In ihrem Buch „Anton“ erzählt die Autorin ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte, nämlich die ihres Onkels Anton und seiner Familie während der 12jährigen Dauer des Tausendjährigen Reichs.

Anton war ein ganz normaler, aufgeweckter Junge, bevor er einen Unfall hatte. Er wurde von einer Straßenbahn angefahren und erlitt dadurch Hirnverletzungen, die sich auf sein Sprachvermögen auswirkten und die Motorik besonders der rechten Hand, der Hand also, mit der der deutsche Junge schreibt, beeinträchtigte. Durch den Unfall hat der kleine Anton sein „Ich“ verloren, niemals wieder wird er von sich als „ich“ reden, sondern immer nur von „Anton“.

Diese Behinderung macht Anton zum Aussenseiter, nicht nur faktisch, sondern auch – und das was sehr viel schlimmer – politisch gewollt. Die Überlegenheit der nordischen Rasse musste gewahrt bleiben in der Ideologie des damaligen Deutschlands, in dem Rassenkunde schon in den Schulen abgefragt wurde. Alles, was störte, musste weg. In erster Linie wurde die Juden vertrieben, deportiert und ermordet (ebenso wie Sinti und Roma und viele andere Menschen mit unerwünschten Eigenschaften oder Ansichten). Und auch Behinderte fallen unter diesen Fokus. So ist für Antons Eltern die Frage, ob sie ihren Anton in die Schule schicken können, nur sehr schwer zu entscheiden. Einerseits ist Anton mathematisch sehr begabt, auch malt er gerne und gut, andererseits…. Aber Onkel Franz, der an der Schule Lehrer ist, verspricht, auf Anton aufzupassen. Trotz dieses Schutzes hat es Anton nicht leicht, denn natürlich darf sich auch Onkel Franz nicht zu auffällig verhalten, sind doch einige der Kollegen stramm auf den Führer eingeschworen. Gepiesackt und schikaniert wird Anton sowohl von einigen Lehrern als auch von Mitschülern, viele der Kinder bekommen sogar verboten, mit so einem Krüppel zu spielen….

Es gibt Gerüchte. Behinderte Kinder sollen in Heime kommen, angeblich, weil man sich dort besser um sie kümmern kann. Doch seltsamerweise bekommen sie dort oft sehr schnell eine Infektion, an der sie sterben… Die berühmte und mutige Predigt des Bischofs Galen prangiert dieses geheime Euthanasieprogramm der Nazis in aller Öffentlichkeit an, die Rede findet Verbreitung und schürt weitere Ängste in der Bevölkerung.

Die Kinder werden früh über die „Pimpfe“ (ab 10) bzw. ab 14 Jahre über die HJ (bzw. den BDM) indoktriniert, selbstverständlich kann Anton hier nicht mitmachen, im Gegenteil werden die Schikanen der Gleichaltrigen um so schlimmer, je mehr ihnen in diesen Organisationen die des deutschen Mannes unwürdigen Eigenschaften wie Mitleid oder Rücksichtnahme ausgetrieben werden. Mehr als einmal kommt Anton blutüberströmt nach Hause und zieht sich dort zurück, malt graue Gesichter oder versteckt sich im Schrank.

Die Familie erlebt die Reichsprogramnacht mit, das gegenüberliegende Kolonialwarengeschäft wird geplündert und zerstört, Herr Freundlich, der Händler, im Schlafanzug auf die Straße geprügelt. Die Synagoge brennt, überall Glas und Scherben und gelbe Sterne und hasserfüllte Parolen. Manche helfen, still und heimlich, unter großer Angst. Gewähren Unterschlupf für ein, zwei Nächte, geben Essen… bald sieht man keine Juden mehr und die Sorge wächst, daß jetzt die Behinderten drankommen.

Irgendwann geht es nicht mehr, die Eltern lassen ihren Sohn nicht mehr zur Schule gehen und verstecken ihn zu Hause. Man stelle sich vor, welche Angst dieses Kind erlitten haben muss, wenn es allein, nur mit seinem Teddy, im Kohlenkeller versteckt, die katastrophalen Bombenangriffe auf Münster aushalten musste…, denn unwertes Leben in einen Luftschutzkeller mitzunehmen, war unmöglich geworden.

Wohin kann man Anton in Sicherheit bringen? Die Eltern finden Verwandte, bei denen sie es versuchen wollen und sie finden Menschen, die ihnen dabei helfen, heimlich und ohne große Worte.

Anton überlebt den Krieg.

Zöllers Buch ist ein sehr trauriges Buch, trotz des „Happy Ends“. Es reißt im Grunde sehr, sehr viele Themen an, die die nationalsozialistische Herrschaft charakterisieren, wenn man das Buch gelesen hat, hat man sehr viele Stichpunkte, an denen man nachhaken kann (und, wenn man es bei/mit jungen Menschen liest, nachhaken muss). Vor allem aber gibt es die Atmosphäre der Angst, der Unterdrückung wieder, in der viele Menschen damals lebten. Verdunkelte Zimmer, das Abhören verbotener Feindsender (Todesstrafe!), die Selbstzensur, was man sagen darf, was nicht…. das Weggucken, wenn man Unmenschliches sah, die Angst, die Todesnachricht zu bekommen vom Sohn/Vater/Mann, der an irgendeiner Front kämpfen musste und von dem man seit Monaten nichts mehr gehört hat, der Hunger, der Mangel, die Bombennächte in den Städten, die inszenierten Jubelveranstaltungen….

Facit: ein sehr anrührendes Menschenschicksal, das in kind- und jugendgerechter Sprache einen Einblick gibt in das Deutschland Hitlers.

Elisabeth Zöller
Anton
oder die Zeit des unwerten Lebens
Fischer Schatzinsel (Fischer TB), HC, 2004, 224 S.

Sofie Laguna: Lichterloh

Februar 25, 2011

Ich weiß (leider) nicht mehr, wie ich auf dieses Buch gekommen bin, in irgendeinem Blog las ich davon und habe es mir gleich besorgt. Natürlich habe ich es auch angelesen, es hat mich sofort angesprochen und gepackt… und dann, nach ein paar Seiten konnte ich fast nicht mehr lesen, hat es mich zerrissen, es hat geschmerzt, daß ich fast schreien wollte. Die Messerworte gingen direkt durch mich hindurch in den großen Wassersack, der sich irgendwo hinter den Augen befindet…. die letzten Jahre habe ich einige Bücher gelesen, oberflächliche und intensive, bei denen ich lachen musste und auch weinen, aber so etwas wie bei diesem Buch, diesem Kapitel ist mir noch nie geschehen….

Hester, die kein Segen ist, wohnt mit ihren Eltern Sack und Stiefel in einem einsamen Haus am Ende einer Straße. Ab und zu, wenn Sack draußen Wäsche aufhängt, klettert sie auf das Sofa, schiebt die schweren Vorhänge beiseite und schaut hinaus ins Freie, das verboten ist. Eines Tages flüstert ihr Knauf zu: „Dreh mich!“ und Hester gehorcht und sie dreht Knauf und geht hinaus. Zum ersten Mal verläßt sie das Haus und geht ins Freie, dort, wo es keine Wände gibt und keine Zimmerdecken. Sie verläßt das Haus heimlich, denn sie darf dies nicht. Noch nie war sie draußen.

Hester ist ein junges Mädchen, das anders ist wie andere junge Mädchen. Sie kann nichts dafür, es ist nicht ihre Schuld, sie ist ihrem Eltern ausgeliefert, vor allem ihrer Mutter Sack. Sie darf nicht raus aus dem Haus, sie hat keine Freunde („Was sind Freunde?“), im Haus unterhält sie sich mit Knauf, Messer, Axt und Besen, diese Gegenstände sprechen mit ihr. Einzig eine Kinderbibel ist ihr gestattet und die Bilder in dieser Bibel füttern ihre Phantasie, sie denkt in den Bibelbildern, die sie sieht und die sie im Haus ihrer religiös entarteten Eltern hört.

