Die 33jährige Elizabeth Kiehl lebt mit ihrem 17 Jahre älteren Mann Georg und ihrer 7jährigen Tochter Liza, die aus einer früheren Beziehung stammt, zusammen. Roche läßt uns drei Tage lang als Gast an Elisabeths Welt, vorwiegend (aber nicht nur) ihrer Gedankenwelt teilhaben. Kennt man die Vorgeschichte des Buches, das auf einer realen Begebenheit beruht, nicht, so muss man ein gutes Drittel des Textes lesen, bis man an die Schlüsselstelle kommt, die zumindest einen Ansatz liefert, das bis dahin gelesene in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.

Elizabeth Kiehl wollte vor acht Jahren in London heiraten (ebenso wie im Sommer 2001 die Autorin Charlotte Roche). Während sie selber am Vortag der Hochzeit von Deutschland nach England flog, wollte die Mutter mit den drei jüngeren Stiefbrüdern (im Roman ist noch eine Freundin eines der Brüder im Auto) mit der Fähre übersetzen, da das Brautkleid so „voluminös“ war, daß man es nicht in einen Koffer packen konnte und man es unbeschadet mit dem Auto nach England bringen wollte. Unterwegs kam es zu einen schrecklichen Unfall, bei dem die Mutter schwer verletzt und die drei Brüder getötet wurden [1]. Die mitfahrende Freundin überlebte ebenfalls.

Die Schilderung der Hochzeitsvorbereitungen, der ausgelassenen Stimmung unter all den Verwandten, die sich bereit machten, nach England zu fahren bzw. aus England zur Hochzeit anreisten, die Scherze, die dummen Sprüche und Glückwünsche und dann der Telefonanruf des Vaters, der Elizabeth die katastrophale Nachricht überbrachte (noch auf dem Flughafen, man hatte sich gerade gefunden und auf die Suche gemacht nach dem Busfahrer, der alle Mann einladen sollte) – das sind sehr eindringliche Seiten, gerade auch weil Roche hier einfach erzählt, so wie man diese Geschichte, stockend, mit Tränen in den Augen erzählen würde.

Nichts war mehr wie vorher, oder wie Roche es ausdrückt, dies war der Wendepunkt im Leben von Elizabeth.

Aus….den Berichten der Überlebenden, meiner Mutter und Rhea, und der Polizeiakte setzt sich folgendes Mosaikbild zusammen: …

Die Seiten, die jetzt folgen, in denen Roche die Abläufe beschreibt, den vermutlichen Unfallhergang, auch das, was sich im Auto abgespielt haben könnte (und was für Elizabeth wegen der Schuldfrage sehr wichtig ist), sind sehr bewegend, aufrührend. Sie erzählt von den Autofahrern, die anstatt zu helfen, die Ausfahrt nehmen .. sie schildert, wie Rhea (die Freunding des ältesten Bruders) wahrscheinlich aus dem Auto gekrochen ist und wegen der zertrümmerten Beine über den Boden robbt. Ein LKW-Fahrer zerrt die Mutter aus dem Auto, Passanten kippen ihr Getränke über die verbrannten Füße. Das Rückgrat ist gebrochen, wahrscheinlich durch den Schlag, als ein Kind mit dem Kopf gegen die Rückenlehne knallte. Das sich in Pfützen sammelnde ausgelaufende Benzin entzündet sich durch Funken aus den Autobatterien. Waren die Brüder (alles Stiefbrüder von verschiedenen Vätern) schon tot oder verbrannten sie bei lebendigem Leib? Die Frage quält Elizabeth bis zum heutigen Tag…

Im Krankenhaus eröffnet ihr, die sie gerade drei Brüder verloren und eine schwerstverletzte, vor Schmerzen dem Wahnsinn nahe Mutter hat, der Arzt, daß die Mutter suizidgefährdet sei und sie als nächste Verwandte jetzt eine zeitlang im Krankenhaus leben sollte, um auf die Mutter aufzupassen…. das ist einfach nicht zu fassen….

Die Liebe zu ihrem Beinahe-Ehemann hält diese Belastungen nicht aus, einmal schlafen sie noch miteinander. Es ist die Nacht, in der Liza gezeugt wurde.

Die einschlägige Sensationpresse belästigt die Familie nach einem Tag mit übelsten Methoden [2], nachvollziehbar (und gerechtfertigt) konzentriert sich aller Hass, alle Wut, Verzweifelung, alle Trauer, aller Zorn auf diese „Vergewaltigung“ der Hinterbliebenen. Bei all dem niederträchtigen ein positiver Effekt: Elizabeth hat ein Ventil und der Wunsch, sich zu rächen ist Motiv und Antrieb, die in die Zukunft reichen, die durch den Unfall ausgelöscht scheint.

Der Unfall hat die Zeit ausgelöscht, er ist ewig und gegenwärtig, er wird nicht zu Vergangenheit. Elizabeth ist gefangen in diesem Tagen, in denen das passierte, immer und immer wieder läuft dieser Film in ihrer Vorstellung ab….. Die Abschnitte des Buches, die sich um den Unfall und seine Folgen drehen, wären ein sehr starkes Beispiel für einen intensiven, sehr komplexen Trauerprozess mit all den „Stufen“, die auftreten können, der Verdrängung, des nicht-wahrhaben-wollens, (leben die Brüder vllt doch noch, konnten sich retten, in den Wald hinein, leben dort jetzt isoliert, haben vllt die Sprache verloren, finden nicht hinaus…), der Wut, des Zorns, der Frage nach der Schuld. Dieser Tod aller ist nicht zu be“greifen“: es ist im ursprünglichen Sinn des Wortes nichts mehr da von ihnen, noch nicht einmal Asche gibt es, es ist keine Spur geblieben von den Brüdern. Davon, daß sie überhaupt im Auto waren, musste die Polizei erst überzeugt werden…

Seit diesem Tag ist der Tod der ständige Begleiter Elizabeths. Er liegt mit ihr im Bett, er liegt auf ihr, wenn sie einschläft und er ist da, wenn sie wieder aufwacht. Um einzuschlafen, nimmt sie die Haltung einer Aufgebahrten ein. Hinter allem kann der Tod lauern, Elizabeth ist auf alles gefasst, daß sich der kleine Riss in der Zimmerdecke weitet und weitet und die Decke einstürzt und das Haus. In Gedanken weiß sie genau, was sie zu tun hat, in welche Ecke sie zu rollen hat. Jeder Autofahrer kann den Tod bringen: Angst wird zu einem lebensbestimmenden Faktor bei ihr. Und insbesondere auch die Angst, die Kontrolle zu verlieren, nicht mehr alles in der Hand zu haben. Ihr Testament zum Beispiel (es könnte ihr ja gelingen, sich von Mann und Kind zu lösen und zu gehen), ändert sie bei jeder Änderung ihrer Lebensumstände. Es darf nicht sein, daß irgendetwas nicht berücksichtigt ist in ihrem letzten Willen.

Mit Georg, den sie noch kennenlernte, als sie schwanger war, war sofort eine Verbindung da, er war die Erfüllung ihres Vaterkomplexes, das sich entwickelnde Liebesverhältnis ist nicht nur das zweier Erwachsener, sondern im übertragenen Sinn auch eins zwischen Tochter und Vater. Denn der Unfall war zwar das schlimmste Ereignis ihres Lebens, aber geprägt haben sie auch die Kindheit und die Jugend in ihrem Elternhaus, in dem ihre feministische [3] Mutter die Männer wechselte wie die Unterhemden. „Normales“ Familienleben hat sie nie kennengelernt und da sie sich auch als Ergebnis dieser Erziehung sieht, will sie für ihre Tochter genau das Gegenteil: ein spießiges, langweiliges, von Regeln und Ritualen durchsetztes Familienleben. Georg und Elizabeth heiraten [4], aber es kann keine einfache Zeit gewesen sein (und diese durchgestanden zu haben und noch durchzustehen ist eine große Leistung von Georg), denn Elizabeth lebt trotz Therapie all ihre Ängste und Psychosen aus. Sie „liebt“ Georg und verfolgt ihn trotzdem oder gerade deshalb mit allen Mitteln, auch weil sie nicht glauben kann, daß ein Mann wie er gerade eine Frau wie sie liebt und deshalb unterstellt sie ihm Lügen und Betrügen. Sie stellt ihm Fallen, in denen er sich verfängt, die kleinen Alltagsschwindeleien, die sie so entdeckt, sind für sie Zusammenbrüche, Zeichen dafür, daß sich hier etwas ihrer Kontrolle entzieht.

Ich habe das „liebt“ in Anführungszeichen gesetzt, weil das, was sich zwischen Elizabeth und Georg abspielt, nicht eigentlich Liebe ist [5]. Es ist ein Tauschgeschäft und Elizabeth versucht, in manchen Punkten mit einem großen Anteil von Selbstverleugnung, ihren Wert für Georg zu erhöhen. Und ein Mittel dazu, bzw. DAS Mittel dazu ist Sex. Georg kann von ihr verlangen, was er will, sie gibt es ihm, sie ist dazu bereit. Desto besser sie ihn bedient, desto wertvoller ist sie ihrer Meinung nach für ihn, desto lieber wird er sie haben und sie nicht verlassen. Es ist ein Tauschgeschäft und alles hat seinen Preis. Während des Sexes sind aber die einzigen Augenblicke für Elizabeth, von ihren Ängsten loszulassen und frei zu werden. Aber selbst in diesen Momenten gibt sie die Inszenierung gemäß ihres Kontrollwahns vor: Türen und Fenster müssen geschlossen sein und kein Licht darf nach aussen dringen …. Und Georg, der notgedrungen, weil Elizabeth völlig passiv ist, die absolute Initiative hat, schafft es sehr verlässlich, sie in diesen Zustand der Freiheit zu bringen.

