Manès Sperber entstammt dem osteuropäischen, chassidischen Judentum. 1905 in Galizien, in Zabłotów , geboren, legt er in der Trilogie „All das Vergangene….“ seine autobiographischen Erinnerungen vor, deren erste 13 Jahre das Bändchen „Die Wasserträger Gottes“ [6] umfasst.

Er wird im „Städtel“ [2] groß, hier sind die Juden eine „..gefestigte autonome Gemeinschaft mit einer eigenartigen Kultur – dies inmitten von Armut und Hässlichkeit, und eingekreist von Feinden des jüdischen Glaubens..„. Er selbst ist Kind einer relativ wohlhabenden Familie, um ihn herum aber herrscht Armut, jedoch nicht Armseligkeit, so betont er. Das tägliche Leben ist bestimmt von den Regeln des Glaubens, von der gegenseitigen Hilfe der Menschen. Von jemandem, der verhungert ist, so eine Geschichte, die im Städtel erzählt wird, sagt der Rabbi, der davon erfährt, daß dieser Mensch nicht gestorben sei, weil er nichts zu essen hatte, sondern, weil er zu stolz war, um Brot zu bitten, das jederzeit mit ihm geteilt worden wäre.. Es herrscht die Hoffnung auf die allzeit mögliche Ankunft des Messias [3] und der Glaube daran, daß die Härte des Lebens eine Prüfung Gottes für sein Volk ist und daß es, so schlimm wie es ist, kaum noch schlimmer kommen kann, sondern es – im Gegenteil – es jetzt nur noch besser werden kann.

Das Studium der Schrift ist wichtig, schon mit drei Jahren fängt der Junge an zu lernen, wird unterrichtet, lernt auswendig und fängt an, die Lieder mitzusingen. Überhaupt die Gesänge, die alten Weisen, die das ganze Leben begleiten, immerzu werden sie angestimmt, unbewusst teilweise, es scheint mir fast ein kontemplativer Akt des inneren Monologs mit der Gottheit zu sein. Manès ist ein kluges, aufgewecktes Kind und der Vater, den er innig liebt, fordert ihn, traut ihm viel zu. So wird der Junge in einer steten Atmosphäre der Anspannung groß, die in ihm ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Entwertung hervorruft – verstärkt durch die Überzeugung der eigenen (körperlichen) Hässlichkeit. Gelobt wird selten in der Familie, was nichts mit fehlender Liebe zu tun hat, sondern mit der Angst, ein durch Lob und Anerkennung im Kind ein Eingebildetsein hervorzurufen. Der Junge erkennt dies: „Ihr wollt, daß ich so klug sein soll, daß alle anderen es merken, aber so blöde bleibe, als einzige nicht zu wissen, daß ich gescheit bin.„.

1914 beginnt der erste Weltkrieg. Galizien ist nahe an der Front, so bleibt auch Zabłotów von den Kämpfen nicht verschont. Natürlich glaubt man nicht, daß der Krieg lange dauert, schnell wird Russland, wird der Zar besiegt sein. Doch es kommt anders, die Familie muss mit den anderen Einwohner das Städtel verlassen, sie finden Unterschlupf in einer Siedlung abseits aller Wege, kommen zurück und müssen letztlich endgültig fliehen. 1916 treffen sie in Wien ein. Hier ist die einst (relativ) wohlhabende Familie Flüchtling wie viele andere auch, sie verarmen, nein, verelenden sogar. Der Vater hat Probleme, eine Arbeit zu finden, denn am Samstag (Sabbath), damals noch Werktag, verbietet ihm sein Glaube zu arbeiten…

Auch die Kindheit von Manès Sperber ist beendet. Zwar berauscht er sich für einige Zeit an Wien, dem Traumziel seiner Kindheit, dessen Pracht und Macht, jedoch holt ihn das Leben schnell ein. Er muss in eine normale Schule gehen, ist aber von seiner bisherigen Ausbildung den Mitschüler weit voraus, er muss eigenes Geld verdienen und er erlebt die politischen Entwicklungen zumindest am Rande mit. 1917 ist in Russland die Revolution ausgebrochen und der Zar gestürzt worden. Viel Hoffnung wird in dieses Ereignis investiert, auch in Wien gibt es revolutionäre Umtriebe, von denen der Junge (er ist ja kaum 12 oder 13 Jahre alt) am Rande gestreift wird.

Bedeutend ist sein Kontakt mit der Jugendorganisation HaSchomer HaTzair [4]. Ihm, dem schon in frühen Jahren Glaubenszweifel gekommen sind, bietet sich hier eine Möglichkeit, dem Galuth-Judentum zu entkommen, auch wenn „.. das Militärische … [ihm].. zwider ..[war], aber wie alle anderen begriff [er], daß es darum ging, uns dem Galuth-Judentum zu entreißen. Wir wollten nicht mehr, nie mehr als Schicksal akzeptieren, ovn den Feinden nicht nur gehaßts, sondern auch verachtet zu werden, wir sollten uns niemals mehr beugen, sondern dem Feind mit hochagerecktem Rücken begegnen.“ Diese Einstellung der jungen Leute entfremdete sie langsam aber sicher von den Älteren, den Eltern….

Sperbers autobiographische Erinnerungen sind sehr dicht, sehr intensiv. Kaum ein Abschnitt, über den nachzudenken sich nicht lohnt. Er geht sehr analytisch vor, hinterfragt sehr viel. So thematisiert er nicht nur, an was er sich erinnert, sondern häufig auch, warum gerade dieses oder jenes in seinem Gedächtnis haften geblieben ist, während anderes verloren gegangen sein muss. Welchen Einfluss hat die Erziehung seiner Eltern auf ihn gehabt, warum teilt er nicht alle seine Gedanken und Gefühle mit ihnen, obwohl er doch ein liebevolles Elternhaus hat. Das sind durchaus Fragen, in denen man sich selbst wieder erkennen und aus deren Analyse man auch für sich selbst Einsichten schöpfen kann. Genauso interessant sind die Ausführungen zu den Lebensumständen in Wien, sowohl hinsichtlich der politischen als auch der wirtschaftlichen Aspekte gegen Ende des 1. Weltkrieges.

