Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott

Mai 18, 2011

Max Brod führt uns in seinem Roman über Tycho Brahe zurück in das Mitteleuropa des beginnenden 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft Kaiser Rudolf II. Dieser, politisch ein eher schwacher Herrscher, tat sich als leidenschaftlicher Förderer der Künste und Wissenschaften hervor, war auch Anhänger der Astrologie und Alchemie. So nimmt es nicht wunder, daß mit Tycho Brahe einer der bedeutendsten Wissenschaftler dieser Zeit bei ihm Unterkunft und Wirkungsstätte suchte und gewährt bekam. Für Brahe war dies eine Art Exil, nachdem er sich mit dem dänischen Herrscherhaus [9] zerstritten hatte und sein dortige Wirkungsstätte aufgeben musste. In diese letzten Monate seines Lebens, um die Jahrhundertwende, die Brahe unter der Förderung des Kaisers in (der Nähe) Prag(s) lebte und arbeitete, fiel auch sein Kontakt mit dem jungen, genialen Astronomen Kepler, der im Mittelpunkt des Buches steht.

Vielleicht ist es ganz interessant, ein paar Bemerkungen über den Stand der Kosmologie jener Zeit vorauszuschicken, denn diese beherrscht einen großen Teil des Buches.

Wenige Jahrzehnte zuvor hatte Kopernikus das wissenschaftliche Weltbild mit seinem kosmologischen Modell, das die Sonne in den Mittelpunkt stellte, um welche ihrerseits die Planeten kreisen, erschüttert. Nicht, daß es das erste Mal war, daß ein heliozentrisches Weltbild gedacht wurde [3], aber aus philosophisch-theologischen Gründen war über Jahrtausende ein Weltmodell mit der Erde und damit dem Menschen im Mittelpunkt das “offiziell” gültige. Es gab die Sphäre der Wandelsterne (Planeten) und die durch eine kristallene Schale abgetrennte der Fixsterne, die seit der Schöpfung durch Gott unverändert existiert und unveränderbar ist.

Erst mit Kopernikus änderte sich dies. Das Modell gewann durchaus Anhänger, es konnte sich aber nicht wirklich durchsetzen, da es keineswegs einfacher zu handhaben war wie das geozentrische Weltbild. Hier wie dort mussten, um die Beobachtungen am Himmel mit dem Modell in Einklang bringen zu können, viele Zusatzannahmen (“Epizyklen”) getroffen werden. Dies sollte sich erst mit den Forschungsergebnissen von Kepler ändern, der nicht – wie bis dato – das Erklärungsmodell an die Beobachtungsergebnisse anpasste, sondern der die apriori vorausgesetzten Randbedingungen (z.B. die Kreisform der Planetenbahnen [10]) sukzessive in Frage stellte, bis er letztlich seine Gesetze über die Planetenbewegung fand, die dann auch die Beobachtungen erklären konnten.

Wesentlich für diese Forschungen Keplers waren die von Brahe in noch nie dagewesener Kontinuität und Genauigkeit durchgeführten Beobachtungen des Himmels. Und so waren beide Forscher komplimentär: Brahe, der geniale Beobachter und Instrumentenentwickler, aber ohne die Fähigkeit, diese Daten vorurteilsfrei auszuwerten und Kepler, der geniale Forscher, der aber ohne diese Daten Brahes nichts hätte erreichen können.

Derart also die Konstellation, mit der Brod seinen Roman beginnen läßt. Die erste Begegnung zwischen Brahe auf seinem ihm vom Kaiser zur Verfügung gestellten Schloß und Kepler, der in Begleitung des ihm von Anfang an feindlich gesonnenen Schwiegersohns in spe Brahes, Tengnagel, und dessen Arzt aus Prag anreist [4], verläuft leicht chaotisch und zeigt die unterschiedlichen Charaktere der Hauptpersonen: Brahe, dieser aus uraltem dänischen Adel stammende, vermögende Wissenschaftler ist Gefühlsmensch, kann überschwänglich sein und begeisternd und so empfängt er den um vieles kleineren, zurückhaltenden und zögerlichen Kepler, der nach außen hin (wie es sich im weiteren Verlauf der Geschichte darstellt) fast ein wenig “autistisch” wirkt, gerade durch den Gegensatz zu Brahe. Kepler, wiewohl im geistigen eine Hauptperson des Buches, bleibt im Grunde immer im Schatten der Darstellung Brahes, dieses Trums von Mann, der sich von der Welt verfolgt fühlt, der glaubt, das Unglück gepachtet zu haben und der seinen Kepler, seinen geliebten Kepler nicht versteht, den alles nichts anzugehen scheint, dem alles zufliegt, so wie hier in Prag die Zuneigung Brahes.

