Hermann Hesse: Siddhartha

Januar 30, 2011

Dieses Buch zu lesen war eine Art Experiment für mich. Vor nunmehr fast oder auch ziemlich genau 30 Jahren las ich es zum ersten Mal, so wie viele junge Leute damals Hesse lasen (wie sieht das eigentlich heute aus, ist Hesse immer noch gefragt?), einen Schriftsteller, der oftmals Menschen in den Mittelpunkt seiner Romane stellte, Suchende, die ihren Platz, ihren Weg im Leben noch zu finden hatten. Siddhartha, seine „indische Dichtung“, war für lange Zeit eines meiner Lieblingsbücher, eines der Bücher, die auf eine einsame Insel mitzunehmen ich ganz sicher nicht versäumen würde… nur: lesen wollte ich es nicht mehr, aus Sorge, den Zauber nicht mehr zu finden, den dieses Buch auf mich ausgeübt hat, die Antworten nicht mehr zu sehen, da ich die Fragen nicht mehr hätte….

Siddhartha, den Brahmanensohn, liebt sein Vater, seine Mutter liebt ihn und Govinda, sein Freund. Den jungen Frauen zaubert er ein Lächeln aufs Gesicht, schreitet er die Straße entlang, an deren Rand sie stehen. Früh übt er sich in der Kunst der Opfergabe an die Götter, in der Fertigkeit der Versenkung und der Rezitation der heiligen Verse, er diskutiert im Kreis der Weisen mit und vollzieht die Waschungen. Und doch ist Unfriede in seinem Herzen, denn er erkennt, daß auf diesem Weg der Brahmanen noch niemand Atman erreicht hat, Atman, die Vereinigung mit des unsterblichen eigenen Ichs mit der Weltenseele, die Aufhebung der Trennung, des Alleinseins, die Verschmelzung und das Einfliessen in den göttlichen Strom.

Und so ertrotzt er sich gegen des Vaters Wille die Erlaubnis, mit den Samanas zu gehen, denen, die im Wald wohnen, denen die Welt Maya ist, eine Illusion des eigenen, begrenzten Willens, denen die Schönheit Blendung ist, die die Gegenstände gering achten und die, welche die Gefühle der Menschen in sich töten wollen. Bei den Asketen lernt er den Schmerz kennen und überwinden, desgleichen den Hunger, den Durst erträgt er bis ihm nicht mehr dürstet, den Schmerz bis er ihn nicht mehr spürt. Er lernt den Atem zu kontrollieren, bis er nicht mehr atmen muss, er lernt den Herzschlag zu beherrschen, bis dieses nicht mehr schlagen muss. Er wird zum Geier in den Lüften und sinkt als Stein auf den Grund des Sees. Seine Seele wird zum faulenden Kadaver am Wegesrand, der verwest und zu Staub zerfällt und doch: nach all der Versenkung, der tiefen Medition, der Entselbstung kehrt er immer wieder zurück in seinen Körper, in sein Ich. Und so erkennt er, daß dieser Weg der Samanas nicht mehr bedeutet als der Rausch des Kutschers vom Reiswein: einzig eine Flucht vorm Ich ist es, nicht aber ein Weg, es zu überwinden. Und da er und sein treuer Govinda die Kunde hören von dem einen, der da ist und der die Erleuchtunge erlangt hat und der die Menschen den Weg lehrt, beschließen Siddharta und Govinda, den Erleuchteten, den Gotama, zu suchen und zu hören.

Und fürwahr, sie treffen Gotama und noch nie sah Siddharta einen Menschen so voller Frieden und Vollkommenheit und er wusste, daß er hier einen sah, der den Weg gegangen ist, der am Ende seines Weges ist, der Vollkommenheit, das Verschmelzen mit Brahman, der Weltenseele erreicht hat. So auch empfindet Govinda, sein treuer Freund seit Kindertagen und Govinda schließt sich dem Gotama an und so soll es auch Siddharta tun, doch dieser verabschiedet sich von seinem Freund. Denn erkannt hat er, daß jede Lehre, jedes Lernen nur für den einen Menschen, der den Weg seiner Lehre gegangen ist, gültig ist und daß er so auch von dem Vollkommenen, dem Gotama, nichts lernen kann, sondern daß er seinen eigenen Weg finden muss.

Dies also ist die Erkenntnis des Brahmanen: Lehre und lernen sind nichtig, führen nicht zum Ziel. Nur das Leben selbst kann Erkenntnis bringen, nicht das hochmütig auf das Leben der Menschen hinabsehen wie die Brahmanen es tun, nicht das Verachten des Lebens als Maya nach Art der Samanas, denn so wie man kein Buch lesen kann, wenn man die Buchstaben, mit denen das Buch geschrieben ist, verachtet und für Maya erklärt, so kann man den Weltenlauf nicht verstehen, wenn man das Leben nicht gelebt und ausgekostet hat. Und so wird ein neuer Siddharta wiedergeboren, ein Siddharta, der die Welt, die der Samana-Siddharta verachtete, zu ersten Mal in ihrer Schönheit sieht, der die Menschen sieht und ihre Arbeit, der beschließt, in der Stadt das Leben zu lernen.

Ein Fährmann setzt ihn über den Fluss (die symbolische Grenze zwischen der spirituellen und der wirklichen Welt) und prophezeit ihm, daß er wiederkehren wird. Aber vorher wandert der nackte, staubige, barfüßige Samana Siddhartha in die Stadt und dort verliebt er sich in den Anblick der schönen Kurtisane Kamala, von der er die Liebe lernen will. Lachend fragt diese den staubigen Bettler, was er denn könne… Denken, Fasten und Warten, das ist es, was der Samana gelernt hat in seinem Leben. Ja, er könne wiederkommen, wenn er gut röche, gut gekleidet wäre und schöne Geschenke hätte, so wird ihm letztlich von der Schönen beschieden, die seine Augen sah, seine vollen Lippen und die seine Kraft spürte und sie spürte auch die Verwandtschaft ihrer beider Seelen. Und sie gibt ihm die Adresse eines Kaufmannes, bei dem er vielleicht arbeiten können, da er, der Brahmane, ja einst, vor langer Zeit, schreiben und lesen gelernt hatte.

Ja, der Kaufmann stellt ihn ein und obwohl selbst weit davon entfernt, ein Kaufmann zu sein, hat Siddharta Erfolg. Er ist geduldig, kann zuhören, hat ein Ohr für jeden, der zu ihm kommt, er geht auf die Menschen ein und ist für sie da. Erfolg ist ihm egal so wie auch Misserfolg bei seinen Geschäften. Die Kümmernisse, die den Kaufmann umtreiben, sind ihm fremd, er betrachtet alles als Spiel, und die Menschen sind für ihn Kinder, die unwichtigen Sachen nachjagen. Doch das Gift des Müßigganges, des Reichtums, des Erfolgs nagt an ihm, im Lauf der Jahre verliert er sein Samana-Wesen, wird ungeduldig, aufbrausend, fängt an zu spielen, Wein zu trinken und erliegt zu guter Letzt sogar der schlimmsten aller Giere, der Habsucht. Selbsthass und Ekel wächst in ihm.

Tief in seinem Inneren spürt er noch eine Erinnerung an den alten, früheren Siddhartha, den Brahmanen, den Samana, den jungen, hochmütigen Asketen, der es einst ablehnte, der Lehre des Vollkommenen zu folgen. Und er speit vor sich selber aus und verläßt nach einer letzten Nacht mit Kamala die Stadt, verläßt seinen Hain, den Garten, sein Haus und seine Diener, läßt alles zurück. So kommt er wieder durch den Wald, durch den er Jahre zuvor staubig und nackt in die Stadt gewandert war und er kommt an den Fluss in seinen feinen Kleidern und er lehnt sich an einen Baum, der über das Wasser reicht und sieht sein Ebenbild sich im Fluss spiegeln und voller Ekel vor sich dünkt ihm, es wäre das Beste, wie ein Stein zum Grund des Flusses zu sinken. Aber das heilige Wort „Om“ erklingt auf einmal in ihm und rettet ihn und er sinkt am Baum nieder und schläft ein, für viele Stunden. Und als er erwacht, sitzt Govinda, der alte Freund bei ihm und bewacht ihn, Govinda, der mit dem Vollkommenen durch den Wald gewandert war und zurückblieb, um den gut gekleideten Fremden, in dem Siddhartha er nicht mehr erkennt, zu bewachen.

Siddhartha läßt sich vom Fährmann übersetzen ans andere Ufer. Und wieder bietet seine Freundschaft der Fährmann ihm an und lädt ihn ein die Nacht in der Hütte zu verbringen und Siddhartha verbringt viele Nächte in der Hütte des Fährmanns und er wird dessen Gehilfe und Gefährte und von ihm lernt er, auf den Fluss zu hören, dem Fluss zu lauschen, eins zu werden mit dem Rauschen des Wassers, seinen Stimmen und Gesichtern.

Nun ist Siddhartha fast am Ende seines Weges, ein alter, etwas wunderlicher Mann mittlerweile, ein Bananenfresser, wie der Fährmann sich und ihn bezeichnet. Er hat das Lernen erlebt und die Lehre und er hat das Leben der Kindmenschen gelebt. Nur eins hat er noch nicht erlebt, die Liebe, dieses stärkste aller Gefühle der Kindmenschen. Noch nicht erlebt hat er Liebe noch daran gelitten, nicht verzweifelt an ihr noch an ihrer Wonne sich erfreut.. doch sein Sohn lernt ihn dies, sein Sohn, den er in jener längst vergangenen Nacht mit Kamala zeugte, jene Kamala, die jetzt in seinen Armen stirbt, von einer Schlange gebissen, auf der Suche nach dem Vollkommenen, der durch den Wald gezogen kam mit einer Schar seiner Mönche.

