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Cresspahl-Land. Die Große Weite, the middle of nowhere. Das häßliche Endlein der Welt. Der Ort, an dem die Zeit wohnt, die Zeit, die diejenigen, die es nicht verstehen, als Langeweile wahrnehmen. Und so, wie in diesem Landstrich die Zeit wohnt, nimmt sich Zander alle Zeit der Welt, alle Zeit, die sie braucht, um ihre Geschichte der Menschen des kleinen Dorfes Bresekow in Vorpommern bzw. Neubrandenburg zu erzählen.

Die Begebenheit, an der sie ihre Geschichte andockt, ist der Tod der alten Anna Hanske, der als solcher selbst nicht so ungewöhnlich ist, als daß dieser, der Tod nämlich, ein Schicksal ist, dem nun wirklich niemand von uns allen entkommen kann. Nicht das Hinscheiden von Anna H. also ist der Keim des Romans, sondern das Erscheinen ihrer Tochter Ingrid, jener nämlich, die vor zwanzig Jahren, am Ende der 70er, republikflüchtig geworden war. Zur Beerdigung ihres Vaters gefahren nach Berlin (West), des verstorbenen Theo Hanske, der Jahre zuvor, viele Jahre zuvor, in jener Zeit um den 17. Juni war (der heute kein Nationalfeiertag mehr ist) selbst die Republik und seine Familie hinter sich und zurückließ. Die republikgeflüchtete Ingrid Hanske heiratete schließlich Michael, einen Iren, den sie in Berlin kennenlernte, in einer Zeit, in der sie sich im freien Fall befand, in einer Zeit, in der sie nichts dabei fand, wenn des morgens Geld auf ihrem Nachtisch lag. Nicht, daß sie es verlangt hätte, aber willkommen war es. Ob sie an Henry dachte in dieser Zeit? Henry, ihr zurückgebliebenes Kind, das sie zurückgelassenen hatte, das jetzt das einzige war, was Anna Hanske erinnerte an Ingrid, ihre Tochter. Und den Anna Hanske um alles in der Welt nicht weggeben wollte…

Diese Ingrid ist also mit ihrem Mann Michael und ihrem Sohn Paul zur Beerdigung ihrer Mutter nach Bresekow gekommen. Und so wie Hefe drög vor sich hinliegenden Teig zum Leben erweckt und gären läßt, wird durch ihr Erscheinen die Erinnerung lebendig an all das, was seinerzeit und zuvor und danach in Bresekow geschehen ist und über das nicht geredet, sondern in Gemeinsamkeit geschwiegen wurde.

Man sollte sich aber nicht täuschen lassen. Zwar nimmt Zander den Tod der Anna Hanske und den Besuch ihrer Tochter zum Anlass, einen Ort (exemplarisch) über sich und seine Geschichte räsonnieren zu lassen, doch steht die besondere Geschichte der Ingrid, geb. Hanske nicht im Mittelpunkt, sie ist „nur“ eine unter anderen. Im Gegenteil erscheint mir Ingrid eine der blassesten Figuren zu sein, mit tragischem Schicksal zwar, aber in ihrem Verhalten fast autistisch zu nennen, so verschlossen und abweisend nach außen wird sie von Zander dargestellt. Ihr Leben nach ihrer Flucht in den Westen bleibt weitgehend im Dunkeln, uns geht es hier genauso wie den überraschten Einwohnern von Bresekow. Ebenso unbekannt ist es den Einwohnern, wie auch sie diesen auch schon früher nicht die Geschichte der unfreiwilligen Zeugung des Henry erzählte, wohl ahnend, daß man ihr die Schuld geben würde.

Vielmehr entwickelt sich im Lauf des Buches die Geschichte eines gottverlassenen Ortes in der DDR zzgl einiger Jahre nach der Wende, die einen Zeitraum von drei Generationen umfasst. Stellvertretend konzentriert sich Zander auf „wenige“ Familien, deren Mitglieder in immer ausführlicher werdenden inneren Monologen ihr Gedächtnis offenlegen. Anna Hanske und Maria Wachlowski (so unzertrennlich in der Kindheit, daß sie nur „Annamaria“ hießen, eine Nähe, die sich dann später zwischen den jungen Frau im Nichts verlieren sollte…) sind die Frauen aus der Großelterngeneration, die den Krieg miterlebt haben, die Rückkehr (oder den Tod) ihrer Männer, Brüder und auch Kinder. Annas Mann, Theo, kommt aus dem Krieg zurück, von ihm hat sie Ingrid. Der ältere Bruder Peter ist von Anna Hanske aufgenommen worden, ein Flüchtlingskind, dessen Mutter starb. Peter ist die Leitfigur für die jüngere Schwester, die sich von ihm verlassen fühlt, als dieser dem Ort den Rücken zukehrt

Eine weitere wichtige Rolle spielt Paul, der zweite Sohn von Ingrid, der so aussieht wie der junge Paul McCartney und der der Schwarm und die erste Liebe wird von Ella und ihrer Freundin Romy.

Die Wachlowski-Sippe wird von Hartmut, dem Sohn fortgeführt, der mit Britta verheiratet ist, und deren Tochter Ella. Letztere ist zornig und rebelliert gegen die Zwänge, denen sie sich ausgesetzt sieht. Aber ausgerechnet Ella freundet sich mit Romy an, einer Zugezogenen, deren Mutter Sonja den örtlichen Jugendclub leitet, die so ganz anders ist in ihrer Art und doch wieder nicht, denn die Perspektivlosigkeit und die Trostlosigkeit macht beiden Mädchen zu schaffen, nur daß sie anders darauf reagieren.

Und dann gibt es noch die ganze Bagage um Ecki und Konsorten, die Tag und Nacht an der Elpe herumhängen, saufen, randalieren, die Zeit totschlagen, allgemein auch dem nationalen Gedankengut zugänglich.

Das ist eine ganze Menge an Personal, das Zander uns Lesern da zumutet und den öfter zu lesenden Rat, mit Zettel und Bleistift im Anschlag zu lesen, kann ich nur unterstützen, weil man sonst wirklich den Überblick verliert.

