Birgit Vanderbeke: Das lässt sich ändern

5. Juni 2011

Der erste Teil dieses kleinen, sehr flott geschriebenen Büchleins handelt vom Drinnen und vom Draußen. Draußen waren zum Beispiel “diese Leute”, die zwar manches konnten, aber im Grunde inaktzeptabel waren. Man konnte entweder drinnen sein wie die Ich-Erzählerin und ihre Familie oder draußen, wie Adam, der junge Kerl, in den sich die Erzählerin verliebt. Von draußen sah man vieles anders als von drinnen, von drinnen sah man eigentlich garnichts mehr, höchstens gab man acht, daß man drinnen blieb und einen der Draußen-virus nicht erwischte. Beides zusammen ging eben nicht, drinnen und draußen. Und so summte die Erzählerin ihrer Mutter, die der Meinung war, Brecht gehöre zum Bildungskanon und Adam eindeutig nicht in ihr Leben, leise ihre Meinung ins Ohr…..

Jedenfalls verteilt die Autorin ihre Sympathien klar und eindeutig. Die Eltern (als Archetypen der Drinnen-Leute) sind sich zu fein, sich mal die Hände schmutzig zu machen, für alles haben sie Angestellte und Leute. Es herrschen mürrische Gesichter und man macht sich gegenseitig das Leben schwer und der Vater wird jetzt wahrscheinlich irgendwo im Süden Golf spielen…. Und mit Kindern, nein, so richtig können sie mit denen auch nicht umgehen. Adam dagegen ist ein hochintelligenter (wenn er schlecht drauf war, sackte sein IQ auf 138) Mensch, der keine Probleme kennt, sondern nur Lösungen. Der Schmutz an seinen Händen, der von der vielen Arbeit stammt, die er schafft, war so fest mit ihm verbunden, daß er sich mit Seife nicht mehr lösen ließ. Es sammelt alles, der Sperrmüll ist seine Rohstoffquelle, Ton Steine Scherben und die Ärzte sein seelisches Rüstzeug. Links sein kein Lippenbekenntnis, sondern leben.

Diese mit hohem Tempo geschriebene Geschichte stellt eine kleine Gesellschaftsutopie dar. Eine Utopie gegen das Verschwenden, gegen die Oberflächlichkeit, gegen die Wegwerfmentalität, gegen die Entwertung all der Dinge, die die Menschheit in den letzten 10.000 Jahren gelernt hat. Nicht das Fernsehen mit seiner geisttötenden Dudelei ist wichtig (in dem unsere Helden dann aber z.B. miterleben können, wie ein kleiner, nervöser Mann von seinem Spickzettel etwas abliest, was er selber nicht versteht und – schwupps – ist die Mauer weg und die Welt aus dem Gleichgewicht….), sondern die Obstbäume auf der Wiese, die Schafe darunter, die Pferde, das Keltern des Obstes, das Wiederverwerten des Aussortierten…. frei, selbstbestimmt, autark… Vanderbeke hält sich nicht mit theoretischen Überlegungen auf, die über Zitate der Ärzte-Texte hinausgehen, muss sie auch nicht, sie erzählt einfach von dem, was passiert und jeder weiß, was sie sagen will….

Adam, die Erzählerin und ihre zwei Kinder arbeiten sich im Lauf der Jahre heran an dieses Ziel. Zufälle spielen eine Rolle, z.B. daß sie Fritzi wiedertreffen, die alte Freundin der Erzählerin und diese gerade ein Haus geerbt hat. Mit einem sich auf dem absteigenden Ast befindlichen Bauernhof als Nachbarn…. Aber nur Zufälle gibt es nicht, sie ergreifen auch ihre Chance, sie gehen die Risiken ein und werden mit Erfolg belohnt.

Es ist wie oft mit solchen Utopien, sie lesen sich sehr gut und man kennt auch Menschen, die – zumindest ansatzweise – so ähnlich leben, zeitweise gelebt haben. Und es ist gut, daß es solche Draußen-Leute gibt, es sind Keime für Veränderungen, die die ganze Gesellschaft erfassen könnnen. Letztlich sind die Grünen auch solchen Ursprungs, zwar jetzt natürlich auch “drinnen”, aber nicht ohne das Drinnen verändert zu haben. Das Drinnen ist sozusagen Draußiger geworden… aber, um im Jargon von Vanderbeke zu bleiben, das Draußen benötigt das Drinnen, um sich über den Gegensatz zu definieren und über die Unterschiede. Überleben kann es nur als Draußenseitertum, wenn es in den geistigen Mainstream einmündet, kann es diesen zwar verändern, aber nicht, ohne auch Veränderungen zu erleiden. Und schon ist es Drinnen….

Facit: eine Sommergeschichte mit hohem Tempo und hohem Unterhaltungswert und dem Potential, beim Lesen diesen “ach ja… das müßte man auch mal..”-Seufzer hervorzurufen….

Birgit Vanderbeke
Das lässt sich ändern
Piper, März 2011, HC, 160 S.

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3 Antworten auf “Birgit Vanderbeke: Das lässt sich ändern”


  1. Ich finde das Cover ganz wunderbar gelungen. Ist das eine Fotografie?

  2. Cara Says:

    Das hört sich doch gut an! Ich bin letzten schon in der Buchhandlung daran hängen geblieben, aufgrund des schönen Covers =)

    lg, Cara


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