Monika Specht-Tomann: Ich bleibe bei dir bis zuletzt

Oktober 27, 2010

Diesen Sommer habe ich auf der Station, in der ich ab und an aushelfe, folgendes miterlebt. Eine Frau begleitete ihren schwerkranken Mann, der auf die Station überwiesen worden war. Der Mann wurde von der Frau zu Hause gepflegt und versorgt, im Krankenhaus sollte er ein wenig “aufgepäppelt”, der Allgemeinzustand verbessert werden, um die Lebensqualität noch einmal anzuheben. Nach der Aufnahme des Mannes sagte der diensthabende Arzt zur Frau: “Und sie bleiben jetzt auch mal ´ne Woche hier, sie sind ja ganz fertig!” … und schwupps! war auch die Ehefrau eingewiesen….

Das ist das Thema dieses Ratgebers von Specht-Tomann: Was muss ich beachten, auf was muss ich achten, daß die Pflege eines Angehörigen nicht zur Selbstaufopferung führt, die den Pflegenden selbst krank macht.

Eine gute, liebevolle Pflege durch einen Angehörigen zu Hause ist sicher ein Idealzustand. Aber Angehörige sind normalerweise keine ausgebildeten Pflegekräfte, sie wohnen meist im selben Haushalt oder Haus und sind daher oft 24 h am Tag im “Dienst”. Die Pflege ist nicht einfach, auch nicht immer der zu Pflegende, die Ansprüche an sich selbst sind hoch und so ist es kaum verwunderlich, daß der Pflegende mehr oder weniger schnell an seine Grenzen stößt, Grenzen, die ihm sein Körper oder auch seine Psyche aufzeigt. Die Grenzen mag man noch erkennen, das vielleicht größere Problem ist es sogar, sie zu akzeptieren und sich danach zu richten (“Eigentlich ist er/sie mir viel zu schwer für …. . Das Kreuz tut mir schon seit einiger Zeit weh. Und schlafen kann ich auch nicht mehr richtig, immer bin ich .. damit auch nicht überhöre, wenn er/sie ruft…”).

Hier gibt der Ratgeber, wie ich finde, sehr gute Hinweise, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Wichtig ist das Gespräch innerhalb der Familie, wer kann was und wie, wie stellt man es an, daß die Pflege nicht zum alles beherrschenden Themas wird und noch genügend normaler Lebensraum übrig bleibt. Auch das retrospektive Gespräch in der Familie “Wie ist was gelaufen, was habe ich erlebt” ist wichtig. Specht-Tomann gibt viele Beispiele aus der Praxis, an denen sie bestimmte Situation erläutert und Rat gibt, wie hier Abhilfe geschaffen werden kann. Es gibt Fragelisten, anhand derer man die eigene Situation analysieren kann, denn es ist wichtig, das eigene Handeln aktiv wahrzunehmen und nicht in einen Automatismus hineinzukommen, bei dem einfach so lange es eben geht, einfach gemacht wird.

Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch die Begleitung pflegebedürftiger Menschen. Was kann ich mit ihnen bereden, mir erzählen lassen von ihnen (Biographiearbeit ist hier ein solches Stichwort, die Auseindersetzung mit Sterben und Tod ein anderes). Ferner führt die Situation: ein einstig selbstständiger Mensch ist nun krank und von anderen abhängig auf der einen Seite und auf der anderen: die Belastung durch des Pflegenden durch die Pflege leicht zu emotionalen und psychischen Problemen. Dieser Abschnitt hat mich sehr interessiert und war sehr erhellend, da Specht-Tomann darlegt, daß es in diesen Situationen auf beiden Seiten zu einer Vielzahl von Verluste kommt, die alle mit entsprechenden Trauerprozessen verbunden sind. Auf Seiten der Pflegebedürftigen sind dies z.B. die Verluste an: Selbstständigkeit, Beweglichkeit, Mobilität, das Nachlassen von körperlichen und/oder geistigen Fähigkeiten, u.U. der Verlust der eigenen Wohnung mit allen Gegenständen, die man zurücklassen muss….. und vieles mehr. Der Pflegende dagegen leidet unter anderen Verlusten: es muss sich vom Angehörigen, so wie er ihn kannte, verabschieden und ihn als Pflegefall oder kranken Menschen akzeptieren, die Pflege bindet ihn, soziale Bindungen leiden darunter, daß man nicht mehr frei über seine Zeit verfügen kann, die früher großzügige Wohnung wird durch den Einzug des Verwandten eng, Unbekümmertheit und Fröhlichkeit schwinden durch die Sorgen.. auch hier liesse sich viel mehr aufzählen.

Wenn man all solches als Abschiede/Verluste mit der nachfolgenden Trauer erkennt und weiß, wie Trauerprozesse ablaufen (können), fällt es viel leichter, Situationen zu handhaben. Das Gegrummel beispielsweise ist dann garnicht persönlich gemeint, sondern “nur” allgemeiner Ausdruck von Zorn und Verzweifelung, manche Situation wird dadurch entschärft.

Zum Abschluss folgt dann das wichtige Kapitel über “den achtsamen Umgang mit sich selbst” über das Erkennen der eigenen Grenzen, das Einschätzen der eigenen Situation mit Tips und Hilfestellungen auch über Möglichkeiten, sich selbst was Gutes zu tun.

Facit: Wenn man in die Situation kommt, Angehörige pflegen zu müssen, sollte man sich aktiv mit diesem neuen neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen. Dieser Ratgeber bietet dazu einen sehr guten Einstieg.

Monika Specht-Tomann
Ich bleibe bei dir bis zuletzt
Hilfestellung für pflegende Angehörige
Kreuz-Verlag 2009, TB, 220 S.

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