Sofi Oksanen: Fegefeuer

November 29, 2010


Die Ostsee, das Baltikum, die Nähe zu Finnland und Russland: Estland, ein Land am Rande Europas. Hier spielt die Geschichte, die die junge Autorin Oksanen erzählt aus der Sicht der Jahre knapp nach der Unabhängigkeit des Landes, die es durch die Garbatschow´sche Perestroika und Glastnost errungen hat.

Aliide, die einsam auf einem heruntergekommenen Bauernhof lebt, ist alt, misstrauisch, menschenfeindlich. Sie schottet sich ab gegen das Aussen. Angst, nein Angst hat sie nicht, obwohl ihr Hund vergiftet wurde, die Hühner getötet. Um noch Angst zu haben, hat sie zuviel gesehen in ihrem Leben. Diese alte Frau also sieht eines Morgens im Garten ein Bündel Mensch liegen, dreckig, stinkend, verkommen, verletzt, entsozialisiert, der normalen Sprache und des normalen Verhaltens kaum noch mächtig. Ein antiquiertes Estnisch quillt unkoordiniert aus dem Mund des jungen Mädchens, das so elend ist, daß selbst Aliide es nicht weiterjagen kann, denn daß Zara wie ein gehetztes Tier auf der Flucht ist, ist allzu offensichtlich. Zwischen Aliide und Zara (A und Z, Anfang und Ende?) besteht eine Verbindung außerhalb dieser Begegnung, und diese Verbindung enthüllt Oksanen langsam, Schritt für Schritt in vielen Rückblenden. Dabei verwebt sie die private, persönliche Geschichte der alten Aliide mit den Zeitläuften, bzw. sie zeigt, wie sich kein Mensch von diesen freimachen kann.

1936, zu der Zeit also noch, in der Estland für kurze Zeit ein eigenständiger Staat war, flanieren die Schwestern Ingel und Aliide Sonntags auf dem Friedhof in der Hoffnung, einen Mann zu treffen, in den sie sich verlieben können. Und tatsächlich: eines Sonntags ist dort ein Mann und es ist Liebe auf den ersten Blick, die in Aliide fährt. Und auch den Mann trifft der Blitz, das Zigarettenetui, das er hochheben will, scheint in der Luft schweben zu bleiben, denn von einem Moment auf den anderen besteht seine Welt nur noch aus Aliides Schwester Ingel. Ingel und Hans heiraten und bekommen eine Tochter, die von heftiger Eifersucht geplagte Aliide lebt mit ihnen im Haus ihrer Eltern, die in den Wirren der Zeit von den Kommunisten verschleppt werden. Hans dagegen paktiert mit den Nazis und kämpft gegen die Russen, so daß er nach deren Wiederkehr fliehen muss. Die beiden Frauen, die ihn beide unendlich lieben, versuchen, ihn zu retten und zu verstecken.

Aliide wird verhört, doch es bleibt nicht beim Befragen.

Als der nackte Körper der Frau den Steinfussboden berührte, regte die Frau sich nicht mehr. Die Frau mit dem Sack über den Kopf in der Zimmermitte war eine Fremde und Aliide war fort, ihr Herz lief mit den Wurmbeinen in Spalten Löcher Furchen, verschmolz mit der Wurzel, die in der Erde unter dem Zimmer wuchs.

Sie verrät ihre Liebe Hans nicht. Ein weiteres Verhör erfolgt im Jahr darauf, diesmal werden auch Ingel und die Tochter auf die Gemeindeverwaltung geholt. Und was dieses Mal geschieht, zerbricht Aliide endgültig. Obwohl sie, die im normalen Leben von ihrer Schwester bevormundet wird, in Krisensituationen die stärkere, besonnenere, entschlusskräftigere von beiden ist, wird sie jetzt von Angst, schierer Angst, beherrscht.

Aliide paktiert mit dem Teufel, um der Hölle zu entkommen.

Sie arbeitet mit dem System zusammen, heiratet einen Funktionär und gewinnt so nach außen hin Sicherheit. Nach innen hat aber auch die Möglichkeit, ihren Hans weiterhinzu schützen. Der Preis dafür ist hoch, fast unendlich hoch, aber sie ist bereit, ihn zu zahlen. Sie gibt dem Teufel ihre Seele.

Doch nach Jahrzehnten taucht dieses Mädchen aus Wladiwostok auf. Zara, die von ihrer „Freundin“ mit lockenden Versprechen für schöne Strümpfe und Kleider in den Westen verführt wurde, wo sie dann von ihren Zuhältern zur reinen Ware zurechtgeprügelt wurde. Alles, bis aufs Atmen, bedarf der Erlaubnis und kostet sie Gebühren, die sie ab“arbeiten“ muss. Ein Mädchen, das sich dagegen auflehnt, verschwindet. Es verschwindet sich leicht und schnell in diesem Milieu. Es ist unendlich grausam, was Oksanen dort andeutet und in einigen Szenen auch deutlich schildert, es ist ein Grund, sich seines Mannseins zu schämen. Und angesichts der vielen Mädchen und jungen Frauen aus dem Osten, die in Westeuropa ihren Körper verkaufen (müssen), denke ich, daß Oksanen hier eine existierende Realität beschreibt, vor der oft genug die Augen geschlossen werden. Ohne die Nachfrage bei den hiesigen Männern gäbe es auch das „Angebot“ nicht….

Ich will nicht weiter auf den Inhalt des Buches, den Gang seiner Geschichte eingehen, um nicht zuviel zu verraten. Nur soviel, daß Aliide Zara, dieses Mädchen, das ein ein altes Foto dabei hat, auf dem sie sich wiedererkennt, nicht wegschicken kann wie sie eigentlich wollte, weil dieser gequälte Körper sie an ihren eigenen früheren erinnert, sogar fast ein wenig lieb gewinnt…..

Oksanen hat ein sehr sprachmächtiges Buch geschrieben. Viele eindrucksvolle Bilder und Beschreibungen bietet sie, vieles von dem, was sie erzählt, geht direkt durch in die Seele. Immer wieder die Fliegen, die auftauchen, ihre Eier legen und unverwüstlich sind. In eine solche hat sich auch Aliide zurückgezogen bei ihren Folterungen…. estnisches Leben wird beschrieben mit seinen Traditionen (vor allem dem Einkochen und der Bevorraten für den Winter) und der im Gegensatz zum rationalen Kommunismus stehende Glaube an Beschwörungen und Rituale. Sie macht keinen Halt vor dem Schweiß, den die Angst aus dem Körper treibt und dem Gestank der Männer, insbesondere dem von Martin, Aliides Mann, den sie nur zu ertragen lernt, indem sie durch den Mund atmet.

