Der Text entstand als Festvortrag zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der Mailänder Stadtbibliothek im Palazzo Sormani am 10. Mai 1981.

Eco beginnt seinen Text mit einem Zitat aus Borges bekannter Bibliothek von Babel [1] in – wie er sich ausdrückt – liturgischer Absicht, zur Einstimmung des Geistes.

Diese Bibliothek ist aufgebaut aus einer unendlichen Anzahl in alle Richtungen ineinander übergehender sechseckiger Räume, von denen jeweils vier Wände mit Regalen bestückt sind, je Wand sind fünf Büchergestelle angebracht und jedes Gestell umfaßt zweiunddreißig Bücher von gleichem Format; jedes Buch besteht aus einhundertundzehn Seiten, jede Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus achtzig Buchstaben von schwarzer Farbe. Verwendet werden 25 Zeichen, 22 Buchstaben, Punkt, Komma und Abstand, die Bibliothek enthält keine Bücher identischen Inhalts. Diese sich quasie ins Unendliche erstreckende Bibliothek ist dem Universum gleich, da sie alle möglichen Kombinationen der Zeichen enthält, von denen fast alle für einen Lesern keinen Sinn ergäben. Nur sehr selten werden Bücher gefunden, die lesbare Zeichenketten zu enhalten scheinen, mit viel Mühe konnte so in einem der Bücher eine Zeichenkette entdeckt werden, die in einem samojedisch-litauischen Dialekt des Guarani mit einem Einschlag von klassischem Arabisch geschrieben war, anhand dieses Fundes konnte das Aufbauprinzip der Bibliothek abgeleitet werden. Diese Bibliothek mit ihrer riesigen, wenngleich im strengen mathematischen Sinn nicht unendlichen Anzahl von Büchern enthält alle Texte, die je geschrieben wurden, alle Texte, die überhaupt [2] je geschrieben werden können.

Eine derart aufgebaute Bibliothek enthält das gesamte Wissen der Welt und nicht nur das, sie enthielte das gesamte Wissbare der Welt. Es gäbe kein Wissen, daß nicht in ihr niedergeschrieben wäre, denn alles Denkbare wird in einer Sprache gedacht und Sprache ist schreibbar. Jedes denkbare Problem ist in dieser Bibliothek beschrieben, so wie jede Lösung eines Problems, die gesucht wird… allein… wie findet man diese Information? [3][4][5]

… und damit finde ich auch wieder die Überleitung zum Eco´schen Text, denn dieser Punkt, die möglichst perfekt organisierte Nichtauffindbarkeit von Bücher gehört zu seinem Idealmodell einer (fiktiven) Negativbibliothek, einer Bibliothek also, die den Sinn und Zweck, Bücher zu sammeln, zu katalogisieren und dem Leser für seine Zwecke zur Verfügung zu stellen, auf´s trefflichste nicht erfüllt. Anhand dieser Kriterien, insgesamt sind es 19, die Eco aufführt, wird sofort deutlich, was Eco von einer Bibliothek erwartet, was er von ihr fordert, nämlich auch um den Preis möglichen Missbrauchs die maximale Zugänglichkeit nicht nur zu Katalogen, sondern auch zu den Büchern (ohne stöbern in Regalen sind keine Zufallsfunde möglich, hätte ich in meiner eigenen Bücherwand auch dieses schmale Heftchen nicht gefunden, schließlich suchte ich etwas völlig anderes…), eine sinnvolle Katalogisierung der Werke, die vor allem auch Querverweise von einzelnen Stichworten in andere Sachgebiete ermöglicht etc pp.

Der Missbrauch solcher Freiheiten: nun ja, es wird geklaut werden, das ist eben so und sollte nach Eco eben in Kauf genommen werden. Das ist der Preis, den eine Bibliothek für ihre Zugänglichkeit, die allemal höher einzuschätzen ist, zu zahlen hat. Es wird kopiert werden auf Teufel komm raus mit Rückwirkungen auch auf die Verlagskultur an sich, deren Auflagen von Büchern dadurch sinken wird mit der Folge, daß wiederum die Preise der Bücher steigen werden…. etc pp.

Eco schrieb seinen Text ja lange bevor das Internet mit seinen Möglichkeiten über die Welt hereinbrach und die von ihm befürchtete bzw. prognostizierte Xerozivilisation, die alles kopierbare kopiert, ins fast unendliche potenziert. Copy (and paste) sind heute selbstverständlich geworden (aber nicht unbedingt legaler oder legitimer), beeinflussen indirekt sogar die große Politik, der gutte Herr von und zu kann es bestätigen…. Angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten erscheinen einem die Ratschläge Ecos, sich mit einem Berg von Münzen an den Kopierer zu stellen und zu kopieren, was das Zeug hält (Eco ist keineswegs ein Verteidiger des Urheberschutzes…) wie ein Rückblick in eine vergangene Zeit, ein mechanisches Weltalter….

Sind google (oder bing oder… oder…) die Kataloge einer Universalbibliothek, ist google.books gar der Anfang einer solchen Bibliothek mit der Aussicht auf freien Zugang für nahezu jeden? Es ist jedenfalls keine Bibliothek im Borges´schen Sinn, aber eine, die in ihrem definierten Ziel das schon geschriebene, also eine kleine, klitzekleine Teilmenge, erfasst und bereitstellt….

Eco fordert, daß die reale Bibliothek eine dem Menschen gerechte sein soll, eine Bibliothek, in der der Leser Bücher in die Hand nehmen kann und sie lesen kann, vor Ort, in der Cafeteria, wo immer er will. Eine große Bibliothek soll Lust spenden, sie soll sich langsam in eine „Freizeitmaschine“ verwandeln, sie soll zentral gelegen, für jedermann zugänglich sein unabhängig von irgendeinem vermeintlichen Kriterium. Eine Bibliothek soll ein Ort sein, um sich wohlzufühlen und so ihr das gelingt, wird sie damit jedes elektronische Gedächtnis überragen.

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[1] Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel
[2] ich denke, die Einschränkung auf „Texte“ anstatt „Bücher“ ist notwendig, da die Bücher der Bibliothek ja in ihrem Umfang festgelegt sind, es aber natürlich Bücher gibt (geben wird), die als Bücher kleiner sind (oder größer), so daß die Texte entweder von nichtsaussagenden Zeichenketten ergänzt werden oder sich auf mehrere Bücher (die nicht notwendigerweise nebeneinanderstehen) verteilen….
[3] ein Problem, das die Biologen/Mediziner, die versuchen, DNA zu analysieren und zu entziffern, sehr wohl kennen….
[4] Als ich diese Einleitung Ecos las und mir den Text von Borges heraussuchte, wurde ich unwillkürlich an viele Bibliotheken erinnert, die in diversen Romanen beschrieben werden. Sei es nun die große Bibliothek mit dem blinden Bibliothekar Jorge aus dem „Namen der Rose“, sei es der „Friedhof der vergessenen Bücher“ bei Zafon oder der „Brunnen der Manuskripte“, den Fforde geschaffen hat….. überall ist die Verwandtschaft mit der Bibliothek von Babel erkennbar…
[5] in etwas anderer Formulierung taucht diese Frage als eine Art Pseudoargument bei Anhängern des Kreationismus auf, die sagen, die Wahrscheinlichkeit, daß ein geordnetes Universum so wie unseres durch Zufall entstehen kann sei genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, daß ein Affe, den man an eine Schreibmaschine setzt, einen lesbaren Roman schreibt….

Umberto Eco
Die Bibliothek
übersetzt von Burkhart Kroeber
illustriert von Jules Chevrier
Hanser, 1987, brosch., 39 S.

Luz, die junge Frau aus Argentinien, landet mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Madrid. Dort ruft sie voll banger Erwartung Carlos Squirru an, dessen Namen sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat. Sie kennen sich nicht, und doch ist Luz seit vielen Jahren auf der Suche nach ihm. Die beiden vereinbaren ein Treffen, auf dem Luz ihre Geschichte, die auch die von Carlos ist, erzählt.

