Lothar Schöne: Das jüdische Begräbnis
Juni 30, 2011
Es kommt keiner, dachte ich, weil es eben jüdische und christliche Erde gibt. Die einen Krumen glauben an Jesus, die anderen nicht, und die Gräser, die auf ihnen wachsen, sind entweder getauft oder beschnitten. Ich muss darauf achten, daß die Blumen koscher sind, die ich aufs Grab stelle.

Ein Anruf ist es, der den Ich-Erzähler aus dem Schlaf reisst: die Mutter ist gestorben, das Heim, in dem sie die letzten Jahre lebte, teilt ihm dies mit. Man ist nicht sehr sensibel im Heim mit dem Sohn und seiner Frau, aber das ist nicht das wirkliche Problem, das auf den Sohn zukommt, neben all der Trauer.
Das Problem liegt darin, daß seine Mutter Jüdin war, verheiratet einst mit einem schon lange verstorbenen christlichen Mann, einem Mann, der sie in der Zeit, in der die Juden Europas von der neuen Herrenrasse verbrannt wurden, nicht verlassen hat, sondern bei ihr blieb und zu ihr hielt und ihr so daß Leben rettete. Und so soll die Mutter im Tod wieder vereint werden mit ihrem Mann, was bedeutete, daß eine Jüdin auf einem christlichen Friedhof beerdigt werden sollte. [1]
Diese Konstellation nutzt Schöne um zweierlei zu erreichen: zum einen läßt er durch das Trauern des Sohnes (und seines Cousins, der zufällig zu Besuch ist) die Erinnerung wieder lebendig werden an seine eigene Jugend und an seine Mutter, deren Schicksal tief in ihr vorborgen lag, so tief, daß es sie krank machte, zu monatelangen Klinikaufenthalten zwang. Weniges nur erfährt er von ihr vom Überleben in dieser Zeit, in der für Juden das Verrecken das Normale war, fünf Geschwister verliert sie, einem nur gelang die Flucht und sie entkam durch ihren christlichen Mann.
Auf der anderen Seite gibt die Problematik, daß eine Jüdin in christlicher Erde beigesetzt werden soll, dem Autor Gelegenheit,sich Gedanken über das Judentum und sein Verhältnis zum Christentum zu machen. Die ewige Frage, was Judentum überhaupt ist, wer überhaupt Jude ist. Von der Tradition her ist es klar, wer eine jüdische Mutter hat, ist Jude [2], Hitler hat definiert, wer Jude ist und auch der Oberrabbiner aus Jerusalem….
Die Erinnerung aber ist so übermächtig, daß sie heute jüdische Identität stiftet. Nicht mehr die Religion ist das einigende Band der Juden in der Diaspora, sondern die Vernichtung. Und die Gedenkstätten in den USA und in Israel sind ihre Ikonen. Die Ermordung eines Volkes steht als Symbol für sein Überleben. So näherns sich Judentum und Christentum nach zwei Jahrtausenden aneinander an. Wie das Christentum mit dem ans Kreuz geschlagenen Jesus einen Opfertod ins Zentrum seines Kultes stellt, so rückt das Judentum nun den Versuch seiner Vernichtung in den Mittelpunkt seines Denkens.
Für nichts bin ich weniger qualifiziert, als mich über das Wesen des Judentums auszulassen noch natürlich über das von Autoren verfasste, die sich das zum Thema machen, aber in Schönes Erzählung finden sich schon viele Gedanken, viele Fragen, über die nachzudenken sich lohnt. [3] Ist obiges Zitat jetzt ein – nun, ein Tabubruch wohl auf jeden Fall, aber vllt auch ein befreiender Blick auf einen Aspekt der Realität? Das Judentum hat seit Jahrtausenden alle seine Feinde, und es waren viele (die Bibel, das AT kann ja auch in weiten Teilen als Kriegsberichterstattung gelesen werden), überlebt, all die dort genannten Völker sind nur noch der Geschichte bekannt, die Juden leben. Sie leben durch die Abgrenzung von allen anderen, durch die unbedingte Weigerung, in anderen Völkern aufzugehen. Vielleicht dies auch ein Grund, warum es im nahen Osten so schwer fällt, Frieden zu schließen, weil dadurch nämlich etwas identitätsstiftendes verloren ginge: das Gefühl, sich gegen einen Feind verteidigen zu müssen. Das auserwählte Volk… ein Gottesbeweis gar? [4, 8]
Das Judentum kennt keine Kompromisse. Es ist alles Tradition. Seit Jahrtausenden nichts als Tradition.
läßt Schöne eine seiner Figuren zornig ausrufen. Das Christentum ist eine Wissenschaft, das Judentum eine Lebensweise [7, 10]. Wenn Gott noch eine Sintflut schickte, würden die Christen diskutieren, warum, wieso, weshalb. In den Synagogen würde Schwimmunterricht angeboten werden…. Judentum ist eine Art zu leben, den Bund, den ein Wüstenvolk vor Jahrtausenden mit seinem Gott abschloß, lebendig zu halten und zu leben in allen Zeiten.
Schöne läßt seinen Erzähler über Auschwitz und Birkenau reden, über den Besuch dort, der kaum auszuhalten ist [5]. Diese sehr punktuellen Rückblicke auf den Holocaust sind um so schmerzhafter, als sie uns so direkt in diese Realität werfen. Die Plätze, die Hallen, die Keller, die Verliese werden lebendig, bevölkern sich mit den Gequälten, verfolgen ihn. Man musste unter einer Latte hindurch gehen. Wer es ohne bücken konnte, kam gleich ins Gas. Niemand sagte den Kindern, daß sie den Kopf recken sollten….. Die Öfen packten es nicht, also wurden zappelnde, kriechende, sich wendende Scheiterhaufen geschichtet und angezündet. Versuchte einer die Flucht, wurde angetreten und jeder zwanzigste wurde herausgeholt. Glücklich, wer gehenkt wurde. Andere wurden mit der Peitsche zu Brei geschlagen, die erlösende Kugel, um die sie flehten, zu schade für sie in den Augen der Arier. Wohin mit der Asche, damals? Sie verwehte, düngte die umliegenden Felder.. wurde in den Teich geschüttet, den der Sohn jetzt sucht, aufsucht. Dies das Grab seiner Verwandten?
Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen daliegen oder tausend. Das durchgestanden zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte. [6]
Ruhm ist relativ, anständig sein wohl auch. Der SS-Oberscharführer Josef Schwammberger z.B. pflegte, so schreibt Schöne, kleine Kinder an die Wand zu klatschen … sein Schäferhund durfte Halbverhungerte zerfleischen… Mädchen sperrte er ein und verbrannte sie, sechzig an der Zahl, weil sie weglaufen wollten…er gab hungernden Kindern Kot zu essen bevor er sie erschoss. Es war, wie vor Gericht ausgesagt wurde, sein Hobby, Juden zu töten.
Genug.
Eine christlich-jüdische Ehe („Mischehen„) in den Zeiten des 3. Reiches, ein Problem. Mit aller Macht versuchten die damaligen Herrscher diese aufzulösen, bei den meisten gelang es wohl auch, denn auch wenn noch ein gewisser Schutz vorhanden war, wurde den Menschen das tägliche Leben sehr schwer. Aber die Eltern überstanden den Krieg, nur wurde die Mutter, die all ihre Toten, all ihre Trauer in sich begrub, sie nicht mehr in die Welt entlassen konnte, krank, psychisch krank. Schöne läßt seinen Erzähler sich an seine Jugend erinnern, an das Erwachsenwerden und das Leben in diesem Deutschland. Das Verhältnis von Sohn und Mutter ist schwierig, die vielen Klinikaufenthalte, in denen er mit dem Vater allein ist, die Rücksicht, die auf die Mutter zu nehmen ist. Nicht kann sie ihm die Frage beantworten, was das ist, Jude sein. Jüdisch Leben? Ist das alles, an den Messias glauben. Sie ist schweigsam die Mutter, schaut oft lang einfach in die Gegend. Sind dies die Zeiten, in denen sie Besuch bekommt von ihren Toten, und in denen sie, die sie selbst ein Grab geworden ist für all die Erinnerungen, wieder mit ihnen vereint ist?