Der Roman hat keine Handlung im eigentlichen Sinn. Zander läßt ihre Figuren, erst zögerlich, kurz angebunden („Fischköppe sind garnicht so mundfaul, sie reden nur eher nach innen“ so Zander in der Welt) im Verlauf dann immer weiter ausholend Begebenheiten aus ihrer Erinnerung erzählen. Oft gegenüberstellend aus verschiedenen Wahrnehmungen, weitausholend, in der Sprache den Charakteren angepasst, den Bogen von Plattdütsch bis zum geschraubten Hochdeutsch spannend. Dies macht den Reiz aus, vermittelt Authentizität und Glaubwürdigkeit. Es ist anfänglich etwas sperrig, weil man die Personen erst kennenlernen muss, Zander stellt sie uns nicht vor, sie sind einfach plötzlich da und man muss sich im Lauf des Erzählten manchmal erahnen, manchmal wird es später auch gesagt, in welchem Verhältnis die Person nun steht zu den anderen, von denen man unter Umständen auch schon wieder vergessen hat, wer sie nun denn sind… (deswegen: Zettel und Blei!). Es sind Episoden aus dem Familienleben, Ängste, Erfolge, Niederlagen, Beschreibungen von Festen, Schilderungen des täglichen Lebens, die in ihrer Gesamtheit den Kosmos von Bresekow bilden, Anklam, das kleine Städtchen in der Nachbarschaft ist schon oft so weit entfernt wie ein Traum. Bei Zander sind die Frauen die Stärkeren oder sollte man sagen, die Männer die noch schwächeren? Theo, der Mann von Anna, läßt diese mit zwei Kindern sitzen, Hartmut und Friedhelm saufen (wie viele andere auch), Henry ist sowieso behindert, … und so legt Zander einer ihrer Frauenfiguren (sinngemäß) in den Mund: „Ein Mann bedeutet heute nicht unbedingt ein Kind. Es sei denn, in Personalunion.“ Selbst Paul, der von dem beiden Mädels Ella und Romy hemmungslos angeschwärmt wird und der wie manchmal wie eine Lichtgestalt wirkt, hat sein dunklen Seiten. So nutzt er, aus welchen Gründen auch immer, z.B. die Gefühle der Mädchen aus, um eine Wette zu gewinnen, ausgerechnet mit Ecki….

Die Mädchen, Ella und Romy, sind die neue Generation, noch halbwegs die alten Zeiten der DDR in der Erinnerung müssen sie mit den neuen Bedingungen ihrer Heimat als Teil von Deutschland zurechtkommen. Im Grunde ist die Perspektivlosigkeit geblieben, nur die Umstände haben sich verändert. Mehr Geld ist da, man kann mehr kaufen, aber glücklicher ist dadurch auch keiner geworden. Romy geht damit introvertierter um, sie schottet sich ab, hat wenig Kontakte. Ella dagegen rebelliert offener, zeigt ihre Wut und ihre Resignation. Zum Erstaunen aller freunden sich die beiden jungen Frauen an, sie erkennen, daß sie zwar anders sind, aber aus den gleichen Motiven.

Nur die Leidenschaft für die „Büdels“ teilen sie nicht. Romy schwärmt diese genauso wie ihre Eltern an, sie sammelt Devotionalien während Ella das Getue um die Beatles zu den Ohren raushängt. Daß diese zu DDR-Zeiten für die Eltern ein Fenster in den Westen waren, kann sie nicht mehr nachfühlen. Überhaupt die Beatles: sie spielen eine große Rolle in Zanders Roman. Ihre übersetzten Liedtexte werde immer wieder in den Text eingestreut, der Buchtitel ist schon eine Liedzeile und Paul heißt ja nicht umsonst Paul….

Was bleibt nach der Lektüre dieses Buches?

Zuallerst einmal die stirnrunzelnde Frage an mich selbst: hmmm.. was stand da jetzt eigentlich drin, was is´n da passiert? Im Kopf hat sich eine Vielzahl von kleinen Bildchen wie bei einem Puzzle festgesetzt, aber trotz einiger Zettel mit Notizen will es mir nicht gelingen, eine roten Faden hineinzubekommen. Vielleicht muss man es einfach so nehmen: viele Einzelmomente, die sich zwar nicht zu einem geschlossenen Bild, aber zu einem Eindruck zusammenfügen…. Das Ende des Romans ist natürlicherweise – so wie der Anfang durch die Ankunft der Tochter vorgegeben ist – die Abreise der Familie von Ingrid Hanske bzw. von Paul aus Bresekow. Hier ist eine ansonsten unbekannte Eile von Zander spürbar, als ob ihr die Geschichten ausgegangen wären, verflacht das Erzählte in diesem Moment auf das Niveau einer nichterfüllbaren Jugendliebe…. der Erzengel Paul entschwindet „… and nothing is real…“.

Die zweite Frage ist dann, warum hat mir das Buch trotzdem so gut gefallen? Die ist leichter zu beantworten: es ist gut geschrieben, die Charakterisierung der einzelnen Personen durch ihre Sprech- und Denkweise, die ausdrucksstarke Sprache, die Bilder, mit denen Zander das Atmosphärische einfängt…. es gibt Abschnitte in dem Buch, bei denen ich die Zeit vergessen habe, die mich so gefangen genommen haben, daß ich am Ende erstaunt aufschaute und wieder auftauchen musste aus ihnen. Und deshalb mein….

…. Facit: ja, dieses Buch mit Schicksalen aus dem Zentrum des Nichts ist absolut lesenswert

Judith Zander
Dinge, die wir heute sagten
dtv, 2010, 480 S.

vor.lesen: die Bilder….

Dezember 24, 2010

Es ist ja ein wenig spät für diese Bilder, die mir „meine“ Vorlesekinder schon im November, nach dem Vorlesetag geschenkt hatten, aber ich bin erst jetzt zum Einscannen gekommen und Weihnachten ist ja auch ein guter Zeitpunkt, die Kunstwerke online zu stellen….

