Leon de Winter: Hoffmans Hunger
September 28, 2011

Er hatte Ehrfurcht vor der Erde, denn in der Erde lagen seine Kinder. Er hatte Ehrfurcht vor der Luft, denn in der Luft schwebte der Staub seiner vergasten Eltern.
Dieser Satz aus dem Roman, den ich meiner Besprechung voranstelle, umschreibt die Tragik des Felix Hoffman, der zum Zeitpunkt der Handlung, in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1989, im Alter von 59 Jahren als Botschafter der Niederlande in Prag lebt und arbeitet: Sein Leben ist beherrscht vom Tod, vom Verlust all derer, die ihm lieb waren, die seinem Leben einen Sinn gegeben haben. Die Verzweifelung, die Sinnlosigkeit all dessen treibt ihn zum einen in die Suche nach einer Antwort auf all die Fragen, die ihn umtreiben und sie treibt in einen latenten Suizid, da er gegen besseres Wissen nicht davon abläßt, seinen Körper zu zerstören.
Hoffmann, 1930 geboren, wurde von seinen Eltern, holländischen Juden, während der Besatzung bei einem christlichen Bauern versteckt, wo er im Dreck lebte, im Schweinestall schlief und lernte, Schinken zu essen. Dort las er im Schein fackelnder Petroleumfunzeln, die Bücher, die der dem Selbstegbrannten frönende Bauer ihm gab: Rilke, Morgenstern, Hölderlin – „Dichtungen aus dem Grenzgebiet zum Wahnsinn.„
Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir usn mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.
Er verstand nicht, daß seine Eltern ihn verließen, allein zurückließen und ihn auch nach der Befreiung 1944 nicht abholten. So irrte er herum, wurde schließlich aufgelesen und kam in einer holländischen Familie unter. Langsam verstand er, daß seine Eltern ermordet worden waren, in ihrem eigenen Versteck verraten wurden von Kollaborateuren.
An der Uni verliebte sich der junge Felix in Marian, sie heirateten und bekamen die Zwillinge Esther und Marjiam. Es waren glückliche Zeiten für die Familie, die durch den Dienst des Mannes im Diplomatischen Corps viel in der Welt herumkam. Dann wurde Esther krank, bekam Fieber, die Ärzte konnten ihr nicht helfen. Schließlich wurde Leukämie diagnostiziert. Felix verdrängt diese Diagnose, verdrängt die Tatsache, daß Esther im Sterben liegt, doch diese flüstert ihm zu: „Ich weiß es, Papa…“, ein Satz, der Felix sein vor ihm liegendes Leben verfolgen wird.
Felix kann Esthers Tod nicht verwinden, rasend vor Verzweifelung fängt er an zu saufen, er hurt herum und hat seine Fressgier nicht mehr unter Kontrolle. Und er hört auf zu schlafen. Er beginnt, sich selbst zu hassen. Aber auch Esthers Schwester, Mirijam, wird an ihrer Seele krank, kann den Tod Esthers nicht ertragen. Sie wird ein schwieriges Kind für die Familie und verläßt diese früh in ein tragisches Schicksal, auch sie wird jung sterben. Seine Frau Marian dagegen vertieft sich immer weiter in ein Buchprojekt, das nie enden wird, die Ehe der beiden besteht nur noch auf dem Papier.
Dieser wenig diplomatische Mann also sitzt jetzt in Prag, vor seiner Pensionierung wider Erwarten doch noch zum Botschafter ernannt in seiner Wohnung. Seine Nächste verbringt er in der Küche vor dem Kühlschrank, den er systematisch leert, das Essen wird mit Alkoholika aller Art hinuntergespült. Ist der Magen voll, wird er über der Kloschüssel wieder geleert, um neues Essen aufzunehmen. de Winter gibt uns in seinen exkrementellen Abschnitten detaillierte Erläuterungen der Hofmannschen Verdauungsvorgänge…. Dabei liest Hoffmann Spinoza, dessen Werk „Abhandlungen“ hat einer seiner Vorgänger in der Wohnung zurückgelassen und Felix fängt an, es zu studieren. Er ist fasziniert von der logischen Gedankenführung des Philosophen, der über die Klarheit des Denkens, die Reinheit des Geistes zur Erkenntnis kommen will und über die Erkenntis zu Gott. Während des Lesen schweifen seine Gedanken ab in seine eigene Geschichte, er erinnert sich an seine Vergangenheit, die er wiederholt durchlebt und durchleidet.
Die Zeiten im Sommer/Herbst 1989 sind unruhig, die politischen Weltenläufte sind dabei, sich aufzulösen. In diesem Umfeld ist als Nebenhandlung eine kleine Spionagegeschichte eingebettet, in der zwei weitere unglückliche Männer eine Rolle spielen, von denen einer Hoffman sogar kennt. Diese Handlung läuft weitgehend unabhängig und parallel zu der Hofmanschen Geschichtel, sie ist für die Quintessenz des Buches im Grunde entbehrlich. de Winter läßt – gemessen an der Ausführlichkeit, mit der er auf Hoffman eingeht – auch einiges an Fragen offen, die sich aus dieser Nebenhandlung ergeben, gegen Schluss des Buches überstürzen sich die Ereignisse, nicht nur im Ostblock durch die Öffnung der Mauer, sondern auch im Hoffmanschen Leben. Hier malt de Winter mit grobem Pinsel.
Hoffmans Hunger ist kein Hunger im üblichen Sinn, so wie wir ihn alle kennen. Felix unterliegt einem krankhaften Esszwang wider besseren Willens, mit geradezu suizidaler Tendenz. Wie kann er am Leben sein, das Leben verdient haben, wenn seine beiden Töchter es nicht mehr haben, tot sind? Mirijam, seine zweite Tochter, ist diesen Weg in den Tod noch konsequenter gegangen. Sie, die sich als Schwester die Schuld gab am Tod Esthers (aus dem sicheren „Wissen“ heraus, daß der kindliche Eifersuchts und Zorneswunsch „Ich will, daß du tot bist!“ in Erfüllung gegangen ist), sie verkauft ihren Körper und richtet ihm mit Drogen zugrunde. Der Unterschied zu Hoffman liegt darin, daß dieser die weicheren Droge bevorzugt, das (übermäßige) Essen und den Alkohol, so dauert es bei ihm länger. Angedeutet hat sich diese Handlungsoption von Hoffmann schon nach dem Krieg, als er von Heins Familie aufgenommen wurde. Auch da stopfte er sich schon Essen in seinen Körper hinein, solange es auf dem Tisch stand. Nur bot das Leben ihm in dieser Situation noch Perspektiven, so daß er diese Fressgier nicht auslebte, sondern sie kontrollierte.
