Simon Beckett: Verwesung
April 27, 2011

Nun ja, ein Geschenk, also habe ich mir dieses neueste Werk von Beckett, dem Mann auf dem „Thron des Krimikönigs“ (Die Welt) dann doch angetan, obwohl ich seine bisherigen Romane eher mit einer gewissen Ambivalenz gesehen habe. Und so wurde ich auch hier nicht enttäuscht….
Die Story ist unheimlich… dünn. X minus 8 Jahre: Unser Held David Hunter wird zur Untersuchung einer Leiche in den Moorgebieten von Dartmoor herangezogen. Es ist offensichtlich eine junge Frau, die auf brutalst-äußererste Weise misshandelt wurde, ein Opfer eines Serienmörders, der zwar in Haft sitzt, dessen andere Opfer aber noch nicht gefunden wurden. Natürlich ist Jerome Monk ein Monster, ein Trumm von Mann mit Kraft für drei, mit seelenlosen Fischaugen etc pp… und wie so oft, ist auch Hunter wieder von Menschen, Polizisten und anderen Beamten umgeben, die mit ihm und mit denen er nicht klarkommt. Bis auf eine Ausnahme, eine weibliche….
Anyway, Monk erklärt sich bereit, bei der Suche nach den anderen Opfern zu helfen, aber die Aktion endet im Chaos, Monk flieht ins Moor und kann erst Monate später wieder gefasst werden.
Acht Jahre später… Hunter wird von einem alten Freund (?) bei der Polizei gewarnt, Monk ist ausgebrochen. Und in der gleichen Nacht wird er von : eben! angerufen und um Hilfe gebeten. Der inzwischen tragisch verwitwete zögert nicht, natürlich fährt er, der Dame zur Seite zu stehen… offensichtlich jedenfalls braucht sie Hilfe, denn Hunter findet sie zusammengeschlagen in ihrem Haus…
ok, wie bei Beckett Programm, so auch hier: nichts ist so, wie es aussieht, raider heißt jetzt twix, freunde sind feinde und feine retten einen… und zum schluss klärt sich alles so auf, wie man es irgendwie schon ziemlich früh vermutet….
und doch: trotz dieser dünnen story ist das buch spannend geschrieben, sehr gut gemachte Unterhaltung ohne Tiefgang. Es ist aber auch ein Buch, das ich trotz seines Umfangs in einem Tag gelesen habe, es stellt einfach keine höheren Ansprüche und regt auch nicht weiter zum Nachdenken an.
Facit: als Unterhaltung absolut ok, als Roman kaum erwähnenswert…. worum gings noch mal? ach ja… der jäger ist hinter dem affen her. na wird schon werden!
Simon Beckett
Verwesung
übersetzt von Andree Hesse
Wunderlich, HC, 2011, 448 S.
Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein
April 25, 2011

Hans Fallada, ein deutscher Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Manche seiner Buchtitel sind schon fast feste Begriffe im Sprachgebrauch wie: „Kleiner Mann – was nun?“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf fraß“, ob sie noch viel gelesen werden… ich wage es zu bezweifeln. Jedenfalls hat der Aufbau-Verlag Anfang des Jahres das Originalmanuskript Falladas [1] zu seinem (auf Tatsachen beruhenden Roman) „Jeder stirbt für sich allein“ herausgegeben und damit auch international einen Erfolg erzielt. Immerhin wird die NYT mit „Ein literarisches Großereignis“ zitiert, keine schlechte Werbung also.