Den Bildern nach am beeindruckendsten war wohl die Geschichte von Chaka (im „Afrika-Zyklus“), der auf seinem Weg durch den Dschungel auf den grimmigen, alten Elefanten trifft und sich vor ihm beweisen muss. Ganz langsam geht er rückwärts und findet einen Baum, auf den er klettern kann. Eine Handtasche spielt auch noch eine Rolle und am Ende der Geschichte ist aus dem Jungen Chaka der junge Mann Chaka geworden. Das hat imponiert! Und so ist auf den Bildern eine ganze Typologie von Elefanten zu sehen, von spinnenbeinigen, ins surreale bzw. in die Blaue Periode hinübergleitenden bis zu ganz real aussehenden…

btw: man sieht vielen Bildern die Schwierigkeit der Künstler an, die Stoßzähne in „richtiger“ Perspektive zu malen. Manche zeichnerische Lösung erscheint fast ägyptisch… ich musste daran denken, wie ich einmal gelesen habe, was für Probleme die Künstler im indischen Raum haben, wenn sie Durga, die achtarmige Göttin darstellen… wie und wo setzt man die vielen Arme am Körper an….. aber zurück zum Thema…

Auch Dr. deSoto, der Mäusezahnarzt findet seinen Niederschlag hier in der Galerie in der Schlüsselszene, Raub der Sabin.. des Mäuserichs. Um den Orangs aber Gerechtigkeit zukommen zu lassen, es war ein Schimpi, der die böse Tat vollbrachte…. im Bild von Niklas sieht man (ok, ahnt man….), wie deSoto im Maul des Elefanten mit den Bohrern (die Kabel sind deutlich zu erkennen.. ja, richtig, das, was wie Stoßzähne aussieht…)

Und auch die Geschichte vom kühnen Raubschaf Rita wurde malerisch von Paul und Ben dokumentiert, zusammen mit dem Rosettenmeeerschwein Held der Bücher von Klein und Krause…

Etwas rätselhaft ist mir die Tischszene, mir fällt partout die dazu gehörige Geschichte nicht mehr ein… ich muss nachfragen….. die Farben Afrikas, ein außergewöhnliches, schönes Motiv… apropos rätselhaft: mit dem vielzackigen Wesen, das Yannik malte, habe ich mich sehr in die Nesseln gesetzt. Dabei hätte mir die Farbe verraten müssen, daß es sich mitnichten um ein viernäsiges Nashorn handeln kann, sondern natürlich um ein Krokodil…..

Einen ganz, ganz lieben Dank an Euch Kinder (und die, die ich jetzt nicht extra erwähnt habe, sollen nicht traurig sein, deren Bilder gefallen mir natürlich auch sehr, sehr gut….) und auch an die Lehrerin, ich freu mich schon, wenn wir uns im neuen Jahr wieder gemeinsam durch neue Abenteuer lesen……

bis dann! *winke*

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Weihnachtsgrüße…..

Dezember 23, 2010

Weihnachtszeit – Winterzeit: dieses Jahr scheint es ja hinzukommen, das Wetter mit dem Schnee, den weißen Bäumen…. mit diesem (für einen Bücherblog extrem geeigenten) Weihnachtsbaum wünsch ich Euch allen ein ruhige, aufregendes, lustiges, besinnliches – kurz: ein schönes Fest und für das Neue Jahr alles Gute und viiiiiieeeel Zeit zum Lesen der vielen guten Bücher, die auf euch warten …….

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Ester hatte Tränen in den Augen,
das konnte ich sehen.

„Lies das noch mal vor“, sagte sie leise.
„Du schreibst echt saugute Gedichte.“

„Die besten Beerdigungen“ ist ein wunderschönes Kinderbuch über ein ernstes, trauriges Thema: über Beerdigungen und damit über den Tod. Ester, die ältere Schwester, findet eine tote Hummel, ein Ereignis, das den langweiligen Tagesablauf unterbricht und sie auf den Gedanken bringt, daß ja die ganze Welt voller toter Tiere sei und irgendjemand sich drum kümmern müsse. Und sie weiß auch schon wer: nämlich sie, der Ich-Erzähler und Putte, Esters ganz kleiner Bruder… und so machen sich die drei Kinder auf in ihre Umgebung, um dort tote Tiere aller Art zu suchen und fachmännisch zu beerdigen. Mit Blumen und Sarg und Gedichte und traurig sein und alles, was so dazu gehört….. und sie merken, daß der Tod allgegenwärtig ist, auf den Straßen, im Garten, sogar im Kühlschrank finden sie gestorbenes Getier, das sie beerdigen… noch´n Hering…. an einigen Stellen finden sich solch subtile Aussagen wie hier die, daß wir, um essen zu können, um überleben zu können, tote Tiere essen (und die Frage: wie gehen sie tot? wird sich da irgendwann anschließen…)

Viele tausend Jahre ist man tot
Ob es weh tut?
Ist man einsam? Hat man Angst?

Ob das Buch für Kinder, die sich wirklich in einer Trauersituation befinden und Trost brauchen, geeignet ist, weiß ich nicht, das bezweifel ich auch eher. Aber es ist eine wunderschöne, sehr sensible Hinführung zum Thema, wenn die Frage nach dem Tod bei Kindern auftaucht, was da passiert, wie man damit umgeht. Ob es wehtut, wie lang es dauert und ob die Reise, die man dann antritt, ewig ist…. Sensibel, aber nicht langweilig, Ester und ihre Helfer betreiben ihr Geschäft mit großem Einsatz, sie wollen wirklich die besten Beerdigungen der Welt machen, schreiben saugute Gedichte, weinen und sind traurig, aber verzweifeln nicht, sondern wissen, daß das Leben weiter geht…

Facit: Es macht Spaß, diese Büchlein mit seiner schönen Bebilderung zu lesen, auch für Erwachsene. Und es werden die Fragen gestellt, die Kinder einem vielleicht mal stellen und dann könnte dies ein Leitfaden sein, anhand dessen man die Antworten suchen kann.

Ulf Nilsson
Die besten Beerdigungen der Welt
Eva Eriksson (Illustrator), Ole Könnecke (Übersetzer)
Moritz-Verlag, HC, 40 S.

Franz Kafka: Der Prozess

Dezember 19, 2010

Josef K., Prokurist einer größeren Bank, ein Dienstzimmer mit großer Fensterfront, beruflich aufstrebend, privat der Weiblichkeit durchaus zugetan, zur Miete in einer Pension wohnend, erwartet des Morgens im Bette liegend die Bereitung des Frühstücks, doch er muss an dessen statt mit zwei Herren vorlieb nehmen. Diese verkünden ihm, er sei verhaftet, könne und solle aber sein normales Leben weiterführen. Dies erst für einen Scherz von Freunden oder Kollegen haltend bekommt Josek K. aber im Lauf der Zeit, spätestens aber mit der ersten Vorladung vor den Richter Zweifel ob der Scherzhaftigkeit des Geschehens und die Erkenntnis gewinnend, daß ihm in der Tat der Prozess gemacht werden soll – und in Unkenntnis darüber, welchen Sachverhalt, den sich auch bei anstrengenstem Nachdenken zu gegenwärtigen er nicht in der Lage ist, dieser Prozess abhandeln soll – versucht er, sich für seine Verteidigung einzurichten.