Im Gegensatz zu Kepler, der im Grunde nur arbeiten will bei Brahe und dessen unschätzbaren Schatz, die Messdaten, für sich bergen will (die er später nach dem Tode Brahes folgerichtig sogar widerrechtlich an sich bringt (vulgo: den Erben stiehlt) [5]) sucht Brahe das Gesetz Gottes auch im Firmament, in den Sternen. Er ist und bleibt im alten Denken verhaftet, obwohl er selbst es war, der die jahrtausende alten Postulate durch zwei Beobachtungen gesprengt hat [7], kombiniert es nur mit dem neuen Weltbild zum tychonischen System [6]. Er brauchte Kepler, das Genie, um dieses innerer Gesetz, das sich in den Zahlen verbarg, zu bergen, ans Licht zu bringen (immer in der Hoffnung, aber im Innersten spürend, daß dem nicht so ist, daß Kepler sein eigenes tychonisches System in den Messdaten wiederfindet), aber erst einmal brachte Kepler Chaos und Durcheinander in den Brahes Haushalt – wiewohl der durch das unstetige Temperament des Hausherrn einiges an Aufregung gewohnt war.

Es ist, wie Kepler in einem nie abgeschickten Brief an seine Frau schreibt, ein irrwitziges, lautes, betriebiges, unruhiges Haus, in das er gekommen ist, von Zwist, Streit und Lautstärke beherrscht. Jeppe, Brahes Zwerg, stößt wüste Prophezeiungen gegen ihn aus, Tengnagel, der künftige Schwiegersohn geht Kepler derart massiv an, daß Brahe ihn des Hofes verweist und wegjagt. Es wird intrigiert und antichambriert, Elisabeth, Brahes von Tengnagel schon geschwängerte Tochter, schleicht sich jede Nacht zu jenem, der sich eine kleine Festung gebaut hat, um auszuharren, bis Brahe diesen Kepler verjagt und zur Besinnung kommt. Die Brüder Elisabeths dagegen zetteln, da der Vater sich zurückzieht, einen kleinen, blutigen Privatkrieg gegen den Schänder ihrer Schwester an… man kann sich die Unruhe auf Brahes Wohnsitz vorstellen.

Kann man Brahe als Hiob-Figur sehen [8]? Er jedenfalls fühlt sich so, fühlt sich verfolgt vom Unglück, verlassen von den Menschen, vertrieben von seiner alten Wirkungsstätte, die ihm immer mehr als eine Art Paradies erscheint. Kepler, dessen Anwesenheit, macht ihm dies um so deutlicher, diese unschuldige, lichtgleiche Gestalt, die nichts annimmt vom Unglück der Welt und dadurch das Glück geradezu auf sich ziehen kann, diesen Kepler will er sich zum Lehrer nehmen, ihm nacheifern, alle Bindungen fahren lassen und nur noch der Wissenschaft dienen:

“Seine [i.e. Keplers] Reinheit ist es eben, die uns Sündern in die Augen sticht und so möchten wir ihn gern zum Sündenbock für unsere Fehler machen. … Kepler ist nichts ausser uns, wie ich es jetzt verstehe, nein, jeder von uns hat seinen Kepler in sich und hat gegen ihn, seinen inneren Kepler, die härteste Seelenprobe zu bestehen. .. Unser Teufel ist Kepler und Erlöser zugleich, beides in einem, …”

so resumiert Brahe seinem Schwiegersohn gegenüber. Und so ficht Brahe diesen inneren Kampf mit sich aus, merzt seine unreinen Gefühle gegenüber dem geliebten, aber auch als Prüfung verstandenen Kepler in sich aus, reinigt sich in seinem empfunden Purgatorium. Zuletzt setzt er sich beim Kaiser persönlich für ihn ein, obwohl dieser ihm davon abrät, wurde doch vom Kaiser selbst eine Untersuchung gegen Kepler zwar eingestellt, aber immerhin, der Verdacht auf Verrat war in der Welt…. Nein, auch diese Prüfung übersteht Brahe, er empfiehlt Kepler als seinen Nachfolger bei Hofe.

