in der durch Bomben und Granaten umgepflügten Landschaft, in den Gräben und Trichtern. Das Gerücht vom unmittelbar bevorstehenden Kriegsende beflügelt die Phantasie der Männer, endlich wieder das lang vermisste Essen, Wärme, die Familie, die Heimat, die Berührung einer Frau. Melancholisch (und hungrig) schauen sie einem Schwarm Gänse nach, die hoch am Himmel unantastbar davon ziehen. Jetzt nur nicht noch erwischt werden, nachdem man all die Schlachten mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat!

Das Kriegsende steht bevor, aber er Krieg ist noch nicht aus. Wie ungewohnt der Frieden sein wird, schildert Remaraque gleich am Anfang seines Buchs. Es ist der Moment, in dem Stille herrscht auf dem Gefechstfeld, keine Schüsse zu hören sind, nichts explodiert. Diese unerklärliche Stille vermittelt den Eindruck von Gefahr, sie ist neu, niemand fühlt sich wohl in ihr, die Beklemmung verschwindet erst, als die normale Geräuschkulisse des Krieges wieder einsetzt.

Schließlich ist es soweit, der Deutsche Reich hat kapituliert, die Männer können nach Hause. Vorher sammeln sie sich, von den 500 Soldaten der Kompanie sind 32 noch am leben, sieben Chefs hat die Kompanie in den letzten zwei Jahren gehabt… Der Kaiser ist nach Holland geflohen, und dafür sollen sie solange im Dreck gelegen und verreckt sein? Erste Wut zieht auf.. zu Hause angekommen, werden sie gleich von der ausbrechenden Revolution empfangen – mit Prügeltrupps, weil sie ihrem Leutnant die Epauletten nicht abgezogen haben. Aber sie sind alte Frontschweine und behalten die Oberhand, verprügeln ihrerseits die Revolutionäre.

“Viele liegen da von uns, aber bislang haben wir es nicht so empfunden. Wir sind ja zusammengeblieben, sie in den Gräben, wir in den Gräben, nur durch ein paar Handvoll Erde getrennt. Sie waren uns nur etwas voraus, denn täglich wurden wir weniger und sie mehr – und oft wussten wir nicht, ob wir schon zu ihnen gehörten oder nicht. Aber manchmal brachten die Granaten auch sie wieder herauf zu uns, hochgeschleuderte zerfallende Knochen, Uniformreste, verweste, nasse, schon erdige Köpfe, die im Trommelfeuer noch einmal aus ihren verschütteten Unterständen in die Schlacht zurückkehrten. Wir empfanden es nicht als schrecklich; wir waren ihnen zu nahe. Aber jetzt gehen wir ins Leben zurück, und sie müssen hierbleiben.”

Sie kommen zurück in ihre Häuser, aber sie empfinden es nicht mehr als zu Hause. Das, was sich schon beim Heimaturlaub von Ernst (siehe: Im Westen nicht Neues) zeigt, trifft hier in noch viel größerem Umfang zu: es sind nicht mehr die Jungs, die von der Schulbank weggeholt in den Krieg geschickt wurden. Zurückgekommen sind Soldaten, die eine völlige Umwertung aller Werte erfahren haben. Menschen, die jahrelang keine Zukunft gehabt haben, die nicht mehr geplant haben über den Moment hinaus weil sie in der nächsten Minute schon tot sein konnten, erschossen, zerfetzt, erschlagen. Die Bücher, die sie zuhause finden, sagen ihnen nichts mehr, die Themen, über die man sich unterhält, interessieren sie nicht. Sie kennen sich nicht mehr aus im Frieden, an der Front wussten sie Bescheid, wie sie sich zu verhalten hatten, auf was zu achten war. Hier, in der Heimat, sind sie Fremde, mit anderen Werten, mit anderen Verhaltensmustern. So suchen sie die Nähe der alten Kameraden, war Kameradschaft doch das einzige, was ihnen im Feld Halt gab.

