Fred Wander: Der siebente Brunnen
Oktober 30, 2010
Es starben an diesem Morgen Bertrand Lederer aus Charlesroi
und Abram Larbaud aus Montpellier,
es starb Efraim Bunzel aus Prag und
Samuel Wechsberg aus Łódź,
wer noch in den Waggons vor und hinter uns starb an diesem Morgen
erfuhren wir nicht.
Die Zahl der im 3. Reich ermordeten Juden wird allgemein mit ca. 6 Millionen angegeben, eine Aufstellung nach Ländern kann man sich hier anschauen. Aber in einem gewissen Sinn ist es auch egal, wie groß die Zahl nun „wirklich“ ist, sie ist ungeheuerlich groß, so groß, daß man sich darunter nichts vorstellen kann. Fünf Millionen wäre immer noch unvollstellbar viel, kaum weniger ungeheuerlich so wie sieben Millionen Ermordete kaum ungeheuerlicher werden. Wir können uns das einfach nicht vorstellen.
Vorstellen können wir uns aber den Einzelnen, den mit einem Gesicht, einem Namen. Wir können uns vorstellen, hinter so einem Menschen im Geschäft an der Kasse zu warten, neben ihm im Bus zu stehen, in der gleichen Reihe im Kino zu sitzen oder im Restaurant. Der Verlust, der Tod des Einzelnen, so wenig seine Zahl gegen die aller an Mächtigkeit zu haben scheint, berührt uns, rührt uns gar zu Tränen. Um die ganze Geschichte der Shoah zu erzählen, müsste man allen Toten ein Gesicht geben, jedem Toten seine Geschichte, sein Buch – zumindest aber ein Kapitel in einem Buch. Dann hätten wir eine Ahnung von dem, was damals passiert ist.

Wander bezeichnet sein Buch als Roman, für mich ist er aber eher eine Aneinandereihung von Episoden, Miniaturen, kleinen Erzählungen von Menschen, Ereignissen und Umständen, die der Autor, der sich selbst zurückzieht auf die Beobachterposition, uns schildert. In diesem Aufbau hat es mich ein wenig an die Atemschaukel von Müller erinnert, die das Lagerleben in diesem Roman ja auch anhand von typischen Szenen beschreibt.
Durch fünf Lager ist Wander gegangen, Lager, die die den Nazis willfährige französische Kollaboration betrieb, er war in Auschwitz und als letztes Lager in Buchenwald. Er hat es überlebt, aber wieviele hat er sterben sehen, wieviele hat er um eine Stunde Leben kämpfen sehen, wie viele Schüsse gehört, Blut gesehen, wieviel Schmerz gefühlt. Manchmal scheint es, als ob ihm der Tod, das Verrecken im Lager ganz am Ende eine transzendente Komponente enthüllt:
„Ein seltsames Leuchten liegt plötzlich über dem Gesicht, und du erkennst selbst den Freund nicht mehr. So viel Ernst, Sammlung und Würde hast du nie in ihm gesehen. Wie konnte er es verbergen? Aber dann begreifst du: Das Gesicht des Menschen ist Jahrtausende alt. Die wenigen Jahres seines eigenen Lebens sind abgefallen, alles Ungereimte und Schwache. Zurück bleibt das Gesicht der Väter und Mütter. Der Ausdruck einer großen Mühe, Mensch zu sein.“
Gesichter sind Wander wichtig, er liest in ihnen, er sucht in ihnen den Menschen, der vor ihm steht. Einigen von ihnen hat er Kapitel gewidmet, dem Geschichtenerzähler Teichmann zum Beispiel oder Pechmann, dem wiederholten Versuch Gottes, einen guten Menschen zu schaffen. Tadeusz Moll ist ein junger, verzogen aufgewachsener Kerl, der in Auschwitz die Leichen aus den „Dusch“räumen holte und in die Öfen warf. Er selbst überlebte dieses Lager, Wander ist sich sicher, daß Moll Schutzengel hat. Doch Buchenwald überlebt er nicht. Fast schutzlos muss er Tage in der Kälte stehen bevor er gehängt wird. Und was hat er in diesem Lager verbrochen? Geschlafen und den Appell versäumt, im Nazi-System ist das ein Fluchtversuch.
Auch bei Wander tobt, wie später dann auch bei Müller, der Hungerengel. Er ist der stetige Begleiter im Wachen und im Schlaf, der Hunger und der Kampf um das wenige Brot, es zu bekommen und es zu behalten. Verschiedene Methoden gibt es: den Sofortverzehr: sicher ist sicher. Das Aufheben mit dem Risiko, das es gestohlen wird, aber man kann länger von zehren… altes, knochenhartes Brot. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Es wird zum Zentrum des Lebens so wie das Bedürfnis nach Schlaf, die Erschöpfung, die den Häftlingen nie von der Seite weicht….
Die thüringischen Wälder, gedüngt mit der Asche der Verbrannten….
Bilder, Erinnerungen, Assoziationen, Versuche, das was geschieht, geschehen ist, zu verstehen. Die deutschen Soldaten, junge, schöne Menschen oft, aber Stiefelträger. Juden sind keine Menschen, es ist nichts dabei, auf sie zu schiessen. Die Capos in den Lagern hetzen und treiben, geniessen ihre Priviligien und sind dann, wenn sie selbst in eine neues Lager kommen, die ersten, die dran ermordet werden.
Wander setzt in seinem Erinnern auch dem untergegangen Judentum ein Denkmal. Er beschreibt den Geruch der alten jüdischen Viertel, der in den Lagern weht, er hält das Leben dort fest in den „Gäßl voll Verrücktheiten, Leiden und winziger Freuden“ und warnt uns, uns nicht an den Äußerlichkeiten zu stoßen. An der Oberfläche ist das Meer immer rau, in die Tiefe sollen wir sehen, in der die jüdischen Menschen fleißig sind, still und bescheiden.
Fred Wanders Roman „Der siebente Brunnen“ ist das dritte der drei Bücher, die ich mir bei meinem Besuch vom Sommer in Buchenwald mitgenommen hatte. Und so sind die Abschnitte über Buchenwald ganz anders für mich als die, die in den anderen Lagern spielen. Ich bin die Blutstraße gefahren auf den Ettersberg, habe auf dem Appellplatz gestanden, die Baracken gesehen, die Zellen…. Die Bilder fangen im Kopf an zu leben….
Facit: ein kleines, sehr eindringliches Buch eines genauen Beobachters.
Hier die zwei übrigen Bücher meines Blogs, die sich mit Buchenwald befassen:
Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen
Jorge Semprun: Die große Reise
Fred Wander
Der siebente Brunnen
mit einem Nachwort von Ruth Klüger
dtv, 2006, 176 S.
Mario Vargas Llosa: Ein Nobelpreisträger in meinem Regal….