Die Geschichte, um die sich der Roman rankt, ist einfach. Das Berliner Arbeiterehepaar Quangel [2] bekommt am Tage der Kapitulation Frankreichs (Juni 1940), einem Tag also, an dem ganz Deutschland aus freiem Willen und gesteuert durch geschickte Propaganda (vgl. z.B. diesen videoclip) in nationalen Jubel verfällt, die Nachricht, daß Ottochen, ihr Sohn, gefallen ist. Die Trauer ist groß, auch die Wut und der Zorn und die Frau schreit ihren Mann, Otto, an: „Du und dein Führer!“ Dabei sind doch beide in subalternen Organisationen der Nazis Mitglieder und stützen das System…. Otto, der Schweigsame, ist von diesem Vorwurf getroffen. Er will nicht mehr mitmachen, es gibt dieses „Du und dein Führer“ nicht, im Gegenteil, in ihm entwickelt sich ein Plan, gegen das ihm immer verhasstere Regime vorzugehen, gegen Hitler und seinen Terror zu kämpfen.
Der Plan, den er in seinen schweigsamen Tagen und Stunden entwickelt, ist einfach. Postkarten will er schreiben, auf denen die Wahrheit zu lesen ist, sie in Berlin verbreiten, in dem er sie auslegt und davon ausgeht, daß der Finder sie liest, ins Zweifeln kommt, sie weitergibt, mit Freunden diskutiert und so sein kleiner Same „Wahrheit“ sich verbreitet und die Pflanze „Widerstand“ wächst. Er muss eine Frau einweihen in seinen Plan und Anna will natürlich mitmachen, auch sie kann, nachdem ihr Ottochen gefallen ist, nicht mehr einfach zuschauen.
Geschickt verstehen sich beide derart zu verhalten, daß man sie aus ihren jeweiligen Organisationen (Arbeiterfront und Frauenschaft) hinausschmeißt. Sie kapseln sich ab, private Kontakte werden sowieso kaum gepflegt und zum Teil jetzt abrupt beendet. Zu zweit sitzen sie Sonntags zu Hause und Otto schreibt seine Karten, mehr wie zwei schafft dieser mit den Händen arbeitende Mann an einem Tag nicht mit Sätzen rührender Hilflosigkeit und Wahrheit [4] zu verfassen und auszulegen….
Um das zentrale Ehepaar Quangel herum gruppiert Fallada einen Querschnitt von Menschen, an denen er exemplarisch zeigt, wie sich im 3. Reich Menschen und System gegenseitig benutzten und stützten, wie das System gerade zu darauf angelegt war, die Schwächen der Menschen für sich auszunutzen, Habgier und Neid für sich einzuspannen.. wie aber auch Einzelne durchaus Widerstand leisteten, sich nicht einschüchtern ließen und auch persönliche Risiken eingingen. Die meisten der Falladaschen Figuren sind nicht einfach nur böse oder gut, sie haben beide Seiten in sich wie z.B. der Richter, der im Haus der Quangels ebenfalls eine Wohnung hat und eine Jüdin versteckt, der aber immer noch die Notwendigkeit der Todesurteile, die er einst ausgesprochen hat, verteidigt.
Dieses Haus, in dem die Quangels wohnen, ist einer der Plätze, an denen Falladas Roman spielt. Dort wohnen fanatische Parteigänger und haltlose Säufer, schleimige Spitzel ebenso wie eine Jüdin, Quangels eben und der schon erwähnte Richter. Besonders ambivalent ist das Frauenbild, das Fallada widergibt, oft sind die Frauen stärker als ihre Männer (nicht unbedingt besser…), sind sie keifende, hurende (aber damit das überleben sichernde) Menschen, die sich aber trotzdem ihren Männern unterordnen und die allenfalls heimlich aufzumucken wagen (weil es sonst Schläge setzt), indem sie ihren besoffenen Männern die Klamotten nach Geld oder anderem durchsuchen.