Doch auch die hat keinen Bestand. Das Militär, die Front, war ein Gleichmacher, jeder lag im gleichen Dreck, fraß den gleichen Fraß, jeder konnte der Nächste sein im MG-Feuer. Jetzt im Frieden, treten die Unterschiede wieder zutage. Mancher findet zurück in seine alte Welt, streift mit der Uniform auch das militärische ab, wird vllt Schieber und Schwarzhändler und kann das Geld bald mit vollen Händen ausgeben. Andere, Handwerker, kleine Arbeiter zumeist, tragen ihre alte, blutbefleckte, geflickte Uniform weiter, finden keinen Anschluss und auch die Verbundenheit mit den anderen, die jetzt wieder so anders aussehen, bröckelt.

Nur widerwillig kehren die Jungs wieder auf die Schulbank zurück, wo sie mit leerem Pathos, mit Worthülsen und Phrasen über ihren Mut und ihre Tapferkeit empfangen werden. Die Schulbank drücken, die Autorität von Lehrern anerkennen, die nie gehört haben, wie Kameraden im Todeskampf schreien – das ist einfach lächerlich für die Heimkehrer, sie revoltieren gegen den stupiden Versuch, die Zeit zurückzudrehen und sie als Schüler zu behandeln….

Stille ist tödlich. Sie erlaubt den Gedanken, den Erinnerungen, wieder zu erscheinen. Alpträume suchen Ernst heim, er sieht die Toten, sieht den englischen Hauptmann, dem er mit einer Handgranate die Beine vom Körper wegsprengt. Er bewegt sich wieder, der Totgeglaubte, läuft auf den Stümpfen hinter ihm, dem die Beine versagen, her, näher.. näher… bekommt ihn fassen, würgt ihn mit den wie Fahnen im Wind wehenden Gamaschenwickeln.. Schreie, wildes Umsichschlagen, bis Ernst wieder wach ist und nicht glauben kann, daß er zu hause im Bett liegt…. Ein Krankheitsbild, das man in der Folge des Vietnam-Krieges als “posttraumatische Belastungsstörung” bezeichnet, damals war es noch namenlos, wenn es überhaupt als Krankheit aufgefasst wurde….

Umsonst, umsonst… schon fangen die Menschen wieder an, den Schrecken des Krieges zu verklären. Beim Spaziergang im Wald begegenen ihnen Jugendliche, die Krieg “üben”, militärisch gedrillt werden, sprung auf, marsch marsch….

Der durchgängige Tenor des Buches ist grau und schwarz. Ist erfüllt von Sinnlosigkeit, von Überflüssigkeit, von Ausgestossenheit. Für was und wen wurde dieser Krieg geführt, warum die vielen Menschen abgeschlachtet? Die Rückkehrer – keiner will sie so richtig, sie sind Aussenseiter, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht mehr unterhalten kann, die nicht lustig sind, sondern krank. Sie, die sie so lange mit dem Tod in enger Nachbarschaft lebten, können sich in die Unbefangenheit des zivilen Lebens kaum einfügen, mit den Regeln, die hier gelten, wären sie draußen schnell zum Opfer geworden.

Ein verlorener Haufen sind solche Rückkehrer, damals wie heute. Als Väter (und mit anderen Schicksalen auch als Mütter) geben sie diese Erfahrungen bzw. die Folgen der Erfahrungen an ihre Kinder weiter, tradieren sie. “Ein Junge weint nicht” oder “Ein Indianer kennt keinen Schmerz” sind Sprüche, die ich in meiner Kindheit noch viel gehört habe und die sich auf solche seelischen Verhärtungen zurückführen lassen.

War bei “Im Westen nichts Neues” der Frieden noch die große Hoffnung aller, so desillusioniert uns Remarque mit diesem Folgeband. Einzig seine Hauptperson läßt er gegen Ende des Buches etwas Zuversicht schöpfen, andere haben dagegen den Suizid gewählt, sind in der Irrenanstalt oder im Gefängnis gelandet. Die Heimkehrer von der Front kehren nicht wirklich heim, sie sind fremd geworden zu hause, Eindringlinge mit anderen Werten, anderen Erwartungen, anderer Sprache. Schwer nur ist eine Verständigung mit den Daheimgebliebenen möglich, die das, was den Frontsoldaten geprägt hat, nicht kennen….Nur wenige der Heimkehrer können sich in einem halbwegs “normalen” Leben einrichten, zufrieden, wenn es genug Essen gibt….

Erich Maria Remarque
Der Weg zurück
Erstveröffentlichung (als Buch) 1931
diese Ausgabe:
KiWi, Tb, 286 S. 2009

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