Ägypten. Vor 4000 Jahren. Der kleine Junge mit dem langen Namen liegt im Bett und ihm ist heiß, so heiß und immer heißer wird ihm. Seine Eltern (das sind der Pharao und seine Frau) sitzen bei ihm und sind sehr traurig. Ihr Kind wird auf die Reise gehen, auf der sie ihn nicht begleiten können. Aber sie geben ihm den mächtigsten Skarabäus mit und einen ebenso mächtigen Zauber…..

Lange dauert es, sehr, sehr lange, bis dieser Zauber wirkt und der kleine Junge, der als Mumie die Zeit überdauert hat, wieder lebendig wird. Und zu Goos und seinem Vater Kurt ins Haus kommt. Die beiden finden ihn natürlich, denn diese lebende Mumie.. sie stinkt. Sie stinkt wie Hölle. Aber die beiden können ihn doch nicht wieder auf die Straße setzen und so lassen sie sich was einfallen und es dauert garnicht lange, bis sie sich an die Mumie (die garnicht so richtig lecker aussieht, wenn die Bandagen mal verrutschen) gewöhnt haben. Und ihn ab sofort Dummie nennen, weil.. aber, das verrat ich nicht.

Daß das Zusammenleben mit einer lebenden Mumie abwechslungsreich ist und manche Überraschung birgt, braucht man wohl nicht zu betonen. Aber Dummie ist ein intelligentes Kerlchen, vllt etwas jähzornig, aber damals als Sohn des Pharaos war es eben leichter, seinen Willen durchzusetzen… er lernt die Sprache, kann bald Fahrradfahren, klettern und zwischen ihm und Goos entsteht eine dicke Freundschaft. Kompliziert wird es erst, als es Dummie etwas langweilig wird, weil Goos ja tagsüber in der Schule ist. Da will er auch hin, unbedingt.

Ob sie das hinkriegen mit der Schule, wie und was Dummie und Goos da erleben, man kann sich vorstellen, daß das sehr spannend ist. Und ganz besonders, als dann das ganz große Unglück eintrifft und Goos fast am Verzweifeln ist und all seine Gedanken und seinen Mut zusammen nehmen muss….

Mit „Dummie…“ hat Menten ein spannendes und lustiges Kinderbuch geschrieben (Altersempfehlung ab 10 Jahre), das das Thema Freundschaft und Toleranz zum Mittelpunkt hat. Die Figuren sind sehr sympathisch und besonders der kleine Wickelhäuptling, dieses gräßlich ausschauende Kerlchen, wächst einem ans Herz. Die kleinen Skizzen und Strichzeichnungen zwischendurch lockern den Text schön auf und sind sehr putzig, trotzdem ist dies natürlich ein „richtiges“ Buch und kein Bilderbuch.

Was mir nicht gefallen hat, ist die Tatsache, daß alle negativ besetzten Figuren von Frauen bzw. Mädchen eingenommen werden. Angefangen von der erklärungslos abwesenden Mutter von Goos über zwei fiesen Schülerinnen bis hin zur Schulleiterin. Die Jungs und die Männer sind dagegen alle richtig nett und lieb. Das mag im richtigen Leben ja so sein, aber hier wäre etwas mehr Ausgewogenheit sicher nicht schlecht gewesen.

Ansonsten bin ich sehr gespannt, ich werde das Buch in Kürze vor Fachpublikum, also Kindern, vorlesen (na ja, einzelne Abschnitte natürlich, da es schon recht umfangreich ist).

some days läter: die Lesung war leider nicht so erfolgreich, das Publikum jünger als angenommen und das Buch zu „dunkel“, was mir als Erwachsenem beim Lesen nicht so aufgefallen war. Die Handlung fängt gleich mit dem Tod des jungen Dummies an, danach – nach einem Zeitsprung in die Gegenwart – einen Autounfall mit Explosion und Feuer.. ein weglassen dieser Abschnitte ist auch schwierig, weil sie zum Verständnis der Geschichte notwendig sind. Wie will man sonst erklären, daß dort eine lebendige Mumie herumläuft? Aber die Kinder haben das entweder garnicht verstanden oder waren ziemlich eingeschüchtert… Apropos Verständnis: je nach Alter der Kinder wird man einiges an Begriffen erklären müssen, z.B. was ein Skarabäus ist…

… und so bin ich wieder mal daran erinnert worden, daß die Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen doch unterschiedlich ist…..

Tosca Menten
Dummie, die Mumie außer Rand und Band
Thienemann Verlag, HC, 320 S., 2011
Altersempfehlung: ab 10 Jahre

Aveleen Avide: Purpurne Lust

November 25, 2011

Beim Lesen dieses Büchleins mit seinen sechs erotischen Kurzgeschichten habe ich mich des öfteren gefragt, wie rezensiert, bespricht man eigentlich ein solches Sujet, erotische Literatur. Natürlich, man könnte festhalten, wie problematisch es ist, ein Buch mit nur einer Hand festzuhalten und umzublättern – aber dann würde man schon viel über sich selbst verraten, was man unter Umständen garnicht verraten will. Bräuchte man die andere Hand, um sie sich beim Gähnen vors Gesicht zu halten, würde das genauso viel aussagen wie andere Tätigkeiten eben dieses Händchens…. inhaltlich gibt es in diesen Werken meist nicht so viel anzumerken, die großen Themen des Lebens bleiben aussen vor, sie sind anderen Büchern vorbehalten. Wenn Kurbjuweit recht hat, könnte es ein Kriterium erotischer Literatur sein, inwieweit sie „Verlangen und Erregung steigert.“. Sind wir also neugierig, inwieweit „Purpurne Lust“ dem entspricht….