Einen großen Teil des Romans widmet Fallada dem Ehepaar Kluge. Eva Kluge ist die Zustellerin, die bei Quangels jenen verhängnisvollen Brief abgeliefert hat. Sie, Parteimitgliedin, ist vom Leben geschlagen. Ihr Mann Enno ist ein weichlicher, fauler Weiberheld, der sie betrogen und belogen hat, bis sie ihn raussetzte. Dennoch taucht er immer wieder bei ihr auf, wenn er Geld braucht oder was zu essen oder er wieder mal von einer seiner anderen Frauen rausgeworfen wurde und er ein Bett braucht. Karlemann, ihr geliebter Sohn Karlemann, schmeißt ihr Leben dann völlig um. Enno erzählt ihr – bei einer dieser elenden Streits, als er mal wieder angekrochen kam – von dem Bild, auf dem zu sehen ist, wie der SS-(Karle)mann ein jüdisches Kind von drei Jahren an den Beinen hat und…. Eva stellt den Antrag, aus der Partei auszutreten, sie hat allen Glauben an diese Menschen verloren. Und sie verläßt Berlin, flieht, auch vertrieben von den schikanösen Aktionen, die auf ihren unerhöhrten Antrag folgen, der selber ja an Hochverrat grenzt.
Enno dagegen wurstelt sich durch. Mehr seinen Trieben gehorchend als seiner Intelligenz – sofern vorhanden – baut er aber immer wieder Mist und in diesem ist er eng verbunden mit dem schmierigen Spitzel Barkhausen, der im Hinterhaus der Quangels wohnt. Beide sind für Escherich, den Gestapo-Kommissar, der für die Aufklärung der Kartenaktion der Quangels verantwortlich ist, interessant, da sie für ihn spionieren und bespitzeln sollen.
Escherich überhaupt ist eine der interessantesten Figuren des Buches. Aus dem zivilen Bereich in die Gestapo übernommen ist er ein Jäger, den nur die Jagd nach der Beute interessiert. Was danach kommt, er weiß es zwar, aber es interessiert ihn nicht weiter. Nur – da er im Falle der sehr vorsichtigen Quangels nicht als Hetzjäger arbeiten kann, sondern er sich auf die Lauer legen muss, was Zeit beansprucht, kaum vorzeigbare Erfolge bringt, wird er selbst zu einer Art Beute, auf die seine Vorgesetzten lauern. Er merkt in seiner durch langjährige Erfoge gewachsenen Arroganz zu spät, daß er selbst zum Abschuss freigegeben ist und jetzt ist es egal geworden, ob es ihn interessiert, was mit der Beute passiert, wenn sie ergriffen wurde. Er selbst ist die wehrlose Beute, jetzt bestimmen andere über ihn. Nicht jeder übersteht dies.
Otto und Anna Quangel werden schließlich gefasst, durch das Zusammenspiel von Zufall und einer Unvorsichtigkeit, auf die Escherich seit langem wartete. Müßig zu schildern, was ihnen geschah.. sie werden inhaftiert, verhört, misshandelt, vor den Volksgerichtshof [3] unter Freisler gestellt und in einer Farce von Prozess zum Tod verurteilt.
Soweit in etwa der Inhalt bzw. die Handlung des Romans, der – so Fallada – den wirklichen Geschehnissen nur in groben Zügen folgend aber trotzdem eine „innere Wahrheit“ wiedergibt [2]. Wie sieht diese nun aus, stellt sich diese dar, wenn die zugrunde liegende Handlung doch sogar in zentralen Punkten den offensichtlichen Gegebenheiten widerspricht? Keineswegs waren die echten Hampels so heroisch und in sich ruhend wie die Roman-Quangels – so verständlich und nachvollziehbar dies auch ist. Hier idealisiert der Autor sehr, setzt seinen Figuren ein Denkmal, dem sie nicht gerecht werden, das auch unnötig ist, nur zu welchem Behuf? Steckt eine erzieherische Absicht dahinter, eine ideologische oder moralische? Ich weiß es nicht, aber diese doch recht abweichende Darstellung stört mich einfach, weil sie in mir Zweifel an vielem anderen, was Fallada schildert, weckt, weil ich nicht weiß, wo im Buch die Grenze läuft zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen der Schilderung realer Verhältnisse und der Ausschmückung aus besonderem Anlass….