Mithilfe seines Onkels, der durch Gerüchte über die Verhaftung und den zukünftigen Prozess seines Neffen aufgeschreckt, in die Stadt kommt und dem Neffen seine Hilfe anbietet in Form alter Kontakte und Verbindungen, die zwar seiner langen Abwesenheit aus der Stadt wegen in letzter Zeit zum Ruhen gekommen sind, dessen ungeachtet aber wieder aktiviert werden können, und in deren Annahme K. erst einmal nur einwilligt, um den Onkel nicht zu kränken, wird er Mandat des Akvokaten Huld, der obschon krank im Bette liegend, seiner Rede nach durchaus Erfahrungen hat im Umgang mit solcherart Prozessen. Auch hätte sich die Anwesenheit des Gerichtsdirektors bei diesem ersten Besuch bei Huld durchaus positiv auswirken können auf das weitere Schicksal von Josef K. hätte dieser sich nicht, das ganze Procedere als durchaus lästig und kindisch empfindend, einen Vorwand vortäuschend aus dem Zimmer entfernt, nur um sofort den Verlockungen des Hausmädchens Leni zu erliegen und zwar in einer Lautstärke und einer Art von Geräuschen, die den im Zimmer auf seine Rückkehr wartenden Herren einen sich auf das weitere Schicksal von K. insgesamt eher negativ auswirkenden Eindruck der gemeinsamen Aktivitägen von K. und Leni vermittelten.

Im Lauf der Wochen und Monate gewinnt der Prozess durch das Gericht und die einzurichtende Verteidigung eine immer größere Rolle im Leben des Josef K. ein, derart, daß er auch im beruflichen Umfeld seine Pflichten nicht mehr in gewohnter Art und Weise erfüllt und ihm dort schwerwiegende Nachteile drohen. Trotz aller Bemühungen (und es sind nicht wenige) gelingt es ihm dennoch nicht, den Gang des Verfahrens zu beschleunigen, zu beeinflussen oder gar zu erkennen. Letztlich bedrückt ihn die Bedrohung derart stark, daß er sich ohne Klagen in ein Urteil fügt, das nie ausgesprochen wurde.

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Ein wenig seltsam kommt es mir vor, daß ich hier, Flatter S. die Geschichte des Josef K. vorstelle, immerhin ist „Der Prozess“ von Kafka (dessen Manuskript dem Willen seines Autoren nach hätte vernichtet werden sollen) ein vielleicht nicht von allen gelesenes, aber sicherlich (fast) allen bekanntes Buch. Und doch.

Die Geschichte des Josef K. ist seltsam unbestimmt, was Zeit und Raum angeht. Sie schwebt im Nirgendwo und ähnelt darin ganz dem dargestellten Vorgängen, denen sich Josef K. ausgesetzt sieht. Ein niedriges (es sind immer irgendwo auch die höheren Gerichte, Advokaten und Richter im Hintergrund), nichtsdestotrotz nicht greifbares Gericht klagt ihn an, wessen wird nicht genannt, dies ist aber auch unwesentlich. Die Anklage als solche führt dazu, daß ein Verfahren abläuft, das nicht zu erkennen ist, genausowenig wie die Gesetze, nach denen es sich richtet, ja, es wird noch nicht einmal ein Urteil in dem Verfahren gesprochen, denn (so heißt es zum Schluss), das Verfahren geht in das Urteil über. Und es ist nicht bekannt, daß jemals ein Angeklagter freigesprochen worden wäre.

So scheint mir der Titel „Der Prozess“ doppelte Bedeutung zu haben: einmal geht es um eben diesen äußeren Prozess, der gegen K. angestrengt wird und für den sich dieser zu wappnen versucht, indem er nach jeder Hilfe, so obskur sie auch scheinen mag, greift, die ihm bei seiner Verteidigung (da die Anklage ihm nicht genannt wird, fühlt er, daß er im Grunde sein ganzes Leben verteidigen muss…) helfen kann, greift. Die Verhaftung, die erste Untersuchung, die Organisation seiner Verteidigung, das Urteil sind Elemente dieses äußeren Prozesses.

Daneben scheint mir fast bedeutender, was im Inneren, in der Einstellung des Josef K. abläuft: erst an einen Scherz glaubend nimmt er nur zögerlich Bestreben auf, sich zu verteidigen, dann jedoch geht ihm die Verteidigung zu langsam und unentschlossen vor und die eigene Erforschung seines Lebens belastet ihn in ihrer notwendig scheinenden Umfänglichkeit immer mehr, bis sie von ihm derart Besitz ergreift, daß er den Erfordernissen seines übriges Lebens, insbesondere seine herausgehobene Stellung in der Bank, nicht mehr nachkommen kann. Schließlich gibt er seinen Widerstand auf und fügt sich in das Urteil. Auch diese Entwicklung ist ein Prozess, ein prozesshafter Verlauf: gerät man erst einmal in die erste Stufe „Verhaftung“, so hat man im Grunde schon verloren, weil alles andere sich automatisch aus dieser heraus zu ergeben scheint. Da das Gericht selbst nur sehr sporadisch in Erscheinung tritt (bei der Verhaftung, der ersten Untersuchung, der Vollstreckung des Urteils), laufen alle diese Vorgänge, die in der Hinnahme, ja in der Begrüßung des Urteils münden, im Inneren des Angeklagten statt und – da es ferner keine Konkretisierung der Anklage gibt – kann jeder angeklagt werden: es herrscht Willkür. Dieser Willkür unterworfen zu sein, zerstört das Leben des Josef K, denn im Grunde ist er frei zu tun, was er will, das Gericht übt praktisch keinen Zwang aus.