„Purpurne Lust“ ist das dritte Buch der Müncher Journalistin und Autorin Aveelen Avide mit erotischen Kurzgeschichten. Das zweite Büchlein „Samtene Nächte“ hatte ich hier schon vor einigen Monaten vorgestellt. Hatte ich seinerzeit noch hervorgehoben, daß die Autorin geschickt die Grenze wahrt, die die Andeutung, das Ungefähre vom Expliziten trennt, die die Phantasie anregt, sich in die geschilderte Situation zu begeben und sie auszugestalten, mit Leben zu füllen, so kann ich dies bei der „Purpurne Lust“ nicht mehr, zumindest nicht mehr durchgängig, sagen. Hier formuliert die Autorin deutlicher, klarer, die Choreographien, denen ihre Protagonisten gehorchen streifen durchaus das, was mancher schon als pornographisch empfinden mag, so wenn z.B. in der Eingangsgeschichte eine Frau vier Männern gegenübersteht, -sitzt und -liegt und jeder zu seinem „Recht“ kommt, auf die eine oder andere Weise….

Überhaupt sind die Personen, die Avide dem Leser präsentiert, makellos in Schönheit und Ausstattung. So makellos wie die Settings in Miami hoch über dem Hafen, in Kay Biscayne an der Bucht, an anderen Locations, in denen dicke Bentleys und Rolls Royce vor der Tür stehen. Tür… eher Tor, nein Portal…. in der schon erwähnten Eingangsgeschichte habe ich unwillkürlich an Barbie gedacht, Barbie mit vier Kens….. Hochglanzerotik, man kann sich nicht vorstellen, daß auch nur einem dieser Menschen eine Haarschuppe auf die Haut fällt….

Avide schreibt ihre Geschichten aus der Sicht der Frauen, die – und das ist schön, weil bei erotischer Literatur nicht immer üblich – nicht Objekte sind der männlichen Lust, sondern die diese für sich in Anspruch nehmen und das Geschehen gestalten. Die Männer ordnen sich ein, sie sind für die Erfüllung der Wünsche der Damen bereit. Und Wünsche haben die Damen bei Avide. Kaum werden sie eines Mannes angesichtig (oder auch einer Frau), senden ihm ihre Feuchtgebiete („Pussy“ scheint ein Lieblingswort der Autorin zu sein) das schößigste aller Gebete entgegen: nimm mich! Die Autorin hält sich nicht mit langen Vorreden auf, ein Blick in blaue Augen läßt alles dahinschmelzen, Lippen umschmeicheln sich aller Orten und es findet sich, was ineinander gehört…..

So bin ich unentschieden in mir selbst, wie mir das Büchlein gefallen hat. Diese Hochglanzgeschichten sind mir zu glatt, zu steril – aber, wie es so ist im Erotischen, was dem einen nicht zusagt, kann gerade das sein, was dem anderen gefällt. Die Sammlung enthält aber auch noch Geschichten, die etwas anders aufgebaut sind. Madeleine zum Beispiel verliebt sich in Tagträumen als Prinzessin in ihren Märchenprinzen, dem sie dann auch ganz real begegnet. Schon bald kann sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten … Dennis und Anita, die sich bei einer Einladung kennenlernen und sich dann in der Wohnung der Gastgeber allein und eingeschlossen finden, in einer Lage also, die sie nach anfänglicher Irritation durchaus zu gestalten und geniessen wissen.. bei der letzten Geschichte, die in den schwül-feuchten Everglades spielt, wandelt Avide mit der „Auflösung“ und dem „Aha!“-Effekt, die sie in letzten Absatz präsentiert, die bis dahin ebenfalls eher sterile Hochglanz- zu einer anregenden Liebesgeschichte…

Das Büchlein also mit den vereinten erotischen Geschichten bietet jedem etwas, dem verträumten Leser ebenso wie dem, der es deutlicher liebt. Ob dies eine Stärke oder eine Schwäche des Buches ist, mag jeder für sich selbst entscheiden… und so bleibt letztlich auch die Eingangsfrage meines ersten Abschnittes unentschieden und offen…

Aveelen Avide
Purpurne Lust
rororo TB, 2011, 240 S.

Ich danke der Autorin, die mir ein Exemplar ihres Buches überlassen hat, herzlich dafür!

Odile Kennel: Was Ida sagt

November 20, 2011

Es ist Ende der 80er Jahre, Louise lebt seit gut 11 Jahren in Berlin, damals hat sie ihre Familie in einem kleinen Ort in der Normandie verlassen, insbesondere mit ihrer Mutter Poulette hatte sie sich nie verstanden. Auf die Karten und Einladungen, die ihr die Mutter im Lauf der Jahre schickte, unpersönlich gehalten und formal, reagierte sie nie. Jetzt aber sieht sie auf der Todesanzeige für ihre Großtante Adrienne den Namen einer ihr völlig unbekannten Frau, Ida Kempf, einer Tochter der Verstorbenen, von der sie nichts weiß, obwohl doch in ihren Kindertagen die Großtante oft zu Besuch war bei ihnen. Kempf, ein deutscher Name… es verwirrt Louise und sie beschließt, zu dieser Beerdigung zu fahren, in der Hoffnung, die unbekannte Großcousine vllt zu treffen. Es ist die erste Rückkehr in ihre alte Heimat, der erste Besuch nach all den Jahren. Daß sie ihn beruflich mit einer Forschungsarbeit verknüpfen kann hilft ihr, über diese Grenze zu gehen, denn das es ein Grenzübertritt ist, zurück in ihre Vergangenheit, ist ihr (zumindest unterbewusst) klar.