Es ist ein Buch über die Gewalt, über das Zerbrechen von Menschen, über das Entmenschlichen. Über Männer als Täter und Frauen als Opfer. Oksanen macht klar, daß Frauen in solchen Situationen immer in einer Währung bezahlen müssen, ob nun nach dem Krieg belastende Dokumente verschwinden müssen oder ob der Zuhälter ihr eine vermeintlichen Gefallen getan hat: „Zieh dich aus und danke mir.“ ….
Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die ihrerseits bereit ist, Menschen zu opfern, um ein Ziel zu erreichen. Es ist ein grausames Buch in seiner Deutlichkeit, die manchmal nur in den An“deut“ungen liegt:

„Aliide Tamm soll das machen. Führt sie zum Tisch.“
Sie sagten nichts, sie sagten nichts.
„Mach, daß sie die Glühbirne nimmt.“
Sie sagten nichts sie sagten nichts nichts nichts.
„Nimm die Glühbirne, du Schlampe!“

Manches ist zu grausam, um erfunden zu sein…..

… und es ist ein grausames Buch, weil das Wort „Mitleid“, mit-leiden fehlt, nicht zu existieren scheint. Wie ist es möglich, daß Menschen so werden, ganze Gesellschaften sogar….. das ist die Frage, die mir beim und nach dem Lesen nicht aus dem Kopf gehen will…..

„Fegefeuer“ ist aber auch ein spannendes Buch, das man manchmal einfach aus der Hand legen muss, um das Gelesene zu verdauen, aber das man nicht lange liegen lassen kann, weil man erfahren muss, wie die Geschichte weitergeht. Das Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Epochen bildet immense Spannungsbögen in den einzelnen Handlungsfäden, die auch bis zum Schluss aufrecht erhalten werden.

Facit: Bibliophilin hat geschrieben, man bräuchte Kraft für dieses Buch. Ja, das stimmt. Aber es gibt auch viel, weil es nichts verschweigt.

Sofi Oksanen
Fegefeuer
Kiepenheuer & Witsch, 2010, HC, 395 S.

Deutscher Vorlesetag 2010

November 27, 2010

So, gestern nachmittag war es also so weit. „Meine“ Lehrerin hatte mit ihren Kindern die Klasse schon leergeräumt, die Bänke standen draußen auf dem Flut mit Bechern, weil die Mütter zur Pause einen „Kinderpunsch“ warmmachen wollten. Drinnen im Saal, in dem am Vormittag noch ein Tannenbaum aufgestellt worden war, war also genug Platz für das Kissen- und Deckenlager, während es sich die Erwachsenen auf den hinteren Rängen und den kleinen Stühlen bequem machen mussten…. einen kleinen Eindruck gibt das Bild hier wieder, wenigstens ein Schnappschuss (ich habe aber berechtigte Hoffnung, noch andere Fotos zu bekommen, die besser sind als dieses arg rotpupillige… ).

Und dann ging´s los!

Weihnachten ganz wunderbar
Ueberreuter, 2001, HC, 134 S.

Erst einmal gab es die Weihnachtsgeschichten. Dieses Buch ist wie ein Adventskalender aufgebaut, füär jeden Tag gibt es eine Geschichte. Ich hatte die von Jakob und Sani ausgesucht, die in einem Haus wohnen, in dem es eine alte Frau gibt, die sehr unfreundlich erscheint. Aber der vorwitzige jüngere Bruder Jakob knüpft dank seines Gesangstalents (gröl-gröl) und mit Hilfe von Rudolf, the red-nose reindeer Kontakte zu dieser Frau, die die beiden Kinder dann zu sich einlädt. Und auch Sani, die sich erst dagegen wehrt, merkt, daß die Frau Seitz garnicht so verkehrt ist…..

Eine Weihnachtsreise um die Welt
Esslinger Verlag Schreiber, 2008, HC, 112 S.

Die zweite Geschichte stammte aus der Weltreise mit Weihnachtsgeschichten aus vielen Ländern rund um den Globus. Ich hatte mich für die aus England entschieden. Sie hatte auch für die Erwachsenen einiges zum Schmunzeln, da viele Beobachtungen aus dem realen Leben in die Handlung mit eingeflossen sein dürften („Papa zeigte Mama, wie Papiergirlanden aufgehängt werden sollten. Und dann zeigte Mama Papa, wie sie aufgehängt werden können.“ oder „Mama hatte die Zwillinge gebadet und gefüttert, das Haus geputzt, Mittag gekocht und den Weihnachtsbaum geschmückt, während Papa sich mit dem [erfolglosen] Aufhängen der Girlande beschäftigt hatte.„). Jedenfalls hat Jeremy James große Probleme, sich mit der grundlegenden Frage auseinanderzusetzen, ob a) Mama oder Papa lieber das Lakritz oder die Schokolade zu Weihnachten hätten und b), ob wirklich Schokolade bzw. Lakritz in den verpackten Geschenken für die Eltern drin war oder ob es nicht vllt eine Mogelpackung wäre…. Aber er löst das Problem und damit wird auch das Weihnachtsfest zum Schönsten überhaupt.

Die schaurigsten Leselöwen Gruselgeschichten
Loewe Verlag, 2000, HC, 158 S.

Nach der Pause wurde es dann gruselig! Willi Wammper (irgendwie habe ich zum Vergnügen der Kinder das Wort „Vampir“ immer falsch gelesen….) macht seinen Eltern, dem Vater Vampir und der Mutter Vampir, große Sorgen: er hat immer noch seine Milchzähne und er will lieber Gärtner werden und Gemüse ernten… aber auch das geht gut aus, denn schließlich haben Mutter und Vater Vampir ihren Willi ja sehr lieb…..

Ein tolles Geschenk habe ich bekommen von den Kindern: Jedes Kind hat mir ein Bild gemalt mit einem Motiv aus einer der Geschichten, die ich im Lauf des Jahres bei ihnen vorgelesen hatte. Das hat mich sehr gefreut! Die werde ich in der nächsten Woche in die Beiträge einarbeiten. Ein ganz dickes, dickes Dankeschön dafür!

Zum Abschluss präsentierte der Chor der Kinder dann noch zwei Lieder, von denen ich eins so halb eingefangen habe:

tja, das war mein Vorlesenachmittag mit Kindern und Eltern….. rundherum gelungen!

Ich sollte mir wirklich mal notieren, wie ich an welche Bücher komme… dies hier ist auch so ein Exemplar, keine Ahnung, wo ich davon gelesen habe, aber es lag in meiner Buchhandlung im Abholfach, mit meinem Namen. Na also.

Wie schon Boyle in seinem „Grün ist die Hoffnung“ hat auch Krauss Nordkalifornien, Humboldt Country, als Schauplatz seines Krimis gewählt.

