Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan
Oktober 31, 2011

Was wäre wenn… Ortheil [2], von dem ich mir auf Empfehlung der Leiterin meiner Lesepatengruppe ein willkürlich gefundenen Titel besorgte, spielt ein Fantasiespiel. Oder, wie es der Spiegel in einer seinerzeitigen Rezension [3] formulierte, er spielt mit dem doppelten Konjunktiv, der über jedem historischen Roman schwebt: wie es hätte sein können, wenn es so gewesen wäre….. ja, wie hätte es sein können….
Fakt jedenfalls ist, daß Giacomo Casanova, dieser sprichwörtlich gewordene Verführer, der für die Frauen geborene, 1787 in Prag weilte. Er war nicht mehr jung, hatte die sechzig überschritten und für damalige Verhältnisse ein alter Mann geworden. Zur gleichen Zeit befand sich Wolfgang Amadeus Mozart in der Stadt, um zusammen mit seinem Librettisten da Ponte eine Oper zu komponieren. In Prag, nicht in Wien oder sonst einer bedeutenden Stadt.. das schon zeigt, daß es wirtschaftlich um das Genie schlecht gestellt sein muss. An den großen Höfen Europas ist er nicht gefragt. 
Im Nachlass Casanovas findet man – so der Spiegel – „… zwei Blätter von Casanovas Hand mit einer „Don Giovanni“-Szene, die besser ist als die von Da Ponte.“ Wie hätte es also sein können, wenn es so gewesen wäre, daß sich Casanova und Mozart getroffen hätten, wenn sie sich begegnet wären (was man aber nicht weiß).
Hätten sie sich verstanden, der gewandte, vielgereiste, erfahrene, belesene Casanova, ein Mann mit hoher Intelligenz, der das Spiel der Macht, der Intrige, der Heuchelei auch beherrschte wie kaum ein anderer und das Musikgenie, leicht erratisch, sprunghaft, kindisch und kindlich manchmal, unberechenbar, sorglos und durch ein hartes Elternhaus gegangen. Die Mutter früh tot und der Vater, der ihn gnadenlos auf Erfolg triezte, kürzlich erst. Nein, auf der Beerdigung war er nicht, aber der Tod hängt ihm nach, befreit ist er noch nicht.
Ja, sagt Ortheil, sie hätten sich verstanden, auf einer intuitiven Ebene. Mozart hätte gemerkt, daß Casanova jemand war, der sein Schaffen (im Gegensatz zu da Ponte) einordnen konnte, der die Intention der Musik, ihr Wesen, ihr Wirken, ihr Sein erfasst hätte und Casanova wäre im Gegenzug von der Musik Mozarts gefangen genommen worden, sie wäre in sein Innerstes eingedrungen, hätte ihn durchdrungen und mitgenommen auf eine Reise in nie gekannte Höhen.
Nur: richtig, da Ponte stört dabei, der tumbe, wortgläubige, uninspirierte Librettist, der die entstehende Oper Mozarts, den „Don Juan“ verwaltet, zu Tode textet mit albernen Worthülsen, der Sängerinnen und Sänger quält und verunsichert und dessen eigentliches Streben es ist, die Nacht von einem Frauenkörper gewärmt zu werden.
Casanova ist im Palast eines alten, für eine Zeit abwesenden Freundes untergebracht, er versteht es in kürzester Zeit „Casamia“ zu werden, das Haus nach seinem Gutdünken (und ohne jegliche Skrupel) umzugestalten und zu verwalten. Die Dienerschaft liegt ihm, dem charmanten, weltläufigen Verführer zu Füßen, er lehrt die Köchin kochen wie er es gewohnt ist zu essen und seinem Kammerdiener trägt er so etwas wie Freundschaft an, Komplizenschaft in jedem Fall.
Denn es wäre nicht Casanova, wenn ihm nicht ein Plan einfiele, da Ponte zu schlagen. Schnell hat er die Schwäche dieses Mannes erkannt, seine rohe Fixiertheit auf die Frauen. Wo Casanova ein Verführer ist, für den es sowohl eine intellektuelle als auch eine erotische Herausforderung ist, eine Frau zu verführen, Lust in ihr zu erwecken durch Speisen und Getränke, durch Reden, Schmeicheleien, durch neckischen Disput und auch anzüglichen, der ihr schon eine leichte Röte in die Wangen treiben kann, ihm zu zeigen, daß sie sich langsam erhitzt, zwar sich noch nicht getraut, sich bald jedoch des Scheins nur noch ziert und um des Herauszögerns des Genusses willen, dort verkündet da Ponte deutlich, was er will und wenn er es nicht bekommt, ist er bereit, Gewalt anzuwenden und die Dame zu zwingen. Wo Casanova in den Frauen die Lust zu wecken versteht, um sich gemeinsam mit ihnen dem Taumel hinzugeben, vergewaltigt da Ponte sie, seiner Opernfigur des Don Juan nicht unähnlich.
Und so inszenierte der Venzianer (obwohl da Ponte aus der gleichen Stadt stammt) ein Spiel, ein Fest, ködert jenen mit einem so feinen, unwiderstehlichen Köder, daß da Ponte innerhalb weniger Minuten ein geschlagener Mann ist.
Voilá: Der Librettist ist verschwunden, es lebe der Librettist! Absehbar, was jetzt nach der Umtitelung der Oper in „Don Giovanni“ passiert, mit kleinen Aufregungen .. die Oper wird ein Erfolg, Paare trennen und finden sich und selbst da Ponte erreicht noch Ruhm, denn die Drucker haben seinen Namen im Druck gelassen, so daß er als Schöpfer der Texte verewigt ist. Womit wir wieder in der Realität sind. Aber so, wie skizziert, hätte es durchaus sein können, wären sich….
Ein schöner Roman, in einen Wusch durchgelesen, so kurzweilig und interessant geschrieben, mit hohem Tempo, geistreichen Dialogen und fesselnden Schilderungen. Natürlich gibt es Nebenhandlungen zu hauf in diesem Roman, treten noch viele Personen auf. Die ins Stift abgeschobene Grafentochter und ihre Vertraute Johanna ebenso wie die unsterblich in Mozart verliebte Frau Josepha… Dialoge über Essen und Erotik, über die Liebe und die Verführung, über die Kunst des verfeinerten Lebens… Monologe wie Arien, Dialoge wie Duette… Obwohl Oper und die Welt der Musik nicht mein Thema sind, konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Es ist ein Roman, eine Fiktion. Casanova, den Ortheil so überaus sympathisch schildert, wurde – glaubt man zeitgenössischen Berichten – in seinem letzten Lebensabschnitt als Bibliothekar in Dux zum meckernden, sich über alles und jeden beschwerenden Misanthropen. Sein Ruf ging ihm Voraus und im Gegensatz zum Verhalten der Menschen im Buch, die sich ihm anvertrauten und öffneten, hielten man im realen Leben Abstand, verlachte den altgewordenen und mied ihn. Ein wahrlich trauriges Ende, das Casanova auch in seinen Memoiren, die einige Jahre vor dieser Zeit abbrechen, nicht mehr erzählt.
Ein Roman über die Kunst auch zu lieben, zu verführen, über das Essen und die Liebe, über die Verehrung der Frau, über die Musik und die Liebe. Ein schöner, ein fesselnder Roman also.
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Giovanni
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Hanns-Josef_Ortheil
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17436620.html
Jeffrey Eugenides: Middlesex
Oktober 27, 2011

Die Eltern von Desdemona und Eleuphterios (genannt Lefty) sind verstorben. Das Geschwisterpaar lebt in einem kleinen griechischen Dorf in Kleinasien, in der Nähe von Bursa. Desdemona kümmert sich um die Seidenraupenzucht, deren Ernte ihr Bruder in Bursa auf dem Markt verkauft. Es ist 1922, die Griechen träumen ihren Traum vom befreiten Kleinasien, der Keimzelle griechischer und europäischer Kultur, nachdem sie die Türken wenige Jahre zuvor aus dieser Gegend vertrieben haben [1].
Den beiden machen die Hormone zu schaffen, besonders gequält ist Lefty, der sich in Bursa dem Haschischrausch hingibt und die käuflichen Damen aufsucht, die er aus seiner Traumwelt heraus Desdemona nennt….
Das Schicksal entscheidet sich gegen die Griechen. Die Türken unter Kemal Atatürk kehren aus Anatolien zurück und schlagen die griechische Armee, die fliehen muss. Sie rücken immer näher an die Küste vor, die Geschwister müssen wie alle anderen auch, fliehen. Man flieht nach Smyrna, dieser uralten, berühmten Stadt am Mittelmeer, der Heimat von Homer [3]. Bald platzt die Stadt aus allen Nähten, die Flüchtlinge drängen sich in den Gassen, auf den Plätzen, am Hafen. Vor dem Hafen liegen Kriegsschiffe aus Frankreich, Großbritannien, die sich aber nicht rühren und niemanden an Bord nehmen.
Dann, der Wind hat sich gedreht und weht vom Land aufs Meer, bricht am Berg, unterhalb des alten Türkenviertels, ein Feuer aus, das sich rasend schnell ausbreitet und auf die Stadt zuläuft. Es schließt die Menschen ein, es findet Nahrung ohne Ende, Papier, Holz, Stoffe, Menschen…… die europäischen Botschaften evakuieren ihre Landsleute [2] und Lefty nimmt seiner Schwester das Versprechen ab, ihn zu heiraten, wenn sie dem Feuer entkommen sollten. Sie gibt es ihm. Und Lefty kramt seine schütteren Französischkenntnisse hervor, gibt sich in der Visumstelle der Botschaft als Franzose aus, der seine Papiere im Feuer verloren hat und bekommt vom Angestellten, der die Stempel eher oberflächlich prüfend verteilt, die lebensrettenden Visa für sich und seine Schwester, der er einen falschen Namen gibt.
Hinter ihnen das zu Asche zerfallende Smyrna laufen sie aus in Richtung Griechenland, Athen. Und von dort aus nehmen sie eine Passage in die Vereinigten Staaten. Sie haben sich einen Plan zurecht gelegt, sie gehen als Fremde an Bord, lernen sich dort kennen, verlieben sich ineinander und er macht ihr kurz vor der Ankunft in den Staaten einen Heiratsantrag, den sie nach anfänglichem Zieren annimmt. Die Trauung auf hoher See übernimmt der Kapitän des Schiffes… eins der Rettungsboote wird zu ihrem Hochzeitsbett….