Wenn Hester das mit Öl getränkte Brot, das es zum Essen gibt, nicht hinunterschlucken kann, weil es einfach nicht geht, dann greift ihr die Mutter in den Mund und schiebt den öligen Brei hinunter durch den Schlund in die Tiefe ihres Bauches. Wenn beim Beten mit ihrer Mutter Hester einfach die Worte nicht mehr aus dem Mund kommen, dann geht Sack mir ihr oder besser schleift sie in den Keller. Dort muss Stiefel sie auf den Tisch heben. Und an der Decke dieses Raums eine Stange aufgehängt, waagerecht und mit Schnüren und Knoten. Und Hester muss die Arme waagerecht halten und Sack bindet die Arme mit den Schnüren an die Stange und dann zieht Stiefel den Tisch weg. Und wenn Hester die Augen öffnet sieht sie an den Wänden die Bilder mit Menschen die aufgehängt sind die von Pferden zerrissen werden die auf Räder geschnallt sind sie sieht die Obstkörbe auf dem Boden stehen und die Menschenköpfe darin und sie sieht dies alles bevor endlich der Gottvogel kommt und sie unter seine Schwingen birgt und mit ihr davon fliegt. Und Gottvogel muss oft kommen in diesem Haus, in dem Hester wohnt mit Sack und Stiefel.

Das Sozialamt setzt den Schulbesuch von Hester durch. Hester kennt nichts und kann nichts, sie kann nicht schreiben, sie kann nicht lesen oder rechnen. „A wie Apfel“ sagt die Lehrerin, „A wie Arsch“ flüstert ihr Mary, ihre Sitznachbarin zu, auch so eine Ausgestoßene mit ihrer Hasenscharte. Mary wird zur ersten Freundin im Leben Hesters, zum ersten Mal lachen, spielen, laufen, die Schlange aus Wasser besuchen und berühren… Sie darf malen in der Schule und sie malt und malt und nimmt die Bilder mit nach Hause und versteckt sie dort aber Sack entdeckt sie eines Tages und ist zornig und wütend und Flammen schlagen aus ihren Augen und sie nimmt die Bilder und wirft sie in das rotflammende Loch und dort verwandeln sie sich in schwarze Vögel die durch den Kamin davonfliegen und dann zerrt die Mutter Hester in den Hängeraum und sperrt sie dort ein bis Stiefel von der Arbeit kommt und Stiefel muss sie auf den Tisch heben … dann wacht Hester in ihrem Bett wieder auf und kann sich nicht bewegen, muss tagelang gefüttert werden und ist zerbrochen.

Es sind Stellen wie diese, deren Intensität ich nur ganz dilletantisch andeuten kann, die mich gestern immer wieder dazu brachten, das Buch weg zu legen. Und wieder zu holen. Und wieder weg zu legen. Das ist zu stark für dich, dachte ich mir, das willst du nicht lesen, das quält zu sehr… Und doch…

Ich will eine längere Passage zitieren, um diese wunderbar intensive Sprache Lagunas zu zeigen, dieses Spielen mit Bildern, ihre Fähigkeit, Gefühle und Gedanken eines Menschen nachzubilden, der keine Worte hat, weil sie ihm nie gelehrt worden sind. Es sind einige Jahre vergangen. Hester ist mittlerweile in einer Anstalt eingesperrt hinter einer Tür, die oben ein viereckiges Loch hat, vor dem senkrechte Stäbe sind:

Ich lag auf meinem Bett, erst mit offenen Augen, die an der Decke nach Rissen wie Flügeln suchten, dann mit geschlossenen. Ich malte Stiefels Baum, wie er meine Arme und Finger entlangwuchs, bis er duch mich hindurchbrach und mich umriss. Ich malte Türknauf und Löffel. Sie redeten mit mir, zum ersten Mal, seit Sack meine Bilder in Vögel verwandelt hatte und sie zum Schornstein hinausgeflogen waren. Meine Freunde kitzelten mich in den Ohren. Es war alles nur Flüstern; Worte konnte ich keine verstehen. Ich malte den dünnen Stecken von Sacks Körper, wie er sich schiefbog und mehr nach einer Seite lehnte als nach der anderen. Ich malte die grauen Schattenpfade, die unter der Haut von Sacks Händen entlangliefen. Ich malte die rosa Spinne unter Sacks Auge und verwandelte sie in eine Fliege.

In dieser Anstalt lernt Hester Norma kennen, die vom Teufel geplagt ist. Aber Hester kann ihr helfen, Hester hat, vielleicht das einzige, was Sack ihr mitgegeben hat, die Gabe, den Teufel zu sehen und sie keine Angst vor ihm. So werden die beiden Frauen Freundinnen, durch eine Schnur verbunden, durch die sie sich Bilder schicken und durch die sie verbunden sind.

Einmal noch muss Hester zurück in ihr altes Haus, in den Hängeraum. Ihre Freunde besuchen sie, sie rufen „Komm zurück, du hast uns verlassen!“. Es ist ein vielstimmiges Konzert, daß ihre alten Freunde Baum, Knauf, Axt, Löffel und Besen anstimmen.. einmal muss Hester noch zurück in die Hölle….. sie muss muss muss ihre Freunde rufen sie und das „Warum“ wird sie spüren, wenn sie in diesem Haus ist. Mit Normas Hilfe gelingt es ihr tatsächlich, noch einmal in das alte Haus zu gelangen und im Haus spürt sie, warum sie da ist und es gelingt ihr ein Befreiungsschlag…..

Ich will jetzt nicht mehr zu Inhalt der Geschichte schreiben. Es ist eine grausame Geschichte, aber sie ist nicht an den Haaren herbeigezogen, es gibt andere fürchterliche Geschichten zuhauf, die real sind. Und auch Sack, die Mutter, die uns so grausam erscheint, ist nicht „das Böse“ schlechthin, auch sie ist, das wird an zwei, drei Stellen deutlich, ein zutiefst verletzter Mensch, dem einfach nie geholfen worden ist und der sich selbst nicht helfen kann. Auch sie kann einem, bei aller Schuld, die sie auf sich geladen hat, leid tun, auch sie ein gequälter Mensch…

ach ja, wer eine sehr schöne und intelligentere Buchbesprechung als meine etwas gefühlsduselige lesen will, sollte unbedingt hier klicken, denn deren Verfasserin, Lisa-Marie Dickreiter, hat selbst einen sehr schönen und tiefgründigen Roman: „Vom Atmen unter Wasser“ geschrieben, kann also als Fachfrau gelten….

Facit: ein schmales Büchlein, aber ein großes Seelenbild, das viel Kraft beim Lesen erfordert….

Sofie Laguna
Lichterloh
übersetzt von Sabine Roth
Fahrenheit Verlag, 2009, HC, 172 S.

„Das Buch Dahlia“ habe ich in diesem Blog schon einmal erwähnt, es fiel damals in die Kategorie „aus.sortiert“. Zu schrill, die Worte grob, gewöhnlich, auch die Sprache eher einfach gestrickt mit vielen Einschüben und eingeklammertem Text. Es gefiel mir einfach nicht und das Thema war für mich kaum interessant. Jetzt habe ich es aber in einem Wurmloch gefunden und da von der Betreiberin nicht in Bausch und Bogen verdammt, habe ich es mir auch noch einmal herausgesucht. Und ward durchaus angetan, auf gewisse Weise zumindest…

„Das Buch Dahlia“ ist dreierlei: eingebettet in die Krankengeschichte der Titelheldin wird die Geschichte einer Familie geschildert, die an der Trennung der Eltern zerbricht. Insbesondere konzentriert sich diese Darstellung auf die Entwicklung von Dahlia, die mit dieser traumatischen Erfahrung des Verlassenwerdens und des Zerbrechens der Familie nicht zurecht kommt. Sie ist noch ein kleines Mädchen zu dieser Zeit und baut eine enge Bindung zu ihrem älteren Bruder Danny auf, den sie vergöttert und anbetet, der ihr die Wärme, Nähe und Geborgenheit gibt, die der mit der Trennung von seiner Frau überforderte Vater ihr nicht geben kann. Dieser flüchtet sich in Arbeit und auch Alkohol (der ihn jedoch nicht aus der Bahn wirft), ist zwar auf seine Art immer für seine Tochter da, sprich: er sorgt dafür, daß ihr finanziellen Angelegenheiten immer in Ordnung sind, er ist auch für sie da, wenn sie Hilfe braucht, aber er wird für Dahlia nicht zum emotionalen Bezugspunkt. Natürlich gilt dies auch und erst recht für die Mutter, die sich zur Selbstfindung auf und davon gemacht hat. Zwar besteht weiterhin Kontakt mit ihr, aber von dieser Frau, die um sich selbst als Zentrum kreist, ist mehr nicht zu erwarten als substanzlose Sprechblasen.