Oktober 30, 2010
Monika Specht-Tomann: Ich bleibe bei dir bis zuletzt
Oktober 27, 2010

Diesen Sommer habe ich auf der Station, in der ich ab und an aushelfe, folgendes miterlebt. Eine Frau begleitete ihren schwerkranken Mann, der auf die Station überwiesen worden war. Der Mann wurde von der Frau zu Hause gepflegt und versorgt, im Krankenhaus sollte er ein wenig „aufgepäppelt“, der Allgemeinzustand verbessert werden, um die Lebensqualität noch einmal anzuheben. Nach der Aufnahme des Mannes sagte der diensthabende Arzt zur Frau: „Und sie bleiben jetzt auch mal ´ne Woche hier, sie sind ja ganz fertig!“ … und schwupps! war auch die Ehefrau eingewiesen….
Das ist das Thema dieses Ratgebers von Specht-Tomann: Was muss ich beachten, auf was muss ich achten, daß die Pflege eines Angehörigen nicht zur Selbstaufopferung führt, die den Pflegenden selbst krank macht.
Eine gute, liebevolle Pflege durch einen Angehörigen zu Hause ist sicher ein Idealzustand. Aber Angehörige sind normalerweise keine ausgebildeten Pflegekräfte, sie wohnen meist im selben Haushalt oder Haus und sind daher oft 24 h am Tag im „Dienst“. Die Pflege ist nicht einfach, auch nicht immer der zu Pflegende, die Ansprüche an sich selbst sind hoch und so ist es kaum verwunderlich, daß der Pflegende mehr oder weniger schnell an seine Grenzen stößt, Grenzen, die ihm sein Körper oder auch seine Psyche aufzeigt. Die Grenzen mag man noch erkennen, das vielleicht größere Problem ist es sogar, sie zu akzeptieren und sich danach zu richten („Eigentlich ist er/sie mir viel zu schwer für …. . Das Kreuz tut mir schon seit einiger Zeit weh. Und schlafen kann ich auch nicht mehr richtig, immer bin ich .. damit auch nicht überhöre, wenn er/sie ruft…“).
Hier gibt der Ratgeber, wie ich finde, sehr gute Hinweise, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Wichtig ist das Gespräch innerhalb der Familie, wer kann was und wie, wie stellt man es an, daß die Pflege nicht zum alles beherrschenden Themas wird und noch genügend normaler Lebensraum übrig bleibt. Auch das retrospektive Gespräch in der Familie „Wie ist was gelaufen, was habe ich erlebt“ ist wichtig. Specht-Tomann gibt viele Beispiele aus der Praxis, an denen sie bestimmte Situation erläutert und Rat gibt, wie hier Abhilfe geschaffen werden kann. Es gibt Fragelisten, anhand derer man die eigene Situation analysieren kann, denn es ist wichtig, das eigene Handeln aktiv wahrzunehmen und nicht in einen Automatismus hineinzukommen, bei dem einfach so lange es eben geht, einfach gemacht wird.
Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch die Begleitung pflegebedürftiger Menschen. Was kann ich mit ihnen bereden, mir erzählen lassen von ihnen (Biographiearbeit ist hier ein solches Stichwort, die Auseindersetzung mit Sterben und Tod ein anderes). Ferner führt die Situation: ein einstig selbstständiger Mensch ist nun krank und von anderen abhängig auf der einen Seite und auf der anderen: die Belastung durch des Pflegenden durch die Pflege leicht zu emotionalen und psychischen Problemen. Dieser Abschnitt hat mich sehr interessiert und war sehr erhellend, da Specht-Tomann darlegt, daß es in diesen Situationen auf beiden Seiten zu einer Vielzahl von Verluste kommt, die alle mit entsprechenden Trauerprozessen verbunden sind. Auf Seiten der Pflegebedürftigen sind dies z.B. die Verluste an: Selbstständigkeit, Beweglichkeit, Mobilität, das Nachlassen von körperlichen und/oder geistigen Fähigkeiten, u.U. der Verlust der eigenen Wohnung mit allen Gegenständen, die man zurücklassen muss….. und vieles mehr. Der Pflegende dagegen leidet unter anderen Verlusten: es muss sich vom Angehörigen, so wie er ihn kannte, verabschieden und ihn als Pflegefall oder kranken Menschen akzeptieren, die Pflege bindet ihn, soziale Bindungen leiden darunter, daß man nicht mehr frei über seine Zeit verfügen kann, die früher großzügige Wohnung wird durch den Einzug des Verwandten eng, Unbekümmertheit und Fröhlichkeit schwinden durch die Sorgen.. auch hier liesse sich viel mehr aufzählen.
Wenn man all solches als Abschiede/Verluste mit der nachfolgenden Trauer erkennt und weiß, wie Trauerprozesse ablaufen (können), fällt es viel leichter, Situationen zu handhaben. Das Gegrummel beispielsweise ist dann garnicht persönlich gemeint, sondern „nur“ allgemeiner Ausdruck von Zorn und Verzweifelung, manche Situation wird dadurch entschärft.
Zum Abschluss folgt dann das wichtige Kapitel über „den achtsamen Umgang mit sich selbst“ über das Erkennen der eigenen Grenzen, das Einschätzen der eigenen Situation mit Tips und Hilfestellungen auch über Möglichkeiten, sich selbst was Gutes zu tun.
Facit: Wenn man in die Situation kommt, Angehörige pflegen zu müssen, sollte man sich aktiv mit diesem neuen neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen. Dieser Ratgeber bietet dazu einen sehr guten Einstieg.
Monika Specht-Tomann
Ich bleibe bei dir bis zuletzt
Hilfestellung für pflegende Angehörige
Kreuz-Verlag 2009, TB, 220 S.
Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke
Oktober 24, 2010

Neulich, ich war eingeladen, suchte ich ein kleines Mitbringsel. Und wie durch ein Wunder fand ich mich in meiner Buchhandlung wieder, suchend vor den Regalen, hie und da ein Büchlein herausnehmend und anlesend. Was ich denn suche, etwas bestimmtes? so die Frage meiner Buchhändlerin des Vertrauens. Ich sagte es ihr, sie ging in den hinteren Teil ihres Ladens und kam mit zwei Büchern zurück, wie es denn mit denen wäre? Nun ja, ich habe die zwei Bücher letztlich nicht verschenkt, da ich selbst etwas gefunden hatte in der Zwischenzeit, aber .. ach, was solls, habe ich die kleinen Fastgeschenke eben für mich selbst mitgenommen. Und bei einem davon handelt es sich um diese kleine, aber feine Hausapotheke, ein „Nachschlagewerk zur Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens“, nämlich Gedichte für den Hausbedarf des Lesers, den die „trostlose Einsamkeit des möblierten Zimmers quälen“ mag oder die „naßkalten, nebelgrauen Herbstabende“?