In Ellis Island haben die beiden keine Probleme bei der Einreise, und in Detroit werden sie schließlich von Lina (Sourmelina) Zizmo, der Cousine Desdemonas, der einzigen Verwandten, die sie in den USA haben, am Bahnhof abgeholt. Ihr müssen sie ihr Geheimnis anvertrauen, aber Lina selbst hat auch eins, denn – so wurde es in der Familie umschrieben – nach ihr ist eine griechische Insel benannt… So beginnt das amerikanisches Leben der griechischen Flüchtlinge aus einem kleinasiatischen Dorf, die ein großes Geheimnis mit sich tragen…
Die Zwanziger in Amerika, in Detroit. Die Automobilfabriken, und es gibt viele und keiner kennt deren Namen heute noch, weil sie die nächsten Jahrzehnte nicht überlebt haben, schlucken die Arbeiter wie ein Moloch, so auch Lefty. Das Fließband gibt den Takt vor, 14 Sekunden hat Lefty, um seinen Teil am Auto zu fertigen. Bald schafft er es in 12 Sekunden, aber das bringt ihm keine Freunde, weil dann alle schneller schaffen müssen… am Abend Englischkurse, müde, geschunden…. Zizmo, der sein Geld anders verdient, nimmt ihn eines Nachts mit. Die Fahrt geht in unbewohnte Gegenden, an den Fluss, drüben ist Kanada. Bootsgeräusche, den Kofferraum auf und die Kisten mit dem Schnaps einladen. Es ist Prohibition, mit dem Schmuggel ist auch für kleine Dealer noch Geld zu machen neben den großen Gangsterbanden. Irgendwann eröffnet Lefty eine eigene kleine Bar, in der geschmuggeltes ausschenkt, mit einem Zebrafell an der Wand. Dann endet die Prohibition, 1929 bricht dann alles zusammen, der „Schwarze Donnerstag“ ruiniert das Leben von Millionen, auch Des und Lefty haben ihre Probleme….
So gibt uns Eugenides in diesem Abschnitt seines Romans eine kleine Einführung in die Geschichte Detroits und damit auch Amerikas. Wir fahren mit Des, die sich Arbeit suchen muss und sich auf eine Stelle bewirbt, bei der man jemanden braucht, der mit Seidenraupen umgehen kann, durch die Stadt und erleben, daß die Straßenbahn zum ersten Mal überhaupt an dieser Straße hält, mitten im Ghetto der Schwarzen, und eine Weiße dort aussteigt. Wir lernen die Anfänge der „Nation of Islam“ kennen und die Ghettoisierung der Afroamerikaner, sehen der Zerfall der Ghettos aber auch die wirtschaftliche Erholung Amerikas. Lefty gibt die Bar auf und eröffnet ein Restaurant, das Zebrafell begleitet ihn. Nach der Geburt ihres Sohnes Milton (der zeitgleich mit Tessie, der Tochter von Lina und Zizmo gezeugt wurde) entfremden sich Des und Lefty, Desdemona fürchtet die Strafe Gottes für das, was sie und Lefty taten. Der zweite Weltkrieg bricht aus, Milton geht aus Liebeskummer zur Navy, aber er überlebt den Krieg, heiratet Tessie und wird Offizier. Dann bricht 1953 der Koreakrieg aus, den Milton auch überlebt. Aber auch Detroit wandelt sich. Die Bevölkerungsstruktur ändert sich, es brechen Rassenunruhen aus, in denen das Restaurant, das mittlerweile von Milton geführt wird, in Flammen aufgeht – aber dank der Feuerversicherung ist die Familie daraufhin saniert. Es werden Gesetze gegen die Rassentrennung erlassen, die Innenstädte veröden und zerfallen. Der alte Glanz ist hin, die weiße Mittel- und Oberschicht sucht sich ihren Lebensraum außerhalb….
… und irgendwann in diesen ganzen Geschehnissen war Januar 1960.
Ich weiß nicht, ob ich dem Roman gerecht werde, indem ich ihn auf diese Art vorstelle, den Rahmen erst erzählt habe, bevor ich mich der eigentlichen Geschichte des Autors widme. Es ist eine Familiengeschichte über drei Generationen, die aus der Ich-Perspektive von Cal erzählt wird und mit einem Satz beginnt, der schon in der ersten Zeile die ganze Dramatik offenlegt, die ich bisher nur andeutete:
„Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.„
In der Tat, die Familienverhältnisse der Stephanides verdienen es, genannt zu werden: „Sourmelina Zizmo war nicht nur meine Großcousine ersten Grades. Sie war auch meine Großmutter. Mein Vater war der Neffe seiner eigenen Mutter (und seines Vaters). Zusätzlich dazu, daß sie meine Großeltern waren, waren Desdemona und Lefty auch noch meine Großtante und mein Großonkel. Meine Eltern sollten meine Großcousine und Großcousin zweiten Grades sein, und Pleitegeier mein Cousin dritten Grades und auch mein Bruder. ….„
Diese verwirrenden Verwandschaftsverhältnisse spiegeln die Tabubrüche wieder, die diese Familie einging im anscheinend sicheren Wissen um den Tod, der sie erlösen würde, bevor das Verbotene geschah. Wie hätte Desdemona glauben können, daß sie der brennenden Hölle Smyrnas entkommen könne, wie hätte sie Tessie den Segen verweigern können, war doch Milton in seinem Einsatz im 2. Weltkrieg auf einem Posten mit einer mittleren Lebenserwartung von 38 Sekunden eingesetzt? Aber die Würfel fielen anders….
Calliope kam als Mädchen zur Welt, assistiert vom Freund der Familie noch aus Smyrnas Zeiten, Dr. Phil, der nicht so genau hinsah, außerdem – just in diesem Augenblick – abgelenkt war von der Krankenschwester, die er später dann heiratete. Sie wurde als Mädchen getauft, wenngleich der zielgerichtete Strahl, mit dem sie sich beim Priester für das Untertauchen revanchierte – im Nachhinein – natürlich zu denken hätten geben können. Sie wuchs als Mädchen auf, von eigenartiger Schönheit und ganz normal, wie ein Mädchen eben aufwächst in einer griechischstämmigen Familie im Amerika der 60ger Jahre. Und so wie Dr. Phil sie nur oberflächlich betrachtete, schaute in all den Jahren, auch beim Wickeln und Windeln nie jemand so genau hin, aus Schamhaftigkeit, sexueller Verklemmtheit, was alles die Motive auch sein mögen. Pleitegeier, der Bruder, der Altersunterschied schon zu groß, nie badete man zusammen…
Die Aufhebung der Rassentrennung führte dazu, daß Callie auf eine Privatschule geschickt wurde, eine reine Mädchenschule. Hier lernte sie ein anderes Mädchen kennen, eine Sommersprossenfee, blasiert, arrogant, aber eben auch schmetterlingimbaucherzeugend. Und es gelingt ihr, sie zur Freundin zu bekommen, glückliche Zeiten sind dies für Callie, die ansonsten großer Kummer umtreibt: nichts weibliches entwickelt sich an ihr, im Gegensatz zu allen anderen Klassenkameradinnen. Sie leidet darunter, entwickelt Täuschungs- und Vermeidungsstrategien, macht Sachen, die Mädchen eben machen, obwohl sie ihr wehtun, richtig glücklich ist sie nur, wenn sie dieses andere Mädchen (genannt „das Objekt“ der Begierde) im Arm hält, ja, sogar – jene sich schlafend stellend – verführt….
Dann wird sie eines Tages – sie ist jetzt 14 Jahre alt – wegen eines Unfalls in eine Krankenhaus gebracht. Zum ersten Mal schaut sie jemand richtig an, auch „dort unten“, sieht das, was Callie selbst ihren „Krokus“ nennt und rät den Eltern, einen Endikrinologen aufzusuchen. Man diagnostiziert einen Gendefekt [5] und so landet sie schließlich bei Dr. Luce und wird dort zum Kind auf S. 578 seines Standardwerks über Genetik und Vererbung. Callie ist Mädchen, fühlt sich als Mädchen, will Mädchen sein – wer könnte ihr das verdenken? Sie verdrängt, beschwindelt ihren Arzt. Dr. Luce zeigt ihr Sexfilme, ja: sagt sie, ihr gefallen die Schwänze besser als die Titten, sie schaue auf den Pizzaservicemann und nicht auf die einsam-hungrige Hausfrau…. Durch einen Zufall sieht Callie später den Bericht des Arztes, und sie fühlt, daß das, was dort steht, nicht stimmt. Es stimmt nicht. Es stimmt nicht, es stimmt nicht, es stimmt nicht….
In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie den verzweifelten Eltern, daß sie ein Junge ist. Sie, jetzt Cal, packt einen Koffer, nimmt sich etwas Geld und fährt mit einen Bus in den Süden. Er ist auf der Flucht vor dem Winter und auf der Suche nach sich selbst. Als das Geld für den Bus nicht mehr reicht, trampt er, läßt sich einladen und als er in San Francisco zusammengeschlagen wird, nimmt er das Angebot eines Sexclubbesitzers an, sich zur Schau zu stellen, zusammen mit zwei anderen Hermaphroditen, so wie früher auf den Jahrmärkten die Monstrositäten ausgestellt wurden. Die Untersuchungen durch die Ärzte, so denkt er, wären eine gute Übung dafür gewesen.
Cal muss lernen, mit sich selbst zu leben, ein Junge zu sein, sich selbst zu akzeptieren. Flucht war kein Ausweg. Mitte der 70er Jahre, langsam änderten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, „Rand“gruppen, Ausgegrenzte,
Ich traf mich an, wohin ich auch ging.
unterdrückte Minderheiten entwickelten Selbstbewusstsein und fingen an, für ihre Rechte zu kämpfen. Der harte Weg als „Hermaphroditos“, besonders sein/e Kollege/in Zora, lehrten ihn viel, auch wenn er sich bei seinen Auftritten mit Drogen betäuben musste…
Schließlich mischt die Polizei den Laden auf und nimmt ihn in Arrest. Der Anruf, der ihm zusteht, geht nach Detroit, zu seinen Eltern. Sein Bruder kommt, ihn abholen, gerade rechtzeitig zur Beerdigung des Vaters.
Am Umfang des Buches, deutlich über 700 Seiten, merkt man schon, daß sich Eugenides nicht knappen, hingeworfenen Andeutungen zufrieden gibt. Es ist kein Sturzbach, der auf schnellem, direktem Weg durch eine Geschichte donnert, es ist ein breiter Fluss, der durch die Welt, in der der Roman spielt, mäandert, der Zeit hat, auch das Ufer zu erkunden und zu beschreiben. Die Schilderungen des Lebens in Kleinasien, des griechisch-türkischen Krieges mit Vertreibung und Flucht, mit dem Tod Tausender, dem Brand von Symrna (für den Eugenides die Türken verantwortlich macht. Nur an einer Stelle läßt er Zizmo andeuten, daß es auch anders gewesen sein könnte..), die Lebensverhältnisse im Detroit der 20er, 30er Jahre, aber auch die Schilderungen des Detroits späterer Jahrzehnte: er beschreibt sie bin in Einzelheiten hinein, transportiert Fakten und Stimmungen. Zum Teil, so läßt sich vermuten, legt er seinem Erzähler, dem mittlerweile 41jährigen, im diplomatischen Dienst der USA arbeitenden Cal, auch seine persönliche Meinung in den Mund, etwa, wenn es um die Rassenunruhen in Detroit geht.