Rasta Jimmy, der kiffende, lebensfrohe Rastafarian in der falschen Hautfarbe, mit blonden Dreadlocks geschmückt, muss eben diese abschneiden, weil das FBI sich an einem Toten stört, der 100 m über ihm in einem Redwood hängt. Und unter dem Redwood wächst und reift das, was Rasta Jimmy Geld und Erfolg bringen soll: Hanf, Ganja, Marihuana oder wie auch immer man den Stoff nennen soll.

Also trouble in Rasta Jimmys Revier, zur ungünstigsten, weil Erntezeit. Der FBI-Schnösel ist hartnäckig und Ollie, der örtliche Sheriff, der von den kleinen oder auch nicht so kleinen Geschäften mit den Plantagen weiß, kann ihn einige Zeit hinhalten, schließlich braucht man ja selber Ruhe im eigenen Hinterhof. Obwohl, als sich das Problem mit dem FBI-Agent dann unerwartet doch löst, fängt der Spaß erst richtig an….

Was auf den ersten Seiten den Eindruck einer locker-flockigen Kiffer-Geschichte macht, wächst sich mit diesem Ereignis zu einem ziemlich harten und pessimistischen Krimi aus, der zunehmend an Fahrt gewinnt und alles andere außer Lesen zur Nebensächlichkeit verurteilt. Jimmy, der nicht auf den Kopf gefallen ist, weiß sich zu wehren, er versteht es, eine zeitlang persönliche Verluste und Gewinne auszugleichen. Aber irgendwann überschreitet er eine Grenze, die ihm, der alttestamentarisch [1] erzogen wurde, klar macht, daß Buße Leid bedeutet. Großes Leid.

In den fast undurchdringlichen Wäldern Nord-Kaliforniens macht fast jeder sein Geschäft mit dem Stoff. Und keiner vertraut dem anderen, es geht knallhart her, gerade zur Erntezeit. Mexikanische Banden ebenso wie die örtlichen Würdenträger, alle verdienen sich dumm und dusselig an dem Zeug, verstehen aber keinen Spaß, wenn sie bei der Arbeit gestört werden. Kraus macht den Eindruck, als wisse er, wovon er schreibt, er läßt seinen Helden wie einen Rächer durch die Landschaft ziehen, immer unerbittlicher, skrupelloser und härter. Aus dem lebensfrohen Kiffer wird ein von allen gejagtes Wild, das nicht mehr fragt, sondern nur noch handelt, im sicheren Wissen um das Ende der Reise. Er beißt um sich wie ein tollwütiger Hund, hoffend, nach dem letzten Coup doch noch zu entkommen, wissend, daß dem nicht so sein wird. Und dann ist da noch …. nein, schreib ich jetzt nicht, selber lesen, denn:

Facit: nach einer kurzen Aufwärmphase erzählt Kraus eine tierisch spannende Geschichte, die einen so richtig packt!

[1] Die Charakterisierung seiner Mutter durch Kraus muss ich jetzt einfach zitieren, weil ich sie für entlarvend halte für eine der amerikanischen Grundhaltungen: „Als wiedergeborene Fundamentalchristin war Jesus Christus zwar ihr Retter, aber zu Hause hatte sie für das linksliberale Gefasel im Neuen Testament nichts übrig.

[2] zur Bedeutung des Cannabis-Anbaus läßt sich dieser Artikel der NYT aus. Ein Zitat lautet: Ironically, the government’s international war on drugs proved an enormous boon to marijuana cultivation in the United States. By 2002, as much as 10,000 metric tons of cannabis were cultivated annually, according to a government estimate. Jon Gettman, a criminal justice scholar, used this figure to argue that marijuana had become the nation’s biggest cash crop, with a conservative value of $35 billion at a time when the corn harvest was $23 billion and soybeans $17.6 billion. zitiert nach hier.

Peter J. Kraus
Joint Adventure
Conte-Verlag, 2010, brosch, 210 S.

Vom Atmen unter Wasser, unter der Oberfläche, wo es keine Luft gibt. Es ist nicht das kristallklare Wasser gemeint, das im Korallenriff zu finden ist, es ist das trübe, schlammige Wasser eines versumpfenden Sees, eines Ebbestroms über Schlick, der einen zurückzieht ins Meer, unter Wasser drückt, den Halt nimmt. Immer tiefer saugt einen das Wasser hinunter, in immer dunklere Schichten sinkt man, der Druck wächst, kaum noch Kraft zum Atmen ist zu finden, eine Faust ums Herz, eine zusammengequetschte Lunge, in die kein Sauerstoff mehr passt. In die Dunkelheit, den tödlichen Abgrund. Wie kann ich atmen, weiterleben, wenn alles um mich herum nur noch ein dunkler Schatten auf der Seele ist, wenn die Verzweifelung, die Sinnlosigkeit ihr dunkles Leichentuch über mich geworfen hat?

Die 16jährige Sarah Bergmann wird auf dem Nachhauseweg von einer Party ermordet. Ein knappes Jahr später versucht ihre Mutter Anne, sich das Leben zu nehmen. Sie wird von ihrem Mann Jo aber rechtzeitig gefunden und kann gerettet werden. Jo bittet Simon, den älteren Bruder Sarahs, wieder zu Hause einzuziehen, damit er auf die Mutter aufpassen kann. Simon hatte das Elternhaus nach der Beerdigung von Sarah im Streit verlassen und ist in ein Studentenwohnheim gezogen.

Das ist die Konstellation, der wir in Dickreiters Roman begegnen. Vorgeschaltet ist ein Prolog [1], der schildert, wie der 7jährige Simon versucht, seine Schwester, hinter der er sich zurückgesetzt fühlt, loszuwerden. Es gelingt ihm nicht, aber die Szene wirft ein erstes Licht auf eine Familie, in der es eine Menge innerer Spannungen gibt, die sich über Jahre hinweg aufgebaut haben und die jetzt, nach der Ermordung von Sarah in der Trauer aller Familienmitglieder unheilvoll ausbrechen.

„Atmen unter Wasser“ ist ein Buch über die Trauer, über die Ver“alleinigung“ des Menschen in der Trauer. Über die Unfähigkeit, die Trauer eines anderen zu empfinden, wenn einen die eigene unter Wasser drückt und die Luft zum Atmen abschnürt. Dickreiter analysiert nicht, bewertet nicht, sie fühlt sich ein. Sie schlüpft in die Seele, in das Innerste ihrer Personen und nimmt den Leser mit in diese Seelen- und Erinnerungswelt. Anne, Jo, Simon, Anne, Jo, Simon, Anne …. Es sind zum Teil kurze Abschnitte, die sie ihren Personen widmet, oft gleiche Ereignisse mit verschiedenen Augen gesehen. Und es ist gut, daß die Kapitel so kurz sind, man kann als Leser Luft holen zwischendurch, die Gefahr, auch unter Wasser gezogen zu werden, weil Dickreiter direkt auf die eigenen Gefühle und Empfindungen anspricht, ist groß.