Lange verschließt die zurückbleibende Restfamilie die Augen vor der Tatsache, daß die Ehe der Eltern zerbrochen ist, sie verdrängt dies einfach. Daß noch Kontakte bestehen zur Mutter bzw. Frau, trägt wahrscheinlich dazu bei. Aber irgendwann sickert diese bitter Erkenntnis doch durch in die Wahrnehmung der Zurückgebliebenen, aufgrund des Alters vllt am wenigsten noch bei Dahlia. Danny, der angebetete Bruder, reagiert am heftigsten, in dem er sich völlig von der Familie abschottet und abkapselt. Er, der schon als Kleinkind kaum Gefühle zeigte und ein „schwieriges“ Kind war, taute erst mit Dahlias Geburt auf, liebte das Baby und das Kind Dahlia, es wurde für ihn zum Mittelpunkt. Um so unverständlicher für Dahlia die brutale Art und Weise wie der pubertierende Bruder nun Abstand schafft, es sei hier nur soviel gesagt, daß dabei auch eine stark fäkal orientierte Komponente mit eingebracht wurde. Auf Dahlias Seite auch hier wieder Verdrängung pur: Über Jahre hinweg erniedrigt sie sich, biedert sie sich dem Bruder an, bettelt sie förmlich um einen Gunstbeweis und schluckt alle Demütigungen. Erst sehr spät kann sie sich von dem Bruder lösen und dann schlägt das Gefühl in Hass über, einen Hass, der der zerstörten Liebe zu ihm in der Intensität nicht nachgeht.

Dahlias Leben ist eine Gratwanderung zwischen Absturz und gerade noch so durchkommen. Bruce, der Vater, hilft finanziell, aber sie selbst findet keine Spur, in der sie ihr Leben laufen lassen will. Sie macht keine ernsthafte Ausbildung, als Schülerin schon spielt sie mit Rasierklingen an sich herum, Drogen sind ihr nicht unbekannt, es gibt auch eine Phase in ihrem Leben, in der sie sich Geld dafür geben läßt, daß Männer mit ihr schlafen dürfen. Was sie wirklich sucht, findet sie nicht: die Geborgenheit in einer Familie, die ihr unwiderbringlich verloren gegangen ist, mit der sie nach ein paar häßlichen Szenen gebrochen hat.

Ihr Leben konnte einfach als eine Folge von Ereignissen betrachtet werden,
über die sie nicht hinweggekommen war. Und nun war es vorbei.

Dies ist ein etwa der Zustand ihres Lebens nach knapp 30 Jahren, in das uns Albert am Beginn ihres Romans hinein schreibt. Dahlia sitzt in einem vom Vater finanzierten Häuschen auf ihrer Couch, kifft und verbringt den Tag mit Müßiggang. Die TK-Pizza ist im Ofen, der Tee gekocht und dann wacht sie im Krankenhaus wieder auf und sieht ihre Eltern am Bett stehen. Die Diagnose ist fatal: ein inoperabler Hirntumor im Schläfenlappen. Sie setzt eine Spirale der Verdrängung in Gang, vor allem bei den Eltern. Da die Ärzte viel im Konjunktiv reden und klare Aussagen vermeiden, umgeht besonders der Vater die Konfrontation mit der Wahrheit. Dahlia selbst ist sich über die Bedeutung der Diagnose schon klarer, bei ihr wird die Verdrängung, die „Warum“ und „Warum-ich“-Frage schnell von dem ihr immanenten Zorn und Hass abgelöst. Aber dieser Zorn blockiert sie auch. Zwar erkennt sie deutlich, daß sie trotz Chemo und Strahlen sterben wird, sie kommt jedoch nie in eine Art innerer Ruhe, in der sie ihrem Tod akzeptiert. Das Mantra ihrer Mutter, daß eine positive Einstellung die Krankheit besiegen kann, hängt ihr zum Hals raus. Ist sie etwa selber schuld an ihrem Krebs, weil sie nicht positiv denkt und lebt? Die Lebensbrüche, das eigene Unvermögen ihr Leben zu bewältigen, die Entzweiung von ihrem einst so geliebten Bruder, das alles hindert sie daran, inneren Frieden zu finden. Im Gegenteil lehnt sie sogar jede Aussöhnung oder Aussprache ab, um ihren Bruder über ihren Tod hinaus damit zu strafen.

Zwei Schritte vor, einer zurück. Pause. Jetzt nicht auf die Füße gucken. Aufwallen, verebben, wieder aufwallen, Pause; sie war nicht bereit.
Sie war nicht bereit. Sie war nicht bereit.

Dahli, die zornige, wütende, hassende Dahlia kotzt in der Rückschau auf ihr Leben ihre Gefühle aus, sie kotzt sie uns Lesern vor die Füße. Es sind Hasstiraden, Hass auf alle, die um sie herum sind, Hass auch auf sich selbst, es ist eine sinnlose Wut auf ihren Bruder, der sie verraten hat, auf ihre Mutter, die sie mit ihrer Aufforderung nervt, positiv zu denken, es ist Hass auf all die Menschen, dir ihr sagen, daß sie Hilfe braucht. Es ist eine stete Auseinandersetzung mit Gene und dessen Ratgeber, wie man mit einem Krebsleiden leben und umgehen kann, es ist ein frustrierendes Abwärts hin zu dem Tag, an dem alles enden wird.

Das Buch läßt mich als Leser etwas ratlos zurück. Die unterschwellig öfter angesprochene These, die Lebenseinstellung eines Menschen beeinflusse den Verlauf einer Krankheit wesentlich oder sei gar (so sie negativ ist wie bei Dahlia) ursächlich, teile ich nicht. Natürlich wird die Lebensqualität beeinflusst und indirekt mag damit auch u.U. auch eine Beeinflussung des Heilungs- oder Verlaufprozesses verbunden sein, aber mehr auch nicht. Auch das persönliche Schicksal von Dahlia, es ist nicht so selten, daß Ehen auseinanderbrechen, Eltern sich trennen. Was ist also verantwortlich dafür, daß Dahlia (nach äußeren Massstäben) an ihrem Leben gescheitert ist, wo es die große Mehrzahl der Kinder in ähnlicher Lage (mit Schwierigkeiten natürlich, aber immerhin) doch schafft, in der neuen Lebenssituation zurecht zu kommen? Ist Dahlia einfach so besonders angewiesen gewesen auf ein behütendes, harmonisches Elternhaus, daß ihr das Zerbrechen der eigenen Familie, der (lange Zeit nicht eingestandene) Verlust der Mutter die innere Stärke raubt? Ich weiß es nicht, jedenfalls ist Dahlia ihr ganzes kurzes Leben lang auf der Suche nach der Geborgenheit einer Ersatzfamilie und bewegt sich mental dabei in einer inneren Schleife aus Selbstmitleid und Hass.

Ihr letzter Wunsch wird Dahlia erfüllt. Ihre letzten Tage, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit mischen, um dann ins Vergessen zu entschwinden, kann sie zu Hause verbringen.

Facit: ein nicht unbedingt als feinsinnig einzustufender Roman einer an Krebs erkrankten jungen Frau, deren Leben durch viele Verwerfungen geprägt wurde. Wie bringt es Mariki auf den Punkt: Life’s a bitch and then you die.

Nachtrag (24.02.2011): Die ersten zwei Kommentare zur Besprechung haben mich noch einmal in das Buch hineingebracht. Ich habe ja oben geschrieben, daß mich das Buch etwas ratlos zurückläßt… Warum, das ist die Frage. Wahrscheinlich, weil es verstörend ist, mit lieben Ansichten und Wünschen zusammenstößt, sich einen feuchten Kehrricht darum schert….