Beim Lesen fiel mir spontan auf, daß Eugenides mit der Liebe zwischen den Geschwistern Desdemona und Lefty eine eher ungewöhnliche Konstellation gewählt hat, denn (erotisch/sexuelle) Liebe unter Geschwistern tritt viel häufiger bei Menschen auf, die getrennt aufgewachsen sind als bei Geschwistern, die so überaus eng erwachsen geworden sind wie die beiden. Bei Tessie und Milton wiederholt sich das im Übrigen Jahrzehnte später noch einmal, denn auch Tessie ist ja im Grunde bei Desdemona groß geworden [4].
Angelegt ist das Buch als Rückschau eines Mannes auf sein Leben und das seiner Familie. Schon auf der ersten Seite gibt er fast etwas wie ein Abstract des gesamten Romans, wir als Leser wissen sofort um das außergewöhnliche Ereignis, das immer im Mittelpunkt des Romans steht, Bescheid. Es geht in der Geschichte als nicht darum, auf einen unbekannten, erzählerischen Höhepunkt hinzusteuern, vielmehr steht die Darstellung, Aufdröselung der verhängnisvollen, schicksalschwangeren Entwicklung im Vordergrund. Der Leser weiß immer mehr.
Natürlich, man könnte das Buch, das so viel mehr enthält, als ich hier andeuten konnte, auch unter anderen Gesichtspunkten lesen. Für mich wäre z.B. die Frage von Interesse, wie sich die Geschichte der griechisch-orthodoxen Stephanides und die der jüdisch-katholischen Disches [7] gleichen, wo sie sich unterscheiden (in der 3. Generation gibt es zumindest Parallelen). Man könnte schauen, wie sich die Emigranten einlebten, assimilierten, integrierten – oder auch nicht. Desdemona und ihre Cousina Lina wären gute Beispiele für diese Frage. ….
Ich will zum Ende kommen. „Middlesex“ ist ein wunderschönes Buch, ein anrührender, unterhaltsamer Roman, eine punktuelle Zeitreise zurück in das Amerika des letzten Jahrhunderts und wenn man bereit ist, diese Reise mitzumachen, wird man das Buch mit Gewinn geniessen können.
Anmerkungen und Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Griechisch-T%C3%BCrkischer_Krieg
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Great_Fire_of_Smyrna
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Izmir
[4] „Westermarck“-Hypothese bzw etwas einfacher formuliert im Focus
[5] http://en.wikipedia.org/wiki/5-alpha-reductase_deficiency
[6] .. und wer meint, meine Besprechung des Buches sei umfangreich, sollte sich mal den Wiki-Artikel anschauen
: http://en.wikipedia.org/wiki/Middlesex_%28novel%29. Kürzer dagegen die Übersicht über die im Buch auftretenden Charaktere: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_characters_in_Middlesex
[7] das liegt daran, daß ich vor kurzem die ebenfalls drei Generationen umfassende Familiengeschichte von Irene Dische: Großmutter packt aus gelesen habe….
Jeffrey Eugenides
Middlesex
übersetzt von Eike Schönfeld
rororo, TB, 736 S.
Erstausgabe 2002
Michaela Seul: Hospizarbeit und Palliativbetreuung
Oktober 23, 2011
Sterben ist nicht ungesund.
Ein Satz, an dem man hängenbleibt, über den man stolpert, der zum Nachdenken anregt. In diesem Sinn sei er meiner kurzen Vorstellung des schmalen Büchleins von Seul vorangestellt.

Ausgehend von England, wo (die spätere Lady) Cicerly Saunders 1967 das erste Hospiz gründete, nachdem sie einige Jahre zuvor nachweisen konnte, daß zur Schmerzbehandlung eingesetztes Morphium keine Suchtprobleme macht und den Patienten ein normales Leben ermöglicht, breitete sich der Hospizgedanke auch auf dem Kontinent aus. In Deutschland gibt es momentan (2009) 151 Hospize.
Seul begreift das Hospiz nicht nur als stationäres Haus, in dem Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihre letzten Tage bis zum Tod leben können, sondern als Gedanken, als ein Gesamtkonzept für die Betreuung und Begleitung von Sterbenden und ihrer Familien. Dieser hospizliche Gedanke umfasst die Palliative Care/palliativmedizinische Betreuung bzw. den palliativ-geriatrischen Dienst genauso wie Sozialarbeit, Seelsorge und spirituelle Begleitung und ist nicht auf ein stationäres Hospiz angewiesen. Diese die Würde und Integrität des Sterbenden wahrende Begleitung und Betreuung kann ebenso im Krankenhaus wie im Alten-/Pflegeheim oder zuhause stattfinden, der ehrenamtliche Dienst ist gerade in der Sterbebegleitung eine starke Komponente des Systems.
In Seuls Darstellung des hospizlichen Gedankens spielt die palliative Versorgung der Patienten eine große Rolle. Die Möglichkeiten palliativmedizinischer Betreuung sind noch nicht allgemein bekannt, erst seit 1994 existiert in Deutschland eine Gesellschaft für Palliativmedizin. In der Palliativmedizin wird der „austherapierte“ Patient, der Kranke also, dessen Krankheit nicht mehr curativ (d.h. heilend) behandelt werden kann (oder nach Patientenwillen soll) symptomatisch behandelt mit dem Ziel, die Lebensqualität zu verbessern, um ihn dann – sofern er stationär versorgt wird – wieder nach Hause entlassen zu können. Ein typischer Palliativpatient ist z.B. ein Krebserkrankter, bei dem eine erneute Chemotherapie einfach keinen Sinn mehr macht oder er diese sogar explizit und im Wissen um die Konsequenz ablehnt.
Um in der letzten Lebensphase ein würdiges Leben zu ermöglichen, ist meist eine adäquate Schmerzbehandlung unabdingbar. Hier gibt es in Deutschland oft immer noch Vorbehalte, das medizinisch mögliche auch umzusetzen. Da weitgehende Schmerzfreiheit jedoch Voraussetzung ist für eine entsprechende Lebensqualität, widmet Seul diesem Aspekt einen ausführlichen Teil ihrer Ausführungen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß der Wille des Patienten, der ja nicht immer ansprechbar ist oder diesen noch äußern kann, klar festgelegt ist. Dazu ist es sehr hilfreich (auch für die behandelnden Ärzte), wenn eine Patientenverfügung vorliegt, möglichst verbunden mit einer Vollmacht für eine Person, die im Namen des Patienten sprechen und entscheiden kann. Ist dies nicht der Fall, bedeutet es, daß unter Umständen auf das ganze Spektrum lebenserhaltender Massnahmen zurückgegriffen wird, ohne daß diese mehr als biologische Funktionen aufrecht erhalten. Das Festlegen seiner Vorstellungen in einer Patientenverfügung ist unabhängig vom Lebensalter, auch junge Menschen können schwer erkranken, von Unfällen oder Unglücken ganz zu schweigen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den Seul ausführlich eingeht, ist die Ernährung sterbender bzw. todkranker Menschen. Ist hier nichts weiter geregelt, besteht die große Gefahr, daß über die PEG (Magensonde) eine künstliche Ernährung vorgenommen wird, die zum einen auch wieder, wenn nicht auf die sich ändernden Bedürfnisse eines sterbenden Körpers Rücksicht genommen wird, zu zusätzlichen Komplikationen führen kann und die u.U. ähnlich wie die „Apparatemedizin“ das Leben als rein biologische Funktion einfach nur sinnlos verlängert. Auch für diese Frage sind eindeutige Aussagen in der Patientenverfügung wichtig.
Dieser ganze Themenkomplex kann in so einem kleinen Buch natürlich nicht zur Gänze behandelt werden. Aber Seul legt das Wesentliche sehr klar und verständlich dar. Viele ihrer Ausführungen illustriert sie durch Praxisbeispiele, die überhaupt sehr anschaulich zeigen, wie hospizliche Arbeit in der Praxis aussehen kann und wie hilfreich sie für den Sterbenden und seine Angehörigen sein kann, bis über den Tod hinaus, wenn sie – soweit gewünscht – in eine Trauerbegleitung übergeht. Wesentlich für die hospizliche Begleitung ist, und darauf legt Seul viel Wert, daß sie sich selbst immer zurücknimmt, im Mittelpunkt und ausschlaggebend ist einzig und allein der Wille und der geäußerte Wunsch des/r Begleiteten. Werturteile, eigene Vorstellungen, was gut und richtig ist, sind unwichtig und werden zurückgestellt.
Die Umsetzung des hospizlichen Gedankens in die Praxis ist ohne das Engagement von Ehrenämtlern nicht möglich. Und dieses Engagement erfolgt, weil die Begleitung Sterbender auch dem Begleitendem unendlich viel gibt. Dies ist etwas, was man vllt nicht glauben mag, aber aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen.. bei einem todkranken Menschen z.B. am Bett zu sitzen, ihm zu sagen: „Schlafen Sie ruhig, ich bleib hier bei Ihnen und pass auf Sie auf!“ und dann zu sehen, wie er einschläft, wie sich sein Gesicht entspannt, wie die Hand, die man hält, ruhig wird… das gibt sehr viel Ruhe in der eigenen Seele…. (natürlich, das darf nicht verschwiegen werden, gibt es auch schwierige, belastende Situationen….) Trotzdem: dieses Büchlein ist daher auch für alle, die sich ev. für die ehrenamtliche Hospizarbeit interessieren, geeignet, einen ersten Eindruck zu bekommen.
Seul verweist in ihrem Buch oft auf den Christopherus-Hospiz Verein in München. Die Situation in Großstädten dürfte allgemein, was den Entwicklungsstand des palliativ-hospizlichen Netzes angeht, deutlich weiter sein als im ländlichen Bereich, in dem dies zum Teil erst in Ansätzen vorhanden ist. Hier wird sicherlich gerade auch in Zeiten der Diskussion um die Kosten des Gesundheitssystems noch einige Arbeit geleistet werden müssen. Insofern ist manches, was Seul beschreibt, insbesondere organisatorisches und die Zusammenarbeit der Helfer betreffendes, wohl nicht ohne weiteres in jede Region des Landes übertragbar und allgemeingültig. Dies mag von Betroffenen etwas Eigeninitiative verlangen, sich die entsprechenden Informationen und Ansprechpartner selbst zu suchen, eine geringe Mühe, die sich aber in jedem Fall auszahlen wird.
Michaela Seul
Hospizarbeit und Palliativbetreuung
Knaur, TB, 2009, 205 S.
