Sila Sönmez: Das Ghetto-Sex-Tagebuch

22. Oktober 2010

Die türkischstammige Autorin Sönmez hat mit diesem “Ghetto-Sex-Tagebuch” ihren Erstling vorgelegt. Er ist in der Reihe “Erotische Literatur von Frauen: Anais” erschienen und suggeriert damit etwas, was er meiner Meinung nach nun wirklich nicht ist: ein erotischer Roman. Insofern liegt also ein kleiner Etikettenschwindel vor…. wieso lohnt es sich vielleicht trotzdem, das Buch zu lesen?

Ayla Atakol, die Hauptperson des Romans, ist eine 17jährige türkische Gymnasiastin, die in Köln in einer Plattenbausiedlung wohnt. Damit ist sie schon die Ausnahme, denn der normale Schulweg in ihrer türkisch dominierten Umgebung endet mit der Hauptschule und die nicht unbedingt mit einem Abschluss. So hängt das intelligente Mädchen kulturell zwischen zwei Welten und daß ihre Sexualität nicht nur erwacht ist, sondern auf Hochtouren läuft, macht es ihr auch nicht einfacher. Mit ihren Eltern hat sie viel Glück, zum einen ist es (wie schon erwähnt) nicht die Regel, Kinder, noch dazu ein Mädchen, auf weiterführende Schulen zu schicken, auch die Ausrutscher der lieben Kleinen (Ayla hat noch einen jüngeren Bruder), die mit Polizeibekanntschaft enden, werden von ihnen zwar hilflos, aber immerhin nicht mit elterlicher Gewalt aufgenommen.

Ayla ist in Therapie, zu dieser gehört die Aufgabe für sie, einen Monat lang Tagebuch zu führen. Hier schildert sie unverblümt und offen ihr Leben und da Sönmez selbst aus Köln stammt, kann man davon ausgehen, daß nicht unbedingt die Geschichte, aber das geschilderte Milieu authentisch ist. Eine Umgebung, aus der das Grün verschwunden ist, in der die Kinder den Eltern auf der Nase herumtanzen, weil diese nur türkisch und kaum deutsch können und ihnen ihre Kinder daher gottweißwas an Märchen und Ausreden auftischen können. Drogen spielen eine Rolle und selbstverständlich daher auch die damit verbundene (Klein)Kriminalität, das Macho-Gehabe der Jungen und Jungmänner und die allgemeine “was guckst du? willst du Fresse”-Mentalität dieser Gesellschaft. Im Grunde werden alle Vorurteile, die man über Parallelgesellschaften hat, beschrieben, bestätigt, aufgewärmt, angeführt – welcher Terminus jetzt auch immer passen mag.

In dieser Umgebung versucht Ayla, die selbst Opfer ist von Nadine, eines vollprolligen deutschen Mädchens, zurecht zu kommen. Die Schule klappt mehr aber meist weniger gut, obwohl sie genau weiß, daß sie nur über die Schule die Chance hat, rauszukommen aus dieser Umgebung. Sie schwärmt für Jungs, ist eifersüchtig auf ihre Mitschülerinnen, geht auf Parties, ganz normal eigentlich. Internet, Handy, Fernsehen.. alles ist vorhanden. Nur keine Orientierung:

“… Vielleicht hätte man mir wie ihr [der Mutter] mehr verbieten sollen,
dann wäre ich wenigstens normal geworden. Scheisse.”

Diese nicht vorhandenen Verbote, diese nicht gesetzten Grenzen muss sie sich (wie alle anderen ihrer Bekannten) selbst suchen. Gras, Alkohol und eben auch Sex. Alles im Übermass und nach dem Rausch tauchen dann die Selbstzweifel auf und die Fragen, die Ayla niemanden stellen kann und die niemand beantwortet…..

Das Buch ist sicher keine große Literatur, es liest sich aber gut. Es erzählte eine Geschichte, einen Monat im Leben einer jungen Türkin in Deutschland, die dabei ist, ihre Chance zu versieben. Man trifft beim Lesen nicht unbedingt auf tiefschürfendes Gedankengut, aber das spiegelt natürlich auch in gewisser Weise die ganze Szenerie wieder: es wird vom hier und jetzt und allenfalls noch morgen gelebt. Zukunft gibt es nicht, immer so weiter wie bisher, was man nicht hat, wird sich genommen. Warum Ayla letztlich in Therapie gekommen ist, wird nicht erzählt, der Monat und damit das Buch enden mit einer romantischen Jungmädchenliebesgeschichte, bei der Ayla zum ersten Mal nicht nur den Körper für rohen Sex zur Verfügung stellt, sondern auch ihr Herz fühlt.

“Sex sells”, daher setzt die Vermarktung des Buches voll auf diese Schiene, daß es sich bei der Autorin um eine Frau, eine türkischstammige zumal handelt, peppt noch zusätzlich auf. Natürlich, Ayla, die sich übers Internet vorzugsweise alte und häßliche Männer sucht (sie ist die ganzen Hochglanzschönmenschen, die man allenthalben präsentiert bekommt, leid), bei ihnen ihre teilweise devote Ader auslebt bis sie befriedigt ist und danach wieder nach Hause fährt (ohne Bezahlung, da sie in ihrem Verständnis die Männer für ihre Bedürfnisse ausnutzt), hat den Wunsch nach diesen rohen Sex, bildet ihn sich zumindest ein. Aber im Kontext des Buches ist der Sex kein Selbstzweck, er kommt eben im Leben dieses Mädchens so vor, weil Ayla meint, sie bräuchte ihn so und nicht anders. Er wird (nicht einmal besonders ausgeschmückt) beschrieben. Meist kommt dann nach dem Kommen die Reue bei Ayla, das Erwachen, die Zweifel.. manchmal sogar so etwas wie Ekel vor sich selbst und der Versuch, sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Was sie aber nicht hindert, zum nächsten Frustabbau wieder ins Internet auf Pirsch zu gehen ….

Facit: geht man davon aus, daß Sönmez weiß, wovon sie schreibt, ist dieses Buch als Momentaufnahme vom Erwachsenwerden in der vielzitierten “Parallelgesellschaft” lesenswert. Und hie und da findet man dann doch durchaus bedenkenswerte Sätze…..

Sila Sönmez
Das Ghetto-Sex-Tagebuch
Anais (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf), 2010, 224 S.

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2 Antworten auf “Sila Sönmez: Das Ghetto-Sex-Tagebuch”


  1. Der Titel ist in der Tat etwas irreführend; deswegen habe ich das Buch, als es mir online mal begegnete, auch überhaupt nicht beachtet. Aber jetzt werde ich mich mal auf die Suche nach einer Leseprobe begeben ;)

    • flattersatz Says:

      Na, da bist du bestimmt eine Minderheit, die sich durch den Titel abschrecken ließ, aber es ist in der Tat kein besonders feuchtes Gebiet, auf das man sich als Leser begibt. Ob es trocken, warm und erhellend ist… vllt hilft dir ja die Leseprobe, dies zu beurteilen.
      lg
      fs


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