Fragt man Menschen, die sich schon mal mit dem Thema „Tod: wie will ich mal sterben“ auseinandergesetzt haben, so wird man Sachen hören, wie: in einem hellen Zimmer mit Blick nach draußen, ein Baum vor dem Fenster, vielleicht Musik, Verwandte und Bekannte sind da, die Haustiere eventuell, man hat sich ausgesprochen, ist mit inneren Frieden angefüllt und schläft seinem Ende entgegen, bzw, wenn man religiös ist, dem Übergang in die Ewigkeit. Und Dahlia zerbröselt diese romantische Vorstellung vom Tod, Sterben ist schwer, sterben häßlich, der Körper zerfällt und läuft aus, die Erinnerungen verlassen uns und was bleibt übrig? Ein sabberndes Bündel Hass. Diese Vorstellung macht uns Angst, in Vorstellung, in Unfrieden, angefüllt mit Hass, ungelösten Emotionen sterben zu müssen, verunsichert uns, stößt uns ab, raubt uns den Frieden, beunruhigt.

Elisa Albert
Dahlia
übersetzt von Miriam Mandelkow
dtv, 2009, 300 S.

Charles Bukowski: Hollywood

Februar 20, 2011

Chinaski ist älter geworden, ruhiger auch. Er ist mit Sarah verheiratet, die sich zum Ziel gesetzt hat, sein Leben zu verlängern.. also verzichtet er auf rotes Fleisch, auch die harten Drinks sind weniger geworden, statt dessen Wein und Bier… In seinem überschaubaren Kosmos aus Pferderennen, Trinken und Reden am Abend mit Sarah und danach mit einer Flasche Wein, den Kippen und der Schreibmaschine ins Dichterstübchen bricht eine Anfrage: Chinaski wird gefragt, ob er nicht ein Drehbuch schreiben will! Die dunkle Seite der Macht also, die Welt der Schönen, der Reichen, der schönen Reichen, des Glamours, des Scheins: Hollywood streckt seine verderbte Hand nach ihm aus.

Und der Dirty Old Man läßt sich verführen, ein wenig zumindest. Er sagt zu, die Dollars kann er ganz gut gebrauchen. Und mit den Dollars kommen all die Lasten, die Geld so mit sich bringt… ein Anlageberater berät ihn und – doch, ja… – der 320i gefällt ihm, auch wenn er jetzt nicht mehr durch´s Ghetto fahren kann, weil… na ja, ´n 320i eben… er lernt verrückte Typen kennen, Schauspieler, Produzenten, Regisseure, manche lernt er leiden, manche nicht. Am sympathischsten sind ihm immer noch die, die entweder wortkarg nach einem Wodka verlangen oder die bereit sind, alles zu geben für ihr Ziel, wie sein eigener Regisseur… herrlich die Schilderung der Verhandlungen zwischen Regisseur und Produzent, bei denen eine Black&Decker eine große Rolle spielt oder die Szenerie bei Jon und seinem Bruder und den Hühnern….

Die Entstehungsgeschichte des Films ist ein einziges Auf und Ab. Doch Hank läßt sich dadurch nicht stören, sein eigenes Leben geht weiter, er hängt an nichts, bleibt ausserhalb und hält Distanz, also kümmert es ihn auch nicht, wenn der Film wieder mal gestorben ist noch, daß er Tage später schon wieder reanimiert wurde. Einzig sein Regisseurs Jon tut ihm leid, der wie zwischen Mühlsteinen sitzt und sich doch nicht aufreiben läßt und dessen Hartnäckigkeit und Kompromisslosigkeit es zu verdanken ist, daß das Projekt schließlich doch umgesetzt wird.

Die Filmarbeiten sind für ihn eine kleine Zeitreise, eine gedankliche Rückkehr in die Zeit seiner Jugend, der Sauferei, der Frauen (besonders seiner Freundin Jane), dem Schreiben… die Schlägereien, die er mit Eddy ausficht und die er fast immer verliert und bei denen er aufpassen muss, daß ihn am nächsten Morgen die Müllabfuhr nicht einsammelt…. er erinnert sich an seine Kumpanen von damals, die mittlerweile alle tot sind, und auch er hat sich verändert, wie er sich leicht melancholisch eingestehen muss. Er ist milder geworden, hat mehr Abstand. Zwar kann er die Menschen immer noch nicht leiden und fühlt sich nicht wohl in ihrer Gegenwart, seine Frau Sarah reicht ihm völlig aus. Doch ist die (selbst)zerstörerische Wut aus ihm gewichen, fast wirkt es ein wenig altersweise, wie er sich und seine Umgebung betrachtet…. ein leichter, gutmütiger Humor ist zu spüren, ein wenig Selbstironie versprüht er, der auf einmal Teil der ganzen Scheisse ist, die er bisher verachtet hat. Und wenn schon, denn schon: zur Premiere des Films, der trotz aller Probleme dann doch fertig wird, will er mit einer Stretchlimo fahren, eine „Schlittenfahrt in die Hölle“, wie er zu Sarah sagt, bevor sie eine weitere Flasche Wein köpfen…..

Den Roman zu lesen ist ein Vergnügen, eine Achterbahnfahrt durch ein Biotop, in dem Bukowski zwar nicht heimisch geworden ist und dem er auch nicht verfällt. Aber diesen kurzen Abstecher hinein – ich habe nicht das Gefühl, daß er ihn bereut hat. Es muss ein wenig wie ein Zoobesuch für ihn gewesen sein mit Gratiswein allerorten, allerlei seltsame Charaktere, die er erleben und bestaunen konnte und hinter dem schönen Schein, der nach außen hin zu sehen war, waren die Typen dieser glamourösen Branche genauso kaputt wie alle anderen….

Den Film gibt es bei youtube zu sehen, hier ist der Link zum ersten Teil: Barfly. Von dort aus läßt sich leicht weiterfinden. M.R. gefällt mir übrigens als Bukowski überhaupt nicht, dieses glatte Gesicht verbinde ich einfach nicht mit Buk, das passt einfach nicht….

Facit: nachdem mir das Liebesleben nicht so gefallen hat, hat mich Bukowski mit diesem Roman wieder auf seine Seite gezogen.

p.s.: ich bin richtig glücklich, daß ich noch soviele „alte“ dtv-Bände habe mit den Umschlaggestaltungen von Piatti (wie das obige Cover zu Hollywood). Damals hatten die Büchlein noch Charakter, die jetzigen dtvs fallen dagegen doch stark ab, sind leider zur optischen Massenware geschrumpft…

Charles Bukowski
Hollywood
übersetzt von Carl Weissner

„Reise im Mondlicht“, dem bleichen Herrscher der Nacht. Die Nacht, die Dunkelheit, das Reich der Schatten, auch der Tod kommt so oft in der Nacht, so wie Hypnos sein kleiner Bruder. Thanatos und Eros, Tod und Liebe, die Pole des Lebens. Sehnsucht nach Liebe und „le petite morts“, wo sie eine Verbindung eingeht mit dem Tod, eine kleine nur, eine kleine, ach so kurze Lösung von der Erdenschwere, eine Erlösung von aller Last. Wer hätte nicht die Sehnsucht danach, zumindest schon mal gehabt, nicht nach dem Sterben wie einer der den Tod aus Kummer sucht, sondern den Tod als Zustand der Loslösung, der Befreiung, der Leichtigkeit…. Hier, in diesem Roman des Ungarn Szerb ist es Mihály, der auf der Suche ist nach dem Geschwisterpaar Eva (Eros) und Támas (Thanatos), denen er sich in der Kindheit verschrieben hatte, um sie dann später zu verlieren. Aber der Reihe nach….

Mihály und Erzsi unternehmen ihre Hochzeitsreise nach Italien. In Venedig aber schon üben die Gässchen auf Mihály einen unwiderstehlichen Reiz aus, sie saugen ihn förmlich ein und wecken das in ihm, was er zu überwinden trachtet, die Träume der Kindheit werden wieder geweckt, ihre Gestalten nehmen wieder Kontur an. In gleichem Mass erkennt er, daß er mit Erzsi nicht viel gemein hat, nicht viel teilen kann, die Mosaiken in Ravenna schaut er sich alleine an, in Erinnerung an Eva, der Freundin längst vergangener Jugendtage. Und obwohl er es abstreitet, ist es klar, daß er diese Frau liebt und nicht seine, daß diese Frau über ihn herrscht, denn er ist immer schon das Opfer gewesen, der, der stirbt, gemordet wird, gemeuchelt, dahinsinkt von der Hand eines anderen in ihren Spielen in der Kindheit und Jugend. Eva und Támas, ihr Bruder, dominierten die Jugend von Mihály. Zusammen mit zwei anderen Jungens sonderten sie sich ab, spielten in riesigen Elternhaus der Geschwister, schufen sich eine irreale Welt aus eigenen Regeln, die der Todessehnsucht verschrieben war.