Unser Titelheld kann das, was er aufnimmt, nicht verarbeiten, sprich: verdauen. Der Körper scheint förmlich an der Substanz zu ersticken, er windet und wehrt sich in Krämpfen, Schmerzen durchfahren Hoffman und die Ausscheidung, wenn sie denn kommt, gleicht eher einer wiederum von Schmerzen begleiteten Eruption des Körpers als dem normalen Verdauungsvorgang. Und so, wie er über seinen Körper die Kontrolle verliert, verliert er sie auch immer öfter über sich selbst: er läßt sich gehen, fällt in Gesellschaft unangenehm auf, betrinkt sich, besudelt sich auf Empfängen und erleidet schließlich eine Herzinfarkt (der ihn aber keineswegs davon abhält, weiter zu saufen). Einzig der Gedanke an Irene, die den Zusammengebrochenen gefunden hat, der „Hunger“ nach dieser Frau, deren Rolle innerhalb der Spionagegeschichte aber unklar bleibt, gibt ihm ein wenig Lebensmut, der will diese Frau spüren, sich in ihr verlieren, selbst wenn er sie dafür kaufen muss…..
Sein Hunger ist aber auch als Sinnbild zu sehen, als Hunger nach Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach Gott. Und so stürzt er sich in seinen wachen Nächten auf die Sätze Spinozas, die den Verstand und seine Art zu arbeiten, analysieren. Sie werden Hoffman zu einer Art Liturgie werden, denn mit einem gereinigten Verstand kann man die Prinzipien der Natur erkennen und damit auch die waltende Hand Gottes.
So ist dies Buch zweierlei: zum einen die faszinierend dargestellte und geschilderte Lebensgeschichte eines tragischen Helden, dem der Tod zweimal alles genommen hat, was ihm das Leben wert machte (und der diese Verluste nie in sein Leben integrieren konnte) und es ist eine kleine Einführung in ein Werk des jüdisch-spanisch-holländischen Philosphen Spinoza. Ich gebe zu, über diese Ausführungen bin ich teilweise hinweggegangen, sie waren Unterbrechungen im Lesefluss, die ich nicht wollte. Das alles eingebettet in die Wirren, die mit der politischen Umwälzung am Ende des Jahres 1989 einhergehen, bildet der Roman auch diese bewegte Zeit ab.
Facit: Ein wunderbarer Roman mit etwas viel Spinoza…..
Leon de Winter
Hoffmans Hunger
aus dem Niederländischen übersetezt von Sybille Mudot
Diogenes
Erstausgabe 1990 Amsterdam
Peter Härtling: Felix Guttmann
September 23, 2011

Kurz nach der Jahrhundertwende wird im Jahr 1906 in Breslau Felix Guttmann geboren. Er ist das einzige Kind eines liberalen jüdischen Tuchhändlers und seiner Frau, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Das Reglement im Haus ist streng, der Vater ist die unumstrittene Herrscherfigur, die Mutter spielt im Leben des Jungen kaum eine Rolle, tritt auch gegenüber dem Mann kaum in Erscheinung. Daß sie, wenn der Mann mit dem Essen fertig ist, das Recht hat, ungefragt zu reden, ist kennzeichnend für ihre Rolle. Dann ist da noch Elena im Haus, der gute Geist, die einzige Person, von der der kleine Felix so etwas wie Zuwendung erfährt. Aber wir wollen ihn nicht allzusehr bedauern, auch wenn seine Kindheit in dieser Beziehung nicht sehr reich war. Ferner dürfen wir Onkel Jona nicht vergessen, den körperreichen Schneider, den er so gerne besuchte und ihm unter dem Tisch sitzend bei seinen Erzählungen, zuhörte. Bei ihm fühlt sich der kleine Felix wohl, dies soll so bleiben, bis Onkel Jona viele Jahre später dem Moloch zum Opfer fällt.
In dieser Umgebung wird Felix groß, oder sagen wir richtiger, wächst er auf, denn groß wird er nicht, er bleibt ein schmächtiges Jüngelchen, das sich gegen die Spielkameraden im Hof kaum durchsetzen kann. Einmal macht er die Erfahrung, daß klug gesetzte Worte einen Streit vermeiden und ihn als „Sieger“ hervorgehen lassen können, ansonsten ist er eher geduldet unter den gleichaltrigen Kindern. Schlimm wird es, als 1914 der Weltkrieg ausbricht, der nachher der „Erste“ genannt werden sollte: ihm kam die Rolle des Feindes zu, des Franzmanns, des Russen, weil er doch der Jud war, bei dessen Schwänzel etwas fehlt, so kreischen sie ihn an.
So wird der hochintelligente Knabe vorwiegend alleine groß, in einer Phantasiewelt, die er sich schafft, in der er lebt und die er auch seinen Eltern vorlebt. In der Schule hat er keine Schwierigkeiten mit dem Lernen, nur Freunde findet er nicht. Bis, ja bis der neue kommt, den es nach Breslau verschlagen hat, der Casimir Liebstock, ein hochgeschossenes, dürres Stück Mensch. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen, doch beschränken sie sich, um die Spannung zu steigern, für die ersten Wochen auf einen Briefverkehr zwischen ihnen, der ihrer beider Leben darlegt; bei der persönlichen Begegnung in der Klasse oder auf dem Hof geben sie sich fremd. Es soll eine Freundschaft werden zwischen den beiden auf Lebenszeit.