Das Begräbnis.. die jüdische Seite hält ihre Tradition, ihre Vorschriften ein. [9] Froh scheinen sie zu sein, als der Leichnam endlich aus der Leichenhalle abgeholt wird. Ja, der Erzähler finde zum Schluss einen evangelischen Pfarrer, der die Bestattung auf dem christlichen Friedhof durchführt. Und die Mutter bekommt ein wenig Erde vom jüdischen Friedhof mit in den Sarg gelegt….. man wünsch ihr, daß sie dort jetzt endlich Frieden findet.
Facit: wenn ich mal von meinen prinzipiellen Bedenken [3] absehe, hat mich das Buch sehr bewegt, sehr angerührt, sehr zum nachdenken gebracht…. ein kleiner Schatz zwischen zwei Buchdeckeln.
Links und Hinweise
[1] Von einem ähnlichen Fall berichtet Wolfgang Benz: Ladislaus Szücs, 1909 in Siebenbürgen geboren, wurde als ungarischer Jude nach Auschwitz deportiert, er starb im Januar 2000 in Köln. Da er der Jüdischen Gemeinde nicht angehörte, wurde ihm das jüdische Begräbnis verweigert. Ein katholischer Priester sprang auf Bitten der Familie ein und bemühte sich um ein allgemein-humanistisches Begräbnisritual ohne christliche Inhalte.
[2] der Vater zählt dabei nicht, man weiß ja nie… wer einen jüdischen Vater hat, hat im Grunde „Pech“ gehabt, für die Christen ist er Halbjude, für die Juden Halbchrist…. er gehört nirgends dazu, eine Art Paria
[3] Es ist dies sowieso ein Problem bei solchen Büchern. Selbstverständlich gibt es im Judentum neben den Orthodoxen (an den Strümpfen kann man sie auseinanderhalten!) auch liberale Juden, welchen Ansichten gibt der Autor Raum? Welche Berechtigung oder Qualifikation hat er überhaupt, sich derart über jüdisches auszulassen? Kann ich ihm, das ist letztlich die Frage, vertrauen, daß seine Fragen und Gedanken, seine Schlussfolgerungen und Ausrufe mich nicht in eine falsche Richtung locken? Das Buch, glaube ich den Meldungen, hat in Israel positive Aufnahme gefunden, von einer geplanten Verfilmung war die Rede. Nun ja, das klingt ja nicht schlecht…. genauso wenig wie diese kurze Meldung über eine Lesung Schönes
[4] …. „die Anekdote eigenartig berühren, die sich am Hof des Preußenkönigs Friedrich II. zugetragen haben soll. Friedrich der Große war bekanntlich ein Freund und Verehrer des geistreichen Spötters Voltaire und teilte dessen Geringschätzung aller Religion. So soll er einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben: »Nenn’ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!« Der also Angeredete aber soll darauf die bündige Antwort gegeben haben: »Die Juden ‑ Majestät.«“ zitiert nach dieser Quelle
[5] ich kann es ihm nachfühlen (und ich bin nicht selbst betroffen von diesen Geschnehnissen), mein eigener Besuch in Buchenwald hat mich auch mehr als nur „mitgenommen“
[6] Schöne zitiert Himmler hier etwas verkürzt [vgl. das Himmler-Projekt], aber das tut seiner Folgerung keinen Abbruch: die Ausrottung der Juden war für die Nazis ein ritueller Akt der Reinigung, die Juden waren unrein, sie waren rein…..:
Sie haben ihre Morde als Akte der Reinigung verstanden. Sie waren rein, die Juden unrein. Deshalb musste die Welt von ihnen befreit werden. Dieser gnostische Sauberkeitswahn verknüpfte sich mit einem Opferkult. Das war es, was mir durch den Kopf ging, als ich den Aschensee sah. Nicht um bloße Verbrennungen handelte es sich, Todesriten wurden abgehalten. Die Juden als Opfergabe, der Scheiterhaufen als magischer Ort, die Opferung als archaische Huldigung. Und kein Engel kam mit Blitz und Donner, die Anständigen zu vertilgen von der Erde.
[7] Es ist in diesem Zusammenhang natürlich auch interessant, sich darüber zu belesen, wie sich seinerzeit Judentum und Christentum auseinander entwickelt haben. Jesus hat sich ja immer als Jude verstanden und sich in der jüdischen Tradition gesehen als der von Gott angekündigte Messias. Lange Zeit wurden die Anhänger Jesu als jüdische Sekte angesehen, daß sich daraus eine eigene Weltreligion entwickeln sollte, war keineswegs von Anfang an vorgesehen. (Ich habe jetzt keine Internet-Quelle ergoogelt, ich selbst habe mich bei Benz: ***** ein wenig umgesehen)
[8] Schöne läßt die Mutter in der Rückschau auf die Verfolgungen und das Leid in einer Szene zu Gott beten, daß sie wüsste, daß die Juden sein auserwähltes Volk seien, aber ob Er denn nicht auch einmal ein anderes Volk auserwählen könne…
[9] eine Beschreibung der jüdischen Rituale bei Tod und Begräbnis findet sich in dieser Quelle
[10] Einstein zum Beispiel schrieb: „Judentum ist kein Glaube…. keine transzendente Religion, es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaßen greifbaren Leben zu tun und mit nichts anderem.“ (Einstein A.: Mein Weltbild, S. 89, Ullstein, 1983)
Eine deutsche übersetzung des Kaddish, des jüdischen Totengebets:
„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht Amen.
Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprecht Amen.
Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprecht Amen.“
(zitiert nach Wiki)
Dieser Beitrag wurde zuerst in den „Jüdische Lebenswelten“ publiziert.
Lothar Schöne
Das Jüdische Begräbnis
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1996, HC, 168 S.
Eine Leseprobe zum Buch findet sich auf der Website des Autoren: http://www.lothar-schoene.de/index_juedbegr.html
Dieter Paul Rudolph: Pixity
Juni 26, 2011

Bentner ist der desillusionierte und frustrierte Schöpfer von Pixity, einer virtuellen Stadt für Kinder und Jugendliche. Zu fünft hatten sie damals angefangen mit Fördergeldern Internetprojekte für diese Zielgruppe zu entwickeln, pädagogisch orientierte Vorhaben. Und dann stand irgendwann die Idee dieser Stadt im Raum und Bentner, der in Codezeilen denkt, entwickelte und programmierte sie. Sie feierten deren Gründung noch als verschworene Gemeinschaft, aber mit dem Erfolg des Projekts wechselte dann auch das Geschäftsziel: Pixity wurde zur sprudelnden Quelle von Werbeeinnahmen und luchste seinen Bewohnern durch hippe und coole Angebote das schüttere Taschengeld höchststelbst aus der Tasche. Und die Gemeinschaft der Gründer zerbrach mit diesem Gesinnungswechsel, zum Teil wurden sie aus dem Unternehmen gemobbt, zum Teil abgeschoben. So fand sich Bentner dann eines Tages als eine Art Rausschmeisser in den virtuellen Räumen von Pixity wieder, denn noch eine andere Art von Beutegreifern hatte Pixity für sich entdeckt: diejenigen nämlich, die sich in der Anonymität der Nicks auf die Jagd nach jungen Mädchen und Jungs machten…. und auf diese Typen, die sich mit Fakes einloggten und einschmeichelten, machte Bentner seinerseits Jagd, um sie aus Pixity zu verbannen (eine Art Bladerunner light, leider fallen den von ihm gejagten „Replikanten“ sprich Fakes keine Sätze ein wie seinerzeit Roy: „„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. … “ Doch dazu später mehr….)