Mihály verliert seine Frau auf der Reise. Während eines Halts steigt er aus um sich zu erfrischen, sieht den abfahrenden Zug und springt auf – allein, es ist der falsche Zug, in die falsche Richtung. Ein Wink des Himmels? Wie auch immer, er nimmt das Schicksal an und fährt weiter, ohne seine Frau, durchquert Italien und seine poetischen Landschaften, läßt sich treiben wie ein Blatt im Wind. Die Sinnkrise hat ihn gepackt, er blickt auf 15 vergebliche Jahre zurück, in denen er versucht hat, sich anzupassen an bürgerliche Lebensweisen und die ihm zutiefst zuwider waren. Hier jedoch, in Italien, spricht alles zu ihm, jeder Baum, jedes Haus, jede Gasse… Und doch herrscht Unruhe in ihm, große Unruhe. Durch einen Zufall findet er einen weitbekannten Mönch und erkennt in ihm einen Jugendfreund aus lang vergangenen Tagen. Dieser rät ihm, nach Rom zu fahren, der Stadt der Städte. Dort würden seine Fragen eine Antwort finden.

Und so fährt er nach Rom und durchstreift die Stadt, zu der alle Wege führen und in der er nach Tagen Eva wieder findet. Eva muss ihm von Tamas erzählen, dem sie geholfen hat, denn dieser, genauso verzweifelt an der bürgerlichen Existenz wie Mihály, jedoch im Unterschied zu diesem kein Opfertyp, sondern ein Handelnder, hat sich befreit, hat sich seine von jeder Religiosität ungetrübten Todeswunsch erfüllt mit Hilfe der Schwester. O ja, dies will auch Mihály so halten und auch er bittet Eva, ihm zu helfen. Doch ausgerechnet in der von ihm festgelegten Todesnacht muss er ein Versprechen einlösen, daß ihn hindert, zu seinem eigenen Tod zu kommen….

Die normative Kraft des Faktischen… Mihály, das Opfer, wird von ihr eingefangen, es ist ihm nicht gelungen, sich zu befreien. Eva ist endgültig verloren für ihn, sie ist nach Indien abgereist. Er ergibt sich in das offensichtlich Notwendige, reist nach Ungarn zurück, willigt in die Trennung von Erzsi ein und arbeitet wieder in der der Familie gehörenden Fabrik. So kommt er wieder dort an, wo er seine Reise einst begonnen hat, nichts hat sich verändert für ihn: „Wieder würde er versuchen, was ihm 15 Jahre nicht gelungen war: sich anzupassen.

Szerbs Roman ist vieles, eine Reise durch Italien mit stimmungsvollen Bildern und melancholischen Szenen, eine Reise durch die Seelenlandschaften vor allem von Mihály, aber auch anderer, gespickt mit lesenswerten Passagen über die Todessehnsucht und das Verhältnis von Tod und Religion. Es ist eine Reise im Mondlicht, fahl, düster, bedrückend, vom Untergang, dem Verfall gekennzeichnet… die Geister, die vom hellen Sonnenlicht verscheucht werden, hier finden sie sich ein und quälen den Sinnsuchenden…. Mihály, um an den einleitenden Absatz anzuschließen, kann Eros nicht halten, die Liebe entgleitet ihm in unerreichbare Ferne und Thanatos.. es fehlt ihm der Mut, es ist nicht sein Weg, sein Weg ist der, Opfer zu sein, diesmal seiner eigenen Unentschlossenheit, seinem eigenen Unvermögen, sein Schicksal selbst zu gestalten.

Ich habe mich jetzt in meiner Buchvorstellung auf das Schicksal von Mihály beschränkt, natürlich durchlebt auch Erzsi ihr eigenes Schicksal, ihre eigenen Abenteuer. Andere Personen, die uns Szerb plastisch und meisterlich schildert und die einer Erwähnung wert wären, gibt es zuhauf.. sei es nun die Italienerin Vannina, der geheimnisvolle Perser, das Schlitzohr Janos, der fünfte im Bund der Jugendclique oder Zoltan, der Ex von Erzsi…. oder Waldheim, dem Szerb sehr interessante Ausführungen über den Tod in den Mund legt. Ervin, der zum Katholizismus konvertierte Jude, der als wundertätiger Mönch stirbt, auch er eine weitere Figur im Szerbschen Kosmos.

Facit: dem optimistischen Menschen mag das Buch langatmig und gedankenschwer erscheinen, der sich selber Suchende mag sich hier wiederfinden, zumindest in den Fragen und Themen.

Antal Szerb
Reise im Mondlicht
übersetzt von Christina Viragh
dtv, 260 S.

Der Hirbel ist ein kleiner Junge mit dünnem Haar und viel zu klein ist er für sein Alter, denn er sieht wie sechsjährig aus, ist aber schon fast 10 Jahre alt. Bei seiner Geburt ist irgendwas passiert, der Arzt hat ihn am Kopf verletzt, als er ihn mit der Zange aus dem Leib der Mutter geholt hat. Seine Mutter will ihn nicht und so kommt er schließlich in ein Heim. Aber auch dort weiß man nicht richtig mit ihm umzugehen, denn der Hirbel ist nicht so wie die anderen. Er hat Schwierigkeiten, die Worte für Sachen zu finden und aus den Worten Sätze zu machen, er hat viele Kopfschmerzen und oft weiß er sich anders nicht zu helfen als in den Schrank zu kriechen und dort im Dunkeln Schutz zu suchen. Und schreien kann er laut und lang, so laut und lang, daß alle anderen davon fürchterlich genervt sind. Manchmal prügelt er sich auch und der Hirbel ist so stark wie er klein ist, er macht den anderen Kindern Angst. Das Fräulein Maier aus dem Heim, das mag ihn, sie kümmert sich ein wenig um ihn, aber der Hirbel ist misstrauisch, zu oft hat er schon gemerkt, wie oberflächlich Erwachsene sein können, wenn sie freundlich zu ihm sind.

Der Hirbel ist nicht dumm, er ist nur anders schlau als die anderen. Schnell lernt er, was die Psychologinnen von ihm hören wollen, damit sie zufrieden sind mit ihm. Und er merkt schnell, wer ihn leiden kann oder nicht, und dann weiß er sich auch zu wehren, nicht mit Schlägen, sondern indem er die anderen entlarvt, ihnen Fallen stellt, in denen sie sich verheddern. Und so lernt er all die Sachen, mit denen er in einem Heim überleben kann. Und singen kann er, der Hirbel, besser als alle anderen, singen kann er wie ein Engel….

Der „Hirbel“ ist ein trauriges Buch ohne Happy End, ganz im Gegenteil. Härtling läßt an keiner Stelle des Buches Zweifel daran, daß die Umwelt des Hirbel, damit also unsere ganze Gesellschaft (das Buch wurde 1973 erstveröffentlicht), nicht in der Lage ist – oder auch willens – mit Menschen, die wegen einer Behinderung oder Krankheit anders sind, umzugehen. Die gesellschaftliche Lösung ist es eben, diese in ein Heim zu bringen, wegzusperren, zu verwalten, damit Ruhe ist. Für die menschliche Lösung, mit Liebe und Geduld sich dieser Menschen anzunehmen, steht Karolus, der für kurze Zeit ein Hoffnungsschimmer für den Hirbel ist, weil dieser schon andere Kinder aus Heimen zu sich geholt und zu seinen gemacht hat. Aber Karolus hat keinen Platz mehr für noch mehr Kinder und so verfliegt die Hoffnung des Hirbel auf ein besseres, liebevolleres Leben.

Menschen, die anders sind, machen Angst, weil oft auch einfach die Kommunikation schwierig ist, man versteht nicht, was sie wollen, was sie fühlen, wie sie denken. Und das, was Angst macht, will man weghaben, nicht mehr sehen…. so wie die Edith in dem Buch versucht, dem Hirbel was anzuhängen, damit er endlich weggebracht wird.