Obwohl körperlich klein geblieben, merkt Felix schnell, daß die Mädels, später dann die Frauen, ihn mögen. Er erwidert dies. Und so teilen sie jede für sich, manchmal gleichzeitig, eine Lebensstrecke mit Felix: Irene, Mirijam, Katja, Laura und Olga… in Breslau, später dann in Berlin, wohin er zum Studium der Rechte geht, nicht ohne vorher seinen Vater davon überzeugen zu müssen. Im Kreis um Casimir und Laura wird politisch gedacht, Felix hält sich zurück, teilt vielleicht ihre Ansichten und ihre Ablehnung des herrschenden Regimes und des sich am Horizont abzeichnenden Unglücks, wiegelt aber gerne ab, es wird schon nicht so schlimm werden, Hitler in Haft, er wird doch kaum zurückkommen…. Felix zieht sich in die Rolle des Beobachters zurück, wenn überhaupt, mehr verdrängt er eigentlich als daß er beobachtet, was um ihn herum geschieht. Zusammen mit Mirijam durchstreift er die Berliner Nächte in Theatern, Shows und Kabaretts, das ist seine Welt hier, dort fühlt er sich wohl. Dieses Sich-nicht festlegen wollen, sich nicht einbinden lassen wollen, beherrscht auch seinen privaten Bereich. So sehr er auch liiert ist, die Frage nach der Hochzeit, dem Heiraten, beantwortet er immer mit „Nein“, auch um den Preis der Trennung willen.
Das Studium geht ihm gut von der Hand, er wird zum Doktor der Rechte, macht sich selbstständig mit einer Kanzlei. Sein erster Fall, ihm von einem ihn protegierenden Kollegen ihm vermittelt, ist gleich ein politischer, sein grenzdebiler Mandant wird verurteilt und suizidiert sich später. Felix verlegt sich in der Folge auf Scheidungen… dann wird ein Gesetz erlassen, daß jüdischen Anwälten die Lizenz entzieht, Felix steht (wie viele andere) vor dem beruflichen Aus [5]. Jetzt kann selbst Felix nicht mehr verdrängen, zumal das Straßenbild immer brauner wird. Die Freunde, immer noch Freunde, müssen fliehen, werden verfolgt, Casimir muss ausser Landes gehen, Laura verschwindet… Sommerfeld, sein anwaltlicher Protegé, nimmt ihn mit zu jüdischen Organisationen und jetzt, in der Verfolgung, fängt Felix an, sich als Jude zu begreifen. Er arbeitet im Palästinaamt, in dem Ausreisen von Juden organisiert werden, nicht ohne, daß ihnen vorher noch das letzte abgepresst wird. Aber immerhin, noch läßt man sie um ihr irdisches Vermögen erleichtert, gehen. In letzter Minute, nach einem Termin bei Eichmann, in dem er über Casimir ausgefragt wird, kann auch Felix das Land noch verlassen. Die nächste Dekade seines Lebens verbringt er in Israel, mit einem israelischen Pass wird er in US-Uniform Deutschland 1948 wieder betreten. Er bleibt in Deutschland, arbeitet in Frankfurt als Rechtsanwalt, heiratet sogar, diesmal.
Felix Guttmann stirbt 1977, eine Straßenbahn erfasst ihn und schleift ihn mit sich.
Der Roman Härtlings umfasst nach der Kapiteleinteilung die Jahre 1906 bis 1977, jedoch ist die Zeit nach Felixs Flucht 1937 nur sehr andeutungsweise ausgeführt. So gibt das Buch eher ein Bild des Deutschland in dunkler und in seiner schwärzesten Zeit. Härtling verliert sich aber nicht in Details, er hält ebenso wie sein Held Abstand, deutet an, nennt Namen, aber wenn man diese Namen, so sie einem nichts sagen, googelte, bekäme man eine Zeitgeschichte Deutschlands zustande. So bin ich z.B. hier auch den Rexinger Juden wiederbegegnet, die mich neulich an anderer Stelle überraschten [4]. Stimmungen transportiert Härtling, leise, aber eindringlich, ein Geschichtsunterricht der besonderen Art.
Felix Guttmann ist kein reines Kunstprodukt, ihm liegt eine reale Person zugrunde, eine Person, die ihm nach „langer, vaterloser Zeit den Vater ersetzt hat.“ Denn Härtling bringt sich als Erzähler selbst ein in diesen Roman, versucht, sein Verhältnis zu klären zu Felix, den er geschaffen hat und der ein Eigenleben entwickelte im Lauf der Zeit und dessen Verhältnis zu der realen Person, die er dichterisch vertreten soll. So fließt auch biographisches ein in das Werk, das kalte Verhältnis zum Vater etwa. Aber da ich hier auch nur Angelesenes nachplappere, verweise ich in dieser Beziehung einfach auf die einschlägige Literatur… [1-3] zum Beispiel].
Facit: ein leiser und intensiver Roman über das Schicksal eines Einzelnen, der unpolitisch sein wollte, der sich aber den Zeitläuften nicht entziehen konnte.
[1] Bericht des hr über die Person, die dem Felix Guttman zugrunde liegt
[2] Biographisches zu Härtling aus der BücherWiki
[3] eine Buchkritik in der Zeit
[4] Wenn der Roman sich hier an die historische Wahrheit hält, war Felix Guttmann an der Ausreise eines ganzen Dorfes nach Palästina beteiligt
[5] Eine Dokumentation über die betroffenen jüdischen Anwälte in Berlin ist in Buchform erschienen: Simone Ladwig-Winters: Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933, be.bra Verlag, 2007
Till Kurbjuweit: Ansichtskarten aus der Kälte
September 18, 2011

Ein Buch über männliche Individuation durch Vatersuche und sexuelle Reifung, über das Spannungsfeld von Liebe und Freiheit.
Ein etwas holpriger Satz aus dem Klappentext des Buches mit einem etwas ungebräuchlichen Wort aus dem Umfeld des Psychoanalytikers C.G.Jung: Individuation. Eine hohe Messlatte also, die sich Kurbjuweit da auflegt [1].
Einfacher zu beurteilen sind da schon die beiden anderen Faktoren, die der kurze Satz enthält.
Auf der Beerdigung seines früheren Blutsfreundes, der ihn nichtsdestotrotz mit seiner Ehefrau betrogen hatte, sieht die zentrale Figur des Buches, Jonathan Ravensburger, auf dem Friedhof eine Grabplatte mit seinem Namen und dem Geburtsdatum seines Vaters. In der Tradition der Familie hießen alle Jungen Jonathan, dies könnte also stimmten, aber sein Vater ist im Krieg in Stalingrad geblieben und nicht heimgekehrt. Die Frage, wer jetzt in Langenberg, weit ab von seiner Heimatstadt Göttingen, begraben ist, ob sein Vater den Kessel von Stalingrad doch überlebt hat, wühlt ihn natürlich auf und ermuntert und motiviert durch seinen Sohn Jonathan („Jonas“) fängt er mit den schütteren Hinweisen, die ihm der Beerdigungsunternehmer geben kann, an zu suchen. Im Lauf dieser Recherche, die in ihm immer stärker die Hoffnung und fast die Gewissheit weckt, daß in diesem Grab tatsächlich sein Vater liegt, ergibt sich ein widersprüchliches Bild des Vaters, das sich erst im Finale auflöst.