Doch so wie sein Sohn ein Kind der Stadt ist und Siddhartha ein wunderlicher Alter am Fluss, so kann dieser seinen Sproß nicht von seinem Weg überzeugen, ihm seine Liebe nicht sichtbar machen. Jener empfindet die Güte des Vaters, dessen Geduld und Duldsamkeit als Zwang, als Bevormundung, die er nicht will. Und so wie der junge Siddhartha vor vielen, vielen Jahren dem Vater seinen Weg abtrotzte, so muss der alte Siddhartha unter Schmerz und Leid einsehen, daß auch er seinen Sohn nicht davon abhalten kann, seinen eigenen Weg zu suchen.

Noch einmal treffen Siddhartha und Govinda sich und immer noch ist der Freund auf der Suche nach Erleuchtung, nach der Lehre, die sie ihm bringen kann. Doch Siddhartha kann sie ihm nicht sagen, für diesen gibt es keine Lehre, die man lehren kann, denn das Fassen einer Erkenntnis in Worte bedeutet gleichzeitig, sie zu zerstören, in ein Korsett zu zwängen. Von jeder Wahrheit ist auch das Gegenteil wahr und alles ist in allem enthalten und die Zeit sei eine Illusion, so wunderlich klingen für Govinda die Worte, die ihm sein alter Freund Siddhartha auf den Weg mitgibt. Doch beim Abschiedskuss auf die Stirn des alten Siddhartha mit seinem unergründlichen, fröhlichem Kinderlächeln im Gesicht vergönnt dieser ihm ene Erscheinung und für Govinda öffnet sich etwas wie ein Fenster, in dem er das ewige Rad der Wiedergeburten sich drehen sieht, er sieht den Kreislauf des Vergehens und Entstehens und Govinda weiß, daß er soeben einen alten, wunderlichen Mann geküsst hat, der so vollkommen ist wie es Gotama war.

Der „Siddhartha“ ist eine zeitlose Dichtung, nicht berührt er die aktuellen Tagesfragen noch handelt er vom Weltgeschehen. Er stellt die elementare Frage in den Mittelpunkt, die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Ziel unseres Daseins hier auf dieser Welt. Und er gibt eine sehr schöne Antwort darauf, daß man diese Antwort nur in sich selbst finden kann, daß man nicht einfach sich zu einer Lehre bekennen kann und dann darauf hoffen darf, daß einem die Antwort gegeben wird. Es wird einem nicht einfach gemacht, seine eigene Antwort zu finden, man muss sozusagen den Kelch des Lebens austrinken, vielleicht sogar erst die Frage finden, bis man am Grund des Bechers die Antwort aufblitzen sehen kann und sie sich einem erschließt. Man wird Umwege gehen, das Gefühl haben, in die Irre gegangen zu sein, vielleicht verharrt man auch auf dem falschen Weg, weil die Einsicht fehlt zur Umkehr oder Abkehr… aber solange man auf der Suche ist, besteht Hoffnung und vielleicht ist der Umweg kein Umweg, sondern Notwendigkeit, ist die vermeintliche Irre keine Irre, sondern nur ein Umweg zum Ziel…. solange wir auf der Suche sind und hungrig nach einer Antwort uns selbst entdecken, solange sind wir auf dem Weg… und so ist der „Siddhartha“ auch eine zeitlose Dichtung, denn er enthält Antworten auf Fragen, die es immer gegeben hat und immer geben wird. Ob es die Antworten sind, die Anregungen, die Gedanken, die einen selbst ansprechen, das dagegen muss jeder für sich selbst entscheiden.

So verzichte ich hier auch auf eine Wertung des Buches, auf die Wiedergabe eines persönlichen Eindrucks. Wer aufmerksam bis hierhin durchgehalten hat (es ist mal wieder etwas länger geworden….), wird ihn sich sowieso denken können. Dies Buch ist ein sehr persönliches, jeder, der es liest, wird sich die Antwort, die er auf seine Fragen hat, anders herauslesen, so wie jeder auch andere Fragen hat. Aber letztlich werden alle Fragen einmünden in die letzte aller Fragen, in die Frage, die unser Sein bestimmt.

Keine weiterführenden Links zum Buch, das Internet ist, wie man sich denken kann, voll von Links zum „Siddhartha Hesse“. Nur soviel: wer das schmale Büchlein liest, sollte auch versuchen, die beiden Materialienbände von Suhrkamp zu bekommen, die zum einen einfach interessant sind, zum anderen auch sehr hilfreich, was die Ausdeutung des Textes angeht.

Facit: Ich bin froh, daß ich mich getraut habe, dieses Buch wieder zu lesen. Vielleicht waren die dreissig Jahre Abstand notwendig. und genug.

Hermann Hesse
Siddhartha
Eine indische Dichtung
Erstausgabe 1922

Zur Ausdeutung des Buches gibt/gab (?) es bei suhrkamp zwei Materialenbände:

st 129: Materialen zu Hermann Hesse „Siddhartha“ – Erster Band (Entstehungsgeschichte und Texte aus dem Umkreis)
st 282: Materialen zu Hermann Hesse „Siddhartha“ – Zweiter Band (Zur Deutung, Bedeutung und Auslegung des Buches)

Dieses Buch atmet, es stöhnt und bebt. Wunderschön. [1]

Die 79jährige Ich-Erzählerin, bis vor wenigen Jahren noch Besitzerin eines kleinen Buchgeschäftes, leidet unter Schlaflosigkeit. Auch der Griff ihres Gartengerätes, den sie eifrig konsultiert, kann ihr nicht wirlich helfen, im Gegenteil muss er ihr Frustration des öfteren ausbaden und landet dann hart an der Wand.

Vavrik sucht einen Arzt auf, mit dem sie über ihr Problem reden will, auch über das, bei dem besagter Griff ihr keine tiefergehende Linderung bringt. Und dieser hört sich ihr Anliegen an, rät von teuren Pillen ab und rennt mit seinem Ratschlag bei der sexuellen Phantasien durchaus aufgeschlossenen Dame sozusagen ein offenes Tor ein:

„Und was ist mit Geschlechtsverkehr? Das könnte ihr Problem beheben und wäre wesentlich gesünder.“

Derart bestärkt geht die körperlich noch durchaus ansehnliche Erzählerin in die Offensive: sie schaltet eine Kleinanzeige, mit der sie einen jüngeren Mann sucht. Die Anzeige bleibt (trotz des hohen Altes, das auf Anraten der Anzeigendame etwas reduziert wurde…) nicht ohne Resonanz, es melden sich solche und jene Herren, wobei „jene“ gleich aussortiert werden, da die schriftlich fixierten Angebote über das an, mit und in der Dame geplante sexuelle Feuerwerk nicht richtig zündet. Verständlicherweise.

Es bleiben genug Männer übrig….

Es ist ein Sammelsurium Gerontophiler, mit denen sie in der folgenden Zeit Kontakt bekommt. Vom Jüngling, dem sie neben dem Bett auch noch großmütterliche Fürsorge zukommen läßt über den Knacki, der sie nach 20 frauenlosen Jahren fast durch die Matratze rammt bis hin zu einem Koprophagen, dem sie dann seine Wünsche doch nicht erfüllt – die Naivität, mit der die Erzählering jede neue Bekanntschaft eingeht und zu nach sich zu Hause einlädt, wo sie dann das A und O (in umgekehrter Reihenfolge…) körperlicher Liebe kennenlernt, ist schon erstaunlich. Nachdem dann die erste Welle ungezügelter Liebes- und Leibesfreuden abgeebbt ist, findet sie sich in geordneteren, schwach polyandritischen Verhältnissen wider, nämlich in einem Fünfecksverhältnis….

Soviel dazu.

In den Buchtext eingestreut sind außerdem leicht pornographisch angehauchten Geschichtchen, die Vavrik zum eigenen Vergnügen, aber auch im Auftrag, schreibt. Dem einen mögen sie gefallen, dem anderen nicht.

In stilleren Stunden denkt die Autorin an ihre Vergangenheit. Zweimal unglücklich verheiratet sieht sie – schon zweifache Mutter – zum ersten mal einen nackten Mann, ihren Liebhaber. Das Liebesleben mit ihren Ehemännern war alles andere als aufregend und die letzten 40 Jahre lebte sie ohne Mann. Sie schildert auch die Momente, in denen ihr der Tabubruch, den sie mit ihrem Lustbegehr eingeht, bewusst wird und die alten Reflexe, sprich schlechtes Gewissen, wieder vorkommen. Bis zum Schluss erzählt sie ihren Söhnen nichts von ihrem Doppelleben. Andererseits:

„… sah ich in den Spiegel. Es klingt vielleicht verrückt, aber für mein Gefühl war ich in den besten Jahren. Ich war alt, aber ich sah mir genau das auch an. Während ich früher manchmal richtig verstört gewesen war, wenn ich mein Spiegelbild unversehens in einem Fensterglas oder einen Kaufhausspiegel sah, weil ich von mir selbst ein ganz anderes, viel jugendlicheres Bild hatte, war ich jetzt viel mehr eins mit meiner Erscheinung. Ich gefiel mir. Ich mochte mich. Ich fand mich attraktiv. …. ich spürte das Leben in mir, die Leidenschaft, die Lust auf neue Abenteuer….“

Das Buch von Vavrik kann einem gefallen, muss es aber nicht, literarisch jedenfalls bietet es nichts besonderes. Es spricht jedoch ein Thema an, zugegebenermassen sehr offensiv und für manchen Leser wohl auch aggressiv [5], vor dem sich unsere Gesellschaft drückt, nämlich gelebte Sexualität im Alter und dazu zitiere ich aus einer Kritik von Felicitas von Lovenberg, die letztes Jahr in der FAZ abgedruckt wurde und die ignoranter und diskriminierender eigentlich nicht sein kann. Dort schreibt sie (die hoffentlich nie alt werden wird) nämlich“..mit einem ähnlich nah an der Ekelschwelle angesiedelten Thema für ältere Frauen und jüngere Männer…“ [4].