(Erstveröffentlichung unter dem Titel: Ein Abschied in Würde)
Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
Oktober 19, 2011
„… bis zum zum Jahr 1940 waren die allgemeinen Richtlinien innerhalb des [im RSHA zuständigen] Referats, die Judenfrage in Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten durch eine planmäßige Auswanderung zu regeln. Als zweite Phase kam von diesem Zeitpunkt an die Konzentrierung aller Juden in Polen und den übrigen von Deutschland besetzten Gebieten des Ostens, und zwar in Form von Gettos. Diese Periode dauerte ungefähr bis zu Beginn des Jahres 1942. Als dritte Periode kam die sogenannte Endlösung der Judenfrage, das heißt, die planmäßige Ausrottung und Vernichtung des jüdischen Volkes. Diese Periode dauerte bis zum Oktober 1944, bis Himmler den Befehl gab, diese Vernichtung einzustellen.“ [4]
Nachdem in der nationalsozialistischen Regierung der phantastische Plan, die Juden aus Europa nach Madagaskar auszusiedeln [5] aufgegeben wurde, weil sich u.a. durch den anfangs erfolgreichen Feldzug im Osten dort riesige Räume öffneten, die man zum einen von judenfrei machen wollte [8] und und die andererseits den Platz boten für große Lager und Sammelräume, wurde die Errichtung von Gettos in den osteuropäischen Städten begommen. In diesen wurde die jüdische Bevölkerung zusammengetrieben, konzentriert und eingepfercht, das Verlassen der Bezirke war verboten.
Große, bekannte Ghettos gab es in Warschau, Lublin, Krakau und eben auch in Łódź (Litzmannstadt [1]), insgesamt wurden über 50 Gettos eingerichtet. Dabei muss man sich vor Augen halten, daß Ghettos nicht einfach nur kleine Bereiche sind, in denen ein paar Menschen leben, es sind mit Stacheldrahtzäunen und Mauern abgetrennte Stadtbezirke mit Hunderttausenden von Einwohnern in der Größenordnung von Großstädten. Selbstverständlich braucht damit auch ein Ghetto eine Verwaltung, eine Bürokratie, die die elementarsten Vorgänge, die auch in hier aufrecht erhalten werden müssen, organisiert. Die Verwaltung des Gettos Litzmannstadt umfasste später bis zu 13.000 Personen, für die interne Leitung eines Gettos wurde ein Judenrat eingesetzt, dem ein Ältester vorstand. Es gab auch einen rein jüdischen Ordnungsdienst, der für die Aufrechterhaltung der internen Ordnung im Getto zuständig war und der in seiner Vorgehensweise ähnlich brutal agierte ]6] wie die deutsche Polizei, die natürlich auch jederzeit tätig werden konnte und für die Gesamtbewachung des Gettos und die Abriegelung nach aussen zuständig war.
„Die Erstellung des Gettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme. Zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Mitteln das Getto und damit die Stadt Lodsch von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Poestbeule restlos ausbrennen.
gez. Uebelhör“
Sem-Sandberg erzählt in seinem Roman „Die Elenden von Łódź“ die Geschichte dieses Gettos anhand der Person ihres obersten Repräsentanten, des Vorsitzenden des Judenrates, des Ältesten, des Präses: Mordechai Chaim Rumkowski [3]. Während das Warschauer Getto in die Geschichte eingegangen ist mit seinem Widerstand, der sich im blutigen Aufstand gegen die Besatzer manifestierte, beschritt Rumkowksi den anderen Weg, den der Anpassung:
„Benötigen Sie siebenhundert Arbeiter, dann wenden Sie sich an uns: Wir geben Ihnen siebenhundert Arbeiter.
Benötigen Sie tausend, dann geben wir Ihnen tausend. Doch verbreiten Sie keine Angst unter uns. Reißen Sie die Männer nicht von ihrer Arbeit weg, die Frauen nicht aus ihrem Zuhasuse, die Kinder nicht aus ihren Faamilien.
Lassen Sie uns in Ruhe und Frieden leben – und wir versprechen Ihnen, soweit es in unseren Kräften steht, behiflich zu sein.“
Ein faustischer Pakt mit dem Teufel, den Rumkowski den Besatzern anbietet. Aus der Sicht der damaligen Zeit, in der der Begriff „Endlösung“ im Geheimen erst noch im Entstehen war, in dem das Getto in seiner auf Sterben hin orientierten Unmenschlichkeit noch nicht vollendet war, vielleicht sogar vertretbar. Ein anscheinende geringer Preis, 1000 Menschen zur Arbeit abzukommandieren, wenn man dafür unter die (geschätzt 320.000) Juden vor ansonstigen Übergriffen schützen kann….
Am 13. Oktober 1939 wurde Rumkowski zum Vorsitzende des von diesem Zeitpunkt an herrschenden Ältestenrates ernannt.
Und in gewisser Weise war er damit auch erfolgreich. Er bekam das Getto als „Lehen“ und wurde zum eingesetzten Vasallenkönig der deutschen Zivilverwaltung. Bei einem Besuch Himmlers diente er auch diesem das Getto als „Arbeiterstadt“ an (was diesen erstaunen und entgegnen ließ, daß das keine Arbeiterstadt, sondern ein Getto sei) und in der Tat war die Wertschöpfung „seines“ Gettos (Rumkowski verwendete dieses Possessivpronomen gerne und oft so wie er überhaupt stark monarchische Züge in der Ausübung seines Amtes entwickelte) eine Größenordnung höher als die anderer, in der Größe vergleichbarer Gettos. In den Werkstätten wurde von kriegswichtigem Material bis hin zu Büstenhaltern alles mögliche hergestellt. Als im „Reich“ die Bombadierungen der Aliierten viel Wohnraum zerstörte, wurden sogar kleine Häuser als Notunterkünfte produziert. Es ist geradezu grotesk, daß zum 3jährigen Bestehen des Gettos sogar ein Festakt mit Ausstellung organisiert wurde, der aber letztlich in einem Chaos endete, da man sich beim Büfe mit Lebensmitteln überfraß, die aus verdorbenen Ausgangsmaterialien hergestellt worden waren.
Der Preis dafür war die Willfährigkeit Rumkowskis gegen die Deutschen, das Ausführen der Forderungen, das Beschwichtigen der eigenen Leute, das Beschönigen, das Belügen: „… Nur im Getto, unter meinem Schutz, seid ihr sicher, weil ich mir ein für alle Male das Vertrauen der Behörden erworben habe.“. Denn egal wie „wichtig“ die Produktivität des Gettos war, das ideologisch übergeordnete Ziel war die Ermordung der Juden, entweder indirekt durch Ausnutzung der Arbeitskraft bis zum Eintritt des Todes durch den körperlichen Ruin oder direkt durch die sich langsam entwickelnde Tötungsmaschinierie der Deutschen. Dieser fielen in den ersten Stadien vor allem die nicht arbeitsfähigen Juden zum Opfer, Kinder, Kranke und Alte. Entsprechende Forderungen, zumeist verbrämt als Umsiedlungen [11], setzte Rumkowski mit seinen Anordnungen um. Ferner setzte er sich immer dafür ein, die Arbeitsleistung des Gettos zu erhalten bzw. zu erhöhen, darin sah er die einzige Überlebenschance. Obwohl es nach den ersten Umsiedlungsaktionen, in denen die Mitnahme von Gepäck erlaubt war, dies dann irgendwann später mal wieder ohne seine Besitzer auftauchte und aus den Zügen entladen wurde, klar sein musste, daß die Verbringung aus dem Getto mit einem Todesurteil gleichzusetzen ist, klammerten sich die Menschen lange an die Hoffnung und folgen den Anordnungen der jüdischen Gettoverwaltung. Dieses Verhalten des Ältesten liest sich in Tagebuchaufzeichungen von Gettobewohnern, die erhalten sind, so: „… der Mann ist ein Monstrum. – Seine einzige Großtat bisher: in Rekordzeit sein eigenes Volk zu verschleudern und all dessen habseligkeiten zu stehlen oder zu veruntreuen. Dennoch sieht eine Viertelmillion Menschen zu ihm auf wie zu einem Gott!…“ (Vera Schulz, 11.12.1941)
Was bisher in der Beschreibung relativ geordnet klingt, sah in der Realität natürlich ganz anders aus. Da das Getto sich nicht selbst versorgen konnte, war es von den Nahrungsmitteln abhängig, die ihm von den Besatzern, die die Tötung der Bewohner als endgültiges Ziel vor Augen hatten, zur Verfügung stellten. Faulender, verdorbener, verschimmelter Abfall in völlig unzureichender Menge: Mangel- und Unterernährung waren die Folge, viele Menschen verhungerten. Auch hier die Herrschaft des Hungerengels [10], des Hungerwolfs, des Hungersogs, dieses unbeschreibbaren Gefühls, das die Menschen in eine Zwischenzone zwischen Wahn und Wirklichkeit entführt, sie schwindeln und stürzen läßt, sie körperlich und seelisch immer weiter reduziet, bis sie zu allem bereit und zu nichts mehr fähig sind (und doch gibt es auch in diesem Zustand noch Beispiele von Selbstlosigkeit und der Bereitschaft, das Nichts, das man irgendwo ausgegraben hat und das einen vllt noch einen Tag am Leben halten kann zu teilen…..)
Es gab kein Brennholz, alles was brennbar war, musste in den strengen Wintern verheizt werden: Möbel, Bretter, Zäune…. der Frost war dadurch nicht zu besiegen. Es gab einige wenige Ärzte im Getto, auch ein Krankenhaus, aber von wirklicher ärztlicher/medizinischer Versorgung kann nur ein Zyniker sprechen. Radios, Zeitungen: alles verboten. Die Bevölkerung einer Großstadt auf dem Gebiet eines Stadteils, Menschen jeden Alters unter fürchterlichem Druck. Natürlich blühen in so einer „Gesellschaft“ Korruption, Bestechung und Vetternwirtschaft, untereinander, aber auch mit deutschen Besatzern. Dies ging zum Teil soweit, daß die deutsche Gettoverwaltung gegenüber ihren eigenen massgeblichen Stellen auf die schlechte Versorgungslage im Getto hinwies, keineswegs aus humanitären Gründen, sondern um die eigenen Pfründe bedacht: „…Niemand kann die Behauptung aufstellen, daß die Ghettobewohner von den ihnen zugewiesenen Lebensmitteln auf Dauer arbeitsfähig bleiben…. Den klarsten Beweis für die Ernährungslage legen die rapide ansteigenden Sterbeziffern ab.“ [7a] bzw. „… ist die Ernährung der Juden in der jetzigen Form nicht mehr zu verantworten, weil andernfalls ein Absinken der Leistung zum Schaden der Wehrmacht eintreten würde. In den Werkstätten und Fabriken… brechen bereits die Arbeiter … an ihren Werkplätzen zusammen.“ [7b]
Im Getto etablierte sich bald eine Hierarchie von Leitungsfunktionen über untergeordnete Funktionsträger bis hin zur breiten Masse. Der Älteste mit seinem unmittelbaren Gefolge und seiner Familie hatte in einem weniger dicht bewohnten Teil des Gettos „Sommerhäuser“, in denen sie dem Gedränge entkommen konnten, das Essen war besser, auch die medizinische Versorgung. Ihm stehen eine Kutsche zu und Leibwächter. Es kam schließlich sogar soweit, daß junge Frauen gezwungen wurden, sich für Funktionsträger zu prostituieren. Die wirkliche Währung, die im Getto zählte, waren nicht die Lagerwährung, die Rumskis, sondern Essensmarken und Arbeitsbescheinigungen. Wenn man die hatte, genoss man einen gewissen Schutz und relative Sicherheit. Selbstverständlich boomte der Schwarzmarkt, es wurde alles verkauft oder getauscht, was beweglich war. Irgendjemand im Getto konnte auch das augenscheinlich nutzloseste für irgendetwas verwenden.