Angefangen hat alles 1976. Im März diesen Jahres wurde Isabel Peron aus dem Präsidentenamt geputscht und die Regierung durch eine Militärjunta unter General Vidal gestellt (zur neueren Geschichte Argentiniens siehe zum Beispiel in der Wiki). Auch diese Junta machte keine Ausnahme, sondern agierte mit staatlichem Terror gegen jeden echten und angenommen Feind. Viele Tausende Menschen verschwanden in Gefängnissen, Lagern, wurden verschleppt, gefoltert, getötet. Und verschleppt man nun eine „ausreichend“ große Zahl von Frauen, so wird man immer Frauen darunter haben, die schwanger sind – wenn diese Schwangerschaft nicht sogar erst durch Vergewaltigung durch die Folterknechte hervorgerufen wurde.

Luz ist eins dieser Kinder, die von einer Verschleppten geboren wurde und die sich dann ein Militär unter den Nagel gerissen hat. Es war eine komplizierte Geschichte, denn eigentlich hatte sich einer der direkten, subalternen Folterknechte Lilianas Kind reserviert, für seine Geliebte Miriam, die nach einer missglückten Abtreibung kein Kind mehr bekommen konnte. Aber dieser an sich so einfache Plan von La Bestia, so der „Kampfname“ des Folterers, der Liliana – dies das einzig Gute an der Sache – des Kindes wegen weitgehend schützte und sie vor psychischer Folter bewahrte – ging schief, das Kind kam in eine andere Familie, zu der Tochter eines höherrangigen Militärs. Aufgrund verschiedener Umstände musste La Bestia Liliana und ihr Kind für einige Tage in der Wohnung, in der er mit Miriam wohnte, unterbringen. Obwohl strengstens untersagt, die beiden Frauen in diesen so absolut unterschiedlichen Lebenssituationen freunden sich an, Lilis wegen, des süßen, kleinen Mädchens, das beide abgöttisch lieben. Sie machen Pläne, wie Lili zu retten sei, sie riskieren viel, nein alles.. und es misslingt. Lili kommt, wie vorgesehen, in die Tochterfamilie des hochrangigen Militärs.

Der zweite Teil spielt einige Jahre später. Luz ist inzwischen 7 Jahre alt, das Militärregime wurde durch ein demokratisch gewähltes Parlament unter Präsident Alfonsin abgelöst. Langsam trauen sich Menschen, nach den vielen zu fragen, die nicht mehr da sind, die bei Nacht und Nebel geholt worden waren und von denen viele spurlos verschwanden. Auch das Gerücht, daß sich ausgewählte Familien Neugeborene von Verschleppten holten und als eigene Kinder aufziehen, geht um. Die Organisation der „Großmütter der Plaza de Mayo“ rüttelet mit öffentlichen Proteste die Menschen auf und organisiert die Suche nach Kindern, in dem sie z.B. eine Gendatenbank möglicher Verwandter aufbauen.

Auch in der Familie Itrube gärt es. Eduardo, der „Vater“ von Luz trifft eine Jugendfreundin wieder, in deren Familie Verschleppungen vorgekommen sind. Dadurch wird auch bei ihm die Erinnerung an die Herkunft von Luz wieder wach – und die Gewissensbisse, die er damals gehabt hat. Er liebt Luz, dieses geraubte Mädchen, aber er fängt trotzdem an, nach Spuren zu suchen, im erbitterten Streit mit seiner Frau, die von all dem nichts wahrhaben will, selbst nachdem sie in das Geheimnis von Luz eingeweiht worden ist. Schließlich trifft er auf Miriam, welche seinerzeit fliehen konnte und die jetzt, nach dem Ende der Repression ihr einst Liliana gegebenes Versprechen einlösen will. Aber noch hat Eduardos Schwiegervater viel Macht, sind klandestinen Strukturen der Sonderheinheiten des Militärs vorhanden.

1995 schließlich, im letzten Teil des Romans, ist Luz eine junge Frau, die noch zu Hause lebt, aber im steten Streit ist mit ihrer Mutter. Der geliebte Vater Eduardo ist tot, ebenso der Großvater. Luz liebt das Leben, das Singen, das Tanzen und beim Tanzen lernt sie den ein paar Jahre älteren Ramiro kennen, ja, nennen wir es Liebe auf den ersten Blick. Wie in so vielen argentinischen Familien hat es auch in seiner Verhaftungen gegeben, seinen Vater hat er als kleiner Junge verloren. Durch diesen engen Kontakt bekommt das diffuse Unwohlsein, die nicht erklärbare Unruhe in Luz ein Ziel, auf das sie hinstrebt: all das, was nicht zusammenpasst in ihrem Leben, was für sich genommen, nichts bedeutet, aber im Zusammenhang mit der Geschichte der letzten Jahre in Argentinien alles bedeuten könnte, aufzuklären: Wer bin ich, sind Mariana und Eduardo meine wirklichen Eltern, und wenn nicht, wer ist meine Mutter?

Ein nicht in diesem (2002 erstveröffentlichtem) Buch enthaltener vierter Teil könnte in diesen Tagen spielen. Manchmal, nein, oft, mahlen die Mühlen der Gerechtigkeit langsam, sehr langsam. Zu langsam für viele Opfer, als daß man ihnen Genugtuung oder Gerechtigkeit zugute kommen lassen könnte, es dauert zu lange, so daß viele Täter einer Strafe entkommen können. So auch in bei diesen Verbrechen des Kindesraubes, dem sich Osorio in ihrem Roman annahm.

Der Prozess gegen die ehemaligen Junta Videla und Bignone hat vor ein paar Tagen in Buenos Aires begonnen. Endlich.

Diese ihre Geschichte erzählt Luz ihrem Vater, sie hat ihr Ziel erreicht, sie weiß, wer sie ist und wo sie herkommt. Es ist eine lange Geschichte, unterbrochen von Einwürfen, Erläuterungen und auch von Fragen, die Carlos hat. Die Erzählperspektive wechselt oft zwischen Luz und der der Person, deren Rolle gerade beschrieben wird. Dadurch gewinnt die Geschichte an Leben und an Authentizität. Der erste Teil des Romans bis zur Flucht der beiden Frauen mit dem Kind ist dramatisch, die beiden anderen Teile wirken zum Teil etwas langatmig. Osorio legt sehr viel Wert darauf, die widersprüchlichen Gefühle, die Motivationen ihrer Personen darzulegen, die Zweifel auch und die Unschlüssigkeiten. Andererseits ist dies zwar ein Roman, aber trotzdem keine Fiktion. Osorio arbeitet ja reale Geschehnisse auf bei denen jahrelanges Schweigen durchbrochen werden musste, Ängste mussten überwunden, innere Verdrängungsprozesse aufgelöst werden. Dies braucht seine Zeit, es tauchen eben immer wieder ähnliche Gedankengänge auf, ähnliche Zweifel, die hindern, Ängste, die zurückschrecken lassen. Insofern ist die Langatmigkeit der Handlung auch ein äußeres Zeichen für die langwierige Aufarbeitung solcher Aufklärungsprozesse, wie sie nach dem Ende von Diktaturen in Gang kommen – sofern sie überhaupt in Gang kommen….

Osorio vermeidet ein stupides schwarz-weiß in ihrer Geschichte. Natürlich ist La Bestia eine Bestie und Alfonso ein Schreibtischtäter. Aber eben nicht nur, es sind auch ganz normale Menschen, die sich nach Liebe sehnen, nach Familie, nach Gefühlen…. Es ist eben genau das das Erschreckende: unter den „geeigneten“ Randbedingungen können ansonsten ganz normale Menschen ohne Gewissensbisse, in der festen Überzeugung, etwas Gutes zu tun, unmenschlich werden und dabei jedes Maß verlieren, zumindest in der 8-Stundenschicht ihres Dienstes. Zu Hause nehmen sie dann ihre Kinder wieder auf den Arm, drücken sie an sich und küssen sie zur Begrüßung…..