Fakt ist und bleibt jedoch, daß es im 3. Reich Widerstand offensichtlich auch von „kleinen Leuten“ gegen den Hitlerterror gab, naiven Widerstand, höchstgefährlich für alle, die damit zu tun hatten – oder auch nicht, denn das war einer der großen gedanklichen Fehler von Otto Quangel: mit seinen Karten setzte er nicht, wie beabsichtigt, ein Umdenken beim Finder und Leser ein, sondern er versetzte diese nur in einen heillosen Schrecken, in unmäßige Angst, denn allein das Anfassen der Karte, ja, das Hinsehen auf die am Boden liegende Karte konnte in der Logik der Terrorjustiz schon ein Schuldbeweis sein. Egal, wofür, denn praktischerweise waren die Gesetze ja so verfasst, daß (im politische Bereich) jeder a priori irgendwann einmal schuldig geworden war und die Aufgabe der Behörden ja „nur“ noch darin bestand, herauszufinden, woran….. folgerichtig (und dies der zweite, eng mit dem ersten zusammenhängende Trugschluss Quangels) landeten die allermeisten der Karten sofort und praktisch ungelesen bei der Polizei…
Ansonsten malt Fallada ein Gemälde der kleinen Leute im Berlin der anfänglichen 40er Jahre, ihrer Lebensumstände im Großdeutschen Reich, das sich nach außen hin langsam, aber sicher zu Tode siegte und das nach innen seine Herrschaft durch Einschüchterung, Denunziation, Bestechung, Gewalt und Willkür stabilisieren musste. Es gab die über Leichen gehenden Karrieristen des Regimes, die sich auf wehrlose (oft jüdische) Opfer stürzenden Trittbrettfahrer, die gewissenlosen, für ein paar Groschen jeden verratenden Spitzel, es gab die Zuträger und die, die glaubten, nur ihren Job zu machen und die dabei geflissentlich übersahen – es ihnen auch egal war -, daß sie das Regime damit stabilisierten, fütterten…. Es war eine Angstgesellschaft, die sich im wesentlichen durch den Willen definierte, nicht aufzufallen, unterzutauchen in der Menge, willfährig zu sein, um zu überleben.
Hampels waren dies nicht, wollten dies nicht mehr sein. Das zeichnet sie vor Millionen anderer aus.
Das Buch selbst: es liest sich gut und schnell, ist klar und einfach geschrieben. Eine Geschichte, die erzählt wird … am intensivsten wirkte auf mich der letzte Teil des Romans, der die Inhaftierung und den Prozess gegen die Quangels beschreibt. Die Verhöre der beiden, besonders die der Anna Q., bei deren Schilderung man erkennt, wie aussichtslos alles ist, denn ein leichtes ist es den Verhörern duch rhetorische Tricks und Wortverdrehungen Unsicherheit zu erzeugen, Pseudotatsachen zu erfinden, die Verhörten zu verwirren und in Widersprüche zu verwickeln. Jedes Nennen eines Namens, so unabsichtlich es auch erfolgte, so abstrus eine Beteiligung der Person an irgendwas auch sein mag, kommt im Grunde schon einer Verhaftung und somit auch einer Verurteilung gleich… perfide werden die beiden, der Nenner und der Genannte, dann in eine Zelle gelegt….
ach, genug geschrieben….
