Dieter Paul Rudolph: Pixity
Juni 26, 2011

Bentner ist der desillusionierte und frustrierte Schöpfer von Pixity, einer virtuellen Stadt für Kinder und Jugendliche. Zu fünft hatten sie damals angefangen mit Fördergeldern Internetprojekte für diese Zielgruppe zu entwickeln, pädagogisch orientierte Vorhaben. Und dann stand irgendwann die Idee dieser Stadt im Raum und Bentner, der in Codezeilen denkt, entwickelte und programmierte sie. Sie feierten deren Gründung noch als verschworene Gemeinschaft, aber mit dem Erfolg des Projekts wechselte dann auch das Geschäftsziel: Pixity wurde zur sprudelnden Quelle von Werbeeinnahmen und luchste seinen Bewohnern durch hippe und coole Angebote das schüttere Taschengeld höchststelbst aus der Tasche. Und die Gemeinschaft der Gründer zerbrach mit diesem Gesinnungswechsel, zum Teil wurden sie aus dem Unternehmen gemobbt, zum Teil abgeschoben. So fand sich Bentner dann eines Tages als eine Art Rausschmeisser in den virtuellen Räumen von Pixity wieder, denn noch eine andere Art von Beutegreifern hatte Pixity für sich entdeckt: diejenigen nämlich, die sich in der Anonymität der Nicks auf die Jagd nach jungen Mädchen und Jungs machten…. und auf diese Typen, die sich mit Fakes einloggten und einschmeichelten, machte Bentner seinerseits Jagd, um sie aus Pixity zu verbannen (eine Art Bladerunner light, leider fallen den von ihm gejagten “Replikanten” sprich Fakes keine Sätze ein wie seinerzeit Roy: “„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. … “ Doch dazu später mehr….)
Wie Vampire wandern diese Fakes durch die Räume, sondieren deren Besucher, schleichen sich in ihr Vertrauen oder locken sie ganz direkt mit Geld für die coolen Sachen, die sie sich sonst nicht leisten können. Die Einladung in den privaten Chatraum, die Aufforderung, doch zuzuschauen, wenn die Jägerin/der Jäger sich selbst streichelt, dann die Aufmunterung selbst das Shirt heben oder das Höschen runterlassen, ein pic schiessen und verschicken, so viel scheint das nicht… doch die pics sind weg und für den Vampir Gold wert: wenn du nicht machst, was ich sage, schick ich es deinen Eltern, stell ich es in facebook ein, mach ich dies oder das.. komm, zieh dir dies oder jenes an, komm um vier in dies hotel und dann…. und dann kommt das Mädel ins Hotel, weil es garnicht anders kann und dann…
Nichts ist sicher in Pixity, nur, daß dieser virtuelle Raum Bestandteil auch des realen ist. Und daß dies sehr real werden kann, merken die Jugendlichen erst zu spät, wenn sie diese Grenze nämlich schon unumkehrbar überschritten haben. Niemand in Pixity kann wissen, mit wem er sich einläßt, wenn er mit einer Anna_14 oder einem Rickie_13 redet, ein Nick kann ein Mädel sein oder ein Junge, kann einer sein oder viele, kann Mann sein oder Frau oder alles oder nichts. Es ist ein verwirrendes Spiel, welches dort abläuft, weil die Spieler nicht klar sind, dieses Fehlen von Identitäten merkt man auch beim Lesen, es ist schwierig zu verfolgen, wer nun eigentlich agiert, zu schnell wechseln die Personen ihre Namen….
Es ist ein Krimi, deswegen will ich nicht allzuviel an Handlung vorwegnehmen. Nur soviel, daß Weidfeller, einer der fünf Gründer des Unternehmens, eines Tages sichtlich nervös wird und mit Bentler reden will. Aber dieses Gespräch kommt nicht zustand, denn Weidfeller begegnet einem Küchenmesser, einige Male, immer wieder sticht es in seinem Bauch. Und so verbleicht er, bevor er Bentner einweihen kann in sein Wissen. Bentner sucht auf eigene Faust in den virtuellen Räumen, verliert sich fast ebenfalls dort, findet eine Verbündete und erleidet das Schicksal, das jedem lonesome wolf droht: er kommt in Gefahr, während er hartnäckig eine Spur nach der anderen verfolgt, während er Fehler macht und auch Sachen herausfindet, die er eigentlich garnicht herausfinden will.
Die Suche nach der Wahrheit wird für ihn zum Läuterungsprozess, denn sie öffnet ihm das Auge für das, was er geschaffen hat: eine Spielwiese für Beutegreifer, die junges Fleisch suchen, einen Ort, an dem diese neuen Werwölfe unerkannt, unerkennbar herumstreifen können, ihre Angeln auslegen und ihre am Haken zappelnden Opfer fangen können. Auch er selbst, Bentler, hat sich instrumentalisieren lassen, die Augen geschlossen und widerstandlos alles programmiert, was ihm und seinen Geschäftspartnern Geld brachte, auch er war Beutegreifer, auf eine andere Beute nur spezialisiert.
Es ist ein düsterer Roman, den Rudolph vorlegt, einsame Menschen, die durch die Straßen ziehen, die ihr Schicksal mit ins Netz nehmen, in eine virtuelle Realität, in der nichts so ist wie es scheint. Und die, so entlarvt er, keineswegs getrennt ist von der realen Welt, weil sie Bestandteil der Realität ist, in sie eingebunden, mannigfaltig mit ihr verknüpft. Menschen, die in der Realtität nicht zueinander kommen können, denen die Kontaktfähigkeit abhanden gekommen ist….
Was mich gestört hat ist die komische Sprache, in der Rudolph seine Pixies (Besucher von Pixity) sprechen läßt. Ich habe noch nie eine/n Halbwüchsige/n von “Ellis” (Eltern), “Hösis” (Unterhosen), “Bettis” (Betten) oder “Mädis” (Mädchen) reden hören, daher kommen mir diese Worte für 13, 14jährige unsagbar albern vor. Aber das kann auch einfach nur Unwissenheit meinerseits sein…. auch der Rest der Chatgespräche ist eigentlich nur sprachlich fixiertes Analphabetentum, bei allem Hang zur Kürze, ist das wirklich der Umgangston, die Alltagssprache in solchen Räumen? Andererseitss, als Multimediaentwickler sollte der Autor sich ja auskennen….
Facit: Pixity ist ein recht spannendes Szenario im Stil der düsteren Krimis früherer Jahre, der die Gefahren eines “Lebens” in der virtuellen Realität – besonders für Kinder – thematisiert.
Dieter Paul Rudolph
Pixity
Stadt der Unsichtbaren
Conte, 2011, 286 S.
Hinweis: Dieses Buch wurde mir vom Verlag für eine Besprechung zur Verfügung gestellt.






Juni 27, 2011 at 3:43 pm
Auch ein guter Tipp, Danke schön! Klingt nach spannender Lektüre für mich und meine Teenie-Tochter.