Elizabeth ist nicht, sie hat (wieder nach Fromm: Haben oder Sein). Und zwar hat sie Rollen, die sie ausfüllen, spielen muss: die der Mutter, der Hausfrau, der Ehefrau, der Hure, der coolsten Frau, der besten Patientin…. Nur die „wahre“ Elizabeth, die gibt es nicht, die ist in der Zeitschleife des Unfalls gefangen, die Jetztzeit-Elizabeth ist immer nur versucht, die Erwartungen der anderen zu erahnen und zu erfüllen. Erst jetzt, acht Jahre nach dem Unfall regt sich ein erster eigener Wunsch in ihr, ganz leise, aber unüberhörbar klopft er an: so wie sie mit ihrem Mann auf seinen Wunsch hin ins Bordell geht (ihn aber auch allein gehen läßt) und ihn dort mit lesbischen Spielen aufpuscht, so will sie auch einen, mehrere, viele fremde Männer zwischen ihren Beinen spüren.

Es gäbe noch einiges zu sagen zu den Verlustängsten von Elizabeth, dem Kontrollwahn, dem fehlenden Selbstwertgefühl, der immanenten Todessehnsucht, ihrem gesamten fast schon zwanghaften Verhalten, aber ich denke, aus dem Vorstehenden wird schon klar, daß sich die „Schoßgebete“ deutlich von den „Feuchtgebieten“ unterscheiden, und zwar positiv. Daß Roche kein Problem mit der hinteren Körperöffnung hat, wissen wir ja seit damals und natürlich kommt dies auch hier zur Sprache, aber es beherrscht das Buch nicht. Es ist ein Punkt von vielen, er ist notwendig, um etwas zu verdeutlichen und zu illustrieren und weit entfernt vom Ekelfaktor der Feuchtgebiete. Genau wie der gemeinsame Besuch im Bordell – der den gesamten Text durchzieht, bis er gegen Ende des Buches dann tatsächlich stattfindet – dann letztlich die Schilderung einer sexuellen Eskapade ist, bei der drei Menschen eine Menge Spaß haben. Bliebe noch – in Bezug auf den Erstling – der Punkt Hygiene. Hier ist Roche meiner Meinung nach seltsam unentschieden: einerseits läßt sie Elizabeth zweimal ungewaschen und voller Geruch nach Sex zu ihrer Therapeutin fahren, andererseits läßt sie sie aber auch ein Deo benutzen, um die Geruch des Angstschweisses, der ihr bei der Fahrt mit dem Aufzug ausbricht, zu übertönen. Ebenso widersprüchlich ist das Beharren auf gebrauchte, deutlich müffelnde Bettwäsche einerseits und die Penibilität der Reinigung nach der Toilettenbenutzung andererseits. Ob diese Widersprüche Absicht sind oder einfach nur übersehen wurden – ich weiß es nicht [6].

Facit: Der Roman ist sicherlich nicht zur Hochliteratur zu zählen, in seiner Sprache und Tiefe weit entfernt von anderen, weitaus analytischeren Texten über Tod und Verlust, irgendwo – ich glaube in der ZEIT – habe ich den Ausdruck: „nahe an der Mündlichkeit“ gelesen, das trifft es ganz gut. Wer das Buch jedoch, durch die Feuchtgebiete angeatzt, lesen will, um seine persönliche Ekelschwelle mal wieder auszutesten, wird enttäuscht sein: zwar spielen Sex und Körperlichkeit auch in den „Schossgebete“n eine wichtige Rolle, sie beherrschen das Thema des Buches jedoch nicht, sondern ordnen sich ihm unter. Denn das zentrale Thema des Buches ist der katastrophale Unfall der Protagonistin (und damit der Autorin), der den Lebenslauf einer Frau mit sowieso schon komplexer psychischer Geschichte bis nahe an die Grenzen des eigenen Lebenswillen hin deformiert.

Eine Frage bleibt natürlich für Aussenstehende immer offen: Wenn die auslösende, zentrale Katastrophe real ist und der Autorin zugestoßen, wie real sind die sich daraus entwickelnden Folgen und wo fängt die Fiktion, das Ausgedachte an?

Im ZEIT-Magazin Nr. 33 [7] sagt Roche dazu: „….Nach so einem Unfall ist man vollkommen traumatisiert. Man hat unfassbar viele Ängste, die auch nicht mehr verschwinden. Angstzustände kommen und Panikattacken, gegen die man dann die ganze Zeit zu kämpfen versucht, um sie zu kontrollieren. Aber das funktioniert nicht, man rennt gegen Windmühlen an und bleibt diesen Ängsten ausgeliefert. Man kämpft dauernd gegen den Tod, obwohl der gar nicht da ist. Es passiert mir immer wieder, ich sitze scheinbar gelassen irgendwo, trinke einen Kaffee und habe innerlich Todesängste und versuche zu verhindern, dass diejenigen, die ich liebe, sterben. …

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,142927,00.html
[2] http://www.bildblog.de/tag/bild-und-charlotte-roche/
[3] die schöne Stelle, an der der typisch unverkrampfte Roche-Humor deutlich wird: von feministischer Seite wird Analverkehr als geht nun überhaupt nicht angesehen, ihr eigener Hintern würde aber sagen, dolle Sache! Wem darf sie jetzt glauben? Überhaupt enthält das Buch einiges an Seitenhieben speziell gegen Roches Intim“feindin“ Schwarzer.. wer mehr wissen möchte, kann sich hier im Spiegel den Artikel (einen unter vielen) durchlesen….: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,780345,00.html
[4] Elizabeths Nachname „Kiehl“ ändert sich durch die Heirat offensichtlich nicht. Obwohl ich ihr einen solchen emanzipierten und selbstbewussten Akt eigentlich nicht zutraue.
[5] ich habe schließlich meinen Fromm gelesen….
[6] ich halte es für durchaus möglich, daß dies einfach keiner gemerkt hat, denn all zu sorgfältig ist der Text wohl nicht gegengelesen worden. Auf S. 227 z.B. geht Georg für 20 min in den Keller, um Sport zu treiben. Elizabeth soll derweil u.a. Essen beim Inder bestellen, was mindestens 45 min braucht. Als Georg aber aus dem Keller wieder hochkommt, ist das Essen schon da. Nun ja, vllt hat er ja auch noch geduscht.
[7] Das Interview von Jana Hensel mit Charlotte Roche: http://www.zeit.de/2011/33/Roche-Hensel

Charlotte Roche
Schoßgebete
Piper, HC, 288 S., 2011

„Im Westen nichts Neues“ ist einer der Klassiker der Kriegsliteratur, oder besser gesagt, der Anti-Kriegsliteratur. Veröffentlicht wurde er 1929, schon schnell hatte das Buch Millionenauflage erreicht und wurde in viele Sprachen übersetzt. Einiges zur Entstehungsgeschichte, um die sich ein gewisser Mythos rankt, ist diesem Beitrag des Deutschlandfunks [1] zu entnehmen.

Es geht, man sieht es am Veröffentlichungsdatum, um den 1. Weltkrieg. Dieser Krieg ist, was die Kriegstechnik angeht, eine Zäsur. Der bis dato dominierende „Kampf“ Mann gegen Mann wird immer mehr „zugunsten“ einer technisierten, nichtsdestotrotz weiterhin äußerst grausamen Kriegsführung, zurückgedrängt. Die Soldaten üben immer noch den Kampf mit Bajonett und Seitengewehr und belächeln anfangs die gepanzerten Tanks, die sich im Lauf der Jahre aber durch ihre Fähigkeit, über alles einfach hinwegzurollen, Respekt erwerben. Auf den Schlachtfeldern tobt der Gaskrieg und fordert grausamst seine Opfer, die mit blauen Köpfen in den Schützengräben und Granattrichtern verreckt sind. Luftminen pusten die Soldaten förmlich aus den Uniformen und zerstäuben ihre Leiber in blutige Fetzen, die von den Ästen der Bäume hängen…

Quälend sind die Beschreibungen des hin- und hertobenden Kampfes, des vor und zurück, des Niedermähens der Leiber durch die MGs, des Zerfetzen der Körper durch die Granaten und die umherfliegenden Splitter, das elendige Ersticken und Verrecken derjenigen, die ihre Maske nicht schnell genug überziehen konnten oder auch zu früh wieder abnahmen. Besonders die jungen Soldaten, beinahe Kinder noch, mit denen die Lücken gefüllt werden sollen, die der Tod der altgedienten riss, sterben. Zu unerfahren, noch kein Instinkt, zu ängstlich: dem Tod geweihte, nein, besser: dem Verrecken ausgeliefertes Kanonenfutter.

„Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt; wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme, wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht….“

An anderer Stelle sagt Remarque, daß man das wahre Gesicht des Krieges im Lazarett betrachten kann, wo sich die, die man noch von den Schlachtfeldern retten konnte, sammeln…..

Genug damit. Und denke keiner, heutzutage sei der Krieg nicht mehr so grausam, nur weil man ihn aus Videospielperspektive in der Tagesschau miterleben kann…

Remarque schildert uns den Krieg, wie er durch seine Hauptperson, den jungen Paul Bäumer gesehen wird. Dieser gehört zu einer Gruppe von Schülern, die von ihrem Lehrer mit begeistertem Überreden zum Militär gebracht wurden. Dort erwartete sie stupider, schikanöser Dienst, Ausbildung genannt, die aber – trotz aller Sinnlosigket, oder vllt auch gerade deswegen – hilft, dem Grauen des täglichen Krieges stand zu halten. Paul reflektiert sehr genau, wie der Krieg ihn ändert, kurzfristig im Verlauf einer Schlacht, aber auch langfristig als menschliches Wesen. Aus Menschen, so sagt er, werden vor Angst beim Angriff dem Wahnsinn Nahe, Tiere, die nur noch töten wollen, sie werden zu Automaten, die nur noch funktionieren, die nicht mehr denken, nicht mehr fühlen bis sie dann zum Schluss wie gefühllose Tote übers Schlachtfeld irren, um an nächsten Tag, an dem vllt Ruhe herrscht, mit Blödsinn und Albenheiten wieder in´s „Leben“ zurück zu finden. Manch einer schafft es nicht, bekommt einen Koller, rennt mitten in der Schlacht hinaus, ohne Deckung in die MG-Salven…

Heimaturlaub, endlich. Doch Paul kann sich nicht einfinden in die Heimat, die feisten, Reden schwingenden Gesichter nicht ausstehen, die von der Ehre reden, der Nation, dem Stolz und das Verrecken nicht kennen. Er fühlt sich unwohl, steht wie ein Fremder vor den Büchern in seinem Zimmer, die er sich vor garnicht so langer Zeit erst vom Mund abgespart hat. Wie nichtssagend, wie unwichtig, nichts haben sie ihm mitgeben können für das, was er jetzt erlebt. Er, der kaum zwanzig ist, kennt vom Leben nur den Tod, die Verzweifelung – und die Kameradschaft derjenigen, die ihm in dieser seelischen Hölle Gesellschaft leisten, die in der gleichen Lage sind. Der Augenblick zählt, ein paar Minuten später kann man bereits tot sein…. Nur die Kameraden, die dasgleiche wie er erleben, können sich gegenseitig verstehen, vor ihnen gibt es keine Scham, keine Schwäche, weil alle dasgleiche fühlen, dasgleiche erleiden.