Wie Vampire wandern diese Fakes durch die Räume, sondieren deren Besucher, schleichen sich in ihr Vertrauen oder locken sie ganz direkt mit Geld für die coolen Sachen, die sie sich sonst nicht leisten können. Die Einladung in den privaten Chatraum, die Aufforderung, doch zuzuschauen, wenn die Jägerin/der Jäger sich selbst streichelt, dann die Aufmunterung selbst das Shirt heben oder das Höschen runterlassen, ein pic schiessen und verschicken, so viel scheint das nicht… doch die pics sind weg und für den Vampir Gold wert: wenn du nicht machst, was ich sage, schick ich es deinen Eltern, stell ich es in facebook ein, mach ich dies oder das.. komm, zieh dir dies oder jenes an, komm um vier in dies hotel und dann…. und dann kommt das Mädel ins Hotel, weil es garnicht anders kann und dann…
Nichts ist sicher in Pixity, nur, daß dieser virtuelle Raum Bestandteil auch des realen ist. Und daß dies sehr real werden kann, merken die Jugendlichen erst zu spät, wenn sie diese Grenze nämlich schon unumkehrbar überschritten haben. Niemand in Pixity kann wissen, mit wem er sich einläßt, wenn er mit einer Anna_14 oder einem Rickie_13 redet, ein Nick kann ein Mädel sein oder ein Junge, kann einer sein oder viele, kann Mann sein oder Frau oder alles oder nichts. Es ist ein verwirrendes Spiel, welches dort abläuft, weil die Spieler nicht klar sind, dieses Fehlen von Identitäten merkt man auch beim Lesen, es ist schwierig zu verfolgen, wer nun eigentlich agiert, zu schnell wechseln die Personen ihre Namen….
Es ist ein Krimi, deswegen will ich nicht allzuviel an Handlung vorwegnehmen. Nur soviel, daß Weidfeller, einer der fünf Gründer des Unternehmens, eines Tages sichtlich nervös wird und mit Bentler reden will. Aber dieses Gespräch kommt nicht zustand, denn Weidfeller begegnet einem Küchenmesser, einige Male, immer wieder sticht es in seinem Bauch. Und so verbleicht er, bevor er Bentner einweihen kann in sein Wissen. Bentner sucht auf eigene Faust in den virtuellen Räumen, verliert sich fast ebenfalls dort, findet eine Verbündete und erleidet das Schicksal, das jedem lonesome wolf droht: er kommt in Gefahr, während er hartnäckig eine Spur nach der anderen verfolgt, während er Fehler macht und auch Sachen herausfindet, die er eigentlich garnicht herausfinden will.
Die Suche nach der Wahrheit wird für ihn zum Läuterungsprozess, denn sie öffnet ihm das Auge für das, was er geschaffen hat: eine Spielwiese für Beutegreifer, die junges Fleisch suchen, einen Ort, an dem diese neuen Werwölfe unerkannt, unerkennbar herumstreifen können, ihre Angeln auslegen und ihre am Haken zappelnden Opfer fangen können. Auch er selbst, Bentler, hat sich instrumentalisieren lassen, die Augen geschlossen und widerstandlos alles programmiert, was ihm und seinen Geschäftspartnern Geld brachte, auch er war Beutegreifer, auf eine andere Beute nur spezialisiert.
Es ist ein düsterer Roman, den Rudolph vorlegt, einsame Menschen, die durch die Straßen ziehen, die ihr Schicksal mit ins Netz nehmen, in eine virtuelle Realität, in der nichts so ist wie es scheint. Und die, so entlarvt er, keineswegs getrennt ist von der realen Welt, weil sie Bestandteil der Realität ist, in sie eingebunden, mannigfaltig mit ihr verknüpft. Menschen, die in der Realtität nicht zueinander kommen können, denen die Kontaktfähigkeit abhanden gekommen ist….
Was mich gestört hat ist die komische Sprache, in der Rudolph seine Pixies (Besucher von Pixity) sprechen läßt. Ich habe noch nie eine/n Halbwüchsige/n von „Ellis“ (Eltern), „Hösis“ (Unterhosen), „Bettis“ (Betten) oder „Mädis“ (Mädchen) reden hören, daher kommen mir diese Worte für 13, 14jährige unsagbar albern vor. Aber das kann auch einfach nur Unwissenheit meinerseits sein…. auch der Rest der Chatgespräche ist eigentlich nur sprachlich fixiertes Analphabetentum, bei allem Hang zur Kürze, ist das wirklich der Umgangston, die Alltagssprache in solchen Räumen? Andererseitss, als Multimediaentwickler sollte der Autor sich ja auskennen….
Facit: Pixity ist ein recht spannendes Szenario im Stil der düsteren Krimis früherer Jahre, der die Gefahren eines „Lebens“ in der virtuellen Realität – besonders für Kinder – thematisiert.
Dieter Paul Rudolph
Pixity
Stadt der Unsichtbaren
Conte, 2011, 286 S.
Hinweis: Dieses Buch wurde mir vom Verlag für eine Besprechung zur Verfügung gestellt.

Ein frischer Wind, dieser Roman, eine lebhafte Brise, die mal ganz anders ist als die oft gedankenschweren Elaborate, die mir sonst unter die Leselampe kommen. Ohne dabei allerdings trivial oder banal zu sein. Es hat richtig gut getan, dieses Buch am Wochenende zu lesen!
Worum geht es in diesem Werk?
Das Geschehen ist in Nigeria angesiedelt, diesem riesigen westafrikanischen Staat rund um die Nigermündung herum, der reich ist an Bodenschätzen, insbesondere Erdöl, ferner reich ist an Reichen und reich ist an Armut…. ach ja, und dann kennt man es auch noch wegen der sogenannte Nigeria-Connection, die aber ein eher schlechtes Licht auf dieses Land geworfen hat. Dies umreißt in etwa die Kulisse, in der die junge Autorin ihre Handlung ansiedelt.
Es ist die Geschichte von Kingsley (die afrikanischen Namen erspar ich mir und euch, Gott sei Dank ist der nigerianische Süden zu einem hohen Prozentsatz christianisiert und die Menschen daher auch mit „europäischen“ Namen geschmückt…) und seiner Familie, die bildungshungrig ist, die Ausbildung der Kinder mit allen Mitteln vorantreibt und die dem allgemeinen Trend der Zeit widersteht, sich auch auf diese oder andere Art und Weise ggf auch außerhalb der Legalität etwas dazuzu verdienen. So kommt es wie es kommen muss, denn da der Vater als Beamter von Gehaltssteigerungen weitgehend verschont bleibt (im Gegensatz dazu darf er die allgemeine Steigerung der Lebenshaltungskosten natürlich mitmachen), die kleine Schneiderei der Mutter auch nicht so viel abwirft, verarmt die Familie langsam aber sicher. Zu allem Überfluss erkrankt der Vater noch schwer während Kings, der Erstgeborene, der sein Studium als Chemieingenieur abgeschlossen hat, heimst eine Stellenabsage nach der anderen ein. Schlechtes Karma.