Kurzgeschoren, aus einer Laune heraus kaum Haare auf dem Kopf, steht sie auf dem Friedhof in Belay, ihrem alten Heimatort. Sie spürt, wie jemand ihren Hinterkopf streichelt, die kurzen Stoppeln und sie wird auf Deutsch angeredet. Schneller als erwartet hat sie die Gesuchte getroffen…. Mit Poulette, ihrer Mutter, wechselt sie dagegen kaum ein Wort, nachdem diese sie ohne Willkommen wegen ihrer Kurzhaarigkeit angefahren hat. Nichts scheint sich bei ihr verändert zu haben.

Zusammen mit Ida verläßt Louise die Beerdigung, die beiden Frauen fahren zusammen an die Küste, übernachten dort auch. Ida erzählt („ida á dit“ ein schönes Wortspiel, das im Buch erklärt wird..) von der Vergangenheit, von ihrem Leben und dem Poulettes, mit der sie als Kind über viele, viele Jahre lang Blutsschwesternschaft hatte… es ist eine Familiengeschichte, die 1925/26 einsetzt, es ist eine Geschichte, in der Väter unbekannt bleiben, hinter solch unbezwingbaren Lügen verschwinden, daß diese schon fast wieder wahr werden, es ist eine Geschichte, in der Männer diese Frauen mit ihren Kindern heiraten, es ist eine Geschichte liebevoller Großeltern und liebloser Mütter, eine mit belanglosen Vätern, die sich hinter Zeitungen verschanzen, eine Geschichte, die im zweiten Weltkrieg tragisch und folgenschwere Liebe umfasst, die zwei Freundinnen entzweit, von denen die eine nach Deutschland geht und die andere an ihrem Kummer, an ihrer Trauer krank wird und sich in sich selbst zurückzieht…

Kaum etwas ist Louise bekannt von dem, was ihr Ida erzählt und sie merkt, daß sie bislang unwissend auf der Oberfläche ihres Lebens gefahren ist so wie ein Boot auf einem See treibt und kein Sicht hat in die Tiefe. Ab und an läßt Kennel ihre Louise sich die Frage stellen, ob sie hier, in ihrer Heimat, wo sie geboren ist und groß geworden, nach den Jahren der Abwesenheit, ob sie jetzt, wo sie wieder da ist, als Touristin anzusehen ist oder als Einheimische. Es ist diese Frage, die sich auch auf anderer Ebene stellt, hört Louise Ida nur zu bei einer Geschichte, als Besucherin sozusagen, in der zufällig auch ihr Leben involviert ist oder begibt sie sich selbst hinein und begreift sich als Bestandteil, als Angehörige ihrer Familie? Sie schwankt, ist noch nicht entschlossen, aber sie spürt, daß sie eigentlich keine Wahl hat, haben will.

Es sind viele Personen, die Kennel uns in ihrer Geschichte vorstellt, die Auflistung auf der Innenseite der Umschlagklappe hilft ein wenig bei der Orientierung. Und es ist ein sehr behutsamer, intensiver Text, voll mit einfühlsamen Bildern und Beschreibungen, voll mit Landschaften, mit Wolken und Meer .. mit Stimmungen, ein Text, der auch die Macht des Schicksals beschwört, der Unplanbarkeit des Lebens, das ein Mädchen, dem die Zukunft offen zu stehen scheint, in eine Sackgasse ihres Lebens manövriert, während es einem anderes, dem alles ohne große Perspektive vorgezeichnet scheint, auf einmal das Tor zu einer eigenen Welt öffnet.

Louise merkt in diesem Erzählen von Ida, auch in der unerwarteten Begegnung mit einem Jugendfreund, daß man sich aus der eigenen Geschichte nicht abkoppeln kann, auch wenn man sie augenscheinlich verläßt, in dem man geht. Die Geschichte läuft trotzdem weiter, man ist trotzdem immer Teil der Familie, der alten Freunde und nie wirklich vergessen. Alles, was der Familie geschieht, ändert auch den Status des Weggegangenen, selbst, wenn dieser das nie erfahren sollte.

Was mich als Leser traurig gemacht hat, ist die Tatsache, daß Kennel die tragischste Person ihrer Familiegeschichte auch zum Schluss nicht „erlöst“, obwohl sie sie auf diese Hand, die ihr wieder zurück hilft, die die Mauer um sie herum löst, warten läßt, sehnsüchtig warten läßt. Aber weder Ida noch Louise kommen auf den Gedanken, den letzten unbekannten Puzzlestein ihres Lebens zu suchen und Poulette damit zu erlösen…..

Der historische Hintergrund des zentralen Teils der Familiengeschichte ist die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg, die zu zahlreichen Liebschaften und Lieben zwischen den Feinden, die immer auch Menschen waren, führte und damit auch zu Kindern, ungeliebten Kindern, ca. 200.000 „les enfants de Boches“. Nach dem Krieg bzw. der Befreiung ließen viele Franzosen ihre Wut, ihren Hass an diesen Frauen aus und in einem archaischen Akt der Ausstoßung aus der Gemeinschaft und der Stigmatisierung schoren sie sie kahl und trieben sie durch die Straßen…. Die beiden Links unten geben eine erste Einführung in dieses traurige Thema.

Facit: „Was sagt Ida“ ist ein sehr schönes, stilles und nachdenkliches Buch mit einem großen Einfühlungsvermögen in eine schwierige Familiengeschichte, geschrieben in einer bildreichen und behutsamen Sprache.