Der Krieg, jeder Krieg, hinterläßt Krüppel. Menschen, die lernen müssen, ohne amputierten Gliedmaßen oder andere Gebrechen durchs Leben zu kommen. Aber auch Menschen, deren Seele Schaden genommen hat so wie Remarque es uns in seiner Hauptfigur Paul so deutlich vor Augen führt. Es war eine verlorende Jugend, die dort auf den „killing fields“ des 1. Weltkriegs herangezogen wurde, eine Jugend, die keine Zukunft mehr sieht, die, selbst wenn sie sich äußerlich mit dem Leben nach dem Krieg wieder arrangieren kann, innerlich zutiefst verletzt und verwundet ist. Und diese seelischen Verwundungen, die verdrängten Kriegserlebnisse mit ihren Folgen werden tradiert auf die nächste Generation. Durch die Art, wie diese ehemaligen Kriegsteilnehmer ihre Kinder erziehen, übertragen sie die Folgen des Krieges auf sie, abgemildert vielleicht, aber deutlich. Wie sollten sie es auch anders können? Im Keller der Seele tobt der Krieg weiter, bis er dann im Alter, bei manchem in der Demenz wieder offen zu Tage tritt, in der Erinnerung, schmerzhaften meist, in der die Ängste wieder hervorkommen, das Zittern, das Grauen. Ich hatte hier im Ort einen älternen, nein: alten Herrn, sehr liebenswürdig, aber nur ein Thema: der Krieg. Man hatte immer das Gefühl, er wäre schon leipzig/einundleipz im U-Boot vor Paris dabei gewesen… und auch der eigene Vater: immer wieder der Krieg, die Ostsee, die Russen, das zerbombte Eis um die Flüchtlinge herum, die es im Winter über das Meer versuchten… die Nachkriegsliteratur ist voll von Figuren, Frauen wie Männern, die unter den seelische Folgen des Krieges leiden … nach dem Vietnam-Krieg prägten die Amerikaner den Begriff der PTBS, der „Posttraumatischen Belastungsstörung“, einer psychischen/psychosomatischen Erkrankung des Menschen nach traumatischen Erlebnissen. Der Begriff ist neu, die Krankheit so alt wie der Krieg, wie die Menschen….

Der Roman ist in zwölf Kapitel unterteilt, die insgesamt einen Zeitraum von 3 Jahren überdecken. Eine Kurzübersicht über den Inhalt gibt der entsprechende Wiki-Artikel [2], die einzelnen Abschnitte widmen sich typischen Situationen des Soldatenlebens im Krieg, die nüchtern und ohne Polemik dargestellt werden. Immer wieder auch die Gedanken und Überlegungen Paul Bäumers, der, je weiter der Krieg fortschreitet, immer mehr spürt, wie er sich selbst fremd wird, wie ihm der Krieg sein Leben raubt, seine Jugend, seine Zukunft. Ein Kamerad nach dem anderen stirbt, wird getötet, mit den neuen kann er gegen Ende des Krieges nichts anfangen, selbst diese sind ihm schon zu weit entfernt, als daß er eine Verbindung zu ihnen spüren würde. So bricht ihm auch noch das letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, weg, die Kameradschaft, die Freundschaft auf Leben und Tod. Er ist einsam zum Schluss, inmitten aller Menschen, die der Tod übrig gelassen hat. Und so bleibt zum Schluss der Eindruck, das Ende sei ihm garnicht so schlimm geworden….

Ein paar Jahre vor Remarques Klassiker erschien 1924 ein Buch von Ernst Friedrich: „Krieg dem Kriege“, das den 1. Weltkrieg in Bildern zeigt. Es ist wie eine Illustrierung des Romans, das kleine Bildchen, das ich oben hineingestellt habe, ist diesem Buch entnommen , die google-Bildersuche führt zu weiteren Bildern. Es ist ein erschütternder Aufruf gegen das Morden, das Abschlachten der Menschen durch den Menschen im Krieg. Wer „Im Westen nichts Neues“ liest, sollte sich dieses kleine Büchlein auch besorgen….

Facit: Zwar haben sich die Kriege, zumindest die von unserer Gesellschaft geführten, geändert gegenüber diesem Krieg, die Sinnlosigkeit und das Verbrechen, das jeder Krieg an den Menschen ausübt, sind jedoch geblieben. Und so hat Remarques Roman über das Schicksal von Paul Bäumer nichts an Aktualität verloren.

Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Erstausgabe: 1929
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 1984

Ernst Friedrich
Krieg dem Kriege
Erstausgabe 1924
diese Ausgabe: zweitausendeins, 1981

[1] Beitrag des Deuschlandfunks/909792/ zum 80jähren Jahrestag der Erstveröffentlichung
[2] zum Wiki-Artikel über den Roman mit weiterführenden Links

der Folgeband: „Erich Maria Remarque: Der Weg zurück“ bei aus.gelesen

Maria Magdalena Gostomska ist 35 Jahre alt, hat blaue Augen und helles blondes Haar. Die Offizierswitwe lebt allein in Warschau, es geht ihr recht gut, sie arbeitet das Werk ihres früh verstorbenen Mannes auf. So könnte es für sie im Warschau des Jahres 1943 weitergehen, begegnete sie nicht zufällig auf der Straße dem Bronek Blutmann, dem Spitzel, dem jüdischen Judenjäger, der sie erkennt von früher, als sie noch Irma Seidenmann hieß und ihr Mann Ignacy Seidenmann ein bekannte Röntgenologe war. Da helfen ihr weder die guten Papiere, die sie hat noch ihre wunderschön arische Nase, Blutmann schleppt sie in die Schuch-Allee zu Strucker, dem Gestapo-Offizier. Gerade so eben noch gelingt es ihr, den Rikscha-Fahrer, der sie fährt, zu bitten, ihrem Nachbarn, dem Dr. Korda, mitzuteilen, man habe sie unter der absurden Beschuldigung, eine Jüdin zu sein, zur Gestapo gebracht.

Dieser Vorgang ist die Grundkonstellation in Szczypiorskis Roman, um den sich wie Pflanzen um ein Gitter herum die Schicksale verschiedener Menschen, Täter wie Opfer, ranken, ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen. Dr. Korda zum Beispiel, den Frau Seidenmann benachrichtigen kann und der sie nur als vornehme Frau Gostomska kennt, ist ob der Unglaubwürdigkeit des Vorwurfs gegen jene erschüttert. Leider steht der Altphilologe mit Tacitus und Cäser auf besserem Fuss als mit seinen Mitmenschen im momentanen Polen unter der Besatzung, das einzige, was ihm einfällt, ist, den jungen Pawelek zu benachrichtigen, von dem er weiß, daß auch dieser die Frau Gostomska kennt. Sogar – so erfahren wir in seiner Geschichte, die Szczypiorski uns darlegt – verliebt ist dieser in, sehr sogar und er ruft sofort einen Bekannten an, von dem er sich tätige Hilfe erhofft, da der Herr Filipek schon früher ein Widerständler war. Wir erfahren auch die Geschichte des Pawelekschen Freundes Henio, des Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts, der sein bester Freund ist und dann ins Ghetto ziehen muss. Dieser Henryk Fichtlbaum flieht aus dem Ghetto, schlägt sich einen Winter durch, auf Dachböden, die ihm wie eigene Gefängisse sind, im Wald. Er kehrt nach Warschau zurück, versteckt sich eine Nacht auf einer Latrine und trifft am Morgen eine junge Dirne, die ihn mit aufs Zimmer nimmt, ihm zu essen gibt, ihn schlafen läßt, auch mit ihr. Danach hat Henryk seine Wahl getroffen, er ist erwachsen geworden, er geht zurück ins Ghetto und stirbt dort.

Das sind nur wenige der Personen, die Szczypiorski in seinem Roman auftreten läßt. So hat der Rechtsanwalt Fichtlbaum zum Beispiel noch eine sehr junge Tochter, Joasia, die er retten und aus dem Ghetto schmuggeln muss, auch daran sind viele unterschiedliche Menschen beteiligt, vom Berufsverbrecher bis hin zur Nonne. Der PG Müller, zwischen Polen- und Deutschtum hin- und hergerissen, wäre zu nennen genauso wie der Gestapo-Offizier Stuckler und einige andere mehr….Aber an dem kurzen Überblick ist das Prinzip des Romans erkennbar: Szczypiorski greift sich diese Personen aus den verschiedenen Milieus, die ein exemplarisches Bild abgeben von den Verhältnissen des besetzten Polens, diesem Flecken Erde, der der östliche Teil Europas ist genauso wie das westliche Ende Asiens, der aus beiden Kontinenten Charakteristika und Eigenschaften in sich vereinigt.

Der Roman ist eine Momentaufnahme Warschaus des Jahres 1943. Vieles erfahren wir über dieses Polen unter deutscher Besatzung. Die Juden sind mittlerweile per Befehl gezwungen worden, ins Ghetto zu gehen und selbiges ist durch eine Mauer vom arischen Teil der Stadt abgetrennt. In der Stadt selbst läuft eine große Umverteilung, jüdisches Eigentum, das zurückgeblieben ist, wird verhökert, verkauft, geklaut, gekauft, es ist eine kriegsbedingte Umverteilung im Gange. Auch die Mauer des Ghettos ist nicht absolut dicht, es gibt, so erfahren wir, verschiedene Tarife für z.B. das In-die-Luft-Schießen der Wachtposten und die Telefonleitungen ins Ghetto sind nie gekappt noch je abgehört worden. Und so können immer wieder Rettungsaktionen für einzelne organisiert werden.

