Es ist kein einfaches Buch, welches die Autorin Gudrun Seidenauer hier vorlegt, es berührt, streift, behandelt und umfasst eine Vielzahl von Themen, die ineinandergreifen, sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.. aber hat jemals jemand gesagt, das Leben sei einfach?

Aufgebaut ist das Buch wie ein Dialog, im Wechsel läßt Seidenauer die Mutter Friederikes, Marianne, und die Tochter zu Wort kommen. Obwohl, Dialog trifft es nicht, die Beiträge beide Frauen gehen zwar oft über dieselbe Situation, aber man merkt wie unterschiedlich sich für beide Menschen die Welt darstellt und so kommt – wie im „richtigen“ Leben der beiden – kein wirklicher Austausch zustande.

Marianne, so merkt der Leser schneller als es die Tochter wahrhaben will, leidet an Vergesslichkeit, die Vermutung, es seien dementielle Erscheinungen, wird immer manifester. Trotzdem kann man das Buch erst in seinen letzten Teilen als eine Geschichte über das Schicksal solcher Erkrankungen bezeichnen, bis zu diesem Zeitpunkt, an dem Seidenauer die Demenz in den Vordergrund rückt, instrumentalisiert sie sie eher, um über das bekannte Faktum, daß sich dementiell Erkrankte gut an lang Vergangenes erinnern können, in ihrer Geschichte in eben diese Vergangenheit einzutauchen.

Süddtirol, diese zwischen Sprachen und Staaten zerrissene Region in den Alpen ist die Heimat von Mariannes Familie. Dort wird sie groß, dort lernt sie die Sprache der Walschen lieben, obwohl Freundschaft mit denen verpönt ist und einen selbst zum Aussenseiter macht. Daß Südtirol ein Spielball der großen Politik ist, spiegelt sich in den Familien wieder. Mariannes Familie gehört nach dem Umsiedlungsabkommen zwischen Hitler und Mussolini zu den Optanten, die in den „deutschen“ Osten, nach Ostsudeten in ein leer stehendes Haus umzieht. „Wo wollts ihr denn wohnen? In Galizien? In Hütten, aus denen sie die Leut vorher vertrieben haben?“ fährt Onkel Franz die Eltern an. Sie gingen trotzdem, wurden nach dem Krieg selbst vertrieben, mussten sich das großen „N“ für Nemec (Deutscher) an die Brust nähen. Lageraufenthalte, jahrelang bis dann der Hermann, den sie kennengelernt hatte, 1955 in Österreich ein Haus gebaut hat, in das sie mit ihm einzieht. Tupfenweise, in Andeutungen, mit in die Erinnerungen hineingestreuten Fakten weist Seidenauer den Leser auf diese Odyssee der Familie hin, wie sie wahrscheinlich auch für viele andere Familien Schicksal war.

Gegen dieses äußere Chaos setzt Marianne die Ordnung, früh entwickelt sie einen ausgeprägten Hang zu Sauberkeit und Akkuratheit. Dies bleibt ihr ein Leben lang, das Aufräumen, Sauberhalten, Ordnung halten, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann Hermann und ihrer Tochter Friederike, die ihren Ansprüchen bei weitem nicht genügen. Nein, die Friederike kommt nicht auf sie….

Die Ehe der beiden Eltern ist nicht gut, schon früh zieht sich Marianne bei Konflikten in eine innere Welt zurück, Hermann dagegen neigt zu Jähzorn und Wutausbrüchen, das Familienleben kann nicht als friedlich bezeichnet werden, getrennt haben sie sich aber nicht. Auch Friederike sucht in Fantasien Zuflucht, in Mustern von Tapeten und Bodenbelägen sieht sie Figuren, um die herum sie Geschichten erfindet und die ihr nach Jahren, als Erwachsene, noch präsent sind. Zum Vater hat sie ansonsten ein besseres Verhältnis als zur Mutter, komplizenhaft verbünden sich beide manchmal gegen diese in ihrem unordentlichen Verhalten. Nur wenn sie sich als gemeinsames Opfer des väterlichen Furor sehen, kommt so etwas wie Nähe zur Mutter auf. Die einzige Erwartung der Mutter, die sie nicht enttäuscht, so scheint es ihr, ist die, daß jene von ihr nichts erwartet… Erst sehr spät findet Friederike das Wort „Mama“ wieder, mit dem wiederum ihre Mutter nichts anfangen kann, das sie aufregt, ansonsten ist ihre Mutter eben Marianne, Hermann dagegen – wenigstens anfänglich – noch der Vater. Die Liebe Mariannes zu ihrer Tochter ist – soweit vorhanden – eine egoistische Liebe, die nicht einem Menschen gilt, der sich entwickeln soll zu einem eigenständigen Wesen, sondern die dazu da ist, in sie gesetzte Erwartungen nicht zu enttäuschen: „Wenn ich mich nur genug anstrengte. Wenn ich endlich ein braveres Kind wäre. Dann würde sie mich wiederlieben.

Schuld lastet auf Friederike. Sie hat – so ihr eigenes Empfinden – die Mutter verraten, mit dem Vater allein gelassen, da sie direkt nach der Matura ausgezogen ist und ein eigenes Leben angefangen hat. Mehrfach wird betont, daß sie verschiedentliche Männerbekanntschaften hatte, die Verbindung mit ihnen immer über das Wort geknüpft. Jetzt ist sie mit Jakob, einem Musiker, verheiratet, so einen hätte sie auch gebraucht, denkt Marianne.

Hermann ist tot, verunfallt, beim Tragen eines Möbels die Treppe hinabgestürzt. Dieses Unglück erzwingt eine neue Nähe der Tochter zur Mutter, die jetzt allein ist im Haus, schon etwas wunderliche Eigenschaften zeigt, viele Zettel schreibt, um sich zu erinnern. Trauer ist in Friederike, der Tod des Vaters ein Verlust, er erweckt aber auch die Zeit der Kindheit wieder in ihr. So viele Fragen, denkt sie, so viele Fragen die nicht gestellt wurden und nie mehr gestellt werden können. Und plötzlich ist sie sich sicher: in diesem einen Moment konnte die Mutter sich wehren, sie, die sich immer in sich selbst zurückgezogen hat, ohne reden zu müssen, konnte sie den jahrelang erduldete Ärger ausbrechen lassen.. ein kurzer Stoß als Hermann schon auf der Treppe war. Sie hat ihn getötet, Friederike ist sich sicher.

Mit der Figur der Marianne geht Seidenauer ein kleines Experiment ein. Wie läßt man einen dementen Menschen sprechen oder denken? Wie läßt man ihn seine Vergesslichkeit empfinden? Rationalisiert er sie, empfindet er sein eigenes Verhalten als normal und das der anderen als komisch? Noch immer ist Marianne auf Ordnung erpicht, sie putzt, räumt ab, ein und auf… die Zeit, diese große Ordnungskraft, die Zeit scheint ihr dagegen zu entschwinden. Sie dehnt sich, rast, verklumpt, klebt, schleicht und wird vom Ticken der Uhr zerhackt. Die bis dato einwandfreie Ordung der Sinne löst sich auf, sie empfindet Luftströmungen als farbige Wirbel, die sich im Raum verteilen…. Die Sätze, die die anderen hören wollen, sie schreibt sie sich auf, an den guten Tagen ist ihre Schrift wie immer, an den nicht so guten verflachen die Buchstaben und verlaufen auf dem Papier, diese Zettel mag sie nicht. Auswendig lernt sie die Sätze, sie lernt zu lächeln auch wenn ihr nicht danach ist. Nur die falschen Sätze vermeiden, das ist wichtig.

Der doppelte Abschied, der vom toten Vater und der von der schwindenden Mutter frißt die Lebenskraft von Friederike auf. Weder ihre Geliebte Beate noch ihr Mann Jakob können ihr helfen, beide hält sie auf Abstand, läßt sie nicht an sich heran. Immer drängender greifen die ungefragten Fragen der Vergangenheit nach ihr, das nie Gesagte, Ausgesprochene… für die Mutter holen sie und Jakob Hilfe, eine Reinigungskraft. Natürlich macht sie es nicht richtig, Marianne muss nacharbeiten, die Treppe poliert sie mit dem marmeladegetränkten Lappen und der Plüsch“katze“ kippt sie einen Eimer Wasser über. Die Kinder erkennen endlich das Offensichtliche. Jetzt, im letzten Teil des Buches wird die Krankheit Mariannes ein eigenes Thema, die Hilflosigkeit der Angehörigen gegenüber der Diagnose, die immer weiter retardierende Persönlichkeit der Mutter, die immer weniger zu erkennen scheint, sich immer weiter zurückzieht. Selten nur noch kann sie den Namen der Tochter nennen….

Friederike ihrerseits fängt an, ihre Vergangenheit „aufzuarbeiten“. Seidenauer verwendet hier ein schönes, starkes Bild, das Haus als Bild für das Selbst, das Ich. Oft ist sie jetzt im Haus der Eltern, allein, sie möchte nicht Beate bei sich haben noch Jakob. Sie sichtet alles, schaut sich um, beobachtet, läßt die Räume auf sich wirken, sie nimmt die Dinge in die Hand, läßt ihre Erinnerungen fließen und fängt dann an, alles zu verpacken und langsam aus dem Haus wegzuschaffen, bis das Haus leer ist. Eine wunderbare Trauerarbeit zum Verlust der Eltern, am bewusst gewordenen Verlust einer guten Kindheit, einer liebenden Mutter, symbolisiert durch das Aufräumen des Elternhauses, durch das Verpacken und Wegbringen all der mit dem Haus verbundenen Sachen.

Zum Schluss ist sie frei, kann das Gewesene akzeptieren. Es ist keine Last mehr, auch wenn sie auf ihre Frage keine Antwort mehr bekommen kann. Sie verkauft das Haus und schaut sich nicht mehr um.

Facit: Ein feinfühliges Portraits einer Familie mit zerstörten Beziehungen.

Gudrun Seidenauer
Aufgetrennte Tage
Residenz-Verlag 2009, HC, 264 S.

