Adaobi Tricia Nwaubani: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy

Juni 22, 2011

Ein frischer Wind, dieser Roman, eine lebhafte Brise, die mal ganz anders ist als die oft gedankenschweren Elaborate, die mir sonst unter die Leselampe kommen. Ohne dabei allerdings trivial oder banal zu sein. Es hat richtig gut getan, dieses Buch am Wochenende zu lesen!

Worum geht es in diesem Werk?

Das Geschehen ist in Nigeria angesiedelt, diesem riesigen westafrikanischen Staat rund um die Nigermündung herum, der reich ist an Bodenschätzen, insbesondere Erdöl, ferner reich ist an Reichen und reich ist an Armut…. ach ja, und dann kennt man es auch noch wegen der sogenannte Nigeria-Connection, die aber ein eher schlechtes Licht auf dieses Land geworfen hat. Dies umreißt in etwa die Kulisse, in der die junge Autorin ihre Handlung ansiedelt.

Es ist die Geschichte von Kingsley (die afrikanischen Namen erspar ich mir und euch, Gott sei Dank ist der nigerianische Süden zu einem hohen Prozentsatz christianisiert und die Menschen daher auch mit “europäischen” Namen geschmückt…) und seiner Familie, die bildungshungrig ist, die Ausbildung der Kinder mit allen Mitteln vorantreibt und die dem allgemeinen Trend der Zeit widersteht, sich auch auf diese oder andere Art und Weise ggf auch außerhalb der Legalität etwas dazuzu verdienen. So kommt es wie es kommen muss, denn da der Vater als Beamter von Gehaltssteigerungen weitgehend verschont bleibt (im Gegensatz dazu darf er die allgemeine Steigerung der Lebenshaltungskosten natürlich mitmachen), die kleine Schneiderei der Mutter auch nicht so viel abwirft, verarmt die Familie langsam aber sicher. Zu allem Überfluss erkrankt der Vater noch schwer während Kings, der Erstgeborene, der sein Studium als Chemieingenieur abgeschlossen hat, heimst eine Stellenabsage nach der anderen ein. Schlechtes Karma.

Dabei hat die Familie einen Verwandten, einen Bruder von Augusta, der Mutter, der helfen könnte, wenn man ihn denn fragen würde. Doch das vermeidet man, bis es nicht mehr anders geht, denn Onkel Boniface ist zwar unermesslich reich (er ist jener Cash Daddy), aber was man sich so erzählt von der Herkunft dieses Geldes.. es ist anrüchig, mindestens. Soll es doch im wesentliches 419er Geld sein….. erst als es beim Vater auf Leben und Tod geht überwindet die Familie diese Abgrenzung und Kings bittet den Onkel um Hilfe, sprich Geld, womit er eine Ereigniskette in Gang setzt, die nicht mehr aufzuhalten ist, denn so groß wie einerseits die angebotene (und auch geleistete) Hilfe von Onkel Boniface ist, so groß ist die Not der Familie und sie wird immer größer… Nach dem Tod des Vater sieht Kings als neues Familienoberhaupt keine andere Möglichkeit mehr, als das Angebot von Cash Daddy anzunehmen und für ihn zu arbeiten….

Und er ist gut, sehr gut. Was er selber nicht für möglich hielt: er bekam auf seine erfundenen Geschichten über riesige Vermögen, an die man nur mit Hilfe von außen (gegen einen entsprechende Anteil) herankommt, tatsächlich Antworten.. und wehe dem, der zurückmailte! Kings hielt ihn an der Stange, schmierte ihm immer mehr und immer geschicktere Geschichten ums Maul, aus dem der Geifer der Gier schier unendlich zu triefen anfing…. der ersten Zahlung, dem kritischen Moment, wurde immer mehr Geld hinterhergeschmissen, eine wahre Lawine, ein steter Milchfluß aus einer auszumelkenden Kuh…