Facit: ein sehr anschauliches Buch über den naiven, aussichtslosen Widerstand „kleiner“ Leute gegen das Hitler-Regime
Links und Anmerkungen
[1] Almut Gieseke in seinem Nachwort zum Roman führt hier einige Beispiele an. So wird zum Beispiel die Widerstandsgruppe im Betrieb Trudels nicht mehr als kommunistisch bezeichnet, da Fallada diese als moralisch ziemlich zweifelhaft schildert. Auch die früheren Todesurteile des Gerichtsrats a.D. Fromm, der im Roman ja ein „Guter“ ist, werden vom Lektorat getilgt. Einige der Veränderungen am Manuskript werden auch deutlich, wenn man sich zum Vergleich mal die Beschreibung des 1975 nach dem Buch gedrehten Films anschaut: http://de.wikipedia.org/wiki/Jeder_stirbt_für_sich_allein_(1975)
[2] vgl. dazu z.B. den Beitrag in der ZEIT: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-04/hans-fallada-widerstand?page=all
[3] Wiki-Artikel zum Volksgerichtshof: http://de.wikipedia.org/wiki/Volksgerichtshof, die Geschichte des VGH wird auch in dieser youtube-serie dokumentiert: http://www.youtube.com/watch?v=owumojZCULg
[4] siehe z.B abgebildete Karte in [2]
Zur Rezeption des Buches in Israel: http://www.freitag.de/kultur/1124-mit-fallada-nach-europa
Hans Fallada
Jeder stirbt für sich allein
Aufbau-Verlag, HC, 2011, 704 S.
Graham Swift: Im Labyrinth der Nacht
April 23, 2011

Rein lesetechnisch war dieser April für mich ein rechter Reinfall… abgesehen davon, daß ich aus lauter Zeitmangel sowieso kaum zum Lesen gekommen bin, habe ich mir überdies auch noch zwei Bücher ausgesucht, mit denen ich – aus verschiedenen Gründen – nicht zurecht gekommen bin. Das eine, im Rahmen der Jubiläumsausgabe von dtv in Sondergewand erschienen – war mir für den Moment etwas zu spröde, so daß ich es mir für später zurückgelegt habe, das andere dagegen hat mich einfach gelangweilt. Womit ich die Überleitung bzw. Hinführung zu Swifts Buch „Im Labyrinth der Nacht“ geschafft hätte.
Worum geht es in diesem Buch? Das ist die Frage, die mich zum Kauf verleitete, mag ich doch normalerweise solche auch nur gedanklichen Ausflüge in die Herkunft und den Verlauf von menschlichen Schicksalen. Jedenfalls macht uns Swift mit Paula bekannt, die neben ihrem schlafenden Mann Mike im Bett liegt und an den morgigen Tag denkt. Der morgige Tag, von beiden lange geplant, soll die Wahrheit ans Licht der Welt holen, die Wahrheit den beiden vor einer Woche 16 Jahre alt gewordenen Zwillingen Kate und Nick gegenüber. Und so lieg Paula wach im Bett und resümiert ihr Leben, ihre Kindheit, wie sie Mike kennen und lieben gerlernt hat, die Studienjahre und die ersten Jahre im Beruf, bevor sich bei beiden dort Erfolg einstellte. Sie ruft sich ihre Ehejahre ins Gedächtnis zurück, die Kindheit ihrer Kinder….. na ja, und so fort…..
Soweit, so gut. Man kennt das ja von sich selbst, wenn man nächtens im Bett liegt und grübelt… es gibt Gedanken, die sich wiederholen, die man -zig mal denken muss, bis sie ausgedacht sind.. nur: muss man sie auch so oft niederschreiben, vllt mit einer kleinen Variation in der Wortwahl, aber ansonsten immer das gleiche? Es ist nichts wirklich aussergewöhnliches mit der jungen Paula und dem jungen Mike, sie sind dem Leben (und auch der Liebe) gegenüber aufgeschlossen, sie studieren, geniessen ihre Freiheiten und finden sich dann… ist es wirklich so problematisch, wenn ein junger Mann den Champagner, den er von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, mit drei jungen Frauen am Strand trinkt, ist das so ein Problem, ob überhaupt und wenn wie man dies dem Vater beichten soll, wie es ihm beibringen? … Ungefähr an dieser Stelle, an diesem Zeitpunkt in Paulas Nacht, habe ich das Interesse daran verloren, zu erfahren, worum es wirklich geht in diesem Buch, wie das große Geheimnis, das den Mann Mike (im Gegensatz zur offensichtlich aufgeregten Paula wohl mit besseren Nerven ausgestattet, denn er wird ja nach Klappentext das „Ungeheuerliche“ im Leben der Familie offenbaren und er ruht trotzdem….) nicht am Schlafen zu hindern scheint, lautet. Nachdem ich vorher dem Buch immer noch eine Chance gegeben habe, mich in Bann zu schlagen, war es nach dieser unbedeutenden, so hohl aufgebauschten Frage für mich vorbei: Paula hätte besser auch geschlafen…
Facit: Wenn das „Graham Swift … at his best“ (Times Litarary Supplement, lt. Klappentext) möchte ich die anderen Sachen von ihm gar nicht erst kennenlernen…. dieser Roman jedenfalls hat mich einfach nur gelangweilt. Aber vllt waren diese von mir gelesenen ersten 90 Seiten ja auch nur der lange Anlauf zu einem fulminanten Ende. Ich werde es wohl nicht mehr erfahren….