Locker hängen die einzelen Abschnitte zusammen, sie stellen einen mehr oder weniger ausführlichen Lebenslauf der betreffenden Person, von der sie handeln dar. Die Besonderheit ist, daß Szczypiorski nicht im Jahr 1943 stehenbleibt, nein, im Gegenteil, er beschreibt auch das weitere Schicksal der Menschen, die nach dem Krieg nicht mehr unter den Nazis, sondern unter den Moskowiter zu leiden haben und dieses leiden ist sich ähnlich….: „Die Welt war nicht mehr so grausam wie früher, aber sie wurde unerträglich trivial. Eine Welt des Mangels, der scheinbaren Ordnung und öffentlichen Sicherheit. Gepflegte Beete, aber stinkende Müllhaufen, echte Freiheit, aber gesperrte Zugänge„, so befindet er Paweleks weiter Zukunft, in der nicht mehr der Krieg schrecklich war, sondern der Friede [1]. Und immer wieder spielt er mehr oder weniger offen auf die Unruhen an, die 1968 in Polen herrschten, auf den Anti-Semitismus, der zu einer massenhaften Auswanderung/-bürgerung von Juden führte.

Und wie der Roman ein Buch ist über Menschen ist er auch eins Polen, das Schicksal dieses Landes, das zwischen dem nach Perfektion strebenden Deutschland und dem zum Teil irrationalen, von Asien geprägten Moskowitern liegt. Wer hat nicht alles seine Spuren in diesem Land hinterlassen, die Seele der Menschen geprägt im Lauf der Jahrhunderte… die deutsche Besatzung ist „nur“ eine Episode in diesem Geschichten Ablauf, die abgelöst wird durch eine andere Herrschaft….

Facit: ein tiefgründiger Roman, der Polen als gequältes Land zwischen Ost und West sieht.

Links:

[1] Jahre später schreibt Szczypiorski dazu folgendes:“.. Sie [i.e. die Russen] waren zu mir gekommen, hinter den Stacheldraht des KZ Sachsenhausen, um mich zu befreien. Später aber nahmen sie mir die Freiheit fast für das ganze leben. … Ich hatte sie begrüßt als Junge mit faulendem Bein, als biblischer Lazrarus aus Warschau, der unter Tausenden von Toten aufstand, um in der Unfreiheit zu leben.“ aus: A. Szczypiorski: Meine drei Kriegsenden in: Appel R. (Hrsg): Es wird nicht mehr zurückgeschossen, Lingen Verlag, Bergisch Gladbach, 1995, S. 302

- Wiki-Artikel zu Andrzej Szczypiorski. Dort lernt man übrigens auch, wie der Name auszusprechen ist….
- Bilder aus dem Ghetto in Warschau
- Wiki-Artikel zu den Ereignissen im März 1968 in Polen, zum Einstieg ist die Geschichte hier etwas kürzer dargestellt. Ferner eine Erinnerung an die Ereignisse mit 30 Jahren Abstand hagalil.com

Andrzej Szczypiorski
Die schöne Frau Seidenmann
übersetzt von Klaus Staemmler
der Besprechung liegt die Buchclub-Ausgabe zugrunde

Nach dem 21. April 1967 gab es für den politischen Menschen in Griechenland nur eine Legitimation weiterzuexistieren: den Widerstand.
Diejenigen, die darauf bestanden, politische Menschen zu bleiben, unterwarf das neue Regime einem Prozess formaler Anpassung an die neuen Idelale. Diesen Prozeß könnte man auch bürokratisch nennen; er kannte keinen anderen Hass als den traditionellen Antikommunismus.
Ich habe versucht, ein politischer Mensch zu bleiben.
P.K.

Griechenland hat nach dem 2. Weltkrieg lange gebraucht, um politisch zur Ruhe zu kommen. Zu den einschneidenden Machtwechseln gehörte der Putsch der Militärs am 21. April 1967, die für Aussenstehende recht unübersichtliche Geschichte des Putsches kann in der Wiki nachgelesen werden. Die Machtübernahme der Militärs war verbunden mit einem auf Angst, Einschüchterung, Denunziation, Gewalt und Terror begründeten Regime.

Periklis Korovessis war ein junger Intellektueller, der am Theater arbeitete, Stücke schrieb und sich mit seiner politischen Gesinnung eher am linken Rand des Spektrums angesiedelt hatte. Mithin war er als Opfer für Polizei und Geheimdienste geradezu prädestiniert. Sie holten ihn eines frühen Morgens aus seiner Wohnung, die sie „Durchsuchung“ genannt, verwüsteten. Damit hatte Korovessis einen ersten Vorgeschmack auf das, was ihn erwartete.

In der folgenden Zeit wird er vom Geheimdienst verhört, man will ein Geständnis, man will Namen haben. Periklis Korovessis kann und will keine nennen. Damit und nach einigen Schlägen ist der zivile Teil des Verhörs beendet und der wissenschaftliche beginnt. Das bedeutet, daß er auf eine Bank gefesselt wird und seine Fußsohlen mit Holzknüppeln zu Brei gehauen werden. In einer weiteren Stufe werden Metallschläger genommen. Ohnmachten werden durch Wasserbäder beendet, Schreie durch Verstopfen des Mundes mit schmutzignassen Putzlumpen gedämpft. Geschlagen (natürlich nicht nur auf die Fusssohlen) wird solange, bis der Schläger müde ist. Man zerrt ihn an die Brüstung und tut so, als sei man es leid und würde ihn hinunterstoßen. Geschlagen wird im Militärhospital, in das er zwischenzeitlich kommt, nicht. Er wird auch nicht behandelt. Dafür aber isoliert und mit Elektroschocks gefoltert. Irgendwann verlieren die Folterer die Lust und hören auf. Ausserdem braucht man die Bank für die neu eingelieferten.

Periklis Korovessis hat keine Namen genannt.

Diese sehr zusammengefasste Tortur zieht sich über viele Tage hin, Tage, in denen das Opfer die Orientierung verliert, nicht weiß, ob es Tag ist oder Nacht, nicht weiß, wo es ist. Es verliert auch die Erinnerung an die Einzelheiten dessen, was passiert ist, es kostet viel, sehr viel Mühe, sich alles ins Gedächtnis zurück zu rufen. Korovessis schafft es, der Qual zu widerstehen, nicht zusammen zu brechen, er ist in der Lage, sich selbst zu beobachten, sich nicht nur dem Schmerz zu überlassen, sondern ihn quasi zu analysieren, zu verstehen versuchen, was mit ihm passiert. Sehr detailliert beschreibt er die Wirkung der Schläge vom ersten, betäubenden Schmerz der ersten Schläge bin hin zu dem Zustand, in dem man keinen Schmerz mehr fühlt, weil man selbst der Schmerz ist. Es existiert nichts anderes mehr als nur der Schmerz. Der Schmerz ist überall, er ist im ganzen Körper, der Körper selbst hat sich aufgelöst und ist nur noch Schmerz. Und doch ist der Geist noch in der Lage zu denken, zu beobachten, zu analysieren….

Das Büchlein fiel mir beim Umsortieren meiner Regale, wahrscheinlich nach Jahrzehnten der Ruhe, wieder in die Hand. Es ist ein objektiver, das heißt, nicht durch Hass o.ä. verzerrter, nüchterner Bericht dessen, was Folter (und das kann man ja verallgemeinern, es galt nicht nur für die geschilderten griechischen Verhältnisse) ist und wie sie wirkt. Und das Erschreckende ist die weitgehende „Normalität“ der Folterer, die, wie jeder andere Arbeitnehmer auch, am Abend nach Hause gehen zu Frau und Familie…. Einer der Schergen verabschiedet K. bei der Entlassung damit, daß dieser ihm eigentlich ganz sympathisch sei und .. Schwamm drüber, jetzt seien sie Freunde und ob er, K., ihn nicht mal besuchen wolle…

Und doch braucht Folter offensichtlich ein Alibi. Warum sonst wären die Folterer so erpicht darauf, einen Namen genannt zu bekommen? „Es kann auch ein falscher sein!“ bekommt K. als Angebot gemacht, Hauptsache, er nennt einen. Dabei hat das Regime doch die Macht, sich ohne Begründung jeden x-beliebigen zu schnappen… nun, so erkäre ich mir das, das Verraten echter Freunde oder das Denunzieren andere ist eine Art moralischer Folter, der betreffende erkauft sich seine „Erlösung“, in dem er andere opfert. Er wird dadurch verantwortlich, auch wenn ihm das kaum vorzuwerfen ist (Belli beschreibt in ihrer „Bewohnte Frau„, daß es unter den Rebellen die Anweisung gab, eine Woche durchzuhalten, um den Companeiros die Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen.), in diesem Sinne wird der Gefolterte sogar zum Komplizen der Folterer, er geht ein Geschäft ein mit diesen, indem er ihnen einen anderen gibt. Natürlich hat die Namensnennung im Kreis seiner Kameraden auch Rückwirkungen, was hat er alles noch verraten, kann man ihm noch trauen?

Folter, das Quälen von Menschen.. das Potential dazu, und das ist das Erschreckende, ist nicht so weit entfernt, wie man glauben mag. Ein „vernünftiger“ Grund, und viele wären bereit dazu, so wie der ehemalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner zu handeln …. vllt kennt auch der eine oder andere „Das Experiment“ und die dem Film zugrunde liegenden Untersuchungsergebnisse entsprechender Versuche von Milgram. Ich habe vor ein paar Tagen Fromms „Die Kunst des Liebens“ hier vorgestellt, vllt sollte ich sein „Die Seele des Menschen: ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen“ auch noch mal lesen….

Periklis Korovessis
Die Menschenwärter
Übersetzt von Armin Kerker (!)
Zweitausendeins, 1981, TB, 120 S.
Originalausgabe: Paris, 1975

„Rot wie eine Braut“ ist eine ca. 80 Jahre überstreckende Familiengeschichte aus dem Land der Skipetaren. Es ist eine Zeitspanne, in der sich die Welt – nicht nur für, aber wegen der herrschenden „Rückständigkeit“ insbesondere – für die Albaner grundlegend ändert. Vor diesem Hintergrund erzählt uns Ibrahimi vom Schicksal der Familie.