Links und Anmerkungen:

Wiki-Artikel zur „Horizontalen Kollaboration“ (was ein fürchterlicher, häßlicher, diskriminierender Begriff….)
Bericht über die femmes tondues nach der Befreiung mit Bildern

Odile Kennel
Was Ida sagt
dtv, brosch. 316 S., 2011

Man sollte ja vorsichtig sein, wenn ein Buch die eigene (intuitive) Meinung, die eigenen Urteil und Vorurteile bestätigt: nur zu gerne liest man, daß man recht hat mit seinen Ansichten, daß sie geteilt werden. So ist es mir mit diesem Buch gegangen, denn hier formuliert Abdel-Samad das aus, was sich in mir als Gefühl eingenistet hat: die Schere zwischen der islamischen welt und unserer wird immer größer. Was bei mir aber eher auf dem Status eines Vorurteils stehen bleibt, macht Abdel-Samad in seinem Büchlein plausibel und nachvollziehbar. Und – davon gehe ich aus – der Autor weiß wovon er spricht, er kennt die islamische Welt so wie auch die westliche aus eigenem Erleben und eigenen Studien, so daß das, was er schreibt, nicht einfach wegdiskutiert werden kann.

„Der Untergang der islamischen Welt“ ist kein wissenschaftliches Buch, das mit Statistiken, Übersichten oder nackten Daten operiert. Es ist eine persönliche Analyse der Situation der islamischen Welt, die einen erheblichen Teil der Menschheit auf unserem Globus umfasst, die den Ursachen für den status quo nachgeht, den Ist-Zustand beschreibt und eine Extrapolation auf die Zukunft wagt.

Die Begeisterung für die westliche Lebensform und der heftige Zuspruch zu modernen Konsumgütern bei gleichzeitiger religiös-ideologischer Indoktrinierung und einer Isolation vom Geist der Zeit schafft die explosive Mischung, die den Terrorismus beflügelt und die ich als Hauptgrund für den Untergang der islamischen Welt sehe.

Schon der Buchtitel gibt die Problematik wieder: niemand würde bei einem analogen Buchtitel, der die westliche Welt zum Thema hat, schreiben: „xyz der christlichen Welt“, weltliches und religiöses Leben sind im Westen getrennt, Wissen und Glauben konnten sich unabhängig voneinander entwickeln. Dies ermöglichte in den letzten Jahrhunderten im Westen das Aufkommen des Humanismus und der Aufklärung, also einer von der Religion losgelösten Geisteshaltung, die durch Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung gekennzeichnet ist und unser politisches, gesellschaftliches und soziales Leben bestimmt. An der Auseinandersetzung mit diesen Werten haben sich auch die Religion und die Kirche weiter nach vorn entwickelt und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden.

Eine solche Entwicklung hat der Islam nie durchgemacht. Nach einer kurzen Blüte, in der islamische Gelehrte die philosphischen und wissenschaftlichen Werke der Antike studierten und weitertrieben, wurden solche Tendenzen nach dem Einfall der Mongolen und der Zerstörung von Bagdad (1258) beendet. Schulen und Universitäten befassten sich danach im Wesentlichen mit dem Studium des Korans und der Hadithen, die als sakrosant gelten und als unveränderlich, da sie durch Gott und seinen Propheten verkündet wurden.

Der Koran gibt aber die Geisteswelt einer arabischen Stammesgesellschaft des 7. Jhdts wieder, in der er seinerzeit offenbart und niedergelegt worden ist. Es ist offensichtlich, daß er damit (schon allein aufgrund des Vokabulars) die Verhältnisse der Jetztzeit nicht erfassen kann bzw. mit waghalsigen und z.T. willkürlichen Interpretationen auf sie angewendet werden muss. Das bedeutet auch, daß im Grunde jeder aus den Schriften herauslesen kann, was er will, weil es ihm in sein Konzept passt.

Nach Ansicht des Autoren leben Muslime damit in einem permanenten Spannungsfeld, aus dem sie sich nicht lösen können. Sie sind sehr westlich orientiert, was den Konsum von Gütern betrifft, ohne daß sie die dahinter steckende Geisteshaltung kennen bzw. akzeptieren. Sie kommen z.B. über Tourismus in Kontakt zu Westlern, deren Lebens- und Verhaltensweise sie nicht verstehen können, die so im Gegenteil innerlich sogar verachten, selbst, wenn sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Entsprechend ergeht es vielen jungen Muslimen, die im westlichen Ausland studieren. Dieser Zwiespalt treibt die Menschen – so Abdel-Samad – zurück dorthin, wo sie sich auskennen, wo sie sich sicher fühlen, und das sind die Schriften, die ihnen ein festes Verhaltenskorsett für alle Lebenslagen geben und die sie seit früher Kindheit auswendig gelernt haben. Dieser Zwiespalt führt zu Minderwertigkeitsgefühlen, Unsicherheit und Frustration, die sich zum einen in Aggression umwandeln kann, die aber auch dazu führt, daß man sich noch enger um die alten, eigenen Werte schart. So haben sich die islamischen Gesellschaften in vielen Belangen in den letzten Jahrzehnten wieder zurück entwickelt, insbesondere führt der Autor hier die gesellschaftliche Stellung der Frau an, deren Freiheiten in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt wurden bzw. die sie selbst wieder aus der Hand gegeben haben.

