Caryl Phillips: Jener Tag im Winter

Juli 24, 2011

Ich hatte vor ein paar Wochen die Ehre, von Bibliophilin gefragt zu werden, ob ich Lust und Zeit hätte, eine Gastrezension für ihre Reihe “Aus fremder Feder” zu verfassen. Sie vermutete, daß ich als Mann zu dem Thema “midlife crises” einen besonderen Bezug haben könnte.. *gg*. Ich habe mir erst einmal die Leseprobe des Verlages angeschaut… Die Begeisterung meinerseits hielt sich in Grenzen, die ersten Absätze lasen sich irgendwie holprig und auf S. 8 fand ich folgenden Satz: “.. während sie .. sich ihren BH aufhakt, sodass ihre Brüste, ohne die stützende Struktur der Bügelkörbchen zu verlassen, schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.” Nicht, daß mir die innere Visualisierung dieses Ereignisses unangenehm wäre, aber “… schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.”, da hab ich schon gedacht: was ist denn das für ein Schmarrn? Na ja, ich habe Bibliophilin dann natürlich doch zugesagt und war.. aber lest selbst!:

Es läuft nicht wirklich gut für den 47jährigen Keith Gordon, einen dunkelhäutigen Engländer afrokaribischer Herkunft, der als leitender Angestellter in einem städtischen Büro für Rassenintegration in London arbeitet. Seit drei Jahren lebt er als Single in einer trostlosen Mietwohnung, weil seine Frau Annabelle ihn stande pede vor die Tür gesetzt hat, nachdem er ihr einen ONS mit einer Arbeitskollegin gebeichtet hat. Die Handlung dieses Romans setzt ein, als er wieder mal, diesmal zum letzten Mal, auf dem Weg zu Yvette ist, einer jungen Mitarbeiterin aus seiner Abteilung. Er geht durch die ungeliebten Straßen in ihrem Stadteil zu ihr, will noch ein- vllt auch zweimal mit ihr schlafen, bevor er ihr dann die Wahrheit sagt: daß er keine Lust mehr hat, keine Zukunft für sie beide sieht und überhaupt: es wäre besser, wenn sie ihr Verhältnis beenden.

Yvette sieht dies nicht so, tief getroffen beschließt sie, sich zu rächen: am nächsten Morgen hat jeder Mitarbeiter und Angestellte, incl. des Chefs, ihren gesamten email-Verkehr mit Keith, die pikanten Details eingeschlossen, im Postfach…. zwar ist an einem Verhältnis zweier Singles im Grunde nichts auszusetzen, aber nach dieser Aktion steht Keith irgendwo doch dumm da, als Schuldiger an ..tja, was eigentlich…… wie gesagt, es läuft nicht wirklich gut für ihn und die Brüche in seinem Leben, die er bis jetzt halbwegs übertüncht und ignorieren konnte, fangen an, ihn einzuholen. Es ist für ihn der Moment, wo er merkt, daß er auf dem Eis steht und die gezackten Linien, die so häßliche Geräusche machen beim Wandern, auf ihn zulaufen.

Gottseidank ist dies plakative Einleitung nur der Aufmacher (den der Verlag natürlich auch als Klappentext nutzt), das Buch selbst ist sehr viel tiefgründiger und besser, als es diese Affäre, auf die Phillips im weiteren Verlauf der Handlung auch nur dann zurückgreift, um damit unseren Helden immer weiter ins Unglück (?) zu reissen, vermuten läßt.

Keith ist mitten drin in seiner Lebensmittelkrise. Zwar hat er sich auf das Singleleben eingerichtet, wirft gerne ein oder zwei Augen auf die vor allem jüngere Damenwelt, aber – wie man gesehen hat, hat auch das Risiken. Über die Trennung von Annabelle ist er nur auf den ersten Blick hinweggekommen, über den Zustand ihrer Ehe, nun ja, das Feuer war etwas kleiner geworden, hat er sich wohl Illusionen gemacht, denn daß Annabelle ihn ohne Diskussion, ohne eine große Szene hinausgeschmissen hatte, ist eher ein Zeichen dafür, daß sie sich innerlich schon von ihm abgewandt hatte. Und auch Keith geht einfach, ohne Widerstand, ohne, um seine Ehe, seine Frau zu kämpfen. Verbindungsglied zwischen den beiden ist ihr Sohn Laurie, der mit seinen 17 Jahren in einem sehr unbequemen Alter ist, schweigsam, eigenwillig, renitent, sich abkapselnd. Annabelle, die das Sorgerecht für den Sohn hat, fühlt sich überfordert und will Keith stärker in die Verantwortung für das gemeinsame Kind nehmen. Die Gespräche der beiden sind aber von latenter Aggression gekennzeichnet, was ob der früheren Sprachlosigkeit zwischen ihnen nicht verwundert. Vor allem Keith äußert sich in kaum zielführender destruktiv-zynisch/sarkastischer Weise, der Gedanke, daß Laurie jetzt wieder (mit) in seinen Verantwortungsbereich fallen soll, behagt ihm nicht, er redet die Probleme des Jungen klein als typische Identitätsfindungsschwierigkeiten in der Pubertät. Und was die Widrigkeiten, die ein Farbiger in der Gesellschaft hat, angeht, nun, da ist er der Fachmann und läßt keine andere Meinung gelten.