Die Suche nach der Identität des in Langenberg bestatteten Mannes führt Jonathan auch zurück in seine eigene vaterlose Vergangenheit (den neuen Mann seiner Mutter akzeptierte er nie als Vater) und er erkennt Brüche und Verwerfungen in seiner Vita.
Unter anderem, und jetzt widmen wir uns seiner sexuellen Reifung, wird ihm die Ursache seines sexuellen Leidens bewusst, seiner starken Neigung zur ejaculatio praecox, die so ganz im Widerspruch steht zum Phantasiebild, das er sich von sich selbst als quasi Reinkarnation eines Casanova, Don Juan und Kamasutraisten in einer Person ausmalt. In realiter dagegen leidet nicht nur er unter seinem frühen Kommen, sondern auch Dorothee, seine Frau, die ihm nach 30, in sexueller Hinsicht dürren Ehejahren eine Trennung auf Probe vorschlägt.
Was anfangen mit der neuen Freiheit? Erst mal eine Kontaktanzeige, wieder mal in die Buchhandlung, in der man als Jugendlicher verschämt Erotikbücher gekauft hat, ein Wochenend-Sex-Seminar… verschwurbelte Textstellen über freie Liebe und die sexuelle Befreiung reichern diesen Teil der Handlung an…..
Ist es wirklich Individuation, wenn es dem Helden gelingt, eine Frau, die sich in der Bahn unter fadenscheinigstem Vorwand an ihn heranmacht, auch als „Sexualwesen“ wahrzunehmen [S. 217], sie später zu Hause zu besuchen und wenn die Erektion erst dann zusammenbricht, wenn er das ihn abtörnende Hinterteil sieht? Ist es wirklich Individuation, sich als Elite zu fühlen, nur weil man sich einer Vasektomie unterzogen hat, um folgenlos sexuellem Vergnügen frönen zu können [S. 219]? Mir erscheint dies jedenfalls zu kurz gegriffen, selbst wenn man anerkennen muss, daß Kurbjuweit seinen Helden durchaus eine Entwicklung durchlaufen läßt (und sogar ein paar erschreckende Lücken in seiner Allgemeinbildung konnten geschlossen werden…) und zwar eine Entwicklung, die viel interessanter und wertvoller darzustellen gewesen wäre als die leicht pubertären Ansätze, den reinen Sexualtrieb auszukosten: die Entdeckung der Zärtlichkeit und der Mut, Gefühle zu zeigen, die den Helden am Schluss des Buches sogar wieder zurück zu seiner Frau führen….
Facit: ein etwas hölzener Erstling Kurbjuweits, dessen Part, der sich mit der Vatersuche befasst, noch recht kurzweilig zu lesen ist, im Gegensatz zu den Stellen, die sich der sexuellen Reifung des Helden widmen.
[1] „Jung sagt dazu: „Jedes Leben ist schließlich die Verwirklichung eines Ganzen, das heißt eines Selbst, weshalb man die Verwirklichung auch als Individuation bezeichnen kann.“ In der Verwirklichung dieses Selbst erblickte Jung den Sinn des menschlichen Lebens überhaupt.“ Zitiert nach: Wehr G., Unterwegs zu sich selbst, Kevelaer 2009, S. 10
Till Kurbjuweit
Ansichtskarten aus der Kälte
Informationsluecke-Verlag, HC, 2011, 296 S.
Das Buch wurde mir dankenswerterweise von Autoren zur Besprechung zur Verfügung gestellt.
Leon de Winter: Leo Kaplan
September 14, 2011

Was schreibt man über ein Buch, dem die Lust am Erzählen anzumerken ist, am Fabulieren, am Ausschweifen, einem Buch, in dem der Autor sich (gottseidank!) nicht scheut, auch die Geschichte rosa Tischtücher zu erzählen, in dem er Hunde zu Wort sich melden läßt, mit ihren Ansichten über das menschliche Verhalten und durch das sich wie ein roter Faden die Liebesgeschichte zweier Menschen webt, die zueinander nicht kommen können.
Den Inhalt wiederzugeben ist so gut wie unmöglich, dann könnte man auch gleich das ganze Buch hier abdrucken. Also dann und daher die Geschichte der Titelperson, des Leo Kaplan, Sohn jüdischer Eltern aus Den Bosch in den Niederlanden, benannt nach seinem Onkel Leo, der seinerzeit zu einem Transport gerufen wurde, von dem er nie wiederkam. Sein Vater, mit seinem Fleiß und seinem Geschäftssinn, verdient sein Geld mit alten Sachen, Lumpen, alten Büchern, viel Geld verdient er, so viel, daß er sich eine weiße Villa bauen kann draußen, am Rand der Stadt, im ehemaligen Schwemmland. Und doch bleibt er für die Leute immer nur der Jud Kaplan, der nicht dazu gehört. Mit viel Liebe, erstickender Liebe, angstvoller Liebe erziehen sie ihren Leo, all ihre Hoffnungen ruhen auf ihm. Dieser Leo nun lernt in jungen Jahren, gerade Student geworden, in einer Kneipe Ellen kennen, genauso alt und genauso an ihrem Elternhaus, in dem die SS-Uniform eingemottet in der Truhe aufbewahrt wird, leidend. Und so sie sich kennenlernen, schließt sich ein Kokon um sie, der die Welt ausspart, der die Liebe, die ihre Körper füreinander so wie ihre Seelen spüren, einhüllt. Sie brauchen die Welt nicht mehr in ihrem Glashaus.