Im ersten Teil dieses auf drei Kapitel aufgteilten Bändchens: „Die ‘Wasserträger Gottes“ [5] konzentriert sich Sperber auf das jüdische Leben im Städtel, die Prinzipien, auf denen es aufgebaut war, aber auch seine alltägliche Praxis. Joscher z.B. die Gerechtigkeit, ist so ein fundamentales Prinzip, die Gleichheit der Menschen vor Gott, das besonders die Reichen und Mächtigen oft beugen und so den Armen und Hilflosen Unrecht tun. Es ist eine Fülle auch sehr detaillierter und fundierter Informationen aus einer nicht mehr existenten, untergegangenen, vernichteten Kulturform des Judentums.

Der zweite Teil des Buches behandelt die ersten Kriegsjahre mit der zeitweiligen Flucht aus dem Kampfgebiet bis zur endgültigen Flucht nach Wien. Das Leben dort ist Inhalt des dritten Kapitels der „Wasserträger…“

Facit: ein sehr dichtes Buch voller kluger Gedanken, das geradezu mikroskopisch genaue Einblicke in das galizische Judentum eines Städtles Anfang des 20 Jhdts gibt und mit den Umbrüchen und Wirren am Ende des 1. Weltkriegs endet.

Anmerkungen und Links:

[1] Wiki-Artikel zu Manès Sperber
[2] hier sind verschiedene Schreibweisen möglich, vgl. den entsprechenden Wiki-Artikel
[3] Sperber schildert Episoden, in denen Bewohner des Städtels auf den nahen Hügel rennen, um ins Land zu schauen und die Ankunft des Messias nicht zu verpassen, könnte er doch gerade in dieser Stunde erscheinen….
[4] Wiki-Artikel zu HaSchomer HaTzair bzw. Schomer, wie sie im Buch bezeichnet wird.
[5] Dem Knaben schien, daß die Wasserträger, die den ganzen Tag lang mit ihren Wassereimer herumliefen, um den Menschen Wasser zu bringen, doch viel verdienen müssten… doch man sagte ihm, das sei eine so einfache und primitive Tätigkeit, daß jeder sie ausüben könne und man daher für geringen Lohn das Wasser trage. Für Sperber sind also die Juden die Wasserträger Gottes, den ganzen Tag, das ganze Leben nur darauf ausgerichtet, ihm zu dienen, doch welchen Lohn….?
[6] Hier kann man Sperber für ein paar Minuten bei einer Autorenlesung hören

Manès Sperber
Die Wasserträger Gottes
All das Vergangene….
Erstveröffentlichung 1974,

Max Brod führt uns in seinem Roman über Tycho Brahe zurück in das Mitteleuropa des beginnenden 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft Kaiser Rudolf II. Dieser, politisch ein eher schwacher Herrscher, tat sich als leidenschaftlicher Förderer der Künste und Wissenschaften hervor, war auch Anhänger der Astrologie und Alchemie. So nimmt es nicht wunder, daß mit Tycho Brahe einer der bedeutendsten Wissenschaftler dieser Zeit bei ihm Unterkunft und Wirkungsstätte suchte und gewährt bekam. Für Brahe war dies eine Art Exil, nachdem er sich mit dem dänischen Herrscherhaus [9] zerstritten hatte und sein dortige Wirkungsstätte aufgeben musste. In diese letzten Monate seines Lebens, um die Jahrhundertwende, die Brahe unter der Förderung des Kaisers in (der Nähe) Prag(s) lebte und arbeitete, fiel auch sein Kontakt mit dem jungen, genialen Astronomen Kepler, der im Mittelpunkt des Buches steht.

Vielleicht ist es ganz interessant, ein paar Bemerkungen über den Stand der Kosmologie jener Zeit vorauszuschicken, denn diese beherrscht einen großen Teil des Buches.

Wenige Jahrzehnte zuvor hatte Kopernikus das wissenschaftliche Weltbild mit seinem kosmologischen Modell, das die Sonne in den Mittelpunkt stellte, um welche ihrerseits die Planeten kreisen, erschüttert. Nicht, daß es das erste Mal war, daß ein heliozentrisches Weltbild gedacht wurde [3], aber aus philosophisch-theologischen Gründen war über Jahrtausende ein Weltmodell mit der Erde und damit dem Menschen im Mittelpunkt das „offiziell“ gültige. Es gab die Sphäre der Wandelsterne (Planeten) und die durch eine kristallene Schale abgetrennte der Fixsterne, die seit der Schöpfung durch Gott unverändert existiert und unveränderbar ist.

Erst mit Kopernikus änderte sich dies. Das Modell gewann durchaus Anhänger, es konnte sich aber nicht wirklich durchsetzen, da es keineswegs einfacher zu handhaben war wie das geozentrische Weltbild. Hier wie dort mussten, um die Beobachtungen am Himmel mit dem Modell in Einklang bringen zu können, viele Zusatzannahmen („Epizyklen“) getroffen werden. Dies sollte sich erst mit den Forschungsergebnissen von Kepler ändern, der nicht – wie bis dato – das Erklärungsmodell an die Beobachtungsergebnisse anpasste, sondern der die apriori vorausgesetzten Randbedingungen (z.B. die Kreisform der Planetenbahnen [10]) sukzessive in Frage stellte, bis er letztlich seine Gesetze über die Planetenbewegung fand, die dann auch die Beobachtungen erklären konnten.

Wesentlich für diese Forschungen Keplers waren die von Brahe in noch nie dagewesener Kontinuität und Genauigkeit durchgeführten Beobachtungen des Himmels. Und so waren beide Forscher komplimentär: Brahe, der geniale Beobachter und Instrumentenentwickler, aber ohne die Fähigkeit, diese Daten vorurteilsfrei auszuwerten und Kepler, der geniale Forscher, der aber ohne diese Daten Brahes nichts hätte erreichen können.