Dabei hat die Familie einen Verwandten, einen Bruder von Augusta, der Mutter, der helfen könnte, wenn man ihn denn fragen würde. Doch das vermeidet man, bis es nicht mehr anders geht, denn Onkel Boniface ist zwar unermesslich reich (er ist jener Cash Daddy), aber was man sich so erzählt von der Herkunft dieses Geldes.. es ist anrüchig, mindestens. Soll es doch im wesentliches 419er Geld sein….. erst als es beim Vater auf Leben und Tod geht überwindet die Familie diese Abgrenzung und Kings bittet den Onkel um Hilfe, sprich Geld, womit er eine Ereigniskette in Gang setzt, die nicht mehr aufzuhalten ist, denn so groß wie einerseits die angebotene (und auch geleistete) Hilfe von Onkel Boniface ist, so groß ist die Not der Familie und sie wird immer größer… Nach dem Tod des Vater sieht Kings als neues Familienoberhaupt keine andere Möglichkeit mehr, als das Angebot von Cash Daddy anzunehmen und für ihn zu arbeiten….
Und er ist gut, sehr gut. Was er selber nicht für möglich hielt: er bekam auf seine erfundenen Geschichten über riesige Vermögen, an die man nur mit Hilfe von außen (gegen einen entsprechende Anteil) herankommt, tatsächlich Antworten.. und wehe dem, der zurückmailte! Kings hielt ihn an der Stange, schmierte ihm immer mehr und immer geschicktere Geschichten ums Maul, aus dem der Geifer der Gier schier unendlich zu triefen anfing…. der ersten Zahlung, dem kritischen Moment, wurde immer mehr Geld hinterhergeschmissen, eine wahre Lawine, ein steter Milchfluß aus einer auszumelkenden Kuh…
Aber der Roman ist mehr, weit mehr, als die Beschreibung dieses Vorschussbetruges [1], den wohl jeder, der schon etwas länger ein Mailpostfach hat, selber kennt, weil er mal Adressat einer solch obskuren Nachricht war. Er schildert die Lebensumstände in einem afrikanischen Land, das von seinen Möglichkeiten her im Grund unermesslich reich ist, es aber nicht versteht, diesen Reichtum zu gewinnen und für seine Bürger zu erschließen. So gibt es eine kleine Clique von Gewinnlern, deren Vermögen sich hin zu Größenordnungen im Bereich von Hunderten Millionen Dollar bewegt und in deren Dunstkreis King jetzt selber sehr, sehr viel Geld scheffelt. Auf der anderen Seite ist die in Armut versinkende Bevölkerung, die marode oder erst garnicht vorhanden Infrastruktur, die korrupte Beamtenschaft …
Das alles beschreibt Nwaubani mit einer Art Galgenhumor, bei der einem ab und zu das Lachen im Hals stecken bleibt. So erzählt sie, wie Kings in der Hauptstadt der Dchungeljustiz schockiert ist über die verkohlten Leichen an den Straßenrändern. Dabei wäre es doch nur so, daß sich die Einwohner den Rat der Edlen zu Herzen genommen und sich gefragt hätten, was sie für ihren Staat tun könnten, anstatt darauf zu warten, was dieser für sie tun könne. Und so hatten sie beschlossen, ihm bei der Rechtsvollstreckung zur Hand zu gehen, Strafverfolgung, Verurteilung und Vollstreckung mittels Autoreifen und Benzin in einem Aufwasch……
Dagegen erzeugen die Beschreibungen des Vorgehens der Truppe von Cash Daddy mit ihren Mails einfach nur ungläubiges Kopfschütteln. Angefangen von nigerianischen Kosmonauten, der bei einer Rettungsaktion (anläßlich eines von den Russen geheim gehaltenen Unglücks im Weltraum) als einziger im All zurückbleiben musste und dessen Gehalt sich jetzt incl. Zins und Zinseszins auf mehrere -zig Millionen Dollar beläuft, an die man jedoch….etc pp) bis hin zu Ausschreibung eines neuen Internationalen Flughafens in der Provinzhauptstadt im Wert von über 300 Mio Dollar (ja Cash Daddy dreht ein großes Rad)… es ist einfach unglaublich. Bei der Neuinterpretation des Begriffes „Geldwäsche“ musste ich schallend lachen, aber warum, verrate ich jetzt hier nicht.
Ein Mensch, der in ein Haus geht, wo niemand anwesend ist, dessen Türen und Fenster aber offen stehen und der das auf dem Tisch liegende Portemonnaie mitnimmt, ist und bleibt ein Dieb. Und doch: ohne die Dummheit des Bewohners wäre nichts passiert. Genauso ist und bleibt Cash Daddy (und seine Genossen) ein großspuriger Betrüger, ein Krimineller. Und doch: ohne diese gehirntötende Gier ihrer Opfer hätten sie keine Chance auf nur einen einzigen Dollar. Im Grunde ist es eine Selektion auf die Gier der Mugus, der Weißen, die gepaart ist mit Dummheit und/oder Naivität, die Onkel Boniface vornimmt… Anschaulich schildert die Autorin, wie in Nigeria (als Beispiel) zwei Sozialsysteme aufeinander prallen. Zum einen der Staat, ein von den Kolonialmächten weitgehend willkürlich eingegrenztes Gebiet, in dem die verschiedensten Ethnien mit ihren jeweiligen Sprachen, Religionen und Traditionen wohnen und die oft nichts miteinander gemein haben, wenn sie nicht sogar seit altersher miteinander verfeindet sind. Während der Staat daher kaum Loyalität geniesst (es sei denn, er kann ausgenutzt werden), ist die Hilfsbereitschaft innerhalb der Familie, des Stammes oder des eigenen Volkes groß. So ist es für Cash Daddy absolut selbstverständlich, King und seiner Familie mit seinem Geld äußerst großzügig zu helfen, den netten Nebeneffekt, daß er dadurch auch für sich Werbung macht, nimmt er in Kauf… Und er sorgt nicht nur mit Geld für die Familie und seine Leute, er achtet auf ihre Kleidung, besorgt ihnen – soweit notwendig – auch weibliche Begleitung.. nur Bildung, Ausbildung, die hält er, der selber keinen Schulabschluss hat, in der Praxis für unnötig…. und das Geld dazu holt er sich eben von den Weißen. Sozusagen als kleine Wiedergutmachung für die Ausplünderung des Kontinents während der Kolonisation.
So gibt der Roman nicht nur eine sehr unterhaltsame Einführung in die Kunst des Scammens [2], sondern auch eine Ahnung vom täglichen Leben am unteren Ende der sozialen Leiter in Nigeria. Es ist die große Frage, der große Zwiespalt, personifiziert in der Mutter Augusta und dem Sohn Kingsley, ob es besser ist, arm aber ehrlich zu sein oder ob man, wenn die Not zu groß wird, sozusagen ein Recht darauf hat, unehrlich zu werden [3]. Man spürt an jeder Ecke des Buches das Bedauern der Autorin darüber, daß eben viele, sehr viele der jungen Menschen keine andere Chance sehen, als diese eine…. Was könnte, kann man zwischen den Zeilen lesen, aus Nigeria (oder auch anderen afrikanischen Staaten werden), wenn zum einen der Staat nicht von der einen Clique ausgebeutet würde und zum anderen die vielen intelligenten, jungen, kreativen Menschen eine entsprechende Ausbildung und dann einen Job erhielten….
t´Hart läßt seine Figur Toon im Schneeflockenbaum darüber räsonnieren, daß Schriftsteller einen seltsamen Bezug zur Zeit haben. So auch hier bei Nwaubani (und dies ist mein einziger Kritikpunkt am Roman): Der Schluss des Buches wirkt wie abgehackt, aufgesetzt, ohne Verbindung zum Rest. Jahre später, viele Jahre später spielt er. Was in der Zwischenzeit war: egal. Es wird ein Sprung in der Zeit gemacht, so gewaltig, daß einem schwindelig wird vor lauter Übergangslosigkeit. Zwar spielt auch das erste Kapitel des Romans zeitlich viel früher als der Rest, es ist jedoch notwendig, um die familiären Hintergründe zu beleuchten. Dieses Schlussabschnitt jedoch… .
trotzdem:
Facit: ein Buch, daß man auf S. 7 anfängt zu lesen und ein paar Stunden später auf S. 500 wieder zumacht. Zwischendurch vergisst man, daß man eigentlich noch was anderes machen wollte…..