Sem-Sandbergs Buch wird als Roman bezeichnet, er hat aber auch dokumentarischen Charakter. Ich habe ein Problem damit, zu erkennen, was Fakten sind und wo die Grenze zur Fiktion, zum romanhaften ist. Rumkowski z.B. ist kinderlos, mit seiner jungen Frau, die er im Getto geheiratet hat, adoptiert er einen Sohn. Diesem ist er nicht nur in väterlich oder platonischer Liebe verbunden (diese pädophile Neigung hindert ihn aber auch nicht, seine Finger unter den Rock einer jungen Frau zu gleiten zu lassen…). Inwieweit ist aber jetzt z.B. eine Szene wie die, in der seine Frau heimlich beobachtet, wie eine (Prügel)Strafaktion, die er seinem Sohn verabreicht übergeht in eine Masturbation, die er sich von seinem Sohn geben läßt, schriftstellerische Freiheit oder belegt?
Es wird in der Beschreibung des Łódźscher Gettos deutlich, daß selbst unter so extremen Bedingungen ein so großer „Organismus“ nicht völlig unter Kontrolle zu bringen ist. So gab es trotz strengster Verbote viele geheime Radioempfänger in der Stadt, auf denen Front-/Kriegsnachrichten abgehört wurden, die dann in einer „geheimen“ Abteilung des Archivs (dessen Aufzeichnungen „Gettoarchiv“ mittlerweile veröffentlich sind) klandestin dokumentiert wurden. Diese Nachrichten hielten spätestens nach Stalingrad die Hoffnung im Getto am Leben, es war ein makabrer Wettlauf zwischen dem eigenen Tod durch Verhungern oder Deportieren und dem Auftauchen der Siegermächte über Hitlers Truppen.
Rumkowski und Biebow (der Chef der zivilen deutschen Lageradministration) waren beide, aus verschiedenen Motiven, am Überleben des Gettos interessiert. Beide haben wohl nicht erkannt, daß sie nur Figuren auf einem Schachbrett waren, die ganz woanders bewegt wurden mit ganz anderen Zielen. Am 30. August 1944 wird Rumkowski mit dem letzten Transport nach Ausschwitz gebracht und dort wohl noch am selben Tag ermordet. Das Getto ist mit diesem Transport aufgelöst.
Anmkerungen und Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Chronik_des_Gettos_Lodz/Litzmannstadt
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Chaim_Rumkowski
[4] Aussage von Wisliceny (SS-Hauptsturmführer und von 1940 bis 1944 „Beauftragter für jüdische Angelegenheiten“ für die Slowakei, Ungarn und Griechenland) bei den Nürnberger Prozessen, zitiert nach: Joe J Heydecker und Johannes Leb: Der Nürnberger Prozess, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1984S. 412
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Madagaskarplan
[6] diese Gewaltausübung im Dienst der Besatzer über die eigenen Leute mag auf den ersten Blick widersprüchlich sein. Es scheint aber so zu sein, daß sich, wenn man eine homogene Gruppe teilt und einem Teil Machtbefugnisse über den anderen zuweist, eine solch hierarchische Herrschaftsstruktur herausbildet. Als Beispiel gibt dieser Film eine sehr eindrucksvolle Visualisierung dieses Phänomens: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Experiment_(Film)
[7] – a: Der Leiter der Ghettoverwaltung, Biebow am 4.3.42 an die Gestapo Litzmannstadt
- b: derselbe am 19.4.43 an den Oberbürgermeister von Litzmannstadt zitiert nach: Gerhard Schoenberger: Der gelbe Stern: Judenverfolgung in Europa, Fischer TB, 1982, S. 79
[8] in den Nürnberger Prozessen wurde die Zahl von 30 Millionen Juden und Slawen genannt, um die man die Bevölkerung in den eroberten Gebieten reduzieren wollte [nach Leyendecker/Leb [4]]
[9] entfällt
[10] … die schon Herta Müller so ausführlich und intensiv in ihrer Atemschaukel beschrieben hat…
[11] der „Platz“, der durch diese Umsiedlungen im Getto entstand, wurde umgehend – und mehr als das – durch die Einquartierung von Juden aus anderen Staaten eingenommen, wie dies z.B. dem Roman Sarahs Schlüssel zugrunde liegt
Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź
aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
Klett-Cotta, HC, 2011, 649 S.
Originalausgabe: Stockholm, 2009
Irene Dische: Großmutter packt aus
Oktober 14, 2011

Knapp hundert Jahre Familiengeschichte, drei Generationen also, sind es, die Irene Dische ihre Großmutter erzählen läßt, denn „..Wer über sein eigenes Leben schreiben will, verstrickt sich bekanntlich leicht in ein Lügenknäuel.“. Diese Geschichte wird in einem kurzweiligen, unterhaltsamen Ton dargelegt, der nicht so sehr auf literarische Finessen Wert legt, als vielmehr auf Lesbarkeit und Anschaulichkeit.
So setzt die Geschichte im 1. Weltkrieg ein. In einem Lazarett lernt die Krankenschwester Elisabeth Gierlich den nachmaligen „Ehrenarier“ Carl Rother kennen und lieben. Elisabeth stammt aus mittelrheinischem, gutem, katholischem Haus (etwas überspitzt könnte ich behaupten, das Städtchen, ihr Städtchen von hier (meinem Schreibtisch) aus sehen zu können, reckte ich mich nur ein wenig in die Höhe…), Generationen zuvor schien mal wohl sogar niederen Adel verkörpert zu haben, aber tiefer als ins Bürgertum sind sie nie gesunken, dank der Frauen, die dafür sorgten, daß die Männer keine Fisimatenten machten. Man sieht, der Erhalt der Familie ist in dieser Sippschaft die Sache der Frau, diese haben dafür zu sorgen, daß die Männer „… nicht aus der Reihe tanzen, auch nicht aus der Ahnenreihe.„. Die Verbindung mit Carl ist – an diesen Massstäben gemessen – eine regelrechte Bruchlandung.
Carl verläßt aus Liebe seinen jüdischen Glauben und tritt über zum Katholizismus. Der Rest seiner Familie (der nicht klein ist) eifert ihm natürlich nicht nach uns so lebt das jetzt rein katholische Ehepaar nach seinem Umzug ins Schlesische in Harmonie mit der jüdischen Familie des Hausherrn.
Carl ist ein guter Arzt mit Praxis und Professur, der Stolz auf das neue Röntgengerät und die Tatsache, daß er die Röntgenplatte immer so hält, daß sein Daumen mit abgebildet ist, kostet ihn eine eigene große Familie, denn der Krebs nistet sich im Daumen ein, wandert durch den Körper und erklärt (zumindest teilweise) den ersten fulminanten Satz des Romans:
„Daß meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor
allem mit Carls geringer Spermiendichte zusammen.“
So wird und bleibt Renate Maria das einzige Kind des Paars [1] und zusammen mit Liesel, der Haushälterin, hätten sie ein glückliches Leben, aber… „Sie haben ein Gesetz erlassen.“ … das die Ehe der Elisabeth mit Carl verbot. Die Scheidung wurde ihr angeraten, aber nein, die Scheidung für ein katholisches Ehepaar, undenkbar, eine Todsünde. Den Zeiten gemäßt wird es schwierig für die Rothers, private Freunde wenden sich ab, verraten sie, bald dürfen Arier nicht mehr für Juden arbeiten, also müssen sie Liesel wegschicken, die Verwandschaft Carls verschwindet über Nacht in Lagern. Einige der Männer werden aus dem Arbeitslager wieder entlassen, sie zumindest – in der gleichen Nacht noch – sterben zu Hause. Kaum, daß Elisabeth den zögerlichen Carl zur Flucht drängen kann, erst als schon zwei SS-Männer vor der Tür Wache halten, flieht er mit zwei Koffern in der Hand durch die Hintertür und den Garten zum Bahnhof und es gelingt ihm über Frankreich in die USA zu gelangen.
Die Zeiten werden für Elisabeth und Renate nicht einfacher. Letztere wird auf Schulen weit entfernt geschickt, in denen ihre Herkunft unbekannt ist, leider verplappert sich das lebhafte, intelligente, nicht immer vorsichtige, eigenwillige Mädchen immer wieder. Die Verhöre durch die Gestapo werden Alltag für Elisabeth, keine Scheidung vom jüdischen Ehepartner und dann noch einen Ausreiseantrag bringen eine Menge Verdruss.
.. und doch: sie kommen nach Amerika, Elisabeth, Renate und schließlich sogar Liesel. Carl hat gewissen Eingewöhnungsschwierigkeiten, aber auch er schafft es, eröffnet eine Praxis und wird zum „katholischen Doktor“. Die Liasion mit Margie (wenn es denn eine ist) schafft Unruhe, bleibt aber marginal. Renate studiert und wird Pathologin, sie lernt den viel älteren Dische [2] kennen, der in der Beschreibung des Buches so ganz anders ist als in der des Links. Dische ist kein unmittelbarer Sympathieträger, er bleibt in der Familie immer ein Aussenseiter. Kinder kommen, für Elisabeth die Enkel: das zarte, zurückhaltende Carlchen und die forsche, eigenwillige, schwierige Irene. Dische hat an den Kindern kein Interesse, er ist geizig und was die Ehe zusammenhält, ist kaum auszumachen. Schließlich trennen sich die Disches.
Carl und Elisabeth schaffen es. Sie erwerben einen gewissen Wohlstand, ein Auto, ein Häuschen…. Liesel lebt mit ihnen zusammen und führt den Haushalt. Dann kehrt eines Tages der Krebs bei Carl wieder zurück…. Zur Erziehung der Kinder wird Friedel engagiert, eine Nichte Liesel. Doch diese Erziehung ist wie aus dem Folterkeller: Schläge, Strenge und Strafen sind das einzige Repertoire. Als Carlchen beim Schwimmenlernen fast ertrinkt, schmeisst Liesel Friedel raus.