Wahr ist sicher, daß wir alle durch andere Bilder geprägt sind. Mir kam beim Lesen des Buches unwillkürlich die Courbet-Ausstellung [7], die ich neulich besuchte, in den Sinn. Dieser rief ja seinerzeit auch heftigen Widerspruch hervor, weil er nicht den Archetyp „Frau“ in seiner idealen Vollkommenheit malte wie seine früheren Kollegen (Darstellungen der Eva oder der Göttinnen der Antike mit ihren idealisierten Körpern [6]), sondern reale Frauen mit realen „Problemzonen“ (ich zitiere hier die sehr charmante Führerin durch die Ausstellung). Und genauso sind wir heute durch den Mainstream konditioniert, der ob in Werbung oder z.B. Fotokunst, den jungen, am Ideal orientierten makellosen Körper zeigt, z.T. sogar in der Art mittelalterlicher Malerei (ein Beispiel hier). Fotographen widmen sich nur selten älteren oder gar alten Menschen, so wie es hier z.B. Anja Müller [8] macht und man merkt an sich selbst, wie eingefahren die Sehgewohnheiten sind und wie sehr man sich doch auf solche Aktbilder einstellen und seine ästhetischen Vorurteile überwinden muss. Aber das nur so am Rande als Gedankensplitter…. Und ähnlich festgezurrt sind oftmals die Ansichten über Sex im Alter. Es wird Zeit, das zu ändern und Vavriks Buch ist sicher ein ansehnlicher Paukenschlag zum Thema!

Facit: An dem Buch ist nicht wichtig, was darin beschrieben wurde, sondern, daß es geschrieben wurde.

Links und Anmerkungen:

[1] eine begeisterte Leserin (?)….
[2] ein Fernsehauftritt von E. Vavrik (youtube-Video)
[3] FAZ vom 29. Juni 2010
[4] das „ähnlich nah“ bezieht sich auf Roches „Feuchtgebiete
[5] es ist interessant, sich beim Versandhändler einfach die Kundenrezensionen durchzuschauen, allein deren Überschriften, die das gesamte Spektrum von „Hui“ bis „pfui“ abdecken….
[6] Dürers „Eva“ oder die „Venus“ von Botticelli
[7] Beitrag hier im Blog
[8] „Sechzig plus“ von Anja Müller, Verlagsankündigung (etwas nach unten scrollen)

Elfriede Vavrik
Nacktbadestrand
Ullstein TB, 2011, 188 S., mit Abb.

Das Buch ist der pinke Beitrag zu Alexandras Farbsonnen-Challenge.

Der Ich-Erzähler, namenlos, gedächtnislos. Völlige Amnesie nach einem Unfall aus – im wörtlichen Sinne – heiterem Himmel. Ein reicher Mann danach, ein Mann, dem die Versicherung die titelgebenden 8½ Millionen auszahlt, verknüpft mit der Bedingung, nichts über den Unfall, seinen Hergang zu erzählen oder sonstwie kundzutun.

Natürlich freut sich unser Held, sein Anwalt organisiert alles für ihn, auch einen Börsenmakler, der das Geld anlegt. Alles scheint gut zu laufen, aber Geld allein macht nicht glücklich und auch Catharine, eine alte Bekannte, die ihn besucht, nicht. Denn unser Held fühlt sich nicht mehr echt, nicht mehr authentisch, ein „second-hand“ Leben, in dem er fortan lebt. Durch den Unfall nämlich ist ihm die Fähigkeit abhanden gekommen, einfach zu „sein“, einfach zu „machen“, alles, was er unternimmt, muss er verstehen, in einzelne Schritte zerlegen, deren Abfolge er lernen muss, um sie unfallfrei durchführen zu können. Auch wenn es nur darum geht, eine Karotte in die Hand zu nehmen und zum Mund zu führen. Aus diesem Zwang, zu verstehen heraus, erkennt er, daß alle Menschen um ihn herum nur Rollen spielen, nicht ursprünglich sind, nicht wirklich… nur Robert de Niro in seinen Filmen ist echt, alles an ihm und seinen Bewegungen ist rund und fließend.. was bei näherer Betrachtung nicht verwunderlich ist, denn ein Mensch, der eine Rolle spielt, ist natürlich in einem Film, in dem er eine Rolle spielen muss, authentisch, der Film verlangt das, was der Mensch (in der Sicht unseres Helden) sowieso macht.

Ein Zufallsereignis krempelt das Leben des Erzählers um. Im Bad einer Wohnung, in der er eine ihn ansonsten langweilende Party besucht, sieht er einen Riss im Putz, der in ihm das Bild eines anderen Risses im Putz lebendig werden läßt, den er kennt. Oder kannte. Er hat plötzlich wieder eine Erinnerung, eine Erinnerung an einen glücklichen Ort, einen glücklichen Moment, in der er echt war, authentisch, an dem alles selbstverständlich war.

Er zeichnet den Riss ab, auf einem Stück Tapete, er will ihn verstehen, notiert sich die Farbe des Putzes, jeden Flecken, jede Unebenheit, der Geruch von gebratender Leber fällt ihm ein, er ist glücklich. Und je mehr er sich in seine Erinnerungen fallen läßt, desto mehr kommen wieder. Er weiß nicht wo, aber er weiß, wie das Haus ausgesehen hat, welche Menschen in ihm wohnten, Gerüche, Geräusche, das Licht… der Blick auf das Nachbarhaus… Ein Plan entsteht in ihm, den er fortan mit wachsender Manie verfolgt: er will und wird das Haus seiner Erinnerung um exakt diesen Riss herum nachbauen, die Gerüche und Geräusche darin von den Menschen, die dort wohnten, produzieren lassen, er will das Leben dort, seine Lebensumwelt dort, nachspielen.

Dank der 8½ Millionen, die dank Spekulationsblase ähnlich wie der Fisch bei der Speisung der 5000 nicht abnehmen, ist er in der Lage, alles zu verwirklichen. In Naz findet er einen Menschen, der für ihn die logistische und organisatorische Arbeit übernimmt und der im Lauf der Geschichte ihm immer ähnlicher wird in der Sucht, diese Nachspiele zu organisieren. Denn es bleibt nicht bei dem einen in diesem Erinnerungshaus, andere Begebenheiten, die unserem Helden – warum auch immer – berühren, spielt er nach, läßt aufwendig alles so nachbauen, wie es im Original gewesen ist.

Diese Nachspiele sind für den Erzähler wie ein Paradiesgarten, den er als Schöpfer gestaltet – und er sah, daß es gut war. Er ist glücklich in seinem Nachspielparadies, er analysiert die zugrunde liegenden realen Situationen, bis er sie verstanden hat und choreographiert daraus dann sein Nachspiel. Dies beherrscht er nun ganz nach seinem Willen, er ist der Boss, er gibt das Tempo vor, und zwar ganz im wortwörtlichen Sinn. Er hat die Macht, das Geschehen, das Spiel zu verlangsamen, in der Zeit zu dehnen bis es fast zum Stillstand, es in endlosen Schleifen zu wiederholen und in den besten Momenten spürt er, wie ein Kribbeln sein Rückgrat entlang steigt und ihn mit einem Schauer erfüllt… er wird zum Junkie seiner endogenen Opiate, die ihm das konstruierte Leben, das echter ist als das reale, produziert.

Schließlich nascht unser Held – um im Bild zu bleiben – vom Baum der Erkenntnis. Er geht den letzten Schritt. Nachdem er seine Nachspiele bis dahin immer isoliert von der realen Welt mit Darstellern und nachgebauten Gebäuden nachgestellt hat, geht er zurück in die Realität mit seinem Spiel, in eine Situation, in der die Spieler nicht wissen, daß es kein Spiel mehr ist und die Menschen nicht ahnen, daß es ein Spiel ist, in das sie hineingeraten sind…. Nur daß jetzt alles misslingt, denn das „richtige“ Leben ist chaotisch, das kann man nicht verstehen und so bringt der Zufall, der bisher immer aufs penibelste ausgeschlossen wurde, alle Planung zu Fall, vernichtet sein Paradies. Aber es stört ihn auch nicht mehr, alles ist fließend geworden, die Bewegungen, die Abläufe, die Menschen, echt und unmittelbar, das Kribbeln in seinem Rücken kaum noch zu beherrschen….

8½ Millionen ist ein interessante Buch (oder wie Klappentexterin, der ich die Lektüre verdanke, sagt: „glatter Wahnsinn“) über einen ausser Kontrolle geratenen Menschen, der manisch versucht, die Beziehungen und Relationen zwischen Dingen untereinander und zwischen Dingen und Menschen zu verstehen. Der Erzähler nimmt diesen seinen kleinen Zipfel der Welt auseinander, bis er ihn (vermeintlich) versteht und beherrscht und scheitert doch (auch wenn er dies selbst nicht wahrnimmt), weil seine Erkenntnisse nicht verallgemeinerbar sind, sondern nur gekauft. So wie seine Leute eben, die er engagiert.

McCarthy versteht es, die Ereignisse immer weiter auf die Spitze zu treiben, es ist ein immer schneller werdendes Hinarbeiten auf den Höhepunkt der Geschichte, der gleichzeitig das Scheitern aller Bemühungen ist, weil der Wahn der Protagonisten zur brutalstmöglichen Konsequenz ihres Bestrebens alle Grenzen überschreitet. Glatter Wahnsinn eben….

Facit: ein auf jeden Fall sehr interessantes Buch (wie es ja auch von den berufsmäßígen Kritikern sehr gelobt wird), doch mich hat es eigentlich nicht gepackt, da ich mich nie mit irgendwas in dem Buch identifizieren konnte. Mir sind Bücher, die Beziehungen zwischen Menschen zum Thema haben, offensichtlich doch lieber… Was mir nur noch aufgefallen ist, ist, daß McCarthy diesen strukturalistischen Ansatz seines Helden, die Welt zu verstehen, aus einem verletzten (kranken) Hirn entspringen läßt.. vielleicht ist das kein Zufall….