Eduardo und Carlos, die „beiden“ Väter…. während der falsche -spät aber immerhin – vieles, alles riskiert, um die Wahrheit, die er ihrer Gänze auch nicht kannte, aufzuklären, gab sich der echte mit der bloßen Auskunft zufrieden, seine geliebte Kameradin, die ein Kind von ihm erwartete, sei tot. Nie hat er dies angezweifelt und nach diesem Kind gesucht. Auch dies eine Wahrheit: viele der Opfer schwiegen, wollten nicht erinnert werden, hatten Angst, die ganze Wahrheit zu erfahren, wollten nur noch ihre Ruhe haben und einfach leben….. auch wenn es falsch ist, wer wollte dies verurteilen?

Facit: ein bewegendes Stück personalisierter Geschichte aus der jüngerern Vergangenheit Argentiniens.

Noch ein paar Anmerkungen zu diesem Thema:

Hier im Blog habe ich vor einiger Zeit das Buch: Verschwunden von Gustavo Germano und anderen vorgestellt, das sich auch den Vorgängen während der Juntazeit in Argentinien widmet

Daß Kinderraub in Diktaturen keine Ausnahme ist, zeigt dieser Bericht über
Spanien

zur facebook-Seite über dieses Buch

ein Kulturweltspiegel über den Kinderraub in Argentinien (2000) via youtube

Elsa Osorio
Mein Name ist Luz
übersetzt von Christiane Barckhausen-Canale
diverse Ausgaben als TB, Originalausgabe 2002, Barcelona

Kultur und Ästhetik des (feudalen) Japan haben Achim Wiese und Wolf Erben schon in der Schulzeit angetan, ein erster Versuch, ein japanisches Restaurant zu besuchen schlägt 1984 aber wegen unzureichender Finanzkraft fehl.

Ein paar Jahre später entdeckt der (mittlerweile unter anderem) Gelegenheitsschauspieler, -koch, und -gärtner Achim bei einer seiner Wanderung in den Wäldern rechts und links des Rheines ein Ausflugslokal mitten im Wald. Urdeutsche Gemütlichkeit ausstrahlend weist jedoch das Schild „Mitsukos Restaurant“ auf japanische Küche hin, die dort zubereitet wird und voller Neugier betritt Achim das Lokal. Sofort ist er von der Köchin Mitsuko fasziniert und sein in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getretenes Interesse für Japan wird wieder wach. „Mitsukos Restaurant“ wird in den nächsten Jahren sein Stammlokal und sogar mehr, voller Entscheidungsschwäche und Entschlusslosigkeit umwirbt er die exotische und geheimnisvolle Japanerin. Er will sie mit seinem Interesse für Japan beeindrucken, insbesondere Teezeremonie und Töpferkunst haben es ihm angetan, was dieser aber nicht sonderlich zu imponieren scheint.

Mitsuko, die Köchin, entstammt einer alten, vornehmen japanischen Familie. Mit dieser hat sie gebrochen, da sie sich den gesellschaftlichen Konventionen, die für eine Frau in dieser Schicht in Japan gelten, für sich nicht akzeptierte. Ihr Traum ist kochen und dies in ihrem eigenen Restaurant. Auf einer Europareise der Familie setzt sie sich ab und landet nach einigen Jahren und einigen Sackgassen, in die sie das Leben führte, in diesem Ausflugslokal, das sie zusammen mit ihrem neuen Partner Eugen führt.

Auch Wolf, mit dem Achim wieder Kontakt aufnimmt, der die letzten Jahre ebenso eingeschlafen war wie seine Japanophilie besucht das Lokal des öfteren, meist in Begleitung älterer Japaner. Er, der mittlerweile ein bekannter Schönheitschirurg ist, hübscht offiziell die Begleitungen der Herren auf, das gesamte Auftreten der Gruppe und Gerüchte lassen jedoch vermuten, daß mehr dahinter steckt…

Soweit der grobe Handlungsfaden, der in etwa wiedergibt, worum es in diesem Buch geht.

Man könnte den Inhalt auch so wiedergeben:

Eine Japanerin, der Geheimnisvolligkeit im wesentlichen darin besteht, daß man wenig von ihr erfährt, verfolgt den Traum, ein eigenes Lokal zu führen und gerät dabei immer an die falschen Männer. Z.B. auch an einen entschlussschwachen, schon als Schüler für Japan schwärmenden Achim, der einfach nur die Zeit verstreichen läßt, anstatt eine Chance zu suchen, solange sie da ist und nicht erst, nachdem der Zauber sich verflüchtigte. Und dann ist da noch Wolf, der schon in jungen Jahren so gut und bekannt zu sein scheint, daß sich die vornehmen, geheimnisvollen japanischen Besucher in seine Obhut begeben……

Das alles relativ langatmig ausgeführt, mit weiteren Figuren aus dem Kosmus deutscher Biederlichkeit und Stammtischseeligkeit angereichert und in die Breite gewalzt macht den Umfang des Romans aus, der mich, nachdem ich ihn dann doch beendete, unbefriedigt zurückgelassen hat…. Was wollte mir der Autor mit seinen Worten sagen? Wollte er die Unvereinbarkeit der Kulturen, der kulturellen Begegnung darstellen? Oder wollte er mit seinen Ausführungen zu manchen japanischen Themen ein Interesse für dieses Land und seine Kultur beim Leser wecken? Wollte er ausmalen, wie man sich durch die Konzentration auf vermeintliche Lebensinhalte von seinem eigenen, eigentlichen Leben ablenken kann…. ich weiß es nicht… ich weiß nur, daß ich gegen Ende des Romans froh war, es geschafft zu haben, weil ich merkte, daß ich anfing, kleinkariert zu werden, was ich immer tue, wenn ich unzufrieden bin… wie z.B. kann ein sich seit Jahren mit Japan befassender Mensch, der zu einer Teezeremonie eingeladen wird, offensichtlich überrascht davon sein, die Schuhe vor dem Betreten der Tatami ausziehen zu müssen (wäre er darauf vorbereitet gewesen, bräuchte er kaum Sorge wegen seiner möglicherweise „stinkenden Füße“ zu haben)? Ist es glaubhaft, daß ein kaum 30jähriger als Schönheitschirug schon so ein Renommée haben kann, daß….?

Eine schöne Idee ist es dagegen, die einzelnen Abschnitte des Buches durch eine Geschichte aus dem alten, feudalen Japan voneinander zu trennen, die Peters, zumindest an dem Klischee, das wir von dieser Zeit haben, gemessen, interessanter und farbiger gelungen ist, als der Hauptteil des Romans. Das diese Geschichte mit der Haupthandlung in einem Zusammenhang steht, liegt natürlich auf der Hand, aber dies tut ihrem Reiz keinen Abbruch….

Facit: „Grandios gelungen“, so wird die FAZ auf dem Cover zitiert. Vielleicht sind hier aber auch nur die Druckfahnen irgendwie durcheinander gekommen und auf irgendeinem Roman, der es verdiente, steht jetzt: „kann man lesen, muss man aber nicht“….

Christoph Peters
Mitsukos Restaurant
btb, Tb, 2011, 418 S.

August Geiger stammt aus einer kleinbäuerlichen Familie. Er hat den Krieg überlebt, nach dem Krieg geheiratet, Kinder bekommen, ein Haus gebaut, gearbeitet.. ein halbwegs normales Leben also, ein Lebenslauf, den man so oder so ähnlich unzählige Male antreffen wird. Von der Frau ist er geschieden, die Lebensentwürfe waren nicht mehr kompatibel, die Gegensätze in den Wünschen an das Leben nicht mehr überbrückbar. Im Alter wird der seit jeher dem eigenbrötlerischen zuneigende August Geiger vergesslich. Das ist nicht schön, zuweilen seltsam, aber die Kinder argwöhnen nichts, bis es irgendwann nicht mehr zu verdrängen war: der Vater war dement geworden.

