Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan
Oktober 31, 2011

Was wäre wenn… Ortheil [2], von dem ich mir auf Empfehlung der Leiterin meiner Lesepatengruppe ein willkürlich gefundenen Titel besorgte, spielt ein Fantasiespiel. Oder, wie es der Spiegel in einer seinerzeitigen Rezension [3] formulierte, er spielt mit dem doppelten Konjunktiv, der über jedem historischen Roman schwebt: wie es hätte sein können, wenn es so gewesen wäre….. ja, wie hätte es sein können….
Fakt jedenfalls ist, daß Giacomo Casanova, dieser sprichwörtlich gewordene Verführer, der für die Frauen geborene, 1787 in Prag weilte. Er war nicht mehr jung, hatte die sechzig überschritten und für damalige Verhältnisse ein alter Mann geworden. Zur gleichen Zeit befand sich Wolfgang Amadeus Mozart in der Stadt, um zusammen mit seinem Librettisten da Ponte eine Oper zu komponieren. In Prag, nicht in Wien oder sonst einer bedeutenden Stadt.. das schon zeigt, daß es wirtschaftlich um das Genie schlecht gestellt sein muss. An den großen Höfen Europas ist er nicht gefragt. 
Im Nachlass Casanovas findet man – so der Spiegel – “… zwei Blätter von Casanovas Hand mit einer “Don Giovanni”-Szene, die besser ist als die von Da Ponte.” Wie hätte es also sein können, wenn es so gewesen wäre, daß sich Casanova und Mozart getroffen hätten, wenn sie sich begegnet wären (was man aber nicht weiß).
Hätten sie sich verstanden, der gewandte, vielgereiste, erfahrene, belesene Casanova, ein Mann mit hoher Intelligenz, der das Spiel der Macht, der Intrige, der Heuchelei auch beherrschte wie kaum ein anderer und das Musikgenie, leicht erratisch, sprunghaft, kindisch und kindlich manchmal, unberechenbar, sorglos und durch ein hartes Elternhaus gegangen. Die Mutter früh tot und der Vater, der ihn gnadenlos auf Erfolg triezte, kürzlich erst. Nein, auf der Beerdigung war er nicht, aber der Tod hängt ihm nach, befreit ist er noch nicht.
Ja, sagt Ortheil, sie hätten sich verstanden, auf einer intuitiven Ebene. Mozart hätte gemerkt, daß Casanova jemand war, der sein Schaffen (im Gegensatz zu da Ponte) einordnen konnte, der die Intention der Musik, ihr Wesen, ihr Wirken, ihr Sein erfasst hätte und Casanova wäre im Gegenzug von der Musik Mozarts gefangen genommen worden, sie wäre in sein Innerstes eingedrungen, hätte ihn durchdrungen und mitgenommen auf eine Reise in nie gekannte Höhen.
Nur: richtig, da Ponte stört dabei, der tumbe, wortgläubige, uninspirierte Librettist, der die entstehende Oper Mozarts, den “Don Juan” verwaltet, zu Tode textet mit albernen Worthülsen, der Sängerinnen und Sänger quält und verunsichert und dessen eigentliches Streben es ist, die Nacht von einem Frauenkörper gewärmt zu werden.
Casanova ist im Palast eines alten, für eine Zeit abwesenden Freundes untergebracht, er versteht es in kürzester Zeit “Casamia” zu werden, das Haus nach seinem Gutdünken (und ohne jegliche Skrupel) umzugestalten und zu verwalten. Die Dienerschaft liegt ihm, dem charmanten, weltläufigen Verführer zu Füßen, er lehrt die Köchin kochen wie er es gewohnt ist zu essen und seinem Kammerdiener trägt er so etwas wie Freundschaft an, Komplizenschaft in jedem Fall.