Und seitdem liegt dieser Band mit Kästnerscher Lyrik an einem vielbegangenen Ort im Haus (nein, ich meine den Flur). Ich nehm ihn oft, wenn ich vorbeikomme einfach in die Hand und les eines der Gedichte, bei denen man oft schmunzeln muss (der typisch Kästnersche Humor eben), und wo dann das Schmunzeln irgendwann im Hals stecken bleibt, weil auf einmal der Hintersinn, das zwischen den Zeilen stehende durchschimmert und sich im Bewusstsein breit macht.
Es ist eine seltsame Apotheke, die in ihrem Inhaltsverzeichnis die Gedichte nach der gefällten Diagnose empfiehlt. Oft aber versuchen sie, den Teufel mit dem Beelzbub auszutreiben, einsame Gedichte wenn man sich einsam fühlt, traurige, wenn man traurig ist. Aber sie helfen, das Gefühl, das einen vielleicht einfach nur einengt, die Luft nimmt, den Atem blockiert und das Herz zusammendrückt, in Worte zu fassen und damit handhabbar zu machen.
Kästners Gedichte können Tränen freisetzen, die bis zum Lesen blockiert waren, sie können unmittelbar in die eigene Gefühlswelt treffen und das anrühren, was versteckt ist. Aus der Wanduhr tropft die Zeit…… aus einem wunderbaren Gedicht, auch wenn es so unsagbar traurig ist… hier in verschiedenen Versionen auf youtube (Meine Lieblingsinterpretation ist leider aus copyright Gründen vom Netz geflogen… schade, sehr schade…).
Facit: Also, lange Rede kurzer Sinn: ein wunderschönes Büchlein, auch jetzt noch, nach über 70 Jahren. Zum Verschenken völlig ungeeignet, weil man es letztlich selber behalten will. Es sei denn, man kauft gleich zwei Exemplare.
Erich Kästner
Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke
dtv,
Erstausgabe 1936
Sila Sönmez: Das Ghetto-Sex-Tagebuch
Oktober 22, 2010

Die türkischstammige Autorin Sönmez hat mit diesem „Ghetto-Sex-Tagebuch“ ihren Erstling vorgelegt. Er ist in der Reihe „Erotische Literatur von Frauen: Anais“ erschienen und suggeriert damit etwas, was er meiner Meinung nach nun wirklich nicht ist: ein erotischer Roman. Insofern liegt also ein kleiner Etikettenschwindel vor…. wieso lohnt es sich vielleicht trotzdem, das Buch zu lesen?
Ayla Atakol, die Hauptperson des Romans, ist eine 17jährige türkische Gymnasiastin, die in Köln in einer Plattenbausiedlung wohnt. Damit ist sie schon die Ausnahme, denn der normale Schulweg in ihrer türkisch dominierten Umgebung endet mit der Hauptschule und die nicht unbedingt mit einem Abschluss. So hängt das intelligente Mädchen kulturell zwischen zwei Welten und daß ihre Sexualität nicht nur erwacht ist, sondern auf Hochtouren läuft, macht es ihr auch nicht einfacher. Mit ihren Eltern hat sie viel Glück, zum einen ist es (wie schon erwähnt) nicht die Regel, Kinder, noch dazu ein Mädchen, auf weiterführende Schulen zu schicken, auch die Ausrutscher der lieben Kleinen (Ayla hat noch einen jüngeren Bruder), die mit Polizeibekanntschaft enden, werden von ihnen zwar hilflos, aber immerhin nicht mit elterlicher Gewalt aufgenommen.
Ayla ist in Therapie, zu dieser gehört die Aufgabe für sie, einen Monat lang Tagebuch zu führen. Hier schildert sie unverblümt und offen ihr Leben und da Sönmez selbst aus Köln stammt, kann man davon ausgehen, daß nicht unbedingt die Geschichte, aber das geschilderte Milieu authentisch ist. Eine Umgebung, aus der das Grün verschwunden ist, in der die Kinder den Eltern auf der Nase herumtanzen, weil diese nur türkisch und kaum deutsch können und ihnen ihre Kinder daher gottweißwas an Märchen und Ausreden auftischen können. Drogen spielen eine Rolle und selbstverständlich daher auch die damit verbundene (Klein)Kriminalität, das Macho-Gehabe der Jungen und Jungmänner und die allgemeine „was guckst du? willst du Fresse“-Mentalität dieser Gesellschaft. Im Grunde werden alle Vorurteile, die man über Parallelgesellschaften hat, beschrieben, bestätigt, aufgewärmt, angeführt – welcher Terminus jetzt auch immer passen mag.
In dieser Umgebung versucht Ayla, die selbst Opfer ist von Nadine, eines vollprolligen deutschen Mädchens, zurecht zu kommen. Die Schule klappt mehr aber meist weniger gut, obwohl sie genau weiß, daß sie nur über die Schule die Chance hat, rauszukommen aus dieser Umgebung. Sie schwärmt für Jungs, ist eifersüchtig auf ihre Mitschülerinnen, geht auf Parties, ganz normal eigentlich. Internet, Handy, Fernsehen.. alles ist vorhanden. Nur keine Orientierung:
„… Vielleicht hätte man mir wie ihr [der Mutter] mehr verbieten sollen,
dann wäre ich wenigstens normal geworden. Scheisse.“
Diese nicht vorhandenen Verbote, diese nicht gesetzten Grenzen muss sie sich (wie alle anderen ihrer Bekannten) selbst suchen. Gras, Alkohol und eben auch Sex. Alles im Übermass und nach dem Rausch tauchen dann die Selbstzweifel auf und die Fragen, die Ayla niemanden stellen kann und die niemand beantwortet…..
Das Buch ist sicher keine große Literatur, es liest sich aber gut. Es erzählte eine Geschichte, einen Monat im Leben einer jungen Türkin in Deutschland, die dabei ist, ihre Chance zu versieben. Man trifft beim Lesen nicht unbedingt auf tiefschürfendes Gedankengut, aber das spiegelt natürlich auch in gewisser Weise die ganze Szenerie wieder: es wird vom hier und jetzt und allenfalls noch morgen gelebt. Zukunft gibt es nicht, immer so weiter wie bisher, was man nicht hat, wird sich genommen. Warum Ayla letztlich in Therapie gekommen ist, wird nicht erzählt, der Monat und damit das Buch enden mit einer romantischen Jungmädchenliebesgeschichte, bei der Ayla zum ersten Mal nicht nur den Körper für rohen Sex zur Verfügung stellt, sondern auch ihr Herz fühlt.