Diese Entwicklung verdeutlicht der Autor, der sich selbst aus diesem Teufelskreis befreien konnte, an vielen Beispielen, angefangen von der Bildungspolitik über die Tendenz von Muslimen, sich permanent durch die anderen beleidigt zu fühlen (Stichwort: Karikaturenstreit) bis hin zu der Unsymmetrie in der Wahrnehmung der Welt, die sie – in ihrer Wahrnehmung – in eine andauernde Opferrolle steckt, indessen sie ihre eigenen Handlungsweisen als selbstverständlich gerechtfertigt ansehen. In der islamischen Welt scheint den Widerspruch, der darin liegt, gegen die Darstellung des Propheten als Terroristen mit einer Bombe im Haar durch das weltweite Werfen von Brandsätzen zu „protestieren“, aufzufallen.

Ganz sicherlich pauschalisiert das Büchlein. Zwischen den islamischen Indonesien, dem Iran und Saudi-Arabien gibt es riesige Unterschiede, der von Abdel-Samad aufgezeigte innere Zwiespalt dürfte jedoch in allen Staaten gelten, liegt er doch im Grundsätzlichen begründet. „Eine Prognose“ nennt sich die Analyse und sie hat wie alle Prognosen, die sich mit der Zukunft befassen, allenfalls Wahrscheinlichkeitscharakter. So hat sich Abdel-Samad z.B. in der Revolutionsfähigkeit der Muslime, die er ihnen in diesem 2010 geschriebenen Buch abspricht, offensichtlich geirrt. Andererseits muss man abwarten, inwieweit sich durch den „arabischen Frühling“ tatsächlich etwas ändert, etwas ändert auch im „westlichen“ Sinn.

Und eine interessante Frage behandelt der Autor nur andeutungsweise: was passiert, wenn die islamische Welt, wie er prognostiziert, tatsächlich untergeht? Seiner Meinung könnte dies de facto sein, wenn die stabilisierende Wirkung der Petrodollars aufhören wird, der Tourismus als zweites Standbein vieler Staaten wegen diverser Gründe in seiner Bedeutung auch zurückgehen wird und wenn sich auch durch Klimawandel und die Trinkwasserproblematik die wirtschaftlichen und sozialen Randbedingungen weiter verschlechtern. Europa als direkter Nachbar vieler islamischer Staaten wird da nicht unbeteiligt bleiben, schon heute gibt das Stichwort „Lampedusa“ eine Ahnung von dem, was auf den Kontinent zukommen könnte, denn auch wenn die islamische Welt tatsächlich untergeht, im Gegensatz zur Titanic verschwindet sie nicht einfach in der Tiefe, im Gegenteil ist zu befürchten, daß dies sehr erhebliche Verwerfungen nach sich ziehen wird.

Abdel-Samads Analyse macht, und das ist das erschreckende, keine Hoffnung. Den Islam sieht er und zwar konstituierend, als rückwärtsgewandt, und durch die Einheit bzw. enge Verknüpfung von Religion und jeweiliger Herrschaftsstruktur gilt dies auch für das politische System. Das gegenseitige Verständnis zwischen westlichem System und islamischer Welt (so es überhaupt einmal da war) nimmt weiter ab, Ängste, Ressentiments, Aggressionen dagegen zu. Und wie die Wahlergebnisse nach dem „arabischen Frühling“, auf den der Westen so viel Hoffnung gesetzt hat (aus Naivität? muss man sich nach der Lektüre des Buches fragen) einzustufen sind, ist ja ebenfalls noch fraglich.

Facit: das kleine Büchlein von Abdel-Samad gibt mit ungewohnter Offenheit (bei aller notwendige Pauschalierung) einen Einblick in islamische Geisteswelt, von der bei uns ja oft nur die häßliche (aber nach Abdel-Samad fast zwangsweise auftretende) Facette des terroristischen Fundamentalismus wahrgenommen wird.

Hamed Abdel-Samad
Der Untergang der islamischen Welt
Droemer, 2010,
hier: TB-Ausgabe Knaur, 235 S., 2011

Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans „Im Westen nichts Neues“ wurde dieser vom inhaltlichen her zeitlich anschließende Roman publiziert. Ernst Birkholz, der Ich-Erzähler, liegt mit seinen Kameraden noch in Frankreich auf dem Gefechtsfeld, in der durch Bomben und Granaten umgepflügten Landschaft, in den Gräben und Trichtern. Das Gerücht vom unmittelbar bevorstehenden Kriegsende beflügelt die Phantasie der Männer, endlich wieder das lang vermisste Essen, Wärme, die Familie, die Heimat, die Berührung einer Frau. Melancholisch (und hungrig) schauen sie einem Schwarm Gänse nach, die hoch am Himmel unantastbar davon ziehen. Jetzt nur nicht noch erwischt werden, nachdem man all die Schlachten mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat!

Das Kriegsende steht bevor, aber er Krieg ist noch nicht aus. Wie ungewohnt der Frieden sein wird, schildert Remaraque gleich am Anfang seines Buchs. Es ist der Moment, in dem Stille herrscht auf dem Gefechstfeld, keine Schüsse zu hören sind, nichts explodiert. Diese unerklärliche Stille vermittelt den Eindruck von Gefahr, sie ist neu, niemand fühlt sich wohl in ihr, die Beklemmung verschwindet erst, als die normale Geräuschkulisse des Krieges wieder einsetzt.

Schließlich ist es soweit, der Deutsche Reich hat kapituliert, die Männer können nach Hause. Vorher sammeln sie sich, von den 500 Soldaten der Kompanie sind 32 noch am leben, sieben Chefs hat die Kompanie in den letzten zwei Jahren gehabt… Der Kaiser ist nach Holland geflohen, und dafür sollen sie solange im Dreck gelegen und verreckt sein? Erste Wut zieht auf.. zu Hause angekommen, werden sie gleich von der ausbrechenden Revolution empfangen – mit Prügeltrupps, weil sie ihrem Leutnant die Epauletten nicht abgezogen haben. Aber sie sind alte Frontschweine und behalten die Oberhand, verprügeln ihrerseits die Revolutionäre.