Es sollte das letzte sein, was Brahe noch vollbringt, er ist am Ende seines irdischen Weges angelangt. Sein einst so mächtiger Körper ist kraftlos geworden, die schon seit langem in ihm wütende Schwäche unterwirft ihn nun völlig, verwirrt bricht er zusammen und stirbt kurz darauf. Seine letzten Gedanken widmet er seinem Werk und seinem Nachfolger…. und mit einer kühnen (Um)Deutung seiner letzten Worte stellt Brod Brahe als Bekehrten dar, als einen, der sich als Ergebnis der durchlittenen Läuterung, des durchmessenen geistigen Weges zum System des Kopernikus bekennt…..

Brods Roman ist weniger als historischer Roman zu sehen [11], obwohl natürlich die grundlegenden Fakten historisch sind, es ist eher ein Roman über die Suche eines Menschen nach der göttlichen Wahrheit, über die Läuterung der Seele von menschlichen Schwächen und über das Verhaftetsein im Althergekommenen. Für Brods Brahe ist Kepler eine Art Katalysator, der den im Inneren brodelnden Zweifel nährt, ihm zeigt, daß es einen anderen Weg gibt, der ihn vor allem in die Auseinandersetzung mit sich selbst zwingt, ihm die Fragen offenbart, die er sich bis dahin noch nicht zu stellen wagte. Es ist Brahes Weg zu Gott, zu dem Gott, den er im Walten der Welten findet, der inneren sowohl wie der äußeren.

Meine falsche Lehre, oh, ist sie mir nicht als mein Kreuz mitgegeben auf meinen mühseligen Irrfahrten, diese falsche Lehre, ist sie mir nicht zugeteilt, damit ich mich an ihr rastlos emporbaue und auf das letzte falsche Glück verzichten lerne, damit ich sie überwinde und abstreife, oh, ist nicht gerade die falsche Lehre mein Weg zu Gott?

Die Lektüre brachte einige schöne neue Worte zutage, die ich bis dato noch nicht gehört oder gelesen hatte…. Buhle, nun, das kennt man, aber ein “Gauch” (bzw. Gäuche)? Oder eine “Metze”? Ich nehme an, diese Begriffe stammen aus dem jiddischen Sprachraum, schön, sie getroffen zu haben…..

Facit: das Buch ist sicherlich keine Alltagslektüre, aber an einer der Sternstunden der Menschheit angesiedelt führt es tief in die geistige Welt dieser Zeit ein, in der sich Theologie und Wissenschaft zu trennen anfangen.

Anmerkungen und Links

[1] Wiki-Artikel zu Tycho Brahe
[2] Wiki-Artikel zu Kaiser Rudolf II (1552 – 1612)
[3] Einige Philosophen der phytagoräischen Schule lehnten ein geozentrisches Weltbild ab, da Feuer wertvoller sei als Erde und daher im Zentrum der Bewegung stehen müsse. Aristarch von Samos scheint dann ein Modell der Welt entwickelt zu haben, in dem tatsächlich die Sonne im Mittelpunkt stand, durchgesetzt hat sich aber schließlich die Anschauung des Ptolemäus, der die Erde als Zentrum der Welt sieht, um die sich alles dreht.
vgl: die Wiki-Artikel zum heliozentrischen Weltbild und zum geozenetrischen Weltbild
[4] Wäre das Erstlingswerk Keplers, das Mysterium Cosmographicum von 1595 dem jungen Paduaner Professor Galilei nicht zu mystisch formuliert gewesen, wäre es vllt nie zu dieser Begegnung gekommen und Kepler hätte anstatt dessen mit diesem anderen genialen Forscher zusammen gearbeitet. Dies deutet zumindest Fölsing in seiner Galilei-Biographie [Galileo Galilei: Der Prozess ohne Ende, München 1983] an.
[5] Arthur Koestler: Die Nachtwandler, Scherz-Verlag, 1959
[6] bei dem die Erde zwar im Mittelpunkt steht, die aber dann von einer Sonne umkreist wird, um die ihrerseits die anderen Planeten kreisen….
[7] zum einen konnte er nachweisen, daß ein Komet, der zu beobachten war, jenseits der Mondbahn sich bewegte und diese durchflog – im strikten Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung. Ferner beobachtete und vermaß er eine Nova und konnte zeigen, daß hier ein “neuer” Stern entstanden war, auch dies war nach Lehrmeinung in der unveränderlichen Sphäre der Fixsterne eigentlich nicht möglich.
[8] Im Zusammenhang mit Caterinas Kafka-Rezension wies Syn-ästhetisch darauf hin, daß dessen Figur des K im Sinne der Hiob-Geschichte interpretiert werden kann. Da Kafka und Brod befreundet waren (der Roman ist Kafka gewidmet) mag es nicht unwahrscheinlich sein, daß beide Schriftsteller sich für eine ähnliche Figurenzeichnung entschieden haben…
[9] vgl diese Website
[10] auch dies eine aus philosophisch-theologischen Gründen bis dato nie in Frage gestellte Grundannahme: eine sich periodisch wiederholende Erscheinung wie die Wanderung der Planeten musste nach antiker Ansicht auf einer Kreisbahn erfolgen
[11] er betont selbst, daß er sich einige Freiheiten der Darstellung genommen hat. Interessant ist es, die Ausführungen Koestlers [5] zu dem Zusammenwirken Brahes und Keplers zu lesen. Insbesondere Kepler erscheint bei diesem (wohl realistischer) als eher kleinkarierter, jähzorniger Pedant, der sich über die Aufnahme bei Brahe beschwert, die Zusammenarbeit mit diesem ist wohl auch nicht so problemlos wie bei Brod ausgeschmückt.