Derart also die Konstellation, mit der Brod seinen Roman beginnen läßt. Die erste Begegnung zwischen Brahe auf seinem ihm vom Kaiser zur Verfügung gestellten Schloß und Kepler, der in Begleitung des ihm von Anfang an feindlich gesonnenen Schwiegersohns in spe Brahes, Tengnagel, und dessen Arzt aus Prag anreist [4], verläuft leicht chaotisch und zeigt die unterschiedlichen Charaktere der Hauptpersonen: Brahe, dieser aus uraltem dänischen Adel stammende, vermögende Wissenschaftler ist Gefühlsmensch, kann überschwänglich sein und begeisternd und so empfängt er den um vieles kleineren, zurückhaltenden und zögerlichen Kepler, der nach außen hin (wie es sich im weiteren Verlauf der Geschichte darstellt) fast ein wenig „autistisch“ wirkt, gerade durch den Gegensatz zu Brahe. Kepler, wiewohl im geistigen eine Hauptperson des Buches, bleibt im Grunde immer im Schatten der Darstellung Brahes, dieses Trums von Mann, der sich von der Welt verfolgt fühlt, der glaubt, das Unglück gepachtet zu haben und der seinen Kepler, seinen geliebten Kepler nicht versteht, den alles nichts anzugehen scheint, dem alles zufliegt, so wie hier in Prag die Zuneigung Brahes.

Im Gegensatz zu Kepler, der im Grunde nur arbeiten will bei Brahe und dessen unschätzbaren Schatz, die Messdaten, für sich bergen will (die er später nach dem Tode Brahes folgerichtig sogar widerrechtlich an sich bringt (vulgo: den Erben stiehlt) [5]) sucht Brahe das Gesetz Gottes auch im Firmament, in den Sternen. Er ist und bleibt im alten Denken verhaftet, obwohl er selbst es war, der die jahrtausende alten Postulate durch zwei Beobachtungen gesprengt hat [7], kombiniert es nur mit dem neuen Weltbild zum tychonischen System [6]. Er brauchte Kepler, das Genie, um dieses innerer Gesetz, das sich in den Zahlen verbarg, zu bergen, ans Licht zu bringen (immer in der Hoffnung, aber im Innersten spürend, daß dem nicht so ist, daß Kepler sein eigenes tychonisches System in den Messdaten wiederfindet), aber erst einmal brachte Kepler Chaos und Durcheinander in den Brahes Haushalt – wiewohl der durch das unstetige Temperament des Hausherrn einiges an Aufregung gewohnt war.

Es ist, wie Kepler in einem nie abgeschickten Brief an seine Frau schreibt, ein irrwitziges, lautes, betriebiges, unruhiges Haus, in das er gekommen ist, von Zwist, Streit und Lautstärke beherrscht. Jeppe, Brahes Zwerg, stößt wüste Prophezeiungen gegen ihn aus, Tengnagel, der künftige Schwiegersohn geht Kepler derart massiv an, daß Brahe ihn des Hofes verweist und wegjagt. Es wird intrigiert und antichambriert, Elisabeth, Brahes von Tengnagel schon geschwängerte Tochter, schleicht sich jede Nacht zu jenem, der sich eine kleine Festung gebaut hat, um auszuharren, bis Brahe diesen Kepler verjagt und zur Besinnung kommt. Die Brüder Elisabeths dagegen zetteln, da der Vater sich zurückzieht, einen kleinen, blutigen Privatkrieg gegen den Schänder ihrer Schwester an… man kann sich die Unruhe auf Brahes Wohnsitz vorstellen.

Kann man Brahe als Hiob-Figur sehen [8]? Er jedenfalls fühlt sich so, fühlt sich verfolgt vom Unglück, verlassen von den Menschen, vertrieben von seiner alten Wirkungsstätte, die ihm immer mehr als eine Art Paradies erscheint. Kepler, dessen Anwesenheit, macht ihm dies um so deutlicher, diese unschuldige, lichtgleiche Gestalt, die nichts annimmt vom Unglück der Welt und dadurch das Glück geradezu auf sich ziehen kann, diesen Kepler will er sich zum Lehrer nehmen, ihm nacheifern, alle Bindungen fahren lassen und nur noch der Wissenschaft dienen:

„Seine [i.e. Keplers] Reinheit ist es eben, die uns Sündern in die Augen sticht und so möchten wir ihn gern zum Sündenbock für unsere Fehler machen. … Kepler ist nichts ausser uns, wie ich es jetzt verstehe, nein, jeder von uns hat seinen Kepler in sich und hat gegen ihn, seinen inneren Kepler, die härteste Seelenprobe zu bestehen. .. Unser Teufel ist Kepler und Erlöser zugleich, beides in einem, …“

so resumiert Brahe seinem Schwiegersohn gegenüber. Und so ficht Brahe diesen inneren Kampf mit sich aus, merzt seine unreinen Gefühle gegenüber dem geliebten, aber auch als Prüfung verstandenen Kepler in sich aus, reinigt sich in seinem empfunden Purgatorium. Zuletzt setzt er sich beim Kaiser persönlich für ihn ein, obwohl dieser ihm davon abrät, wurde doch vom Kaiser selbst eine Untersuchung gegen Kepler zwar eingestellt, aber immerhin, der Verdacht auf Verrat war in der Welt…. Nein, auch diese Prüfung übersteht Brahe, er empfiehlt Kepler als seinen Nachfolger bei Hofe.

Es sollte das letzte sein, was Brahe noch vollbringt, er ist am Ende seines irdischen Weges angelangt. Sein einst so mächtiger Körper ist kraftlos geworden, die schon seit langem in ihm wütende Schwäche unterwirft ihn nun völlig, verwirrt bricht er zusammen und stirbt kurz darauf. Seine letzten Gedanken widmet er seinem Werk und seinem Nachfolger…. und mit einer kühnen (Um)Deutung seiner letzten Worte stellt Brod Brahe als Bekehrten dar, als einen, der sich als Ergebnis der durchlittenen Läuterung, des durchmessenen geistigen Weges zum System des Kopernikus bekennt…..

Brods Roman ist weniger als historischer Roman zu sehen [11], obwohl natürlich die grundlegenden Fakten historisch sind, es ist eher ein Roman über die Suche eines Menschen nach der göttlichen Wahrheit, über die Läuterung der Seele von menschlichen Schwächen und über das Verhaftetsein im Althergekommenen. Für Brods Brahe ist Kepler eine Art Katalysator, der den im Inneren brodelnden Zweifel nährt, ihm zeigt, daß es einen anderen Weg gibt, der ihn vor allem in die Auseinandersetzung mit sich selbst zwingt, ihm die Fragen offenbart, die er sich bis dahin noch nicht zu stellen wagte. Es ist Brahes Weg zu Gott, zu dem Gott, den er im Walten der Welten findet, der inneren sowohl wie der äußeren.