Zur Geschichte Südtirols:

http://de.wikipedia.org/wiki/Option_in_Südtirol

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südtirols

Ich hatte vor ein paar Wochen die Ehre, von Bibliophilin gefragt zu werden, ob ich Lust und Zeit hätte, eine Gastrezension für ihre Reihe „Aus fremder Feder“ zu verfassen. Sie vermutete, daß ich als Mann zu dem Thema „midlife crises“ einen besonderen Bezug haben könnte.. *gg*. Ich habe mir erst einmal die Leseprobe des Verlages angeschaut… Die Begeisterung meinerseits hielt sich in Grenzen, die ersten Absätze lasen sich irgendwie holprig und auf S. 8 fand ich folgenden Satz: „.. während sie .. sich ihren BH aufhakt, sodass ihre Brüste, ohne die stützende Struktur der Bügelkörbchen zu verlassen, schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.“ Nicht, daß mir die innere Visualisierung dieses Ereignisses unangenehm wäre, aber „… schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.“, da hab ich schon gedacht: was ist denn das für ein Schmarrn? Na ja, ich habe Bibliophilin dann natürlich doch zugesagt und war.. aber lest selbst!:

Es läuft nicht wirklich gut für den 47jährigen Keith Gordon, einen dunkelhäutigen Engländer afrokaribischer Herkunft, der als leitender Angestellter in einem städtischen Büro für Rassenintegration in London arbeitet. Seit drei Jahren lebt er als Single in einer trostlosen Mietwohnung, weil seine Frau Annabelle ihn stande pede vor die Tür gesetzt hat, nachdem er ihr einen ONS mit einer Arbeitskollegin gebeichtet hat. Die Handlung dieses Romans setzt ein, als er wieder mal, diesmal zum letzten Mal, auf dem Weg zu Yvette ist, einer jungen Mitarbeiterin aus seiner Abteilung. Er geht durch die ungeliebten Straßen in ihrem Stadteil zu ihr, will noch ein- vllt auch zweimal mit ihr schlafen, bevor er ihr dann die Wahrheit sagt: daß er keine Lust mehr hat, keine Zukunft für sie beide sieht und überhaupt: es wäre besser, wenn sie ihr Verhältnis beenden.

Yvette sieht dies nicht so, tief getroffen beschließt sie, sich zu rächen: am nächsten Morgen hat jeder Mitarbeiter und Angestellte, incl. des Chefs, ihren gesamten email-Verkehr mit Keith, die pikanten Details eingeschlossen, im Postfach…. zwar ist an einem Verhältnis zweier Singles im Grunde nichts auszusetzen, aber nach dieser Aktion steht Keith irgendwo doch dumm da, als Schuldiger an ..tja, was eigentlich…… wie gesagt, es läuft nicht wirklich gut für ihn und die Brüche in seinem Leben, die er bis jetzt halbwegs übertüncht und ignorieren konnte, fangen an, ihn einzuholen. Es ist für ihn der Moment, wo er merkt, daß er auf dem Eis steht und die gezackten Linien, die so häßliche Geräusche machen beim Wandern, auf ihn zulaufen.

Gottseidank ist dies plakative Einleitung nur der Aufmacher (den der Verlag natürlich auch als Klappentext nutzt), das Buch selbst ist sehr viel tiefgründiger und besser, als es diese Affäre, auf die Phillips im weiteren Verlauf der Handlung auch nur dann zurückgreift, um damit unseren Helden immer weiter ins Unglück (?) zu reissen, vermuten läßt.

Keith ist mitten drin in seiner Lebensmittelkrise. Zwar hat er sich auf das Singleleben eingerichtet, wirft gerne ein oder zwei Augen auf die vor allem jüngere Damenwelt, aber – wie man gesehen hat, hat auch das Risiken. Über die Trennung von Annabelle ist er nur auf den ersten Blick hinweggekommen, über den Zustand ihrer Ehe, nun ja, das Feuer war etwas kleiner geworden, hat er sich wohl Illusionen gemacht, denn daß Annabelle ihn ohne Diskussion, ohne eine große Szene hinausgeschmissen hatte, ist eher ein Zeichen dafür, daß sie sich innerlich schon von ihm abgewandt hatte. Und auch Keith geht einfach, ohne Widerstand, ohne, um seine Ehe, seine Frau zu kämpfen. Verbindungsglied zwischen den beiden ist ihr Sohn Laurie, der mit seinen 17 Jahren in einem sehr unbequemen Alter ist, schweigsam, eigenwillig, renitent, sich abkapselnd. Annabelle, die das Sorgerecht für den Sohn hat, fühlt sich überfordert und will Keith stärker in die Verantwortung für das gemeinsame Kind nehmen. Die Gespräche der beiden sind aber von latenter Aggression gekennzeichnet, was ob der früheren Sprachlosigkeit zwischen ihnen nicht verwundert. Vor allem Keith äußert sich in kaum zielführender destruktiv-zynisch/sarkastischer Weise, der Gedanke, daß Laurie jetzt wieder (mit) in seinen Verantwortungsbereich fallen soll, behagt ihm nicht, er redet die Probleme des Jungen klein als typische Identitätsfindungsschwierigkeiten in der Pubertät. Und was die Widrigkeiten, die ein Farbiger in der Gesellschaft hat, angeht, nun, da ist er der Fachmann und läßt keine andere Meinung gelten.

In den Rückblenden, in denen sich Keith, der als Hauptperson agiert, sein bisheriges Leben vergegenwärtigt, kommt ein Lebenslauf zu Tage, der wohl für viele dunkelhäutige Einwanderer aus Commenwealth-Staaten nach England typisch ist. Und damit wären wir beim zweiten, für mich beherrschenden Thema des Buches: der alltäglichen Diskriminierung Dunkelhäutiger auf der einen Seite, der die Abschottung vor allem der Jugendlichen gegenübersteht. Es ist müßig, hier viel von der Kindheit und der Jugend von Keith zu erzählen, so wie er sie in Erinnerung hat. Sie ist von vielen Brüchen gekennzeichnet, die Mutter ist früh gestorben, der Stief“vater“ liefert ihn noch an ihrem Todestag bei seinem leiblichen Vater und dessen Frau ab, dieser jedoch kann mit dem unerbetenen Sohn nichts anfangen…. Kindheit und Erwachsenwerden werden uns im Lauf des Romans an vielen Stellen in Bruchstücken erzählt wird. Am Ende des Buches jedoch legt in einem wahrhaft fulminanten Rückblick Earl, der Vater von Keith eine Art Rechenschaft über sein Leben und damit auch über die Geschichte seines Sohnes ab. Diese Seiten sind für mich der Höhepunkt des Buches…

Es ist die Geschichte zweier Freunde in der Karibik, die dort sitzen und von England träumen. Einer von ihnen, Ralph, packt eines Tages sein Bündel und besteigt das Schiff gen Europa, wenige Monate später folgt ihm Earl, nachdem sein Vater gestorben war und er seiner Hoffnung auf ein besseres Leben folgen konnte. Besseres Leben.. die Unterkunft: ein Rattenloch, die Arbeit: nur die, für die es so wenig Geld gab, daß kein Engländer sie erledigen wollte…:

…Ralph hatte mir schon gesagt, daß dieser Mann keine Vorurteile wie die meisten anderen hat, die sagen, daß sie nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, weil wir sind zu freundlich zu ihren Frauen, oder sie behaupten, unsere Hände sind zu rau, oder sie können nicht auf dieselbe Toilette gehen wie wir, oder sie haben Angst, dass, wenn Teepause ist, wir ihren Becher benutzen könnten, oder sie sagen, wir putzen uns die Nase, wenn wir gerad vorbeigehen, und wir nehmen im Haus den Hut nicht ab, aber ich weiß schon, die Wahrheit ist, dass sie es nicht aushalten, in der Nähe von einem Farbigen zu sein, …

Earls Ausbruch ist eine Philippika gegen den alltäglichen Rassismus, den die Einwanderer erleiden mussten, gegen die Gewalt, gegen das „Niggertreiben“, dessen Ziel sie nächtens waren, gegen Vorurteile und Diskriminierungen, denen – beide auf ihre Weise – Ralph und Earl zum Opfer fielen. Für keinen von beiden erfüllten sich irgendwelche Hoffnungen und dann wurde Earl auch noch von dieser Frau geleimt und bekam einen Sohn angedreht….

Keith lernt in der Bibliothek, in der er sich seinem Irrbild, ein Buch über Musik zu schreiben, recherchierend nachjagt, eine junge Frau kennen, wieder einmal. Es gelingt ihm zwar nicht, sie zu verführen, er weiß auch garnicht (obwohl er sie praktisch stalkt) so recht, ob er will, denn Danuta zeigt ihm deutlich die Grenzen, läßt sich nicht auf seine Avancen ein. Für ihn wird diese Bekanntschaft jedoch zu einer Art Erweckungserlebnis: eines Tages, er hat Danuta seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, steht deren Arbeitskollege und Bekannter vor seiner Tür und will wissen wo Danuta ist. So erfährt Keith, daß er einer Schwindlerin nachgestellt hat, er erschrickt und zum ersten Mal stellt er sein eigenes Verhalten in Frage, erlaubt er sich eine kurze Abschweifung in die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Phillips hat mit „Jener Tag im Winter“ einen Roman vorgelegt, der den Umbruch im Leben eines Mannes, der gemeinhin mit Midlife-Crisis bezeichnet wird, stimmig darstellt. Es ist eine Zeit, in der man sich eingestehen muss, daß nicht alle Träume und Vorhaben, die man hatte, erfüllt worden sind, vieles wird in Frage gestellt. Schon kleine Erschütterungen reichen, um die eine oder andere Selbsttäuschung auffliegen zu lassen. So tritt letztlich die Vorliebe des Protagonisten für junge Frauen und die Dummheit, dem auch noch im beruflichen Umfeld nachzugehen, einen Stein los, der sich zu einer Lawine ausweitet, die ihn zum Schluss zwar reicher an Erkenntnissen, aber auch ärmer an Sicherheiten zurückläßt. Phillips läßt Keith nicht abstürzen, er hat am Ende des Romans alle Möglichkeiten offen, aber inwieweit er sie nutzt, nutzen kann, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Die Stärke des Romans liegt nicht in seinen Handlungselementen, die sind eher spärlich gesät. Es ist die genaue Beobachtung, die präzise Formulierung, die Verschachtelung von Gegenwart und Rückblende, die den Reiz ausmachen und auch die Qualität. Man muss aufmerksam lesen, die Zeiten verschwimmen miteinander, Gegenwart und Vergangenes gehen oft unmittelbar ineinander über, so wie es eben ist, wenn man Erinnerungen nachhängt und dann plötzlich wieder in die Realtität zurückgeholt wird.