Der Mensch wird in Kafkas Roman ein dem Herrschenden ausgeliefertes Objekt. Nichts ist bekannt, weder die Richter, noch die Gerichte, zu den Gesetzen gibt es keinen Zugang und die Anklage ist unerheblich (dem ersten Satz des Romans nach hat Josef K. sogar ausdrücklich nichts Böses getan!). Wichtig ist nur, daß angeklagt wird, daß ein Prozess eröffnet wird. Es herrscht Willkür, niemand kann sich verteidigen, weil mit der Anklage schon das Urteil feststeht. Das einzige, was noch abgewartet werden muss, ist, daß der Angeklagte sich in das Urteil fügt. Dies macht er, so beschreibt Kafka es, weil es für ihn letztlich eine Erlösung darstellt, die Annahme des Urteils beendet die Qual des Prozesses, den man nicht beeinflussen kann, den man noch nicht einmal kennt. Irgendwann ist es leichter, sich schuldig zu bekennen (wessen auch immer), als weiter in diesem Prozess angeklagt zu sein. Es ist die einzige Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Der „Prozess“ ist sicherlich auf mannigfache Weise interpretierbar. Kafka war selbst Jurist und schrieb diesen Roman Anfang des 20. Jahrhunderts, auch unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges und der seinerzeit herrschenden politischen Verhältnisse. Die Äußerungen K.s gegenüber der Frau des Gerichtsdieners im leeren Gerichtssaal (den K. ohne Aufforderung aufgesucht hatte, allein, weil er davon ausging, daß wieder eine Verhandlung sei) geben davon ein beredtes Bild. Auch ist natürlich der Begriff „Schuld“ ein zentraler Bestandteil des Buches, schuldig sein, sich schuldig fühlen oder Schuld annehmen als Möglichkeit, über deren Sühne wieder frei zu werden….

In die Sprache des Buches muss man sich einlesen, es sind komplizierte Schachtelsätze (so wie am Beginn meiner Buchvorstellung), der Text ist durch Absätze oder ähnliches kaum strukturiert. Trotzdem fesselt er phasenweise, wenngleich er mir gegen Ende des Romans etwas „lang“ wurde, da das, was Kafka mir mit dem Text sagen konnte, gesagt war und es dann doch etwas langatmig und wiederholend wurde. Etwas Übung beim Lesen braucht´s also schon….

Facit: ein verstörendes Stück über die Machtlosigkeit des Individuums gegen einen alles beherrschenden Staat.

Links:

[1] http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/kafka/kafka_prozess.html
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Process
[3] Text im Projekt Gutenberg

Bei diesem Buch hat mich einfach sofort das Cover gefangen genommen. Die Farben, die Stimmung.. es passt alles, und es deutet alles auf ein nachdenkliches, melancholisches Buch hin ….. und so ist es auch, denn der Roman überspannt das jüdische Trauerjahr einer Frau, deren Mann, von dem sie seit vielen Jahren geschieden ist, plötzlich verstarb.

Jerome, ich kann ihn mir gut vorstellen. Um die 60 Jahre alt, korpulent (um das Wort dick zu vermeiden), mit einem schwachen Herzen, das das Wasser nicht mehr aus dem Körper pumpen kann, ein Mann, der es liebte, Mittelpunkt zu sein, die anderen zu unterhalten, jemand, der Sammler war, auch von Frauen, ein Mann, der sich nicht eingestehen wollte, daß er an eine Grenze gekommen war, an der er sich seine Angst vor Krankheit und Tod hätte eingestehen müssen, um sich helfen lassen zu können.

Vor dem Tod verlieren die Wörter ihren Sinn, nur das Schweigen ist angemessen.

Das Buch ist eine einzige Totenklage der Ich-Erzählerin (von der wir nur an einer einzigen Stelle den Namen erfahren, den sie bei der Annahme des jüdischen Glaubens erhielt, Michal) um ihren Ex-Mann Jerome, von dem sie seit 15 Jahren getrennt lebte. Trotz dieser räumlichen Trennung fühlte sie sich ihm innerlich zutiefst verbunden. Die beiden Menschen waren gerade dabei, wieder einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, sie, die „Mann und Frau nach eigener Definition“ waren, als dieser Tod alles zerstörte. Nun sitzt die in Europa als Schriftstellerin lebende Ich-Erzählerin in dem ehemalig gemeinsamen Haus in Boston, das für sie mit Erinnerungen getränkt ist, zusammen mit Ilana, der Tochter und ist ihrer Trauer ausgeliefert, sie, die im Kreis der anderen Verwandten und der Freunde und Bekannten keinen Status hat, der man sogar das Recht auf Trauer abspricht. Sie wird geschnitten und erfährt fast nur negative Gefühle, von Nichtbeachtung bis Verachtung, war sie es doch, die seinerzeit den Mann und die Tochter verließ (auch wenn sie selbst dies anders empfunden hat). Nur wenige anerkennen ihr Recht auf Schmerz, viel öfter als „ihr wart ein Paar, er hat dich immer geliebt“ hört sie ein „er hat nie von dir gesprochen“ sie ist ein Fremdkörper in der Trauergesellschaft, die sich in der Schiwa [1] jeden Tag bei ihr einstellt.

Die Erzählerin kämpft mit dem Tod, sie will wissen, was das ist, wann der Moment ist, an dem das Leben gerade nicht mehr, der Tod gerade eben da ist. Was passiert in diesem Augenblick, was mag der Sterbende fühlen, wie mag sich Jerome gefühlt haben, eben noch einen Witz erzählt und dann greift die Faust um sein Herz und drückt es zu. Ist sein Leben noch einmal als Film an ihm vorbei gegangen und welche Rolle hat sie in diesem Film gehabt? Aber so wie jedes Ding, so man es auseinandernimmt und immer weiter in seine Bestandteile zerlegt bis nichts mehr übrig bleibt vom Ursprünglichen, bis sich alles, ob schön oder häßlich, verflüchtigt und aufgelöst hat, sein Wesen verliert, so wenig können sie und Ilana durch dieses Sezieren des einen Moments den Tod begreifen, der in ihr Leben gefahren ist.