Tom McCarthy
8½ Millionen
Diaphanes, 2009, HC, 304 S.

Drei Jahre aus.gelesen….

Januar 26, 2011

Sodele, mein blog wird heute 3 Jahre alt!

Das ist für mich selbst schon erstaunlich, denn seit ich im Internet unterwegs bin (und das sind doch schon ein paar Jahre), sind die meisten Sachen, die ich angefangen habe, irgendwann auch wieder eingeschlafen… so nach ein paar Monaten, einem Jahr vielleicht oder etwas mehr hat sich alles wiederholt und eine gewisse Langeweile und Routine schlich sich ein, die dann irgendwann in den Ausstieg mündete.

Routine, ja, die gibt es hier in diesem Blog mittlerweile auch, zugegeben. Habe ich seinerzeit mit dem niedrig gehängten Anspruch angefangen, das Geschriebene im Sinne einer Gedächtnisstütze festzuhalten, hat sich das mittlerweile insofern geändert, als ich mehr persönliche Gesichtspunkte und Gedanken in meine Besprechungen einbringe. Und natürlich hat sich meine Art zu schreiben, ja, Bücher zu lesen, insgesamt geändert. Zum einen merke ich selbst – was durchaus auch kritisch gesehen werden kann – meine Besprechungen immer länger und ausführlicher (andererseits: in meinem Blog bin ich König und muss mich nicht nach anderen richten), zum anderen lese ich mittlerweile viel bewusster und aufmerksamer auch für Zwischentöne… also nicht mehr nur: boay, ey, is ja goil! sondern auch warum dem so ist….

Drei Jahre „aus.gelesen“…. nachdem ich nicht einfach nur Besucherzahlen (wie beim Einjährigen) hier anführen will und ich letztes Jahr aus ähnlichem Anlass eine Liste der nicht gelesenen Bücher gemacht habe, habe ich mir überlegt, daß ich mal ein paar Buchvorstellungen sammle, die mir persönlich – aus welchen Gründen auch immer – besonders gut gefallen. Natürlich kann man das nicht ohne weiteres davon trennen, daß mir auch die Bücher gut gefallen, aber hier bin ich einfach mal ein wenig stolz auf meine eigenen Texte zu den Büchern….. ach ja, die erwähnten Besprechungenn sind über die jeweiligen Coverabbildungen natürlich verlinkt….


Gioconda Bellis Buch hat mich erst einmal wegen des Covers auf sich aufmerksam gemacht, eine poetische Verführung des Mannes (Apfel war gestern….), der ich erlegen bin. Das Buch selbst löst dieses Versprechen ein, eine Geschichte Evas und Adams, die das, was die Bibel unterschlägt, weiterführt und ausmalt. Sicherlich eines meiner Lieblingsbücher, der Besprechung wird man dieses Gefallen anmerken….

Hertha Müller, eine deutsche Literaturnobelpreisträgerin, und damit ein „Muss“. Zumindest „muss“ man es versuchen… ich habe mich lange schwergetan mit ihr, den „Fasan“… habe ich mir noch erkämpft und auch der sich verneigende König war nicht leicht. Aber irgendwann habe ich dann doch den Zugang zu ihr bekommen… Diese Rezension ist für mich natürlich auch deswegen ein Highlight, weil die Meisterin persönlich dort einen Kommentar hinterlassen hat, nicht sehr ausführlich, aber doch sehr aufbauend!

Mit diesem Lob im Rücken habe ich mich dann auch an ihre Atemschaukel begeben und erinner mich noch gut daran, wie diese Buchbesprechung mir richtig gut aus der „Feder“ gelaufen ist. Ich hatte ihre Bilder im Kopf, ihre Gleichnisse, ihren Hunger… in einem einzigen Anlauf habe ich die Rezi geschrieben. Ich habe mir dann in einigem Blogs (auch auf anderen Platformen, z.B. hier ) Beiträge zu Müller angesehen und war ob der Ignoranz vieler doch schockiert. Müller war einfach scheisse, obwohl – gelesen hatte man sie nicht. Aber daß ihre Schreibe nichts tauge, da war man sich sicher. Nobelpreis: Wallraff ja, Müller:… lachen ja die Hühner…. Und doch! Denn es gibt gottseidank auch die anderen, die sich von ihr dann einfangen lassen, trotz anfänglicher Skepsis. So wie hier beschrieben….

„Das Haus“ ist ganz sicher eins der bemerkenswertesten Bücher, die ich in diesen 3 Jahren gelesen habe. Ich habe versucht, in meiner Besprechung etwas von der irren Typologie, der Aufmachung, dem Charakter des Buches, das rein optisch schon ein Augenschmaus ist, einzufangen…. Das geht natürlich nur begrenzt, weil das Buch seeeehr viel mehr bietet…..

Dieser japanische Roman ist sehr düster und pessimistisch, natürlich auch ein wenig skurril… Es gab jemanden, der mir das Buch empfohlen hatte und nachdem er die Besprechung gelesen hatte, meinte, jetzt müsse er es noch einmal lesen… so etwas zu hören, ist schon ein schönes Erlebnis…

Diese kleine Besprechung von Potentes Geschichtensammlung gefällt mir einfach vom Anschauen her gut. Ich habe hier nicht das Cover als Bild genommen, sondern es in seine Elemente aufgeteilt und damit meinen Text strukturiert. Gefällt mir nach wie vor gut und passt sehr gut zum Büchlein….

Der Axolotl… wenn ich meine Ausführungen lese, bin ich immer noch erstaunt, was mir zu diesem für mich nur partiell zusagenden, alles in allem aber recht nichtssagendem Buch so alles eingefallen ist… *gg* In der Summe bin ich daher mit meinen Text zufrieden, und *patsch* schon steht er hier in der Liste…

oje…. Diese Geschichte der kranken Tess hat mich sehr berührt, noch heute bin ich, wenn ich den letzten Absatz lese und an das entsprechende Kapitel im Buch denke, kurz vor der Taschentuchaufnahme….

Bei manchen Bücher versuche ich, den Text in seiner Art, seiner Atmosphäre, nachzuahmen. Es ist dann einfach so, daß ich so schreibe, wie ich den Stil des Autoren empfunden habe, das mache ich garnicht mal bewusst, ich habe mich dann auf ihn eingelesen und der Text kommt so heraus aus meinen Kopf. Kafkas „Prozess“ wäre hier ein weiteres Beispiel….

Sodele, neun Rezensionen der positiven Art habe ich also ausgesucht, Bücher, bei denen ich selbst ein gutes Gefühl habe, aber das sind auch Momentaufnahmen. Würde ich diese Liste in einigen Wochen noch einmal machen, ständen bestimmt ein paar andere Bücher dort… aber das ist egal. Schön sind und bleiben diese Buchvorstellungen für mich allemal, und ich würde mich freuen, wenn sie auch euch gefallen…

Aber natürlich gibt es auch Bücher, bei denen ich mit meinen Besprechungen nicht zufrieden bin. Martensteins Roman über die Heimkehrer nach dem Krieg gehört dazu, hier habe ich nach wie vor das Gefühl, daß ich an einer Diskrepanz zwischen dem, was ich mir von dem Buch erhofft habe und dem, was es vom Autoren her rüberbringen soll, gescheitert bin. Ebenso Némirovskys Suite française.. wobei ich festhalten muss, daß ich generell Probleme habe mit Büchern französischer Autoren (auch wenn ich sie leider nur in Übersetzung lesen kann, selbst dann…). Ich habe das Gefühl, keinen rechten Zugang zum Buch zu finden, ich kann mich mit dem Stil nicht anfreunden. „durchleser“ hat in einigen Fällen in seinen Kommentaren zu solchen Romanen ja auch anklingen lassen, daß ich sie „falsch“ interpretiere, die Intention nicht erfasst habe…. das soll reichen, um zu verdeutlichen, daß mir zwar einige der Besprechungen als gelungen erscheinen, daß ich mir aber darüber klar bin, daß ich auch welche gemacht habe, die den jeweiligen Büchern vllt nicht gerecht werden….

Euch allen jedenfalls danke ich für eure Besuche und auch für eure Kommentare. Ohne dies würde es nur halb so viel, ach quark, noch weniger als halb so viel Spaß machen und ganz sicher gäbe es diesen Blog ohne euch schon lange nicht mehr!!

♥ ♥ ♥ euch allen ein dickes „Merci“ hinüberschicke ♥ ♥ ♥

Ich bat Gott um alle Dinge,
damit ich das Leben geniessen könne.
Er aber gab mir das Leben,
damit ich alle Dinge geniessen könne.

Die Eltern Zachert sind für ein paar Tage aus dem Haus und zu Hause sorgen die Kinder für sich selbst, vor allem die 15jährige Isabell („Belli“) übernimmt einen großen Teil der Aufgaben. Als die Eltern zurückkommen, ist Belli weiß im Gesicht und taumelt nur noch durch die Wohnung. Sofort wird sie zum Arzt gebracht und die Diagnose im Krankenhaus ist katastrophal. Belli hat eine sehr aggressive Form von Krebs, der weit fortgeschritten ist. Ob ihre Lebenserwartung in Tagen oder in Wochen zu messen ist, kann noch niemand sagen.

Zehn Jahre später, Anfang der 90er Jahre, unternimmt die Mutter von Belli den Versuch, diese Zeit aufzuarbeiten. Sie erzählt, einsetzend von diesem ersten Tag an, die Geschichte ihrer Tochter in Form einer Art Monolog, den sie mit ihr führt. Eingestreut in den Text sind Briefe, die Belli in dieser gern und häufig an ihre Bekannten und Freundinnen schreibt.