Facit: nach einer ganz kurzen Anfangsirritation hat mir das Buch sehr gut gefallen, da es glaubhaft ist und vor allem auf Happy End verzichtet, da bei weitem nicht ausgemacht ist, daß eine midlife crisis mit einem solchen endet….

Caryl Phillips
Jener Tag im Winter
Übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini
DVA, HC 368 S.,2011
Erstausgabe: London, 2009

Liebe Bibliophilin, ich bedanke mich herzlich bei dir, es hat Spaß gemacht und mir (siehe oben) gezeigt, daß der erste Eindruck nicht unbedingt stimmen muss, war doch das schelmische der Entgegenlugenden die einzige für meine Begriffe etwas irritierende Formulierung….

Erstveröffentlichung der Buchbesprechung bei bibliophilin

Avide hat in diesem Büchlein 10 Kurzgeschichten zusammengestellt, die um das sogenanne „Thema No 1″ kreisen – und Fussball ist damit nicht gemeint. Es sind Geschichten, die sich in der Horizontalen abspielen, aber so, wie sie das machen, enthüllen sie nicht das Letzte, genauso wenig, wie das Coverbild den Blick auf das Innere freigibt. Im Gegenteil regen sie die Phantasie an, die Vorstellung, die innere Imagination, indem die Autorin das Aufregende, den Kitzel, nicht durch eine explizite Beschreibung tötet, nur in wenigen Worten, Sätzen, skizziert, umreißt sie es und überläßt dann den Leser der Welt seiner eigenen Vorstellungskraft.

Natürlich, auch in Avides Geschichten gibt es die Worte, die sich auf „Hans“ reimen und auf „Uschi“, auf „böse“ und auf „necken“ (nicht, daß ich prinzipielle Bedenken hätte, diese Worte in den Mund zu nehmen, aber es kommen durch google schon genug verwirrte Geister auf meinen Blog….), aber sie überschreitet nicht diese unsichtbare Grenze, die erotisches von pornographischem trennt, nie hat man beim Lesen das Gefühl, es ginge Avide nur darum, Sex als Selbstzweck zu schildern, als rein turnerisch-gymnastische Tätigkeit zweier oder auch mehrere Menschen, ihr Sex ist lustvoll und befriedigend. Lustvoll vor allem für die Frau, denn im Mittelpunkt der Geschichten steht die Frau, sie ist aktiv und fordert ihren Lustgewinn ein. Dementsprechend finden sich nur wenige Szenen, die sich auf „rasen“ reimen und auf „banal“ – obwohl, die eine rasende Geschichte, die Avide erzählt, den Begriff des „Klimawechsels“ ganz neu interpretiert…. das Schauen und auch das Gesehen-werden stehen oft im Mittelpunkt, das voyeuristische/exhibitionistische übt einen starken Reiz aus, gesehen werden, wenn man „es“ macht, sich vorzustellen, wie der heimliche Gast sich an der eigenen Lust erregt…..

Dabei kann man der Autorin nicht vorwerfen, sie würde sich allzusehr damit aufhalten, komplizierte Handlungsstränge zu entwerfen. Nein, eine kurze Beschreibung des Settings, eine knappe Vorstellung der zwei oder auch drei Figuren, die uns in der Geschichte begegnen und dann wird auch schon munter darauf losgeliebt. Nur eben unter einer Art verbalen Schleier über dem Bett, durch den man dann als Leser mit der eigenen Fantasie hindurchschauen „muss“…. Einige der Geschichten weisen am Ende eine überraschende Wendung auf, eine Pointe und so wird man das Gefühl nicht los, Avide hätte selbst eine Menge Spaß gehabt, ihr Büchlein zu schreiben…..

Facit: ein kleines Büchlein mit prickelnden Geschichten zum selber lesen, zum vorlesen und .. vllt sogar.. zum nachmachen?

Aveleen Avide
Samtene Nächte
rororo tb, 2010, 240 S.,

Eine Zeitreise der besonderen Art… ein Taschenbuch aus der Zeit, in der ein solches Bändchen noch 3,80 DM kostet (heutzutage bekommt man dafür gerade mal drei Bällchen Eis…). Zweimal habe ich es schon gelesen, im Frühjahr 1979 und zwei Jahre später, wieder Frühjahr. Warum jetzt nach 30 Jahren wieder? Nun ja, wie heißt es so schön: aus gegebenem Anlass…. vor einigem Wochen, genauer am Pfingstmontag, gab es hier in der Nähe eine Lesung aus dem Buch im Rahmen eines sehr schönen, weil auch in sehr schönen Rahmen stattfindenden Konzertes des Susato-Quintetts [1]. Die Meinungen, die man so zum Buch hören konnte, waren unterschiedlich, von „völlig überholt“ bis zu „immer noch aktuell“. Jedenfalls ein Grund, das Büchlein mal wieder herauszuholen aus der Versenkung, in der es die Jahrzehnte überdauerte.

Über den Inhalt des Buches will ich garnicht so viel schreiben, der ist in der Wiki [2] ausführlich wiedergegeben. Dabei wird der Begriff des „Liebens“ von Fromm sehr viel umfassender beschrieben als es im alltäglichen Sprachgebrauch üblich ist, auch zeigt er – was sich im Titel schon andeutet -, daß wirkliche Liebe nicht objektbezogenes ist, sondern eine Fähigkeit, eben eine Kunst, die dem Menschen an sich zwar inherent ist, aber von diesem entwickelt und geübt werden muss. Sogar noch mehr, denn nach Fromm ist die Beherrschung der Kunst des Liebens die eigentliche Reifung des Individuums zum wirklichen Menschen, das Eingehen des Menschen in das Eine, das allumfassende Numinose.

Wenn das jetzt nach Religion klingt, so habe ich diese Formulierung doch mit Bedacht gewählt, denn genau das ist der Eindruck, den ich bei diesem erneuten Lesen des Buches gewonnen habe. In den vielen Randnotizen meiner früheren Lesungen bin ich offensichtlich über diesen Aspekt hinweggegangen, zumindest war er mir nicht wichtig genug, um ihn in solchen hervorzuheben. Doch erst noch einmal zurück zum Buch.

Das Bedürfnis nach Liebe ist nach Fromm ein Urbedürfnis des Menschen, welches aus dem Urtrauma heraus bedingt ist: der Trennung, der Zerstörung der Einheit des Neugeborenen mit der Mutter in der Mutter durch die Geburt. Mit der Geburt löst sich das Kind von ihr und wird ein Individuum, zuerst noch völlig von der mütterlichen Liebe, ihrer Wärme und Nahrung abhängig, aber in seiner ganzen körperlichen Entwicklung darauf hin orientiert, Selbst- und Eigenständigkeit zu erwerben. Deshalb ist die Mutterliebe (eine der fünf Arten von Liebe, die Fromm in seinem Hauptteil des Buches, der „Theorie der Liebe“ unterscheidet, die anderen sind: Nächstenliebe, erotische Liebe, Selbstliebe und Gottesliebe) eine unbedingte Liebe, eine Liebe, die an keine Bedingung geknüpft ist, die einfach nur an das Sein des Kindes gebunden ist. Das Kind wird geliebt, weil es ist. Im Unterschied dazu stuft Fromm die für den Vater typische Liebe als bedingte ein, da sie erst später einsetzt und sich an Können, Fähigkeiten oder Eigenschaften, an dem was das Kind „hat“, orientiert. Mutterliebe ist einfach da (oder auch nicht, dann kann sie – der negative Aspekt – auch nicht erworben werden), Vaterliebe ist an Eigenschaften geknüpft, sie kann – der andere Aspekt – damit erworben werden, wenn sie nicht von sich aus existent ist.

Da die Fähigkeit zur Liebe dem Menschen wesenseigen ist, ist wahre Liebe allumfassend, sie umschließt alle Menschen inclusive den Liebenden selbst. Diese Selbstliebe ist nicht identisch mit Selbstsucht und Egozentrik, sie ist nicht zu trennen von der Liebe zu anderen, die Liebe zu sich selbst ist mit der Liebe zu allen anderen Menschen untrennbar verbunden. „Wirkliche Liebe ist ein Ausdruck der inneren Produktivität, sie umfasst Fürsorge, Respekt, Verantwortlichkeit und Wissen. Sie ist … ein aktives Streben nach der Entfaltung und dem Glück der geliebten Person, das in der eigenen Fähigkeit zur Liebe wurzelt.„. Die Reduzierung der Liebe zu einer, der geliebten Person, wie sie in unserer heutigen Lebenswelt so oft verstanden und dann als romantische Liebe bezeichnet und in vielen Romanen in diesem objektbezogenen Sinn bedichtet wird [3] ist nach Fromm keine wirkliche, reife Liebe, da sie die Trennung, die Eisamkeit nicht aufhebt, sondern sie der Zweisamkeit bewahrt.