Graham Swift
Im Labyrinth der Nacht
dtv, 2011, 320 S.
Anja Jonuleit: Herbstvergessene
April 5, 2011

Eine Geschichte aus dunklen Zeiten, die sich hier langsam vor dem Leser ausbreitet, indem er immer tiefer in das Schicksal und die Geschichte der drei tragenden Frauen des Buches, Charlotte, Lilli und Maja eindringt.
Das Verhältnis von Maja zu ihrer Mutter Lilli ist nicht von Nähe geprägt und Verständnis. Rituelle Karten zu Feiertagen sind im letzten Jahrzehnt an die Stelle von Gesprächen und Besuchen getreten, im Grunde weiß Maja kaum etwas von ihrer Mutter, deren Ansprüchen sie nie genügen konnte und aus deren Einfluss sie sich befreite, um den Preis der Entfremdung.
Von dieser ihr fremd gewordenen Mutter erhält sie eines Tages einen Anruf mit der dringenden Bitte um ein Gespräch, etwas wichtiges sei zu sagen und zu zeigen. Und so reist Maja ein paar Tage später nach Wien, dem Wohnort ihrer Mutter, aber sie kommt zu spät. Ihre Mutter ist am Tag zuvor vom Balkon gefallen und tot. Ist es ein Unfall oder ein Suizid? Es ist nicht klar, aber die Polizei geht vom Suizid aus, denn Lilli war schwer krebskrank, ein Motiv – wenngleich kein Abschiedsbrief – wäre also vorhanden….
Maja ist geschockt, erschüttert, Schuldgefühle machen sich in ihr breit. Und die Frage, was ihre Mutter ihr unbedingt noch hatte sagen wollen. Sie erinnert sich an ihr Leben, an ihr Verhältnis zu ihrer Mutter, das nie herzlich war, im Gegensatz zu dem zu ihrer Oma Charlotte, bei der sie viel Zeit verbrachte und die Zuneigung fand, die sie von ihrer Mutter gebraucht hätte. Und spätestens mit ihrer Entscheidung, Innendekorateurin zu werden anstatt Dolmetscherin wie ihre Mutter, die darüber sehr enttäuscht war, war die Entfremdung der beiden Frauen nicht mehr zu überspielen.
Da es keine weiteren Verwandten mehr gibt, ist Maja sowohl Erbin des anscheinend nicht unbeträchtlichen Vermögens der Mutter, sie muss sich aber natürlich auch um den Nachlass der Mutter kümmern. Nach ein paar Tagen findet sie die Kraft, die Wohnung ihrer Mutter zu betreten und die alten Unterlagen zu sichten. Sie findet die Wände geschmückt mit ihren eigenen krakeligen Kinderzeichnungen, die rituell ausgetauschten Postkarten, bei ihr selbst sofort ins Altpapier gewandert, sind fein säuberlich aufgehoben…. das Bild, das sie von ihrer Mutter hat, bekommt Risse…. und sie findet Fotos ihrer Großmutter mit einem dunkelhaarigen, dunkeläugigen Baby auf dem Arm. Ein weiteres Foto, der Beschriftung nach nur wenig später aufgenommen zeigt Charlotte, diese schöne junge Frau, dagegen mit einem hellen, blonden Kind… Wie passt das zusammen, welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesen Bildern??