Links und Hinweise:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Vorschussbetrug
und eine beispielhafte Polizeimeldung, daß die Nigeria-Connection immer noch umtriebig ist:
http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/35235/2020969/polizei_bremen
[2] ob diese Beschreibungen realistisch sind oder doch etwas ausgeschmückt, kann ich nicht beurteilen. Manche der Betrogenen scheinen doch sehr leichtgläubig.. aber es ist auch keine Dokumentation oder Reportage, sondern ein Unterhaltungsroman. Und unterhaltend sind diese Schilderungen allemal…
[3] btw… kennt jemand noch den Begriff des „fringsens“? da ging es zwar um ganz andere Größenordnungen, aber die moralische Fragestellung war ja analog….
und zum Abschluss der Hinweis auf eine Leseprobe bei der Berliner Literaturkritik
Adaobi Tricia Nwaubani
Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy
(aus dem Englischen) übersetzt von Karen Nölle
dtv, 2011, 500 S.
Erstveröffentlichung New York, 2009
Meir Shalev: Judiths Liebe
Juni 18, 2011
Die Geschichte beginnt im Israel (bzw. dem Land, das fast zwei Jahrzehnte später zu Israel werden sollte) des Jahres 1930. Sie spielt sich im ländlichen, dörflichen Bereich ab, dem Gebiet, in dem die zwei so unterschiedlichen Zeitläufte noch herrschen, der cyclisch sich im Rhythmus der Jahreszeiten schier unendlich wiederholende Kreislauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter und der Zeitpfeil des Individuums, der mit der Geburt wie von der Sehne des Bogens geschnellt nur eine Richtung kennt…. letzterem folgen wir mit der Geschichte des Buches und sind dabei eingebettet und behütet vom unendlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens.
Die Geschichte der Judith, die hier erzählt wird, dieser einfachen Frau, die als „Arbeiterin“ beim Bauern Mosche Rabinowitz im Kuhstall wohnt, wohnen will, wird uns als 4-Gang-Menue serviert. Der Ich-Erzähler nämlich, der Sohn der Judith und seiner drei Väter, von deren einem er sein blondes Haar geerbt hat, vom anderen die hängenden Schultern und vom letzten schließlich die großen Füße, wird von einem von ihnen, Scheinfeld, im Lauf der Jahrzehnte, die das Geschehen überstreicht, viermal zum Essen eingeladen. Oh ja, kochen kann er, dieser Jakob Scheinfeld, dem die Jahre des Werbens um Judith ebenso wie seinem biblischen Namensvetter wie Tage nur schienen und erzählen will er seine Geschichte, die so eng verknüpft ist mit der der Judith.
Judith kam ins Dorf zum Rabinowitz, um diesem vorm Wahnsinn zu retten, denn da jenem seine Frau nämlich im Wadi ertrank, nachdem sie beide mit dem mit Pomelos und Grapefruits beladenen Wagen von der Ernte kamen und der Wagen im Schlamm der regengenäßten Böschung ausglitt und umstürzte und so sie beide unter sich begrub und Mosche, obschon er Bärenkräfte besaß, den Wagen seines gebrochenen Beins wegen nicht wegheben konnte von sich und seiner Frau, diesen Rabinowitz also überwältigte der Schmerz um den Tod seiner geliebten Tonia so sehr, daß man um seine Gesundheit fürchtete. Und da traf es sich gut, daß sein Bruder Menachim vom Schicksal der Judith wußte und so fädelte dieser ein, daß jene zu Mosche auf den Hof kam, sich dort umsah und sich ihren Platz im Stall wählte.
Dort dann richtete sie sich ein und nahebei, im Zitrushain, sah Scheinfeld sie und wurde überwältigt von ihrem Anblick und er fing an, sie zu beobachten, so sehr sah er ihr nach, daß er erst nach Tagen bemerkte, daß seine eigene Frau nicht mehr im Haus war und ihn verlassen hatte. Dort auch, bei Rabinowitz, auf dem Hof und im Stall traf Globermann sie, der Viehhändler, derb und grob zwar, aber mit großer Menschenkenntnis, denn wer das Gewicht einer Kuh schätzen kann, kann auch sagen, groß das Kleid sein muss für eine Frau….
Und noch viele andere Menschen kreuzen den Weg dieser vier und spielen eine Rolle, der Albino mit den Kanaris etwa, Naomi und Odet, die Kinder des Mosche mit seiner ersten Frau, Salvatore, der aus dem Lager entflohene Italiener, der zum Lehrmeister Jakobs wird.. sie und andere mehr sind die Zutaten zu diesem Mahl, das uns Lesern serviert wird, sie übertönen nicht den Grundgeschmack, sie würzen ihn nur, werten ihn auf mit ihrem eigenen Schicksal, heben ihn dadurch hervor und betonen ihn.
Was ist Liebe? Kann ich sie in einem anderen Menschen erwecken, hervorrufen, und wenn ja: Wie? Ist Liebe dieser eine zündende Moment, in dem sie entbrennt, den Menschen in Flammen setzt und auch vor die Aufgabe, dieses Feuer den Rest des Lebens am Brennen zu halten? Ist Liebe, wie Scheinfeld es beschreibt, ein Gottesgeschenk, etwas, was man halten muss um jeden Preis, wenn man es trifft im Leben? Auch wenn es Jahre dauert, so wie in der Bibel Jakob um Rahel freite, auch wenn die anderen einen langsam für verrückt halten? Oder wecke ich Liebe durch kleine Gaben, Geschenke, vorsichtig dosiert, nicht zuviel, um zu nicht zu verschrecken, aber auch nicht zu gering…. diesen Weg wählt Globermann, er entspricht seinem Naturell, den Handel, dem Kaufen und Verkaufen, dem Austausch, dem gegenseitigen Geben und Nehmen….
Dem steht Salvatore mit seiner Überzeugung entgegen. Liebe gehorcht Regeln, so belehrt er Scheinfeld, und wenn etwas Regeln gehorcht, kann man es lernen, wo Regeln sind, ist die Welt einfacher. Und so wird Salvatore, der entlaufene Sträfling, der bei Scheinfeld Unterschlupf suchte, um nicht aufzufallen, zu Jehoshua Baer und als dieser lebt er weiter im Dorf, auch nachdem der Krieg schon lange aufgehört hatte und er lehrt Jakob, was dieser wissen muss über die Liebe und die Hochzeit: den Hochzeitstanz zu tanzen, das Hochzeitsessen zu kochen und das Hochzeitskleid zu nähen. Und nicht einfach nur dasitzen und warten.
[Wie der Zufall so spielt: letzte Woche bin ich durch eine Lesung wieder (nach Jahrzehnten) auf Fromms: "Die Kunst des Liebens" gestoßen, der genau diese Fragen angeht: Liebe als etwas "objekt"gebundenes, auf das ich warten muss, bis es - im Falle eines Falles - eintritt oder ist Lieben eine Kunst, die ich (als Subjekt) lernen kann, bzw muss?]
Und was dann weiter geschah, nachdem Scheinfeld all dies gelernt hatte und konnte und wie es geschah, daß Sejde, dieser Junge mit dem seltsamen Vornamen, schließlich zu drei Vätern kam, die sich alle auf ihre Art und Weise seiner annahmen, erzählt Shalev in einer wunderbaren, bildreichen, melancholischen, poetischen Art und Weise, voll mit leichtem Humor, gespickt mit Fragen, Überlegungen und Gedanken, die oft diesem einen jüdischen Gott und seinem Wesen gewidmet sind und seinem Geschöpf auf Erden, mit Fragen, die das Wesen der Liebe, der Einsamkeit und der Sehnsucht zu ergründen trachten.