Wie aber sieht Fromm dann das, was er als „erotische Liebe“ bezeichnet, also dieses Bedürfnis, sich mit einem anderen, und zwar einem bestimmten Menschen zu vereinen? Zuerst einmal stellt er klar, daß streng unterschieden werden muss zwischen dem explosiven Vorgang des Sich-Verliebens, in dem in einem Moment alle Barrieren zwischen zwei Menschen fallen und der kurzzeitige Rausch der Intimität eintritt, die im wesentlichen auf das Erlebnis der physischen Vereinigung gründet. Dieser Rausch jedoch, und wer hätte dies noch nicht am und im eigenen Leib erfahren, ist in seiner Dauer jedoch begrenzt und flacht er ab, tritt die Einsamkeit wieder zu Tage, da die körperliche Vereingung nicht die erst durch Liebe (im Frommschen Sinn) Aufhebung der seelischen Einsamkeit bedeutet, sondern nur ein orgiastisches, oberflächliches Erleben ist. Nur wenn der Mensch trotz der Ausschließlichkeit der körperlichen Vereinigung mit einer einzigen Person seine Fähigkeit zur (Nächsten)liebe entwickelt und behält, kann auch zwischen diesen beiden Menschen wirkliche Liebe entstehen, die nie nur ein Gefühl ist, sondern auch eine Entscheidung, ein Urteil, ein Versprechen.

Ich habe weiter vorne davon gesprochen, daß das Buch auf mich den Eindruck eines religiösen Charakters macht, deswegen will ich auf diese Feststellung noch einmal zurückkommen. Einleitend stellt Fromm in seinem Abschnitt „Gottesliebe“ fest: „…daß die Grundlage für unser Verlangen nach Liebe in dem Erlebnis der Getrenntheit und dem daraus resultierenden Verlange liegt, die Angst der Getrenntheit durch das Erlebnis der Vereinigung zu überwinden. Die religiöse Form der Liebe, die Liebe zu Gott, ist psychologisch gesehen, nichts anderes.„. Fromm untersucht die Evolution des Gottesbildes, daß sich parallel zur Entwicklung des Menschen/der Menschheit herausbildet. Angefangen von totemistischen Elementen des noch kaum sich von der Natur gelöst habenden Menschen der Frühzeit über Götzen hin zur unbedingt liebenden Muttergöttin, die dann in einem weiteren Schritt vom Vatergott abgelöst und verdrängt worden ist [4], erreicht der Mensch (als Individuum, aber auch als Menschheit) letztlich eine Stufe der Reife, in der er keinen strafenden, zürnenden (Altes Testament), aber auch keinen liebenden, barmherzigen (Neues Testament) personifizierten Gott braucht. Er löst sich von einem bestimmten Gottes“bild“ und erkennt das Prinzip (denn zur Gottheit macht der Mensch – nach Fromm – das, was ihm das höchste Gut erscheint): Gott ist Liebe.

Nach Fromm bleiben die meisten Menschen auf einer Reifestufe, in der sie die unbedingte Liebe einer Mutter“göttin“ suchen (nehmen wir Maria als Trägerin der mütterlichen Liebe, so erkläft sich die oft zu findende Marienverehrung damit) oder auch den strafend-liebenden-erziehenden Vatergott. Wie aber überwindet man diese Verbildlichung, Verpersonifizierung, wie erreicht man die Stufe, in der man die Einheit des eigenen Ichs mit dem Numinosen, mit dem Göttlichen erkennt, mit anderen Wort, wie lernen wir die Kunst der Liebe?

Es ist ein fast mönchischer Weg, den Fromm aufzeigt, ein Weg steter Übung, ein Weg, eine Lebensweise für die allermeisten konträr der üblichen Vorstellung, das Leben als stete Übung, die auf Meditation beruht, auf dem Eintauchen in die Stille, um sich selbst zu erkennen, auf dem Verzicht auf Oberflächlichkeit und Ablenkung. Voraussetzungen zur Erlernung der Kunst sind wie bei jeder Kunst das Interesse, Geduld, Konzentration und Disziplin. Es ist ein lebenslanges Lernen, um von der Oberflächlichkeit in die tiefe(re)n Schichten des Selbst zu gelangen, sie zu schulen und zur Reife zu entwickeln. Weit, sehr weit geht der Frommsche Begriff des „liebens“ über den der Umgangssprache hinaus, es ist mehr ein die Aufforderung, einen Weg der inneren Bildung einzuschlagen, der zu einem gesamtheitlichen Zustand des Selbst, des Ichs führt, in dem letztlich das Urtrauma, die Trennung des Ichs aus der Allheit überwunden wird:

Ganz so werde ich in Gott verwandelt, daß er mich als sein Sein wirkt, (und zwar) als eines, nicht als gleiches, beim lebendigen Gott ist es wahr, daß es da keinen Unterschied gibt…. Manche einfältigen Menschen wähnen, sie sollten Gott (so) sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein, durch die Liebe hingegen gehe ich in Gott ein.“

so zitiert Fromm Meister Eckehart, einen der großen Mystiker des Mittelalters. All dies, so die Kritik Fromms, fehlt heutzutage den allermeisten Menschen. Ablenkung und Oberflächlichkeit beherrschen das Leben, das geprägt ist vom Drang nach Äußerlichkeiten. Geld verdienen und einen bestimmten gesellschaftlichen Status erreichen sind zu Hauptmotiven menschlichen Handelns geworden. Auch Liebe wird in kapitalistischen Kategorien gesehen, sie erhält einen Tauschwert und wird als reines Mittel zum Erreichen eines bestimmten Zwecks gesehen. Insofern bezieht sie sich immer auf ein Objekt (das ich brauche, um einen bestimmten Zweck zu erreichen und das daher bestimmte Eigenschaften aufweisen muss), nicht aber auf die eigene Fähigkeit. Der ein Objekt der Liebe Suchende bringt sich selbst nur insofern ins Spiel, als daß er bestrebt ist, seinen eigenen Marktwert durch Anhäufung von Geld, die Erhöhung des Sexappeals o.ä. zu verbessern. An die Ausbildung innerer Fähigkeiten wird zuletzt gedacht und die in Büchern, Filmen etc so oft zitierte romantische Liebe geht folgerichtig (in der Realität) fast genauso oft in die Brüche.

In dem von mir unter [2] angegebenen Artikel in der Wiki findet sich die Behauptung, Fromms „Die Kunst des Liebens“ sei ein „… ein[en] Gegenentwurf zur Sexuellen Revolution der Studentenbewegung …“. Das ist m.E. zumindest eine missverständliche Feststellung, denn da Fromm seine Abhandlung schon 1956 geschrieben hat, war von dem „If you can´t be with the one you love, love the one you be with“-Motto noch nicht die Rede, Flower Power, Hippie und Sexuelle Revolution noch in einiger Ferne. Die „Grundvoraussetzung“ letzterer, die Anti-Baby-Pille, ist erst 1960 in den USA (bzw. ein Jahr später in Deuschland) auf den Markt gekommen. Daher be“weist“ also eher die sogenannte Sexuelle Revolution die Kritik, die Fromm an der zeitgenössischen Gesellschaft und dem Verfall des Liebesbegriffes in ihr übt. Im Übrigen geht Fromm in seiner Kritik auch mit keinem Wort auf diese „Revolution“ ein, sondern er konzentriert sich fast ausschließlich auf den „kapitatistischen“ Charakter der Liebe in der zeitgenössischen Welt.

Inhaltlich – natürlich steht es den Vorstellungen der sogenannten sexuellen Revolution der 60/70er Jahre entgegen. ONS und promiskes Verhalten lassen sich nicht mit Fromms Gedanken in Übereinstimmung bringen, der Weg des Fleisches ist nicht der Weg der Liebe. Ich bin gerade heute morgen durch einen Zufall auf meine Besprechung von Jong: „Die Angst vorm Fliegen“ (1973) aufmerksam gemacht worden, ein Buch, dessen Heldin – betrachtet man sie durch Fromms Augen – seine Thesen von der Einsamkeit und der Unmöglichkeit, diese durch orgiastisches Verhalten aufzulösen, nur zu klar illustriert. Der kurzzeitige Rausch der Sinne bleibt an der Oberfläche, verebbt diese Welle der Lust, bleibt nichts übrig, was Substanz hat.

Zurück zur Eingangsfrage: Wer hat nun Recht, ist das Buch überholt oder noch aktuell? Ich denke (ohne es fachmännisch beurteilen zu können), beide. Ich gehe davon aus, daß die Ausführungen über Mutter- und Vaterliebe (die sich ja auch auf die Mutter- und Vaterrolle beziehen) heute so nicht mehr haltbar sind [5] (wobei auch Fromm schon betont, daß er hier nur von Polaritäten spricht, von Eigenschaften, die prinzipiell jeder Mensch hat, die nur unterschiedlich in Erscheinung treten), auch die Ausführungen über die Entwicklung des Gottesbegriffes mögen mittlerweile spezifiziert oder modifiziert sein. Aber das ändert an der Grundaussage wohl nichts, daß wir lernen müssen, Liebe als viel umfassender zu erkennen als nur ein Gefühl, das sich in einer Beziehung mit einigen wenigen Menschen äußert. Zu lieben ist eine Grundfähigkeit des Menschen, es ist sein Vermögen, die Frage nach dem „Warum“, nach dem Sinn des Lebens zu beantworten, wir haben dieses Potential verschüttet, entwertet: dies zu ändern, dieser Aufruf Fromms, ist nach wie vor aktuell.

Facit: ein schmales Büchlein, aber immer noch ein wichtiges!

Links und Hinweise:

[1] Da ich keinen Clip gefunden habe, mag die in diesem kurzen Bericht eines Auftritts dessusato quintetts Bildergalerie die Neugier befriedigen…

[2] ausführliche Inhaltsangabe aus der Wiki. Eine http://www.matthias-kaldenbach.de/dkdl.htm“ target=“_blank“>Sammlung von Textstellen findet sich hier

[3] der Zufall wollte es, daß ich kurz nach der Lesung der „Kunst des Liebens“ das Shalev´sche Buch über Judiths Liebe las, in dem eine der Hauptpersonen, Scheinfeld, gerade der Ansicht war, daß, wenn alles gerichtet ist, die Hochzeitsfeier, das Kleid, das Essen, das Haus.. die Braut, auf die sich das Sehnen konzentriert -sozusagen wie bei einem Puzzle das letzte Stück sich zwingend einfügt – garnicht anders könne, als zu erscheinen….. dieses Bild wirkt sehr romantisch, vllt ein wenig naiv, aber rührend.. doch wenn man es mit den Fromm´schen Ausführungen vergleicht..