Es ist nicht nur Jerome gestorben, mit ihm starb auch das Leben der Protagonisten, die sich jetzt ein neues finden muss, die überhaupt ins Leben zurückfinden muss, denn alles in ihr ist rückwärts gerichtet, in die Vergangenheit, in die Erinnerung. Mitgutsch läßt ihre Hauptperson den Roman hindurch alle Phasen der Trauer durchleiden, von der Verdrängung über den Zorn bis hin zu dem vermeintlichen Sehen des Gestorbenen auf der Straße, dem Parkplatz. Es ist unendlicher Schmerz in ihr, sie blutet aus, kein Schlaf, den sie mehr findet, kein Essen mehr und kein Trinken, sie kennt keine Gefühle mehr als nur den Schmerz der endgültigen Trennung, als die unendlich graue Trauer, die sich in ihr breitmacht, sie innerlich verzehrt und auffrisst. Zwiesprache führt sie mit dem Toten, der ihr am Tisch gegenüber sitzt, dessen Bild an der Wand hängt, mit dem ironischen Moment im Auge, dessen Anblick ihr soviele Erinnerungen beschert. Sie betrachtet die Sachen ihres Mannes im Haus, diejenigen, die die Verwandten noch da gelassen haben bei ihrer eigenen Sichtung, alte Briefe, Fotos, viele auch von den Frauen, um deren Gunst sich ihr Mann seinerzeit bemühte, meist mit Erfolg.

In der Zwiesprache, die die Erzählerin mit sich selbst und dem Toten hält, schält sich aus den Erinnerungen ein Bild einer Beziehung heraus, die durch eine tiefe Verbundenheit geprägt war, durch ein wortloses Verständnis, durch große emotionale Nähe. Aber diese Erinnerung erhält im Lauf der Tage Risse, manchmal blitzt unter der Oberfläche eine dunkle Dimension auf. Die Erzählerin findet Bilder der Liebschaften ihres Mannes, von denen sie zwar immer wusste, die sie aber ignorierte. Jetzt sind die Fragen da und die Zweifel – und auch der Schmerz. Sie sieht auf den alten Bildern eine junge Mutter, die nicht glücklich ist, sondern verhärmt aussieht, verkniffen. So hat sie sich doch garnicht in Erinnerung… Auch Jerome war nicht nur der strahlende Held ihrer Erinnerung, es drängt sich auch der Mann ins Bild, der beruflich als Anwalt hätte brillieren können, der aber zum Schluss Schwierigkeiten hatte, geldringende Aufträge zu bekommen. So wie das Dach ihres alten Zuhauses im strömenden Regen Risse bekommt und das Wasser die Wände hinabläuft, so bekommt ihr Bild von ihrem Leben Risse und verliert an Sicherheit. Die Erinnerung schützt sie nicht mehr, die Bilder, die sie in Sicherheit wogen, zerreissen.

Als er aufhörte, mich als seiner Königin zu huldigen, weil das Objekt seiner Verehrung
sich in seine Ehefrau verwandelt hatte, widersetzte er sich mit passiver Sturheit,
die nie erörtert wurde, jeder Ausgabe, die mich betraf. Und jetzt erst,
nach dreißig Jahren errreicht mich das ganze Ausmaß der darin verborgenen Geringschätzung.

Für die Erzählerin kommt somit so etwas wie die Zeit der Abrechnung mit allen Kränkungen der letzten 35 Jahre, für den verächtlichen Blick, mit dem sie bedacht worden ist, die Schmähungen, die sie sich anhören musste, das Ignoriertwerden von ihrem Mann, daß ihr Mann sie über Jahre hinweg aus seinen Träumen verbannt hat. Und schlimmer noch als diese Erkenntnisse ist die Tatsache, daß sie ihrem Mann nicht mehr verzeihen kann, noch ihm den Tod an den Hals wünschen. So kalt und ohne Trost entfernt er sich.

Es ist ein Reifungsprozess, den Mitgutsch ihre Hauptperson hier durchlaufen läßt, indem sie deren geschönte Selbstwahrnehung langsam auflöst und ihn parallel zur sich wandelnden Trauer in einen ehrlichen Blick auf ihr Leben umwandelt. Und so scheint sie am Ende des Trauerjahres gelernt zu haben, mit ihrem Verlust zu leben.

Der Roman ist parallel zum jüdischen Trauerjahr aufgebaut. Dies fängt mit der Schiwa, einem siebentägigen Zeitraum, in dem die Trauerfamilie sich in ihre Trauer fallen lassen kann und von Freunden und Bekannten besucht und versorgt wird. Den Trauernden werden in diesem Zeitraum viele Verpflichtungen abgenommen, Essen und Trinken wird für sie gerichtet. Danach schließt sich ein 30tägiger Zeitraum an, an dem sich von Vergnügungen ferngehalten wird und nach einem Jahr ist das offizielle Trauerjahr vorbei. Entsprechend dieser Einteilung gliedert die Autorin auch ihren Roman.

„Wenn du wiederkommst“ ist kein Unterhaltungsroman. Das Buch verlangt hohe Aufmerksamkeit, zu differenziert und tiefgründig sind die Gedankenwelten, die Mitgutsch schildert. Sie führt den Leser durch zwei Leben und ein gemeinsames, sie beschreibt in wunderbar poetischen Abschnitten die Landschaft in Neuengland, die Küsten, die Buchten, die Strände, an denen sie ihre Erzählerin mit Jerome spazieren gehen liess… sie läßt ihre Erzählerin den Verlust eines geliebten Menschen zweifach erleiden: zum einen physisch, zum anderen, indem sie sie das Bild dieses Menschen korrigieren, ehrlich werden läßt. Es ist ein Roman, bei dem es um die Liebe geht und wie sie empfunden wird, er behandelt den Kampf um die eigene Identität in einer Beziehung, um die Selbstfindung und den Selbstbetrug, es geht um die Macht und Endgültigkeit des Todes und um das Leid der Trauer. Es geht auch um Erkenntnis und Wahrheit.

„Wir haben nicht über dasselbe geredet, wenn wir von Liebe geredet haben.“

Facit: Ein schwieriges Buch, für das man sich Zeit nehmen muss. Die sich aber sehr lohnt.

Anmerkungen:

[1] Schiwa: die ersten sieben Tage nach dem Tod des Verstorbenen im jüdischen Trauerjahr
[2] WebSite der Autorin

Anna Mitgutsch
Wenn du wiederkommst
Luchterhand Literaturverlag, 2010, HC, 272 S.