„Viele liegen da von uns, aber bislang haben wir es nicht so empfunden. Wir sind ja zusammengeblieben, sie in den Gräben, wir in den Gräben, nur durch ein paar Handvoll Erde getrennt. Sie waren uns nur etwas voraus, denn täglich wurden wir weniger und sie mehr – und oft wussten wir nicht, ob wir schon zu ihnen gehörten oder nicht. Aber manchmal brachten die Granaten auch sie wieder herauf zu uns, hochgeschleuderte zerfallende Knochen, Uniformreste, verweste, nasse, schon erdige Köpfe, die im Trommelfeuer noch einmal aus ihren verschütteten Unterständen in die Schlacht zurückkehrten. Wir empfanden es nicht als schrecklich; wir waren ihnen zu nahe. Aber jetzt gehen wir ins Leben zurück, und sie müssen hierbleiben.“

Sie kommen zurück in ihre Häuser, aber sie empfinden es nicht mehr als zu Hause. Das, was sich schon beim Heimaturlaub von Ernst (siehe: Im Westen nicht Neues) zeigt, trifft hier in noch viel größerem Umfang zu: es sind nicht mehr die Jungs, die von der Schulbank weggeholt in den Krieg geschickt wurden. Zurückgekommen sind Soldaten, die eine völlige Umwertung aller Werte erfahren haben. Menschen, die jahrelang keine Zukunft gehabt haben, die nicht mehr geplant haben über den Moment hinaus weil sie in der nächsten Minute schon tot sein konnten, erschossen, zerfetzt, erschlagen. Die Bücher, die sie zuhause finden, sagen ihnen nichts mehr, die Themen, über die man sich unterhält, interessieren sie nicht. Sie kennen sich nicht mehr aus im Frieden, an der Front wussten sie Bescheid, wie sie sich zu verhalten hatten, auf was zu achten war. Hier, in der Heimat, sind sie Fremde, mit anderen Werten, mit anderen Verhaltensmustern. So suchen sie die Nähe der alten Kameraden, war Kameradschaft doch das einzige, was ihnen im Feld Halt gab.

Doch auch die hat keinen Bestand. Das Militär, die Front, war ein Gleichmacher, jeder lag im gleichen Dreck, fraß den gleichen Fraß, jeder konnte der Nächste sein im MG-Feuer. Jetzt im Frieden, treten die Unterschiede wieder zutage. Mancher findet zurück in seine alte Welt, streift mit der Uniform auch das militärische ab, wird vllt Schieber und Schwarzhändler und kann das Geld bald mit vollen Händen ausgeben. Andere, Handwerker, kleine Arbeiter zumeist, tragen ihre alte, blutbefleckte, geflickte Uniform weiter, finden keinen Anschluss und auch die Verbundenheit mit den anderen, die jetzt wieder so anders aussehen, bröckelt.

Nur widerwillig kehren die Jungs wieder auf die Schulbank zurück, wo sie mit leerem Pathos, mit Worthülsen und Phrasen über ihren Mut und ihre Tapferkeit empfangen werden. Die Schulbank drücken, die Autorität von Lehrern anerkennen, die nie gehört haben, wie Kameraden im Todeskampf schreien – das ist einfach lächerlich für die Heimkehrer, sie revoltieren gegen den stupiden Versuch, die Zeit zurückzudrehen und sie als Schüler zu behandeln….

Stille ist tödlich. Sie erlaubt den Gedanken, den Erinnerungen, wieder zu erscheinen. Alpträume suchen Ernst heim, er sieht die Toten, sieht den englischen Hauptmann, dem er mit einer Handgranate die Beine vom Körper wegsprengt. Er bewegt sich wieder, der Totgeglaubte, läuft auf den Stümpfen hinter ihm, dem die Beine versagen, her, näher.. näher… bekommt ihn fassen, würgt ihn mit den wie Fahnen im Wind wehenden Gamaschenwickeln.. Schreie, wildes Umsichschlagen, bis Ernst wieder wach ist und nicht glauben kann, daß er zu hause im Bett liegt…. Ein Krankheitsbild, das man in der Folge des Vietnam-Krieges als „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnet, damals war es noch namenlos, wenn es überhaupt als Krankheit aufgefasst wurde….

Umsonst, umsonst… schon fangen die Menschen wieder an, den Schrecken des Krieges zu verklären. Beim Spaziergang im Wald begegenen ihnen Jugendliche, die Krieg „üben“, militärisch gedrillt werden, sprung auf, marsch marsch….

Der durchgängige Tenor des Buches ist grau und schwarz. Ist erfüllt von Sinnlosigkeit, von Überflüssigkeit, von Ausgestossenheit. Für was und wen wurde dieser Krieg geführt, warum die vielen Menschen abgeschlachtet? Die Rückkehrer – keiner will sie so richtig, sie sind Aussenseiter, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht mehr unterhalten kann, die nicht lustig sind, sondern krank. Sie, die sie so lange mit dem Tod in enger Nachbarschaft lebten, können sich in die Unbefangenheit des zivilen Lebens kaum einfügen, mit den Regeln, die hier gelten, wären sie draußen schnell zum Opfer geworden.