Die Erziehungsmethoden Renates sind andererseits auch erwähnenswert. In der Schule gibt es die monatliche Stunde „show and tell“, in der Kinder etwas mitbringen sollen und darüber erzählen. Irene bringt drei Gläser mit in Formaldehyd eingelegten Föten unterschiedlicher Entwicklungsstadien mit… Die Stunde fällt diesmal aus…
… überhaupt Irene, die Autorin. Der letzte Teil des Buches konzentriert sich auf dieses eigenwillige Kind, das keine Dankbarkeit kennt, das nur zu nehmen gewohnt ist und nicht zu geben. Sie trampt durch die Welt, nach Asien und Afrika, arbeitet dort bei Leakey, studiert in Harvard…
Hier ist im Buch ein gewisser Bruch zu spüren. Der Irene-Teil ist autobiographisch aus eigenem Erleben, er wird recht ausführlich dargelegt mit all seinen Irrungen und Wirrungen, man gewinnt auch nicht den Eindruck, daß sie sich günstiger darstellen will, als sie seinerzeit war. Bis zu diesen Abenteuern konnte Dische das Erzählte „nur“ aus zweiter Hand rekonstruieren, aus Erzählungen, schriftlichen Aufzeichnungen schöpfen. So wirkt das selbst Erlebte ausführlicher, manchmal ausgewalzter, durchaus unterhaltsam zu lesen (man weiß ja, daß es gut ausgehen wird, egal, wie arg es aussieht…), aber etwas straffer gefasst, hätte es diesen Bruch zu den vorangegangenen Abschnitten nicht so gegeben.
Endlich, nachdem über Jahrzehnte hinweg jeder Tag der potentielle Sterbetag von Elisabeth gewesen ist, kommt er tatsächlich, im stolzen Alter von 96 Jahren, in gewisser Weise wird sie vom H. Geist persönlich geholt….. Und im Himmel trifft die Katholikin alle wieder, die sie auf Erden kannte, ihren Bruder Otto, einst strammer Nazi genauso wie Liesel, der moralische Rückhalt der Familie. Sie freut sich auf Renate, ihre Tochter, deren Tod wir auch noch miterleben.. und auf Erden führt Irene ihr Leben, einen Wimpernschlag lang noch, und dann wird auch sie bei ihnen sein.
So ist das Buch mit dem (meiner Meinung nach ziemlich dämlichen) Titel „Großmama packt aus“ eine opulente Geschichte einer Familie, die durch die Vernichtungsorgie des 3. Reiches auf wenige Personen reduziert worden ist. Wenn es ein durchgehendes Motiv in dieser Familie gibt, ist es die Stärke der Frauen, auch deren Eigenwilligkeit und Extravaganz, die die Familie durch alle Schwierigkeiten bringen. Am intensivsten ist naturgemäß der erste Teil des Buches mit dem Leben unter der Bedrohung des Nazi-Regimes, nach der Flucht in die USA entwickelt sich das Leben dort vielleicht nicht immer so wie geplant, jedoch wie zu erwarten ohne große Überraschungen immer weiter zum Besseren.
Facit: Eine sehr kurzweilige, unterhaltsame Familiengeschichte über drei Generationen starker Frauen
Anmerkungen und Links:
[1] im Buch wird die Tochter durchgängig als Renate benannt, interessanterweise in der Würdigung ihres späteren Mannes jedoch Maria [2]
[2] Zum Leben von Zacharias Dische
Lena Gorelik: Lieber Mischa: … Du bist ein Jude.
Oktober 10, 2011

Lena Gorelik ist eine in der UdSSR geborene Jüdin. 1992 kam sie nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und der UdSSR mit ihrer Familie als sogenannte Kontingentflüchtlingin [ich weiß, aber schließlich ist sie weiblich, da sollte das Substantive das wiederspiegeln..... / siehe dazu diese Mitteilung des Bundespresseamtes] nach Deutschland. Judentum war in der UdSSR nicht als Religion, sondern als Nationalität angesehen und stand daher im Pass. Da Juden auch in der UdSSR nicht allzu beliebt waren, war dieses Faktum nicht immer förderlich.
Zum zweiten führte es dazu, daß es in der UdSSR in den meisten Familien sowie auch bei Goreliks kein gelebtes Judentum gab, man war zwar jüdisch, aber mal lebte ein ganz normales, angepasstes Alltagsleben, ohne die mannigfachen jüdischen Gesetze, die den Tag so wie das gesamte Leben normalerweise strikt durchstrukturieren. Irgendwann kurz vor der Ausreise wurde dann in aller Heimlichkeit das erste jüdische Familienfest begangen, man orientierte sich an Gehörtem, Erinnertem und Allgemeinem.
Durch dieses erst späte Hinkommen zum jüdischen Leben hat die Autorin sich die Fähigkeit erhalten, von aussen auf sich (und ihre Familie und Bekannten und all die anderen) zu schauen, das vllt etwas eigenartig wirkende, aber auch liebenswerte des Judentums zu erkennen.
„Lieber Mischa….“ ist ein Monolog der Mutter an ihren Sohn (der, wie aus dem Gesamttitel ersichtlich, nur knapp dem Namen Adolf entging..), in dem diese ihm ihre Sicht des Judentums und der jüdischen Eigenarten beschreibt. Schon in diesem Titel wird ein sich durch das gesamte Buch ziehender Aspekt deutlich, die Zerrissenheit der Autorin, denn natürlich tut es ihr nicht leid, daß sie, und ihr Sohn Juden sind, aber sie ist sich auch der Besonderheiten bewusst, die das bedeutet.
„Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Mein aufgeklärtes, weltoffenes Herz ist das laute. Bumm, bumm, bumm macht es in regelmäßigen Schlägen, laut, selbstbewusst, deutlich. Das andere ist das jüdische Herz. Es ist leiser, unregelmäßiger. Es macht: aber, aber, aber. Und manchmal: Oj vej.“
Oj vej, oj vej.. wenn Mischa zum Beispiel – später mal – eine Maria mit nach Hause bringen wird, mit der er – unverheiratet! oj vej oj vej – zusammenziehen will… Hier (und an anderen Stellen) geraten Weltoffenheit und jahrtausende alte Traditionen und Gebote aneinander, schmerzt das jüdische Herz, das sagt, aber es wäre doch nett, wenn du …. Andererseits… selbst Moses hat eine Nichtjüdin geheiratet…
Gorelik scheut sich nicht, jedes gängige (und manches vllt auch nicht so gängige) Vorurteil über Juden aufzunehmen. Ihre eigene krumme, sonderbare Nase zum Beispiel, die man einfach nicht leugnen kann, an der aber auch nichts schlimmes ist, harmoniert sie doch mit den abstehenden Elephantenohren… den angeblichen Reichtum der Juden, die ja alle kleine Rothschilds sind, die Weltverschwörung sowieso und die Hinterlist, die Streitsucht, das laute Reden .. und … und… mit viel Witz, (Selbst)Ironie und hohem Unterhaltungswert führt sie diese Vorurteile ad absurdem, zeigt, wo sie herkommen und wie sie auf die Urheber selbst zurückfallen. Sie nimmt in ihren Betrachtungen die eigenen Leute nicht aus.
Zwei Gruppen von Menschen ärgerns sie besonders: die Philosemiten und in der Extremform die Konvertierten, die zwar die Gesetze des Judentums gelernt haben und zitieren können, die aber nie jüdisch werden können, da die Gesetze die Form sind, jüdisch sein aber der Inhalt, den man nicht lernen kann, sondern den man haben muss. Insbesondere zum jüdischen Humor kann man nicht übertreten: „1939 fahren in NY zwei Juden in der U-Bahn. Liest einer den „Stürmer“, der andere den „Aufbau„, eine jüdische Zeitung. Letzterer wird immer nervöser und fragt schließlich seinen Gegenüber, warum er denn dieses Nazi-Hetzblatt lese und bekommt zur Antwort: „Schauen Sie mal, in ihrer Zeitschrift werden Bücher verbrannt, Synagogen geschändet und unsere Leute getötet. Aber in diesem Blatt hier ist noch alles in Ordnung! Wir haben das Geld, wir haben die Macht und wir beherrschen die Welt!“
Neben der erwähnten Zerrissenheit ist spürbar, daß Gorelik einfach nur die Normalität wünscht. Schon die Scheu der anderen, zu sagen (und zu schreiben), sie ist Jüdin anstelle, sie sei jüdisch, jüdischen Glaubens u.ä. ist für sie ein Zeichen für die Unnormalität der Verhältnisse (eine Bemerkung, die ich auch schon bei anderen Autoren (die mir jetzt nicht einfallen…) gefunden habe. Andererseits wird im normalen Sprachgebrauch auch niemand als Kathole oder Evangele bezeichnet, hier werden selbstverständlich die Adjektive verwendet). Gorelik (und ich denke, sie spricht für viele der jüngeren Juden) möchte nicht geliebt werden, weil sie Jüdin ist, sie möchte nicht gehasst werden, weil sie Jüdin ist. Wenn schon eins von beiden, dann, weil sie ein Mensch ist mit bestimmten Eigenschaften…
Aber was ist normal, was ist Normalität zwischen Menschen, die aus Völkern stammen, von denen eins vor einigem Jahrzehnten versucht hat, das andere vom Erdboden zu vertilgen? Ich denke, man muss einfach auch anerkennen, daß es in vielen Situationen auch Befangenheiten gibt, man ist unsicher, wie der andere reagiert, weiß nicht, wo Grenzen des Verhalten sind, die man respektieren sollte. Auf deutscher Seite ist oft ein Erstaunen spürbar, wenn Israelis, also Juden, Deutschland mittlerweile ohne diesen „Ihr-seid-die-Täter“-Malus sehen: „..Sogar Israelis wollen in Berlin wohnen.“ beschreibt die ZEIT den Trend von Menschen aus ganz Europa, nach Berlin zu kommen. Ich denke und hoffe, das wird sich in den nächsten Jahren noch fortsetzen, daß jüdisch sein nichts anderes ist als katholisch sein als evangelisch sein als muslimisch sein….
Auch das gelebte Judentum unterliegt für Gorelik einem Wandel. Synagogen scheinen ihr immer ungeeigneter, Jüdischkeit auszuleben. Für sie heißt jüdisch sein: im Leben sein: Andere Juden treffen, jüdischen Gesang im Gottesdienst hören, essen, reden, jüdsche Witze hören und sich jüdisch fühlen… Goreliks Synagoge befindet sich in ihrem Kopf ebenso wie im Englischen Garten (sie lebt in München) und sie ist davon überzeugt, daß es ihrem G“tt dort genauso gefällt wir ihr….
Israel, das Gelobte Land, das Scheinheilige Land…. Gorelik gibt einen Crashkurs zum israelischen Leben, wo sie nur eine Jüdin unter vielen ist, wo sie normal ist, wo niemand ihre Nase anschaut oder ihre Haare … hier kann sie laut reden und bekommt zu hören, sie sei nicht zu verstehen, weil sie zu leise sei, hier kann sie nach Herzenlust streiten, weil den Juden das Streitgespräch im Blut liegt, hier ist sie von der Normalität, die sie sich auch für ihre deutsche Heimat wünscht.