Einmal läuft der Hirbel weg (also, weglaufen tut er schon öfters…) aber dieses eine mal stößt er auf eine Herde Schafe und er versteckt sich bei ihnen in der Nacht und er schläft inmitten der Tiere und die wütend kleffenden Hunde finden ihn nicht, nur am Morgen dann der Schäfer. Er fühlt sich geborgen in dessen Armen, da dieser den federleichten Knaben den Weg in das Heim zurückträgt. Bedenkt man, daß das Lamm immer auch ein christliches Symbol ist für Jesus, das Lamm Gottes und Christus selbst als der „gute Hirte“ bezeichnet wird, könnte man in dieser Szene einen Bezug dazu herstellen, daß eine Rückbesinnung auf die Werte des Christentums notwendig ist, um den „Hirbels“ Geborgenheit und Schutz geben zu können…..

Facit: Das Buch ist wunderschön geschrieben, in einer erwachsenen Sprache, die aber für Kinder verständlich ist. Der Inhalt wird für Kinder schon schwieriger sein, auch muss man vllt berücksichtigen, daß seit dem Erscheinen des Buches und heute knapp 40 Jahre vergangen sind. Jedenfalls denke ich, daß das Buch von Kindern nur mit gründlicher Begleitung gelesen werden sollte.

Link:

Wenn man sich ein bischen Mühe gibt, versteht man auch den Text .. in dieser gespielten Adaption für Kinder auf youtube

Peter Härtling
Das war der Hirbel
SZ Junge Bibliothek Band 27, HC, 2006, 79 S.

„Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.“

Mit diesem Bekenntnis, das Bukowski seinem alter ego Henry „Hank“ Chinaski in den Mund legt, beginnt der Roman. Mitleid ist jedoch fehl am Platz, denn genau dieser bedauernswerte Umstand ändert sich für Hank abrupt und wird zum Inhalt des Romans, der sich dann eigentlich nur noch um Sex und Alkohol dreht.

Chinaski lebt in einem heruntergekommenen Viertel von Los Angeles, seine Schriftstellerei hält ihn finanziell halbwegs über Wasser. Öfter wird er zu Lesungen in ganz Amerika eingeladen. Damit geht es ihm besser als vielen anderen Menschen in seiner Umgebung. Mit dem Wiedersehen von Lydia Vance, einer Bildhauerin, die er von früher kennt, tritt auch die Weiblichkeit wieder in sein Leben ein, furios und mit einem Anflug von Wahn, die Szenen, die Linda produziert, sind mit „emotional“ nur unzureichend beschrieben. Aber Linda ist nur die erste von vielen Frauen, die auf den folgenden gut 430 Seiten in Erscheinung treten.

Hank ist ein ungepflegter, wenig umgänglicher Mann, er vermeidet den Kontakt mit Menschen, seine Lieblingsbeschäftigung ist saufen ohne Ende und an den Frauen interessiert ihn nur das, was man auf den ersten Blick sieht, das, was rund und prall hervorsteht. An Bindungen ist er nicht interessiert, nach den ersten Tagen im Bett fürchtet er die Macken zu erkennen, die jeder Mensch hat und die die Frau für ihn abstoßend machen. Sex ist das, was er will (Bukowski schrieb diesen Roman zwei Jahre vor der ersten Beschreibung eines AIDS-Kranken 1981). Und so läuft es immer gleich, egal wo er auf eine Frau trifft, die ihm die Hormone schwellen läßt: stupide Kontaktaufnahme, etwas zusammen trinken, die Beine aneinanderreiben, weitertrinken, die Hand auf Knie legen und unter den Rock, mehr trinken, den Kopf nach hinten ziehen/biegen und küssen, noch was trinken und dann schaut Chinaski zu, daß er ihn reinkriegt. Es wird gepumpt und gestoßen bis er kommt oder (bei zuviel Alk) auch nicht, dann wird sich heruntergerollt und geschlafen. Das ist das Schema. O nein, wie konnt ich nur vergessen, kotzen gehört natürlich auch dazu…. alles in allem also ein richtiger Unsympathling. Nun könnte man meinen, er würde die Frauen ausnutzen, aber das ist nicht unbedingt so. Im Rahmen seiner Möglichkeiten ist er durchaus großzügig und es sind auch oft die Frauen, die seine „Bekanntschaft“ suchen. Es sind aber auch Frauen darunter, die mehr für ihn empfinden und da regt sich ganz hinten bei Chinaski auch eine Art schlechtes Gewissen, ein Bewusstsein darüber, wie er Gefühle missbraucht und mit Menschen spielt. Und so wächst er auf der letzten Buchseite förmlich über sich hinaus. Obwohl er glatt noch drei oder vier Stunden Zeit hätte bis Sara zu ihm kommt, lehnt er ein eindeutiges telefonisches Angebot eines weiblichen Fans ab…. ja, das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind.

Beziehungsunfähig wie er ist, sind Frauen für ihn Objekte seines Sextriebs (wie das mit den anfänglich erwähnten vier Jahren Handbetrieb zusammenpasst, weiß ich nicht…), vorgeschoben auch das Pseudoargument, er würde nur das Wesen der Frau recherchieren, ihre Art und Eigenheiten, etwas, was er für seine Schriftstellerin braucht.

„Ich habe dich in der Küche gehört, wie du heimlich noch ein paar gegtrunken hast. Warum hast du das gemacht?“ – „Weil ich Angst vor dir hatte, nehem ich an.“ – „Du und Angst? Ich dachte, du bist der große harte Trinker und Frauenheld?“ …. „Ich hatte Angst. Meine Angst ist der Treibsatz für meine Kunst.“

Ich denke mal, das ist genau der Punkt: Chinaskis Angst vorm Leben mit allem, was dazu gehört. Vor Gefühlen, vor Bindungen, vor Verantwortung, vor Konflikten und Kompromissen. Angst davor, sich einem anderen Menschen zu öffnen, ihm Zugang zu sich selbst zu gewähren. Stattdessen nimmt er, was er bekommen kann, wohlwissend, daß er für mehr zu schwach ist. Der Erbärmlichkeit dieses Lebens ist er sich durchaus bewusst:

„Du meinst, du lebst nur, um zu schreiben?“ – „Nein, ich existiere bloß. Und später versuche ich mich an ein paar Dinge zu erinnern und sie aufzuschreiben.“

Trotz dieser Erkenntnis findet er nicht den Weg, dies zu ändern. Alkohol und Sex, er will beide Drogen (auch wenn sie nicht immer reibungslos zusammenpassen), um dem Leben zu entfliehen. Den Konflikt, den er sieht, aufzulösen, schafft er nicht, auch wenn gegen Ende des Romans eine leichte, von Selbstmitleid nicht freie Reflexion seine Tuns einsetzt. Ansonsten ist er, was seine emotionale Reife angeht, nicht allzweit entwickelt. Auf diesem Videoclip zum Beispiel erinnert er mich in der Art und Weise, wie er die Frau vom Sofa wegtritt mehr an einen trotzköpfigen, jähzornigen Dreijährigen als an einen erwachsenen Mann….

Die Werke von Bukowski sind generell stark autobiographisch. Das macht es schwierig, sie zu interpretieren, man sieht, wenn man von Chinaski liest, immer Bukowski vor dem geistigen Auge. Wo endet das Biographische, wo beginnt das Fiktionale? Es ist schwer zu unterscheiden, er selbst schreibt dazu:

„Ich wette, du kennst eine Menge Frauen“, sagte Hilde. „Wir haben deine Bücher gelesen.“ – „Ich schreibe Fiktion.“ – „Was verstehst du unter Fiktion?“ – „Daß man das Leben ein bischen interessanter macht, als es in Wirklichkeit ist.“ – „Soll das heißen, du lügst?“, fragte Gertrud. – „Ein bißchen. Nicht allzuviel.“

Belassen wir es dabei.