In diesem Büchlein unternimmt der Sohn Arno Geiger, ein Schriftsteller, den Versuch, sich seinem dementen Vater wieder zu nähern, ihm und seinem neuen Leben gerecht zu werden. Es ist ein sehr behutsamer, rücksichtsvoller Blick auf den Vater, geprägt von großem Respekt und von einer neu wachsenden Beziehung, die die alte Vater-Sohn Beziehung, die nicht ohne Probleme war, ablöst. Es ist die Beschreibung einer Annäherung des Sohnes an seinen Vater, der in eine andere Welt verzogen ist, die nur noch über wenige Brücken gemein ist mit der Welt, in der wir übrigen leben.

Arno Geiger erinnert sich zurück an seine Kindheit, den Vater, einen stattlichen, charmanten Mann, der aber zeitlebens seine Kriegserlebnisse nicht richtig verwunden hat. Der Krieg hatte ihn aus der Geborgenheit seiner Familie gerissen und nahe heran geführt an den Tod. Kaum schafft er es wieder nach Hause zurückzukehren, will er, dort angekommen, nie wieder weg. Das Zuhause wird seine Welt, eng eingegrenzt auf sein Haus und die Umgebung. Noch nicht einmal bei seiner Hochzeit ist er zu bewegen, einen Spaziergang durch den Wald zu machen…..

Es ist anstrengend geworden mit dem alten August Geiger, seine Vergesslichkeit, seine neu in Erscheinung tretenden Sonderlichkeiten. Das naheliegende verdrängt man, daß der Vater dement geworden sein könnte. Das vieles nur Ausdruck ist einer Krankheit, der er anheim gefallen ist, man erkennt, akzeptiert es erst spät. Mit der neuen Situation muss man umzugehen lernen, Fragen nach konkretem, nach Daten und sei es nur das Alter des Vaters, bringen jenen in Verlegenheit, er weiß es nicht mehr, ist orientierungslos geworden in der Welt, in der das eine Rolle spielt. Es ist ihm unangenehm, er weicht aus, überspielt solche Situationen, verhält sich unverfänglich, so daß auf den ersten Blick seine Reaktion gar vernünftig und normal scheint.

Die Welt entrinnt ihm, sein Zuhause, ihm so wichtig, ist ihm fremd, er kennt es nicht mehr. Ihm fehlt die Geborgenheit, die ein Zuhause gibt, der Ort, an dem die Menschen sind, die man liebt, deren Sprache man spricht, verloren…. „un-heimlich“ geworden…

Der Vater muss betreut werden, eine neue, anstrengende und auch aufreibende Aufgabe für die Familie. Sie muss sich organisieren, absprechen und merkt dabei, daß sie über diese übernommene Verpflichtung eigene Distanz überwindet, sich wieder näher kommt. Eine zeitlang stellt man auch Pflegekräfte ein, die eine rund-um-die-Uhr Betreuung sicherstellen, aber nicht mit allen ist der Vater gut. Es gibt oftmals Streit, manche der Frauen bleiben nur einen Tag… Schließlich muss der Vater in ein Heim.

Die Kinder lernen, den Vater zu akzeptieren in seiner neuen Welt, die nicht mehr von der Logik unserer beherrscht wird, sondern eigenen Gesetzen folgt. So entwickelt der Vater jetzt, wo ihm der Freiraum gegeben wird und er nicht mehr in Verlegenheiten kommt durch „Sach“fragen (die seine nicht mehr vorhandenen kognitiven Fähigkeiten fordern würden), zu einem Menschen, der in der Erinnerung an alte Zeiten lebt und dadurch zu verblüffenden „Einsichten“ kommt, der mit Charme, ganz lebendig und lebhaft auch wahrnimmt, daß er sich verändert hat, daß früher mehr mit ihm los war und er jetzt ein schlapper Kerl geworden ist…..

„Der König in seinem Exil“ ist ein liebevolles Buch, das sich behutsam eines Menschen annimmt, den eine schwere Krankheit geschlagen hat. Es wahrt in jedem Moment die Würde dieses Menschen und es zeigt sehr schön, daß in dem Kontakt, in der Berührung, der Wahrnehmung zu so einem Erkrankten für uns selbst eine Chance liegt: ein Weg nämlich zur Selbsterkenntnis, zu Toleranz, auch zu innerer Ruhe. Die manchmal aufblitzende unmittelbare „Weisheit“ ebenso wie manch absurdes kann für uns, wenn wir fähig werden zur Wahrnehmung dessen, eine Brücke sein auch in uns selbst hinein, durch die wir duldsamer werden können, auch authentischer. So wie es Geiger im wieder entstehenden Zusammenhalt der auseinander gegangenen Familie geschildert hat.

Das Buch ist weitgehend deskriptiv, es beschreibt den Vater und sein Leben, es ruft Erinnerungen an frühere Zeiten hervor und schildert sein „neues“ Leben nach der Erkrankung. Zu ergründen versucht es nur an wenigen Stellen, dies war wohl auch nicht das Ziel des Schreibers. Das gemeinschaftliche Ausräumen und Entrümplen des Hauses durch die Familie zum Beispiel, nachdem der Vater in ein Heim umgezogen war. Ein hochsymbolischer Akt dies, der so vom Autoren nicht dargestellt wird, im Gegensatz zur Schilderung, daß man die Container mit Regenplanen abdecken muss. Alles Alte wird weggeschmissen, entsorgt, man trennt sich von ihm und nimmt ohne Trauer, sogar mit einer gewissen Erleichterung, Abstand. Das Haus wird zu einem neuen Zuhause, jetzt ohne den Vater, der „nur“ noch gerne gesehener Gast ist. Es ist nicht mehr das Zuhause des Vaters, die Kinder, die Familie hat das akzeptiert, sie verdrängen den Verlust des alten Vaters nicht mehr, sondern richten sich in der neuen Wirklichkeit ein.

Auch die Verwendung des Begriffes „Freundschaft“ für das, was sich zwischen Vater uns Sohn im Umgang entwickelt, ein Hinweis darauf, daß sich der Sohn nicht mehr (nur) als Sohn sieht, sich gelöst hat vom Vater (wie er ihn kannte) und jetzt mit dem Vater (wie er ihn wahrnimmt) eine neue Beziehung eingegangen ist. Ein gelungener Abschied, ein Loslassen und ein Neubeginn……

Was mich – auch bei diesem Buch wieder – immer wieder verwundert, ist die lange Verdrängungsphase der Angehörigen, bis man sich eingesteht, daß das wunderliche Verhalten, mit dem man konfrontiert ist, Zeichen einer Demenz sein könnte. Spätestens wenn sich die telefonischen Beschreibungen stundenlanger Spaziergänge vor Ort in eine Verwunderung darüber verwandeln, daß man als Ortsfremder so gut wieder nach Hause gefunden hat und schon nach der ersten Wegkurve gefragt wird, wo steht jetzt noch mal das Haus… vllt bin ich Pessimist, aber der erste Gedanke ist da „oje, wenn das man nicht….“ Vielleicht spielt doch eine gewisse Scham über diese Krankheit eine Rolle, daß man sich ihr Wahrnehmung in der eigenen Familie solange verweigert.