Meine falsche Lehre, oh, ist sie mir nicht als mein Kreuz mitgegeben auf meinen mühseligen Irrfahrten, diese falsche Lehre, ist sie mir nicht zugeteilt, damit ich mich an ihr rastlos emporbaue und auf das letzte falsche Glück verzichten lerne, damit ich sie überwinde und abstreife, oh, ist nicht gerade die falsche Lehre mein Weg zu Gott?

Die Lektüre brachte einige schöne neue Worte zutage, die ich bis dato noch nicht gehört oder gelesen hatte…. Buhle, nun, das kennt man, aber ein „Gauch“ (bzw. Gäuche)? Oder eine „Metze“? Ich nehme an, diese Begriffe stammen aus dem jiddischen Sprachraum, schön, sie getroffen zu haben…..

Facit: das Buch ist sicherlich keine Alltagslektüre, aber an einer der Sternstunden der Menschheit angesiedelt führt es tief in die geistige Welt dieser Zeit ein, in der sich Theologie und Wissenschaft zu trennen anfangen.

Anmerkungen und Links

[1] Wiki-Artikel zu Tycho Brahe
[2] Wiki-Artikel zu Kaiser Rudolf II (1552 – 1612)
[3] Einige Philosophen der phytagoräischen Schule lehnten ein geozentrisches Weltbild ab, da Feuer wertvoller sei als Erde und daher im Zentrum der Bewegung stehen müsse. Aristarch von Samos scheint dann ein Modell der Welt entwickelt zu haben, in dem tatsächlich die Sonne im Mittelpunkt stand, durchgesetzt hat sich aber schließlich die Anschauung des Ptolemäus, der die Erde als Zentrum der Welt sieht, um die sich alles dreht.
vgl: die Wiki-Artikel zum heliozentrischen Weltbild und zum geozenetrischen Weltbild
[4] Wäre das Erstlingswerk Keplers, das Mysterium Cosmographicum von 1595 dem jungen Paduaner Professor Galilei nicht zu mystisch formuliert gewesen, wäre es vllt nie zu dieser Begegnung gekommen und Kepler hätte anstatt dessen mit diesem anderen genialen Forscher zusammen gearbeitet. Dies deutet zumindest Fölsing in seiner Galilei-Biographie [Galileo Galilei: Der Prozess ohne Ende, München 1983] an.
[5] Arthur Koestler: Die Nachtwandler, Scherz-Verlag, 1959
[6] bei dem die Erde zwar im Mittelpunkt steht, die aber dann von einer Sonne umkreist wird, um die ihrerseits die anderen Planeten kreisen….
[7] zum einen konnte er nachweisen, daß ein Komet, der zu beobachten war, jenseits der Mondbahn sich bewegte und diese durchflog – im strikten Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung. Ferner beobachtete und vermaß er eine Nova und konnte zeigen, daß hier ein „neuer“ Stern entstanden war, auch dies war nach Lehrmeinung in der unveränderlichen Sphäre der Fixsterne eigentlich nicht möglich.
[8] Im Zusammenhang mit Caterinas Kafka-Rezension wies Syn-ästhetisch darauf hin, daß dessen Figur des K im Sinne der Hiob-Geschichte interpretiert werden kann. Da Kafka und Brod befreundet waren (der Roman ist Kafka gewidmet) mag es nicht unwahrscheinlich sein, daß beide Schriftsteller sich für eine ähnliche Figurenzeichnung entschieden haben…
[9] vgl diese Website
[10] auch dies eine aus philosophisch-theologischen Gründen bis dato nie in Frage gestellte Grundannahme: eine sich periodisch wiederholende Erscheinung wie die Wanderung der Planeten musste nach antiker Ansicht auf einer Kreisbahn erfolgen
[11] er betont selbst, daß er sich einige Freiheiten der Darstellung genommen hat. Interessant ist es, die Ausführungen Koestlers [5] zu dem Zusammenwirken Brahes und Keplers zu lesen. Insbesondere Kepler erscheint bei diesem (wohl realistischer) als eher kleinkarierter, jähzorniger Pedant, der sich über die Aufnahme bei Brahe beschwert, die Zusammenarbeit mit diesem ist wohl auch nicht so problemlos wie bei Brod ausgeschmückt.

Max Brod
Tycho Brahes Weg zu Gott
Nachwort von Stefan Zweig
Suhrkamp TB, 1984, 276 S.

Die Geschichte setzt ein, als Ed und Marv auf dem Boden einer Bank liegend, miteinander in einen bei ihnen zum guten Ton gehörenden Streit geraten, der die Bankräuber, die sie mit einer Waffe bedrohen, ziemlich nervt. Und zwar sosehr, daß ihnen die Situation aus dem Ruder läuft und sie dann – mit Eds Hilfe – geschnapt werden.

Das macht den 19jährigen Ed, ansonsten ein Verlierertyp, der sich einen Job als Taxifahrer erschwindelt hat, für eine paar Tage zum Helden und gibt ihm selbst auch ein wenig Selbstbewusstsein. Das er auch gebrauchen kann. Noch aber schlägt er seine Zeit mit seinem ewig stinkenden Köter, dem Türsteher und seinen ebenso sinn- und ziellos vor sich hinlebenden Freunden Marv und Ritchie beim Kartenspiel tot. Und mit Audrey, die er anhimmelt, die sich selbst aber das Gefühl Liebe verboten hat.

In diese sinnlose Routine platzt eine Spielkarte, ein Karo-Ass, beschrieben mit Adressen und Uhrzeiten. Ed ist beunruhigt durch die Karte, zeigt sie seinen Kumpels und Audrey ist es, die es schließlich auf den Punkt bringt: „Bei jeder dieser Adressen wird etwas passieren, Ed, und du musst darauf reagieren.“ Damit ist die Handlung des Buches auch schon umschrieben.. ein Kartenspiel hat 4 Asse und dann gibt´s noch den titelgebenden Joker….

Das Buch hat eine Botschaft, es trieft förmlich vor dieser Botschaft, frei nach (dem seinerzeit noch unbekannten Obama) „Yes, you can“, oder etwas musikalischer mit Jimmy: „You can do it, if you really want!„. Ed, der bis dato (außer der Vereitelung des Bankraubs) in seinem Leben noch nichts auf die Beine gestellt hat, wird also vor Aufgaben gestellt, bzw. bekommt Hinweise und muss die Aufgaben, die dort auf ihn warten, selbst erkennen. Natürlich, die Aufgaben fordern ihn, er muss eigene Ängste überwinden, muss überhaupt erst einmal erkennen, was zu erledigen ist. Das geht nicht ohne Schmerzen ab, der unbekannte Kartenspieler beobachtet ihn offensichtlich ohne Unterlass, er weiß über sein Leben Bescheid, er schickt ihm seine Boten, die ihm seinen Willen handgreiflich klar machen.