Wäre ich neulich abends nicht zu müde gewesen, mir etwas interessanteres aus dem Regal zu holen, hätte ich mit dem „Das Liebesleben der Hyäne“ meine lange vernachlässigte Kategorie „aus.sortiert“ mal wieder bestückt. Andererseits, das muss man Bukowski (und seinem Übersetzer) lassen, er liest sich gut, ist auch in gewissem Sinn unterhaltsam (wobei die stete Wiederholung immer derselben Verhaltensschleife speziell im Liebesleben dann doch langweilig wurde). Szenisch geschrieben mit vielen Dialogen kann man den Text an sich vorbeirauschen lassen und in einer Art Kopfkino sich einfach irgendwo auf einen Stuhl im Hintergrund setzen und zuhören bzw. -sehen… und hie und da ein Nickerchen machen, man versäumt ja nicht allzuviel…

Facit: Dieser Roman des „Dirty old man“, so wie sich Bukowski ja auch selber bezeichnet, ist eher die Endlosschleife eines altersgeilen Alkoholikers auf der Flucht vor allem und jedem… für mich enttäuschend, da ich seine Romane früher sehr gerne gelesen hatte. Aber vllt hatte ich auch nur das falsche Buch erwischt, mittlerweile habe ich mir „Hollywood“ von ihm rausgesucht, der läßt sich dann doch besser an…

Anmerkungen:

  • Auch in der suite 101 gibt´s ´ne Besprechung des Buches
  • Als altes Lesezeichen der oben mit Cover abgebildeten Ausgabe von Kiepenheur&Wisch lag eine Fortran-Lochkarte zwischen den Seiten. Eine nette Erinnerung…. Kennt man sowas heutzutage eigentlich noch?

Charles Bukowski
Das Liebesleben der Hyäne
übersetzt von Carl Weissner

So. Jetzt sitz ich hier und stell einen Gänsekrimi vor. Nachdem die Schafkrimis an mir vorbeigegangen sind, obwohl da der Bezug offensichtlicher gewesen wäre. Nicht, daß jene nicht im Regal stünden, aber sollen sie doch dort noch ein wenig warten… Frau H, die Buchhändlerin meines Vertrauens, kam heute auf mich zu: „Was ich Sie mal fragen wollte, könnten Sie mal ein Buch für mich lesen?“ – „Ja, klar.“ … und so sitz ich jetzt hier und stell einen Gänsekrimi vor.

Aber es gibt eine Überraschung: das Büchlein ist recht kleinformatig, es sind kurze Kapitel, zum Teil sind sie ganz witzig geschrieben, ein paar ornithologische Facts kann man auch daraus schöpfen, ohne daß es gleich belehrend wirkt und in toto liest es sich ganz flott, so flott, wie es eben geschrieben ist. So revidier ich daher mein obiges Vorurteil, zumindest, was die Lesbarkeit angeht…

Worum geht es in dem Buch? Die Handlung ist auf einem Campingplatz am See angesiedelt bzw. dem davor liegenden Gewässer, dieses besiedelt von Gefiederträgern aller Art (.. so auch von Zeitungsenten, die für die Verbreitung der News zuständig sind….). Und einer der ihrigen wurde schändlich ermordert, der Reiher Neptunus. Da Vögel auch nicht anders sind als Menschen, hebt das große Palaver unter ihnen an, wer und wie und wo und warum und überhaupt ist ein Untersuchungsausschuss zu bilden. Spätestens jetzt ist es Tom, dem Grauganter klar, daß er eingreifen muss, denn a) mit dem Ausschuss, das wird eh nichts und b) hat er durch fleißiges TV-Studium von Magnum und CSI Las Vegas eine gewisse Vorbildung für die Aufklärung von Verbrechen. Und so macht er sich mit seinem Kumpel Roi, dem verfressenen, immer sein Gefieder trocknenden Kormorankumpel auf, Zeugen zu suchen und zu befragen….. ach, wenn´s nur so einfach bliebe… weitere Leichen tauchen auf und als dann auch ein Unbefiederter dran glauben muss, treten auch die Humansheriffs auf den Plan. Nun haben die Gefiederten den großen Vorteil, daß sie die menschliche Sprache verstehen, wenn sie sie auch nicht sprechen, zudem sind sie recht unauffällig, zumindest würde niemand der Flügellosen vermuten, daß sie vom ermittelnden Ganter, der unter dem Deckmantel der Verfressenheit immer in ihrer Nähe weilt, belauscht werden.

So jagt denn auch ein Vedächtiger den Nächsten, es geht in rasantem Tempo durch die Geschichte und – wie soll man sagen: Ente gut, alles gut, nein passt nicht so ganz, eher: Gans gut, dann Ente gut und alles gut…. denn die Humansheriffs können zwar viel ermitteln, tappen aber, was das entscheidende Beweisstück angeht, im Dunkeln und wenn überhaupt kann es nur Tom mit Hilfe seiner gefiederten Freunde finden…..

Als Krimi ist das Geschichte eine typische „Whodunnit“, das Verbrechen ist klar (was red ich im Singular, ganze Abgründe an Verrat und Betrug tun sich auf…), es gibt Verdächte en masse und mühsam ist des Ermittlers Arbeit. Daß Bergrath die Haupthandlung von den Gefiederten tragen läßt, gibt ihr Gelegenheit für den einen oder anderen Seitenhieb auf menschliche Eigenheiten, es läßt ihr auch den Spielraum, um über z.B. Missverständnisse sprachlicher Art dem Handlungsfaden einen zusätzlichen Kick zu geben. Akzeptiert man also die Grundidee, einem menschelnden Ganter die Hauptrolle zu überlassen, hält man einen Krimi in der Hand, der mit hohem Tempo und relativ wenig Anstrengung locker zwischendurch gelesen werden kann, ohne daß jetzt an tiefgründige existentielle Fragen gerührt wird. Wer jedoch mit diese „fabulösen“ Ansatz nichts anfangen kann (so wie im Grunde ja auch ich), der findet im Regal mit Sicherheit auch anderes an Lektüre, das ihm die Zeit unterhaltsam ausfüllen kann…..

Facit: wenn man´s mag, eine locker bis witzig geschriebene Unterhaltungslektüre für zwischendurch, wenn man „Krieg und Frieden“ gerade beendet hat und mit dem „Ulysses“ noch bis morgen warten will…..

Karin Bergrath
Tod im Anflug
Scherz Verlag, 2011, HC, 304 S.

Der Erstkläßler Robert wacht eines Nachts auf und alles ist dunkel um ihn herum, er kann den Mond nicht mehr sehen, die Fenster nicht und auch die Straßenlampen. Auch am nächsten Morgen bleibt für ihn alles dunkel, niemand knipst das Licht an. Und die Eltern sind völlig begriffsstutzig, sie verstehen einfach nicht, was mit Robert passiert ist. Und als sie es dann verstehen, fahren sie sofort mit Robert ins Krankenhaus, wo man ihnen aber nicht helfen kann. In der ganzen Aufregung bleibt Robert als einziger vernünftig und überlegt, er ist es, der das Wort ausspricht: „Ich bin blind!“. Erst langsam wird ihm klar, was das für ein Katastophe ist, die er erlebt. Und da taucht sein unsichtbarer Freund auf, der nicht nur nichts sehen kann, sondern auch noch farbenblind ist…. dieser unsichtbare Freund macht Robert Mut, mit ihm zusammen traut er sich wieder Sachen zu machen, während ihm die Erwachsenen vor lauter Rücksichtnahme und Vorsicht alles verbieten und abnehmen. Noch nicht mal im pinkeln darf er im Stehen, sie nehmen ihn, und setzen ihn dafür auf die Klobrille….

Das Buch erzählt auf sehr kindgerechte Art und Weise, daß Blinde (Behinderte allgemein) zwar in diesem und jenem Fall Hilfe und Rücksichtnahme brauchen, daß sie aber ansonsten ganz normale Menschen sind, die ganz normal behandelt werden wollen. Robert will also nicht im Rollstuhl ins Krankenhaus gefahren werden oder seine Hamburger kalt zu Hause essen müssen und auch in die Schule will er gehen, es ist ja seine Schule und seine Klasse, da hat er seinen Platz. Der unsichtbare Mann (der in der Geschichte ganz real in Erscheinung tritt) ist der Gegenpart zu den übrigen Erwachsenen: er traut sich und macht Robert Mut, zusammen suchen sie sich einen Stock, malen ihn „weiß“ an (wie findet man unter all den Dosen die mit der weißen Farbe???), stolpern in die Schule und wollen dort am Unterricht teilnehmen.