Facit: ein sehr kurzweilige Buch voller Witz, Humor und kluger Gedanken…. (habe ich überhaupt erwähnt, daß der Hund der Goreliks „Rabbi“ heißt?)
Lena Gorelik
Lieber Mischa, … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
Graf Verlag, 2011, HC, 192 S.
zum Schluss noch einen Absacker:
Kommt ein evangelischer Pfarrer in den Himmel. Petrus übergibt ihm, weil er sein Lebtag das Evangelium unseres Herrn aufopferungsvoll verkündet hat, einen VW Käfer. Er freut sich und fährt auf der Milchstraße spazieren. Plötzlich überholt ihn ein Mercedes, den ein katholischer Priester lenkt. Konsterniert kehrt er sofort um und fragt Petrus, wieso der katholische Pfarrer einen so viel teueren Wagen hat. Petrus weist ihn darauf hin, daß sein Kollege nicht heiraten durfte und die himmlische Gerechtigkeit das eben ausgleiche. Er sieht das ein und fährt weiter. Kurz danach sieht er zu seiner Verblüffung, wie in einem chromglitzernden amerikanischen Straßenkreuzer mit offenem Verdeck ein Rabbiner mit wehendem Bart an ihm vorbeizischt. Voll Entrüstung spricht er Petrus darauf an, da der jüdische Geistliche doch auch heiraten durfte, doch dieser erwidert nur: „Da kann ich nichts machen, das ist Verwandtschaft vom Chef!“
(gefunden bei Nadine)
Ian McEwan: Am Strand
Oktober 6, 2011
England, 1962. Edward und Florence sind seit heute frisch verheiratet, ihre Flitterwochen beginnen mit einem (englischen) Mahl in einem Hotel am Strand…. Sie sind nicht wirklich hungrig, dazu war das Hochzeitsessen zu üppig, doch gefangen in Ängsten und Unsicherheiten, deswegen wagt er es nicht, seine geliebte Flo bei der Hand zu nehmen und ins Zimmer zu führen. Und Flo selbst? Ihr Zögern hat nichts mit fehlendem Wagemut zu tun, sondern mit der Angst vor dem Unvermeidlichen….
So fängt die Ehe der beiden – das dürfen wir voraussetzen – sich liebenden holprig an, in einer Konstellation, die heutzutage wahrscheinlich eher selten ist, damals jedoch, noch vor der sexuellen Revolution (die Pille war erst zwei Jahre vorher in den USA auf den Markt gekommen und in Europa eher noch ein Gerücht): beide unerfahren, mit Ängsten und Unsicherheiten überladen, zu einer ehrlichen Aussprache über ihre Probleme nicht in der Lage.
McEwan schildert uns in groben Strichen das Leben der beiden jungen Menschen. Edwards Kindheit und Jugend ist geprägt von der Hirnverletzung seiner Mutter, die sie bei einem Unfall erlitten hat. Der Vater und die drei Kinder sind nicht in der Lage, den Haushalt halbwegs in den Griff zu bekommen, Majorie, die Mutter, irrlichtert in ihrer Krankheit durchs Haus und für sie halten die anderen eine Scheinwelt aufrecht: daß sie nämlich, die Mutter, den Haushalt bewältigt, die Kinder erzieht und die Familie bekocht. Nichts von alldem stimmt, aber unabgesprochen halten sich alle an diese Validation.
Edward geht dann zum Studium der Geschichte nach London, dort lebt er auf, fühlt die Enge, in der er zu Hause lebte. Er lernt andere Menschen kennen und merkt, daß seine sozialen Verhaltensweisen nicht immer und überall akzeptabel sind: ab und zu lässt er seinen Aggressionen in Kneipenschlägereien freien Lauf. Politisch engagiert er sich am Rande bei Anti-Atombomben-Aktionen, bei einer solchen lernt er auch Florence kennen.
Diese stammt aus einem gutsituierten Elternhaus, die Mutter ist Professorin, der Vater Unternehmer. Als Kind und Jugendliche hängt sich jedoch mehr am Vater, mütterliche Zuneigung, Körperberührungen gar, lernt sie nicht kennen. Sie ist schüchtern, unsicher, sich selbst und ihrem Körper gegenüber immer fremd geblieben. Nur als Musikerin entwickelt sie ihr Selbstbewusstsein; erst als Studentin im Mädchenwohnheim erfährt sie Umarmungen und Berührungen in ihrer Mädelsclique. Aber auch das Verhältnis zum Vater kühlt ab und geht auf Abstand, im Gegensatz zur Beziehung zwischen Ruth, ihrer jüngeren Schwester und dem Vater.
Edwards Probleme in der Hochzeitsnacht sind die, die viele junge Männer vor dem „ersten mal“ haben dürften (egal, wie weit sie den Mund vorher aufreissen….): er weiß einfach nicht, was er machen soll, was richtig und was falsch ist, welches Verhalten akzeptabel ist. Bisher hat er seine sexuellen Spannungen per Handbetrieb abgebaut, jetzt, vor der Hochzeitsnacht hat er eine Woche lang „keusch“ gelebt, sich für Florence aufgespart. Nichts also, was mann und frau nicht in den Griff bekommen sollten.
Bei Florence dagegen rebelliert etwas sehr tief in ihr Verborgenes gegen das Unvermeidliche der Hochzeitsnacht, schiere Angst und Panik erfassen sie. Bis heute hat sie ihren Edward auf Abstand halten können, ihm z.B klarmachen können, daß sie zwei Zungen in einem Mund für sie eine zuviel sind… einmal überwand sie sich, seinen Wunsch zu erfüllen und ihre Hand zwischen seine (behosten) Beine zu legen. Ein paar Sekunden, dann, als sie das erwachende Leben dort spürte, zog sie sie angewidert wieder weg.
McEwan erzählt uns nicht, ob etwas und wenn, was mit Florence in ihrer Kindheit passiert ist. Andeutungen nur, eine Erinnerung etwa von ihr irgendwann in dieser heutigen Nacht… sie sieht sich als zwölfjährige nackt in der Koje des väterlichen Segelboots (sie hat des öfteren Touren mit dem Vater gemacht) liegen, der Vater in der Ecke zieht sich – so wie heute Edward – aus… ob die Übelkeit, an die sich Florence erinnert, auf das Schaukeln des Bootes zurückzuführen ist oder auf etwas anderes… McEwan verrät es uns nicht, läßt es unausgesprochen im Unklaren….
Zurück zur Hochzeitsnacht… Flo nimmt ihren Edward bei der Hand und zieht ihn ins Zimmer. Das Unvermeidliche endlich hinter sich bringen, ihm endlich den Wunsch, der ihm in den Augen geschrieben steht, erfüllen. Sie wird es schaffen, für ihn wird sie es schaffen, ihre Angst und ihren Ekel zu überwinden. Tragischerweise deutet Edward alles, was Flo macht, miss: spürt er, daß sie zittert, ist es für ihn ein Zeichen der Begierde, stößt sie ob seiner Hand an ihrem Schenkel einen spitzen Schreckenslaut aus klingt dieser für ihn nach einem erregenden Schauer, der seine Flo durchlief. Ihr angewidertes Stöhnen muntert ihn auf, deutet er es doch als Zeichen ihrer Lust…. Der Reissverschluss des Kleides klemmt, das auch noch. Überhaupt, wie Florence, wie sich ausziehen, ohne den (vermeintlichen) Zauber des Augenblicks dadurch zu zerstören. Er weiß um die Empfindlichkeit seiner Frau….
Ein einziger Moment bei all diesen Bemühungen ist für die Frau frei von Schrecken: bei seiner Erkundung des sich unter dem Kleid befindlichen Terrains berührt Edward mit der Daumenspitze ein Schamhaar, ganz leicht streift er es und löst damit eine Erregung bei Florence aus, die sie als Wärme, eine sich durch den ganzen Körper fortpfanzende angenehme Welle empfindet und die ihr jetzt Mut gibt, Zuversicht. Schließlich und endlich ist er über ihr, sie versucht – so wie sie sich angelesen hat – ihm zu helfen und löst damit etwas allzu männliches aus, was sich aber hier und jetzt, zwischen Edward und Florence, zur Katastrophe ausweitet: besudelt, voller Ekel und Widerwillen läuft Florence davon und läßt Edward im Zimmer zurück.
Unfähig, sich auszusprechen, sich dem anderen zu öffnen werfen sie sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf, schließlich macht Florence Edward ein unmoralisches Angebot, das diesen nur noch mehr entrüstet. So kommt es zur Trennung noch in der Hochzeitsnacht.
Es ist tragisch. Ein Wort nur, ein „Ich liebe dich!“, ein „Bleib hier!“ oder „Geh nicht weg!“, das er Florence damals hätte nachrufen müssen, und beider Leben wäre anders verlaufen, ein Wort nur….
Zum Abschluss dieses kleinen Romans skizziert McEwan das weitere Leben Edwards. Es ist nicht unglücklich zu nennen, er hat seinen Spaß, er macht Geschäfte, Unternehmungen, hat (genügend) Erfolg damit, um gut zu leben. Die Pläne freilich, die er als junger Mann hatte: nichts davon verwirklicht er. Überhaupt, planlos verläuft sein Leben, er ergreift Gelegenheiten, wie sich sich bieten, lebt in den Tag hinein. Manchmal denkt er an Florence (die als Musikerin bekannt wird), er trifft sie aber nie wieder, da er sie so in Erinnerung behalten will, wie sie damals war. Er weiß es, keine der vielen Frauen, mit denen er zusammen war, hat er so geliebt wie sie.
Dieser letzte Abschnitt hat ich sehr an den Leo Kaplan von de Winter erinnert, den ich vor ein paar Tagen gelesen hatte. Hie wie dort zwei Paare, die sich zwar lieben, die aber bei der ersten Bewährungsprobe ihrer Liebe sprachlos bleiben und die Flucht ergreifen. In beiden Fällen erkennen sie vor Unsicherheit, Ichbezogenheit und gekränktem Ego nicht, daß sie an einer Schaltstelle des Lebens stehen und sich dieser Herausforderung stellen müssten. Stattdessen wählen sie den erst einmal leichteren Weg, das Auseinandergehen. Hier wie dort auch, daß die Lebensplanung vor allem der Männer auseinanderfällt. Es ist kein Scheitern beider Leben, beide Männern haben durchaus ihre Erfolgserlebnisse und sogar Erfolge, aber trotzdem ist ihr Leben unstetig, es hat keine innere Ruhe, es reagiert von Tag zu Tag neu und anders. Die Leere im Herzen, in der Seele läßt Leo Kaplan und auch Edward zu Suchenden werden, die nicht finden können, weil sie das, was ihnen fehlt, vor langer Zeit verloren haben.