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Relativ überraschend war ich gefragt worden, ob ich am 3. Advent für einen Vorleser einspringen könne, der wahrscheinlich ausfallen würde, einer Reise wegen, das Enkelchen hätte Taufe. Eine Rosegger-Geschichte zum Advent. Nun, Rosegger war bis dato noch nicht mein Lieblingsschriftsteller, aber ja, natürlich spring ich ein. Es ist dann doch anders gekommen, der, der wegfahren wollte, ist zu Hause geblieben (des Wetters wegen), dafür hatte der „zweite Mann“, eine Vorleserkollegin, soviel anderes zu tun (es gab noch mehr als nur die Lesung bei dieser Veranstaltung auf Kloster Arnstein), daß sie ganz froh war, daß da jemand war, dem sie ihren Lesepart übertragen konnte.

Rosegger ist garnicht so einfach zu lesen. Sehr viele Konjunktive, verschachtelte Sätze, ein durchdachter Aufbau der Geschichte, die besinnlich anfängt und sich dann zu kleinen (oder auch größeren) Höhepunkten steigert. In dieser Geschichte [2] geht es um das erste Christfest, an dem der kleine Peter mit dem Grossknecht in die mitternächtliche Christmette darf und sich auf dem Rückweg verirrt, weil der den Anschluss an die anderen verliert. Natürlich wird er gerettet und trotz der großen Gefahr im nächtlich verschneiten und vereisten Wald geht alles gut aus (sonst hätt ich ja gestern auch nicht die Geschichte lesen können….).

Interessant ist die Schilderung der Gebräuche und auch der Strapazen, die die Leut seinerzeit auf sich nahmen, um Weihnachten zu feiern. Die Kirche lag damals nicht gerade um die Ecke (der Kirchweg des kleinen Roseggers ist auch heute noch gangbar und wird als Wanderung ausgelobt [1]), er dauert an die 3 Stunden. Die Menschen sind also gegen 9 Uhr am Abend in der Dunkelheit losgelaufen, haben dann die Mitternachtsmesse gefeiert und sind gegen ein Uhr in der Nacht auf den Rückweg gegangen. Um ein Uhr in der Nacht hat man auch schon wieder das Glöckchen zum Morgengebet gehört, das der Schulmeister angeschlagen hat…. Adventszeit war Fastenzeit und sie war noch nicht so wie heute „verkitscht“ und mit Äußerlichkeiten angefüllt, zum Fastenmahl wurde sich in die Stube gesetzt, nicht in die Küche. Haus und Hof wurden für die Ankunft des Christkinds geputzt und gereinigt, das Vieh bekam besseres Futter und die Menschen waren voller Erwartung und Freude auf den Christtag.

Nachdenklich machen solche Geschichten, man merkt, wieviel sich doch geändert hat. Ob immer zum Guten? Und ob man notwendigerweise alles mitmachen muss, was sich geändert hat, ist auch so eine Frage. Vielleicht kann man doch einfach mal den Blinker setzen und ausscheren aus der Reihe, am Rand parken, innehalten und über das nachdenken, was wirklich wichtig ist, für einen selbst und auch für andere, denen man etwas gutes tun kann…..

ooops… jetzt drifte ich aber ganz schön ab…. es war jedenfalls ein sehr schöner Abend und den (leider zu wenigen) Besuchern hat es auch sehr gut gefallen. Wie sagten zwei Damen nachher: „Es war so berührend gelesen, daß wir richtig Tränen in den Augen hatten…..“

A passende Musi hatten wir auch, Saitenmusik, ganz stilecht [3]. So hatten wir, die zwei Vorleser, die Musiker und die Besucher, einen absolut stimmigen, sehr, sehr schönen Abend zusammen.

[1] Der Peter-Rosegger-Christmettenweg, jeden Heilig-Abend wird die Wanderung organisiert durchgeführt: zur Website
[2] Der Text im Projekt Gutenberg
[3] Wer sich vor garnichts fürchtet (das bezieht sich jetzt auf die Qualität des Filmchens), kann sich die Gruppe auf diesem „Video“ (aufgenommen mit meiner kleinen Fotokamera) anhören, mitten aus dem Leben, mitsamt Hintergrund- und Nebengeräuschen…. Westerwälder Saitenmusik

Mein Gott, was tut dieses Land mir an? [3]

Irène Némirovsky war Kind gutsituierter Juden in Kiew, wo sie 1903 geboren wurde. Sie, die zu Hause ungeliebt und vernachlässigt wurde, begann früh zu schreiben, in die Welt der Gedanken und Worte zu wechseln. In der russischen Oktoberrevolution 1918 nutzte die Familie die Gelegenheit zur Flucht, vorerst nach Finnland, später dann ließen sie sich in Paris nieder. Dort veröffentlichte Némirovsky Bücher und wurde zur anerkannten Schriftstellerin, die das Leben und die Gesellschaft liebte. Nach der Niederlage Frankreichs fiel sie dann aber unter die Gesetze, die das Leben der Juden immer mehr einschränkten, sie wurde schließlich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihre Kinder konnte sie in Sicherheit bringen. Aus ihrem Tagebucheintrag vom 25. Juni 1941 (?):

„…Der Garten ist mit den Farben des Juni geschmückt: himmelblau, zartgrün und rosa. Ich habe meinen Füller verloren. Es gibt noch andere Sorgen wie z.B. drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw. Unvergeßlicher Sonntag….“

Das Manuskript der „Suite française“ wurde erst 2004 von ihrer Tochter entdeckt, entziffert und dann veröffentlicht.

Der erste Teil ihrer auf 5 Teile konzipierten Geschichte Frankreichs im zweiten Weltkrieg beginnt mit Dienstag, dem 4. Juni 1940. Am Tag zuvor waren die ersten Bomben auf Paris gefallen und Némirovsky schildert anhand von exemplarisch herausgegriffenen Familien bzw. Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten die Reaktion Frankreichs auf den Angriff der Deutschen. Die Hauptreaktion war die Flucht in die nicht besetzten Gebiete, ggf. sogar ins Ausland. So eine Flucht aus dem normalen, bequemen Leben mit all seinen gesellschaftlichen Kontakten, den Besuchen von Opern und Museen, dem Tafeln in Restaurants, dem Tragen netter Kleidung heraus war natürlich lästig. Was nimmt man mit, was läßt man da und wird man seine Besitztümer noch einmal wiedersehen? Frankreich hat keine Lust zu kämpfen, man fühlt sich gestört, nun sie schon wieder, die Deutschen, die man doch erst vor kurzem so verlustreich besiegt hatte. Und nun waren sie schon wieder da. Und offensichtlich war niemand in der Lage, gegen sie stand zu halten.