Ed ändert sich in diesen Wochen, Monaten. Aus dem vor sich hinlebenden wird ein nachdenklicher, die Menschen beobachtender, auf sie eingehender Ed. Ein Ed, der sich einbringt, der Ideen hat. Es sind nicht immer große Dinge, die er vollbringen muss, manch kleines ist einfach auch nur dadurch groß, daß es gemacht wird. Es ist ein Prozess der Reinigung, der Läuterung, der Erkenntnis, den unser guter Ed geht, gehen muss, der ihm aber auch immer mehr Spaß macht und Freude bringt. Es ist ein Weg, der ihn zum Schluss auf sich selbst zurückführt, der sich selbst als eine seiner Aufgaben begreift.

Eine geradezu biblische Geschichte eines Menschen, dem 12 Aufgaben gestellt wurden bis er zur Erlösung (sogar Jesus muss für Analogien herhalten: „Er ist für diese Menschen ins Gefängnis gegangen. Er ist für mich ins Gefängnis gegangen„), zur Erkenntnis gelangen kann. Wie schon geschrieben, das Buch trieft vor Botschaft, es ist phasenweise pathetisch bis zum Anschlag, um diese triviale Weisheit zu verbreiten: „Wenn du wirklich willst, kannst du Dinge machen, die du dir garnicht zutraust“….

Ok, es gibt schlimmer Botschaften, auch wenn es hier etwas dick aufgetragen wird. Da das Buch hat 2007 einen Deutschen Jugendliteraturpreis zugesprochen bekommen, auch ansonsten sind die Besprechungen ja überaus positiv. Es ist von der Sprache her sicherlich für Jugendliche geeignet, es gibt keine komplizierten Satzkonstrukte oder erst lexikalisch zu deutende Wortungetüme, das Buch liest sich in einem Rutsch herunter. Die Hauptfiguren sind bei aller Loserhaftigkeit sympathisch und erfrischend normal, irgendwie und irgendwo kann sich jeder in dieser Geschichte wiederfinden.

Facit: Mir ist die Botschaft etwas zu dick aufgetragen, die Geschichte etwas zu dünn und die Auflösung am Schluss etwas zu konstruiert. Für Jugendliche aber sicher keine schlechte Lektüre…

Markus Zusak
Der Joker
übersetzt von Alexandra Ernst
als TB bei ctb, 2008, 448 S.
Originalausgabe 2002, Sydney

Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des neuen Regimes zu spüren bekommen: Während meiner zufälligen Abwesenheit aus München erschien die Polizei in meiner dortigen Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mühsam zusammengetragenes Quellenstudienmaterial, meine sämtlichen Geschäftspapiere und einen großen Teil meiner Bücher. Das alles hart nun der wahrscheinlichen Verbrennung. Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und – was vielleicht am schlimmsten ist – die heimatliche Erde verlassen müssen, um dem Konzentrationslager zu entgehen.

Die schönste Überraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut „Berliner Börsenkurier“ stehe ich auf der weißen Autorenliste des neuen Deutschland und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes „Wir sind Gefangene“, werden empfohlen! Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des „neuen“ deutschen Geistes zu sein!

Vergebens frage ich mich, womit ich diese Schmach verdient habe.

Das dritte Reich hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl ihrer wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten, und den Begriff „deutsch“ durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Genossen verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden!

Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch schon gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer „Geistigen“ zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte weiße Liste zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann!

Diese Unehre habe ich nicht verdient!

Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen!

Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach!

(Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Briefes ersucht.
Oskar Maria Graf.)

Quelle 

***********

„Ich übergebe der Flamme die Schriften des…..“  Audiobeitag des BR2 zur Bücherverbrennung 

unter den Nazis am 10. Mai 1933

Margaux sieht diesen Mann, spricht ihn an und die Welt gerät für sie aus dem Gleichgewicht. Ein „…seltsames weißes Licht umstrahlte sein Gesicht wie eine Korona„. In diesem Moment beginnt eine 14 Jahre lang dauernde Beziehung zwischen Margaux und Peter, die diese in ihrem biographischen Roman beschreibt und verarbeitet.

Peter ist zu diesem Zeitpunkt einundfünfzig Jahre alt, Margaux dagegen sieben.

Somit ist klar, daß dies kein einfaches Buch ist. Es berührt eines der tiefsten Tabus, nämlich Liebe, auch körperlicher Art, mit Kindern. Hört oder liest man überlicherweise von solchen Vorkommnissen, sind die Fronten klar, der Pädophile ist Abschaum, ein Monster, Kastration ist das mindeste, was gefordert wird, das archaische Gefühl, den Betreffenden hängen sehen zu wollen (möglichst an den ***) ist keine Ausnahme. Bezeichnenderweise redet eine der auf dem Schutzumschlag zitierten Rezensentinnen (A. Sebold) auch davon, daß es Fragoso durch ihre Darstellung gelingt, einen Pädophilen zu „vermenschlichen“, was im Umkehrschluss bedeutet, daß er vorher unmenschlich war. Aber Pädophilie ist eine Krankheit [vgl. z.B. den Wiki-Artikel zur Pädophilie], auch der Pädophile ist ein Mensch, der ein Recht hat (und dies liegt auch im ureigensten Interesse der Gesellschaft), behandelt zu werden bzw. als Voraussetzung dafür, sich zu seiner Krankheit, seinem Trieb, bekennen zu können, bevor etwas „passiert“ ist und ohne, daß er von der Gesellschaft ausgestoßen wird. Es ist ein ausdrückliches Anliegen Fragosos, den Pädophilen nicht als Monster zu zeigen, sondern den dahinter vorborgenen kranken Menschen ans Licht zu holen, da der beste Weg, Kinder zu schützen die Behandlung der Krankheit sei.