[4] auch Jahwe, so legen Funde nahe, hat einmal eine Frau an seiner Seite gehabt, Aschera, eine alte Göttin der Region, die später dann völlig in Vergessenheit geraten ist. Die Rolle der Spenderin eines letzten Restes Mutterliebe, nach der auch der gläubige Christ mit seinem Vatergott dürstet, übernahm im Christentum (die Jungfrau) Maria.

[5] ich habe gerade diese Tage ein Gespräch zweier unterschiedlich alter Männer mitbekommen. Der jüngere der beiden fährt mit seinem kleinen Sohn immer Rad (Sitz auf dem Gepäckträger) und der ältere kommentierte dies: „ja, da hat sich doch viel verändert.. ich glaube, mein Vater hat mich kein einziges Mal auf dem Arm gehabt.“ . Puhhh…..

Erich Fromm
Die Kunst des Liebens
übersetzt von Günter Eichel
hier besprochen: Ullstein TB, 171 S, 1979
Originalausgabe: 1956

Das Buch spielt im Nicaragua Anfang der 70er Jahre. Im Land herrscht der autoritäre Clan der Somozas und die USA haben viel Einfluss auf das wirtschaftliche und politische Leben. Bedingt durch die schlechten Lebensbedingungen des größten Teils der Bevölkerung beginnt sich eine Widerstandsbewegung zu formieren, die erst einmal außerhalb der Städte, in den unwegsamen ländlichen Regionen, den bewaffneten Kampf mit dem Regime aufnimmt. Das Regime bekämpft die Aufständischen Sandinisten mit großer Härte, entsprechend schwer und gefährlich ist es für diese, eine funktionierende Organisation aufzubauen, die nicht nur im Umland, sondern auch in den Städten aktiv werden kann.

Erzählt wird die Geschichte von Lavinia, der jungen Frau aus der gesellschaftlichen Oberschicht, die sich mit ihren Eltern überworfen hat, weil sie die übliche Karriere der nicaraguanischen Frauen: Heiraten, Kinderkriegen, Einkaufen, nicht mitmachen will. Sie hat in Europa Architektur studiert und sucht sich lieber eine Arbeit in einem Büro in Fagua, der Stadt, in der die Geschichte spielt. Dort lebt sie allein in einem schönen Haus, in dessen Innenhof ein wunderschöner Orangenbaum steht.

Erst von den Kollegen neugierig und ein wenig skeptische beäugt, kann sich Lavinia schnell Respekt verschaffen. Sie wird von Felipe in die Arbeitsabläufe und den Arbeitsalltag eingeführt, es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß sich zwischen der jungen Frau und dem attraktiven Mann Gefühle entwickeln. Aber Lavinia zweifelt an Felipe, der durchaus seine Machoeigenschaften hat, auch oft seltsame Anrufe bekommt und dann ohne Kommentar das Büro für Stunden verläßt.

Die Zweifel lösen sich auf, als er Lavinia eines Nachts aus dem Bett klingelt und mit einem angeschossenen Mann in ihr Haus kommt. Er erzählt ihr, daß er der „Bewegung“ angehört und sie bei einer Aktion in eine Schiesserei gekommen sind. Er habe im Moment keinen anderen Fluchtort gehabt als Lavinias Wohnung und bitte sie dieses eine Mal um Hilfe. Lavinia ist erschrocken und voller Angst, aber für dieses eine Mal will und kann sie seine Bitte nicht abschlagen.

An diesem Aband also kommt Lavinia in Kontakt mit der Untergrundbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die korrupte Militärregierung um den „Großen General“ zu stürzen und gerechte Lebensverhältnisse für das Volk herzustellen. Der Kontakt mit der Bewegung ist gefährlich, das Regime greift brutal durch und Lavinia hat Angst. Sie spürt aber auch, daß hier Menschen aktiv sind, die etwas gegen die herrschenden Verhältnisse tun wollen, daß hier ihr eigenes Unwohlsein an der Gesellschaft in konkreten Zielen formuliert wird. In der Folge (und dem größten Teil der Geschichte) schildert Belli, wie Zweifel, Angst aber auch Hoffnung in Lavinia arbeiten und wirken und wie sich auch über die sich entwickelnde tiefe Freundschaft mit der von ihr bewunderten Flor der Gedanke, sich der Bewegung anzuschließen, trotz aller Angst immer drängender wird. Es liegt einiger Pathos in den Stellen, in denen sie die Motivation und die Ziele der Befreiungsbewegung beschreibt, so wie sie z.B. von Flor dargestellt werden, auch ist die Verachtung Bellis (die selbst aktiv am Widerstand in Nicaragua beteiligt war) über die herrschende Klasse zu spüren, über die zu Machthabern aufgestiegenen Generäle ohne Bildung und Geschmak und über die einst dominierenden Aristokraten, die sich damit zufrieden geben, halbwegs ungestört ihren Geschäften nachgehen und ihren Reichtum ausleben zu können.

Lavini bekommt den Auftrag, für einen der führenden Generäle ein Haus zu entwerfen und zu bauen. Sie will ablehnen, wird aber von den Genossen gedrängt, den Auftrag auszuführen, weil sie über den direkten Kontakt mit der Militärspitze an viele Informationen kommen kann. So sieht ihre Hilfe für die Bewegung ganz anders aus als sie sich das vorgestellt hatte, sie muss das Leben einer verwöhnten Oberschichtfrau, aus dem sie sich eigentlich verabschiedet hatte, weiterführen….

Verwoben in diese Geschichte aus der Gegenwart ist eine zweite aus der Vergangenheit Mittelamerikas, die im Grunde das gleiche Thema hat, den Befreiungskampf des Volkes gegen die herrschende Klasse. Es ist die Zeit der Kolonisation, wie es so euphemistisch umschrieben wird, die Zeit des Auslöschens der einheimischen Indiokultur, des Abschlachtens der militärisch weit unterlegenen Indios. Im Gegensatz zum Pathos der Gegenwart findet Belli hier wunderbar poetische Bilder und Beschreibungen, sie schildert das Schicksal des Paares Itza und Yarince, in ihrem Kampf gegen die Spanier. Es ist eine parallele Geschichte zu der von Lavinia und Felipe, auch Itza verstößt als Frau gegen die gesellschaftliche Rolle, als sie mit den Männern in den Kampf zieht .. und auch das Schicksal der Figuren in ihrem Aufstand gleicht sich. Belli läßt Itza diese Geschichte erzählen, sie läßt Lavinia ihre Vorfahren in sich spüren, die Vergangenheit des Volkes, dessen Blut in ihren Adern strömt. Sie spürt die Kraft, die in ihr wohnt und folgt ihr…

Es sind wunderschöne, kraftvolle poetische Bilder, die Belli schafft, der oben erwähnte Orangenbaum spielt dabei eine große Rolle…. sie zeigt, daß dieses Land und seine Menschen eine eigene Geschichte, eine eigene Herkunft haben und daß die Spanier, die Eroberer ihnen ihre fremde Kultur, die viel brutaler, gewalttätiger als die eigene und in ihrer Gier nach dem glänzenden Gold grenzenlos war, aufgedrückt und übergestülpt haben….

Facit: Ein farbenprächtiger, fesselnder Roman aus der Anfangszeit der Sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua, der mit viel poetischer Kraft an die kulturellen Wurzeln des Landes erinnert und der die von Zweifel, Angst und Entschlossenheit geprägte Annäherung einer jungen Frau an die Befreiungsbewegung schildert.

Zum Wiki-Artikel über Nicaragua: http://de.wikipedia.org/wiki/Nicaragua

Gioconda Belli
Bewohnte Frau
übersetzt von Lutz Kliche
diverse Ausgaben, hier: Jubiläums-Edition dtv, 448 S. 2011,
Erstausgabe: Mexiko, 1988

Die hellen Tage behalte ich,
die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück.

Das Leben ist das Thema dieses Buches, die großen Fragen, wie werden wir, was wir sind, wie gehen wir um mit den Fährnissen, mit Lügen und Verrat, wie werden wir schuldig und wie vergeben wir… welche Kräfte haben unsere Seelen, uns durch das Leben zu tragen und wie formt sich dies alles aus in dem kleinen Kind, das irgendwann einmal das Licht des Lebens erblickt.

Wollte man Bánks Roman mit einer geometrischen Figur verknüpfen, so käme dafür nur ein Dreieck in Frage, denn das Dreieck, die Beziehung dreier Menschen ist das beherrschende Element des Buches. Seien es nun die drei Kinder und im späteren Verlauf deren Mütter, die sich im Leben begleiten und stützen, so könnten man aus den jeweiligen Familien Dreiecke bilden, die instabil sind, die von Verlust geprägt sind, von Verrat und Lüge. Verrat und Lüge, das ist der Teil, der den Männern zukommt, die derart die Beziehungen zu ihrer Familie bis über die Bruchgrenze hinaus belasten.

Und einen Mittelpunkt hat das Buch und dieser Mittelpunkt ist Aja. Um Aja, deren Name das dritte Wort des Buches ist, kreist alles, um Aja und ihre Mutter Évi. Schon allein dies, die frühe Nennung der Namen der beiden Frauen, zu denen sich alsbald auch der des Mannes und Vaters, Zigi, gesellt, zeigt im Gegensatz dazu, daß die Erzählerin uns ihren eigenen Namen, Seri, erst sehr viel später verrät, wie sie die Wichtung der Personen vornimmt. Der Satz: „Ich kenne Aja, seit ich denken kann„, eröffnet das Buch und die Welt, die es beschreibt und in der sich im Lauf der Geschichte aus den Personen die Dreiecke, im Idealfall natürlich gleichseitige, bilden….