Doch die Welt klopft an die Wand und Leo hört dieses Klopfen. Es ist eine politisch aufgewühlte Zeit damals in den 6oer Jahren und Leo verspürt im Gegensatz zu Ellen den Drang, dabei zu sein. Er ist kein Anführer, er ist der Mann an der Vervielfältigungsmaschine und so wie der die Flugblätter vervielfältigt, so „vervielfältigen“ sich auch Ellen und er: in ihr wächst ein Kind heran. Eine Reise soll die beiden wieder näher zueinander bringen, aber Leo sagt die Reise ab, er hat die große Chance, in den Vorstand der Studentenvereinigung gewählt zu werden. So fährt Ellen allein, tief verletzt, verwundet und kommt wieder heim, ohne das sie spürt, daß jemand auf sie gewartet hätte. In ihrem Schmerz, ihrer Wut will auch sie weh tun, dies heimzahlen und so teilt sie Leo, als dieser nach Hause kommt, mit, sie hätte das Kind wegmachen lassen.
Natürlich ist dies nur der Endpunkt einer unglückseligen Entwicklung, aber es ist der entscheidende Moment, denn mit dieser Mitteilung ist etwas in die Welt gesetzt, daß nicht mehr wieder gut gemacht werden kann. Wieviele Minuten hätte Ellen gehabt, unfähig in ihrem eigenen Schmerz, ihrer eigenen Verzweifelung über die anscheindend abhanden gekommene Liebe Leos, diese Unwahrheit wieder rückgängig zu machen: „Verzeih, es stimmt nicht, ich war so verletzt, ich wollte dir nur weh tun so wie du mir weh getan hast…“. Sie verstreichen, diese Minuten und Leo verläßt mit einer Tasche in der Hand die gemeinsame Wohnung. Sie werden sich viele, viele Jahre nicht mehr sehen.
Beider Lebensweg gerät jetzt stark ins Schlingern. Leo vagabundiert durch Europa, unstetig, immer auf einer Art Flucht. Läßt sich in Italien eine zeitlang von einer Witwe aushalten, bis er auch von dort weggeht. Er schmeisst das Studium, wird Schriftsteller, hat Erfolg mit seinen Bücher, schreibt für Zeitungen, ein bekannter Mann. Ein Mann, dessen Ehen scheitern, denn seine Frauen sind nicht die eine, die er wirklich liebt und die er durch Zufall nach vielen Jahren in Kairo in Begleitung eines jungen Mannes, ihres Sohnes offensichtlich, in einem Krankenhaus sieht, in dem ihm nach einem nächtlichen Abenteuer mit einer sehr jungen äthiopischen Prostituierten ärztlich geholfen werden musste. Eine Schreibblockade ist die Folge dieser einseitigen Begegnung mit seiner Jugendliebe und er gibt sich nun jedem Schoss hin, der sich für ihn öffnet. Und es sind einige…
Ellen also hat vor ihrem Kind die Lüge geboren. Jetzt, wo Leo gegangen ist, braucht sie einen Vater, denn das Kind wird geboren werden und soll einen Vater haben. Sie kann einen jungen Mann nennen, der in der Tat der Vater sein könnte, der aber – de Winter liebt die Ironie – gerade daran stirbt, daß er nicht der Vater ist. So wird der junge Maurits gleich als Halbwaise geboren, aber die vermeintlichen Großeltern nehmen sich seiner und seiner Mutter liebevoll an. Es ist die Lüge ihres Lebens, sie versteinert in ihr, sie wird immer aufauflösbarer, sie liegt auf Ellen Seele, selbst wenn sie sie im Laufe der Jahre für einige Zeit vergessen kann.
Im Gegensatz zu Leo, der sich treiben läßt, hat Ellen durch die „familiären“ Bande einen Halt, der sie durch die lange Zeit des Trennungsschmerzes auffängt, bis sie dann irgendwann Frank kennenlernt, der sich in sie verliebt und sie dann auch langsam lernt, ihn zu lieben. Sie heiratet, wird Gattin eines Diplomaten mit den entsprechenden Verpflichtungen und lernt so die Welt kennen.
Und dann ist sie in Rom und sieht im Veranstaltungsprogramm der Botschaft, dass der berühmte Schriftsteller Leo Kaplan sein Buch, das in einer italienischen Übersetzung erscheinen soll, vorstellen wird. Und hier also treffen sich die beiden wieder, nach vielen, vielen Jahren, Ellen, die verheiratete Frau mit einigen Geheimnissen und Leo, der Schriftsteller, der glaubt, er könne die Zeit zurückdrehen, jetzt, wo er weiß, wer die Liebe seines Lebens ist.
Um diesen sich erst im Lauf des Romans herausschälenden Kern drapiert de Winter eine Vielzahl von Personen mit ihrem Geschichten, Eigenheiten und Vorkommnissen. Man sollte sich auf diese Nebenschauplätze einlassen und ihnen einfach folgen wie bei der Geschichte um das schon erwähnte rosa Tischtuch, mit dem eine Vielzahl von Schicksalen verknüpft ist bis hin zu einem Serienmörder, über den der Autor dann eine kühnen Rückkehr zur Hauptgeschichte findet, oder die tragische Geschichte der Trapeztruppe, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hat, außer dem Bild des Gleichgewichts, das in einer solchen Truppe herrschen muss wie auch in einer Ehe.
Durch die vielen Handlungen und Nebenschauplätze treten eine Vielzahl von Personen im Buch auf, alle lebendig, glaubwürdig und farbig geschildert. Allen voran natürlich die Titelperson, Leo Kaplan, mit unübersehbaren Ähnlichkeiten zum Autor (bis hin zu Deutungen früherer Romane, die de Winter geschrieben hat und die er hier seinen Kaplan hat verfassen lassen). Und Leo Kaplan ist nicht wirklich sympathisch. Ein haltloser, prinzipienloser Mensch, der noch auf dem Weg zu einer Aussprache mit seiner zukünftigen Exfrau eine andere beschläft, ein Mensch, der an seiner Herkunft, dem kleinbürgerlichen jüdischen Milieu leidet, das ihn durch die seltsame Testamentsbedingung seines Vaters über Jahre hinweg verfolgt und der gleichzeitig versucht, über seine schriftstellerische Existenz Profil zu gewinnen.