„Sex sells“, daher setzt die Vermarktung des Buches voll auf diese Schiene, daß es sich bei der Autorin um eine Frau, eine türkischstammige zumal handelt, peppt noch zusätzlich auf. Natürlich, Ayla, die sich übers Internet vorzugsweise alte und häßliche Männer sucht (sie ist die ganzen Hochglanzschönmenschen, die man allenthalben präsentiert bekommt, leid), bei ihnen ihre teilweise devote Ader auslebt bis sie befriedigt ist und danach wieder nach Hause fährt (ohne Bezahlung, da sie in ihrem Verständnis die Männer für ihre Bedürfnisse ausnutzt), hat den Wunsch nach diesen rohen Sex, bildet ihn sich zumindest ein. Aber im Kontext des Buches ist der Sex kein Selbstzweck, er kommt eben im Leben dieses Mädchens so vor, weil Ayla meint, sie bräuchte ihn so und nicht anders. Er wird (nicht einmal besonders ausgeschmückt) beschrieben. Meist kommt dann nach dem Kommen die Reue bei Ayla, das Erwachen, die Zweifel.. manchmal sogar so etwas wie Ekel vor sich selbst und der Versuch, sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Was sie aber nicht hindert, zum nächsten Frustabbau wieder ins Internet auf Pirsch zu gehen ….
Facit: geht man davon aus, daß Sönmez weiß, wovon sie schreibt, ist dieses Buch als Momentaufnahme vom Erwachsenwerden in der vielzitierten „Parallelgesellschaft“ lesenswert. Und hie und da findet man dann doch durchaus bedenkenswerte Sätze…..
Sila Sönmez
Das Ghetto-Sex-Tagebuch
Anais (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf), 2010, 224 S.
Anne B. Ragde: Das Lügenhaus
Oktober 20, 2010

Dieser Roman spielt auf einem völlig heruntergekommenen Bauernhof in der Nähe von Trondheim, der drittgrößten Stadt Norwegens. Auf dem Hof leben die Altbäuerin Anna und ihr Mann, den sie aber eher wie ein zu fütterndes und ungeliebtes Haustier hält. Ferner ist da noch der Mittfünfziger Tor, der mit Liebe und Leidenschaft seine Schweinehaltung betreibt [1]. Das Miteinander der drei im Haus, das Sozialleben ähnelt dem äußeren Zustand des Hofes: zerrüttet, kaputt, zum Weglaufen. Als zum Beispiel Tors Mutter eines Morgens nicht in der Küche ist und für Frühstück sorgt, bemerkt Tor das zwar als er aus dem Stall ins Haus kommt, aber bis er tatsächlich mal nach der Mutter schaut, vergeht eine lange Zeit.
Radge stellt uns in den ersten Kapiteln die Angehörigen dieser seltsamen Familie vor. Da ist der ältere Bruder von Tor, Margido, der ein Bestattungsunternehmen betreibt. Er hat gerade den Auftrag zur Bestattung eines Jungen bekommen, der sich offensichtlich aus Liebeskummer erhängt hat [2]. Margido geht in seinem Beruf auf, mit den Eltern hat er gebrochen, er hat den Hof im Streit verlassen. Da er keinen Kontakt zur Weiblichkeit hat oder jemals hatte, kann er sich voll und ganz seinem Geschäft widmen.
Der dritte Bruder Erlend ist der jüngste. Er ist ein „Männermann“, auch er hat den Hof vor Jahren im Streit verlassen. Mit seinem Freund lebt er in einer glücklichen Beziehung in Kopenhagen, an Geld mangelt es den beiden nicht und auch nicht an Lebensfreude und gegenseitiger Liebe.
Als letzte stellt uns Radge Torunn vor. Mit einer beispielhaften Effizienz (so erfahren wir im späteren Verlauf des Romans) hatte es Tor vor 37 Jahren fertig gebracht, bei seinem einzigen engen Kontakt, den er jemals mit einer Frau hatte, ein Kind zu zeugen, eben diese Torunn. Cissi, Torunns Mutter, wurde damals von dieser vom Hof geekelt, Torunn selbst hat ihren Vater nur einmal getroffen.
Diese Personen werden uns von Radge in jeweils einem typischen Kontext vorgestellt. Margido wie schon erwähnt, bei seinem Auftrag, den jungen Selbstmörder zu bestatten, Tor, wie er sich im Stall bei seinen Schweinen wohlfühlt und wie sehr er mit der Mutter verbunden ist und er in gleicher Intensität den Vater hasst. Erlend und Krumme, sein Freund, dagegen sind ganz darin vertieft, die anstehenden Weihnachtsfeiern zu planen und zu gestalten, ein Höhepunkt ihres Jahres.
In diese Idylle platzt die Nachricht, daß die Mutter einen Schlaganfall gehabt hat, denn irgendwann ist es Tor dann doch aufgefallen, daß etwas nicht stimmt. Wohl spätestens, als er sie in ihren Exkrementen [3] vor sich liegen sah… Die Mutter wird ins Krankenhaus gebracht und die Brüder, die untereinander auch keinen Kontakt haben, sehen sich gezwungen, dann doch alle an ihr Krankenbett zu eilen. Ebenso wie Torunn, die auch informiert wird.
Torunn findet einen leisen Zugang zu Tor, da sie seine Leidenschaft für die Schweine verstehen kann. Auch sie ist von den Tieren begeistert, aber der Dreck und die Verwahrlosung auf dem Hof stoßen sie ab. Erlend, ihrem Onkel, der bis dato noch nichts von ihrer Existenz wusste und mit dem sie sich auch auf Anhieb gut versteht, geht es ähnlich. Und so fangen die beiden an, in einer Art Selbsterhaltungstrieb und reinem Mitleid mit Tor, einzukaufen, den allergröbsten Dreck wegzuräumen und später dann auch richtig sauber zu machen. Tors Welt bekommt dadurch einen Riss, er empfindet es als ungehörig, was die beiden machen, ihm und seiner Mutter war es doch immer gut genug. Aber langsam gewöhnt er sich dann doch an die neue Reinlichkeit. Nur mit Erlend kann er nichts anfangen, besonders als dann der von Sorge getriebene Krumme auch noch auftaucht und unter seinem Dach dann diese beiden Schwulen es treiben…. [5]
Die Mutter stirbt dann doch recht plötzlich. Alle beschließen, über Weihnachten auf dem Hof zu bleiben. Einfach, aber schön, wird die jetzt grundgereinigte Wohnung für das Fest hergerichtet, sogar der Vater, dessen Gebiss beim Saubermachen wieder gefunden worden war, wird rasiert und vorzeigbar hergerichtet. Und beim Essen und nach einigen einleitenden Schnäpschen platzt dann die „Bombe“ in die Runde der Familie…. aber das verrate ich jetzt nicht….
Radge hat mit ihrer Familiengeschichte einen sehr schön zu lesenden, aber auch traurig stimmenden Roman vorgelegt. Diese emotionale Kälte, die dort durchschimmert [4], macht einem Angst, alles ist farblos und dunkel, wie mit einer Decke zugedeckt und erstickt. Radge konzentriert sich ganz auf die Brüder und ihr Verhältnis zu den Eltern bzw. untereinander. Kaum etwas dagegen schildert sie von der Mutter oder dem Vater, diese beiden bleiben praktisch als Personen völlig im Hintergrund mit groben Strichen nur gezeichnet. Erst ganz zum Schluss kann man sich zurechtreimen, was in dieser Familie geschehen ist, damit es zu dieser Situation kommen konnte. Es hätte mich sehr interessiert zu erfahren, wie es passiert ist, daß aus dieser lustvollen Anna, mit der das Buch eröffnet und geschlossen wird, eine solch verbitterte und böse Frau werden konnte….