Es ist eine sehr tief berührende Leidensgeschichte, die in ihrer ersten Zeit geprägt ist durch die Hoffnung, denn die Chemo, die im Grund auf gut Glück ausprobiert wird (für eine genaue Diagnostik fehlte einfach die Zeit), schlägt an und verbessert den Zustand von Belli sehr. Natürlich sind Nebenwirkungen da, aber sie wiegt die gewonnene Zeit bei weitem auf. Zwischen den einzelnen Therapiewochen kann die Familie sogar Kurzurlaube unternehmen, in den Schwarzwald fahren und dort fast ganz normal leben. Am meisten zu schaffen macht Belli der Verlust ihres wunderschönen Haares, die Wandlung vom Engelskopf zum Glatzköpfchen. Selbstzweifel, Scham über das Aussehen, Angst vor der Zukunft („Welcher Junge soll sie so noch schön finden und lieb haben können?“) empfindet sie, aber die unbedingte Eingebundenheit in die Familie und deren rückhaltlose Unterstützung stärkt sie und läßt sie diesen Zustand schließlich akzeptieren.

Die Familie Zachert erlebt ein sehr intensives Jahr, in dem der Krebs zeitweise zurückgedrängt, aber nicht besiegt werden kann. Es ist ein Jahr, in dem auf einmal die Kleinigkeiten wichtig werden, die Sachen, die man bis dato als selbstverständlich angesehen hat. Schlafen können, Essen können, sich am Sonnenschein freuen, an einem Nachmittag im Kreis der Familie, zusammen am See zu sitzen… Freunde zu haben, die sich in schweren Zeiten nicht zurückziehen. Besuch ist wichtig für Belli, die Eltern versuchen, Tag und Nacht bei ihrer Tochter zu sein. Sie nehmen Urlaub, organisieren die Fahrten in die Kliniken, werden von Freunden und Bekannten dabei unterstützt.

Belli ist ein ganz normales Mädchen, das ihr Leben noch vor sich hat, daß eine Ahnung hat, was dieses Leben eigentlich für sie zu bieten hat. Sie sorgt sich um ihre Zukunft, daß sie jetzt so viel in der Schule versäumt, sie hat Wünsche an ihr Leben und spürt, daß die Erfüllung dieser Wünsche in weite Ferne rückt.

„Meine Eltern sind so lieb zu mir und Du und
Deine Brüder und Deine Familie.
Aber von einem Jungen liebgehabt zu werden,
ist doch etwas anderes!“

Ihre Krankheit macht sie auch zeitweise zornig, wütend, unleidlich. Nichts kann sie in diesen Stimmungen aufheitern, für die Verwandten ist es sehr schwierig, damit umzugehen. Im Grund kann man das gesamte Phasenmodell von Kübler-Ross in der Krankengeschichte von Belli wiederfinden, von der Verdrängung über den Zorn, dem Verhandeln („.. Eigentlich wäre die beste Zeit zu sterben, Anfang Januar. Dann hätte ich Weihnachten mitgefeiert…“) bis schließlich hin zur Einsicht in das Unvermeidliche.

Die guten Phasen zwischen den Chemos werden immer kürzer, es treten Komplikationen auf. Schließlich leidet Belli unter unsäglichen Schmerzen, die kaum noch im Griff gehalten werden können. Sie wird immer schwächer, und in ihr, das wird aus den Tagebucheinträgen deutlich, die ihre Mutter an ihren eigenen Bericht angehängt hat, tobt die Angst vor dem Tod, vor dem Sterben, sie will nicht sterben, sie will leben. Sie bittet Gott um ein Wunder, aber …. schließlich akzeptiert sie ihr Schicksal, wenn Gott sie nicht retten will, dann nutzt ihr auch die Chemo nichts, und wenn er sie retten will, braucht sie auch keine Therapie mehr. Sie verweigert die Zustimmung in eine erneute Chemo und bittet die Ärzte, dafür zu sorgen, daß sie friedlich und schmerzlos sterben kann. Gut ein Jahr, nachdem der Krebs bei ihr ausgebrochen war, stirbt sie, wie sie es sich gewünscht hat.

———————

Das Buch von Christel Zachert ist – natürlich – ein sehr persönliches. Es ist kein Roman, kein schriftstellerisch ausgearbeitetes, auf „Wirkung“ hin komponiertes Werk, es ist die chronologische Erzählung einer Krankengeschichte, die sukzessive übergeht in die Geschichte eines sterbenden Mädchens. Aber gerade diese einfache Sprache, dieses Spüren, daß die Worte für das Ungeheuerliche fehlen, ermöglicht den unmittelbaren Zugang zum dem, was beschrieben wird. Es gibt die Hilflosigkeit der Betroffenen wieder, diese immer wieder fassungslose, das eintritt, wenn eine erneute Diagnose alles immer noch schlimmer macht, eine erneute Prognose eine mögliche Heilung in den Bereich von Jahren verschiebt. Krebskrank sein, heißt nur noch reagieren können, der Freiraum, um zu gestalten wird immer geringer. Zacherts schaffen es, diesen Freiraum so gut zu nutzen, wie sie können. Und das ist etwas, was ganz deutlich wird in dem Bericht über Belli: wie wichtig es ist, den Kranken und seine Familie nicht allein zu lassen, zu unterstützen. Die Erledigung der ganz alltäglichen Besorgungen wird zum Problem, wenn man beim kranken Kind (…Partner…) sein will, sein muss… auch das sind Hilfen ebenso wie Besuche, Briefe, kleine Geschenke.

Natürlich hat sich seit Anfang der 80er Jahre in vielerlei Hinsicht viel verbessert, sowohl was den therapeutischen Ansatz angeht als auch die soziale Unterstützung der Patienten und deren Familien. Aber gerade diese Reise zurück in eine Zeit, in der das noch nicht so war, zeigt, daß die soziale Betreuung und Unterstützung, die es heutzutage auch durch viele ehrenamtlich engagierte Menschen auf Krebsstationen (und nicht nur dort) gibt, absolut notwendig ist und nicht nur ein Beiwerk, auf das man zur Not auch verzichten könnte. Denn nicht nur der Patient braucht diese Unterstützung, sondern ganz wesentlich auch seine Familie, damit sie nicht am Schicksalsschlag zerbricht. So war auch bei Zacherts eine der großen Sorgen der Eltern, wie die beiden Brüder von Belli mit der Situation fertig werden und daß deren eigenes Leben nicht entgleitet, wenn sie in Aufmerksamkeit notgedrungen in den Hintergrund treten – neben all dem Schmerz, den sie, die der Schwester so eng verbunden waren, auch selbst spüren.

Isabell führt einen bewunderswerten Kampf gegen ihre Krankheit. Sie trägt ihr Schicksal mit sehr viel Mut und Leidensbereitschaft, bis sie es am Schluss das Unausweichliche erkennt. Aber selbst den Tod vor Augen, resigniert sie nicht, sie gibt nicht eigentlich auf, sondern sie akzeptiert den Tod, ihren eigenen Tod und gestaltet ihn. Er geschieht nicht einfach nur an ihr, sie gewinnt in dem Moment, in dem sie spürt, daß er unausweichlich ist, wieder zurück an Sicherheit, sie verliert sogar die Angst vor ihm. In Gesprächen mit der Mutter legt sie die Einzelheiten für ihre Beerdigung fest, sie schreibt Abschiedsbriefe an alle Menschen, die ihr etwas bedeuten, macht ihnen Mut, gibt ihnen Aufgaben mit auf den Weg und verabredet sich mit ihnen – in ihrem Paradies oder auch allabendlich beim Blick auf einen bestimmten Stern…..

Meine Gedanken, als ich diese Geschichte las (ausser dem Schmerz und der Traurigkeit, den/die ich selbst dabei heftig spürte) waren auch, was ein junger Mensch doch für ein Potiential in sich ruhen hat. Diese Wandlung Bellis vom ganz „normalen“ 15jährigen Mädchen in ein am eigenen Leid gewachsenes Individuum voll innerer Größe (bei aller Angst, allem Verzweifelung)… bei wie vielen jungen Menschen lassen wir als Gesellschaft diese Möglichkeit, dieses Potential ruhen, indem wir sie unterfordern oder zulassen, daß sie mit falschen Prioritäten blockiert werden….

Facit: „Wir treffen uns in meinem Paradies“ ist ein sehr intensives, ergreifendes Buch, für das man sich Zeit nehmen muss, weil man Pausen braucht, damit die Seele nachkommen kann…..

Links und Anmerkungen:

[1] WebSite der Isabell-Zachert-Stiftung
[2] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden (Buchvorstellung hier im Blog)
[3] Mehr Buchbesprechungen zum Thema „Krankheit, Tod, Sterben“ im Blog

insbesondere:

[4] Zur Entwicklung der kindlichen Vorstellungen zum Tode
Christel und Isabell Zachert
Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Bastei Lübbe, Tb, 2010, 240 S.
(Erstauflage 1995)

Und steckte das Haus des Herrn, den königlichen Palast und..
alle großen Häuser Jerusalems in Brand...
Jedes große Haus ließ er in Flammen aufgehen...

Jer 52,13..

Aber auch eine andere Deutung ihres Buchtitels liefert Krauss, so wie es im Spiegel [2] wiedergegeben wird: „Es beginnt mit einer kleinen Tür, durch die ich gehe, dann entwerfe ich einen ersten Raum, um weiterzukommen, brauche ich eine nächste Tür, und so geht es weiter, Raum für Raum, Tür für Tür“. Der Roman als großes Haus.