Und so ganz nebenbei flicht er so manches ein über den dörflichen Alltag in diesem Gebiet des späteren Israels, über das Zusammenleben der Menschen, über ihre Arbeit auf dem Feld oder in den Hainen, über die Natur, die demjenigen, der gut beobachten kann, eine einzige Uhr ist, die ihm an der Art des Windes die Uhrzeit und an der Färbung der Blätter den Monat anzeigen kann… über die Krähen erzählt er und über die Kanaris, die mit Haschisch-Samen gefüttert werden und auch mit Mohn, über den Viehhandel natürlich … die politischen Geschehnisse im Rest der Welt werden eher beiläufig erwähnt, sie spielen nur eine untergeordnete Rolle im Roman.
btw… in das Umschlagbild habe ich mich auf den ersten Blick verguckt… (es ist übrigens hinter dem Cover dieser Besprechung verborgen…). Gemalt wurde es kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende von der russischen Künstlerin Zinaida Serebriakova, das Selbstbildnis einer wunderschönen Frau…. mit meiner „Schwärmerei“ bin ich übrigens nicht allein, durch Zufall habe ich heute dieses Buch hier beworben gesehen, ein Titel sogar über die Schönheit der Frau.
Facit: Ein Buch voller Liebe zu den Menschen, bereitet aus einzelnen Anekdoten und Gegebenheiten, aus denen sich ein Bild voller poetischer und sinnlicher Momente ergibt, nicht ohne den Schmerz, der zum Leben gehört und der Tragik, die ein Einzelner zu tragen hat, damit vllt ein anderer ein Glück finden kann…
Meir Shalev
Judiths Liebe
übersetzt von Ruth Achlama
Diogenes, TB, 395 S.
Erstausgabe: 1994, Tel Aviv
Maarten ‘t Hart: Der Schneeflockenbaum
Juni 9, 2011

Dieser Roman ´t Harts setzt im Nachkriegsholland mit der Geschichte des namenlosen Ich-Erzählers ein, der sich an seine Kindheit, die Jugend und vor allem an seine Freundschaft mit Jouri zurückerinnert. Es ist eine Geschichte, für die sich der Autor Zeit nimmt, sie rast nicht am Leser vorüber, gemächlich breitet er das, was er schildern will, aus. Und das liest sich kurzweilig, denn ´t Hart schreibt nicht ohne Humor. Allein die Schilderung der Busfahrt der Familie (die so umfangreich ist, daß ein Doppeldeckerbus für die Fahrt zur Beerdigung des Stiefvaters gechartert werden muss) hat mich des öfteren schmunzeln lassen…. und der Dialog, der sich zwischen Sohn und Mutter ergibt über die alten Zeiten erinnert teilweise an ein Drehbuch für eine Slapstickeinlage, ein Wort gibt das andere und eins der Themen ist per se gut für einen Lacher (der gemeinhin die Peinlichkeit der Situation überspielen soll), handelt es sich doch um das Ablassen der den üblichen Rahmen durchaus sprengend produzierten Darmgase des Jungen (die seine geplagten Mitschüler aufbrüllen ließen wie eine Herde „gefolterter Gibbons“), dem ´t Hart anschließend noch einen eigenen Abschnitt widmete.
Wie innen, so außen. Schon früh entwickelte der Erzähler eine unbändige Leidenschaft für´s brackige, sumpfige Wasser, das er im wasserreichen Holland überall fand. Dort zu wühlen und nach Tieren zu suchen, in die Brühe einzutauchen, um Käfer, Spinnen und ähnliches Getier zu fangen, bereitete ihm Hochgenuss…. kein Wunder, daß der Junge dann Biologe werden sollte, aber das ist erst viel später.
Zuerst einmal trifft er auf Jouri, der sein Freund für´s (fast) ganze Leben werden sollte. Jouris Vater ist ein Geächteter (zumindest offiziell, denn inoffiziell ist er als Mechaniker viel zu gut, als daß man ihn wirklich unbeachtet lassen könnte), denn er hat kollaboriert und dieser Kollaboration nicht abgeschworen. So heißt Jouri eigentlich auch nicht Jouri, sondern Adolf Josef, nach seinen, des Vaters, Vorbildern…. aber Jouri ist als Name deutlich unverfänglicher….
Die Erziehung der beiden Jungs im calvinistisch-streng-prüden Holland der Nachkriegsjahre ist streng und von Prügeln geprägt, die insbesondere der Erzähler – vom Lehrer Splunter regelmäßig verabreicht – über sich ergehen lassen muss. Trotzdem erweisen sich die beiden Knaben als intelligent, auch die Schule konnte ihnen Wissbegier und Neugierde nicht austreiben. Es ist ein streng reglementiertes Leben, der Sonntag wird geheiligt und die Mutter kennt alle 150 Psalmen auswendig – gereimt und nicht in Prosa….
Während Jouri mehr Gefallen an Physik und Mathematik fand als an zappeliger, schleimiger Biologie wie der Erzähler, entdeckte dieser durch Zufall seine Liebe zur klassischen Musik, da er und sein Freund für eine Arbeit, die sie erledigten, eine Schallplatte geschenkt bekamen. Den Plattenspieler besaß Jouris Vater jetzt schon länger, eine Art sichtbarer Beweis dafür, daß sich die Familie so etwas leisten konnte, jedoch die erste Platte brachten die Kinder an. Und vom ersten Ton an war das Kind gefangen in der Musik, die es hörte und diese Leidenschaft teilte es mit Jouris Vater, den es nun oft besuchte, diese Platte zu hören…. Diese Musik, klassische Musik, wird ihn von nun an ein Leben lang begleiten…
Was ist noch wichtig zu wissen über diesen Roman aus dem calvinistisch-streng-prüden Holland der Nachkriegszeit? Ach ja, fast das wichtigste, weil im Grunde konstituierende Element der Geschichte ist diese etwas skurrile Situation, die sich fast durch das ganze Buch zieht: Jouri spannt dem Erzähler alle Freundinnen aus, angefangen von der ersten Sandkastenliebe, die er mit seinem Spinnengrab betört bis hin zu den Studentinnen, die sich viel später dann in seine Augen verlieben und seinen Charme und den Erzähler sitzen und stehen lassen, sobald sie Jouri angesichtig werden. Und so muss der Erzähler – aber auch das erst viel später – einen Studienaufenthalt seines Freundes im Aushalt nutzen, um eine Freundin zu finden, sich zu verlieben und diese dann auch zu heiraten, bevor sie dem Freund begegnen kann…..
Diese wenigen Punkte sollen reichen, um einen Eindruck zu geben, in welchem Rahmen ´t Hart uns seine Geschichte erzählt. Wer sich intensiver mit dem Inhalt vertraut machen möchte, den verweise ich auf die ausführliche Darstellung bei Wunderlich. Von mir nur noch eins: der titelgebende Schneeflockenbaum ist der Ort, an dem dem Erzähler der Unterschied zwischen einem Kuss und einem Dauerbrenner gelehrt wird, von Friederica, die, um an Jouri, den sie will, heranzukommen, erst den Erzähler verführen und in sich verliebt machen muss…..
Es muss ein enges, vllt sogar freudloses Land gewesen sein, das Holland der 40er und 50er Jahre. Die Gottesfürchtigkeit bestimmt das tägliche Leben, die materiellen Umstände sind nicht nicht gut und das Leben von Arbeit geprägt. Die Musik und die Wassertiere, mit ihrer Hilfe gelingt es dem Erzähler, dieser Enge zu entkommen, auch wenn er ihr immer verbunden sein wird, sich nie völlig lösen kann. Nicht professorabel, das wird später einmal sein in seinem Leben, nicht in den Kreis der Professoren passend, seiner Herkunft wegen. Was so nicht stimmt, denn Jouri, keineswegs aus „besseren“ Verhältnissen, wird es schaffen zum Professor…. es liegt wohl eher daran, daß der Erzähler seine Herkunft nicht loslassen kann.