Alle drei trauern anders. Anne verzweifelt an ihrer Trauer bis hin zum Suizid, Jo versucht, die Trauer zu regelementieren, sie zu kontrollieren, zurück zu drängen. Simon öffnet sich ihr am wenigsten, er ist blockiert, weil Sarah für ihn immer Konkurrentin um die Liebe der Eltern war. Viele Verluste sind es, die zu betrauern sind, der Tod von Sarah, das Schwinden der Erinnerung an Sarah, der Verlust der Nähe zum Partner.. nur als Beispiele.

Wie unterschiedlich z.B. Simon und Jo auf die Trauer von Anne eingehen, zeigen zwei Szenen. Anne versucht die Erinnerung an Sarah aufrecht zu halten. Sie hat die alten, ungewaschenen Kleidungstücke von ihr versteckt und schleicht sich ab und zu in den Keller, ihr Gesicht in diesen alten, kaum noch wahrnehmbaren Geruch zu drücken. Jo wäscht die Kleider, unabsichtlich, aber er tut es. „Die Stimme, ihre Stimme, ich kann mich kaum noch erinnern….“ Simon holt ein Handy und sagt seiner Mutter, daß der Handyvertrag von Sarah noch ein Jahr läuft und auf der Mailbox ihre Stimme zu hören ist.

Und letzteres zeigt Anne den Weg: nicht der Erinnerung entfliehen, sie einsperren, aussperren, wegsperren, sie verbieten: nein, sie suchen, sie bewusst erleben, auffrischen, sich erinnern, um loslassen zu können, um den Abschied nehmen zu können, den sie damals nicht gehabt hat. Sie setzt dies sehr konsequent um, sie gewinnt ihre Handlungskompetenz wieder, aber… sie sucht auch den Schuldigen an dem, was vor einem Jahr geschah. Nur – es gibt keinen Schuldigen, es gibt nur Beschuldigte und damit erneute Verletzte.

Verluste führen dazu, daß man Ersatz sucht. Anne klammert sich an Simon, der früher hinter Sarah zurückstehen musste. Jo sucht den Verlust seiner Frau mit einer anderen zu vergessen. Er, der Sozialarbeiter, ist wohl am skrupellosesten in seinen Bemühungen, mit der Trauer „fertig zu werden“, er greift zu Lügen und bürdet alle Verantwortung für sein Fehlverhalten seinem Sohn auf.

Kann man Menschen verurteilen, verantwortlich machen für ihre Unfähigkeit, zu trauern? Sicher, sie verhalten sich falsch, aber kann man nicht auch dies nachvollziehen? Angst essen Seele auf, Verzweifelung auch. Wer wollte da den ersten Stein werfen? Es ist für den Aussenstehenden nicht zu beurteilen, was in einem Menschen vorgeht, der das schlimmste erleiden muss, was man erleiden kann: das eigene Kind verlieren. Man kann die Wunde, die der Tod mit diesem Verlust schlägt und die selbst tödlich sein kann, nur erahnen. Das Leben der Überlebenden ist zerstört, es gibt ein Vorher und ein Nachher und daß das Danach wieder ein Leben wird, ist ein schwerer Weg, der nicht unbedingt immer der gleiche ist innerhalb einer Familie. Und so vermeidet Dickreiter am Ende ein vllt unglaubwürdiges Happyend, sie läßt ihre Figuren auf ihren jeweils eigenen Wegen in ein „Leben danach“ auftauchen.

Facit: eine sehr intensive Reise in das Innere dreier Seelenlandschaften

Lisa-Marie Dickreiter
Vom Atmen unter Wasser
Bloomsbury, 2010, HC, 269 S.

[1] den die Autorin Lisa-Marie Dickreiter uns hier vorliest
[2] Der Blog der Autorin

Der Roman ist verfilmt worden mit Andrea Sawatzki in der Rolle der Anne. Hier zwei Links zu kurzen Videoausschnitten auf youtube: der Trailer und noch ´n video und eine Besprechung des Films

Harald Martenstein: Heimweg

November 17, 2010

Die bundesrepublikanische Geschichte nach dem 2. Weltkrieg ist das Thema des Martenstein´schen Romans, der mit der Heimkehr des Josephs von seiner Auslandsreise nach Russland, seinerzeit über die Wehrmacht gebucht (oder war es eine Zwangsverschickung?) beginnt. Joseph sticht durch körperliche Fitheit aus der Menge seiner Reisegenossen hervor, ein Lungendurchschuss, einiges Metall im Körper – was ist das schon. Man kann ihm zur Begrüßung die Hand schütteln. Immerhin ist das mehr als bei anderen. Und das es nicht Katharina ist, seine Frau, die ihn am Bahnhof begrüßt, überrascht ihn nicht. Joseph ist Realist.

Denn Katharina ist Kunsttänzerin in einer Bar, die sie zusammen mit ihrer Schwester führt. Sie sind lokale Berühmtheiten am Rande der Schicklichkeit und bei entsprechender Nachfrage auch über diesen Rand hinaus. Katharina liebt das Tanzen und liebt die Liebe und Joseph ist ihr Mann, der nicht mehr dem entspricht, den sie einst geehelicht hat.

Martenstein erzählt seine Geschichte aus der Sicht des Enkels der beiden und gibt damit schon vor, daß es eine gemeinsame Geschichte von Joseph und Katharina gibt. Sie führt durch den Aufbruch und die Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, sie blickt zurück in die Vergangenheit, die ferne, in der der Räuber Heigl eine Rolle spielt und die nicht ganz so ferne, in der sich Joseph vor Moskau widerstandslos in die Realitäten schickt. Erschossen worden wäre er doch sowieso.

Die Toten des Buches und der Vergangenheit sind nicht wirklich tot. Der in der Familie liegende Hang zur Sichtung imaginärer Persönlichkeiten ist auf Katharina übergegangen. Immer mehr verschwimmen im Alter Wahn und Wirklichkeit bei ihr und Katharinas Stube wird zum Salon, in dem sich Rudolf Schock mit Freddy Quinn trifft, Kulenkampff seinen Senf dazu gibt und sich alle zusammen gut unterhalten. Auch Joseph gewöhnt sich an den unsichtbaren Besuch, bis er eines Tages selbst welchen bekommt, die Toten besuchen ihn. Ob das Erzählte real oder nicht real ist, wird immer ununterscheidbarer…

Was man in jedem Fall sagen kann, ist, daß „Heimweg“ von Martenstein keine einfache Darstellung, Beschreibung der Nachkriegszeit ist. Trotzdem bin ich etwas ratlos ob des Imaginären, das er in seine Geschichte einführt (auch wenn jetzt klar ist, was es mit dem Song „Spanish eyes“ auf sich hat..). Was will Martenstein uns damit sagen? Ein akzentuiertes Bild des Wahns, der sich damals breitmachte, daß es immer aufwärts geht, immer voran, es immer besser würde? Eine Parabel dafür, daß die Vergangenheit einen nicht losläßt, einen immer wieder einholt?