Was also sind die Räume hier in dem Roman und die Türen? Die Räume sind die Lebensgeschichten, die uns Krauss erzählt, Geschichten von Menschen und Familien, die durch ein Unheil geprägt wurden in unheilvoller Zeit, denn wie schon in der Geschichte der Liebe nimmt auch hier die Handlung ihren Beginn im Terror Hitlerdeutschlands und im Schicksal der Juden. Es sind Geschichten auch von Menschen, die sich ihren persönlichen Begrenztheiten hingeben im Glauben, etwas Besonderes zu sein, und die spät im Leben erst auf die Frage stoßen: Was ist, wenn ich mich geirrt habe? Und es sind Geschichten von Lieben, die nicht miteinander kommunizieren können, die das beste wollen, aber das Gegenteil erreichen, die fesseln und verkrüppeln anstatt Freiheit zu lehren.

Das Verbindende, die Türen sozusagen zwischen diesen Lebensgeschichten – zumindest dreier von ihnen, denn die vierte ist nur ganz zum Schluss und sehr indirekt angeknüpft – ist ein Möbelstück, ein Trum von einem Schreibtisch, groß, monströs, mit Schubladen, der auf unerklärliche Art und Weise auf das Leben seiner Besitzer Einfluss zu nehmen scheint:

„… ein riesiges, bedeutungsträchtiges Ding, das die Bewohner des Zimmers, in dem er stand, bedrückte, sich als unbelebt ausgab, sich aber ständig wie eine Venusfliegenfalle in Bereitschaft hielt, über sie herzufallen und sie via einer seiner schrecklichen kleinen Schubladen zu verdauen. „

Folgen wir also diesen Türen durch das große Haus, das Krauss gebaut hat:

Ihren Anfang nimmt die Geschichte im Budapest des Jahres 1944. Die dortigen Juden werden zur Deportation zusammengetrieben [3], aus dem Raubzug durch die verwaisten Wohnung wird der sogenannte „Goldzug“ [4]. Zu den Ausgeplünderten, beraubten Familien gehört auch die des wohlhabenden Gelehrten Weisz, der seine Studien an diesem Schreibtisch betreibt. Zu einem Geburtstag schenkt er seinem Sohn eine der Schubladen. Dieser jedoch weiß nichts, was es wert wäre, dort hineingetan zu werden und verschließt die Lade. Sie wird nie wieder geöffnet werden.

Der Tisch, dessen Tischler wir nicht kennenlernen, wird Teil des Goldzuges und ein Mann schenkt ihn einer Frau, einer jungen Frau, einer Flüchtlingin aus Nürnberg, Lotte Berg. Diese war mit einem der Kindertranssporte [5] nach England gekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit ihren Eltern unter unsäglichen Bedingungen in einem Lager interniert war. Die Eltern musste sie zurücklassen. Lotte Berg wurde Schriftstellerin an diesem Schreibtisch. Sie heiratete, aber es war eine seltsame Ehe, denn anstatt zu versuchen das Trauma, das sie gefangen hielt, „in den Griff zu bekommen“, definierte sie es als Normalzustand, sie vergrub es in ihrem Innersten und bestrafte jeden Versuch, den ihr Mann unternahm ebenso wie jeden unabsichtlichen Fehler, der in diese Richtung ging, mit Wutausbrüchen oder tagelangem Schweigen. Nichts gab sie von sich preis, und erst in ihrer Demenz, am Ende ihres Weges, erfuhr ihr Mann ihr größtes Geheimnis, das alles in ihm erschütterte.

Jedenfalls erhielt Lotte Berg irgendwann den Besuch eines jungen chilenischen Dichters, den sie – ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Verschlossenheit – akzeptierte und sie sich ihm gegenüber sehr offen gab. Die Verhältnisse zwischen den Eheleuten war derart, daß der Mann sich auch jetzt nicht getraute, seine Frau zu diesen häufigen Besuchen des Daniel V. zu fragen, und er sehr erstaunt war, daß seine Frau diesem Chilenen ihren Schreibtisch, auf den er durchaus eine ängstliche Eifersucht verspürte, zum Abschied schenkte.

Und so kam der Tisch letztlich zu Nadia (und dies ist auch der Zeitpunkt, mit dem der Roman beginnt), denn diese, einer wenig liebevollen Familie entstammend, glaubte so sehr an das Besondere in ihr, daß sie sich immer mehr von der Außenwelt in ihre Innenwelt, ihre Schreiberei zurückzog, bis ihre Wohnung eines Tages leer war bis auf einen Stuhl und ein Tischchen. Ihr Freund hatte es nicht mehr ausgehalten mir ihr. Und just zu diesem Zeitpunkt suchte Daniel einen Platz für seine Möbel, denn er wollte nach Chile zurück, das ihn behalten sollte auf eine für die damalige Zeit nicht unübliche Art für Intellektuelle: er verendete in den Klauen Pinochet. Ein halbes Leben lang arbeitete Nadia nun an diesem Möbel als sich eines Tages eine junge Frau bei ihr meldet, Leah Weisz, die sich als Tochter von Daniel ausgibt, die er in der kurzen Zeit seiner Freiheit in Chile mit einer Isrealin gezeugt hätte. Sie, Leah, würde den Tisch nach Jerusalem bringen. Nadia überläßt ihr das Möbel als ob sich damit etwas, was sie im Innersten schon immer gefühlt hat, erfüllt, aber ihr Leben gerät nach diesem Ereignis völlig aus den Fugen und letztlich reist sie dem Tisch nach nach Jerusalem.

Dort eingetroffen findet sie diesen nicht, sondern nur einen älteren Herrn in dem Haus an der Adresse, die Leah ihr gegeben hat. Aber sie hat ein deja-vu in den Straßen der Stadt, sie trifft einen jungen Mann, der der Daniel sein könnte, den sie 27 Jahre zuvor das einemal gesehen hat und der ihre Gedanken seit damals nie verlassen hat. Und sie trifft wohl auch Jovik, dem sie ihre Geschichte erzählt, als Rechtfertigung, als Erklärung, als Beichte.

Jovik gehört der vierten Lebensgeschichte an, dem vierten Raum des Hauses, nur sehr weitläufig mit dem Rest verbunden. Eine Vater-Sohn-Geschichte voll gegenseitigen Unverständnisses, voll von guten Absichten und misslungenen Versuchen, sie umzusetzen.

Aus dem kleinen Jungen, dem der Vater einst eine Schublade schenkte, ist nach dem Krieg der bekannte Kunsthändler Georg Weisz geworden, dessen Spezialiät es ist, verschollene Möbelstücke für seine Klienten wiederzubeschaffen. Und er ist sein eigener Klient, in seinem Jerusalemer Haus läßt er das Arbeitszimmer seines Vater wiedererstehen, Stück für Stück spürt er den im Goldzug verschollenen Einrichtungsgegenständen nach, er findet alle – nur den alten Schreibtisch nicht, bis dann irgendwann nicht mehr geglaubt, eine Spur davon auftaucht und nachher, als er den Tisch dann endlich findet, fällt die Last seines Lebens von ihm ab.

So wie man in manchen unübersichtlichen Räumlichkeiten oder zur Flucht einen gelben Streifen am Boden sieht, dem man folgen kann, so führt das, was ich oben beschrieben habe, ganz schnell durch das Krauss´sche Große Haus. Natürlich ist alles viel komplexer und Krauss wirft nicht nur einen Blick in die Räume, sie leuchtet sie aus, sie untersucht die Schicksale der Menschen, sie analysiert und spürt ihren Motiven nach, ihren verletzten Seelen und den nicht heilen wollenden Wunden. Gegen diese Vereinsamung kommt selbst die Liebe zu einem anderen Menschen nicht an, sie dringt nicht durch durch die Panzer, kann sich nicht verständlich machen. Der Mensch ist einsam und er bleibt es auch zu zweit.

„Das große Haus“ ist kein einfaches Buch. Es ist ein Buch, das nur aus inneren Monologen besteht, es gibt keine wörtliche Rede, Handlungen, die über Beschreibungen von Alltäglichem hinausgehen, sind sehr selten. Und doch [6], es gibt packende Passagen im Text, Stellen in denen man sich auf einem Hochseil gespannt aus Worten Sätzen Absätzen fühlt, daß man nicht rechts noch links schauen will und kann und man dann am Ende, wenn die Schlucht aus Schicksalsschlägen, über die Krauss uns schickt, überquert ist, erleichtert wieder mit dem Atmen anfangen kann – unbewusst hat man die Luft angehalten. Andererseits: es gibt natürlich auch Passagen, die man – individuell unterschiedlich – als Längen empfindet, als übermäßiges Sezieren von Zuständen mit dem Ergebnis, daß man das Problem, die Frage totgeteilt hat….. Die Einzelschicksale der Menschen hängen über den Schreibtisch nur locker zusammen, ich habe den Roman im Grunde als aus 4 weitgehend unabhängigen Geschichten zusammengesetzt empfunden, die einem Grundthema nachspüren: der Verletzlichkeit des Menschen und einer aus diesen Verletzungen resultierenden Einsamkeit Innen und einer Isolation nach Aussen.

Facit: „Das große Haus“ ist sicherlich kein Ferienhaus, eher gleicht es denen, die Krauss in ihm selbst beschreibt: zugewachsen und unzugänglich. Man muss sich den Eintritt erkämpfen und man durchliest es sehr nachdenklich.

[1] Von Nicole Krauss gibts ferner im Blog die Besprechung zu: Die Geschichte der Liebe
[2] der Spiegel 3/2011, S. 126, mittlerweile auch online
[3] vgl dazu z.B. Iván Sándor: Spurensuche
[4] Wiki-Artikel zum „Goldzug
[5] siehe z.B. hier: „Der olle Hitler soll sterben!“
[6] … diese Wendung aus der „Geschichte der Liebe“ [1] habe ich lieben gelernt (ich verwende sie selbst hie und da….ich nehm mir diese Freiheit) und auch in diesem Haus war sie zu treffen, genau dreimal….

Das Buch ist der rote Beitrag zu Alexandras Farbsonnen-Challenge.

Nicole Krauss
Das große Haus
Übersetzer: Grete Osterwald
Rowohlt, 2011, HC 375 S.