I. Betrachten wir die Personen und ihre Geschichte:

Die Erzählerin der Geschichte ist Seri, die bei ihrer Mutter lebt. Diese leitet nach dem frühen Tod ihres Mannes die Speditionsfirma Bartfink. Zwar setzt sie sich geschäftlich durch und kann das Erbe ihres Mannes antreten, aber den Verlust von Hannes verwindet sie nicht. So hinterließ jener ihr von seiner letzten Reise anch Rom einen Koffer, den sich über zwanzig Jahre lang in ihrem Auto auf dem Vordersitz liegen hatte, bevor sie ihn dann öffnete. Zwiesprache führt sie mit ihm auf dem Friedhof, einen kleinen Klappstuhl hat sie immer dabei und setzt sich zum Grab. Ihrer Tochter Seri nimmt sie das Versprechen ab, am Grab des Vaters nicht zu weinen. In Èvi findet sie dann mit der Zeit eine Frau, derer sie sich annehmen kann.

Die Eltern von Karl werden über den Verlust ihres zweiten Sohnes Ben depressiv. Dieser stieg eines Tages in ein fremdes Auto ein und wurde nicht mehr gesehen. Karl fühlt sich schuldig am Verschwinden, es war schließlich oft sein von kindlicher Eifersucht geprägter Wunsch, Ben, der Bruder, möge doch wieder verschwinden…. die Zeitspanne von 2 Sekunden, die man braucht, eine Tür zu öffnen und einzusteigen, ist von nun an der Rhythmus, in dem sein Leben sich taktet. Diese zwei Sekunden hätten gereicht, Ben zu warnen, ihm zu sagen, ihm zuzurufen: „Nein, steig dort nicht ein!“. Nach dem Verschwinden Bens ziehen die Eltern, die nicht mehr sehen, daß sie noch einen Jungen haben, nach Kirschblüt in verschiedene Wohnungen, Karl hat bei beiden ein Zimmer, zu Hause jedoch fühlt er sich bei Èvi, in ihrem windschiefen Haus.

Und schließlich Ajas Eltern, Èvi und Zigi. Die beiden sind Zirkusleute aus Ungarn, die, als sich 1956 für kurze Zeit der Vorhang hob, die Gelegenheit nutzten, in den Westen zu gehen. Beide arbeiteten auch hier im Zirkus, bevor sie kurz nach der Geburt von Aja Libelles wegen, einer Kollegin, den Zirkus verließen. Ihr Wanderjahr begann, in dem sie im Wald lebten, an Feldrainen schliefen, des tags in den kleinen Städten am Weg das Seil zwischen zwei Pfosten spannten, auf dem Èvi tanzte und Zigi seine Kunststücken vorführte. Aja schlief derweil in einer Hälfte des aufgeklappten Koffers… Ein wenig Geld sammelten sie sich so, es reichte zum Überleben, um alle Woche mal in ein Bad zu gehen sich zu waschen. Doch nachher mussten sie die stinkenden Kleider wieder überziehen…. Im Herbst dann wurden die Nächte länger und dunkler, die alten Kleider schützten nicht mehr gegen Regen und Kälte, noch taten es die Schuhe, die am Fuß zerfielen und mit Bänder zusammengehalten werden mussten. Füchse kamen des nachts an ihr Lager und durchsuchten es.. und doch: bot man ihnen eine Schlafstatt an in einem Gebäude, vermissten sie den freien Himmel über sich. Die Kälte und die Dunkelheit, ihr ganzen weiteres Leben wird Èvi dies verfolgen, der Schnee, das Eis, der Wind…. Nach diesem Jahr will Évi nicht mehr, kann sie nicht mehr. Sie legen den Finger blind auf die Karte und gehen, wohin er sie weist. Dort dann baut Zigi aus Bretten ein Heim für seine Èvi, ein Heim, in das er selbst nicht ziehen wird, er geht weiter auf Reise und kommt nur einmal im Jahr für einige Wochen zu Besuch.. die hellen Tage….

II. Was erzählt uns diese Geschichte von den hellen Tagen?

Sie spielt im Südwesten Deutschland, in Kirchblüt, einem kleinen Städtchen. Der Neckar wird genannt als naher Fluß, auch – später dann – Heidelberg als nahe bei gelegene Stadt, in der die Kinder dann studierten. Aber die Geschichte setzt früher ein, anfangs der 60er Jahre ist es, als sich Seri und Aja kennen lernen und von Stund an unzertrennlich waren. Èvis windschiefes, von Zigi gebautes Haus, eine Hütte eher oder Baracke mit dem Garten drumherum und den Bäumen, nicht im Ort, sondern nahe am Ort gelegen, in der Natur, bei den Feldern und dem Wald, wird ihr liebster Ort. Dort verbringen sie ihre Zeit, spielen zusammen oder sitzen auch nur da, im Gras, auf den Bäumen… Karl gesellt sich zu ihnen und damit ist das sich selbst genügende Dreieck der Kinder komplett, das die nächsten Jahre, Jahrzehnte die Grundstruktur ihres Lebens sein wird.

Über die Kinder kommen sich auch die Mütter näher, die ein ähnliches Schicksal verbindet: der Verlust. Der Männer durch das frühe Sterben bzw. die vielen Monate Abwesenheit und der des Kindes Ben… und auch die Mütter wird Èvis Haus zum ruhenden Pol, zum Fluchtpunkt. Im Lauf der Zeit bildet ein sich feines, aber immer stärker werdendes Band aus zwischen den Frauen, ein Bund entsteht zwischen ihnen, der sich gegenseitig stützt und begleitet, in dem der jeweils andere sich so akzeptiert fühlt, wie er ist und wie ihm ist. Hier ist der Ort, an dem Ellen, Bens und Karls Mutter, ihr dunklen Stunden ausleben, mit den Murmeln von Ben spielen, in der Erinnerung abtauchen kann. Und Maria, die Mutter von Seri, findet eine Aufgabe darin, etwas für Évi zu tun und Évi entdeckt durch diese Hilfe, daß es ausserhalb ihrer Hütte ein anderes Leben gibt, ein Leben, an dem auch sie teilnehmen kann, das auch für sie da ist. Sie lernt und bekommt Arbeit, mit der sie ihr eigenes Geld verdient, sie, die Frau aus Ungarn, verwebt sich immer fester in den Ort Kirchblüt.

Bánk erzählt uns die Geschichten dieser Menschen, die Schicksalsschläge, die sie zu verkraften haben, das Leiden, dem sie ausgesetzt sind und letztlich auch die Art und Weise, wie sie diesem entgegentreten und an ihm stark werden. Das dauert zum Teil Jahre, weil z.B. Maria erst genügend Kraft sammeln muss, um sich gegen die Trauer, den Verlust zu erheben, um die Entschluss zu fassen, sich zu lösen, selbstbestimmt zu werden und sich nicht vom längst vergangenen, das in der Seele noch so gegenwärtig ist, beherrschen zu lassen.

Bánk schildert vor allem auch eine Kindheit … Kindheit, dieses – wie sie sagt – Mysterium, welches den Grundstein legt für das weitere Leben und die dabei so dunkel, schicksalhaft und undurchdringbar ist, die Kindheit, auf die die Kinder selbst keinen Einfluss haben, rechtelos sind sie, fremdbestimmt und abhängig.[1] Was machen Kinder, wie vertreiben sie sich die Zeit, wie spielen sie, was sehen sie und vor allem, was sehen sie in den Dingen, was bedeuten sie für sie, für was stehen sie? Kinder leben noch in der Wahrnehmung dessen, was ihre Welt ist und deswegen ist diese viel reicher als unsere, die wir nur wissen, was unsere Welt ist und die wir uns damit abschotten gegen neue Eindrücke, die wir nicht mehr wahrnehmen wollen, nicht mehr zulassen. Der Roman ist die Suche der Autorin nach dem Moment, an dem die reiche Welt, in der Kinder leben in die um so viel ärmere Welt der Erwachsenen übergeht. Welches ist der Tag, an dem die Kindheit endet, an dem das eine das andere ablöst, an welchem Tag wird zum letzten Mal das Ritual, das man als Kind hatte so wie Seri, Aja und Karl, die zum Abschied am Abend ein Rad schlugen, vollzogen, an welchem Tag zum ersten Mal nicht mehr?

Zusammen mit Bánk nehmen wir teil am Leben ihrer Figuren, über Jahrzehnte hinweg. Sehr intensiv und ausführlich die Periode der Kindheit von Aja, Seri und Karl, danach in größeren Schritten die Zeit bis die drei schließlich im Beruf stehen. Und immer sind es diese oben genannten Dreiecke aus Personen, denen die Autorin diese besondere Stabilität zuschreibt, die in der Lage sind, auch Verwerfungen aufzufangen, sich dabei zu verbiegen, die Form zu verlieren, gedehnt zu werden vllt sogar bis zur Belastungsgrenze, die aber letztendlich stark genug sind, alles auszuhalten und zu verzeihen.

Die Figuren zeigen auf den ganzen 560 Seiten des Romans ein sehr große Selbstgenügsamkeit: es treten praktisch keine weiteren Personen in Erscheinung. Libelle, die Artistin aus dem Zirkus ist eine Ausnahme. Ihr kommt am Ende des Romans noch eine tragende, entscheidende Rolle zu, auch wenn diese nicht viel Raum einnimmt und die Person, die sich hinter diesem Namen verbirgt, im Unklaren bleibt. Natürlich, in Marias Firma arbeiten noch Fahrer, in Kirchblüt leben die Kunden von Èvi, aber alle bleiben ohne Gesicht, ohne Namen und Eigenschaften. In diesem als Erinnerung formulierten Werk gibt es neben den Kindern nur die Eltern von Aja, die von Karl sowie Maria und die Erzählerin selbst. Und auch die uns geschilderte Welt der Kinder ist seltsam abgekoppelt von der Aussenwelt. Nie werden Schulkameraden erwähnt, es gibt keine erste Liebe, auch keine zweite, kein Jugendfreund oder ersten Kuss, als quasie Asexuelle begleiten wir die Figuren Bánks durch ihre Geschichte. Zumindest ist nichts, was vllt doch geschehen sein mag, der Erzählerin so wichtig, als daß sie es uns mitteilen will. Selbst eine leise angedeutete Beziehung zwischen zwei Menschen (hier ist vllt die Stelle, einmal Jakob zu erwähnen, der für Ellen wichtig wird) bleibt so im vagen hängen, daß man sich über die Art kein Bild machen kann. Da war nichts mit Aja… sagt Karl an einer Stelle, und niemand weiß, was da nicht war…..