Und dann lernt Robert auch noch Lovisa kennen, ein blindes Mädchen und sie erkunden ihre Gesichter und beide sind froh, daß es sie gibt. Daß Robert dann außerdem noch ein richtiges Abenteuer erlebt und erfolgreich besteht, erwähn ich nur…..

Ich habe das Buch heute in „meiner“ 2. Klasse vorgelesen, d.h. einiges gelesen, einiges dann zwischendurch erzählt. Da die Klasse das Thema „Behinderungen“ behandelt hatte, war meine Wahl auf dieses Buch gefallen. Insgesamt hat die Lesung über eine Stunde gedauert, und die Kinder waren die ganze Zeit sehr aufmerksam und konzentriert. Viele auch nachdenklich. Nach manchen Abschnitten haben wir über den Inhalt geredet, was es wohl bedeuten könnte („Was der Dichter uns mit seinen Worten sagen wollte“ *grins*), ich denke, das ist notwendig, um den Kindern sozusagen die Moral der Geschichte entdecken zu lassen. Frau Z., die Lehrerin, wird das Thema jetzt noch nacharbeiten in kleinen ersten Aufsätzen/Nacherzählungen zu einzelnen Situationen (Aufstehen, Anziehen, Frühstück, Schulweg, Arztbesuch u.ä.) und das ein oder andere Bildchen wird auch gemalt werden….

Facit: meine Skepsis wegen der Länge der Geschichte war unbegründet, die Kindern haben sehr gut mitgearbeitet und konzentriert zugehört. Ich bin sehr zufrieden!

Niklas Radström
Robert und der unsichtbare Mann
übersetzt von Angelika Kutsch, illustriert von Karoline Kehr
rowohlt (rotfuchs), 1999, 124 S., ab 8 Jahre

„Wir haben den Grund der Dinge berührt.
Wir haben uns selbst bis auf den Grund erkannt.
Wir haben die anderen bis auf den Grund erkannt.“

Georges Hyvernaud sind keine Illusionen geblieben. Von 1940 bis 1945 war er in deutscher Kriegsgefangenschaft und lebte in einem Lager, in einer Welt ausserhalb der Welt, in einer Welt, in der die Bewohner nur noch Zahlen waren, die beim Appell addiert wurden und die richtige Summe zu geben hatten. Stumpfsinniges Antreten zerlumpter Gestalten auf dem Appellplatz, Fünferblocks, Addition des Wachmanns und nochmaliges Zählen. Stundenlang. 440 Schritt ist die Welt des Gefangenen groß, dann ist er auf seinem Rundgang wieder da, wo er angefangen hat. Eine Zahl auch der Gefangene, eine Nummer nur noch, keine Name mehr, keine Papiere mehr, auf denen er nachlesen kann, wer er mal war. Gezählt wurde auch im Nachbarlager, bis 300, dann war die Grube voll, die Gefangenen, die – kaum erahnbar woher sie die Kraft dazu nahmen – die Karren bis zur Grube schobenzogenzerrten, wurden in die knapp bemessene Grube befohlen, die Leichen zusammen zu treten, auf daß man die Grube schließen konnte. 300. Keine mehr, keine weniger.

Alles verliert an Bedeutung, nichts bleibt unterscheidbar. Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag, es ist nicht mehr zu unterscheiden, Zeit läuft im Kreis, keine Handlung strukturiert sie. Gefangen in einem weißen, schleimigen Kontinuum, zur Untätigkeit verbannt. Der Gefangene ist immer in Gesellschaft, das ist ihm das Schrecklichste mehr noch als der Hunger. Tagsüber wie nachts, nie ist er allein, er wird Teil einer sich langweilenden, dem Wahn zuwendenen, ums Essen streitenden, ausscheidenden, streitenden Masse. Selbst die Latrine ist kein Ort, um sich wenigstens für Minuten zurückzuziehen, 16 Mann hocken dort in gemeinsamem Gestank und Geräusch, umflossen vom Urin der Pissenden, auf verschmutzten Brettern, um sich zu entleeren. Säcke voller Gedärme, die aufnehmen und ausscheiden, aufnehmen und ausscheiden. Das, was bleibt, wenn man alles genommen bekommt, aber noch soviel behält, das man am Leben bleibt und sich um die dünne Suppe, das harte, schimmelige Brot streiten kann. Aufnehmen und ausscheiden.

Der Krieg, das Lager, ist kein Ort des Heroismus, der wirkliche Krieg unterscheidet sich vom Krieg, von den Schlachten, die die Historiker beschreiben und erklären in Diagrammen, Pfeilen und Skizzen. Den Krieg des Soldaten beherrschen andere Sachen, dessen „Wahrheit heißt Hunger, Zwang, Angst, Scheiße.„. Er hat nichts zu tun mit den verklärenden Denkmalen früherer Kriege, dem Postkartenkitsch, den man auf den Plätzen der Städte findet. Der wirkliche Krieg, das sind die zerfetzten Leichen, die Verwesenden im Feld, das vergossene Blut, die Angstschreie…

Der Kriegsgefangene kehrt nach dem Krieg zurück, aber die alten Jacken und Hosen passen nicht mehr. Nicht nur, daß sie um den Leib schlottern, es ist ihm unmöglich, sein altes Leben wieder aufzunehmen. Er spielt das Spiel der Verwandten mit, aber er merkt, es ist nicht mehr seins. Er wird vereinnahmt als „unser Gefangener“, vereinnahmt von Menschen, die wohlgenährt und gutgekleidet vor ihm sitzen und mit ihm und seiner Erfahrung nichts gemein haben. Vor ihm, der gesehen, erfahren, gehört, gerochen hat, wie es aussieht, wenn ihnen die Kleidung, das Verhüllende, Schicht für Schicht abgezogen wird, bis nur noch der mit Gedärm gefüllte, am Leben hängende Leib übrig bleit.

Unerwünscht und wie ein fehlgeleitetes Poststück, auf das niemand wartet, hin und hergeschoben wird er auf den Ämtern. Misstrauen schlägt ihm entgegen, angewidert wird er angeschaut, wie er nackt vor dem Arzt stehen muss, um ihm zu versichern, daß er wirklich husten muss und krank ist. Eine Behandlung, die auf seine Würde fast so wenig Rücksicht nimmt, daß sie an das Lager erinnert.

Hyvernaud liefert mit diesem Roman eine schonungslose Abrechnung ab. Nichts bleibt übrig von irgend einer Art von Heldentum oder von edler Gesinnung, die zusammenschweißt und überleben läßt. All das sind Märchen, Mythen, erfunden, um das eigentlich Unerträgliche zumindest in der Erinnerung ertragbar zu machen. Das Lagerleben reißt jedem die Maske vom Gesicht, niemand bleibt der, der er vor dem Krieg, vor der Gefangenschaft war. Abgeschält wie die Häute von einer Zwiebel bleibt das Innerste übrig und wird freigelegt: Das ist die Wahrheit des Lagers, des Kriegs.

Hyvernaud schreibt seinen Bericht in einer sehr nüchternern Art und Weise, die nichtsdestotrotz eine verhaltene, große Wut spüren läßt. Die eine oder anderer Passage, vor allem gegen Ende des schmalen Büchleins, sind etwas langatmig geworden, aber so ist das, wenn die eigene, geschundene Seele sich entlasten will, manches muss einfach – und wenn es in anderen Worten ist – mehrfach gesagt werden, um es abzuladen.

Facit: ein schonungsloser, desillusionierender Blick zurück auf die (psychologische) Situation von Menschen in einem deutschen Kriegsgefangenenlager

P.s.: Wie bei jeder Selbstbezüglichkeit ist es auch hier: Hyvernaud „widerlegt“ sich selbst durch die Tatsache, daß zumindest er nicht nur ein gedärmgefüllter Sack ist, sondern er ein denkender, beobachtender, reflektierender Mensch bleibt. Sonst hätte dieser Roman so nicht entstehen können.

Georges Hyvernaud
Haut und Knochen
übersetzt von Julia Schoch
suhrkamp, 2010, 112 S
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