Aber der Roman ist mehr, weit mehr, als die Beschreibung dieses Vorschussbetruges [1], den wohl jeder, der schon etwas länger ein Mailpostfach hat, selber kennt, weil er mal Adressat einer solch obskuren Nachricht war. Er schildert die Lebensumstände in einem afrikanischen Land, das von seinen Möglichkeiten her im Grund unermesslich reich ist, es aber nicht versteht, diesen Reichtum zu gewinnen und für seine Bürger zu erschließen. So gibt es eine kleine Clique von Gewinnlern, deren Vermögen sich hin zu Größenordnungen im Bereich von Hunderten Millionen Dollar bewegt und in deren Dunstkreis King jetzt selber sehr, sehr viel Geld scheffelt. Auf der anderen Seite ist die in Armut versinkende Bevölkerung, die marode oder erst garnicht vorhanden Infrastruktur, die korrupte Beamtenschaft …

Das alles beschreibt Nwaubani mit einer Art Galgenhumor, bei der einem ab und zu das Lachen im Hals stecken bleibt. So erzählt sie, wie Kings in der Hauptstadt der Dchungeljustiz schockiert ist über die verkohlten Leichen an den Straßenrändern. Dabei wäre es doch nur so, daß sich die Einwohner den Rat der Edlen zu Herzen genommen und sich gefragt hätten, was sie für ihren Staat tun könnten, anstatt darauf zu warten, was dieser für sie tun könne. Und so hatten sie beschlossen, ihm bei der Rechtsvollstreckung zur Hand zu gehen, Strafverfolgung, Verurteilung und Vollstreckung mittels Autoreifen und Benzin in einem Aufwasch……

Dagegen erzeugen die Beschreibungen des Vorgehens der Truppe von Cash Daddy mit ihren Mails einfach nur ungläubiges Kopfschütteln. Angefangen von nigerianischen Kosmonauten, der bei einer Rettungsaktion (anläßlich eines von den Russen geheim gehaltenen Unglücks im Weltraum) als einziger im All zurückbleiben musste und dessen Gehalt sich jetzt incl. Zins und Zinseszins auf mehrere -zig Millionen Dollar beläuft, an die man jedoch….etc pp) bis hin zu Ausschreibung eines neuen Internationalen Flughafens in der Provinzhauptstadt im Wert von über 300 Mio Dollar (ja Cash Daddy dreht ein großes Rad)… es ist einfach unglaublich. Bei der Neuinterpretation des Begriffes “Geldwäsche” musste ich schallend lachen, aber warum, verrate ich jetzt hier nicht.

Ein Mensch, der in ein Haus geht, wo niemand anwesend ist, dessen Türen und Fenster aber offen stehen und der das auf dem Tisch liegende Portemonnaie mitnimmt, ist und bleibt ein Dieb. Und doch: ohne die Dummheit des Bewohners wäre nichts passiert. Genauso ist und bleibt Cash Daddy (und seine Genossen) ein großspuriger Betrüger, ein Krimineller. Und doch: ohne diese gehirntötende Gier ihrer Opfer hätten sie keine Chance auf nur einen einzigen Dollar. Im Grunde ist es eine Selektion auf die Gier der Mugus, der Weißen, die gepaart ist mit Dummheit und/oder Naivität, die Onkel Boniface vornimmt… Anschaulich schildert die Autorin, wie in Nigeria (als Beispiel) zwei Sozialsysteme aufeinander prallen. Zum einen der Staat, ein von den Kolonialmächten weitgehend willkürlich eingegrenztes Gebiet, in dem die verschiedensten Ethnien mit ihren jeweiligen Sprachen, Religionen und Traditionen wohnen und die oft nichts miteinander gemein haben, wenn sie nicht sogar seit altersher miteinander verfeindet sind. Während der Staat daher kaum Loyalität geniesst (es sei denn, er kann ausgenutzt werden), ist die Hilfsbereitschaft innerhalb der Familie, des Stammes oder des eigenen Volkes groß. So ist es für Cash Daddy absolut selbstverständlich, King und seiner Familie mit seinem Geld äußerst großzügig zu helfen, den netten Nebeneffekt, daß er dadurch auch für sich Werbung macht, nimmt er in Kauf… Und er sorgt nicht nur mit Geld für die Familie und seine Leute, er achtet auf ihre Kleidung, besorgt ihnen – soweit notwendig – auch weibliche Begleitung.. nur Bildung, Ausbildung, die hält er, der selber keinen Schulabschluss hat, in der Praxis für unnötig…. und das Geld dazu holt er sich eben von den Weißen. Sozusagen als kleine Wiedergutmachung für die Ausplünderung des Kontinents während der Kolonisation.