Dieser Artikel ist durch ein Passwort geschützt.
Um ihn anzusehen, trage es bitte hier ein:


Schon sehr schön. In der Schirn-Kunsthalle geht die große Courbet-Ausstellung (ca. 100 Exponate) langsam dem Ende zu, aber immerhin kann man sie sich noch bis Ende des Monats anschauen – ein Besuch, der sich lohnt. Das große, übergeordnete Motto der Ausstellung [2] war es, Courbet als Maler der Träumenden, der sich in der Innenschau Befindlichen, der in sich Versunkenen darzustellen. Und wirklich, auf vielen Bildern (vor allem Porträits) ist zu erkennen, daß die Personen nicht auf den Betrachter schauen, sondern wie abwesend zur Seite.

Courbet, vielleicht ist der Name garnicht so geläufig. Die Führung (sehr nett und kompetent durch die unscharfe Dame im blauen Dress) zeigt auf, auf wie vielen Gebieten der Maler ein Vorreiter war, sowohl hinsichtlich seiner Maltechnik (z.B. gibt es mit Finger getupft-gemalte Bilder, Werke, in denen der Farbauftrag mit Spachteln erfolgte), seiner Motive (er malte die einfachen Leute, Bilder mit Bauern und Schweinen, mit Frauen, deren emanzipierte erotische Erwartung er darstellte und die für die feine Gesellschaft eine deftige Provokation waren) und seiner Bildkompositionen (weglassen traditioneller Bildelemente z.B. bei seinen Wellenbildern, bei denen er nur noch die Welle malte, kaum Hinter- oder Vordergrund). Eine seiner größten Provokationen lieferte wahrscheinlich sein Bild vom „Ursprung der Welt/ l’origine du monde„, das, von einem türkischen Diplomaten in Auftrag gegeben Jahrzehnte lang hinter Vorhängen oder extra angefertigten „Kaschier-Bildern“ verborgen wurde [1]. Wie die Führerin erzählte, wird es z.T. auch bei Ausstellungen verhüllt, so daß jeder für sich entscheiden kann, ob oder ob nicht….

Mit meiner kleinen, sehr praktischen Fotokamera bin ich natürlich nicht in der Lage, Bilder zu machen, die den Gemälden gerecht werden. Aber als Erinnerung taugen sie allemal, und mehr soll es ja nicht sein….

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ach ja… die Bahnfahrt (Privatbahn, nicht Bundesbahn … ob es bei der natürlich anders ist, weiß ich auch nicht….) nach Frankfurt ist auch so ein Erlebnis gewesen. Ich will nichts gegen den Zug sagen, neu und sauber, das war nicht das Problem. Nur: wo bekommt man denn heutzutage Fahrkarten, wenn man auf einem kleineren Bahnhof einsteigen will? Am Bahnsteig selbst weder ein Automat (noch ein Fahrplan….) oder Hinweis darauf, auch im Zug nicht. Und dann kommt irgendwann die Schaffnerin und macht ein bedenkliches Gesicht… nein, es war eine ganz nette, die uns dann aufgeklärt hat, daß man in solchen Fällen aktiv im Zug herumlaufen muss, um den Schaffner zu suchen! Heureka! Wer sich setzt, fährt offiziell schwarz. So ist das! Na ja, sie war eine nette und hat uns anstandslos die Fahrkarten verkauft. Nein, anstandslos auch nicht. Ihr Kommentar: „Ach du ****, ist das teuer! Das kann doch nicht sein, so viel, da muss ich noch mal rechnen…. das ist mir jetzt aber peinlich…“. Es ist wirklich teuer, kein Wunder, daß man üblicherweise das Auto bevorzugt…… Auf der Rückfahrt wurden wir dann Zeuge, wie ein männlicher Kollege unserer Schaffnerin dann bei einer jungen Frau gegenüber, der ähnliches geschah wie uns am Morgen (Fahrschein? wie und wo?) sehr aggressiv und fast ausfallend wurde…. auch keine Werbung fürs Bahnfahren…

———————————

[1] Metken G: Der Ursprung der Welt, Prestel 1997

[2] Klaus Herding, Max Hollein:
Courbet – ein Traum von der Moderne
Hatje Cantz Verlag, 2010

[3] bei youtube: Beiträge von kulturzeit und der Deutschen Welle

Das ist sicherlich ein Büchlein, das in den wenigsten Bücherregalen zu finden ist. Und mir ist auch die Frage gestellt worden: „Wie kommt man denn zu so einem Buch?“, denn „.. so ein Buch…“ ist doch recht speziell, auch der regionale Bezug ist kaum herzustellen, persönliche Betroffenheit besteht desgleichen nicht. Wie also?

Nun, im Roman über die klebstoffaffine Georgie Sinclair läßt die Autorin eine Bemerkung über das Schicksal der dänischen Juden fallen, das insofern bemerkenswert ist, da die allermeisten von ihnen ihrer Vernichtung entgingen. So recherchierte ich und kaufte letztendlich auch dieses Büchlein, denn das Thema interessierte mich. (es gibt übrigrens auch einen Wiki-Artikel zum Thema.) Gelesen habe ich diese Ausarbeitung von Pundik dann nachdem die Spurensuche von Sandor beschrieben hat, wieviel doch ein einzelner Mensch erreichen kann, wenn er nur überzeugt ist davon, das richtige zu tun.

„Ich weiß, was ich zu tun habe.“ Georg Ferdinand Duckwitz

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 plante die deutsche Besatzung in Dänemark, alle Juden einzusammeln und zu deportieren. Diese Aktion „misslang“ (aus Nazi-Sicht), von den ca 7000 in Dänemark lebenden Juden wurden „nur“ 500 gefangengenommen und in das KZ Theresienstadt deportiert. Es gelang einer im hohen Maß solidarischen dänischen Bevölkerung in den nächsten Wochen, alle anderen Juden über den Öresund sicher in das neutrale Schweden zu bringen.

Pundik beschreibt in seinen Ausführungen ausführlich auch anhand von Einzelschicksalen, wie diese Flucht organisiert wurde. Schon vor der Aktion der Nazis sickerten entsprechende Gerüchte durch und durch Boten wurden die jüdischen Familien gewarnt, daß die Deportation bevorstehe. So konnten sie rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen, die die Deutschen dann leer vorfanden. Die Flüchtligen sammelten sich bei Fischern in ihren Hütten, wurden in Krankenhäusern unter falschem Namen versteckt oder fanden anderswo Unterschlupf. Die Flucht über das Wasser organisierten Fischer auf ihren Booten, in Schweden wurden die Flüchtlinge gut aufgenommen und versorgt.

Pundik beschreibt, daß man auch in Dänemark alles hätte wissen können, wenn man den Signalen der Wirklichkeit geglaubt hätte, dem, was man gehört und auch gesehen hat. Aber die meisten glaubten nicht daran, „.. sondern saßen wie hypnotisiert. …„. Vielen viel es auch schwer, den Warnungen in der Nacht der geplanten Deportation zu glauben und zu fliehen. Aber kann man das verdenken? Das drohende Schicksal sah so ungeheuer aus, daß es schier nicht zu glauben war und zu fliehen hieß, alles zurückzulassen bis auf einen Koffer und ein paar Klamotten….

Zu Hilfe kam den dänischen Juden bei der Evakuierung die Tatsache, daß die Deutschen ihre Deportation aus verschiedenen Gründen, die auch in persönlicher Taktiererei des verantwortlichen Reichsbevollmächtigten Werner Best begründet waren, die Aktion nicht mit der sonst üblichen Konsequenz und Härte durchzogen. Best wollte wohl auch vermeiden, daß der befürchtete Widerstand der Bevölkerung Unruhen in Dänemark hervorruft, dieses komische kleine Land im Norden, das ein Beispiel dafür sein sollte, wie gut man unter deutscher Besatzung leben konnte. Pundik beschreibt z.B. Fälle, in denen deutsche Polzei bei Kontrollen LKW mit Flüchtlingen entdeckten und sie einfach weiterfahren ließen, ganz allgemein waren weder Militär noch Polizei begeistert von der Aktion und verweigerten ihre Mithilfe bzw. versuchten die Deportation in Berlin stoppen zu lassen. Der Polizei war es z.B. teilweise verboten, Türen einzutreten. Sie durfte nur klopfen oder klingeln… Das alles, so positiv es sich auf das Schicksal der Menschen auswirkte, bedeutete natürlich nicht, daß die Deutschen auf einmal ihre Liebe zu den Juden entdeckt hatten. Die Verantwortlichen betrieben einfach ihre eigenen Machtspiele, um ihre Interessen zu wahren und gaben dadurch anderen Gelegenheit, menschlicher zu handeln.

Daß die Deutschen die Deportation nicht in aller Härte durchführten mindert in keiner Weise den persönlichen Einsatz aller an der Flucht beteiligten Dänen. Jeder, der half, begab sich in große Gefahr und es musste immer auch mit Verrat aus den eigenen Reihen gerechnet werden. Auf diese Art und Weise wurden einige der Flüchtlinge von der Gestapo gefasst.

Pundik, 1943 als Schüler selbst auf der Flucht, beschreibt diese dramatischen Wochen in Dänemark ohne Schwarz-Weiß Malerei, sondern sehr ausgewogen. Er übergeht weder, daß es auf dänischer Seite Kollaboration gegeben hat, noch, daß es zu Hilfe auf deutscher Seite kam. Das Verhalten der Dänen damals zeigt uns heute, daß entschlossenes Handeln, auch einzelner, viel bewirken kann, man muss nur dne Mut finden…..

Das ist überhaupt eine Frage, die ich mir oft stelle, wenn ich solche Berichte lese auch über Männer wie Lutz, Wallenberg oder Schindler. Wie würde ich handeln, wenn ich von Menschen, die über Jahre hinweg von aggressiver Proganda minderwertig gemacht worden sind, um Hilfe gebeten würde, um eine Hilfe, die mich und meine Familie selbst in große Gefahr bringt? Ahnen wir, wie wir handeln würden…..?