Anmerkungen
[1] Ob die Übersetzung „Schweinezucht“ im Buch richtig ist, bezweifel ich, der Beschreibung nach würde ich den Betrieb eher als Schweinemastbetrieb ansehen. Schließlich werden die Schweine ja geschlachtet und nicht zur Mast oder zur Zucht verkauft.
[2] Seltsame Trauerriten, dort in Norwegen. Der Schmerz der Frauen wird durch Tabletten ruhig gestellt (bzw. besser: nach hinten geschoben), während es als unmännlich angesehen wird, wenn diese Pillen nehmen würden. Natürlich dürfen Männer auch nicht weinen und arbeiten sollen sie in der Trauer auch nicht, das übernehmen die Nachbarn. Da sind die Frauen jetzt besser dran, Haus- und Küchenarbeiten lenken sie ein wenig ab….
[3] ich finde die Verwendung dieses doch recht neutralen Wortes in einen Kontext, wie er hier beschrieben wird, in dem ganzen Dreck und Chaos, irgendwie witzig, als müsste was kaschiert werden. Es gäbe wohl passendere Ausdrücke….
[4] eine Kundenrezension bei amazon hat festgestellt: „typisch norwegisch“. Dann will ich da aber nicht hin!
[5] Eigentlich ein schönes Bild dafür, daß es manchmal den Blick von draußen, die „Fremden“ braucht, um die eigenen Grenzen mal wieder zu sehen und sie zu überwinden, um mal wieder was Neues, Schönes zustande zu bringen…..
Facit: ein schöner, trauriger Roman über eine zerstörte Familie
Anne B. Ragde
Das Lügenhaus
btb 2009, 336 S.
Judith End: „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“
Oktober 18, 2010

Es ist kein Tag so streng und heiß,
Des sich der Abend nicht erbarmt,
Und den nicht gütig, lind und leis
Die mütterliche Nacht umarmt. (Hesse)
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Bei der 25jährigen Studentin Judith End, alleinerziehend mit der 4jährigen Tochter Paula zusammenlebend, wird ein Knoten in der Brust festgestellt. Es wird versucht, den bösartigen Tumor zu entfernen, letztlich bleibt aber nur die Brustamputation mit anschließender Chemo- und Strahlentherapie. End beschreibt in diesem biogaphischen Buch ihre Krankengeschichte, die um so beeindruckender ist, da sie parallel zu allem auch noch ihr Studium abschließt.
Was in meinem einleitenden Absatz so nüchtern klingt, ist im richtigen Leben der Judith End natürlich eine unfassbare Tragödie. Noch kaum ins Leben gestartet, frisch verliebt, lebenslustig und -hungrig wird ihr eine Diagnose gestellt, die die gesamte Lebensplanung umwirft. Ihr Mammakarzinom ist zudem noch hormonabhängig, so daß bei ihr, der jungen Frau, die Wechseljahre künstlich eingeleitet werden müssen.
Die ersten Seiten, Abschnitte des Buches von End sind ein einziger Aufschrei, eine einzige Woge des Nichtverstehens, der Ablehnung, der Angst und der Wut. Warum ausgerechnet sie, die 25jährige, die keine Statistik für diese Erkrankung vorsieht, warum? Warum ist ihr Brustkrebs nicht schon früher diagnostiziert worden, untersucht worden ist sie ja. Durfte nicht sein, was statistisch nich sein konnte? Und was soll jetzt werden????
Innerhalb von praktisch Sekunden hat dieser Feind im eigenen Körper, haben diese entarteten Zellen, hat der Krebs, das Kommando über ihr Leben übernommen. Judith End verliert in diesen Sekunden erst einmal alles, sie wird vom Subjekt „Judith End“ zum Objekt „Patient“. Sie wird Objekt der Ärzte, sie muss sich ausziehen, präsentieren, wird vermessen, betastet, berührt, ihr werden Nadeln in das Fleisch gestochen, Schmerz zugefügt. All das ist notwendig, sicherlich, und doch hat sie das Gefühl, ihre Würde zu verlieren. Wie dankbar ist sie, als sie ein Pfleger einfach nur leise berührt und sie anlächelt, sie für Sekunden als Mensch wahrnimmt.
Judith Ends Leben ist eine Ansammlung von Verlusten geworden: ihre Zukunft steht in Frage, ihre Selbstbestimmtheit, das Selbstwertgefühl schwindet, nichts ist mehr sicher, „wahrscheinlich“, „vielleicht“ und „möglicherweise“ übernehmen die Beschreibung dessen, was kommen kann. Sie fühlt sich verlassen, ausgerechnet der Mann, in den sie sich noch kurz vorher zu verlieben traute, schweigt und läßt sie im Stich. Und sie hat ihr Frausein verloren, kann keine Mutter mehr sein, die Kinder, die sie sich noch wünschte, sterben mit dieser Krankheit. Welcher Mann will so eine Frau noch? Symbol für all diese Verluste ist der buchstäbliche Verlust ihrer Haare, die wunderschön gewesen sein müssen. Glatze zu sein, überall aufzufallen, nackt zu sein, sich verstecken zu müssen vor den komischen Blicken der anderen, in diesem Fakt bündeln sich alles, was der Krebs ihr antut.
Sie läßt die Therapie über sich ergehen, fügt sich klaglos in alle Operationen, die notwendig erscheinen. Freunde helfen ihr, versuchen es, die Eltern, Bekannte, Nachbarn, ihre kleine Schwester. Vieles ist auch Hilfe, vor allem im praktischen Bereich, aber die Verlegenheit, die Angst vor falschen Worten bleibt spürbar, das verkrampfte Lächeln, das Niederschlagen der Augen und das Wegsehen. Erst sehr spät wird beim Psychologen das mit dem Krebs so unmittelbare verbundene Wort „Tod“ angesprochen und ebenso „Was wird, wenn ich sterbe?“. Endlich. Und noch eins definiert der Psychologe: er macht Judith klar, was jetzt im Moment ihr Aufgabe ist und – noch wichtiger – was nicht ihre Aufgabe ist, denn im Bestreben, ihr Leben auch jetzt noch zu meistern, reibt sie sich auf, überfordert sie sich und sieht ihr Grenzen nicht (spüren tut sie sie schon….).