Hauptperson des Buches ist Saba, die Tochter Melihas, die insgesamt 5 Töchern und 4 Jungs das Leben geschenkt hat. Meliha und ihr Mann Habib stehen einer wohlhabenden Familie in einem abgelegenen Bergdorf vor, bis ein Unglück über sie hereinbricht. Habib tötet bei dem Versuch, einen seiner Söhne aus einer Gefahr zu retten, einen anderen Jungen. Um die jetzt der Tradition gemäße Blutrache zu verhindern, kauft sich die Familie frei und büßt dadurch einen großen Teil ihres Vermögens ein. Und gibt Sultana, eine Schwester Sabas in die Familie des Opfers. Doch Sultana widerfährt etwas Ungewöhnliches: sie und ihr ausgesuchter Mann verlieben sich ineinander, nur Kinder kann sie ihm keine gebären, sie stirbt im Wochenbett. Omer, der Witwer, widmet sich daraufhin aus Kummer dem Raki, nach Jahren wird er wieder verheiratet und noch einmal muss Meliha eine Tochter geben: Saba, die jüngste, die zarteste, gebrechlichste. Ganz in Rot gekleidet kommt die 15jährige in das Haus ihres Mannes, der sich am Tag der Hochzeit mit seinen Freunden zusammen betrinkt. Saba interessiert ihn nicht, sie muss er schließlich noch ein ganzes Leben lang sehen und in seiner Sehnsucht ist er immer noch bei Sultana. Nachdem er dann die ganze Nacht besoffen im Bett geschnarcht hat und Saba, die die ganze Zeit schüchtern in der Ecke stand, am Morgen endlich wahrgenommen hatte erinnerte er sich daran, daß dies ja seine Hochzeitsnacht gewesen war. Und so überzeugte er Saba, seine Frau, durch ein paar Ohrfeigen davon, daß es für beide besser sei, jetzt gleich anschließend ein Bettlaken mit rotem Fleck vorweisen zu können.

Die schüchterne, ihr Mutter vermissende Saba hat einen schweren Stand in der Familie und muss sich in der Hierarchie der Frauen erst hochgebären, und wirklich anerkannt wird sie nach drei Töchtern erst mit dem Sohn Luan. Das Leben im Dorf ist wie es seit Generationen von Arbeit geprägt, Arbeit im Haus, Arbeit im Feld, von früh morgens bis spät abends. Der Sinn des Frauenlebens ist es, Kinder zu bekommen, die dann gut zu verheiraten sind. Gut zu verheiraten heißt insbesondere bei Mädchen strengstens darauf zu achten, daß die Ehre gewahrt bleibt, denn ein junger Mann wäscht sich die Hände, um eine Frau zu reinigen würde alle Seife dieser Welt nicht ausreichen. Im engen Bereich des Hauses, wo Männer nur Gäste sind, wie es an einer Stelle des Buches heißt, ist die Stellung der Frau besser, insbesondere natürlich der ältesten, der Mutter bzw. Schwiegermutter.

Der Krieg kommt und mit ihm Fremde, Italiener, Deutsche. Das Land wird besetzt und in einer Winternacht kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen deutschen Soldaten und den Brüdern Sabas. Drei von ihnen sterben zusammen mit der von einem Bajonett aufgeschlitzten, schwangeren Schwägerin. Ein furchtbares Unglück, Saba wird von diesem Moment an nur noch in Schwarz gehen. Aber in nicht allzuferner Zukunft hat dieses Unglück auch eine positive Nachwirkung: die Familie hat im kommunistischen Nachkriegsalbanien Heldenstatus wegen der Opfer im Widerstand gegen den Faschismus.

Nach dem Krieg bessert sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft, Schul- und Berufsausbildung ist gesellschaftlich erwünscht. Das selbst verdiente Geld gibt ihnen auch Selbstbewusstsein. Als Staat verliert sich Albanien in die Isolation, umgeben von Feinden und nur wenigen Freunden, erst sind dies die Genossen in der Sowjetunion, dann, nachdem mit denen gebrochen wird, sind es die Chinesen. Aber auch deren Freundschaft ist nicht von Dauer. Erst nach dem Tod Hoxhas, des Diktators, befreit sich das Land aus der Selbstisolation. Auch in Tirana gibt es einen Mauerfall, Ibrahimi erzählt von einem Albener, der mit seinem Auto solange rückwärts gegen die Mauer eines Botschaftsgebäudes fährt, bis diese ein Loch hat, durch das jetzt -zig Menschen in das Gebäude stürmen. Letztlich werden Tausende Albaner, die sich in westliche Botschaften flüchten konnten, still und leise ins Ausland abgeschoben.

Die Erzählerin der vor diesem ganz grob umrissenen politischen Hintergrund sich abspielenden Familiengeschichte ist Dora, eine Enkelin Sabas und ich denke, man geht nicht falsch, ein stark biographisches Element der Autorin Ibrahimi in diesem Roman zu sehen. Dora, mittlerweile nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Zürich nach Rom ausgewandert, hat die alte Truhe Sabas geerbt und die alten Ohrringe, dieselben, die Sultana und Saba bei ihren Hochzeiten trugen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie, die archaische Lebensweise, die strengen Rituale, aber auch die kleinen Heimlichkeiten (die jedoch mit großen Gefahren verbunden waren) des Lebens auf dem Land in einzelnen Episoden. Im ersten Teil des Buches, der mit dem Tod Melihas endet, sind diese Abschnitte der Geschichte noch relativ eng miteinander verzahnt, im zweiten Teil des Buches dagegen wirkt der Roman eher wie eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten einzelner Familienmitglieder. Jetzt sind aus den Brüdern und Schwestern Sabas Onkel und Tanten geworden, die Töchter Sabas sind jetzt Mütter (oder auch nicht…) und Luan, der Sohn, ist mit Genossin Klementina, die Augenbrauen hat wie weiland Breschnew, verheirat und Vater von Dora. Tragisch sind viele der Geschichten, keineswegs sind alle Familienmitglieder nur Engel. Besonders rührt das Schicksal von Atika an und das von Esma… der menschenverachtende Irrsinn des Regimes, der ohne Rücksicht Familien und Paare auseinanderreißt, die Absonderlichkeiten eines Systems, in dem Planer beauftragt werden, ein Gebäude zu planen, aber nicht wissen dürfen, welchem Zweck das Gebäude dienen soll….. Beispiele nur, aber aussagekräftige.

Das Heranwachsen und Erwachsenwerden von Dora ist um vieles leichter und einfacher als das z.b. ihrer Großmutter Saba. Sie geniesst viele Freiheiten, die für diese, die nur selten aus dem Dorf herauskam, noch undenkbar waren. Sogar einen Ausflug in die Protraitmalerei unternimmt sie…. sie geht zur Schule, auf die Universität, lebt dort unter Dauerpropagandabeschallung in einem Wohnheim, erlebt die Revolution mit und das anschließende Chaos der Freiheit…. letzlich gibt sie aber der Sehnsucht nach, ins Ausland zu gehen, die Enge und Provinzialität Albaniens hinter sich zu lassen.

„Rot wie eine Braut“ ist ein schönes Buch, ein gut lesbares. Durch die Strukturierung in die in sich weitgehend abgeschlossenen Abschnitte kann man es gut auch dann lesen, wenn man wenig Zeit hat oder zwischendurch. Es strahlt aber bei weitem nicht die Kraft aus wie es „Das ewige Leben der Albaner“ von Vorpsi tut, im Gegensatz zu diesem kommt es ein wenig wie „weichgespült“ daher.

Anilda Ibrahimi
Rot wie eine Braut
aus dem italienischen übersetzt von Franziska Kristen
btb 2011, 320 S.

Nagasaki ist unserem Gedächtnis weniger präsent als Hiroshima, es ist wohl eine allgemein menschliche Eigenschaft, das „Zweitereignis“ gegenüber dem ersten in der Bedeutung geringer einzuschätzen. Und doch steht das Grauen, das in Nagasaki herrschte dem von Hiroshima in keiner Weise nach.

Am 9. August 1945 um 11:02 Uhr detonierte mit „Fat man“ [1] die zweite Atombombe im Kriegseinsatz über Japan.

Sie traf mit Nagasaki eine Stadt, die in mehrfacher Hinsicht „Pech“ hatte. Zum einen war die Stadt „nur“ das Ausweichziel. Primärziel war ursprünglich Kokura an der Nordküste von Honshu, wegen des dort zum Zeitpunkt des Zielanflugs um 10:44 unter einer dichten Wolkendecke, die die Lokalisierung des Zielpunkts unmöglich machte. So wich man auf Nagasaki aus, das jedoch auch unter einer dichten Wolkendecke lag. Die Besatzung musste jetzt entscheiden, ob man die schon scharf gemachte Bombe einfach ins Meer werfen wollte oder ob man sie per Radar ins Ziel bringen sollte. Da riss die Wolkendecke auf und gab kurzzeitig den Blick auf ein Gebiet etwas flussabwärts des ursprünglichen Zielsektors frei. Die Bombe wurde abgeworfen und detonierte in 500 m Höhe über den steilen Hängen in dieser Region, die die zerstörerische Wirkung der Bombe etwas abschwächten (alles ist relativ….).

Auf amerikanischer Seite lief nicht alles nach Plan, die Fertigstellung von „Fat man“ musste in aller Eile durchgeführt werden, da der Einsatz vorgezogen wurde. Da außerdem die Wirkung der Hiroshima-Bombe derart umfassend und zerstörerisch war, musste man davon ausgehen, daß sich die Nachricht von deren Einsatz in Japan nur mit Verzögerung verbreitete, da alle Kommunikationswege ebenfalls zerstört waren. Ursprünglich war davon ausgegangen worden, daß sich die Informationen über die Auswirkungen der Bombe rasch im Land verbreiten würden. Die erhoffte demoralisiernde Wirkung der Bombe hat sich also noch nicht entwickelt gehabt. Es wurde hektisch an einem Flugblatt gearbeitet, in der die japanische Bevölkerung über die Wirkung der Bombe aufgeklärt werden sollte verbunden mit der Aufforderung, an den Tenno zu appellieren, den Krieg zu beenden.