Denn es wäre nicht Casanova, wenn ihm nicht ein Plan einfiele, da Ponte zu schlagen. Schnell hat er die Schwäche dieses Mannes erkannt, seine rohe Fixiertheit auf die Frauen. Wo Casanova ein Verführer ist, für den es sowohl eine intellektuelle als auch eine erotische Herausforderung ist, eine Frau zu verführen, Lust in ihr zu erwecken durch Speisen und Getränke, durch Reden, Schmeicheleien, durch neckischen Disput und auch anzüglichen, der ihr schon eine leichte Röte in die Wangen treiben kann, ihm zu zeigen, daß sie sich langsam erhitzt, zwar sich noch nicht getraut, sich bald jedoch des Scheins nur noch ziert und um des Herauszögerns des Genusses willen, dort verkündet da Ponte deutlich, was er will und wenn er es nicht bekommt, ist er bereit, Gewalt anzuwenden und die Dame zu zwingen. Wo Casanova in den Frauen die Lust zu wecken versteht, um sich gemeinsam mit ihnen dem Taumel hinzugeben, vergewaltigt da Ponte sie, seiner Opernfigur des Don Juan nicht unähnlich.
Und so inszenierte der Venzianer (obwohl da Ponte aus der gleichen Stadt stammt) ein Spiel, ein Fest, ködert jenen mit einem so feinen, unwiderstehlichen Köder, daß da Ponte innerhalb weniger Minuten ein geschlagener Mann ist.
Voilá: Der Librettist ist verschwunden, es lebe der Librettist! Absehbar, was jetzt nach der Umtitelung der Oper in “Don Giovanni” passiert, mit kleinen Aufregungen .. die Oper wird ein Erfolg, Paare trennen und finden sich und selbst da Ponte erreicht noch Ruhm, denn die Drucker haben seinen Namen im Druck gelassen, so daß er als Schöpfer der Texte verewigt ist. Womit wir wieder in der Realität sind. Aber so, wie skizziert, hätte es durchaus sein können, wären sich….
Ein schöner Roman, in einen Wusch durchgelesen, so kurzweilig und interessant geschrieben, mit hohem Tempo, geistreichen Dialogen und fesselnden Schilderungen. Natürlich gibt es Nebenhandlungen zu hauf in diesem Roman, treten noch viele Personen auf. Die ins Stift abgeschobene Grafentochter und ihre Vertraute Johanna ebenso wie die unsterblich in Mozart verliebte Frau Josepha… Dialoge über Essen und Erotik, über die Liebe und die Verführung, über die Kunst des verfeinerten Lebens… Monologe wie Arien, Dialoge wie Duette… Obwohl Oper und die Welt der Musik nicht mein Thema sind, konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Es ist ein Roman, eine Fiktion. Casanova, den Ortheil so überaus sympathisch schildert, wurde – glaubt man zeitgenössischen Berichten – in seinem letzten Lebensabschnitt als Bibliothekar in Dux zum meckernden, sich über alles und jeden beschwerenden Misanthropen. Sein Ruf ging ihm Voraus und im Gegensatz zum Verhalten der Menschen im Buch, die sich ihm anvertrauten und öffneten, hielten man im realen Leben Abstand, verlachte den altgewordenen und mied ihn. Ein wahrlich trauriges Ende, das Casanova auch in seinen Memoiren, die einige Jahre vor dieser Zeit abbrechen, nicht mehr erzählt.
Ein Roman über die Kunst auch zu lieben, zu verführen, über das Essen und die Liebe, über die Verehrung der Frau, über die Musik und die Liebe. Ein schöner, ein fesselnder Roman also.
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Giovanni
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Hanns-Josef_Ortheil
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17436620.html






November 8, 2011 at 3:13 pm
Und meine Frage dazu ist: Was ist eine Lesepatengruppe?
November 8, 2011 at 7:04 pm
du hast den kern am pudel gepackt.
lesepaten sind ältere menschen, die sich zur aufgabe gemacht haben, anderen menschen so lange vorzulesen, bis diese um gnade rufen. vorzugsweise finden wir unsere opfer in kindergärten, schulen und altenheimen. den arbeitenden teil der bevölkerung meiden wir, da die noch zu wehrhaft sind!
im ernst: wir lesen (s.o.) vor und versuchen so, besonders kindern spaß an büchern zu vermitteln. macht spaß!
November 12, 2011 at 11:00 am
hehe^^ – um ehrlich so sein, war ich nur auf der Suche nach einem Vorwand das Buch zu kaufen -> hab ihn mit deiner Rezension gefunden
Lieben Dank und Grüße