Jonuleit arbeitet mit zwei verschiedenen, parallel laufenden Erzählperspektiven. Da ist zum einen Maja und ihre Geschichte, denn diese Bilder lassen ihr keine Ruhe ebensowenig wie die Frage, wie ihre Mutter nun wirklich zu Tode gekommen ist. Und so sucht sie weiter nach Hinweisen, geht diesen nach und peu a peu lüftet sie den Schleier über ihre eigene Herkunft immer mehr….
Parallel dazu läßt Jonuleit Charlotte zu Wort kommen, die – wie Maja dann im Lauf ihrer Suche auch erfährt – ihre Erlebnisse aufgeschrieben hat. Diese Geschichte setzt im 2. Weltkrieg ein in einer ostpreussischen Familie. Es ist die Geschichte einer verbotenen Liebe, es ist die Geschichte einer Liebe, die nicht folgenlos blieb, die die junge Charlotte zur Flucht zwang unter die „Obhut“ der Lebensborn e.V. [1]. Und so kam das junge Mädchen aus Ostpreussen in die Nähe von Bremen [2] in ein Heim, wo sie mit anderen jungen Frauen, die in anderen Umständen waren (früher gab es dafür den Terminus „gefallene Mädchen“) zusammenlebte.
Der Lebensborn e.V. war eine SS-Organisation mit dem Ziel, das in ihrem Sinn hochwertige, in den jungen Frauen heranreifende Leben zu erhalten und für sich nutzbar zu machen. Uneheliche Kinder hatten seinerzeit in der bürgerlichen Gesellschaft einen schlechten Stand (der sich erst lange nach dem Krieg zumindest in der Rechtsprechung der BRD verbesserte) [vgl. 4] oder (wie es eine der Frauen ausdrückte): „Wenn mein Vater das erfahren hätte, hätte er mich mit dem Knüppel durch den Ort getrieben, bis das Balg unten herausgefallen wäre….“ In den Lebensbornheimen dagegen waren die jungen Frauen eine Art umsorgte und gepflegte „Königinnen“, als rundherum schon die Städte brannten, gab es hier noch gutes Essen und Sicherheit…. des Teufels verführerisches Lächeln sozusagen….
Um es kurz zu machen: in dieser Lebensborn-Anstalt bei Bremen liegt der Schlüssel zur Familiengeschichte der Sternbergs, von Charlotte, Lilly und Maja. Nur – und das merkt Maja im Lauf ihrer Nachforschungen – auch andere haben ein Interesse an dieser Geschichte, und zwar offensichtlich ein anderes, nämlich, daß sie nicht aufgedeckt wird, das sie unbekannt bleibt. Und so bringt die Autorin zu guter Letzt noch einen gehörigen Schuss Suspense mit in ihre story, das unbestimmte Gefühl der Verfolgtwerdens, aufgedrehte Gashähne und in einer Art Showdown wird es dann am Ende ganz knapp. Hier setzt mein einziger kleiner Kritikpunkt ein, denn die Auflösung dieses Showdowns wirkt irgendwie gehudelt, einfach runtergeschrieben, weil es sein muss und noch anderthalb Seiten Platz waren….
Majas bisheriges Leben jedenfalls erweist sich als Illusion, es bricht in sich zusammen, weil letztendlich nichts in ihrer Geschichte so ist, wie es 40 Jahre lang für sie aussah. Dies greift auch auf ihre persönlichen Beziehungen über, die bestehende gerät in eine Krise und eine neue bleibt in ihrer Krise, denn natürlich webt die Autorin auch eine Liebesgeschichte mit in ihre Werk ein….