In der Wiki [1] ist eine ausführliche Inhaltsangabe zum dem Buch, so daß ich mir hier die Charakterisierung der einzelnen Personen, die Némirovsky beschreibt, spare.

Für die gutbürgerlichen Gesellschaftsschichten hat sie Verachtung übrig. Sie schildert diese als arrogante, selbstbezogene, faule und auf Kosten unterer Schichten lebende Parasiten, deren einzige Sorge es ist, die kostbare Porzellansammlung durch die Kämpfe zu retten. Während die Wohlhabenderen im eigenen Auto fliehen und dann auf den überfüllten Straßen dann doch ohne Benzin stecken bleiben (und keine Skrupel haben, es anderen zu stehlen), müssen viele der ärmeren zu Fuß flüchten oder mit der Bahn fahren, in überfüllten Zügen voller verletzter Soldaten, dem Beschuss deutscher Flieger hilflos ausgesetzt. Familien werden auseinander gerissen, verlieren ihr Hab und Gut, es gibt auf dem Fluchtweg nichts mehr zu essen oder auch nur halbwegs vernünftige Unterkünfte. Selbst Geld hilft in den meisten Fällen kaum noch. Erst am Ende der Flucht im unbesetzten Frankreich, in den Hotels, die man noch von früher kennt, den guten Zeiten, findet man wieder halbwegs in das normale Leben zurück, trifft man die Bekannten von früher und kann sich in der Isolation des guten Hauses vom anwidernden Kontakt mit den unteren Klassen erholen.

Némirovsky schildert ein dekadentes, von Standesdünkeln beherrschtes Frankreich. In den Familien wird sich noch gesiezt, der Schein ist alles, die Außenwirkung zählt. So wie die Fenster der besseren Wohnungen mit Vorhängen verschlossen sind, damit die Stuben nichts ausbleichen, halten auch die Menschen an den alten Vorstellungen fest und lassen nichts neues in ihr Leben. Am besten, alles würde so weitergehen wie bisher und alle was stört, wird beiseite geräumt. Ihr Leben ist Fassade, so wie der künstliche Kamin im Salon, der nur vorgesetzt ist und durch den niemals Wärme in den Raum ausgestrahlt wird.

Schildert Némirovsky im ersten Teil ihrer als Pentalogie angelegten Geschichte, „Sturm im Juni“ die Flucht vor den Deutschen, die selbst kaum in Erscheinung treten, allenfalls als anonyme Angreifer im Bombenflugzeug, so wechselt sie in „Dolce“ die Szenerie, in dem sie ein Dorf in den Mittelpunkt stellt, in dem sich die Besatzer einquartieren. Auch hier sind die überkommenen gesellschaftlichen Strukturen Frankreichs manifest, im Gegensatz zum ersten Teil treten hier die Deutschen aber auch als Personen in Erscheinung. Sie treten aus der Masse der geölten Kriegsmaschine, als die sie bis dahin geschildert worden sind, heraus, erhalten indiviuelle Züge und Eigenschaften und so nimmt neben dem feindlichen Soldat als Teil einer Kriegsmaschine auch der dahinter stehende Mensch Gestalt an. Und man, bzw. bsonders (junge) frau erkennt, daß Deutsche auch Menschen sind, vllt mit etwas anderen Umgangsformen, aber nicht nur verachtenswert, sogar zum Teil sogar liebenswert. In so einer Situation kann es garnicht anders sein, als daß sich auch menschliche Bande zwischen Besatzern und Besiegten bilden, Freundschaften und hie und auch mehr, vielleicht sogar Liebe.

Für die Einstellung der Franzosen, insbesondere für die begüterten, hat Némirovsky, das wird auch aus den dem Buch beigefügten „Notizen…“ deutlich, nur Verachtung übrigt. Sie hält sie für feig und korrupt. Némirovsky wähnt sich in einem Frankreich der Kollaboration, der Angst, des Verrats: das erste, was dem deutschen Kommandanten des Dorfes in die Hand gedrückt wird, ist ein Stapel mit Briefen, mit denen die Einwohner sich gegenseitig denunzieren. Bezeichnenderweise läßt der Kommandant dies alles ungelesen verbrennen.

Die Natur spielt eine große Rolle in ihrem Roman. Sie schildert sie in wunderbar poetischen Worten, sie läßt Blüten blühen und Gewitter mit Blitz und Donner wüten. Die Natur ist ihr ein Bild für die Stimmungen der Menschen, sie kristallisieren sich an ihren Erscheinungen, finden in ihnen ein Bild und erlauben einen Blick in die Seelen der Menschen. Es sind zum Teil lange Passagen (besonders im zweiten Teil „Dolce“), die sie den inneren Kämpfen vor allem von Lucille widmet, die von ihrer Schwiegermutter gehasst, vom (jetzt in deutscher Gefangenschaft seienden) Mann betrogen, in dem sich bei ihr im Haus einquartierten Offizier einen Seelenverwandten entdeckt.

So gelingt Némirovsky etwas Großartiges: sie schildert den Krieg, ohne ihn zu beschreiben. Sie vertieft sich nicht in die Grauen des Krieges, seine Verletzungen, die Toten und Verwundeten, die Gemetzel und das Sterben, sondern sie stellt dar, wie der Krieg das Innere der Menschen bloßlegt, in dem er die geltenden Konventionen hinwegfegt und sie in ihrem wahren Wesen zeigt. Dies ist nicht schmeichelhaft für Frankreich, das sie als im Gestern und in der Angst gefangen beschreibt.

Die letzten drei Teile des Romans kann sie nicht fertigstellen, Gedanken und Konzepte dazu sind in den „Notizen.. “ beigefügt, ein beklemmendes Zeugnis ihrer Arbeit, die durch den an ihr begangenen Mord in Auschwitz nie verwirklicht werden konnte.

Facit: Ein großer Roman.

[1] Wiki-Artikel zum Buch
[2] Wiki-Artikel zum Westfeldzug Hitlers
[3] die Frage ist recht einfach zu beantworten: dieses Land, das besiegte Frankreich sperrt sie in ein Lager und liefert sie nach Auschwitz aus. Dort wird sie ermordet.

Irène Némirovsky
Suite française
btb, Das Besondere Taschenbuch, 2009, 736 S.

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