Wo ich (als Nichtfachmann) ein leises Unbehagen bei der Lektüre verspüre, ist zum einen die apriori Gleichsetzung von Alzheimer und Demenz im Buch. Diese beiden Begriffe sind ja nicht synonym, Demenz kann auch andere Ursachen haben und eine wirkliche Diagnose kann nur durch eine pathologische Untersuchung stattfinden. Ich erlebe es in meiner eigenen nächsten Verwandtschaft ähnlich wie es hier im Buch von Geiger geschildert wird und ich bin sehr froh, daß ich nicht davon ausgehen muss, daß eine Alzheimererkrankung vorliegt, denn – auch dies kommt im Buch so nicht heraus und wäre ein zweiter leiser Kritikpunkt von mir – Alzheimer ist eine sehr schlimme Krankheit und verläuft in der Art, wie sie Geiger schildert vllt in den Anfangsstadien, nicht aber, wenn sie weiter fortschreitet und immer mehr vom Menschen zerstört. Eine Kritik, die ich neulich an anderer Stelle auch hatte, als ich eine Kunstausstellung besuchte, in der Bilder von Dementen gezeigt wurden. Auch dort wurde dann irgendwann in einem Nebensatz gesagt, daß diese Malereien natürlich nicht von Dementen mit fortgeschrittenem Krankheitbild geschaffen werden können…. Beispielhaft kann man diese beiden Bilder nehmen, dieses hier vor, dieses nach einem weiteren Schlaganfall (also auch kein Alzheimer) vom selben Erkrankten geschaffen….. So kann dieses Buch Betroffenen zwar Mut machen, ihnen Zuversicht einflößen und ihnen deutlich machen, daß sich auch eine Chance für sie aufgetan hat, eine neue Beziehung zur Erkrankten aufzubauen, aber dieser Zustand, wie ihn Arno Geiger für seinen Vater beschreibt, ist nicht stabil, sondern wird sich im Lauf der Zeit immer weiter verschlechtern. Dessen muss man sich bewusst sein.

Facit: Eine wunderschöne, behutsame Annäherung eines Sohnes an seinen an Demenz erkrankten Vater (vgl auch den Kommentar von ck)

Anmerkungen und Links:
Leseprobe zum Buch
- zur Besprechung von T. Jens: Demenz – Abschied von meinem Vater, in dem dasgleiche Thema wie bei Geiger angeschnitten wird – und doch ganz anders….

Arno Geiger
Der alte König in seinem Exil
Hanser, 2011, HC 192 S.

Arno Surminski: Jokehnen

März 11, 2011

Ostpreußen, dieses Stückchen Erde am östlichen Rand der Ostsee, hat eine äußerst wechselvolle Geschichte. In „Jokehnen – Oder: Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ erzählt Surminski den Teil der Historie, der verknüpft ist mit dem Aufstieg und dem Fall des Dritten Reiches. Er führt uns in die Provinz, in Landschaften, die dem Rhythmus der Natur folgen, in der die Nachrichten von den Menschen, die in Städten wohnen und die die große Politik bestimmen, immer erst ein wenig später eintreffen, möglicherweise auch garnicht, oder sie, wenn sie dann kommen, als für nicht so wichtig erachtet werden wie die tägliche Arbeit, die schon immer war und immer sein wird, sein muss, zum Überleben.

Am Todestag Hindenburgs, des Helden von Ostpreussen, am 2. August 1934 wird der kleine Hermann Steputat geboren, in Jokehnen, einem Dorf im hintersten Winkel. Sein Vater ist Bürgermeister des Ortes am Rande der Weltgeschichte, der oft vergessen wird. Die große Politik interessiert nur wenig, das „Adolfche“ wirds schon machen, der Handschlag mit Hindenburg hat ihn für die Menschen dort geadelt. Ansonsten… das Leben läuft seinen gewohnten Gang zwischen Aussaat und Ernte, zwischen Frühlung und Winter, zwischen Winter und Frühling. Die Kinder spielen am Dorfteich, jagen die Enten oder helfen bei der Ernte. Ab und an geht der Rohrstock um, wenn die Blagen mal wieder zu frech waren. Einzig der Major auf seinem Gut ist näher am Puls der Zeit, aber er ist an den Menschen vor Ort weniger interessiert, begegnet ihnen nur hoch zu Pferde, die natürliche Art, dem niederen Volk gegenüber zu treten (…oder – war das Volk jung und weiblich – auch gerne ´mal horizontal..). Die Feste werden gefeiert wie sie fallen, im „Krug“ wird gebechert und gezecht, auch dafür, daß Jokehnen nicht kinderlos bleibt, dafür wird gesorgt.

Der Krieg findet für die Jokehner nur am Volksempfänger statt, diesem neuen Wunderding, das die keifende Stimme der Hauptstädter in die Wohnstuben überträgt. Ja, man tritt in die Partei ein, es ist so üblich, die Uniform jedoch wird nur angezogen, wenn es sich nicht vermeiden läßt. Und der Samuel, einer der wenigen Juden im Gebiet, der konnte doch unmöglich gemeint sein, ein guter Jude, nein, der ist nicht gemeint. Wegen dem bischen Geschachere um die Preise, das gehört doch dazu. Doch der Samuel war gemeint, und als im Kreisstädtchen die Angst umging, die wenigen der Juden könnten eines natürlichen Todes sterben bevor man sie denn eingesammelt hätte, war auch sein letztes Stündchen gekommen. Aber sicher, so tröstete man sich im Ort, hat man ihn nur zum Arbeiten in ein Lager geschickt.

Am Volksempfänger wurden die Siege der Wehrmacht verfolgt, mit roten Fähnchen an der Weltkarte die eroberten Gebiete markiert. Im Westen so wie im Osten. Eines Tages war die Straße, die weiter nach Osten führte, befestigt worden, ab und zu gab es Manöver und dann kamen zur Freude der Kinder Soldaten, die nach Osten marschierten, obwohl kein Manöver war. Aber auch das ging ja erst einmal gut, Polen ein Klacks und die Arbeiter konnte man gut gebrauchen bei der Ernte und der Arbeit. Der junge Hermann war fasziniert vom Krieg, zusammen mit seinem Freund Peter kartätschten sie die Enten auf dem Dorfteich zusammen, schossen die Frösche ab und die Spatzen, sorgten für Verwüstungen unter den heimischen Kreaturen. Sie fielen zu Dutzenden….

Dann tauchten Meldungen auf von Verdunkelungen im Reich (nein, er nannte sich danach nicht Meier), später dann sogar Einquartierungen aus Berlin, Meldungen trafen ein, dieser und jener sei gefallen und die Fähnchen an der Wand mussten treu und brav die Frontbegradigungen mitmachen. Aber noch immer war der naive Glauben an das Adolfche, der es doch bis jetzt immer geschafft hatte, ungebrochen…. im Winter 44/45 wird alles gesammelt, was nicht niet- und nagelfest ist für die Männer an der Front und im Wolfsmonat ist Geschützlärm zu hören, Nähmaschinen tauchen unbehelligt am Himmel auf. Steputat bleibt, treu und als Bürgermeister seine Pflicht erfüllend, nach Westen zu ziehen ist schließlich verboten. So ist er mit seinen Jokehnern einer der letzten, die sich mit Habseligkeiten bepackt, abmachen. Schlimme Verhältnisse sind das, schlimme… und sie sind langsamer als die Russen, die überholen sie einfach, nehmen sich von den Frauen, was sich Sieger immer von den Frauen nehmen und lassen dafür ihre Läuse zurück, nehmen die Männer und schicken sie nach Osten, und irgendwann schicken sie die Frauen hinterher….. So verliert Hermann, der sich nach Jokehnen zurückschlägt, um dort auf sie zu warten, schließlich seine Eltern…

Es gibt keine Gesetze mehr in Jokehnen, in Ostpreussen. Der Krieg ist über den Landstrich hinweggezogen, jetzt ist das Land erst einmal ausserhalb der Welt, abgeschnitten von allen Informationen, von allen Menschen. Es gibt fast nichts zu essen, die Häuser sind verwüstet und zerstört.. eine freie, wilde, arme Zeit für die Menschen. Erste Polen tauchen auf, genauso armselig und mit ihnen die Steinzeit…. 2 Stunden Zeit zu packen, dann fährt der Transport. So kommt Hermann, der eigentlich bleiben will, weil seine Eltern doch kommen werden, doch noch nach Westen, viele sind es nicht, die es schaffen……

Es ist ein gemächlicher Roman, den Surminski über seine alte Heimat schreibt, eine Geschichte, die sich Zeit nimmt für die Menschen in ihrer Eigenart, ihrer Naivität, ihrer Gutmütig- und Gutgläubigkeit und die schließlich vom Krieg, der für sie immer ein Krieg war, den man in der Hauptsache vom Hörensagen mitbekam, eingeholt und ihres Lebens beraubt wurden – wörtlich oder auch im nur übertragen Sinne. Es gibt auch keine Schuldigen in seinem Roman, die Dinge passieren wie von einer höheren Warte aus in Gang gesetzt, so wie sie sich passieren, Naturereignissen gleich, denen man sich unterwerfen muss. Wem könnte man das zum Vorwurf machen in einer Gegend, in der seit Jahrhunderten das Wort derer, die „oben“ sind, Gesetz ist…..