Max Brod
Tycho Brahes Weg zu Gott
Nachwort von Stefan Zweig
Suhrkamp TB, 1984, 276 S.

11 Responses to “Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott”


  1. Junger Mann, das muss dringend für unser Projekt verwertet werden. Grandios!

    • flattersatz Says:

      danke für die blumen…. :-)

      für unser projekt sehe ich den bezug nicht so richtig. bis auf die tatsache, daß brod jude war, hat das büchlein je weder vom inhalt her noch von der zeit, in der es handelt, einen zusammenhang mit unserem thema….


  2. Hm, ich finde schon. Aber ist natürlich deine Entscheidung :)


  3. Eine Metze ist -so weit ich mich aus dem Geschichtsunterricht erinnern kann – eine Maßeinheit.

  4. caterina Says:

    Um mich mal eurer lebendigen Diskussion anzuschließen: Vielleicht ist ja eine Hiob-Reihe denkbar, eine Art Vergleich verschiedener Hiob-Figuren und -Interpretationen. Roths Hiob haben wir ja schon, Kafka stößt eines Tages auch noch dazu, viele andere Beispiele lassen sich sicherlich finden. In dieser Perspektive könnte man dann auch etwas aus dem vorliegenden Text machen.
    Aber ganz unabhängig von den Jüdischen Lebenswelten: wie immer eine sehr detailreiche, wohl recherchierte Rezension. Fein, fein!
    Und schönen Dank auch für die Verlinkung.

  5. nomadenseele Says:

    Dankem dass du mich auf das Buch aufmerksam gemacht hast. Da ich mich sehr für Wissenschaftsgeschichte interessiere, werde ich mir besorgen.

    • flattersatz Says:

      das freut mich. aber wie gesagt, das buch ist nicht so sehr an der fakten getreuen wiedergabe historischer ereignisse interessiert, sondern mehr an den inneren kämpfen, die tycho auszufechten hat… wenn dich die historie interessiert, wäre das zitierte buch von koestler sicher wertvoller.
      aber auf jeden fall danke für deinen kommentar und ich freue mich, daß dir die besprechung von mir zumindest eine anregung gegeben hat.


  6. Für mich war “Tycho Brahe” bisher immer ein Fährschiff der dänischen Staatsbahn zwischen Helsingør und Helsingborg, mit dem ich diverse Male den Öresund gequert habe. Jetzt weiß ich den Namen einzuordnen. Die Rezension hat mir zwar nicht ausreichend Appetit gemacht, das Buch zu beschaffen, aber mal wieder bewiesen, dass nicht nur Romane den Horizont erweitern, sondern (gelegentlich) auch schon das Lesen über dieselben.

    • flattersatz Says:

      lieber till, das buch ist sicherlich auch kein “muss”, aber ich hatte es halt mal wieder aufgestöbert im regal und es passte ganz gut in ein generelles thema, dem ich immer wieder mal auf der spur bin…. schön, daß die buchvorstellung dir einen eindruck von selbigem vermitteln konnte!


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