In den Rückblenden, in denen sich Keith, der als Hauptperson agiert, sein bisheriges Leben vergegenwärtigt, kommt ein Lebenslauf zu Tage, der wohl für viele dunkelhäutige Einwanderer aus Commenwealth-Staaten nach England typisch ist. Und damit wären wir beim zweiten, für mich beherrschenden Thema des Buches: der alltäglichen Diskriminierung Dunkelhäutiger auf der einen Seite, der die Abschottung vor allem der Jugendlichen gegenübersteht. Es ist müßig, hier viel von der Kindheit und der Jugend von Keith zu erzählen, so wie er sie in Erinnerung hat. Sie ist von vielen Brüchen gekennzeichnet, die Mutter ist früh gestorben, der Stief”vater” liefert ihn noch an ihrem Todestag bei seinem leiblichen Vater und dessen Frau ab, dieser jedoch kann mit dem unerbetenen Sohn nichts anfangen…. Kindheit und Erwachsenwerden werden uns im Lauf des Romans an vielen Stellen in Bruchstücken erzählt wird. Am Ende des Buches jedoch legt in einem wahrhaft fulminanten Rückblick Earl, der Vater von Keith eine Art Rechenschaft über sein Leben und damit auch über die Geschichte seines Sohnes ab. Diese Seiten sind für mich der Höhepunkt des Buches…

Es ist die Geschichte zweier Freunde in der Karibik, die dort sitzen und von England träumen. Einer von ihnen, Ralph, packt eines Tages sein Bündel und besteigt das Schiff gen Europa, wenige Monate später folgt ihm Earl, nachdem sein Vater gestorben war und er seiner Hoffnung auf ein besseres Leben folgen konnte. Besseres Leben.. die Unterkunft: ein Rattenloch, die Arbeit: nur die, für die es so wenig Geld gab, daß kein Engländer sie erledigen wollte…:

…Ralph hatte mir schon gesagt, daß dieser Mann keine Vorurteile wie die meisten anderen hat, die sagen, daß sie nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, weil wir sind zu freundlich zu ihren Frauen, oder sie behaupten, unsere Hände sind zu rau, oder sie können nicht auf dieselbe Toilette gehen wie wir, oder sie haben Angst, dass, wenn Teepause ist, wir ihren Becher benutzen könnten, oder sie sagen, wir putzen uns die Nase, wenn wir gerad vorbeigehen, und wir nehmen im Haus den Hut nicht ab, aber ich weiß schon, die Wahrheit ist, dass sie es nicht aushalten, in der Nähe von einem Farbigen zu sein, …

Earls Ausbruch ist eine Philippika gegen den alltäglichen Rassismus, den die Einwanderer erleiden mussten, gegen die Gewalt, gegen das “Niggertreiben”, dessen Ziel sie nächtens waren, gegen Vorurteile und Diskriminierungen, denen – beide auf ihre Weise – Ralph und Earl zum Opfer fielen. Für keinen von beiden erfüllten sich irgendwelche Hoffnungen und dann wurde Earl auch noch von dieser Frau geleimt und bekam einen Sohn angedreht….

Keith lernt in der Bibliothek, in der er sich seinem Irrbild, ein Buch über Musik zu schreiben, recherchierend nachjagt, eine junge Frau kennen, wieder einmal. Es gelingt ihm zwar nicht, sie zu verführen, er weiß auch garnicht (obwohl er sie praktisch stalkt) so recht, ob er will, denn Danuta zeigt ihm deutlich die Grenzen, läßt sich nicht auf seine Avancen ein. Für ihn wird diese Bekanntschaft jedoch zu einer Art Erweckungserlebnis: eines Tages, er hat Danuta seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, steht deren Arbeitskollege und Bekannter vor seiner Tür und will wissen wo Danuta ist. So erfährt Keith, daß er einer Schwindlerin nachgestellt hat, er erschrickt und zum ersten Mal stellt er sein eigenes Verhalten in Frage, erlaubt er sich eine kurze Abschweifung in die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Phillips hat mit “Jener Tag im Winter” einen Roman vorgelegt, der den Umbruch im Leben eines Mannes, der gemeinhin mit Midlife-Crisis bezeichnet wird, stimmig darstellt. Es ist eine Zeit, in der man sich eingestehen muss, daß nicht alle Träume und Vorhaben, die man hatte, erfüllt worden sind, vieles wird in Frage gestellt. Schon kleine Erschütterungen reichen, um die eine oder andere Selbsttäuschung auffliegen zu lassen. So tritt letztlich die Vorliebe des Protagonisten für junge Frauen und die Dummheit, dem auch noch im beruflichen Umfeld nachzugehen, einen Stein los, der sich zu einer Lawine ausweitet, die ihn zum Schluss zwar reicher an Erkenntnissen, aber auch ärmer an Sicherheiten zurückläßt. Phillips läßt Keith nicht abstürzen, er hat am Ende des Romans alle Möglichkeiten offen, aber inwieweit er sie nutzt, nutzen kann, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Die Stärke des Romans liegt nicht in seinen Handlungselementen, die sind eher spärlich gesät. Es ist die genaue Beobachtung, die präzise Formulierung, die Verschachtelung von Gegenwart und Rückblende, die den Reiz ausmachen und auch die Qualität. Man muss aufmerksam lesen, die Zeiten verschwimmen miteinander, Gegenwart und Vergangenes gehen oft unmittelbar ineinander über, so wie es eben ist, wenn man Erinnerungen nachhängt und dann plötzlich wieder in die Realtität zurückgeholt wird.