Trotz meiner Ratlosigkeit ob dieser Fragen ist das Buch natürlich ein „echter“ Martenstein, so wie man ihn aus seinen Kolumnen kennt. Sehr pointiert, treffsicher – auch viele Gedanken, die tiefer reichen als nur ein Pointe. Und doch: Mein …

Facit ist zwiespältig: einerseits – andererseits.
Ehrlicher kann ich es jetzt nicht formulieren.

Harald Martenstein
Heimweg
btb, TB, 2009, 224 S.

vor.lesen in der kirche ….

November 15, 2010

nein, kirchliches war es nicht…. sondern eine ganz fröhliche Lesung aus zwei Kinderbüchern. Angefangen hatte es ganz harmlos.. um die alljährliche Buchausstellung der kath. Bücherei im Gemeindehaus etwas aufzufrischen, wurde letztes Jahr Kaffee und Kuchen angeboten und nach dem eifrigen Zuspruch der Gaumengenüsse sollte dieses Jahr noch etwas mehr geboten werden und so wurde ich gefragt, ob ich nicht für die Kinder … klar, immer. :-)

Das „Problem“ war ein wenig, daß ich aus Büchern der Ausstellung vorlesen sollte, diese aber erst am Vorabend (Wanderausstellung) eingetroffen ist. So hatten wir zwei Wochen vorher nach Katalog ausgesucht und drei Bücher im Vorab bekommen, von denen ich mich dann mit den zwei unten vorbereitet hatte. Etwas skeptisch war ich wegen der zweiten Sache, daß nämlich eine Menge Erwachsene Interesse hatten zu kommen, weil sie mal sehen wollten, wer bei ihren Kindern in der Schule liest bzw. wie der liest, weil die Kinder wohl recht freizügig mit Lob umgehen….

.. und so hatte ich gestern dann ca. .. tja.. .15 Kinder, ein paar Jugendliche und bestimmt 20 Erwachsene in der Kirche sitzen, wahrscheinlich sogar noch mehr, zu zählen habe ich natürlich vergessen… das war deutlich mehr als wir erwarteten!

Zwischenruf: Bilder! Hat denn kein Mensch geknipst? Muss ich denn alles selbst machen? ;-) Nein, natürlich nicht alles, vorgestellt wurde ich z.B. mit einer sehr freundlichen Einführung von der „Hausherrin“, ganz lieben Dank dafür! Und dann ging´s los!

Zu den Büchern:

Conni ist Hauptperson einer ganzen Reihe von Kinderromanen. In diesem Buch reist sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jakob in den Winterurlaub. Natürlich regnet es erst einmal und in der Hütte am Berg ist alles ungewohnt: die Geräusche auf dem Dachboden und das nächtliche Umkippen der Mülltonne. Doch dann fängt es tatsächlich an zu schneien und zwar so viel, daß Conni und ihre Familie richtig eingeschneit sind. Das ist am Anfang noch ganz toll, aber offensichtlich hat man sie vergessen: die Straße wird nicht geräumt, der Handy-Akku ist leer und der Kühlschrank auch… Hilfe muss her und Papa muss in den Ort laufen. Und Conni will unbedingt mit…..

Eine schöne kindgerecht geschriebene Geschichte mit kleinen Abenteuern und vielen Erlebnissen. Den jüngeren hat es gut gefallen, aber auch die Erwachsenen (vor allem die Mütter…) hatten gegrinst, als sich z.B. herausstellte, daß Vater mal wieder das Ladekabel vom Handy vergessen hatte… wie im richtigen Leben eben… hihi..

Bei Rita, dem Raubschaf ging es dann etwas turbulenter zu. Zusammen mit Ruth, dem Rosettenmeerschwein (wieso muss ich dabei immer an Peter Maffay denken: „Hallo Freunde!“.. aber es ist wirklich zu verführerisch, Rita und Ruth im Maffay´schen Duktus zu lesen…) ist sie dem Filmtrubel nach dem großen Erfolg ihres Piratenstreifens auf eine einsame Karibikinsel entflohen. Dort erleben sie so manches Abenteuer, so auch hier.. und alles nimmt mit der Post seinen Anfang, die ihnen Shaggy, der unheimlich coole Kater mit der Gitarre und dem Reggae-Feeling, gibt. Ey man, alles cool…. Sogar gesungen habe ich beim Lesen… das hob die Stimmung noch einmal erheblich… also, das ist ein klasse Buch zum Vorlesen, man kann da wirklich alles geben! Die Altersempfehlung des Verlages.. ich hätte die spontan etwas höher angesetzt, weil doch viele Anspielungen im Buch verstreut sind, die jüngere Kinder vllt (noch) nicht kennen…. ach ja, das ganze ist mit wunderhübschen Bildern illustriert (bei Conny ist die Bebilderung eher sparsam) und daher auch beim Anschauen ein Spaß.

Facit: Glück gehabt: die richtigen Bücher, ein tolles Publikum und wieder einen neuen Termin – bei den Erwachsenen, die wollen jetzt ´ne eigene Vorlesestunde….

Julia Boehme
Conni und der große Schnee
Carlsen Verlag GmbH, 2010, HC, 96 S.
Altersempfehlung des Verlages: 6 – 10 Jahre

Martin Klein (Autor), Ute Krause (Illustrator)
Rita das Raubschaf und der Ruf der Karibikwölfe
Tulipan, 2010, HC, 128 S.
Altersempfehlung des Verlages: 8 – 9 Jahre

Biographien erwecken im Normalfall nicht so sehr mein Interesse und so hätte ich mir die „Unvollständigen Erinnerungen“ von Inge Jens sicher nicht gekauft, wenn ich nicht Anfang des Jahres das Buch ihres Sohnes, Tilman Jens, über die Demenzerkrankung von Walter Jens gelesen hätte. Die Rezeption des T. Jens´schen Buches war seinerzeit sehr gespalten, ein Großteil der Kritiker hat es ihm vorgeworfen, daß er die Leidensgeschichte seines Vaters, über Jahrzehnte hinweg einer der Geisteriesen der Republik in aller Deutlichkeit und Betroffenheit öffentlich gemacht hat. Durch diese Diskussion ist es mir bewusst geworden, das noch gilt, was ich für überwunden hielt: Krankheiten können auch heutzutage noch ein Makel sein, als ob der Erkrankte Schuld hätte an seiner Krankheit, zumal dieser. Daß Walter Jens ein Mensch ist, auch und gerade in seiner Krankheit und nicht nur eine Ikone, daß zu anzuerkennen, fiel vielen wohl schwer, vllt auch, weil sie richtig erkannt haben, daß auch das eigene Leben, so verdienstvoll es sein mag, jederzeit heimgesucht werden kann. Im Übrigen hat mir meine Besprechung des Buches eine kurze aber freundliche Mailkorrespondenz mit dem Autor eingebracht, in der er mir ein paar Punkte erläuterte und klarstellte.