End beschreibt ihren Leidensweg, den sie nicht allein, sondern mit vielen anderen Krebsfrauen durchmacht. Hier, in diesem Kreis, hat jeder ein ähnliches Schicksal und so ist es nicht verwunderlich, daß sich eine ganz eigene Verbundenheit unter den Frauen entwickelt. Die Chemotherapie führt Judith an die Grenze dessen, was ihr Körper vertragen kann, danach kommen noch die Bestrahlungen. Zwischenzeitlich, wenn es mal ein wenig besser geht, versucht sie, sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten, manchmal ist ihr Hunger auf das Leben, das Judith End ante geführt hat, so groß, daß sie es nicht aushält und wider alle Vernunft ausgeht, tanzen geht, sich austobt und sich lebendig fühlt.
Und Paula? Wie verkraftet ein 4jähriges Mädchen, wenn ihre Mutter (den Vater kennt es nicht) so krank wird, daß sie über lange Perioden nicht für sie zur Verfügung steht? Eigentlich garnicht und das wird erst sehr spät erkannt. Es ist eine der für mich anrührendsten Szenen im Buch gewesen, als Paula beim Psychologen ihre Familie zeichnen sollte und zwar jede Person als ein Tier. Puhhh…. Für Judith war Paula natürlich sehr wichtig, sie, die Mutter, hat viel Kraft aus Paula geschöpft. Wahrscheinlich im wortwörtlichen Sinne, denn ein kleines Mädchen ist mit so einer Aufgabe einfach überfordert. Natürlich hat Paula so gut sie es eben konnte, versucht, ihrer Mutter, der es so schlecht geht, zu helfen. Und hat dabei die eigenen Probleme lange verdecken können. Beim Psychologen werden sie offensichtlich und dann später im Kindergarten, Paula fängt auch wieder an, ins Bett zu machen. Was ein Dilemma! Bedingt auch durch das Unvermögen der Erwachsenen, Judith emotionale Halt zu geben, so daß die Mutter nur die Tochter hatte, um sich gefühlsmäßig über Wasser zu halten…..
„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ ist ein beschreibendes Buch, es schildert eine Leidens- und Krankengeschichte, aber es reflektiert wenig. Erst im zweiten Teil des Buches gibt es solche Abschnitte, in denen End auch darauf eingeht, was die Krankheit für sie bedeutet, was sich für sie an Einstellungen verändert hat, welche Sachen wichtig geworden sind und welche es nicht mehr sind. Es ist ein gewisser Reifungsprozess erkennbar, insbesondere nachdem Frauen aus ihrem Bekanntenkreis letztlich an Krebs gestorben sind und ihr klar wird, wie zufällig es ist, wen es trifft…..
Judith End besteht ihre Prüfungen sehr gut, auch ihr Krebs scheint besiegt zu sein [vgl. Interview]. Ich wünsche ihr und Paula alles Gute!
Facit: auch wenn mich das Buch durch seinen eher deskriptiven Charakter „emotional“ nicht so gepackt hat wie andere Krankengeschichten, halte ich es auf jeden Fall für sehr lesenswert!
Links:
- Homepage des Krebsinformationsdienstes
- Interview mit Frau End bei einem großen online-Buchhändler…. und
- weitere Interview bei umblättern und Ada Mitsou
Judith End
„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“
Droemer/Knaur 2010, 297 S.
Anselm Grün: Ich bleibe an deiner Seite
Oktober 14, 2010

Sobald ein Mensch zum Leben kommt,
ist er alt genug zum Sterben. [1]
Ich habe am Wochenende dieses Büchlein (es ist ja nicht sehr umfangreich) von Bruder Anselm Grün gefunden und natürlich auch gleich mitgenommen, denn für die Allgemeinheit geschriebene Werks zum Themenbereich „Tod und Sterben“ sind aus Theologenfeder nicht so häufig bzw. unterscheiden sich vom Inhalt her nur wenig von „Ratgebern“ anderer Fachrichtungen.
Ein vom Umfang her kleines Büchlein zu einem Thema, das mich interessiert – und doch habe ich mich schwer getan, es zu lesen. Vieles ging mir darin „gegen den Strich“.
Fang ich sachlich an und beschreibe erst einmal, welche Themenkreise Grün behandelt:
- Sterben als lebenslangen Prozess im Sinne des obigen Mottos aus dem „Ackermann“ [1]
- Sterben als spiritueller Weg
- Stationen des Sterbens
- Sterbegegleitung
- Rituale des Abschieds und der Begleitung
- Sterbehilfe
- die Auseinandersetzung mit dem Sterben als Lebenshilfe
- die Worte Jesu am Kreuz als Einweisung in ein gutes Sterben
- Trauer und Trauerbegleitung
- dto bei Kindern
Das ist schon ein ganz erheblicher Themenumfang für nicht mal 160 Seiten mit dem Anspruch, Menschen zu ermutigen, sterbende Angehörige zu begleiten.
Was hat mich an dem Buch gestört? Ich will nur ein paar Punkte herausgreifen:
Gleich am Anfang spricht er von den „Vorboten des Sterbens“ und führt als Beispiele an: die Pensionierung („.. die für manche eine Art Tod bedeutet: ….“), „…Für andere ist es eine Art Sterben, wenn sie ihre Arbeit verlieren. ..“ [s.13]
Das geht mir doch etwas zu weit. Natürlich sind das alles Verluste und wie jeder Verlust bedingen diese Ereignisse auch einen Trauerprozess, wie immer er sich auch gestalten mag. Aber Tod bzw. Sterben? Jeder Tod ist natürlich auch ein (extremer) Verlust, aber deswegen ist ja noch nicht jeder Verlust auch ein Tod…. „… Jeder Abschied ist letztlich ein Sterben. …“ stimmt eben so (Grüns Beispiele: Kinder gehen aus dem Haus und heiraten, man zieht wg. des Berufs in eine andere Stadt) nicht, Abschiede können auch Erlösungen sein… Hier hätte ich mir eine klarere Begrifflichkeit gewünscht.
Vom christlichen Verständnis her ist der Tod nur für die Körperlichkeit etwas endgültiges, der Mensch, seine Seele, wird ja in Gott wiedergeboren. Damit verliert der Tod seinen Schrecken und das Sterben wird zu einer Art im irdischen ablaufenden Läuterung und Reifung des Menschen: „..Wir dürfen vertrauen, dass im Sterben all das nachgeholt wird an innerer Reife, was wir unser Leben lang übersprungen haben. ..“ [S. 31] bzw. „.. das Sterben als Weg zu letzten Reifung des Menschen. ..“ [S. 33]. Sterben als „… spirituelle Öffnung…“ [S. 42], als „.. Ganzwerdung..“ [S. 43] bzw. als „.. Vollendung des Lebens…“ [S. 45]. Dies so zu anzunehm mag dem Gläubigen Kraft und Hoffnung geben, aber in der Allgemeinheit, in der Grün redet (er differenziert ja nicht, sondern benennt immer nur „den Sterbenden“ ohne einschränkendes oder näher bestimmendes Adjektiv) wage ich zu bezweifeln, daß diese Ausführungen in der Praxis sehr hilfreich sind.