Es ist wichtig, zu erkennen und zu verstehen, wie Pädophile vorgehen, wie sie ihre Opfer für sich einnehmen, sie an sich binden, unter welchen Voraussetzungen sich pädophile Bindungen aufbauen können. Denn Fragoso schildert ja kein Kapitalverbrechen wie eine Entführung, einen Mord oder ein anderes Sexualverbrechen an einem Kind, nein, was Fragoso erlebt hat, ist etwas völlig anderes, viel subtileres und gefährlicheres, sie beschreibt das Eindringen eines Erwachsenen in die Seele eines Kindes, deren Inbesitznahme und das Herauslösen dieses Kindes aus seiner normalen Umwelt, um es in eine sehr tief reichende Abhängigkeit hineinzumanipulieren.

Die siebenjährige Margaux lebt in einer kaputten Familie. Die Mutter ist psychisch krank, wahrscheinlich die Folge eines lange zurückliegenden, schweren sexuellen Misshandlung, die sie als Kind erlitten hat und die nie aufgearbeitet, sondern immer nur totgeschwiegen und ruhig gestellt worden ist. Sie ist häufig im Krankenhaus, muss Tabletten nehmen, die ihre Anfälle dämpfen, so daß sie nicht in der Lage ist, den Haushalt zu führen, geschweige denn, ihr Kind zu erziehen. Sie liegt auf dem Bett, hört Musik und starrt an die Decke.

Poppa, der Vater, ist mit der familiären Situation hoffnungslos überfordert. Er empfindet seine kranke Frau als Ballast, ein Gefühl, das auch oft für seine Tochter gilt, insbesondere, wenn diese mal wieder Probleme macht. Um neben seiner Arbeit den Haushalt führen zu können, also einzukaufen, zu waschen, zu putzen und zu kochen, greift er auf ein striktes Regelwerk an zu befolgenden Verhaltensweisen zurück. Dies gibt besonders Margaux das Gefühl, eingeengt zu sein, ungeliebt und unerwünscht, denn natürlich werden solche Regeln (wie z.B. vor dem Vater wach zu werden) öfter übertreten und führen dann zu häuslichen Auseinandersetzungen. Schläge kommen vor. Zudem hat der Vater einen „strengen“ Ehrenkodex, der nach außen hin vor allem den Schein wahren soll, seine Tochter z.B. beschwört er, daß der Tod für eine Frau ehrenvoller sei als eine er-/überlebte Vergewaltigung. Wenn er arbeitslos ist, neigt er zum Trinken, daß er eine Freundin hat, macht ihm keine Gewissensbisse.

Poppa ist nicht einfach ein schlechter oder dummer Mensch. Peter bemerkt im Laufe der Jahre an einer Stelle mal, was aus diesem Mann hätte werden können, wenn… er ist Goldschmied von Beruf, versteht sich als Künstler (entsprechend ist er der erste bei seinen eher auf Produktivität ausgelegten Arbeitgebern, der seinen Job verliert, wenn der Betrieb schwächelt), Reproduktionen alter Gemälde hängen an den Wänden, auch mit Musik kennt er sich aus. Im Ganzen gesehen, ist der Vater auch ein Opfer der Verhältnisse, von der Situation überfordert bieten ihm seine eigenen Verhaltensmuster keine Hilfe, mit dieser umzugehen. Im günstigsten Fall kann er den äußeren Schein wahren.

In diese Konstellation hinein bricht nun die Begegnung von Margaux und Peter. Margaux hat instinktiv gemerkt, daß sie bei Peter all das findet, was sie in ihrer Familie vermisst: einen Menschen, der mit ihr spielt, auf sie eingeht, ihr Zuneigung schenkt, der für sie da ist. Und Peter hat instinktiv gewusst, daß er bei dem Mädchen eine wichtige Rolle im Leben spielen kann, wenn es ihm gelingt, sie unter seinen Einfluss zu bekommen. Und das gelingt ihm nur zu gut…. und nicht nur Margaux, auch Mommy, gewinnt er für sich. Die beiden besuchen ihn schon bald regelmäßig, die Mutter hat in Peters Haus ihre Ruhe, sie ist dort unbehelligt von Vorwürfen oder Ansprüchen, die an sie gestellt werden, sie kann dort einfach sein. Und für Margaux wird das Haus Peters, in dem er bei seiner Lebensgefährtin wohnt, mit seinen Tieren uns seinem Bewohner, der ihr jeden Wunsch erfüllt, zum neuen, zum einzigen Lebensmittelpunkt.

Die beiden schaffen sich eine eigene Welt, eine eigene Sprache, sie kapseln sich immer weiter ab. Sie erfinden unendliche Geschichten, bzw. Margaux erfindent sie und sie beide übernehmen und spielen Rollen darin. In ihrem Geheimnissen sind sie verbunden, bilden sie eine gegen die Aussenwelt verschworene Gemeinschaft. Im Lauf der Jahre wird dies bei dem Mädchen so extrem, daß sie mit „Schulphobie“ von der Schule genommen wird und Lehrer zu ihr nach Hause kommen. Es gelingt Peter immer besser, Margaux in seine Abhängigkeit zu bringen, nur noch bei ihm kann das Kind Liebe finden, er wird in ihrer Sicht immer mehr zum einzigen Mensch, der etwas für sie tut. In dieser, ihre abgekapselten Welt kann er dem Kind von Kreatürlichkeit vorschwafeln, um es zu bewegen, sich ausziehen und (fast) nackt herumzulaufen, von der Schlechtigkeit und Verlogenheit der Gesellschaft, die eine Liebe, so wie zwischen ihnen beiden, verurteilt und nicht versteht. Oh ja, Margaux braucht diesen Peter, sie will ihn nicht verlieren, um keinen Preis… jeden Wunsch will sie ihm erfüllen. … nein, aber diesen kann sie nicht erfüllen, es ist eklig, das Pipi kommt doch daraus.. doch Peter ist traurig, so traurig und Margaux fühlt sich schuldig, sie ist es, die den „geliebten“ Menschen weh getan hat, weil sie das Versprechen gebrochen hat, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. was ist, wenn sie ihn jetzt verliert? … und vielleicht ist es doch nicht so eklig, wenn er es sich doch so wünscht… es ist ja nur anschauen und dann ein wenig.. anfassen..

Wenn man, so wie ich, beim Lesen im Kopf immer auch das Gelesene als „Film“ mitlaufen läßt, es sich in Bildern vorstellt, ist es schwer, solche Szenen zu lesen, man möchte diese Bilder nicht im Kopf haben, dieses achtjährige Mädchen in ihrer neuen Welt, dem Keller von Peter, in den sie immer wieder gehen, derweil die Mutter oben im Garten sitzt…..