Zurück zu den Erinnerungen von Inge Jens, der Ehefrau von Walter Jens. Unvollständig, das bedeutet nicht streng chronologisch. Eher sind gewisse Lebensphasen zusammengefasst und mit einzelnen Ereignissen oder Projekten charakterisiert. 1927 als erstes von 4 Kindern in Hamburg geboren, erlebte sie das 3. Reich von Beginn an mit. Beim Lesen ihrer Erinnerungen zu dieser Zeit fiel mir auf, wie selektiv damals doch die Vorgänge wahrgenommen wurden und als wie normal es zum Beispiel empfunden wurde, zehnjährig automatisch in einer der Jugendorganisationen aufgenommen zu werden. Und irgendwie hat man von nichts gewusst und über nichts geredet, auch wenn Inge Jens dazu dann selbst schreibt: „Eine derartige Behauptung mag heute als Ausflucht, Beschönigung oder Unwahrheit gelten. Und sie erscheint noch unglaubwürdiger, wenn ich hinzufüge, daß mein Vater Sturmführer der SS war, Mitglied einer Nachrichtenabteilung….“ [S.27]. Bzgl. ihres Vaters lassen mich Beschreibungen von Inge Jens überhaupt etwas im ratlos zurück: Ein SS-Sturmführer [1], immerhin ein Offiziersrang, der in den 30er Jahren mit „großer Courage und nicht selten mit Erfolg“ für Regimegegner vor Gericht ausgesagt hat [S. 25] und der [so nach S. 33] als „Chemiker eines „kriegswichtigen Betriebes““ nicht eingezogen wurde.. Um das unter einen Hut zu bringen, hätte ich ein paar ausführlichere Erklärungen gebraucht. Jedenfalls habe ich beim Lesen das Unbehagen von Frau Jens gespürt, die selbst diesen Zwiespalt [3] gemerkt haben mag zwischen einer vllt immer noch wirkenden Verdrängung und den Realitäten.

Inge Jens schildert ihre Jahre an der Seite von Walter Jens und ihre erfolgreichen Bemühungen, sich neben diesem zu emanzipieren. Sie studiert, promoviert, mit einem literaturwissenschaftlichen Themas und erarbeitet sich einen Ruf als Bearbeiterin biographischer Themen. In Tübingen trifft sie viele bekannte Schriftsteller und Wissenschaftler, sie spezialisert sich biographische Arbeiten und veröffentlicht zusammen mit ihrem Mann einige Bücher [2]. Ihre Beschreibungen sind distanziert und nüchtern, daß sie es schaffte, zu diesen Zeiten, neben dem anspruchsvollen und arbeitsintensiven Verfassen ihrer Bücher als Mutter noch zwei Kinder zu erziehen und sich neben ihrem Mann als eigenständige Persönlichkeit zu etablieren, ist eine Leistung, die sie selbst so nicht erwähnt, die aber nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Wie schon oben gesagt, haben mich in ihrer Biographie besonders die Abschnitte über die Erkrankung ihres Mannes interessiert, die vom Sohn mit soviel Herzblut beschrieben worden ist. Aber auch hier ist die Darstellung von Inge Jens sehr nüchtern und distanziert, sie bleibt bei ihrer Darstellung auf der kognitiv-analytischen Ebene, ihre Gefühle werden nur selten angesprochen. Selbst Szenen, die dramatisch gewesen sein müssen (wie Auseinandersetzungen um die Bücher, die die beiden am Ende noch zusammen schrieben) klingen selten emotionslos wie z.B.: „Wir gerieten uns in die Haare. .. So etwas hatte es zwischen uns noch nicht gegeben.“ [S. 276]. Nur selten ist die Verzweifelung der Situation spürbar (erst gegen Ende des Buches wird der Text etwas persönlicher und geht mehr auf Zweifel und Ängste ein) und wie auch schon in den Beschreibungen von Tilmann Jens, erstaunt mich die Hilflosigkeit, mit der man mit der Erkrankung von Walter Jens umgegangen ist. Die Möglichkeint einer Diagnose „Demenz“ wurde sehr lange ignoriert bzw. verdrängt, die Behandlung des Patienten infolgedessen auch inadequat. Und das nicht vor vielen Jahren, sondern erst vor ein paar…. Man klammerte sich an die Diagnose „Depression“, obwohl sich das Erlebte nur „.. in Teilen mit dem Zustand von damals deckte“ [S. 275], als Walter Jens schon einmal an Depression erkrankt war. Durfte auch hier – so ähnlich wie nachher die Kritiker auf die Darstellung von Tilman Jens über seinen Vater reagiert haben – nicht sein, was nicht sein darf? Es ist um so bedauerlicher, als daß es für dementiell Erkrankte und besonders deren Angehörige ja mittlerweile viele Hilfsangebote gibt..

Facit: Inge Jens hat das gemacht, was sie beherrscht: eine Biographie zu schreiben. An ihrem Leben läßt sie den Leser dagegen nicht teilhaben, dazu bleibt sie zu sehr auf der intellektuellen Ebene.

Anmerkungen:

[1] zu den Dienstgraden der SS siehe die Wiki, einen Dienstgrad „Sturmführer“ gab es offensichtlich nach 1935 garnicht mehr.
[2] zum Wiki-Artikel über Inge Jens
[3] auch anderen sind die Ungereimtheiten dieser Erinnungen an das 3. Reich aufgefallen, siehe die Besprechung des Buches in der ZEIT

Inge Jens
Unvollständige Erinnerungen
rororo, 2010, TB, 320 S.

Markus Pletz: Wege der Trauer

November 11, 2010

Ich weiß garnicht mehr, wie ich zu diesem Buch gekommen bin. Aber es ist auch egal, ich bin froh, daß ich es besitze. Es ist ein sehr ruhiges, einfühlsames Buch mit intensiven Bilder von Menschen, die ihren Partner verloren haben und lernen mussten/müssen, mit dem Verlust, mit der Trauer, mit diesem Schmerz zu leben. Markus Pletz, Fotograph aus Mainz und ehemaliger Krankenpfleger, läßt seinen Menschen viel Raum, seine Fragen an sie sind eigentlich weniger Fragen als mehr Anregungen zum Reden, Stichworte zum Erzählen, zum Nachdenken, zum Reflektieren. Man merkt es den Antworten an, sie führen vorsichtig tastend in die eigene Seele hinein, öffnen sich dem Fragenden gegenüber und schenken ihm das Vertrauen, über Schmerz und Einsamkeit zu reden. Dieser Raum, den der Autor seinen Personen gibt, drückt sich auch im Buch durch die großzügige Seitenaufteilung aus.