So gibt der Roman nicht nur eine sehr unterhaltsame Einführung in die Kunst des Scammens [2], sondern auch eine Ahnung vom täglichen Leben am unteren Ende der sozialen Leiter in Nigeria. Es ist die große Frage, der große Zwiespalt, personifiziert in der Mutter Augusta und dem Sohn Kingsley, ob es besser ist, arm aber ehrlich zu sein oder ob man, wenn die Not zu groß wird, sozusagen ein Recht darauf hat, unehrlich zu werden [3]. Man spürt an jeder Ecke des Buches das Bedauern der Autorin darüber, daß eben viele, sehr viele der jungen Menschen keine andere Chance sehen, als diese eine…. Was könnte, kann man zwischen den Zeilen lesen, aus Nigeria (oder auch anderen afrikanischen Staaten werden), wenn zum einen der Staat nicht von der einen Clique ausgebeutet würde und zum anderen die vielen intelligenten, jungen, kreativen Menschen eine entsprechende Ausbildung und dann einen Job erhielten….

t´Hart läßt seine Figur Toon im Schneeflockenbaum darüber räsonnieren, daß Schriftsteller einen seltsamen Bezug zur Zeit haben. So auch hier bei Nwaubani (und dies ist mein einziger Kritikpunkt am Roman): Der Schluss des Buches wirkt wie abgehackt, aufgesetzt, ohne Verbindung zum Rest. Jahre später, viele Jahre später spielt er. Was in der Zwischenzeit war: egal. Es wird ein Sprung in der Zeit gemacht, so gewaltig, daß einem schwindelig wird vor lauter Übergangslosigkeit. Zwar spielt auch das erste Kapitel des Romans zeitlich viel früher als der Rest, es ist jedoch notwendig, um die familiären Hintergründe zu beleuchten. Dieses Schlussabschnitt jedoch… .

trotzdem:

Facit: ein Buch, daß man auf S. 7 anfängt zu lesen und ein paar Stunden später auf S. 500 wieder zumacht. Zwischendurch vergisst man, daß man eigentlich noch was anderes machen wollte…..

Links und Hinweise:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Vorschussbetrug

und eine beispielhafte Polizeimeldung, daß die Nigeria-Connection immer noch umtriebig ist:

http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/35235/2020969/polizei_bremen

[2] ob diese Beschreibungen realistisch sind oder doch etwas ausgeschmückt, kann ich nicht beurteilen. Manche der Betrogenen scheinen doch sehr leichtgläubig.. aber es ist auch keine Dokumentation oder Reportage, sondern ein Unterhaltungsroman. Und unterhaltend sind diese Schilderungen allemal…

[3] btw… kennt jemand noch den Begriff des “fringsens”? da ging es zwar um ganz andere Größenordnungen, aber die moralische Fragestellung war ja analog….

und zum Abschluss der Hinweis auf eine Leseprobe bei der Berliner Literaturkritik

Adaobi Tricia Nwaubani
Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy
(aus dem Englischen) übersetzt von Karen Nölle
dtv, 2011, 500 S.
Erstveröffentlichung New York, 2009

2 Responses to “Adaobi Tricia Nwaubani: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy”

  1. antoroblog Says:

    Schöne Beschreibung dieses tollen Buchs! Es ist so witzig und trotzdem sind das ernste moralphilosophische Fragen, die die Autorin da aufwirft. Ich habe es auch genossen, schon lange war ich nicht mehr so fasziniert. Vor allem auch von diesem barocken Cash Daddy. In der englischen Version heisst es: he could talk a spider into weaving silk socks for him.

    • flattersatz Says:

      Spät aber immerhin: ein herzliches danke für deine beiden Kommentare!

      ja, dieses Buch ist eine sehr unterhaltsame Lektüre und sie zeigt vor allem auch, daß es keine einfachen Antworten gibt, auch wenn die Fragen einfach scheinen. Am Schreibtisch läßt sich trefflich zwischen “gut” und “böse” unterscheiden, in der Realität herrschen dagegen die Zwischentöne, das “sowohl als auch” und das “aber”….


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