Margaux sitzt in einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis, keineswegs ist es so, daß sie (subjektiv) unter der Situation leidet. Im Gegenteil, sie leidet, wenn sie von Peter getrennt ist, sie kämpft um diesen Kontakt, auch gegen die Verbote z.B. ihres Vaters. Sie ist bereit, alles zu opfern für diesen alten Mann. Und je tiefer sie in diese eigene, abgeschottete Welt mit Peter hineingezogen wird, je intensiver sie diese erlebt, desto unfähiger wird sie, am sozialen Leben ausserhalb teilzunehmen, was sie wiederum noch heftiger zurücktreibt in Peters Keller bzw. später dann in sein Zimmer, desto geringer wird auch ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstbewusstsein, das nur noch in der Anwesenheit Peters zu existiern scheint. Das „bischen“ Hand und Mund, das sie ihm geben muss, damit er glücklich ist, scheint ihr ein geringer Preis für das vermeintliche gemeinsame Glück. Der Gedanke, daß sie ausgenutzt wird, daß „geben und nehmen“ in der Beziehung zu Peter ungleich verteilt ist, kommt ansatzweise erst, als sie in der Pubertät (in der das sexuelle Interesse Pädophiler an ihren Opfern sowieso nachläßt, da diese aufhören, Kinder zu sein) eigene auch sexuelle Bedürfnisse entwickelt. Und trotzdem scheint ihr über Jahre hinweg der Sinn ihres Lebens nur in der Nähe zu und bei Peter zu liegen, nur ganz zögerlich geht sie später auf Kontaktversuche von Jungens bzw. von jungen Männern ein. Lange, sehr, sehr lange verdrängt sie, daß es im Verhältnis zu Peter nicht um eine Beziehung zweier gleichberechtigter Menschen geht, sondern, daß es sich hier um Täter und Opfer handelt. „Kinderschänder“: im Streit wirft sie das Wort Peter an den Kopf Es sind diese die Momente, an dem Peter seinerseits merkt, daß seine Beziehung zu Margaux dem Ende zugeht, er kann sie nicht mehr halten, sie löst sich langsam von ihm und damit verliert für ihn das Leben seinen Sinn. Er suizidiert sich.

Peter gelingt es, Margaux über viele Jahre hinweg von sich abhängig zu machen, ihr einzureden, sie davon zu „überzeugen“, daß die Beziehung zwischen ihnen Liebe ist, die sie gegen den Rest der Welt verteidigen müssen. Er ist geschickt, er kann viele überzeugen von seiner Redlichkeit.. zum Schluss kann er mit seiner Hilfsbereitschaft sogar den resignierenden Poppa für sich einnehmen. Es gelingt ihm praktisch vollständig, das kleine Mädchen in eine fast ausschließliche Abhängigkeit von sich zu bringen, indem er Schuldgefühle erzeugt, Margaux auch eifersüchtig macht auf andere Kinder, mit denen er Kontakt hat (welchen? man ist sich nicht sicher, muss aber davon ausgehen, daß…, da man ihm auf Verdächtigungen hin gerichtlicherseits die weitere Aufnahme von Pflegekindern untersagt), er manipuliert Margaux, verführt sie, besticht sie .. aus der Leimrute, auf die der kleine Vogel Margaux von sich aus sprang, wird ein Spinnennetz von Abhängigkeit, das sie nicht mehr losläßt und immer dichter wird das Netz bis es eine Art Kokon ist, den Peter und das Mädchen um ihre Beziehung gelegt haben, der sie, besonders Margaux, von der Aussenwelt isoliert.

Ist es bei dem siebenjährigen Mädchen noch die Begeisterung, daß sich jemand so intensiv auf ihre Wünsche und Bedürfnisse nach Zuneigung einläßt, so fragt man sich, was hält ein junges Mädchen, eine junge Frau im Bann eines kranken, mittlerweile zahnlosen, kreuzlahmen, weitgehend impotenten, sich äußerlich vernachlässigenden Mannes fest? Ist es ein Zusammenwirken von Mitleid, das Margaux mit ihm hat, und ihrem eigenen fehlenden Gefühl, etwas wert zu sein außerhalb der Beziehung zu Peter? Oder ist es einfach auch die Angst vor dem, was sie „draußen“ vllt erwartet, wenn sie den vorgeblich schützenden Kokon zerreißt, Angst auch vor der Stigmatisierung, wenn vllt ihr bisheriges Leben bekannt würde? Denn auch die notwendige Heimlichkeit ihrer Beziehung (die dennoch in der Öffentlichkeit auffällt und dann auch zu Nachfragen und Abscheu bei den Leuten führt) hält sie gefangen….

Peter ist für mich (auch wenn ich den Krankheitscharakter seiner Neigung akzeptiere) in wesentlichen ein Täter, der skrupellos ein kleines Mädchen instrumentalisiert, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Daß er damit deren Psyche aufs schlimmste beschädigt und verletzt, ist ihm egal, im Gegenteil, wie alle Pädophilen verschanzt er sich hinter der Schutzbehauptung, daß er doch niemandem schade, wenn er das kleine Mädchen liebhabe und sich um sie kümmere. Daß Margaux von sich aus dieser Beziehung erst sehr spät ausbricht, ändert daran nichts, es zeigt nur, wie erfolgreich Peter in seiner Manipulation des Mädchens war.

Natürlich, auch Peter, das erzählt Fragoso, hat ein schweres Schicksal, auch er in Kindheit und Jugend verletzt und misshandelt. Ganz sicher ist der Pädophile auch und gerade als Mensch wahrzunehmen. Aber was läßt sich daraus ableiten? Doch im wesentlichen, daß er von der Gesellschaft erwarten kann, daß sie ihm hilft, wenn er sich offenbart, aber doch keinesfalls eine Entschuldigung oder Verständnis dafür, ein Kind zu psychisch und physisch zu misshandeln.