Wäre Kaplan ein anderer geworden, wenn er damals mit Ellen zusammen geblieben wäre? War diese Liebe damals für die beiden jungen Menschen zu groß, als daß sie sie schultern konnten? War sie zu verschieden, ihre Liebe, Ellen mit ihrem Wunsch, unter der Glasglocke in Zweisamkeit sich von der Welt abzuschotten und Leo mit seinem Drang, sich auch in der Welt zu beweisen, dazu zu gehören? Der Bruch jedenfalls wirkt sich auf beide unterschiedlich aus: während Ellen ihr Leben letztendlich in den Griff bekommt und kontrollieren kann, bleibt Leo auf der Stufe des unglücklich verliebten, des verlassenen stehen. Seine Ehen so wie seine sexuellen Abenteuer sollen nur betäuben, überdecken, vertuschen, daß er einsam ist, daß er den Verlust Ellens nie verkraftet hat. In jeder Frau sucht er nur diese eine und kann sie natürlich nicht finden und so wie jeder Abhängige im Lauf der Zeit immer mehr braucht von seiner Droge, so geht es dann auch unserer Titelfigur. Und während Leo nach fast zwei Jahrzehnten immer noch von einem gemeinsamen Leben träumt, einer Flucht dorthin, weiß Ellen, daß sie für diese Fantasie ihr bisheriges Leben nicht opfern kann und nicht opfern will….
Hat sich Leo durch das Wiedersehen mit Ellen geändert? Wohl ist er seinem Geheimnis, dem Verlauf seines bisherigen Lebens nachgegangen, doch glaube ich nicht daran. Noch im Epilog, der einige Zeit nach Rom spielt (und in dem Betty, (mit der er jetzt offensichtlich zusammenlebt und die eine Freundin von Paula ist/war, mit der er in Rom zusammen war, als er Ellen traf) dem alten Udo Jürgens Schlager: „Aber bitte mit Sahne“ eine ganz neue Bedeutung gibt), telefoniert er mit seiner Freundin und defloriert in der gleichen Nacht die schon etwas angejahrte Tochter seines Gastgebers… mir scheint, er hat nichts dazu gelernt….
Facit: ein farbenfroher, mitreissender, ausufernder Roman um einen Mann, der seine Jugendliebe zwar verlassen hat, sich aber von ihr nie lösen konnte….
Leon de Winter
Leo Kaplan
aus den Niederländischen von Hanni Ehlers
Diogenes Verlag,
Originalveröffentlichung: Amsterdam 1986
Ulrike Kuckero: Alice im Mongolenland
September 10, 2011

Wenn nur nicht diese nervigen Fragen immer wären nach Alice, ob es wirklich die Schwester wäre und woher sie denn komme, weil sie so aussähe, dann hätte die hochintelligente Zoe, die um Sekunden ältere, ja auch nicht patzig geantwortet, daß Alice adoptiert sei und eigentlich aus dem Mongolenland kommt. Denn damit setzt sie etwas in Gang, was der Familie ein riesiges Abenteuer beschert. Gefällt doch Alice dieser Gedanke ungemein und ihr ganzes Sinnen ist von da an darauf ausgerichtet, das Mongolenland zu besuchen. Ob sie dies schafft und was dort für sie für Abenteuer lauern könnten, das ist die Geschichte dieses Buches.
Die Geschichte hinter der Geschichte ist natürlich eine etwas andere. Alice leidet unter dem Down-Syndrom, einer Erkrankung, die durch eine genetische Veränderung auf einem Chromosom bedingt ist. So hat die Familie mit ihren beiden Töchtern gleich zwei Kinder, die aus dem normalen herausfallen, eine hochintelligente Tochter und Alice, die zwar ihre Probleme hat, aber auch viele Eigenschaften, die sie sehr liebenswert machen. Die Eltern behandeln ihre beiden Kinder vorbildlich, nämlich ihren Stärken und Schwächen gemäß. Dazu haben sie sogar eine eigene Schule gegründet:
Hochbegabung und geistige Behinderung sind zwei Seiten einer Medaille, sagt Papa immer. Weiß auch nicht genau, was er damit meint. Aber aus diesen Grund gibt es in unserer Schule genauso viele Kinder, die andere Leute behindert bezeichnen nennen würden, wie es andere Kinder gibt. Beu uns haben sie allerdings keine besondere bezeichnung. Sie sind Kinde4r wie alle Kinder. Jeder ist verschieden. Bei uns besonders.
Alice ist spontan und Zoe beneidet sie darum. Mag sie jemanden, drückt sie ihm einfach einen dicken Kuss auf die Backe, etwas, was Zoe, die immer erst nachdenkt, nicht kann. Andererseits kann Alice auch sehr stur sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, verfolgt sie unerbittlich ihr Ziel. So kommt es dann beispielsweise auch, daß in der Weihnachtsgeschichte, wie sie an Alices und Zoes Schule aufgeführt wird, eine Prinzessin mitspielt, die in einem Schloss wohnt… So ist das Zusammenleben mit Alice von Gegensätzen geprägt: sehr schöne, liebe Momente, aber man muss doch oft aufpassen, daß sie und die „normale“ Umwelt nicht kollidieren. Wie beschreibt es Zoe im Vorwort?: „Alice ist ein besserer Mensch als ich und die meisten anderen Leute, weil sie ein großes Herz hat nur nicht unbedingt Rechenaufgaben. Quatsch, die sitzen ja im Kopf. Okay, ihr Kopf ist nicht ganz so groß, aber was zählt das schon?„
Natürlich kommt es, wie es kommen muss und genauso natürlich kommt alles ganz anders als man denkt und so wird das Abenteuer, das sich Kuckero für seine Leser ausgedacht hat und in das er Alice, Zoe und ihre Eltern schickt eine spannende Reise in eine andere Welt, deren alltägliches Leben „einfacher“ ist als unsere, in der andererseits aber auch Wahrsagungen und Geister der Ahnen eine Rolle spielen und Sonnenfinsternisse nicht einfach eine spezielle Konstellation dreier Himmelskörper sind. Die Liebe spielt eine Rolle in dieser Geschichte aus einem Land, in dem auch die letzten in einem Wettbewerb Medaillen bekommen und man keine Olympiade braucht, um das Motto „Dabeisein ist alles“ zu leben (was ja bekanntlich noch nicht einmal bei Olympiaden so richtig stimmt….).