Es ist schon seltsam, ein Buch über das „Sterben“ zu lesen, ohne daß dort im Abschnitt „Stationen des Sterbens“ der Name Kübler-Ross auftaucht. Überhaupt ist die von Grün verwendete Literatur, die er in seinem Verzeichnis anführt, sehr einseitig, es sind neben theologischer Fachliteratur im wesentlichen drei kleine, schon etwas ältere Bücher von Renz [4], Tausch-Flammer [5] sowie ein von Mettner [6] herausgegebene Zusammenfassung von Aufsätzen zum Thema (anzumerken ist, daß sowohl Renz als auch Mettner neben ihrer Fachwissenschaft auch Theologen sind). Modernere oder weltlicher orientierte Literatur wird nicht angegeben, ebensowenig wie Basiswerke wie eben das von Kübler-Ross [7]. Sowie wirkt das Kapitel aufgrund der häufigen Zitate wie ein Exzerpt des Renz´schen Buches.
Die Grün´schen Ausführungen zur Sterbehilfe haben mir dann wirklich zu schaffen gemacht:
„Passive Sterbehilfe besteht darin, dass man dem natürlichen Prozess des Sterbens seinen Lauf läßt, ihn aber dadurch unterstützt, dass man die Schmerzen lindert“ [S. 71]
„In Holland wurde die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt. … Untersuchungen … haben ergeben, dass oft von den Angehörigen Druck auf die Sterbenden ausgeübt wird, sie sollten doch aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. … Man will die hohen Pflegekosten nicht bezahlen.“ [S. 72] Natürlich (?) führt Grün keinerlei Quelle oder Nachweis für diese Behauptung auf, Erfahrungen, daß aktive Sterbehilfe, wo sie gesetzlich möglich ist, keineswegs verantwortungslos und exzessiv in Anspruch genommen wird [8], erwähnt er natürlich (?) nicht.
„Wenn die Leidenden ausgerottet werden.“ [S. 73]
„Statt aktiver Sterbehilfe ist es unsere Aufgabe, die Sterbenden zu begleiten und in der Begleitung ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihr Leiden und über ihren Sterbeprozess zu sprechen.“ [S. 78]
„Die aktive Sterbehilfe… das Sterben muss möglichst schnell vonstattengehen, damit er [i.e. der Sterbende] sich ihm nicht stellen muss.“ [S.79]
Genug der Zitate. Mag sich jeder seinen Teil dazu denken.
Mir reicht es jetzt auch an Text zu diesem Buch, das den Tod und das u.U. schmerzvolle Sterben als erdgewordenes Purgatorium ansieht, über das man in das Licht Gottes eingeht. Die abschließenden Kapitel über Trauer und Trauerbegleitung sind im selben Tenor gehalten und bieten wenig praktische Hilfe, es sei denn, diese grundlegenden Gedanken selbst sind schon Hilfe. Was ich mir aber bei der Mehrzahl von Menschen kaum vorstellen kann.
Facit: Als Facit greife ich einfach auf eine in seinen Schlussgedanken wiedergegebene Formulierung von Grün in Bezug auf Tauerseminar, die er regelmäßig abhält, zurück: „Ich merke, dass da meine gelernte Theologie nicht weiterhilft.“ Eben. Dieses Büchlein auch nicht.
Links:
[1] aus: J. von Tepl: Der Ackermann
[2] Kurzportraits von Pater Anselm Grün in der FAZ
[3] Monika Renz: Was ist gutes Sterben? NZZ, 28.03.2008
[4] Monika Renz: Zeugnisse Sterbender, 2001
[5] Tausch-Flammer: Sterbenden nahe sein, 1993
[6] Matthias Mettner: Menschwürdiges Sterben, 2001
[7] Kübler-Ross wird dann aber im Kapitel über Sterbebegleitung erwähnt mit ihren „…vier Phasen des Sterbens..“ (kein Schreibfehler, es steht tatsächlich „vier“ da). vgl: Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[8] siehe Ridder oder bei Wanzer/Glenmullen
Anselm Grün
Ich bleibe an deiner Seite
Sterbende begleiten, intensiver leben
Vier-Türme-Verlag 2010, ca. 156 S.
Brigitte Blobel: Stark wie ein Löwe
Oktober 6, 2010

Die heutige Geschichte hat noch einmal das Thema „Afrika“ aufgegriffen, das wir ja schon letztes Mal mit dem wunderschönen Buch von Sellier/Lesage behandelt haben. Sie handelt von Chaka, einem Jungen, der weit weg von zu Hause auf die Schule geht und nur übers Wochenende wieder nach Hause kommt. Der Weg von der Stelle, wo ihn der Bus rausläßt zu seinem Heimatdorf ist weit… er geht den alten Fussweg durch den Busch und trifft dort auf einen alten, bösen Elefantenbullen. Die Geschichte erzählt nun, wie er Angst hat, sich ganz vorsichtig verhält und wie er dann auch aus der Gefahr gerettet wird. Es ist eine spannende Geschichte und da die Kinder mittlerweile schon ein wenig über Afrika wissen, haben sie sich auch gut verstanden. Manche Begriffe haben ich während des Lesens automatisch geändert, so z.B. aus einer Lodge ein Hotel gemacht, aber ich denke, das ist ok, wenn die Kinder da nicht durch unbekannte Worte das Verständnis verlieren. Jedenfalls haben die Kinder viel Spaß gehabt und waren auch die ganze Zeit konzentriert am Zuhören. Am meisten imponierte ihnen, wie der wütende Elefant gegen den Baum gerannt ist, auf den sich Chaka, der Junge, geflüchtet hat und daß dieser Baum nicht umgefallen war…
Ich glaube, in der grafischen Umsetzung kommt die Dramatik der Ereignisse gut rüber…. *gg* (hier gibt es übrigens noch mehr Bilder von meinen Hörern….)
Entnommen habe ich die Erzählung dem jährlich von der „Stiftung Lesen“ herausgegebenen Bändchen „Ich schenk dir eine Geschichte“
Bei dieser Gelegenheit habe ich mir auch – sozusagen zur Illustration – auch mal wieder den wunderschönen Bildband „Ngorongoro“ von Künkel aus dem Regal genommen. Der Band enthält wirklich fantastische Tierbilder aus Afrika, einige Elefantenbilder habe ich den Kindern gezeigt, ein „Ahhh…“ und „Ohhhh….“ ging durch die Runde. Ich habe irgendwann mal die erste Ausgabe dieses Buches erstanden und eben nicht schlecht gestaunt, daß die im antiquarischen Buchhandel 138 euronen kostet (zumindest bei diesem einen Anbieter..). Das war wohl eine gute Geldanlage damals *lach* …

Das Buch ist aber auch in neuerer Auflage noch im Buchhandel erhältlich.
Facit: es macht einfach Spaß!