Fragoso hat mit der Schilderung ihrer Beziehung zu diesem Pädophilen ein im wesentlichen beschreibendes Werk vorgelegt, das nüchtern, ohne Effekthascherei, auch die abstoßenden Szenen nicht ausspart, sie aber auch nicht in den Mittelpunkt stellt. Sie gehören einfach dazu, um das Geschilderte verstehen zu können, sie müssen beim Namen genannt werden, um das Ungeheuerliche in Worte zu fassen und greifbar machen zu können. Und nur dadurch wird der Teufelskreislauf durchbrochen, der jahrzehntelang durch Schweigen und Verheimlichen unzerstörbar war:

Durch das Niederschreiben meiner Erinnerungen habe ich versucht, die alten, tief verwurzelten Muster von Leiden und Missbrauch aufzubrechen, die meine Familie seit Generationen verfolgen. Durch das Schreiben ist mir vor allem klargeworden, dass das Tauma ungehindert weitergegeben wurde, weil meine Großeltern nicht offen mit den sexuellen Übergriffen auf meine Mutter und auf meine Tante in deren Kindheit umgegangen waren. … Meine Großeltern wollten ihre Töchter sicherlich vor weiterem Schaden schützen und drangen daher auf Schweigen und Vergessen, doch meine eigene Geschichte ist der Beweis, dass ihre Entscheidung gefährlich falsch war.

Facit: dieses Buch ist kein einfach nur zu lesendes, es wirft einen verstörenden Blick auf zwei Menschen, die in zerstörerischer Abhängigkeit voneinander leben, auf zwei Menschen, die – wie Peter – krank sind bzw. die krank werden – Margaux – und deren Krankheiten sich gegenseitig bedingen.

Margaux Fragoso
Tiger, Tiger.
übersetzt von Andrea Fischer
März 2011, 460 Seiten, 24,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt, März 2011, 460 Seiten, 24,90 €.

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag in der Rubrik: „blog.intern“. abgesehen davon, daß dies auch mal wieder Zeit wurde, gibt es auch einen guten Grund dafür: heute ist der Blog des Projekts

Jüdische Lebenswelten

ans Netz gegangen, an dem ich mitarbeite. Um was es dort geht, was das mit Literatur bzw. Büchern zu tun hat, können euch synaesthetisch und caterina viel besser erklären als ich…..

.. und eine Einladung möchte ich aussprechen:

das Projekt wird um so erfolgreicher, je mehr sich von euch beteiligen würden, mit Anregungen, Kritiken oder mit Buchbesprechungen bzw. anderen Beiträgen zum Thema….. auf der Kontakt-Seite steht, wie ihr uns erreichen könnt, wir freuen uns auf eure Mitarbeit!!

Eine neurotische kinderlose Ehefrau mittleren Alters wird von einer Katze gebissen und grübelt bis ans Ende der 218 Seiten nach, ob sie nun die Tollwut bekommt oder nicht, parallel dazu analysiert sie ihre eintönige Ehe und träumt von einer vergangenen Affäre. Verschrobene und dennoch blutleere Charaktere tauchen auf und verschwinden wieder, ihr Mann ist hilflos, und „Was am Ende bleibt“, ist ein großes Fragezeichen.

Ja, so wie dieser Rezensent eines großen online-Versenders kann man es auch sehen. In der Tat, „Was am Ende bleibt“ ist ein sprödes Werk, unzugänglich und abweisend, ein Ausflug in eine Welt im Umbruch, an die Frontlinie einer sich entwickelnden gesellschaftlichen Verwerfung, die ein Ehepaar in deren blutleerer Ehe fesselt.

Sophie und Otto Bentwood leiden keine Not. Sie sind beruflich gut situiert, ihre Wohnung beherbergt Interieur der besseren Art, aber der Blick nach draußen zeigt ihnen die andere Seite des Lebens, den Verfall der äußeren und inneren Zustände. Aus dem Fenster pissende Kerle, die Mülltüten werden auf der Straße geleert, Fensteröffnungen, die mit Plastikplanen mehr not als dürftig verdeckt sind. Es ist ein Viertel, das langsam aber sicher rückerobert wird von den Bessergestellten, Makler und Spekulanten haben ein Auge auf die Häuser geworfen und einige, so die Bentwoods, wohnen schon dort, Aug in Aug mit dem Feind da draußen. Denn ein Feind ist es, einer, der einfach in die Wohnung kommt und ein paar Dollar schnorrt, ein Feind sogar, der – in Figur erwähnter Katze – die Hand, die ihn füttert, beißt. Steine fliegen durch Fenster, das Ferienhaus ist verwüstet und überhaupt ist die Zeit, in der der Roman spielt, Anfang der 70er Jahre, durch den Vietnam-Krieg und den Widerstand der Jugend eine Zeit der steten Auseinandersetzung. Selbst der Kompagnon des Mannes (eines Anwalts) fügt sich nicht mehr in die alten Muster, die beiden trennen sich, da Charlie die „falschen“ Mandanten vertritt, die am unteren Ende der Skala.

Die Gespräche der Bentwoods gehen seltsam immer aneinander vorbei. Hören sie einander nicht zu? Zuneigung zueinander verspüren die beiden nicht mehr, im besten Fall wissen sie, daß sie aufeinander angewiesen sind. Die Chance zu einem Ausbruch aus der Ehe hat Sophie seinerzeit in der Affäre, die sie mit einem anderen hatte, nicht genutzt, Depressionen und Niedergeschlagenheit waren die Folge. Ihrer Tätigkeit als Übersetzerin geht sie nicht mehr nach, so hängen die beiden aufeinander und aneinander, mit wachsender aggressive Grundstimmung. In dieser endet das Buch auch, Otto schmeißt in einer plötzlichen Gefühlswallung, einem Anflug von Verzweifelung ein Tintenfass an die Wand…. umarmt Sophie ihn danach, weil sie schlimmeres verhüten will oder weil sie ihn damit zu trösten gedenkt? Es bleibt unklar, alles ist offen, alles ist möglich in dieser sich zermürbend dahin ziehenden Ehe….

Was am Ende bleibt… ein kreischendes rundes Loch, schwarze Linien, die zu Boden rinnen und zwei Menschen, die diesen zuschauen….

Facit: eine spröde, unzugängliche, für viele Interpretationen offene Beschreibung einer Gesellschaft und einer Ehe.

Paula Fox
Was am Ende bleibt
übersetzt von Sylvia Höfer
Erstveröffentlichung (USA) 1970, hier die Jubiläumsedition 50 Jahre dtv, ca. 200 S.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 206 other followers