Überhaupt Jouri, dieser engste Freund aus Kindertagen. Sie kleben aneinander, sind unzertrennlich, bewundern sich gegenseitig. Jouri, der – wie sich später noch bewahrheiten wird – im Grunde wenig Interesse am weiblichen Geschlecht hat, der aber andererseits eine verheerend anziehende Wirkung auf jenes ausübt, sieht es sozusagen als Gütesiegel an, wenn sich der von ihm admirte Erzähler für ein Mädel/Mädchen/Frau interessiert. Nur und erst dann schaut er sie an – und sie verfällt ihm, beachtet den anderen nicht mehr, verlässt ihn sofort. Und trotzdem hält die Freundschaft der beiden Jungs/Männer, die in dieser Beziehung zusammengekettet sind wie siamesische Zwillinge. Erst spät, sehr spät gelingt es dem Erzähler durch eine Art „Lüge“ Jouri gegenüber, eine Frau, Katja, für sich zu gewinnen, eine Musikerin, äußerlich auf den ersten Blick wenig attraktiv, dies dann eher auf den zweiten Blick um so mehr.
Was ist das für ein Bild, diese seltsame Freundschaft, wofür steht es? Ist Jouri ein alter ego des Erzählers, eine Maske, ein Theater, welches er vorschieben und spielen muss, weil er befürchtet, sonst keine Frau für sich gewinnen zu können? Ist es die Vorstellung von Mann, die er sein möchte, ein Mann, dem die Frauen verfallen, ohne daß er sich dafür anstrengen muss? Spät erst emanzipiert sich der Erzähler von Jouri, trennen sich ihre Wege, weil sich ihre Eigenschaften und Charaktere ändern. Ist das der Zeitpunkt, an dem der Erzähler sich seiner selbst bewusst geworden ist? Ich weiß es nicht…
t´ Hart läßt eine seiner Figuren darüber schwadronieren, daß Literatur nichts wert sei, weil z.B. der Zeitbegriff so beliebig behandelt würde. Um Momente zu beschreiben bräuchten sie oft Seiten und dann steht nach dem Umblättern am Anfang des nächsten Kapitels: „Jahre später“. Genauso macht es der Autor selbst: gegen Ende des Romans verfliegt die Zeit, man kommt beim Lesen kaum noch mit den vergangenen Jahren mit…. lockte das nahende Ende der Geschichte? Und genauso verschwindet Katja (mein Liebling unter all den Frauen) auf einmal im Sumpf der abendlichen Unterrichtsstunden, die sie geben muss, eine undankbare Verabschiedung dieser kleinen, rauen, sympathischen Frau, die so wunderbar die Querflöte spielen kann.
Facit: ein schöner, lesenswerter Roman, aber meiner Meinung nach zeigt er auch wieder mal, daß ein stimmiges Ende für eine Geschichte zu finden eine wirkliche Kunst ist.
Maarten ‘t Hart
Der Schneeflockenbaum
übersetzt von Gregor Seferens
Piper Verlag
Originalausgabe 2009
Birgit Vanderbeke: Das lässt sich ändern
Juni 5, 2011

Der erste Teil dieses kleinen, sehr flott geschriebenen Büchleins handelt vom Drinnen und vom Draußen. Draußen waren zum Beispiel „diese Leute“, die zwar manches konnten, aber im Grunde inaktzeptabel waren. Man konnte entweder drinnen sein wie die Ich-Erzählerin und ihre Familie oder draußen, wie Adam, der junge Kerl, in den sich die Erzählerin verliebt. Von draußen sah man vieles anders als von drinnen, von drinnen sah man eigentlich garnichts mehr, höchstens gab man acht, daß man drinnen blieb und einen der Draußen-virus nicht erwischte. Beides zusammen ging eben nicht, drinnen und draußen. Und so summte die Erzählerin ihrer Mutter, die der Meinung war, Brecht gehöre zum Bildungskanon und Adam eindeutig nicht in ihr Leben, leise ihre Meinung ins Ohr…..
Jedenfalls verteilt die Autorin ihre Sympathien klar und eindeutig. Die Eltern (als Archetypen der Drinnen-Leute) sind sich zu fein, sich mal die Hände schmutzig zu machen, für alles haben sie Angestellte und Leute. Es herrschen mürrische Gesichter und man macht sich gegenseitig das Leben schwer und der Vater wird jetzt wahrscheinlich irgendwo im Süden Golf spielen…. Und mit Kindern, nein, so richtig können sie mit denen auch nicht umgehen. Adam dagegen ist ein hochintelligenter (wenn er schlecht drauf war, sackte sein IQ auf 138) Mensch, der keine Probleme kennt, sondern nur Lösungen. Der Schmutz an seinen Händen, der von der vielen Arbeit stammt, die er schafft, war so fest mit ihm verbunden, daß er sich mit Seife nicht mehr lösen ließ. Es sammelt alles, der Sperrmüll ist seine Rohstoffquelle, Ton Steine Scherben und die Ärzte sein seelisches Rüstzeug. Links sein kein Lippenbekenntnis, sondern leben.
Diese mit hohem Tempo geschriebene Geschichte stellt eine kleine Gesellschaftsutopie dar. Eine Utopie gegen das Verschwenden, gegen die Oberflächlichkeit, gegen die Wegwerfmentalität, gegen die Entwertung all der Dinge, die die Menschheit in den letzten 10.000 Jahren gelernt hat. Nicht das Fernsehen mit seiner geisttötenden Dudelei ist wichtig (in dem unsere Helden dann aber z.B. miterleben können, wie ein kleiner, nervöser Mann von seinem Spickzettel etwas abliest, was er selber nicht versteht und – schwupps – ist die Mauer weg und die Welt aus dem Gleichgewicht….), sondern die Obstbäume auf der Wiese, die Schafe darunter, die Pferde, das Keltern des Obstes, das Wiederverwerten des Aussortierten…. frei, selbstbestimmt, autark… Vanderbeke hält sich nicht mit theoretischen Überlegungen auf, die über Zitate der Ärzte-Texte hinausgehen, muss sie auch nicht, sie erzählt einfach von dem, was passiert und jeder weiß, was sie sagen will….
Adam, die Erzählerin und ihre zwei Kinder arbeiten sich im Lauf der Jahre heran an dieses Ziel. Zufälle spielen eine Rolle, z.B. daß sie Fritzi wiedertreffen, die alte Freundin der Erzählerin und diese gerade ein Haus geerbt hat. Mit einem sich auf dem absteigenden Ast befindlichen Bauernhof als Nachbarn…. Aber nur Zufälle gibt es nicht, sie ergreifen auch ihre Chance, sie gehen die Risiken ein und werden mit Erfolg belohnt.
Es ist wie oft mit solchen Utopien, sie lesen sich sehr gut und man kennt auch Menschen, die – zumindest ansatzweise – so ähnlich leben, zeitweise gelebt haben. Und es ist gut, daß es solche Draußen-Leute gibt, es sind Keime für Veränderungen, die die ganze Gesellschaft erfassen könnnen. Letztlich sind die Grünen auch solchen Ursprungs, zwar jetzt natürlich auch „drinnen“, aber nicht ohne das Drinnen verändert zu haben. Das Drinnen ist sozusagen Draußiger geworden… aber, um im Jargon von Vanderbeke zu bleiben, das Draußen benötigt das Drinnen, um sich über den Gegensatz zu definieren und über die Unterschiede. Überleben kann es nur als Draußenseitertum, wenn es in den geistigen Mainstream einmündet, kann es diesen zwar verändern, aber nicht, ohne auch Veränderungen zu erleiden. Und schon ist es Drinnen….