Ein verlorener Haufen sind solche Rückkehrer, damals wie heute. Als Väter (und mit anderen Schicksalen auch als Mütter) geben sie diese Erfahrungen bzw. die Folgen der Erfahrungen an ihre Kinder weiter, tradieren sie. „Ein Junge weint nicht“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sind Sprüche, die ich in meiner Kindheit noch viel gehört habe und die sich auf solche seelischen Verhärtungen zurückführen lassen.

War bei „Im Westen nichts Neues“ der Frieden noch die große Hoffnung aller, so desillusioniert uns Remarque mit diesem Folgeband. Einzig seine Hauptperson läßt er gegen Ende des Buches etwas Zuversicht schöpfen, andere haben dagegen den Suizid gewählt, sind in der Irrenanstalt oder im Gefängnis gelandet. Die Heimkehrer von der Front kehren nicht wirklich heim, sie sind fremd geworden zu hause, Eindringlinge mit anderen Werten, anderen Erwartungen, anderer Sprache. Schwer nur ist eine Verständigung mit den Daheimgebliebenen möglich, die das, was den Frontsoldaten geprägt hat, nicht kennen….Nur wenige der Heimkehrer können sich in einem halbwegs „normalen“ Leben einrichten, zufrieden, wenn es genug Essen gibt….

Erich Maria Remarque
Der Weg zurück
Erstveröffentlichung (als Buch) 1931
diese Ausgabe:
KiWi, Tb, 286 S. 2009

Wir begleiten einen Enddreißiger, der uns als Giovanni vorgestellt wird, Fernsehredakteur aus München, für eine Woche auf seine Recherchefahrt nach Italien, genauer: nach San Benedetto (del Tronto) an die Adriaküste. Es soll ein Film werden über das Meer und seine Bewohner, über die Landschaft, die Tiere und die Menschen, ein Film über das Grundsätzliche, das Elementare, das Einfache des Meeres und der Küste. Für Giovanni ist es auch eine Fahrt des Loslassens, der Befreiung, denn er hat sich vor geraumer Zeit von Hannah getrennt, mit der er eine lange Jahre dauernde Beziehung hatte. Beziehung, nicht Liebe, denn an diese glaubt er nicht mehr, seit er siebzehnjährig seine erste große Liebe mit ihrem Unterleib an das Gesicht ihres Geigenlehrers gepresst durch das Fenster beobachtete. Nicht, daß er die Frauen meiden würde, im Gegenteil, er beherrscht die Kunst, Frauen zu erobern und sie dieses Erobertwerden nicht bereuen zu lassen. Nur bindet er sich nicht, den Zugang zu seinem Herzen öffnet niemand, auch mit Hannah ist dies nicht geschehen.

Giovanni muss ein einnehmender Mensch sein, schnell findet er an Ort und Stelle Kontakt, bringt den Hotelier auf seine Seite, wird von den Menschen eingeladen. Nur mit Antonio, dem Museumswärter, verbindet ihn spontane Abneigung und die Dottoressa hat Mühe, jenen mit einem kleinen Auftrag wegzuschicken und sich ihrem Gast zu widmen. Die Dottoressa ist die Direktorin des Museums in San Benedetto, etwas jünger als Giovanni, sie soll ihm bei der Recherche vor Ort behilflich sein. Und so es wirklich Liebe auf den ersten Blick gibt, dann geschieht sie in diesem Moment, in dem sich die beiden ansichtig werden. Die Welt um sie herum reduziert sich auf den kleinen Raum, den er und sie, sie und er einnehmen….

Ortheil schildert uns im folgenden völlig unaufgeregt die weitere Entwicklung dieser Beziehung. Er schildert sie fast völlig aus der Sicht des Mannes, Eindrücke und Aussagen Francas, der Frau, sind nur spärlich eingeflochten in seinen Text. Insofern ist der Roman unsymmetrisch aufgebaut, noch dazu gibt er dem Ich-Erzähler zwei Stimmen, die des Erzählers und die des Schreibenden, der sein Notizbuch immer dabei hat und Unsicherheiten, Nervosität und ähnliches überspielt, in dem er seine Gedanken in Worte fasst. Das bei Franca ebenfalls das große Gefühl eingekehrt ist, erkennen wir an den Gesten, einzelnen Sätzen, die sie – unbewusst – so sagt: „Es ist schön hier mit Ihnen!“ .. es ist nicht nur einfach schön, im Restaurant zu sitzen und auf´s Meer zu blicken, es ist schön „.. mit Ihnen!“.

Oh, manchmal möchte man ihm wirklich helfen! Er analysiert sich dumm und dämlich, wäre das die Situation gewesen, sie zu berühren, zu umarmen, zu küssen sogar? Nein, es wäre zu früh gewesen (redet er sich ein, er weiß es natürlich besser, weil er das Gefühl ja nicht ignorieren kann, die Frage allein ein Zeichen dafür), nicht der richtige Moment, alles wäre zerstört worden, dieses Risiko wollte er nicht eingehen, diese Liebe (ja, er gesteht sich und anderen dieses Gefühl ein) überfordert ihn, der ansonsten das Geplänkel vor dem Zu-Bett-Gehen perfekt beherrscht. Und ja, wir liegen richtig mit unserer Ungeduld, Franca, so läßt sie der Autor es später sagen, empfindet auch so, warum küsst er mich nicht, warum mietet er das Zimmer nicht, das er sich anschaute im Restaurant, oben, in den Bergen, nach dem Essen zu zweit?