Aus Sicht eines Erwachsenen mag alles etwas zu harmonisch sein, was Kuckero in seiner Geschichte erzählt. Liebe, Toleranz, Verständnis, Rücksichtnahme sind seine Leitmotive, aber es ist ja nun wirklich nichts schlechtes, wenn diese so spannend verpackt Jugendlichen präsentiert werden. Ich könnte mir jedoch vorstellen, daß durch die „Exotik“ der Geschichte beim jungen Leser einige Fragen auftauchen, die man im Gespräch klären müsste (und bei denen sich vllt sogar der Erwachsene vorher noch einmal informieren müsste, um nicht nur „aus dem Bauch heraus“ antworten zu müssen…). Man könnte die Fragen aber auch nehmen, um gemeinsam die Antworten zu finden, um zusammen herauszufinden, was es mit diesem und jenem auf sich hat, was man nicht auf Anhieb versteht…
Facit: Eine spannende, schön geschriebene Geschichte für Jugendliche, mit der man sie aber meiner Meinung nach nicht ganz allein lassen sollte, da unter ihrer „Oberfläche“ doch viele Fragen auftauchen können.
Ulrike Kuckero
Alice im Mongolenland
Thienemann Verlag, HC, 224 S., 2009
Shusaku Endo: Meer und Gift
September 6, 2011

Es ist ein schmales Bändchen des japanischen Autoren Endo, der sich mit einem grausamen Kapitel der an Grausamkeiten nicht gerade armen japanischen Kriegsgeschichte [4] befasst. Am 5. Mai 1945 stürzte über Fukuoka in Kyushu eine B-29 mit 12 Mann Besatzung ab. Der befehlshabende Leutnant wurde nach Tokio zum Verhör gebracht, die anderen überlebenden 8 Besatzungsmitglieder wurden in der Anatomieabteilung der Universität bei lebendigem Leib abstrusen medizinischen Experimenten [2] unterzogen. Alle starben bei diesen Vivisektionen, implizit war dies sogar das Ziel, da man z.B. ausprobieren wollte, ab wie wenig Lunge ein Mensch nicht mehr überlebt [1 - 4]. Die beteiligten Ärzte und Krankenschwestern wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tod bzw. langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, 1958 waren aber alle wieder durch Begnadigungen auf freien Fuß [3].
Soweit die dem Roman zugrunde liegendem Ereignisse, die Endo aber nicht im Stil einer Dokumentation aufarbeitet. Vielmehr befasst er sich ausführlich mit den an diesen „Experimenten“ (die ja nichts anderes als Morde sind) beteiligten Menschen, zeigt deren Geschichte auf und analysiert die Beweggründe, aus denen heraus sie bei der Aktion mitgemacht haben.
Im Prolog des Romans läßt Endo einen Ich-Erzähler, der lungenkrank ist, erzählen, wie er nach dem Umzug in eine wenig bebaute Gegend der Stadt einen Arzt sucht, der ihn behandelt. Dieser Dr. Suguro, den er schließlich aufsucht, kommt ihm unheimlich vor, wortkarg, unfreundlich, mit aufgedunsenem Gesicht. Andererseits führt er den relativ unangenehmen Eingriff sehr routiniert und gut durch. So wird der Erzähler neugierig und er trifft tatsächlich jemanden, der diesen Arzt kennt und ihm verrät, daß dieser im Krieg an Vivisektionen beteiligt war.
Suguro ist die Hauptperson des Romans. Ein junger Praktikant im Krankenhaus, der zum ersten Mal für eine Patientin verantwortlich ist, eine alte, lungenkranke Frau, die als Wohlfahrtspatientin dort liegt und bald sterben wird. Der Chefarzt will aber noch eine riskante Operation durchführen, schließlich ist die Frau ja Wohlfahrtspatientin und vllt kann man bei der Operation etwas lernen, was anderen Menschen das Leben rettet. Der sehr wahrscheinliche Tod der alten Frau wird billigend in Kauf genommen. Suguro ist bedrückt darüber, ihm tut die Frau, der er ab und an etwas zum Essen zusteckt, leid. So hat er sich das Arztsein nicht vorgestellt. Immer apathischer wird er, niedergedrückter, deprimierter, die Sticheleien seines Kollegen Toda machen ihm zusätzlich zu schaffen. Zum Schluss ist er zu entscheidungsschwach, um „Nein“ zu sagen.
Toda ist dagegen aus anderen Holz geschnitzt. Von früher Kindheit an ist er es gewohnt, seine Mitmenschen zu blenden, ihnen nach dem Mund zu reden, um Erfolg zu haben. Er hat keine Scheu, andere für seine Streiche büßen zu lassen, Gewissensbisse sind ihm fremd. Und genauso handelt er als Arzt, kalt und herzlos. Ihm fällt das „Ja“ leicht, auch in der Hoffnung, bei dieser verwerflichsten aller Taten endlich sein Gewissen zu entdecken.
Die Krankenschwester Ueda schließlich ist die dritte Person, auf die Endo näher eingeht. Sie ist vom Leben nicht verwöhnt, ihre Ehe ist gescheitert, sie kann keine Kinder mehr bekommen. In der Mandschurei, wo sie ein paar Jahre lang lebte, hat sie „gelernt“, wie man mit „minderwertigen“ Menschen umgehen muss…. durch einen Fehler, den sie in der Klinik gemacht hat, wird sie erpressbar, auch sie macht mit.
Und die Professoren? Sind verstrickt in Machtkämpfe um die freigewordene Position des Dekans. Sie versuchen, sich in Stellung zu bringen durch besondere Leistungen, Kontakte zu einflussreichen Gruppierungen zu pflegen und aufzufrischen. Die Patienten sind ihnen egal, sind nur Material in ihren Händen und für ihre Zwecke.
Das Buch ist sehr eindringlich. Besonders wirkungsvoll ist der Kunstgriff Endos, die Lebensgeschichten der drei Protagonisten von ihnen selbst erzählen zu lassen. Dadurch versetzt er den Leser in die Situation, diese (für die herrschenden Umstände) nicht aussergewöhnlichen Lebensläufe mitzuerleben, die Brüche in ihnen nachzuspüren und die daraus resultierenden Konsequenzen und weiteren Handlungen zu verstehen als Folge einer langen Kette vorangegangener Demütigungen und Enttäuschungen. Endo entschuldigt nicht, natürlich wären immer auch andere Entscheidungen möglich gewesen, aber z.B. Suguro ist so depressiv, daß er selbst nach der Aufforderung Todas, doch nicht mitzumachen, sich nicht verweigern kann.