Facit: eine Sommergeschichte mit hohem Tempo und hohem Unterhaltungswert und dem Potential, beim Lesen diesen „ach ja… das müßte man auch mal..“-Seufzer hervorzurufen….
Birgit Vanderbeke
Das lässt sich ändern
Piper, März 2011, HC, 160 S.
Richard Price: Clockers
Juni 1, 2011

Dieser umfangreiche, fast epische Roman Prices spielt in irgendeiner der Vorstädte des Molochs NY, einer der Vorstädte, die vor sich hinverfallen, die straßenweise in den Händen von Gangs sind, bei denen rund um die Uhr Drogen erhältlich sind. Die Erstveröffentlichung des Buches war 1992, die Geschichte ist daher auch eine Zeitreise zurück, obwohl davon auszugehen ist, daß sich die Dinge auch auf diesem Sektor weiterentwickelt haben, wahrscheinlich nicht zum Guten und trotz des „War on Drugs“.
Die Geschichte rankt sich um zwei Personen. Auf der einen Seite ist dies Strike, ein junger Kerl, der in der Hierarchie schon eine Stufe höher geklettert ist und der für Hot Rod, Rodney Little, die Straßendealerei seines Blocks mit den Kleinkonsumenten unter sich hat. Dazu hat er seine Leute, die Clockers, die den Handel durchführen, das Geld kassieren und die Drogen aus den ständig wechselnden Lagern holen. Strike hat mit diesem Teil des Geschäfts nichts mehr zu tun, er sitzt stundenlang auf seiner Bank und überwacht das Treiben um ihn herum.
Manchmal wird diese Szene abrupt gestört, wenn der „Fury“ kommt, das Auto mit der Zivilstreife. Blitzschnell sind die Straßen leer, niemand ist mehr zu sehen. Manchmal sind die Cops schneller, greifen sich einen der Clocker oder auch Strike und filzen ihn. Ob es ihnen Spaß macht? Wer weiß das schon, vllt ist es einfach notwendig, den täglichen Frust abzulassen. Unterhosen müssen runtergelassen, das Geläute hochgehoben werden, es könnte ja was drunter getapt sein…. es geht nicht wirklich darum, etwas zu finden, es geht um Demütigung, Erniedrigung, es geht den Cops auch darum, die eigene Hilflosigkeit zu betäuben, die Tatsache, daß man den Clockers unterlegen ist, ihnen kaum schaden kann und diese Arschlöcher das -zigfache an Geld nach Hause schleppen als die Bullen mit ihrem Gehalt.
Auch Strike ist im Grunde eine arme Sau. Er ist intelligent, protzt nicht mit dem vielen Geld das er verdient, bleibt unauffällig. Keine Goldketten, keine Statussymbole, nichts dergleichen. Es gibt den festen Vorsatz aufzuhören, wenn er genug Geld hat, um seine Familie aus dem Viertel rauszuholen. Er denkt nach, er wägt ab, versucht die Situationen einzuschätzen. Und genau deswegen hat er Angst. Er ist anderen, die impulsiv handeln, aggressiv sind, unterlegen, denn diese riechen die Angst bei Strike, der selbst schon krank ist vor lauter Stress. Fast schon rührend menschlich die Szene, in der einer der ganz Bösen ihm ernst gemeint rät, doch wieder zur Schule zu gehen, er wäre nichts für die Straße…
Rodney, sein direkter Boss, ist ein anderes Kaliber. Skrupellos handelt er nur in seinem eigenen Vorteil, er geht über Leichen, spürt er Widerstand, bricht er ihn. Und so äußert er Strike gegenüber, Darryl müsse verschwinden, da dieser, auch einer seiner Leute, ihn bescheißt, noch woanders Geschäfte am Laufen hat. Wenn Darryl verschwände, wäre das Strikes Chance… Strike weiß, daß dies eine Bitte ist, die er nicht abschlagen kann, aber auch nicht erfüllen… er verzweifelt, trifft zufällig auf seinen Bruder Victor, mit dem er sonst nicht viel Kontakt hat, und erzählt diesem im Suff von seinem Problem. Und Victor sagt ihm, er hätte da jemanden, My Man, der das erledigen könne…. Das ist die Lösung, denkt Strike in seinem besoffenen Kopf. Am nächsten Morgen ist Darryl tot und Strike sitzt in der Klemme.
Auf der anderen Seite stehen die Cops. Sie, in ständigem Kontakt mit der Straße, können sich kaum freihalten von dem Dreck, in dem sie dauernd wühlen. Sie schikanieren, sind desillusioniert, haben ihre Ideale verloren. Manche von ihnen strampeln ganz schön, um an der Oberfläche zu bleiben und sich nicht in den Sumpf hineinziehen zu lassen. Aber sie erledigen ihren Job, mischen die Clocker auf, buchten sie auch ein, für ein oder zwei Nächte, nehmen den einen oder anderen hopps.
Rocco Klein, der andere Protagonist des Buches, ist einer von ihnen, auch wenn er nicht im Drogendezernat, sondern im Morddezernat arbeitet. Und er hat sich nach 20 Jahren Dienst noch etwas wie Idealismus bewahrt und der Fall Darryl weckt diesen in ihm, beschert ihm eine Mission. Denn er glaubt einfach nicht, daß der geständige Mörder auch wirklich der Täter ist. Und obwohl der Fall mit dem Geständnis und der Mordwaffe eigentlich abgeschlossen ist, geht er auf die Jagd nach dem „richtigen“ Mörder. Er verbeisst sich in diese Idee, geht persönliche Risiken ein, um sie zu beweisen, um so mehr, als seine Recherchen den geständigen Viktor fast als eine Art Heiligen der Straße erscheinen lassen, als einen Mann, der zwei Jobs annimmt, um seine Familie zu ernähren, der nicht flucht und seine Leute im Laden mit „Bitte“ und „Danke“ motiviert anstatt mit Flüchen und Verwünschungen….
Das Buch ist auch die Geschichte einer lebenden Zeitbombe. Wieviel kann ein Mensch einstecken, bevor er explodiert, einfach unberechenbar wird? Kann man sich in einem Milieu, das vom Grundverständnis her so asozial, also außerhalb der normalen Zivilgesellschaft, ist, sauber halten? Oder sammelt sich sukzessive Aggression und Hass an, die eines Tages nach außen drängen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen?
Es ist ein umfangreicher Roman, den Price vorgelegt hat. Er ist sich nicht zu schade, einfach auch nur zu erzählen, Situationen sich entwickeln zu lassen, so daß sich beim Lesen langsam das Bild eines Milieus entwickelt, in dem beide Seiten, das Gesetz und die, die es brechen, gefangen sind. Es ist ein Kreislauf ohne Ende für beide Parteien, die Straße hat ihre eigenen Regeln. Price läßt Strike und Rocco jeweils im Wechsel zu Wort kommen, ihre Sicht der Dinge schildern, so entwickelt sich im Lauf der Zeit (der Roman überspannt einen Zeitraum von einigen Tagen) ein realistischer Eindruck beim Leser, in dem Strike immer mehr zwischen alle Fronten gerät und ausgenutzt und aufgerieben wird und Rocco mit seinem Versuch, an das Gute im Menschen zu glauben, scheitern wird.
Facit: ein gut geschriebener, zum Schluss auch ziemlich packender Roman
Hinweis: das Buch wurde auch verfilmt, hier die Beschreibung in der Wiki. Der Film ist (zum größten Teil) auch über youtube zu sehen….
Richard Price
Clockers
übersetzt von Peter Torberg
Erstauflage 1992
Fischer-Verlag, Ffm, HC 2011, 800 S.