Diese Selbstbezogenheit der Figuren führt auch zu den meiner Meinung nach zum Teil überzogenenen Reaktionen der Figuren. Als Karl z.B seinen beiden Freundinnen nach vielen, vielen Jahren eine (zugegeben schlimme) Jugendsünde beichtet, zerbricht fast die Beziehung der drei daran. Es ist kein offener Streit, keine Aussprache, kein Schreien – aber auch kein Verzeihen. Ein Weggehen ist die Reaktion, einen möglichen Bruch riskierend, erst spät kann man mit dem Geständnis, das keiner hören wollte, leben. Ob es auch verziehen wird, bleibt im Dunkeln. Vorausgesetzt, Bánk läßt ihre Erzählerin alles erzählen, was wichtig war für Kindheit ihrer Figuren, haben diese einfach nie einen äußeren Massstab für das eigene Verhalten kennengelernt, nie gelernt, wie andere Menschen mit Enttäuschungen umgehen und dies so oder auch anders für sich angenommen….

III. Was der Roman auch ist…..

Der Roman ist auch ein Buch über den Verlust, über den Umgang mit Verlusten: sprich über das Trauern, das Zusammenbrechen von inneren Welten, das Bluten von Seelen, das Versinken von Seelen in der Dunkelheit. Es ist ein Buch über den Umgang mit dem Schmerz, die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, die Angst vor dem Zeitpunkt, an dem die hellen Tage wieder enden und die dunklen wieder beginnen. „Angst essen Seele auf“, die Angst vor immer wieder kehrenden Abreise von Zigi frisst die Seele Évis auf, beschert ihr Unruhe und Unrast, zwingt sie zur stetigen Achtsamkeit auf die Zeichen, die ihr sagen, daß es wieder soweit ist. …. Karl und seine Eltern sind erst nach Jahrzehnten bereit, die Wirklichkeit des Todes von Ben zu akzeptieren, sie können (konnten) dies im wahrsten Sinn des Wortes über all die Jahre nicht „begreifen“. Maria verliert ihren Mann in jungen Jahren, geschäftlich überwindet sie dies, privat…. und sie verliert ihn nach Jahrzehnten dann noch einmal, auf andere, genauso schmerzahafte Weise, nur daß sie diesmal besser damit umgehen kann. Auch Aja hat Verluste, sie verliert eines Tages die Sicherheit und die Geborgenheit ihrer Kindheit, ihrer Erinnerungen, während Seri vor allem den Verlust von Aja (und Karl) fürchtet, dem Dreieck, in dem sie sich so geborgen fühlt, das ihr soviel Sicherheit bietet. Den Vater, ihn beweint sie erst spät, Aja muss sie auffordern, das Gebot der Mutter zu übertreten.

Am Ende der Geschichte haben Aja, Karl und Seri die Kindheit hinter sich gelassen, sie sind angekommen, auch in der Welt der Erwachsenen. Sie arbeiten, scheinen zufrieden damit zu sein, sie haben ihren Frieden gemacht auch mit den dunklen Tagen, durch die sie hindurch mussten….

Facit: ein Roman, der mit dem ersten Satz, mit dem ersten Absatz anfängt, die Seele zu streicheln und einzufangen, sie auf einen Weg mitzunehmen, der die Geschichte des Erwachsenwerdens und des Erwachsenseins erzählt. Mit anderen Worten: (trotz einiger Fragen) ein wunderschönes Buch.

Links und Anmerkungen:

[1] Interview der Autorin mit Jürgen Hosemann, Begleitheft zum Lesexemplar

Material aus youtube:

zum Trailer
aus einer Lesung der Autorin
ein Interview mit der Autorin

eine ganz persönliche Anmerkung:

als ich die Geschichte von Karl und Ben las fiel mir etwas ein, an das ich Jahrzehnte nicht mehr gedacht habe.. ich war Schüler, 12 oder 13 muss ich gewesen sein, als ich auf meinem Schulweg aus einem neben mir haltenden Auto angesprochen wurde, ob er, der Fahrer, mich nicht in die Schule bringen solle, da bräuchte ich doch den langen Weg nicht zu laufen. Ob es die Überraschung, Übertölpelung war, die Aussicht aufs Gefahrenwerden – ich weiß es nicht, jedenfalls bin ich eingestiegen. Ich weiß noch, wie er mich anschaute, was für ein schöner Junge ich doch sei und ob ich wirklich in die Schule wolle… es ist nichts passiert, nichts schwerwiegendes jedenfalls, er hat mich an der Schule aussteigen lassen und ich.. ich weiß nicht mehr, ich habe wohl nie jemandem etwas davon erzählt, es selbst irgendwo tief in mir vergraben. Jetzt, bei Ben, kam es wieder hoch. Wieviel Glück habe ich damals gehabt, was hätte alles passieren können.. und der nächste Junge, den der Mann angesprochen haben mag, wie ist es dem ergangen?

Zsuzsa Bánk
Die hellen Tage
Fischer, Frankfurt, 540 S. 2011

Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können.

Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942

Die französische, aber lange Zeit in den USA und England lebende Autorin de Rosnay widmet sich in diesem Buch der schwierigen Tatsache, daß auch das Vergessen nicht ewig dauert, das Verdrängen nicht bedeutet, etwas ungeschehen gemacht zu haben und daß das Vergangene in Wirklichkeit nicht vergangen ist, sondern in uns weiterlebt und unser Leben beeinflusst, bis wir gelernt haben, es als Bestandteil unseres Lebens zu akzeptieren.

In der Zeit vom 16. bis zum 18. Juli 1942 trieb die französische Polizei in Paris lebende Juden aus ihren Wohnungen und internierte Tausende ohne jegliche Versorgung im Velodrome d´Hiver. Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, Schwangere, Kranke, Sterbende, Kleinkinder.. es gab keine Ausnahme. Es gab keine Gnade. Die Schergen waren dieselben Polizisten, die z.B. die Kinder noch in der Woche vorher über die Straße geleitet haben, damit ihnen nichts passiert.

Sirka Starzynnski, die jetzt Sarah heißen muss, und ihre Eltern gehören dazu. Der Vater lebt schon seit einiger Zeit nicht mehr bei der Familie in der Wohnung, sondern hält sich versteckt. Es nutzt nichts, auch er wird bei der Großrazzia eingefangen. Nur Michel, der kleine Bruder von Sarah, kann vor den Kollaborateuren versteckt werden, im Geheimversteck der Geschwister, dem alten Wandschrank, der von außen nicht von der Wand zu unterscheiden ist. Wenn man nachher, nachdem sich alles aufgeklärt hat, zurückkommt, dann wird Sarah, die ihren Bruder dort einschließt und den Schlüssel mitnimmt, ihn wieder freilassen. Sie verspricht es ihm hoch und heilig.

Doch es klärt sich nichts auf, keiner der Internierten kam zurück. Im Gegenteil wurden die Bedingungen, unter denen sie im Velodrome vegetieren mussten, immer schlimmer. Die Hitze des Hochsommers, keine Toiletten, kein Essen, kein Trinken, Menschen sterben und liegen tot herum, Notgeburten, Schreie und Stummheit, von Brüstungen springende Mütter mit ihren Kindern…..

Die Internierten wurden in andere Lager getrieben, dort wurden die Männer von den Frauen getrennt. Kontrollen, alles musste abgegeben werden. Konnten die Kinder ihre kleinen Ohrringe vor Entkräftung und Angst nicht schnell genug ablegen wurden sie halt herausgerissen aus den Ohrläppchen…. Versuche einzelner Menschen, Brot durch den Stacheldraht zu schieben, wurden verhindert. Die meisten jedoch schauten einfach stumm zu oder schlossen die Fenster beim Durchzug der verdreckten, entwürdigten, entmenschlichten Gestalten durch die Straßen zum Lager.

Die Kinder stellen die SS vor ein Problem. Die große Zahl brachte die minutiös ausgearbeiteten Transportpläne durcheinander und die SS sah sich gezwungen, eine Trennung der Mütter von den Kindern anzuordnen. Trennung… es klingt so harmlos. Was dort geschah, immer noch von der französischen Polizei durchgeführt, war brutalste Gewalt. Die Mütter wurden mit Knüppeln niedergeschlagen, die Kinder wurden ihnen aus den Armen gerissen….

„Die Polizisten fielen sie an wie ein Schwarm großer, dunkler Vögel. Sie zerrten die Frauen auf die eine Seite des Lagers, die Kinder zur anderen. Noch die allerkleinsten Kinder wurden von ihren Müttern getrennt. Das kleine Mädchen [i.e. Sarah] sah allem zu, als befände sie sich in einer anderen Welt. Sie hörte die Klagerufe, die gellenden Schreie, sie sah die Frauen, die sich auf den Boden schmissen und ihre Kinder versuchten an Kleidern und Haaren festzuhalten. Sie sah die Polizisten, die mit ihren Knüppeln ausholten und die Frauen ins Gesicht und auf den Kopf schlugen. Sie sah eine Frau zusammenbrechen, die Nase eine einzige blutige Masse.“

Die Transporte der Erwachsenen aus den Lagern nahe Paris gingen direkt nach Auschwitz. Einer Meldung an den Chef Generalstabes beim Militärbefehlshaber in Frankreich vom 30. Juli waren bis zu diesem Zeitpunkt 4000 Juden aus Drancy (einem der Lager) abtransportiert worden, aus dem besetzten Gebiet Frankreichs insgesamt 13000, diese Zahl sollte sich bis Ende August auf 26000 erhöhen. Mit diesen Transporten sollten dann auch die Judenkinder abgeschoben werden [4, S. 176]. Das RSHA wies in einem Fernschreiben an den Befehlshaber SIPO und den SD, Paris) vom 13. August an [4, S 155; 5; 6]:

Die in den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande untergebrachten jüdischen Kinder können nach und nach auf die vorgesehenen Transporte nach Auschwitz aufgeteilt werden. Geschlossene Kindertransporte sind jedoch keinesfalls auf den Weg zu bringen.