12 solcher Interviews führt Pletz, mit Männern und Frauen. Offen legen diese ihre Trauer dar, wie sie gelähmt worden sind vom Schmerz, den Boden unter den Füßen verloren haben. Aber auch, wie sie gelernt haben, daß das Leben weitergeht und sie sich auch wieder für neues, ja, auch für einen neuen Partner, öffnen können. Trauer ist ein Prozess, dies eine Konstante in all den Gesprächen, der nie zu Ende geht, der viel auch mit Erinnern, mit Erinnerung zu tun hat und Bewahren, aber auch mit Weiterleben.

Manchmal wird der Tod auch als Erlösung empfunden von Leid und Schmerz eines qualvollen Leidens: „Für ihn war es die ersehnte Erlösung von seinem Leiden und für mich die Erlösung von einem unerträglich langen, schweren Zustand. Ich erlebte das wie ein Wiedergeborenwerden.„. Hier äußern sich Schmerz und Trauer anders bei anderen Toden, der Tod kann auch Befreiung bedeuten.

„Wege der Trauer“ ist ein stilles Buch, eins, das man nicht einfach durchliest. Die geschilderten Schicksale rühren an, sie zeigen aber auch, daß man mit solchen Verlusten umgehen kann, daß man Hoffnung schöpfen kann, daß man ihnen Zeit lassen muss, sich neu zu entwickeln und zu entfalten. Der Tod eines Partner reißt dem Verbleibenden immer den Boden unter den Füßen weg, diesen wiederzufinden gibt Pletz´ Buch Beispiele und Mut.

Facit: Ein Mutmacher für Betroffene, ein einfühlsames Buch für alle anderen

Markus Pletz
Wege der Trauer
Gerstenberg, HC, 2004, 156 S.

Der 9. November

November 9, 2010

Es ist seltsam, daß in der Geschichte eines Landes wichtige Ereignisse immer wieder auf ein Datum fallen. In Deutschland kann man dafür den heutigen Tag, den 9. November nehmen, spätestens nach dem Fall der Berliner Mauer ist der Begriff des „Schicksalstages“ für die Deutschen verbreitet bekannt geworden.

Diese Aufzählung hier stammt aus der Wiki, ich habe sie mit Links ergänzt. Es ist wohl kein Fehler, so ab und an mal wieder in die Vergangenheit zu schauen und sich vor Augen zu halten, was alles mal geschah und daß dies alles noch keine Ewigkeiten her ist…..

1848 – Erschießung von Robert Blum in Wien: Anfang vom Ende der Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes
1918Novemberrevolution: Maximilian von Baden verkündet eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und betraut Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft vom Reichstagsgebäude aus die Deutsche Republik aus. Am selben Tag, jedoch einige Stunden später, verkündet Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss aus die deutsche Räterepublik.
1923Hitler-Ludendorff-Putsch: erstmals international wahrgenommenes Auftreten des Nationalsozialismus
1938 – Novemberpogrome (umstritten auch „Reichskristallnacht“ genannt): Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus mit der Zerstörung von Synagogen und Gotteshäuser. Dadurch sind die Spuren dieses Tages (dieser Periode) immer noch in den Städten zu finden: durch das Fehlern der jüdischen Gotteshäuser. An einigen Stellen werden aber jetzt, da auch die jüdischen Gemeinden wieder mehr Mitglieder haben, neue Synagogen gebaut, wie hier z.B. die wohl bekannteste in Mainz.
( 1967 – Bei der feierlichen Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität entfalten protestierende Studenten ein Transparent mit dem Slogan „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, der zu einem symbolträchtigen Motto der sogenannten „68er-Bewegung“ in der Bundesrepublik und Westberlin wird. )
1989Mauerfall: Beginn der friedlichen Wiedervereinigung Nachkriegsdeutschlands

„Wenn man in einem Traum glücklich ist, Ammu, zählt das?“ fragte Estha.
„Zählt was?“
„Das Glück – zählt es?“
Sie wusste genau, was er meinte, ihr Sohn mit der zerzausten Tolle.
Denn die Wahrheit ist, daß nur zählt, was
zählt.


Ich habe mit dem Buch gekämpft, der Gott der kleinen Dinge hat es mir nicht leicht gemacht. Bücher, die mich mitnehmen wie ein Fluss, auf dem ich mich wie mit einem Floss treiben lassen kann, liebe ich, sie fordern mich auf, in sie einzutauchen und mich ihrem Tempo anzupassen. Ich kann mich mit ihnen und in ihnen treiben lassen. Arundhati Roy Buch über das Schicksal einer indischen Familie ist anders. Es überschüttet den Leser mit einer sehr bildhaften Sprache voller Symbolik, voller Gedankensprünge, voller zeitlicher Retardierungen. ReTardieRunGen. Re.Tar.Dier.Un.Gen.

Es sind die Momente, in denen man stockt, hängenbleibt, nachdenken muss, über die man stolpert, weil man sie nicht versteht. Es scheint die Sprache zu sein, die sich bildet, bevor sie gesprochen wird, manchmal hatte ich den Eindruck, dem Entstehen dessen, was vor allem Estha und Rahel denken und sagen, beiwohnen zu können. Die Autorin springt in den Zeiten, das was Ursache war, erzählt sie oftmals lange erst nach den Wirkungen, die es gehabt hat. Wie es zu dem kommt, was das erste Kapitel einleitend schildert, zu der Beerdigung der Sophie Mol mit dem Fingerhut, der Glück bringt und die Rad schlägt und zum Sterben von Ammu, die nicht alt war und nicht jung, aber in einem lebensfähigen, sterbensfähigem Alter, all das eröffnet sich uns erst im Lauf der Geschichte, die Roy erzählt.

Es ist die Geschichte einer sich auf dem absteigenden Ast befindlichen (christlichen) Mittelklassefamilie in Kerala, der Gewürzküste in Indien. Im Mittelpunkt stehen die biologisch zweieiigen, seelisch eineiigen Zwillinge Estha und Rahel, aus ihrer Sicht erzählt Roy uns die Geschehnisse. Ammu ist ihre Mutter, diese wollte einst den gesellschaftlichen Zwängen entfliehen und heiratete aus Liebe, doch ihr Mann entpuppte sich nach der Hochzeit als Trinker und Tunichtgut. Noch andere Männer sind mehr Schein als Sein, Pappachi zum Beispiel, der Vater von Ammu, der honorige Entomologe des britischen Empires, verdrischt seine Frau zu Hause mit der Blumenvase, ein sadistischer Gewaltmensch, der die Lieblingssachen seiner Tochter mit der Schere zerstückelt. Chacko, Ammus Bruder, der geschieden aus England zurückkehrte und die Konservenfabrik, die die Mutter aufgebaut hat, übernahm, auch er seiner Aufgabe nicht gewachsen….