Brigitte Blobel
Stark wie ein Löwe
aus: Ich schenk dir eine Geschichte 2007
Bertelsmann, 128 S.
Reinhard Künkel
Ngorongoro
ca 314 S.
Eshkol Nevo: Wir haben noch das ganze Leben
Oktober 5, 2010

Wir treffen Entscheidungen und werden dann zu
Sklaven unserer eigenen Entscheidungen.
Und je mehr wir
uns anstrengen, sie zu verwirklichen,
desto weniger fällt uns auf,
daß sie in der Zwischenzeit irrelevant geworden sind.
Vier junge Männer in Tel Aviv, die die Fussballweltmeisterschaft 1998 schauen: Orfi, Juval, Amichai und Churchill. Die vier sind seit Schulzeiten eine eingeschworene Gemeinschaft und ihre Clique ist für jeden der Mittelpunkt ihrer Welt. Amichai ist der mit den skurrilen Ideen, die ihm Churchill, die Leitfigur des Quartetts meist schnell wieder ausredet. Aber diese Idee nicht: „Was ich mir gedacht habe, ist, daß jeder auf einem Zettel notiert, wovon er träumt, wo er in vier Jahren sein will.„. So schreiben die vier jungen Männer ihre Wünsche auf ihre Zettel und geben sie Amichai, der als einziger eine Familie hat, zur Aufbewahrung.
Der israelische Autor Nevo läßt nun im folgenden Juval Fried, den stillsten der vier, den philosophischsten, die Geschichte dieser Männer in den nächsten Jahren erzählen. Erst ganz zum Schluss gibt er die Auflösung, warum die Geschichte erzählt wird, obwohl gleich zum Beginn des Buches klar ist, daß dem Erzähler etwas passiert sein muss.
Die Geschichte von vier Männern in Israel wird uns erzählt. Obwohl der politisch/militärische Konflikt nur am Rande erwähnt wird, wird doch klar, daß er unterschwellig auch in den Menschen am Brodeln ist, egal, ob es sich um traumatische Erlebnisse aus der Militärzeit handelt oder um die Erfahrungen, die das tägliche Leben in der Intifada mit sich bringt. Gerade die Beiläufigkeit, mit der Nevo diesen Konflikt nur ab und an erwähnt, zeigt, wie sehr er zum Alltagsleben der Menschen dort gehört. (Bezeichnenderweise ist es im Verlauf der Geschichte dann auch gerade die Dänin Maria und keiner der Israelis, die sich politisch engagieren.)
Es ist ein Roman um den Wert der Freundschaft, um die Schwierigkeit, seinen Platz im Leben zu finden und seine Aufgabe, es ist ein Roman, der zeigt, wie man zerbrechen kann, wenn man sich auf nur ein Ziel so konzentriert, daß man sich durch dieses Ziel definiert. So ist Juval Fried, der Erzähler, auch die zentrale Person des Romans. Seine drei Wünsche kreisen alle um Jaara, die von ihm vergötterte Frau, die ihm alles im Leben ist. Bald aber bleibt ihm nur noch ihr roter Socken mit dem gelben Rand und die Hoffnung, daß sie Churchill, seinen Freund, der sie ihm ausspannte, wieder für ihn verlassen wird. Die Freundschaft mit Churchill leidet darunter, aber sie zerbricht nicht, es dauert eine Zeit, bis beide Männer wieder miteinander umgehen können, aber sie brechen ihren Kontakt nicht ab. Vielleicht aber auch bleibt diese Freundschaft auch bestehen, weil Juval nur so mit Jaara in Verbindung bleiben kann?
„Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der so viel über seine Freunde redet, der Frauen, mit denen er ausgeht, ihre Fotoalben zeigt und in der Wohnung gerahmte Fotos von ihnen aufhängt anstatt Bilder.
Wenn ich deine Trainerin wäre, würde ich sagen, du bist der klassische
Fall des Zug-auf-dem-Nebengleis-Paradigamas.
Zug auf dem Nebengleis?
Wenn dein Zug im Bahnhof steht und der Zug auf dem Nebengleis
sich in Bewegung setzt,hast du den Eindruck, dein Zug fährt los.
Aber er bewegt sich in Wahrheit garnicht.
Das Ganze ist nur eine optische Täuschung.
Was genau versuchst du mir zu sagen?
Nichts. Nur wenn ich deine Trainerin wäre, würde ich sagen,
daß du das Leben deiner Freunde lebst anstatt dein eigenes.“
Während sich Juval also nach der Katastrophe seinem Traum hingibt und sein eigenes Leben vergisst, trifft dies für seine Freunde nicht zu. Auch diese erleben ihre eigenen Brüche beruflicher und privater Art, aber sie schaffen es, dies positiv zu nutzen, ihre Ziele umzudefinieren, ihr Leben neu zu gestalten. Sie werden erwachsen, eigenverantwortlich und selbstständig. Auch für sie bleibt Freundschaft sehr wichtig, auch für sie ist gibt es Lebenskatastrophen, aber trotzdem schaffen sie es, sich ihr Leben aus sich selbst heraus zu gestalten, indem sie es an den neuen Gegebenheiten orientieren. Sie lassen zu, daß das Leben ein Prozess ist, der im stetigen Fluss befindlich von einer Minute auf die andere Art alles ändern kann und das Ziele, die heute wichtig sind, morgen irrelevant sein können. Und während Juval an seinem Ziel festhält, auch als es schon längst ein Trugbild geworden ist (was er eines Tages bitter erfahren muss) und so scheitert, reifen die anderen drei an ihrem Leben.
Es ist ein traurig stimmendes, melancholisches, wehmütiges Buch über das Schicksal und die Art, damit umzugehen. Wer ist man selbst, ein Juval, der die Augen zumacht und sich das Leben zusammenwünscht oder ein Orfi, der das Leben entdeckt und in seinen Möglichkeiten annimmt? Scheitert man am Leben, wurstelt man sich durch oder gestaltet man es und nutzt die Möglichkeiten? Solche Gedanken mögen einem beim Lesen der Geschichte kommen…. Es sind sympathische Figuren, die Nevo auftreten läßt, bei all ihren Fehlern, die sie (besonders Churchill) haben, es sind Menschen, die in tiefer Freundschaft miteinander verbunden sind und während Liebe vergehen kann, bleibt diese Freundschaft bestehen….
Facit: ein schönes, tiefsinniges Buch über das Leben, die Freundschaft und die Liebe.
P.S.: das die eingangs erwähnten Wünsche nicht, zumindest so nicht, in Erfüllung gehen, muss man wohl nicht extra erwähnen….
Links:
Interview mit Nevo in der ZEIT
Videorezension von lettratv
Videorezension von mayersche.de
Eshkol Nevo
Wir haben noch das ganze Leben
dtv, 2010, 440 S.
Kurzlink zum Beitrag: http://wp.me/paXPe-20j