Was de Winter in einem umfangreichen, opulenten Roman beschrieben hat, geschieht bei McEwan in einen dünnen Werk, das man in zwei, drei Stunden gelesen haben kann. de Winter erfreut uns mit einem bunten Gemälde, farbenfroh und ausladen, während McEwan sich auf eine Skizze beschränkt, mit wenigen Strichen, die aber gut gesetzt sind und aufs Wesentliche zielend. Die Schwerpunkte liegen anders, de Winter führt besonders die Folgen der unbedachten, im Zentrum stehenden Handlung für die beiden Menschen aus, McEwan konzentriert sich auf die Zwangsläufigkeit, mit der die beiden Protagonisten auf ihr Unglück zusteuern und gibt damit auch gleichzeitig einen Blick frei auf eine verklemmte, prüde Gesellschaft, die bald darauf von einer revoltierenden Jugend überrollt werden sollte.
Facit: Ein kleiner, aber feiner Roman über eine sprachlose Beziehung, die von Anfang an auf eine persönliche Katastrophe hinauslief.
Ian McEwan
Am Strand
übersetzt von Bernhard Robben
Diogenes, 2007
Erstveröffentlichung:
Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen
Oktober 2, 2011

„…. aber Antworten sind niemals wichtiger als die Fragen.“
Das Buch mit der Geschichte des Kalligraphen Hamid Farsi und seine Frau Nura ist der erste Roman, den ich von dem aus Syrien stammenden deutschen Schriftsteller Rafik Schami lese. Und es hat mich nicht enttäuscht, es entspricht dem, was ich mir unter einer orientalischen Geschichte vorstelle: ein farbenprächtiges, lebhaftes, anschauliches, ausschweifendes Bild von Land und Leuten. Genau dies habe ich hier im „Kalligraphen“ gefunden, denn die eigentliche Geschichte, die Schami erzählt, ist so alt wie die Welt… na ja, fast…: eine Frau ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt (vice versa), trifft einen anderen Mann, in den sie sich verliebt und flieht zusammen mit ihrem Geliebten, da sie das Leben an der Seite des ungeliebten, ja, verhassten Mannes nicht mehr aushält. Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie noch heute…
Neben dem unglücklichen Paar Hamid Farsi und Nura stehen noch zwei weitere Personen im Mittelpunkt des Romans: natürlich der Liebhaber von Nura und Nassri Abbani, ein reicher, geiler Gockel aus einer der alten, mächtigen Sippen, die in Damaskus den Ton angeben. Schami erzählt uns die Lebensgeschichte dieser Menschen, schildert die häuslichen Verhältnisse, in denen sie leben und in denen sie sich eingerichtet haben oder aus denen sie zu entkommen trachten. Dabei erhält der Leser einen tiefen Einblick in die sozialen Umstände in Damaskus in die 50er Jahren. Es ist eine buntgemischte Gesellschaft von natürlich Muslimen, aber es gibt auch viele Christen, die ihre Kultur leben können mit Schulen und Kirchen (obschon sie mehr geduldet als geachtet sind) und Juden. Nur sehr wenige Frauen schaffen es, selbstständig zu werden und einem Beruf nachzugehen, es ist eine Gesellschaft, in der die Braut in der Hochzeitsnacht noch so lange geschlagen werden kann, bis sie ihrem angetrauten Mann anbetet, daß er ihr Herr sei und er alles von ihr verlangen kann. Die Ehen werden arrangiert, oft lernen sich die Brautleute erst bei der Hochzeit kennen. Gesellschaftlicher Status, Finanzkraft und Beziehungen: das sind die Kritierien, nach denen die Ehen von den Sippen geschlossen werden. Reicht das Geld – wie bei Nassri Abbani- gibt es Bordelle und Edelprostituierte, in denen mann sich vergnügen kann. Frauen sind solche Freiheiten natürlich verwehrt, ihr kann es der Mann einfach verbieten überhaupt Besuch (von männlichem Besuch, und seien es Verwandte, ganz zu schweigen) in seiner Abwesenheit zu empfangen. Einen großen Freiraum gibt es für Frauen, das Hamam. Beim wöchentlichen Badgang gibt es reichlich Gelegenheit, in der Gesellschaft anderer Frauen ausgelassen über die Männer und die Welt herzuziehen. Mit dem Verlassen des Hamam empfängt sie dann wieder die triste Realität.
Schamis Kosmos besteht aus einer Unzahl von Menschen, leicht verliert man (auch der Ähnlichkeit der Namen wegen) ein wenig den Überblick. Viele Schicksale, die er uns darlegt und mit jedem Schicksal ein neuer Mosaikstein, der die Damaszener Gesellschaft dieser Jahre, ihre Lieblosigkeit, Intoleranz, Korruptheit und Brutalität beleuchtet. Nur wenige Menschen wachsen einem beim Lesen ans Herz, Nura natürlich und der junge Christ Salman, der in einem Elendsquartier aufwachsend früh die Schule mit dem prügelnden Lehrer verläßt, der aber über Jahre von einer Freundin weiter „unterrichtet“ wird. Durch Zufall erhält er Arbeit in einem Café und wird von dort aus beim Kalligraphen als dessen Laufbursche eingestellt. Der reiche Nassri Abbani dagegen, der alles, was er besitzt, geerbt hat und das laufende Geschäft seinem leitenden Angestellten überläßt (sonst wäre er auch schon längst bankrott), glaubt, mit seinem Geld jede Frau, die ihm gefällt, betören oder kaufen zu können und der damit letztlich eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang setzt, ist Beispiel für die durch Macht und Geld korrumpierte Oberschicht der Gesellschaft.
Schami kommt keineswegs strikt auf die Geschichte seiner Hauptpersonen zu sprechen, auch wenn er uns Leser in einer Art Prolog auf sie einstimmt, in dem er erzählt, wie sich das Gerücht, Nura, die Frau des berühmten Kalligraphen Hamid Farsi, sei verschwunden, geflohen…. Natürlich weiß niemand warum, wieso und wohin, ob allein oder mit jemand anderem…. aber bis der Autor im Buch diesen Faden wieder aufnimmt, dauert viele Seiten lang…. So tut man gut daran, das erste Drittel der „Geheimnisse…“ einfach als personalisierte Schilderung des Lebens in Damaskus zu nehmen. Immer wieder auch flicht der Autor aktuelle Ereignisse der damaligen Zeit in seine Geschichte ein, verleiht ihr damit eine gewisse Authentizität.
Soweit die Geschichte des Buches, aber diese Geschichte ist nicht die „Botschaft“, das titelgebende „Geheimnis“. Bei diesen nämlich geht es um die Kalligraphie [siehe unten die paar wenigen Links], um die arabische Schrift, ihren Eigenheiten, ihre Rückständigkeit, die sie zum Hemmschuh für die Entwicklung der gesamten Gesellschaft macht.
Man muss sich in Gedächtnis rufen, daß nach islamischem Glauben der Koran, das heilige Buch, von Allah selbst seinem Propheten Mohammed in arabischer Sprache diktiert wurde. Damit ist sowohl die Sprache des Korans und der Koran natürlich selbst sakrosankt, nicht mehr veränderbar, denn jede Änderung hieße ja, das von Allah übermittelte Wort zu ändern. So blieb die arabische Sprache über viele Jahrhunderte praktisch unverändert. Es gab wohl vor langer Zeit Reformen, die sie verständlicher machte, aber nicht in den letzten Jahrhunderten. Dies führt letztendlich dazu, daß die moderne, sich schnell ändernde Welt in der arabischen Sprache des Korans nicht mehr wiedergegeben werden kann. Arabisch ist poetisch und blumig, die Sprache kennt 500 Synonyma für den Begriff „Löwen“, aber ein technischer Begriff der Moderne wie „Präimplantationsdiagnostik“ dürfte schwierig auszudrücken sein…. Es müssten Buchstaben gestrichen, andere neu eingeführt werden, für Traditionalisten ein Werk des Teufels. So kämpfen im Untergrund zwei gesellschaftliche Strömungen gegeneinander: die Modernisierer wie der Bund der Kalligraphen, die von ihrer Berufung her die arabische Sprache kennen wie sonst kein anderer und rückwärtsgewandte, das überkommene um jeden Preis bewahren wollenden Fundamentalisten, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken und die in der breiten Gesellschaft starken Rückhalt haben.
Hamid Farsi, die Hauptperson des Romans, ist sich seines Könnens als Kalligraph bewusst, das macht ihn eingebildet und arrogant. Zudem hat er in gewissen Sinn eine westliche Ader: er geht mit einer logischen Stringenz an die Reformierung der Sprache, die keine Rücksicht nimmt auf die Empfindlichkeiten seiner Umwelt. Problem erkannt – Problem gebannt trifft in diesem Fall leider nicht zu. Im Gegenteil wird er dadurch selbst zum Aussenseiter und seine eigenen Leute lassen ihn sofort fallen, als er im Zuge seines persönlichen Schicksals und erster Schwierigkeiten bei der angestrebten Sprachreform ins Abseits gerät. So tragen die dumpfen Schläger letztlich den Sieg davon, während Farsi dem Wahnsinn verfällt….
Zurück zum Roman: Während der erste Teil des Buches der Geschichte von Nura und ihrem Geliebten (mit all den Nebenschauplätzen und Nebenpersonen) gewidmet ist, geht der zweite, kürzere Teil auf das Leben Hamid Farsis ein, seine Kindheit und sein Leben im Rahmen seiner Familie, seine Zeit bei dem Meister Serani, der ihn zum Kalligraphen ausbildet und die Meisterurkunde überreicht bis hin zu seiner Ernennung zum Großmeister der Kalligraphen. Zwischen den beiden Abschnitten des Buches ist ein Bruch zu spüren, ist der erste Teil eine ausschweifende Erzählung, ähnelt der zweite eher einer Aufzählung, die das Geheimnis des Hamid Farsi lüften und erklären soll. Dies wirkt teilweise sogar etwas langatmig.
Facit: ein schönes, unterhaltsames Buch, zweifelsohne. Man kann es unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen: als damaszenisches Sittengemälde er 50er Jahre, als Liebesgeschichte, als weitschweifig formuliertes Beispiel für die Reformresistenz der islamische Gesellschaft… mich hat nur der „Bruch“ zwischen den beiden Teilen des Romans, deren unterschiedliches Wesen, beim Lesen etwas irritiert.
Links und Anmerkungen:
Mehr zum Thema der Islamischen Kalligraphie
- http://www.chj.de/Arab-Kali.html#Naskh,natürlich in der Wiki… und in vielen anderen Quellen. Dieser Aufsatz hat mir noch ganz gut gefallen: http://www.ismailmohr.de/Kalligrafie_im_Islam_09_2010.pdf
Rafik Schami
Das Geheimnis des Kalligraphen
Carl Hanser Verlag, 2008, HC, 464 S.