Der Roman erzählt die Vorkommnisse des Jahres 1969. Die Zwillinge sind 7 Jahren alt und leben mit ihrer Mutter, die im Haus unterdrückt wird, im Haus der Großeltern. Sie sind sensibel, phantasievoll, intelligent. Der Besuch von Sophie Mol, ihrer Cousine aus England, der Tochter von Chacko, ihrem Onkel, kündigt sich an. Es sind viele kleine Dinge, die in diesen Tagen passieren und die in der Nachschau zu dem großen Unglück führen. „Wenn man jemanden, der einen liebt, wehtut, dann liebt dieser einen ein klein bischen weniger!“ so sagt Ammu zu Rahel, nachdem diese frech war. Und Estha erstarrt, als er dies hört, denn dann muss Ammu ihn ja jetzt viel weniger lieb haben, wo er doch im Kino vom Limonadenmann eine Limonade in die eine Hand geschenkt bekam und in die andere Hand etwas gelegt und seine Hand an es gepresst, aus was ihm kurz darauf das sämigekligklebrigglibbriggekochte Eiweiß auf die Haut lief.

Schnell, schneller am schnellsten,
nur nicht innehalten und nicht rasten,
bis daß das Schnell ein Schneller ist
und das Schnellste ein Am-Schnellsten.

Estha fühlt sich schuldig, er kommt vor Angst fast um. Man muss auf alles gefasst sein und sich auf alles vorbereiten. Und das muss er sich jetzt. Und noch einmal, aus eigener höchster Not getrieben, sagt Ammu etwas, was wie Benzin auf Feuer wirkt: als die Ereignisse im Haus anfangen, sich aufzuschaukeln, sie eingesperrt wird in ein Zimmer, ruft sie ihren Kindern durch die Tür zu, daß diese ihr Mühlstein am Hals wären, daß es ohne sie, die Zwillinge, für sie, die Mutter, so viel einfacher wäre.

Es ist soweit. Man muss auf alles gefasst sein. Gefasst sein. Gefasst. Sein. Die Mutter hat sie weniger lieb. Sie müssen gehen. Müssen gehen. Gehen. Weg. Sie sind vorbereitet, lauter Sachen, die sie gebrauchen können haben sie schon in ihr Versteck gebracht, ins Haus der Geschichte zu Velutha, dem Unberührbaren, der Schreiner, der in der Fabrik dafür sorgt, daß die Technik funktioniert und läuft, ohne den dort alles zusammenbrechen würde. Sophie Mol, die sonst, würde sie zu Hause bleiben müssen, sicher gefoltert werden würde, um zu verraten, wohin die Zwillinge gegangen sind, kommt mit, sitzt mit in dem Boot, in dem die Kinder sitzen den Fluss zu überqueren. Der Gott der kleinen Dinge ist auch der Gott des Verlustes.

Velutha gehört zu den Paravan, den Unberührbaren. Streng ist das Kastenwesen in Indien, selbst der Atem eines solchen Menschen beschmutzt die Berührbaren [2]. Aber sie lieben sich. Ammu und Velutha lieben sich. Sie vereinen sich, sie kostet seinen salzigen Geschmack und er trinkt aus den Tiefen ihres Leibes, sie sind eins im Leib und in der Seele, obwohl sie wissen, daß ihre Liebe auf den Tod zusteuert. Sie leben ihre Liebe in den kleinen Dingen, den kleinen Versprechen:

Naaley. Morgen.

Zu den großen Dingen des Lebens gehört dies Kastenwesen, die Ordnung, die aufrecht erhalten werden muss. Ist ein Unberührbarer auch in der Liebe nicht berühren, so kann er, um ihm den Tod zu bringen, durchaus berührt werden:

Esthappen und Rahel erwachten vom Aufschrei des von zerbrochenen Kniescheiben überraschten Schlafes. Schreie erstarben in ihnen und trieben auf dem Rücken dahin wie tote Fische. … Sie hörten, wie Holzstöcke auf Fleisch trafen. Stiefel auf Knochen. Auf Zähne. Das gedämpfte Ächzen bei einem Tritt in den Bauch. Das dumpfe Knirschen eines Schädels auf Beton. Das Gurgeln des Blutes im Atem eines Mannes, wenn seine Lunge vom spitzen Ende einer gebrochenen Rippe zerrissen wird.

Das Buch hat unglaublich intensive Momente, in denen man förmlich spürt, wie sich Gefühle aufbauen, Ängste und Schuld vor allen Dingen. Estha und der Limonadenmann ist so eine Szene oder die Ereignisse um das systemnotwendige Zutodeprügeln von Velutha, bei dem den Kindern Sachen zugemutet, Verantwortung aufgebürdet werden, die ein Mensch kaum tragen kann. Und an denen Estha auch zerbricht. Aber auch die Liebe erlebt man als Leser, spürt und fühlt man. Die erste Begegnung von Ammu und Velutha am Fluss ist so ein reiner Moment gegenseitiger Offenbarung.

Die großen Dinge, alte vergangen und neue, gegenwärtige, auch diese schildert Roy. Die politischen Verhältnisse im Land der Kindheit, in dem die kommunistische Partei viele Anhänger hat. Zorn und Ärger sind zu spüren, wenn sie über den Ausverkauf des Landes spricht, den kulturellen Abstieg, der damit verbunden ist, die Traditionen touristentauglich zu machen (so werden wegen der kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Besucher die 6stündigen Theaterstücke auf 20 min gekürzt….). Der Fluss wird vergiftet von Abwässern, der Flughafen mit Vogelscheisse und Spuckeflecken verziert. Das stinkende Paradies. Ein Land, in dem Verkrüppelte ihre Holzbeine mit Socken anmalen, während das echte Bein strumpflos und nackt ist…..

Roy bettet ihre Geschichte ein in eine Rückschau aus der Zeit, als Estha und auch Rahel erwachsen sind und sich zum ersten Mal nach all den lange vergangenen Ereignissen wiedersehen. Und natürlich hat das Buch viel, viel mehr zu erzählen, werden viel, viel mehr Personen beschrieben als ich es hier in der sowieso schon wieder viel zu langen Buchvorstellung wiedergeben kann. Hier hilft der Wiki-Artikel zum Buch [1] ein wenig. Aber wer es ganz genau wissen will… der Kauf des auch rein äußerlich schönen Büchleins lohnt sich, denn beim Lesen findet man:

Facit: Große Bilder von kleinen Dingen.

[1] zum Wiki-Artikel über das Buch

[2] es fehlen leider ein paar Seiten (google-books), der Rest des Textes ist aber trotzdem interessant:  Romy Suckow: Das Kastensystem in A. Roys“der Gott der kleinen Dinge

[3] zum Wiki-Artikel über Roy

Arundhati Roy
Der Gott der kleinen Dinge
btb, 2010, 576 S.

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