Sarah ist nun von den Eltern getrennt in so einem Lager. Die Aufsicht durch die Polizei ist nicht sonderlich streng und Rachel, ein anderes Mädchen, mit dem sie sich anfreundet, überredet sie zur Flucht. Noch immer hat sie den Schlüssel zum Schrank dabei von dem Schrank, in dem sie Michel versteckt hat [7]. Beim Versuch, durch den Stacheldrahtzaun zu kriechen, werden sie von einem Polizisten erwischt. Es ist ein Polizist, den Sarah kennt, den sie noch vor kurzem auf der Straße gesehen hat. Und jetzt, von Angesicht zu Angesicht, wo aus der Masse der verdreckten, entwürdigten und gequälten der Mensch Sarah vor ihm steht, bringt er seinen Verrat nicht mehr übers Herz, er läßt die beiden Mädchen entkommen, gibt ihnen sogar noch etwas Geld mit auf den Weg.

Und tatsächlich, mit Hilfe von Menschen, die sich ihrer annehmen, gelingt es Sarah nach all der verflossenen Zeit, sich zu ihrer alten Wohnung durchzuschlagen. Doch fremde Menschen öffnen die Tür, sie stürmt vorbei, durch die Zimmer, kann vor Aufregung den Schlüssel nicht richtig ins Schlüsselloch stecken, doch dann bekommt sie die Tür, hinter der sie ihren Bruder versteckt hatte, auf….

An dieser Stelle bricht der direkte „Kontakt“ mit Sarah ab, sie begegnet uns von nun an nur noch indirekt, als Person, zu der die 45 jährige Journalistin Julia, eine Amerikanerin in Paris, sich mehr und mehr hingezogen fühlt, vllt sogar eine Obsession entwickelt. Dieser zweite Erzählstrang, der in der ersten Hälfte des Buches abschnittsweise mit dem der Sarah abwechselt und jetzt allein fortgeführt wird, setzt im Jahr 2002, 60 Jahre nach der Internierung der Juden im Velodrome d´Hiver ein. Julia soll eine Reportage über die Ereignisse schreiben und begibt sich auf die Recherche. An der Reaktion ihrer Familie, in die sie hineingeheiratet hat, merkt sie, daß sie an eine ihr unbekannte Wunde rührt, um die offensichtlich ein großes Geheimnis gemacht wird, ein Geheimnis, das der Leser eher erahnt als Julia. Die Arbeit Julias an der Reportage, die langsam aber sicher in eine Suche nach Sarah übergeht, belastet auch ihr Familienleben, da ihr Mann, ein charmanter, dominanter Franzose, ihren Eifer nicht nachvollziehen kann. Die Erschütterung über das, was vor 60 Jahren geschah, die ihr unverständliche Reaktion ihrer französischen Familie und nachher das von ihr gelüftete Geheimnis setzen ihr so zu, daß sich in ihr auch ein innerer Prozess in Gang setzt, mit dem sie ihr gesamtes Leben überdenkt und überprüft. Die Wahrheit, die sie in den äußeren Gegebenheiten sucht, will sie jetzt auch über sich und ihr Leben finden.

Das große Thema des Buches ist natürlich auf der einen Seite die Tatsache der Kollaboration französischer Behörden mit den Besatzern, den Nazis, der SS. Auf der anderen Seite haben auch die meisten Franzosen weggeschaut, viele jüdische Familien wurden von den Concierges verraten, die Wohnungen, aus denen die Juden vertrieben wurden, waren oft schnell wieder von Franzosen bewohnt, die sich keine großen Gedanken machten, was mit den Vorbewohner geschehen war, etwas, was sich nicht so sehr unterschied von der Art, wie in Deutschland selbst sogenanntes „arisiertes“, ehemals jüdisches Eigentum von Deutschen einkassiert wurde, die garnicht wissen wollten, was es damit auf sich hatte. Eine schwarze, sehr schwarze Stunde der französischen Geschichte, an die nicht gerne erinnert wird. So lange vorbei, es ist vergessen, das Erinnern nutzt niemandem mehr. Den gesamtgesellschaftliche Konflikt stellt die Autorin exemplarisch an der Familie Julias dar. 1995 erst übernahm Chirac in einer Rede die Verantwortung für die Ereignisse: „Die Kriminalität der Besatzer wurde von Franzosen und dem französischen Staat unterstützt. Frankreich hat die Schutzbedürftigen den Peinigern ausgeliefert. Wir tragen eine unbeschreibbare Schuld““ [8]

Der Roman hat sehr intensive Passagen. Das Schicksal Sarahs, die Schilderung der Internierung, die Flucht, gegen Ende die Begegnungen Julias mit William… es sind aber auch Passagen im Buch, die mir sehr flach erschienen, Abschnitte, in denen der Text sowenig von dem Gefühl, das er vermitteln sollte, tatsächlich auch zum Leser transportierte, daß die Autorin als Abschlusssatz dieses Gefühl noch einmal explizit aufführte: „… ich … wurde allmählich nervös und gereizt. Außerdem spürte ich ein leises Ziehen im Bauch, das mir nicht gefiel, das sich merkwürdigerweise wie eine einsetzende Periode anfühlte [Anmerkung: Julia hat gerade festgestellt, daß sie wieder schwanger ist]. Etwas, was ich im Flugzeug gegessen hatte und das mir nicht bekommen war? Oder etwas Schlimmeres? Eine böse Ahnung flackerte in mir auf.“ Gut, daß sie das noch einmal gesagt hat, gemerkt hatte ich es nicht…. Meist, so mein Eindruck, tauchen solche Stellen auf, wo es um die offenkundig werdenden Eheprobleme von Julia und Bertrand geht. Aber abgesehen von dieser Kritik lautet mein….

Facit: ein wichtiges, intensives Buch, das wir als Deutsche aber nicht dazu missbrauchen sollten, Schuld von uns abzuwälzen. Wir tragen unsere Verantwortung nach wie vor, nur daß die Mitarbeit anderer jetzt zusätzlich bekannt wird.

Anmerkungen und Links:

Mein Text ist keine ausschließliche Besprechung des Buches von de Rosnay. Einige Daten und Zitate habe ich als Hintergrundinformation aus [4] eingefügt. Sind es wörtliche Zitate, so habe ich sie rechtsbündig formatiert, als Teile des Textes sind sie durch die Angabe von Absender bzw. Adressat erkenntlich. Auch die beiden Bilder sind dem Buch entnommen.

[1] http://www.cs.uni-saarland.de/~rkoenig/download/001_Judendeportation_in_Frankreich_von_1940–1944.pdf
[2] eine französische Seite mit einigen Bildern: http://www.histoire-en-questions.fr/vichy%20et%20occupation/juifs/puanteur.html
[3] In der „online-encyclopedia of mass violence“ wird die Zusammentreibung und Einpferchung im Velodrome d´Hiver ausführlich dargestellt: http://www.massviolence.org/The-Vel-d-Hiv-round-up?artpage=1-8
[4] Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982
[5] es sollte unter allen Umständen der Eindruck aufrechterhalten werden, die Transporte würden in Arbeitslager gehen. Reine Kindertransporte hätten diesen Eindruck natürlich konterkariert. Es gibt Meldungen der Lagerleitung Auschwitz, daß, um einen reibungslosen Ablauf im Lager zu gewähren, alles vermieden werden musste, was zu Aufruhr oder Widerstand führen konnte, i.e. insbesondere natürlich die Wahrheit. Die Begleitkommandos waren in dieser Hinsicht regelmäßig zu belehren [4, S. 174].

[6] 13. August, das sind 4 Wochen (!) nach dem Beginn der Internierung unter den geschilderten unmenschlichen Bedingungen, ein Zeichen dafür, daß die Pläne der SS auf den Abtransport sovieler Kinder nicht eingerichtet waren. Am 14.8.1942, 8.55 Uhr hat dann der Transportzug Nr. D 901/14 den Abgangsbahnhof Le Boruget-Dransy in Richtung Auschwitz mit insgesamt 1000 Juden verlassen. (Darunter erstmalig Kinder), so aus einem Fernschreiben des SS-Obersturmbannfühers Röthke an das RSHA und das KL Auschwitz [4, S. 155]
[7] sonst ginge die Geschichte nicht weiter. Wie sie ihn durch die Kontrollen in den Lagern bekommen hat, weiß ich nicht….
[8] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/4276. Eine Analyse der Chirac´schen Rede sowie der Text ist über diese Quelle: http://othes.univie.ac.at/4838/1/2009-04-07_0403112.pdf einsehbar
[9] weiteres Hintergrundmaterial zum Buch: http://bilder.buecher.de/zusatz/23/23283/23283778_lese_1.pdf
[10] Wiki-Seite zum Film „La Rafle“ (engl. „The Round up“) über die Internierung: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Round_Up_(film), der unter dem Titel: „Die Kinder von Paris“ seit Anfang des Jahres auch in Deutschland zu sehen ist.

Auf.gefallen:

de Rosnay stellt ihrem Text ein Gedicht von William Blake voran:

Tiger, Tiger grelle Pracht
in den Dickichten der Nacht,
wes unsterblich Aug udn Hand
wohl dein furchtbar Gleichmaß band?

Dasselbe Gedicht, das auch Fargoso ihrem Roman: Tiger, Tiger voranstellte….

Es wäre jetzt eine Untersuchung wert, in wie weit die beiden Romane Parallelen aufweisen, die die Autorinnen zu demselben Gedicht geführt haben…..

Tatiana de Rosnay
Sarahs Schlüssel
übersetzt (aus dem englischen!) von Angelika Kaps
Berlin Verlag, März 2010, HC, 400 S.
Erstausgabe Paris 2007

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