Facit: Summa summarum handelt es sich bei der „Herbstvergessene“n („Das ist aber ein Frauenroman, na ja, sie sind ja ein besonderer Leser…“ O-Ton meiner Buchhändlerin) um eine spannenden, einfühlsamen Familientragödie, die in einen Aspekt des 3. Reiches eingebunden ist, der manchen vllt noch garnicht so bekannt ist.
Links und Anmerkungen:
[1] Der Lebensborn e.V.: Wiki-Artikel
[2] Das Herrenhaus Hohehorst bei Bremen: Artikel in der Wiki
[3] einführende Worte der Autorin zu ihrem Buch: youtube-clip
[4] zur rechtlichen Stellung unehelicher Kinder und deren Mütter (Väter) um 1900 und der lange Weg zu heutigen Verhältnissen….
[o.Nr.] eine kleine Bildersammlung
dto.: die Kinderraubmaschine
Anja Jonuleit
Herbstvergessene
dtv 2010, 432 S.
Ulrich Steen: Mitfühlende Worte für Trauernde
April 3, 2011

Wie heißt es so treffend… aus gegebenem Anlass….
Wenn ich Trauernden persönlich begegne, habe ich normalerweise wenig Probleme, die „richtigen“ Worte zu finden. Ein „Wie geht es dir/Ihnen?“ (nicht ein „Wie geht´s dir?“, diese Wortzusammenziehung macht den Satz fast immer zur Floskel, auf die man eigentlich keine Antwort will…) in Verbindung mit der entsprechenden Körpersprache signalisiert, daß man Zeit hat, zuzuhören, daß ich bereit bin, mich auf die Antwort einzulassen. Und wenn die ersten Sätze gewechselt sind, ergibt sich das übrige von selbst…
Nur, wenn ich vor einer Karte sitze, in der ich mein Beileid aussprechen soll, da fällt mir partout nie was ein. Was mach ich also? An den Bücherschrank gehen und mir Rat holen, z.B. in diesem kleinen Ratgeber von Steen, der Formulierungsvorschläge macht für die unterschiedlichsten Situationen. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob man zum Tod eines entfernt Bekannten kondoliert oder zu dem eines guten Freundes, ob ein religiös geprägter Text angebracht ist oder ein z.B. ein Gedicht. Ist es ein Unfalltod oder einer nach einer langen Krankheit… tröstende Worte sollten das berücksichtigen. Manchmal denkt man (eigene Erfahrung….), das es eigentlich egal ist, was man schreibt, also „Augen zu und durch“, aber das ist nicht so. Wie oft hört man nach einer Beerdigung von den Angehörigen, wie einem die Worte in dieser oder jener Karte geholfen haben, gut getan haben… das überrascht mich auch immer wieder (und impft mir ein schlechtes Gewissen ein, da ich – wie gesagt – an dieser Aufggabe auch wiederholt gescheitert bin). So sind die Textvorschläge und Formulierungshilfen in diesem Büchlein als gute Anregungen für die Formulierung eigener Gefühle zu nehmen, wenn man sie nicht sogar einfach übernehmen kann….
Ganz praktische Ratschläge befassen sich auch mit der äußeren Form von Beileidsschreiben, u,a, allem auch, was man vermeiden sollte, um den „guten Eindruck“ nicht zu zerstören. Ein Kondolenzschreiben, das durch die firmeneigene Frankiermaschine gelaufen ist, ist eben einfach unpassend….
Mehr muss man eigentlich zu diesem kleinen Ratgeber nicht sagen, der gerade in Situationen, in denen man oft selbst unsicher ist und einem die Worte fehlen, gut helfen kann.
Facit: wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig gut ausgedrücktes „Mit-Fühlen“ für den Trauernden ist, sind die Euronen für diesen Ratgeber gut angelegtes Geld.
Ulrich Steen
Mitfühlende Worte für Trauernde
Urania Verlag, 2008, 96 S.