Facit: eine Zeitreise zurück in eine Welt, die nicht mehr existiert. Oder, um die Frage zu beantworten: es ist eine weite Reise, eine sehr weite….

Der Roman wurde auch verfilmt, hier sind zwei Trailer bei youtube zu sehen, vom

Anfang und vom
Ende….

Arno Surminski
Jokehnen
Oder: Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?
Besprechung nach: rororo ……

Über einen Zeitraum von knapp einem Sommer läßt uns Magén teilhaben am Leben der Familie Taylor in Israel, die in dieser Zeit wie jedes Jahr einen einfachen Kiosk am Strand betreibt, dort auch wohnt und lebt. Außerhalb dieser Zeit arbeitet Mike als Busfahrer, Cheli, seine Frau ist zuhause und dann sind noch die drei Kinder der beiden, Anna, die älteste, Naomi, die so schön ist, daß sie vom Strand weggeschickt wird zur Tante in eine Siedlung, um sie vor ihrer eigenen Schönheit zu beschützen und der jüngste, Tom, dem sie einen neuen Namen geben, Chajim, um damit den Todesengel zu täuschen. Denn Tom liegt im Koma, der Schädel ist ihm gebrochen, Blut ins Hirn gelaufen und niemand weiß, was werden wird. Die Zeit wird es zeigen.

Anna hatte einen guten Tag, fühlte sich stark, nahm das Fahrrad (was sie nicht durfte), setzte sich drauf, den Bruder hinter sich und fuhr los. Aber ums Annas Hals hatte sich bei der Geburt die Nabelschnur gelegt, was die unachtsamen Ärzte zu spät erst merkten und so leidet sie unter den Folgen eines kurzzeitigen Sauerstoffmangels, der ihre gesamte Entwicklung hindert und vor allem ihre motorische Koordination stört. Und obwohl sich Anna fühlt, als würde eine Brise Sauerstoff durch ihr krankes Hirn fegen, kommt es zum Sturz, Tom fällt hinter ihr mit dem Kopf auf den Beton und Anna fährt in Panik weiter. Niemand ist Zeuge dieses Unfalls, nur zwei Möven und Anna verschweigt alles, frisst alles in sich hinein.

Dieser Unfall stellt das gesamte Leben der Familie auf den Kopf. Um den Kiosk weiterbetreiben zu können, stellen sie Edisso ein, einen jüdischen Jungen aus Äthiopien, ein guter Beobachter, ein Zuhörer, kein Redner, der bald zur unentbehrlichen Stütze nicht nur des Kiosks wird, sondern vor allem der von Anna.

„Die Zeit wird es zeigen“ ist zweierlei, zum einen ein Roman über eine Familie, die mit einem Schicksalschlag, der ihr Leben in den Grundfesten erschüttert, fertig werden muss, zum anderen ist es aber auch ein Roman über das moderne Israel in seinem Zwiespalt zwischen Säkularität und Religiösität. Protagonisten dieser Pole sind die beiden Familien der Schwestern Rachel und Sara. Rachel, die sich jetzt Cheli nennt, stand ebenso wie Sara als junge Frau an einer „Schicksalkreuzung“ ihres Lebens. Und während Sara den geraden Weg wählte, den Weg, der ohne Überraschung, ohne Umwege, ohne Höhen oder Tiefen von Beginn an absehbar war, ließ sich Cheli auf das Abenteuer „Leben“ („Gottes Daily Soap„)ein.

Sara hat mit Nachschon, ihrem Mann, sieben Kinder. Sie leben in einer Siedlung in den befreiten Gebieten (andere sagen, den besetzten…) im Norden Israels. Sie haben ihr Leben Gott geweiht, auf Fragen geben sie keine Antworten, sondern haben Bibelzitate parat. Unglücke, wie sie Mike und Cheli mit ihren Kindern haben, sind für sie Prüfungen Gottes, in denen der Gläubige einen Sinn erkennen kann, an denen derjenige, der nicht glaubt, aber zerbricht. Mit der gleichen inneren Entschlossenheit setzt sich Nachschon auch für Erez Israel ein, denn ein Mensch, der für seine Ideen kämpft, vervollkommnet seine geistigen und seelischen Kräfte, bis er selbst Vollendung findet. Sara teilt diese Einstellung, prinzipiell. Doch sieben Kinder zehren an den Kräften und an der Entschlossenheit, auch erinnert sie sich an die junge Frau, die sie einst war und auch daran, was sie fühlte, als sie noch jung war und nicht mit Nachschom zusammen.

„Egal, ob Er zuhörte oder nicht, sie würde ihm jetzt sagen, dass es nicht fair war, Kinder zu schädigen, wenn Er eigentlich die Eltern bestrafen wollte. … entschuldige, daß ich frech bin und dir nicht schmeichele und sage, wie gnädig und barmherzig und heilig Du bist, wie die meisten Menschen es tun. Diese Sache mit der mangelnden Sauerstoffzufuhr in meinem Gehirn hat die Schmeichelzellen zerstört… „

Mike und Cheli dagegen versuchen einfach zu leben, Gott, den sie zwar nicht leugnen können, weil niemand, der mit ihm in Berührung kam, ihn vollständig aus sich entfernen kann, spielt für sie keine entscheidende Rolle. Sie sind spontan, machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie streiten sich wie die Kesselflicker, können sich aber schon Minuten später wieder in den Armen liegen und küssen und ihre Umwelt vergessen. Ihre gegenseitige Liebe ist so elementar, daß sie noch nicht einmal nach Treue verlangt, da sie weiß, daß alles außerhalb ihrer selbst nur körperlich ist. Die beiden wollen mit ihrer Familie einfach nur leben, Amerika ist ihr großes Ziel, genug Geld zu verdienen, um dorthin zu können. Der Unfall von Tom bringt dieses Gleichgewicht der Familie zum wanken, die Eltern müssen sich viel um Tom kümmern, überlassen ihren Kiosk Edisso, der langsam und sachte zum Vertrauten wird für Anna, in der die Schuldgefühle toben bis sie es nicht mehr aushält. Das Leben der gesamten Familie wird in Frage gestellt und sie sind gezwungen, gemeinsam eine Antwort darauf zu finden.

Die Natur spielt eine große Rolle in ihrem Roman, das Meer, das rauschend Meer, die Wogen, der Wind, die Sonne und ihre Berührungen des Meeres. Wunderschöne Bilder findet Magén dafür, poetische Beschreibungen für die sinnliche Erfahrung dieser Naturschauspiele. Und Tehila… fleischgewordene Verführung, der Mike dargebotene Apfel, der ihn zum Reinbeissen, verzehren verführen soll… Und auch für Cheli hält das Leben einen Apfel bereit, einen, der sie anfangs vier Stück Zucker kostet, doch nachher immer weniger……

Gerade wegen dieser Einbindung der Landschaft und der Natur in ihren Roman ist dieser, obwohl thematisch anspruchsvoll, keine schwermütige Geschichte. Der Sommer ist zwischen den Zeilen zu spüren, die Hitze, das Licht der Sterne. Lebensfreude leuchtet entgegen, so wie auch der Kummer und die Sorge um den Bruder und den Sohn.