***

Da es jedoch einen Engpass an Flugblattbomben gab, wurden diese Flugblätter über Nagasaki erst am 10. August abgeworfen, so daß die Forderung nach dem Appell an den Kaiser (zumindest hinsichtlich der Stadt Nagasaki) ins Leere lief.

Bis Ende 1945 starben in Nagasaki 70.000 Menschen, im Laufe der nächsten 5 Jahre waren es 140.000, die Todesrate entsprach schließlich doch der von Hiroshima. [2]

****

Am 9. August 1945 ist um elf Uhr zwei Minuten in 550 m Höhe über Matsuyama im Zentrum des Urakami-Viertels von Nagasaki eine Pluton-Bombe atomisch explodiert.
Eine Gewalt gleich einem mit 2000 Metersekunden daherfegenden Sturm zerstörte und pulverisierte jeden Gegenstand auf der Erdoberfläche. Das im Explosionszentrum entstandene Vakuum riß wie ein Tornado die Trümmer hoch in den Himmel und ließ sie darauf zu Boden stürzen.
Die erzeugte Hitze betrug 9000° Celsius. Sie kremierte jeglichen Gegenstand. Bombensplitter in Form weißglühender Bälle regneten nieder und entfachten in weitem Umkreis Brände. Über dreißigtausend Menschen wurden getötet, über hunderttausend verletzt. Weitere ungezählte Tausende waren den radioaktiven Strahlen ausgesetzt, die zur Atomkrankheit führten.
Eine dichte Wolke von Staub, Schmutz und Rauch bildete sich nach der Explosion. Sie legte sich vor die Sonne und bewirkte eine tiefe Dunkelheit, genau wie bei einer Sonnenfinsternis.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Arzt Dr. Nagai [7], ein Katholik [3], in der Medizinschule von Nagasaki. Gerade war eine Luftschutzübung abgehalten und der Endalarm gegeben worden… Nagai berichtet von der Hochsommersonne, die über dem südwestlich gelegenen Urakami-Viertel auf die Erde brannte, als das Geräusch einer einzelnen B-29 zu hören war. Beobachter konnten sehen, daß die hoch fliegende Maschine etwas fallen ließ…. es gab keine Detonation, nur ein helles Licht.. und diese gigantische Welle, die in ungeheurem Tempo über die Hügel und Felder schoss, sich ausbreitete und alles niederwalzte und zerriss. Kein Blatt, kein Grashalm, nichts war mehr zu sehen, nachdem sie vorüber war. Alles war dahin.

Nagai hatte das Glück, hinter einer massiven Betonmauer zu stehen, als die Bombe detonierte. So wurde er zwar verletzt, überlebte aber wie einige seiner Mitarbeiter, denen es ähnlich ging. Die allermeisten jedoch starben. Man wusste nicht genau, was passiert war, vereinzelte Gerüchte gab es über die Bombe, die Hiroshima zerstört hatte und so vermutete man schnell, daß dies eine ähnliche Bombe gewesen war. In der Nacht hörten Nagai und seine Gefährten die Flugzeuge, die die oben erwähnten Aufrufe abwarfen, als er mit wenigen Überlebenden in der Nacht durch die verwüstete Stadt irrte. Am Morgen fanden sie dann die Flugblätter….

Zweimal hörten wir in der Nacht feindliche Flieger ber uns. Sie streuen Flugblätter [siehe das kleine Bildchen, anklicken] aus.
Gegen Mitternacht ließ der Brand endlich nach. Die Hilfsschrei und das Jammern hatten ganz aufgehört. Waren sie alle tot, hatten sie erschöpft aufgegeen oder Schlaf gefunden? Kein Laut zwischen Himmel und Erde…
Es war ein feierlicher Moment.
Feierlich und entscheidungsschwer auch war der Augenblick im Kaiserpalast zu Tokio, wo der Tenno den Befehl erließ, daß die Nation sich ergebe. ….


Die Aufzeichnungen von Nagai spiegeln eine seltsam gespalten anmutende Gemütsverfassung wieder. Zum einen natürlich der Schrecken, der Horror der Bombe, der er nur knapp entkommen ist und deren Wirkung so ungeheuerlich, so unfassbar war. Zum anderen aber transzendiert er dieses, indem er sich klar zu machen versucht, was eigentlich passiert ist, wie diese Bombe funktioniert haben mag, was der wissenschaftlich-technische Hintergrund war. Mit erschreckender Nüchternheit beobachtet er auch die Wirkung der Bombe, die direkten Schäden, die sie hervorruft, die Verbrennungen z.B. aber auch Schäden durch die Druck- und Sogwelle [5], ebenso die ersten Symptome einer Strahlenkrankheit, die nach wenigen Stunden auftreten. Vielleicht ist auch dies eine besondere Art der Verdrängung:

… wir lagen nun hier im Unterstand als Opfer der Atombombe, die eine Kristallisation der atomphysikalischen Theorie war. Nun waren wir selbst zum Objekt des Experiments gewordne, wir hatten am eigenen Leib dei Wirkung der Bombe erfahren. Zudem befanden wir uns in der seltenen Lage, unsere Beobachtungen der Bombenspätfolgen an den Opfern fortzusetzen.“

Die wenigen Überlebenden versuchen mit den Mitteln, die ihnen noch geblieben sind (es sind nicht allzuviele) den Verletzten, auf die sie treffen, zu helfen. Sie versuchen, die nächsten Siedlungen zu erreichen, errichten Krankenstationen, die oft nicht mehr leisten können als Verbände zu wechseln und Zuspruch zu geben. Langsam nur war es möglich, die Versorgung der Überlebenden zu organisieren. Am 11. August wurden dann die Patienten (von ihm) ins Militärhospital verlegt, nun galt es, die Toten und Vermissten zu suchen und zu kremieren: „Rote Flammen hüllten die Scheiterhaufen ein; in klinene Gruppen umringten sie die Überlebenden mit wortlosem Starren.„. Jetzt kamen auch immer mehr Angehörige in die Trümmerlandschaft, um ihre Verwandten und Vermissten zu suchen: „… Dieses Suchen war herzzerreissend… Die meisten vermochten nicht einmal eine Leiche zu finden. … Auch wenn eine Leiche gefunden wurde, war ihre Identifikation … nicht … durch ihre Gesichter möglich, die verunstaltet und unkenntlich waren. .. sie standen da in wortlosem Schmerz, und manchem blieben die lösenden Tränen versagt.

In den nächsten Tagen wird einfach versucht, mit den primitivsten Hilfsmitteln, die zur Verfügung stehen, den Kranken zu helfen und sich selbst, denn natürlich sind auch die Helfer nicht verschont geblieben. Depression breitet sich aus, Verzweifelung, bei manchem bekommt der schützende Mantel des Nicht-Erfassens der Ungeheuerlichkeit Risse und läßt Hoffnungslosigkeit aufkommen. Was spielt der einzelne Kranke für eine Rolle, wenn doch die ganze Nation am Boden liegt und zerstört ist? Aber immer wieder gelingt es Nagai, dem auch geistigen Führer dieser Helfergruppe, sich und seine Leute mit Selbstdisziplin diese Krisen zu überwinden „Unsere Pflicht war, uns um die Gesundheit der einzelnen zu kümmern….

Gerüchte über die (abgeschätzte) Unbewohnbarkeit der Region (von 75 Jahren ist die Rede) demoralisieren zusätzlich. Doch nach 3 Wochen sieht man Ameisenkolonien im Zentrum der Zerstörung, nach einem Monat konnte man Würmer und Ratten beobachten, auch Getreide keimte und trieb aus, sogar Blumen fingen an zu blühen. Aus solchen Beobachtungen wurde Hoffnung geschöpft: „.. Ich sagte allen, es sei möglich, wieder im Bombenbezirk zu lebne mit der Einschränkung, daß Kinder noch etwas warten sollten, weil sie für die Strahlenwirkung empfindlicher sind.“ [6], langsam richten sich die Menschen wieder in der Region ein, erst in Unterständen, Baracken und Behelfsbehausungen, später dann in festen Häusern. Sehr genau kategorisiert Nagai den Ablauf dieser Wiederbesiedlung Nagasakis.

Weihnachten wurde die zwar vom Turm der Kathedrale gestürzte, aber unversehrt geborgende Glocke wieder geschlagen und „.. kündete den Frieden, der wiedergekehrt war.

Was Nagais Bericht über den Atombombenabwurf über Nagasaki von vielen anderen unterscheidet, ist, daß er außer der Beschreibung dessen, was geschehen ist, versucht, Erklärungen zu finden. Um mit der Ungeheuerlichkeit umgehen zu können zieht er sich auf die Position eines Wissenschaftlers zurück, der sich selbst zurücknimmt und beobachtet und die Beobachtungen analysiert. Dadurch gelingt es ihm in hohem Maße, die eigene Betroffenheit erst einmal zurückzudrängen und Handlungsfähigkeit und -kompentenz zu erlangen. Folgerichtig wird er auch Leiter der Gruppe Helfender, die den Abwurf der Bombe durch glückliche Umstände relativ unbeschadet überlebt haben. Diese Beobachterrolle mutet beim Lesen etwas seltsam an, unwillkürlich taucht die Frage auf, wie man eine solche Katastrophe so neutral und objektiv registrieren und nach Erklärungen suchen kann, denn – auch das klingt durch – die technisch-wissenschaftliche Leistung, die hinter und in der Bombe steckt zeugt ihm von Größe und imponiert.