Franca geht ein Stück voraus und Giovanni folgt ihr, ihm gefällt die es, von Franca geführt zu werden. Franca dominiert, sie gestaltet das Zusammensein, bestellt bei Tisch, wählt den Wein und er besteht diesen Test, denn er fühlt sich dadurch nicht gegängelt wie andere, die vorher in dieser Situation waren. Denn natürlich hat Franca auch ihre Bekanntschaften, besonders ist unter diesen zu nennen – und erschwerend, weil es ihr Verlobter ist – der Dottore Alberti, den Giovanni im Museum schon kennengelernt hat als Wissenschaftler, der dort arbeitet. Mit ihm zusammen will sie sich in Kürze auch beruflich verändern, in eine ander Stadt ziehen und dort leben und arbeiten …. Franca zögert nicht, sie ist es, die Giovanni schließlich in der einsamen Bucht in die alte Umkleidekabine führt, in der sich sich dann erkennen….

Wenn es die große Liebe gibt, dann kann sie sich so anfühlen, wie Ortheil sie schildert. Es sind einfühlsame Worte, mitreissende Schilderungen, in seinen Landschaftsbildern, den Beschreibungen des Meeres spiegeln sich die Gefühle der beiden Menschenkinder wieder. Es ist eine romantische Liebe zwischen Strand und Bergen, in der Einsamkeit der Buchten und der kleiner Tische in den Nischen der Restaurants am Meer (in denen übrigens viel getrunken und nur wenig gegessen wird, obwohl des Essen großen Raum einnimmt in den Texten. Chapeux vor der Trinkfestigkeit der beiden!), es ist .. ach ja, die große Liebe eben…

Ist es auch eine glückliche Liebe, eine mit Zukunft? Ortheil reißt diese Fragen an, weil sie einfach von der Grundkonstellation her, die er gewählt hat, nicht zu vermeiden sind. Auflösen kann er sie nicht, nein, natürlich nicht, aber Franca hat sich was überlegt und so läßt er der Hoffnung auf ein glückliches Ende zumindest Raum….

„Die große Liebe“ ist ein sehr stimmung- und gefühlvoller Roman über einen seelischen Ausnahmezustand, eine romantische Schilderung des Sichfindens zweier Menschen, die zusammen eine Zweiheit sind, um den Begriff Giovannis zu gebrauchen. Wenn man an dem Roman etwas kritisieren will, ist es vllt der Umfang. Etwas straffer geführt, das Intermezzo mit Dottore Alberti.. aber nun ja, es tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch…

Mich persönlich hat die Geschichte weit zurückgeführt.. Anfang der 80er Jahre, eine für damalige Zeiten typische Studentefete in der Tiefgarage des Wohnheims mit Höllenlärm getarnt als Musik, mit Essen (wahrscheinlich palästinensisch angehaucht) und eben.. SIE, die ich dort traf. Wie Franca verlobt, kurz vor der Reise hin zu ihm…. genau wie Ortheil es beschreibt, die Welt schrumpfte zusammen auf uns zwei, alles andere wurde unwichtig… Aber selbst, wenn man die Welt vergisst, die Welt selbst vergisst einen nicht, und so endete meine Geschichte anders und sie dauerte nicht lange an…. und ist jetzt, als Erinnerung, schöne Erinnerung, etwas sentimental vielleicht wieder geweckt worden…

Hanns-Josef Ortheil
Die grosse Liebe
diese Ausgabe: HC, 316 S., 2004, Gütersloh
Originalausgabe, 2003, Luchterhand

Jade spielt in der chinesischen Philosophie eine große, herausragende Rolle, wird aber auch als umschreibender Begriff in der erotischen Sprache verwendet. So ist der Titel des kleinen Bändchens, in dem zum 3. Mal ausgesuchte Beiträge zum Schreibwettbewerb für erotische Dichtung eine deutliche Anspielung auf den Inhalt der Beiträge….

Zum dritten Mal wurde 2010 der Wettbewerb ausgeschrieben im Namen des 1721 verstorbenen Verfassers u.a. galanter Texte Christian Friedrich Hunold, Wieder ist es eine Zusammenstellung von 35 Beiträgen, Gedichte und Prosatexte. Da ich die beiden anderen Bände ebenfalls hier vorgestellt habe („Wehre dich nicht„… und „Ich siebenhändiger Mann„) soll auch dieser Band nicht fehlen, insbesondere da er durch Zeichnungen von Gerd Mackensen (von denen hier einige zu sehen sind), die durchgängig in Schwarz/Rot gehalten sind, sehr gewinnt. Auch der Einband ist sehr gelungen, nimmt man das Buch in die Hand, ist man ob des ersten haptischen Eindrucks verblüfft, es ist, als ob man einen Stoff, Samt, berührt…

Die Texte, darin unterscheidet sich das Bändchen nicht von seinen Vorgängern, sind trotz Vorauswahl von gemischter Qualität. Manchen merkt man ein Bemühen an, eine gewisse Künstlichkeit, andere dagegen verstehen es sehr schön, eine erotische (was ist das eigentlich?) Atmosphäre zu schaffen. Besonders einige der Gedichte sind erwähnenswert, weil sie die eigenen Vorstellungskraft zu animieren und zu wecken verstehen.

Kurz sind sie alle, die Beiträge, das liegt in der Konzeption des Wettbewerbs, der nur Beiträge mit maximal 2000 Zeichen zuläßt. So eignen sie sich zum kurzen Genuss, zum spontanen Aufschlagen des Büchleins für eine kleine Anregung zwischendurch oder auch – natürlich – zum Vorlesen…

… und vllt liegt gerade darin, daß die Geschichten so unterschiedlich sind, der Reiz.

Jens-Fietje Dwars (Redakteur)
Lob der Jadeflöte
Illustrationen von Gerd Mackensen
quartus-Verlag 2010, brosch., 120 S.

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