Facit: ein Roman um Schuld und schuldig sein eingebunden in die Verhältnisse des modernen Israels, anspruchsvoll, aber trotzdem unterhaltend.

Mira Magén
Die Zeit wird es zeigen
übersetzt von Mirjam Pressler
dtv, 2010, 400 S.

Köhlmeiers kleine Erzählung ist verschachtelt. Auf der ersten Ebene treffen wir zwei Anhalter, die in der Nacht an der Straße stehen. Der eine von ihnen, Richard, versucht die selten vorbeifahrenden Autos anzuhalten, sein unbenamter Kollege dagegen versucht die Zeit mit dem Erzählen einer Geschichte zu vertreiben.

Seine Geschichte spielt in Los Angeles. Squeezy ist ein ca fünfzigjähriger Obdachloser, der dem Alkohol zuspricht. Vor kurzem ist er erschrocken, er hat in einem Spiegel in das Gesicht eines Mannes geschaut, der zwanzig Jahre älter war. Dieser Anblick hat ihn aufgeweckt: er will versuchen, sein Leben zu ändern. An diesem Morgen, an dem die Geschichte spielt, will er den Hollywood Boulevard überqueren, um im Lokal auf der anderen Straßenseite zu frühstücken. Er sieht einen Mann auf der Straße stehen, der ihm mit einem schmalen, blinkenden Gegenstand zuwinkt, er geht auf ihn zu und der Mann schleudert ihm den Gegenstand entgegen. Doch diese verfehlt ihr Ziel, da er an einem gerade vorbei fahrenden Auto abprallt und bohrt sich stattdessen in die Brust einer jungen Frau, die in diesem Moment ebenfalls die Straße überqueren will.

Der Sichelschleuderer ist der Tod, aber Rita, die Stripperin, ist nicht bereit, ihren Tod so ohne weiteres hinzunehmen. Es ist ungerecht, daß sie sterben soll, die Sichel war nicht für sie bestimmt, sondern für Squeezy. Und der Tod beschließt, das Leben für eine Stunde anzuhalten und diese Zeit auf die beiden aufzuteilen, so daß sie ihre Geschichte erzählen können und am Ende entschieden wird, wessen Tod fairer und gerechter sei. Diese Situation erinnert von Ferne an den „Ackermann“ von Tepl, auch hier ja die (zum Teil wütende) Diskussion eines Menschen mit dem Tod um die Fairnis seines Handels auf der einen, der Sinnhaftigkeit auf der anderen Seite.

Jetzt sind wir auf der dritten Ebene der Erzählung. Leo erzählt von seinem Elternhaus und vor allem von seinem vergötterten Onkel Leonhard, den er über alles liebte und der ihm so viel „besser“ dünkte als sein eigener Vater. Dieser Onkel verbrachte die Weihnachtstage regelmäßig bei ihnen zu Hause. Eines Jahres kam er jedoch nicht allein, sondern brachte Rosa-Lind mit. Auf diese Frau, die Streit und ungute Stimmung hervorrief, übertrug sich all das Gefühl des Jungen. Für sie, seine erste Liebe, war er bereit alles zu tun und er stahl seiner Mutter das gesparte Geld, da er für nur ein wunderschönes, teures Geschenk für Rosa-Lind seinem Gefühl angemessen war. Bei ihrer Abreise jedoch wurde Rosa-Lind als Diebin entlarvt und nur das Geschenk des Jungen konnte sie mitnehmen. Und sie tat es mit den Worten, daß dies schönste Handtasche sei, die je verschenkt wurde. Dieser Moment hat sich eingeprägt in Squeezy, von dem wir sonst kaum mehr erfahren als daß er eine zeitlang als Zimmermann gearbeitet hat, daß er solche Augenblicke wieder erleben will und daher entschlossen ist, sein Leben zu verändern. Sein Tod jetzt, ausgerechnet jetzt, wäre daher nur ungerecht.

Dann erzählt Rita ihre Geschichte. Sie, die erst 20 Jahre alt ist, lebt recht… nun ja, promisk und das nicht immer mit Gummi. So geht sie, als ihr die Gefahr bewusst wird, zum Test und trifft dort Schoscho einen leicht überdrehten Mexikaner. Da beide negativ sind und sie sich nur gegenseitig sicher sind, negativ zu sein, tun sie sich (und kommen) zusammen. Aber man geht sich auf die Nerven und Schoscho ist jemand, der freizügig umgeht mit der Drohung, sich selbst zu morden. Bis es Rita eines Tages reicht, sie die Faxen leid ist und sie sich selbst die Adern aufschneidet. Gerade noch soeben kann Schoscho sie retten. Damals, so argumentiert Rita, damals wäre der richtige Zeitpunkt gewesen für Gevatter Tod, sie zu holen, aber damals hat er sie nicht gewollt. Und so solle er sie heute, wo er sie garnicht haben wollte, sie nur durch einen dummen Zufall die Sichel abbekommen habe, auch davon kommen lassen.

Dies also die Geschichten der beiden Morituris.

Doch bevor der Ungenannte sie fertig erzählen kann, muss Richard schnell an die Straße, ein Auto hält, will jedoch nur einen mitnehmen. Voller Neugierde auf das Ende der Geschichte läßt er das Auto fahren und bleibt bei seinem Kollegen, der die Geschichte nun beendet. Aber wie sie endet, das verrate ich hier nun nicht…. allzuviele Möglichkeiten gibt es ja nicht, die Geschichte aufzulösen, und trotzdem, es gibt noch eine mehr…..

Man kann diese kleine Erzählung natürlich ansehen als Fingerübung zum Tod, seiner Willkür, seiner Fairness, der Frage nach dem „Warum ich, warum nicht er?“. Der Tod in Köhlmeiers Geschichte ist nicht fair, er ist nicht unfair. Er ist einfach. Er will nur nicht leer ausgehen. Er ist der Schnitter, der das erntet, was Jahrzehnte zuvor gesät worden ist.

Was würde man selbst dem Tod erzählen, stünde man in einer solchen Situation, daß man die Wahl hätte? Der Gedanke daran, mit dem Tod um sein Leben zu diskutieren, mag irreal erscheinen, er ist es aber nicht. Er ist dort grausame Realität, wo mehr Leben erhalten werden müsste, als Resourcen zur Verfügung stehen, wo ausgewählt werden muss, wer z.B. ein Organ verpflanzt bekommt und wer nicht? Nach welchen Kriterien wählen die Ärzte aus, die ja, anders formuliert, hier die Rolle des Todes übernehmen? MANVs sind ein anderes Beispiel (Massenanfall von Verletzten): bei begrenzten ärztlichen Möglichkeiten zur ersten Hilfe muss diese möglichst „effektiv“ eingesetzt werden, sprich: sehr schwer Verletzte können möglicherweise nicht behandelt werden. Wie könnte man den Arzt überzeugen, daß das nicht fair ist, was könnte man dem Arzt erzählen (so man noch erzählen könnte), dem Arzt, der nach „objektiven“ Kriterien (sogenannte Triage), die, die ihm der Zufall vor die Füße geschmissen hat (denn der Zufall (= der Tod?) bestimmt zumindest mit, wer wie und wie schwer verletzt ist), sortiert, um ihn zu erweichen, daß er einen selbst behandelt und dafür eventuell den Nachbar sterben läßt? Könnte ich überhaupt mit diesem Gedanken leben, daß ein anderer an meiner statt geholt worden ist vom Schnitter?