In all dem Chaos empfindet Nagai, der Helfer und Beobachter „feierliche“ Momente. Das mutet sehr seltsam und unpassend an. Aber es sind die Momente der Stille, einsetzender und herrschender Ruhe, die Augenblicke, in denen das Chaos in der Dunkelheit verschwunden ist, in denen die Ruhe der Nacht dem Überlebenden die Gelegenheit gibt, sich wieder einer selbst bewusst zu werden, seines eigenen Überlebens, Momente, die diesem auch – als Gegenreaktion vllt – Hoffnung geben auf weiters Überleben….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Fat man
[2] Rhodes R: Die Atombombe, Greno 1988, S. 740ff
[3] die alte japanische Stadt Nagasaki [4] war seit 1853 Vertragshafen der Europäer und wurde von Portugiesen und Holländern beeinflusst, hier befand sich die größte christliche Gemeinde des Landes
[4] Wiki-Artikel zu Nagasaki
[5] So berichtet er z.B. von einer Schwangeren, der Bauch aufgerissen worden war und deren Baby vom der Plazenta umschlossen zwischen ihren Beinen… weiter schreibt er: „Zahllosen Leichen war der Magen aufgerissen, und ihre inneren Organe lagen verstreut auf dem Boden. In siebzig Metern Abstand fand man Leichen mit abgerissenen Schädel, ja es fanden sich solche, denen die Augäpfel aus den Höhlen geschleidert waren. …“ usw
[6] … tragisch, aber man wusste noch nichts über den Charakter und die Langzeitauswirkungen radioaktiver Strahlung (eigentlich ein falscher Begriff, den nicht die Strahlung ist radioaktiv, sondern die sie aussendenden Stoffe….., aber es hat sich halt so eingebürgert). Im Gegenteil, Hiroshima und Nagasaki bildeten den ersten reichen „Erfahrungsschatz“, den man in dieser Hinsicht bergen konnte…..
[7] Wiki-Artikel über Paul Takashi Nagai, siehe auch das kleine Vorschaubildchen vom Rückeneinband des Buches

Paul Takashi Nagai
Die Glocken von Nagasaki
übersetzt von Friedrich Seizaburo
diese (gekürzte) Ausgabe: St. Benno-Verlag GmbH, Leipzig 1957. 130 Seiten; Broschiert;

Der Betroffene kann so viel abbekommen, daß er sofort stirbt“, erklärte Groves, „oder er bekommt weniger ab, woran er immer noch relativ schnell stirbt, ohne unnötig lange zu leiden. Dies sagen die Ärzte, und sie sagen sogar, es sei eine sehr angenehme Art zu sterben.“ [3]

Die Hauptpersonen des Romans, Yuka, Ohatsu und Sam, sind uns schon vom ersten Band, den „Blumen von Hiroshima“ bekannt. Seit damals ist einige Zeit vergangen, und Morris schildert hier das weitere Schicksal, da ihrer harrt und das exemplarisch ist für das Schicksal vieler Hiroshimaner…..

Es ist eine kleine bzw. (wie es im Buch steht) „..zart verhaltene Erzählung..“, aus dem Leben zweier junger Menschen im Nachkriegsjapan. Das Grauen lebt zwischen den Zeilen, die eine sehr ruhige, poetische Sprache sprechen. Ja, Tanso, der begabte Maler trägt Fäustlinge, man wundert sich ein wenig darüber, er bindet sich den Pinsel an diese Fäustlinge. Irgendwo wird dann beiläufig erwähnt, daß die Hände nur Krallen sind… Yuka freut sich so sehr über die Armreifen, die sie von ihrem amerikanischen Freund Sam geschenkt bekommt. Sie sind so schön. Und sie verdecken die Narben an ihren Gelenken. Ohatsu, die Imoto-san (Jüngere Schwester), ist schwanger, sie und ihr Mann freuen sich so sehr auf das Kind, das selbstverständlich ein Junge ist, damit die Ahnen zufrieden sind. Hiroo hat Ohatsu seinerzeit gegen den Willen der Eltern geheiratet [4], so groß war seine Liebe zu ihr.

Yukas Tage sind durch zwei Ereignisse geprägt, sie fährt mit der Bahn nach Tokio, um dort auf einer der großen Friedensdemonstrationen gegen den Krieg, gegen die Atombomben, teilzunehmen. Und Sam, ihr Freund aus Amerika, kommt nach Japan, sie zu besuchen. Sam, auch er ein Kämpfer gegen die Bombe, mit seiner ganz anderen, unjapanischen Art, die sie manchmal so in Verlegenheit bringt, Sam, den sie liebt und von dem sie geliebt wird….

Ein Telefonanruf ruft sie dringend nach Hause zurück. Sie ahnt ein großes Unglück… wie groß, ist für sie noch nicht fassbar…

Drei Themen beherrschen das Büchlein, zum einen der friedensbewegte Widerstand vieler Japaner gegen den Krieg im Allgemeinen (eine der Figuren im Buch schlägt vor, das Wort „Krieg“ durch das Wort „Endleben“ (weil im Krieg das Leben endet) zu ersetzen), der gesellschaftliche Konflikt, der in Japan durch den Kontakt mit Ausländern, Amerikanern, aufbricht und als alles beherrschendes Thema natürlich die Spätschäden durch die Verstrahlung, die aufgehende „Saat von Hiroshima“ eben.

Die genaue Zahl der Opfer wird nie zu ermitteln sein, es ist im Grunde auch egal, wieviel Hunderttausend Menschen direkt oder indirekt zu den Opfern gezählt werden müssen. Unendliches Leid haben die Abwürfe (man darf den von Nagasaki ja nicht vergessen) über die Betroffenen gebracht, über lange Jahre gebracht. Denn auch die japanische Gesellschaft hat eigentlich jämmerlich versagt. Yuka zum Beispiel besucht ihre alte Nachbarin Kamei-San, die weggezogen ist. Sie lebt jetzt in einer Art Ghetto, in das sich normalerweise niemand hin verirrt, „… ihre Behausung kann noch nicht einmal eine Hütte genannt werden. …„. Kostenlose medizinische Versorgung für Strahlenopfer wurde erst 1968 eingeführt, wieviele mögen bis dahin schon gestorben sein. Die japanische Gesellschaft mit ihren starren Strukturen wird die meisten der Opfer (so eine Vermutung von mir) ausgegrenzt, isoliert haben…

[1] Chronik „Von der Entdeckung des Uran bis zum Ende des Kalten Krieges
[2] Andreas C. Knigge: „Barfuß durch Hiroshima
[3] Diese ungeheure, menschenverachtende General Groves, des militärischen Leiters des Manhatten-Projects, zitiere ich aus dieser Quelle
[4] vgl. dazu den Roman von Ibuse: „Schwarzer Regen

Edita Morris
Die Saat von Hiroshima
Süddeutscher Verlag, 1965, HC, 165 S.

… so hat mareike neulich in fb auf meine statusmeldung, daß ich das buch von husch josten besprochen habe, reagiert. und ich habe etwas flapsig geantwortet, klappern gehört zum handwerk. in der tat, so ist es wohl. und warum nicht über blogs gehen? gerade die kleinen verlage mit unbekannten autoren/innen kommen ja kaum ins sortiment oder haben einen werbeetat, mit dem eine wirksame campagne gestartet werden kann. und nicht jede/r kann wie wells gleich bei diogenes einsteigen…

ich habe irgendwo gelesen, daß große publikumsverlage auch auf nachfrage keine rezensionsexemplare an blogger schicken, weil sie wirkung von buchbesprechungen in blogs für vernachlässigbar halten. ich bin mir nicht sicher, ob dies nicht einfach nur ignorant ist, was aufwand/nutzen angeht.

wenn ich mir meinen blog anschaue… im jahresschnitt wird meine startseite zwischen 50 und 60 mal am tag aufgerufen. ein beitrag steht bei mir mindestens 4 tage auf der startseite, macht 200 bis 250 zugriffe, bei denen dem besucher der betreffende titel sofort ins auge fällt. dazu kommen noch die gezielten zugriffe über links, suchmaschinen, feeds, facebook und was weiß ich alles. das ist natürlich nicht soviel, aber unter umständen sind es wertvollere zugriffe, weil beim besucher interesse und neugier vorhanden sind. nicht kalkulierbar sind die zugriffszahlen über die navigationsleiste via: letzte beiträge, kommentare oder meistbesuchte seiten. auch nicht kalkulierbar sind die zahlen für leser, die – wenn der beitrag durch eine neue besprechung nach unten rutscht – beim seitenscrollen hängen bleiben. immerhin bleibt ein titel für ca. 60 tage auf der startseite sichtbar und taucht erst danach auf seite 2 auf (auf seite 3 ist ja bekanntlich immer das nackerte mädel).

entwickelt sich nun noch eine diskussion im kommentarteil, wird das ganze noch attraktiver für besucher. wenn ich alles zusammenzähle, denke ich, daß bestimmt um die 500 besucher zumindest auf jeden buchtitel gestoßen werden, ob sie die besprechung lesen, ist natürlich eine andere sache, aber das ist bei jeder anderen werbemethode ebenfalls unsicher.

schafft es nun ein verlag, 10, 15 oder 20 blogs (bei denen die zugriffsverhältnisse cum grano salis ähnlich sein dürften), die einen gewissen standard mit dazu gehörigem publikum halten, zu einer besprechung zu animieren, finde ich den werbeeffekt in relation zum eingesetzten kapital (10, 15 oder 20 bücher + buchsendungsporto) ausgesprochen günstig. und für mich gesprochen: wenn ich all die bücher, auf die ich durch blogs aufmerksam geworden bin und mir besorgt habe (sprich fast ausnahmslos gekauft) auf einmal tragen wollte, würde ich mir ganz sicher einen bruch heben…..

wie gesagt, klappern gehört zum handwerk.

oder?