Alle Beteiligten wissen, daß sie einen Mord planen und begehen werden. Die Stimmung ist nervös und gedrückt, man sucht Entschuldigungen und Beschwichtigungen für das eigene Gewissen. Es herrscht kein Befehlsnotstand, jeder der Männer und Frauen nimmt aufgrund der eigenen Entscheidung teil, die möglichen Nachteile, die sie bei einer Verweigerung zu tragen gehabt hätten, wiegen leicht gegen die Schwere der Tat.
Das gesamte Buch durchzieht eine dunkle, düstere Stimmung. Die Not des Krieges, die Armseligkeit der Verhältnisse im Krankenhaus, das mitleidslose Handeln der Ärzte und Schwestern – von Endo alles sehr eindringlich und ohne große Emotionen, vertrauend auf die Kraft der Worte dargelegt.
Facit: ein sehr eindringlicher, intensiver Versuch nicht nachvollziehbares aufzuhellen
[1] http://b-29s-over-korea.com/Japanese-War-Crimes/index3.html
[2] http://bit.ly/ocpamw
[3] zeitnahe quellen zum Vorkommnis findet man hier: http://trove.nla.gov.au/
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Japanische_Kriegsverbrechen
[5] eine weitere Rezension zum Buch bei dokushoka.de
ich möchte auch noch kurz auf diesen beitrag von mir in den „Jüdischen Lebenswelten“ hinweisen, der das Thema „Menschenversuche“ im 3. Reich anreißt: „… die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren…“
Shusaku Endo
Meer und Gift
übersetzt aus dem japanischen von Jürgen Berndt
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 150 S., Ffm, 1984
Erstausgabe: Tokio, 1958
Ditmar Doerner: Schneefeste
September 2, 2011

Man kennt es aus diesen alten Filmen, eine (ein)geschlossene Gesellschaft, in der ein Mord geschehen ist, den es aufzuklären gilt. Genau dieses Szenario entwickelt Doerner in seinem Erstlingswerk, nur daß es kein Orientexpress ist, in dem die Handlung abläuft, er spielt auch nicht auf dem Nil oder in einem schottischen Schloss… sondern irgendwo kurz vor Weihnachten in der deutschen Provinz, in einem Kaff (man kann es nicht anders sagen) mit 80 Einwohner, davon 40 Kinder…. kurz vor Weihnachten, das heißt Winter und Winter kann unter anderem Schnee bedeuten. Und zwar in solchen Mengen, daß kein Schneepflug mehr die Zufahrt in das Dorf freihalten kann, die Menschen dort sind daher isoliert, denn auch das Telefonnetz ist zusammengebrochen, die Handys finden kein Netz und das Internetz ist auch wech…. selbst nach Netzstrümpfen wird man vergeblich Ausschau halten.
Das Buch lebt von Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten. Gut, nehmen wir mal an, der Anruf bei der Polizei war der letzte Anruf, der rausging aus dem Ort, bevor alles zusammenbrach. Gut, bei Mord muss die Polizei wohl erscheinen, aber wie? Richtig, mit Skiern, wenn sonst nichts geht. Daß zumindest einer der Beamten noch nie auf solchen gestanden hat, stört nicht weiter, sorgt für Erheiterung beim Leser und bei den rodelnden Kindern, an denen der Kugelblitz des etwas korpulenten Beamten auf die Sprungschanze zujagt und wird in der Folge zum running gag im Buch. Das Szenario scheint mir jedoch etwas weit hergeholt….
Zu allem Überfluß liegt nicht nur hoher Schnee in allen Gassen, durch selbige stromert auch noch der Zuchtbulle Nero, der sich aus dem Stall der Jonkers befreit hat. Die nicht mit letzter Konsequenz durchgezogenen Attacken des Bullen scheinen für die Ortsbewohner nicht weiter erwähnenswert, sondern eher so eine Art Ortsolympiade zu sein. Auch dies scheint mir nicht ganz realistisch: wo gibt es denn noch Zuchtbullen (d.h. Natursprung) in der Milchviehhaltung, noch dazu in so einer Klitsche, wie es die Jonkersche zu sein scheint? Eben!
Unsere beiden Helden, Ben Deicker und Tom Heller, sind das, was man auf gut deutsch „Buddies“ nennen kann: gegensätzlich im Äußeren und Inneren, sich stetig frotzelnd und neckend, aber der eine ohne den anderen geht nicht. Selbst des Nachts nicht, müssen sie sich doch das einzige noch freie Zimmer der Dorfschänke teilen und während der eine schnarcht wachträumt der andere von Anne….
Erst ein, dann zwei… so wie andernorts die Kegel abgeräumt werden, fallen in **** die gemeuchelten Männer auf den eiskalten Boden. Lange tappen und tappsen die beiden Kommissare im Dunkeln, vermissen das traute Heim und die wärmespendende Freundin, finden keine Spur und stoßen auf konsequene Ablehnung bei der Bevölkerung, die den Toten gegenüber von seltender Gleichgültigkeit scheint. Doch dann, mehr durch Zufall (sic!) erfahren sie von einem möglichen Motiv, eine schon länger zurückliegende Geschichte, die die Toten verbindet.. und dann geht es auch schon ratz-fatz: Deicker und Heller stolpern praktisch über den Täter, just nachdem dieser wiederum zur Tat geschritten haben wollte sein. Oder so ähnlich.
… und zu guter Letzt hat dann auch Nero sein Erfolgserlebnis und trottet zufrieden wieder zurück an seinen Platz.
Facit: Gespoilt habe ich bei dieser Buchvorstellung (glaube ich) nicht sonderlich. Ich könnte mir den Roman sehr gut als Kriminalgroteske vorstellen, ein kleiner Ort voll mit wunderlichen Menschen und zwei tappsigen Ermittlern im Doppelbett.. ähh…. pack. Als Roman ist es flott geschrieben, unterhaltsam, durch die Einteilung in viele Kapitel auch gut lesbar. Wirklich spannend ist es dagegen nicht, zu unwahrscheinlich (für mich) das Szenario. Die Zeichnung der Figuren wirkt noch etwas schablonenhaft, aber Deicker und Heller haben Potential.
Ditmar Doerner
Schneefeste
Ben Deickers erster Fall
Dix, HC, 2009, 357 S.