Gibt es solche Lebensgeschichten überhaupt, die das eigene, oder überhaupt ein Leben wertvoller, erhaltenswerter machen als das Leben eines anderen Menschen? Wenn jedes Leben gleich viel wert ist, dann ist es dies doch auch vor dem Tod, dann ist es egal, wen der Tod sich holt, wer stirbt? Auch die Geschichten von Squeezy und Rita sind so außergewöhnlich nicht, sie sind Geschichten aus dem Leben am Rande, wie es überall stattfindet, Schicksale, mit denen viele, sehr viele aufwarten können…

Beide argumentieren ich-bezogen, wollen den Tod damit überzeugen, daß ihr Leben für sie selbst noch wichtig ist bzw. der Tod den richtigen Zeitpunkt, als das Angebot des Menschen auf dem Tisch lag, selbst verpasst hat. Wäre es aussichtsreicher, zu diskutieren, welches Wert ein Leben hat für die anderen? Auch diese Diskussion gibt es natürlich schon längst, begrenzte Resourchen zwingt sie unter dem Stichwort der Zwei-Klassen-Medizin (zumindest in pekuniärer Hinsicht) dem politischen Alltag offen oder verdeckt auf: Man kann die Lebensverlängerung kaufen, den Tod bestechen. Der Tod kann warten, ihm ist es letztlich egal, aber uns nicht. Und diese unterschiedlichen Möglichkeiten, die Einfluss und/oder Geld verleihen, verletzten einen Sinn in uns für Gerechtigkeit und Gleichheit der Menschen…..

Facit: „Sunrise“ ist ein schmales Büchlein vom Leben und vom Sterben, es ist ein Büchlein, das die Frage nach dem Wert des Lebens auf eine ganz eigene Art und Weise stellt. Es beantwortet sie nicht, das kann wohl auch niemand, aber Köhlmeier löst seine eigene Erzählung mit einem überraschenden Ende auf.

Michael Köhlmeier
Sunrise
Haymon Verlag, 2010, TB, 96 S.

Der Vater Philip Roths war – abgesehen von seinem fast blinden rechten Auge – mit 86 Jahren noch ein recht rüstiger Mann, als bei ihm unvermittelt eine halbseitige Gesichtslähmung auftrat. Nach einer ersten Fehldiagnose als Virusinfektion bringt eine eingehendere Untersuchung das Ergebnis, daß ein Tumor im Kopf wächst und anfängt, Nerven zu schädigen.

Herman Roth lebt allein in seiner Wohnung, nachdem seine Frau einige Jahre vorher gestorben war. Die Roths stammen aus Europa und sind von dort Anfang des 20. Jhdts nach Amerika eingewandert. Herman R. machte in einer Versichung eine vorzeigbare Karriere, die ihm einen auskömmlichen Ruhestand sicherte, diesen Aufstieg erkämpfte er sich durch seinen Willen, seine Durchhaltekraft und seine Selbstdisziplin, mit denen er seine Handicaps wie eine einfache Bildung und seine jüdische Abstammung ausglich.

Das Zusammenleben mit Herman R. muss schwierig gewesen sein. Er bezeichnete sich selbst als „Kümmerer“, als ein Mensch, der nicht zögert, anderern, wenn diese etwas machen, was er für falsch oder ungünstig hielt oder was er einfach anders machen würde, dies auch mitzuteilen. Dies führte sogar dazu, daß seine Frau in hohem Alter nach seiner Pensionierung, als er ihr dann endlich zeigen konnte, wie ein Haushalt geführt wird, noch an Trennung dachte. Eine Tatsache übrigens, die er nach dem Tod der Frau offenbar vollständig verdrängt hat.

Die vielen Verlustsituationen, in denen Herman R. nach dem Ausbrechen seiner Erkrankung stand (den noch nicht beendeten Trauerprozess um den Verlust seiner Frau, das Einbüßen der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Selbstständigkeit, die wachsende Notwendigkeit, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, die vermehrt auftretenden „peinlichen“ Situationen aufgrund der körperlichen Einschränkungen) riefen in ihm zusätzlich ein permanentes Gefühl der Unzufriedenheit und Einsamkeit hervor und machten es nicht einfacher für Philip Roth, der sich in dieser Zeit sehr um seinen Vater kümmerte.

Dies ist in etwa die Ausgangssituation, in der die Beschreibung der letzten Lebensjahre des Vaters von Philip Roth einsetzt. Es ist eine unaufgeregte, sehr reflektierende, von Achtung und auch Liebe für seinen Vater geprägte Geschichte, die er erzählt. Es ist eine Geschichte der großen Entscheidungen: wie soll man mit der Erkrankung umgehen, soll operiert werden oder nicht, kann man das einem so alten Menschen zumuten? Ärzte werden befragt, natürlich. Zwei Ärzte, zwei differierende Meinungen …. wenn, dann wäre es eine schwierige Operation mit einer langwierigen, beschwerlichen Rehabilitationsphase und erheblichen Risiken. Wer kann sich um den Vater kümmern, wie versorgt man ihn, der nicht mehr für sich selbst sorgen kann? Fragen, vor denen jedes „Kind“ steht, eines Tages stehen kann, wenn…. und die schwierigste aller Fragen hebt sich das Leben bis zum Ende auf….

Herman Roth weilt oft in seiner Vergangenheit. Er erinnert sich genau an das, was damals war, an Personen, Vorkommnisse, Verwandschaftsverhältnisse, er weiß noch, wie die jetzt verfallenen Viertel, durch die sie auf ihren Fahrten zu den Ärzten und Hospitälern kommen, damals aussahen, als sie noch jüdisch dominiert waren, weiß noch, wo welches Geschäft stand und wer es betrieb…. es ist eine kleine Exkursion in das jüdische Leben im der ersten Hälfte des 20. Jhdts im urbanen Bereich NYs.

Der Sohn kümmert sich intensiv um seinen Vater, sein Beruf als Schriftsteller gibt ihm den nötigen zeitlichen Freiraum dazu. Sie kommen sich sehr nahe, es entsteht diese besondere Art von Intimität zwischen einen Pflegenden und einem, der gepflegt werden muss. Grenzen des privaten, die es ein Leben lang gegeben hat, verschwinden, wenn körperliche Hygiene nicht mehr selbstständig verwirklicht werden kann. Auch vor der Beschreibung solch drastischer Ereignisse macht Roth keinen Halt, sie gehören dazu und er versteht sie so zu schildern, daß man sie als das wahrnimmt, was sie sind: unabänderliche und zu beherrschende Begleitumstände des Älterwerdens, der Krankheit.

Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater ist ein Leben lang von der Autorität des Vaters bestimmt. Noch jetzt, seinem siechen Vater gegenüber, fühlt sich Roth eher als Sohn denn als gleichberechtigter Partner. Es fällt ihm schwer, seinem Vater mit Bestimmtheit gegenüber zu treten, obwohl dieser darauf ohne Aufbrausen reagiert und den Vorschlägen seines Sohnes folgt. Die bangen Fragen bzglt der Patientenverfügung, die sich der Sohn stellte, alle unnötig: die lakonische Reaktion des Vaters nach dem Vorlesen der Verfügung: Ok, machen wir. Offensichtlich hat sich Philip Roth nie wirklich lösen können, selbst dann nicht, nachdem er seinen Vater in den Tod losgelassen hat.„Der Traum sagt mit, daß ich … ewig als sein kleiner Sohn leben würde…“ und er sieht seinen Vater als „..den Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was ich tue.

Facit: Das Büchlein ist eine intensive Auseinandersetzung des Sohnes mit seinem Verhältnis zum Vater, es ist eine berührende Krankengeschichte auch über Versuch, das „Richtige“, zumindest aber das „Angemessene“ am Ende des Lebens zu tun.

Philip Roth
Mein Leben als Sohn
Eine wahre Geschichte
übersetzt von Jörg Trobitius
dtv, 1995, 224 S.

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