„So stand Herr Nienhaus auf und ging den Feldweg geradeaus, weit geradeaus, schickte Gott und das Glück in die andere Richtung. Dahin liefen die beiden immer noch und hatten nur einmal – in einer obskuren, unergründlichen Kreisbewegung – seinen Weg gestreift mit Helen, der größtmöglichen Version vom Glück.“

Hauptfigur des Jostenschen Erstlings ist Helen, die 38jährige Leiterin der Museumsbibliothek einer ungenannten Stadt [3]. Helen ist beziehungsschwach. Sicher, Männer gibt es in ihrem Leben, zuvörderst wäre Jonathan zu nennen, der aber eines Tages eine andere auf ihren(m) Schreibtisch (flach)legt (auch der Fleck auf der Klarsichthülle war entgegen der ersten Vermutung kein Yoghurt) und vor dem sie sich jetzt – sieht sie ihn auf dem Markt – hinter dort aushängenden Schweinehälften versteckt. Dann wäre da noch der wunderschöne Mann zu nennen, mit dem sie in Venedig war und der dort angesichts kultureller Barbarei die Nerven verlor… jetzt ruft sie ab und an, wenn es sein muss, den Koch aus ihrer Kantine an, der sich schnell und problemlos zu einem Treffen überreden läßt. Ihr verlässlichster Freund jedoch ist titelspendender Joseph, jener zwei Jahre ältere Beschützer schon aus Sandkastenzeiten, dem sie zu verdanken hat, daß ihr der seinerzeit in einem Spielunfall guillotinierte Finger erhalten blieb.

Von jenem Joseph träumt sie zweimal denselben Traum: jener legt sich in einen Sarkophag, schließt den Deckel und kommt nicht mehr heraus. Sie weiß sich und ihm nicht zu helfen, es ist davon auszugehen, daß Joseph stirbt, er diesen Weg gewählt hat, um – zynisch wie er ist – einem vermuteten, immerhin möglichen Herztod zuvorzukommen. Und Helen glaubt diesen Traum, man kann sie nicht davon abbringen, er wird eintreffen, sie ist zutiefst demzufolge natürlich verunsichert, muss noch ein paar Dinge regeln, die Joseph nie regeln würde, bevor die Prophezeiung sich erfüllt, auch wenn Martha, die Mutter Josephs, ihr versichert, ein Traum würde nie was über die Person sagen, von der er handelt, sondern immer etwas über die, die ihn träumt….

Was bringt Helen so durcheinander? Sie muss für ein paar Tage den 76jährigen Herrn Nienhaus versorgen, dessen Frau, ihre Mutter, für eine kleinere Operation im Krankenhaus ist. Sie schläft also wieder in ihrem alten Kinderzimmer, sieht ihren Vater, der seit dem Tag seiner Pensionierung vor 15 Jahren im Stuhl sitzt und nicht mehr vor die Tür geht und sieht sich unvermittelt wieder in die Situation ihrer Kindheit, ihrer Jugend zurückgeworfen. Es kann kein sehr liebevolles Elternhaus gewesen sein, überschattet zudem von einer nazibehafteten Vergangenheit. Helen jedenfalls sah sich seinerzeit gezwungen, zu einem sehr intensiven seelischen Hilfskonstrukt zu greifen, das bis in die Gegenwart hineinwirkt, besagter Joseph, von seinen Eigenschaften her das völlige Gegenteil zu ihr, war ihr eine große Hilfe dabei. Jetzt jedoch zeigen sich Risse im Verhältnis zu ihm. Den leicht exaltierten Sohn einer Schulfreundin, die sie zufällig vor ihrem alten Elternhaus trifft, ist Joseph, der mit Frauen „kopulativ verkehrt“ so ähnlich, daß ihr sofort klar ist, wer sein Vater sein muss… Ohne mehr zu verraten, es ist nicht das einzige, was in diesen Tagen in Helens Leben hereinbricht.

… Als wäre Unruhe ein Stufenplan, der sich in fünf Tagen jeden Bereich ihres Seins, ihres geordnete, überschaubaren Lebens vornahm. … Dabei ist alles unerschütterlich gewesen. Kalkulierbar. Helen hat getan, was getan werden musste. Jahrelang und sorgfältig. Verlässlich und unaufgeregt. Und der Rest, gelegentliche Ablenkung, war abrufbar. Bei Dennis beispielsweise, dem verheirateten Kantinenkoch.“

In diesen wenigen Tagen im März 2010 [3] bricht die Welt der Helen zusammen, alles sicher geglaubte erweist sich als brüchig und falsch, sie wird aus ihrer so streng aufrecht erhaltenen Lebensordnung hinauskatapultiert und fühlt sich jeden Haltes beraubt. Sie reagiert zunehmend erratisch und hysterisch, steigert sich immer weiter hinein in die Vorstellung des zu erwartenden Todes von Joseph und fühlt selbst, daß sie an einem Scheidepunkt ihres Lebens steht und daß ihr Verhalten immer seltsamer wird. Und im Zentrum all ihren Denkens steht Joseph, mit dem sie die letzte, entscheidende Auseinandersetzung suchen muss.

Und wieder mal bin ich mit dem Klappentext eines Buches über Kreuz. Jostens Buch ist für mich eben keine Geschichte von Liebe und Freundschaft, Helen ist zu solchen Gefühlen garnicht fähig. Ihre Welt sind die Bücher, hört sie ein Zitat oder eine Redewendung, fällt ihr sofort die Signatur des Buches in ihrer Bibliothek ein… und auch der Begriff „Wahrheit“ passt m.E. nicht auf dieses Schicksal. Es ist für mich die Geschichte einer Frau, die als Kind keine Liebe erfahren hat, die sich schon als Kind eine eigene innere Welt aufgebaut und in dieser über Jahrzehnte hinweg Zuflucht gefunden hat. Es gab schon früher Versuche von ihr aus dieser imaginären Welt auszubrechen, aber offensichtlich hat erst die (zeitweise) Rückkehr in ihr Elternhaus, diese Konfrontation mit ihrer Vergangenheit, die seelische Qual so groß werden lassen, daß sie ihren eigenen Zustand letztlich als „krankhaft“ empfindet.

Die tragische Nebenfigur, und ich möchte sie nicht unerwähnt lassen, weil sie mich fast noch mehr als Helen berührt hat, ist für mich der in seinen Eigenschaften recht seltsam wirkende Herr Nienhaus, den seine Tochter nie Vater nennt. Vielleicht zum ersten Mal kommen die beiden jetzt bei ihrem notgedrungenen Kontakt ins Gespräch bzw. erzählt Herr Nienhaus seiner Tochter aus seiner eigenen erschütternden Geschichte, die ihn früh gelehrt hat, mit dem kleinen Glück zufrieden zu sein. Der nie Vater genannte wird nie ein Vater gewesen sein für Helen, die Ehe der Eltern nicht aus Liebe, sondern als bewusste Entscheidung. Das Unglück, daß Herrn Nienhaus in seiner Kindheit auf´s schwerster verletzt hat, verletzt auch seine Tochter, hat der ganzen Familie keine Chance auf eine normale Kindheit gegeben.

Jostens Sprache ist nicht einfach. Es gibt Bücher, deren Sätze hüllen den Leser ein, laden ihn ein, die Reise durch die Seiten mitzumachen. „In Sachen Joseph“ gehört nicht zu dieser Sorte Büchern. Es will erlesen werden, aufmerksam und konzentriert. Nur lesen reicht nicht aus, die Erzählperspektive wird oft und unvermittelt gewechselt. Josten bevorzugt das Objekt, ihre Sprache ist Substantivisch. Sie ist niemand, der einfach nur fragt, wie es der Freundin geht, ob es ihr gut geht oder die sich vergewissert, daß es ihr gut geht. Nein, Helen vergewissert sich über ein Befinden. Auch Joseph. Er hat nicht einfach nur viele Freundinen oder schläft mit vielen Frauen, nein, er verkehrt kopulativ. Es gibt Absätze, in denen Josten praktisch kein Verb verwendet, Aufzählungen in Stakato: „… Alles beim Alten. Klio und Paco fort. Auf dem Balkon links Getränkekästen. Rechts ein grauer Blumenkasten mit Krokus. In der Luft Veränderung. …“ Es bleibt dem Leser überlassen, die Sätze im Geist zu vervollständigen, zu entscheiden, ob Klio und Paco fort sind, fort gehen oder wollen, möglicherweise beabsichtigen sie sogar, in einem fort zu reden…. Durch diese Verobjektung des Lebens verdeutlicht sich die innere Beziehungslosigkeit, in der Helen ihr Umwelt wahrnimmt. Sie sieht den Blumenkasten und in diesem Krokusse. Was diese „machen“ (am Geländer hängen, auf dem Boden stehen, blühen, riechen, wachsen, verkümmern, etwas verschönern..) interessiert sie nicht, ist ihr nicht wichtig.

Im letzten Drittel des Romans wird die Sprache dann glatter, harmonischer, geht mehr ins Erzählerische. Dem Lesefluss kommt dies zugute, es kann auch als Zeichen genommen werden, daß unsere Heldin Veränderungen erlebt. Und so endet der Roman mit einem „Monate später“-Abschnitt, der unsere gesundete Heldin zeigt, die ihre Fesseln abgelegt hat und die bereit ist, die Möglichkeiten, die sich ihr bieten, auszuschöpfen.

Facit: Josten schildert in ihrem nachdenklich stimmenden Buch, wie sich seelische Wunden und mit welchen Folgen über Generationen hinweg fortpflanzen können. Der Text verlangt nach Aufmerksamkeit, aber er belohnt diese auch reich!

Links und Anmerkungen:

[1] Ein Interview mit der Autoren bei koelner.de
[2] Eine kurze Autorenlesung aus dem Buch bei video.zeit
[3] ein paar Ungereimtheiten sind mir im Text aufgefallen, die ich aber ausdrücklich keinesfalls auf die Qualität angerechnet sehen möchte. Vllt liegt es ja auch an mir, daß ich etwas falsch verstanden habe…. Die genannte Jahrszahl läßt sich erschließen, wenn man die zitierten Überschriften von S. 107 ergoogelt. Etwas verwirrend ist, daß eine Zeitung, die diese drei Überschriften enthält, am 16. Februar erschienen sein müsste, die Handlung aber im explizit im März angesiedelt ist. Und eine alte Zeitung ist angesichts der Art von Sozialkontakten, die Herrn Nienhaus pflegt, unwahrscheinlich… die Geschichte spielt im März des Jahres, (also im kalendarischen Winter), an anderer Stelle ist dagegen ist von „frühlingskaltem“ Wasser die Rede…. auch beschäftigt mich die Frage, welche deutsche Stadt sowohl ein Patentamt beherbergt (München, Jena, Berlin), als auch einen nennenswerten Hafen mit Hafenleuten und in der Umgebung noch Weinanbau….

(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Verlages.)

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