Facit: nach einer ganz kurzen Anfangsirritation hat mir das Buch sehr gut gefallen, da es glaubhaft ist und vor allem auf Happy End verzichtet, da bei weitem nicht ausgemacht ist, daß eine midlife crisis mit einem solchen endet….

Caryl Phillips
Jener Tag im Winter
Übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini
DVA, HC 368 S.,2011
Erstausgabe: London, 2009

Liebe Bibliophilin, ich bedanke mich herzlich bei dir, es hat Spaß gemacht und mir (siehe oben) gezeigt, daß der erste Eindruck nicht unbedingt stimmen muss, war doch das schelmische der Entgegenlugenden die einzige für meine Begriffe etwas irritierende Formulierung….

Erstveröffentlichung der Buchbesprechung bei bibliophilin

7 Responses to “Caryl Phillips: Jener Tag im Winter”

  1. Bibliophilin Says:

    Ich freue mich, dass Dir das Buch doch gefallen hat. Bei mir hast Du ja nichts von Deiner anfänglichen Skepsis verraten ;-) Ich stimme Dir jedoch zu – diese Formulierung ist tatsächlich etwas seltsam…

    Danke für diese Zusammenarbeit!
    Viele Grüße
    Dorota


  2. Ein bisschen Philip Roth also – Midlifecrisis aber ohne in Klischees zu versinken? Das klingt spannend!

    • flattersatz Says:

      liebe synästhetisch, was sind klischees…? midlife crisis.. die zeit, in der man(n) (aber sicher auch frau) merkt, ok, war ganz gut bis jetzt, aber irgendwie bin ich unzufrieden, es ist nicht mehr so, wie es sein sollte.. trauert man dann über das verlorene, versucht, sich zu beweisen, daß man(n) denselbigen noch steht, indem man sich z.b. auf junge frauen kapriziert und so tut, als sei man selbst noch jung oder schaut man nach vorne, was kann ich jetzt aus meinem leben machen, damit ich wieder “zufrieden” werde? eine zone äußerer zwänge (familie, beruf….) und innerer unbestimmtheit, verlorenheit… der stoff, aus dem klischees gemacht sind… zögerlichkeiten, erkenntnisse, die umzusetzen oder zu akzeptieren schwer ist, illusionen, die enttarnt werden, enttäuschungen… eine schwierige zeit. und das bekommt phillips meiner meinung nach ganz gut hin. inwieweit er damit dem ein-ell-igen philip ähnelt, kann ich nicht beurteilen, von dem kenn ich zuwenig…


      • Klischees sind Vorurteile, die man literarischen Figuren ohne viel Rücksicht auf deren Individualität aufbappen kann. So nach dem Motto: Er verliebt sich in eine jüngere, kauft sich einen neuen Sportwagen, macht obendrein noch einen Fallschirmsprung usw. Geschichten, die schon hundertfach erzählt wurden und nichts neues mehr bereithalten. Gerde dieser stereotype Umgang mit dem Thema scheint mir aufgrund deiner Rezension im vorliegenden Buch nicht passiert zu sein.

        • flattersatz Says:

          ich weiß es nicht, ich tu mich da ehrlich gesagt, immer schwer mit solchen kategorisierungen. klischees entstehen ja nicht aus dem nichts, es ist ja eben ein typisches verhalten von männern in mittlerem alter, sich selbst und anderen durch junge geliebte den anschein zu geben, noch jung zu sein. insofern weist keith durchaus klischeehaftes verhalten auf, bis es ihm dann selbst aufgeht, wie “unangemessen” dieses verhalten ist. vllt ist das das neue, von dem du redest. vllt täuscht meine besprechung auch, wie viele meiner buchvorstellungen enthält sie ja auch eigene gedanken und interpretationen, ich trenne da im schreiben nicht streng. dies ist überhaupt eine sorge, die ich habe, daß ich durch diese aufweitung der inhalte (du erinnerst dich an den kommentar von steffi, ob ich “sarahs schlüssel” überhaupt gelesen habe…) einen falschen eindruck vom jeweiligen buch vermittelte….


  3. Verehrter Flattersatz,

    wie immer sage ich herzlichen Dank für deine ausführliche Besprechung, die mich inhaltlich an zwei Autoren erinnert. Der eine schwebt sofort vor meinen Augen (Philip Roth) und der andere fällt mir gerade nicht ein. Hm. Freut mich sehr, dass du das Buch trotz anfänglicher Skepsis weitergelesen hast.

    Liebe Grüße zum Wochenende,

    Klappentexterin


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