Herbert Pundik
Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden
Übersetzung: Johannes Dose
Husum, 1995, brosch. 141 S.

Olivia, genannt Lia, wohnt in London und steht kurz vor ihrem 15. Geburtstag. Sie lebt bei ihrer Mutter Emma, die seit kurzem von ihrem Vater Ross geschieden ist. Emma konzentriert sich auf ihre Karriere als Schmuckdesignerin und eines Tages bringt sie Nick ins Haus, den Fotografen ihres neuesten Werbeprospekts. Lia reagiert mit offener Abneigung gegen den leicht proletarisch angehauchten Mann, der im Haus raucht, die Sun liest und auch eine andere Sprache spricht, als sie es gewohnt ist. Anfangs noch verschämt als Untermieter vorgestellt, fällt diese Verbrämung recht schnell zugunsten der Wahrheit, die schon durch das nächtens quietschende Bett der Mutter offengelegt worden ist.

Lia ist unzufrieden, nein, unglücklich. Sie vermisst alles, was irgendwie mit Geborgenheit zu tun hat, mit menschlicher Nähe, mit Wärme und Liebe. Weder ihre Mutter noch ihr Vater, den sie alle zwei Wochen in seinem neuen Haus besuchen darf, geben ihr das Gefühl, geliebt und erwünscht zu sein. Nicht, daß sie sie schlecht behandeln oder materiell vernachlässigen, aber eine Umarmung, ein Festhalten, ein Streicheln – das verweigen sie ihr. Zudem bekommt Lia aus Andeutungen mit, daß sie ein (wie es ihre Freundin Meg ausdrückt) „Sechs-Monats-Kind“ ist, also schon ein halbes Jahr nach der Hochzeit ihrer Eltern auf die Welt kam. Haben ihre Eltern damals garnicht aus Liebe geheiratet, sondern weil sie unterwegs war? Und was sie überhaupt gewollt oder nur ein ärgerlicher Unfall? Schließlich wiederholt sich diese Geschichte im Moment gleich zweifach, so wie ihre Mutter wieder Mutter werden wird, wird auch ihr Vater wieder Vater werden und beides mal gibt es recht eilige Hochzeiten….

Mit ihren knapp 15 Jahren verändert sich auch Lias Körper und sie ist damit garnicht zufrieden. Sie wird fraulich in den Formen und speziell über ihren Busen ist sie unglücklich. Sagen wir es so: er macht es ihr leicht, im Kino die Filme „ab 18″ anzuschauen…. dabei wäre ihr ein nicht so wogender, kleinerer Busen viel lieber.

Sind Emma und Ross unfähig, ihrer Tochter emotionalen Halt zu geben, liegt hier eine der Begabungen des ungeliebten Freundes ihrer Mutter. Nick erfasst intuitiv, was Lia sucht und er ist skrupellos genug, es sich zu holen. Nick stößt (in jedem Sinn des Wortes) sozusagen in diese Lücke….. Sicher ist es eine Serie sich immer weiter steigender Vergewaltigungen, die Lia mit Nick erlebt. Doch so sehr sie weiß, wie falsch und schlecht und abartig diese Zusammensein ist, so sehr reagiert ihr Körper auf die Reize, die er von Nick empfängt. Sie ist unfähig, sich dagegen zu wehren, ihr brechen die Beine weg und ihr „nein, bitte nicht“ geht in ein tonloses, aus ihrem Innern hervorquellendes Wimmern über…. wer würde ich glauben, wenn sie sich jemandem anvertrauen würde? Ihre Mutter.. nein, das kann sie sich nicht vorstellen und spätestens nachdem sie nicht um Hilfe gerufen hat, als Nick ihr hinter dem Busch die Kleider vom Leib riss als jemand vorne vorbei ging, ist klar, daß sie mit diesem Geheimnis allein fertig werden muss.

Es ist nicht so, als ob sie sich nicht wehrte. Lia versucht Nick aus dem Weg zu gehen, sie zieht sogar bei ihrer Mutter aus und erkämpft sich ein Unterkommen bei ihrem widerstrebenden Vater. Aber ausgerechnet Emma, die gerne möchte, daß ihre Tochter ihren zukünftigen Mann leiden lernt, schickt immer wieder Nick, der ihr Sachen bringt, sie zu ihren Besuchen bei der Mutter abholt oder wieder zu ihrem Vater bringt. Müßig zu erwähnen, daß die Autofahrten immer länger dauern, als es von der Strecke her notwendig wäre.

Lia wird immer abhängiger von Nick, fixiert sich immer mehr auf ihn. Während ihr Kopf die Unmöglichkeit der Konstellation sieht, sehnt sich ihr Körper nach dem Nicks und sie würde so gerne aus Nicks Mund hören, daß auch er sie liebt und sie nicht nur f**en will. Aber Nick sagt ihr nur, für Männer würde „ich liebe dich“ nur bedeuten, ich will dich f**en, das sei alles…. Nick ist mit allen Wassern gewaschen, er hat gelernt, sich durchzuschlagen und das zu nehmen, was er bekommt. Was er für Lia fühlt, ob er was fühlt, darüber läßt Inglis uns im unklaren, Nick ist schweigsam und über Sachen zu reden, die man eh nicht erklären oder lösen kann, ist für ihn Zeitverschwendung. Was er außer dem Wunsch, sie zu nehmen, für sie empfindet, Lia weiß es nicht. Andererseits ist Nick derjenige, der auf Lia wartet, wenn sie sich verspätet, der sich um sie sorgt, sie in den Arm nimmt, wenn sie weint, der ihre Stimmungen zu deuten weiß und sie auffängt, wenn es ihr schlecht geht, all das, was ihre Eltern nicht vermögen…

Die Situation eskaliert, Lia muss eine Abtreibung machen lassen, die schulischen Leistungen (darauf hat ihr Vater ein wachsames Auge) nehmen rapide ab. Im Haus ihrer Mutter, aus dem sie ja vor Nick geflohen war, ist sie nur noch ein Gast, sie hat ihr altes zuhause verloren. Zudem wollen die schwangere Emma und Nick heiraten, dann wird sie Nick endgültig verlieren, weil die Hoffnung, daß er sie nimmt anstatt ihrer Mutter, sich dann auflöst. Und so reift in Lia ein verhängnisvoller Plan, den sie mit aller Entschlossenheit umsetzt. Sie will etwas von Nick haben und sie wird es bekommen, koste es, was es wolle….

Es ist eine wirklich verhängnisvolle Affäre, die Inglis in ihrem Roman beschreibt, eine Affäre, die keinerlei Auflösung erlaubt, die geradezu danach schreit, über alles Stillschweigen zu bewahren. Vielleicht liegt im konsequenten Wahren des Geheimnisses die einzige Möglichkeit, das Leben weitergehen zu lassen, ohne jeden der Beteiligten ins Unglück zu stürzen. So, wie Inglis die Geschichte ausgehen läßt, leben alle – bewusst oder ahnungslos – mit einer großen Lebenslüge weiter….

Der Roman ist sehr flüssig geschrieben mit vielen Dialogen, auch die inneren Monologe von Lia lesen sich gut. Inwieweit die Darstellung von Lia als 14jähriger realistisch ist – ich weiß es nicht. Von der Geschichte, ihrem Reden und Denken her, würde ich sie älter einschätzen, aber darauf kommt es vllt auch nicht an. Es ist eine extreme Geschichte, ein Jahr im Leben eines Scheidungskindes, das merkt, daß es keinen Platz mehr hat, daß seine gewohnte Welt zerbrochen ist und weggespült wurde. Seine Eltern sind beide wieder verheiratet und haben neue Kinder, weder Mutter noch Vater reißen sich darum, sie, die Erinnerung an ihre zerbrochene Ehe, der brüchige Kitt zu einer nicht lösbaren Verbindung, die keiner mehr will, bei sich aufzunehmen oder gar als Mitglied der neuen Familie anzuerkennen… noch dazu liefert sie ihr Körper in diesem verwundbaren Zustand der Pubertät dem Apfel aus, den diesmal Adam überreicht…. Natürlich kann man sich fragen, warum ist denn das keinem aufgefallen, aber zum einen wollte sie ja (vom Kopf her) Widerstand leisten und floh sogar und zum einen gibt es Sachen, die so unfassbar sind, daß man sie tatsächlich nicht sehen kann….

Inglis verwendet eine direkte Sprache, gerade was die Schilderungen der Sexszenen angeht, die – dem Naturell Nicks entsprechend und offensichtlich dem Bedürfnis Lias entgegenkommend – oft grob und gewalttätig sind. Wie sagt Inglis an einer Stelle, es sind die Urworte der Liebe, Worte aus einer Ursprache, die die einzig angemessene ist für den Moment dieses Geschehens… wer wollte ihr widersprechen? Die Personen zeigen eine gewisse Stereotypie, die karrieresüchtige Mutter, der emotionslose Vater, der skrupellose und seiner Gier nachgebende Nick sowieso, obwohl dieser mit seiner Art, sich um Lia zu kümmern, noch eine andere Verhaltensfacette an den Tag legt. Doch braucht es gerade solch eindimensionale Figuren, um diese Geschichte voranzutreiben.

Facit: An vielen Stellen ein trauriges Buch, weil man sieht, wie das Unglück seinen Lauf nimmt und man nicht einschreiten kann, Lia zu retten….. ein spannend geschriebener Roman über ein junges Mädchen auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit.

Janet Inglis
Der Fotograf und das Mädchen

Übersetzerin: Cornelia C. Walter
die abgebildete Ausgabe wurde im Bertelsmann Buchclub vertrieben, die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Daddy´s Girl“ 1994

Das Buch ist der türkis-Beitrag zu Alexandras Farbsonnen-Challenge.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 206 other followers